Im Gespräch zwischen Dr.med. Ursula Davatz und Prof. Dr.med. Luc Ciompi wird der Begriff „Vulnerabilität“ nicht explizit definiert, jedoch durchdringt er den gesamten Diskurs und lässt sich anhand verschiedener Themenschwerpunkte erschließen.
Vulnerabilität als „Terrain“ für psychische Störungen:
- ADHS/ADS als Vulnerabilitäts-Terrain: Besonders deutlich wird der Vulnerabilitätsbegriff im Zusammenhang mit ADHS/ADS. Dr. Davatz und Prof. Dr. Ciompi sehen ADHS/ADS als ein „gemeinsames Vulnerabilitäts-Terrain“ an, das die Entstehung verschiedener psychischer Störungen begünstigen kann. Wichtig ist dabei die Betonung, dass ADHS/ADS nicht per se zu einer psychischen Erkrankung führen muss. Vielmehr ist es die Wechselwirkung zwischen der genetischen Veranlagung und den Umweltfaktoren, die darüber entscheidet, ob sich eine psychische Störung entwickelt oder nicht.
- „Passung“ als entscheidender Faktor: Dr. Davatz verwendet den Begriff der „Passung“, um die Interaktion zwischen dem Kind und seiner Umwelt zu beschreiben. Eine „gute Passung“ zwischen dem Temperament des Kindes und den Erziehungsmethoden kann dazu führen, dass sich das Kind gut entwickelt, auch wenn es in der Schule vielleicht Schwierigkeiten hat. Eine „schlechte Passung“ hingegen, beispielsweise durch übermäßig strenge Erziehung, kann die Entstehung von psychischen Störungen begünstigen.
- Folgeerkrankungen vs. Komorbidität: Dr. Davatz kritisiert den schulmedizinischen Begriff der „Komorbidität“, der impliziert, dass ADHS/ADS und die jeweilige psychische Störung nebeneinander bestehen, ohne kausalen Zusammenhang. Sie spricht stattdessen von „Folgekrankheiten“, um zu verdeutlichen, dass die psychischen Störungen als Folge eines ungünstigen Umgangs mit ADHS/ADS entstehen können.
Vulnerabilität im Kontext der Familie:
- Familie als System: Dr. Davatz‘ systemischer Ansatz betrachtet die Familie als ein komplexes, dynamisches System, in dem alle Mitglieder miteinander verbunden sind. Jedes Mitglied, insbesondere Kinder, ist in diesem System potenziell vulnerabel, d.h. anfällig für negative Einflüsse.
- Dysfunktionale Beziehungsmuster: Dysfunktionale Beziehungsmuster, wie beispielsweise die „Pseudomutuality“ (Pseudoeinigkeit) oder der „Double Bind“, können die Vulnerabilität der Kinder erhöhen. In solchen Familien lernen Kinder nicht, mit Konflikten umzugehen und ihre Bedürfnisse adäquat zu kommunizieren, was ihre psychische Gesundheit beeinträchtigen kann.
- Schuldzuweisung und Verantwortung: Dr. Davatz betont, dass es in der Familientherapie nicht um Schuldzuweisungen geht. Stattdessen geht es darum, die gemeinsame Verantwortung aller Familienmitglieder für die Entstehung und Bewältigung von Problemen zu erkennen.
Vulnerabilität im schulischen Kontext:
- Schulsystem und Homogenität: Dr. Davatz kritisiert die Tendenz des Schulsystems, Homogenität zu fördern und Andersartigkeit auszugrenzen. Sie plädiert für ein heterogenes Schulsystem, das die Diversität der Kinder als Ressource anerkennt und fördert.
- „Teasing“ als missverstandenes Verhalten: Dr. Davatz beschreibt „Teasing“ (Necken) als ein spielerisches Provokations- und Kontaktverhalten, das bei ADHS/ADS-Kindern oft missverstanden und bestraft wird. Dies kann die Kinder verunsichern und ihre soziale Integration erschweren.
Vulnerabilität als allgemeines menschliches Merkmal:
Obwohl das Gespräch sich primär auf psychische Störungen fokussiert, deutet Dr. Davatz‘ systemischer Ansatz darauf hin, dass sie Vulnerabilität als ein allgemeines menschliches Merkmal betrachtet. Jeder Mensch ist in bestimmten Lebensphasen oder Situationen anfälliger für negative Einflüsse. Die Art und Weise, wie wir mit diesen Einflüssen umgehen, wird durch unsere genetische Veranlagung, unsere familiären Erfahrungen und unsere Umwelt geprägt.
Fazit:
Das Gespräch zwischen Dr.med. Ursula Davatz und Prof. Dr.med. Luc Ciompi verdeutlicht, dass Vulnerabilität ein zentrales Konzept im systemischen Denken ist. Es geht nicht darum, Menschen in Schubladen zu stecken und zu etikettieren, sondern die komplexen Wechselwirkungen zwischen Individuum und Umwelt zu verstehen. Nur so können wir geeignete Unterstützungssysteme schaffen, die die Resilienz der Menschen stärken und ihnen helfen, mit ihren individuellen Vulnerabilitäten umzugehen.
