Basierend auf den vorliegenden Quellen, insbesondere den Ausführungen von Dr. med. Ursula Davatz, lässt sich festhalten, dass die Eltern-Kind-Beziehung massgeblich durch den Erziehungsstil beeinflusst wird und diese Einflüsse, insbesondere die auf die Emotionsregulation, bis ins Erwachsenenalter reichen können. Bei ADHS/ADS-Kindern sind diese Auswirkungen oft besonders prägnant, da sie spezifische Herausforderungen in der Impuls- und Emotionskontrolle mit sich bringen.
Die Quellen beleuchten verschiedene Aspekte der Eltern-Kind-Beziehung:
- Der Einfluss von Erziehungsstilen auf die Beziehung und das Kind:
- Bestrafung und Belohnung (Konditionierung), auch wenn in der Schule verbreitet, funktionieren bei ADHS/ADS-Kindern nicht und schädigen deren Selbstwert und Selbstwirksamkeit. Eine Bestrafung des emotionalen Ausrastens oder mangelnder Impulskontrolle behindert die Persönlichkeitsentwicklung und kann zu Rückzug (eher bei Mädchen/Frauen) oder Delinquenz (eher bei Knaben/Männern) führen.
- Erziehung durch Angst machen, Beschämung (insbesondere vor anderen) und Drohen mit eigenem Leiden (Appell an Schuldgefühle/Empathie) sind ebenfalls schädliche, emotionale Erziehungsstile. Beschämung führt zu Aversions- und Ausweichverhalten, was in Lernsituationen kontraproduktiv ist. Drohen mit Leiden kann bei Mädchen zu übermässiger Anpassung, Unterdrückung eigener Gefühle und Behinderung der Persönlichkeitsentwicklung führen. Knaben reagieren eher mit Ausweichen oder Übersprungverhalten. Diese Stile bewirken oft eine starke Emotionskontrolle im Sinne von Unterdrückung und Anpassung.
- Bestrafung ohne die Verarbeitung des emotionalen Erlebnisses verhindert das Erlernen echter Emotionskontrolle. Wenn emotionale Erlebnisse nicht prozessiert werden können, können sie sich im Körper manifestieren und psychosomatische Krankheiten verursachen.
- Umgang mit emotionalen Ausbrüchen:
- Bei emotionalen Ausbrüchen von ADHS/ADS-Kindern (die oft aus einem starken Gerechtigkeitssinn entstehen) darf der Ausbruch nicht bestraft werden, da dies eine natürliche Reaktion ist.
- Stattdessen muss zuerst herausgefunden werden, was das Kind verletzt oder geärgert hat.
- Das Kind muss seine Emotionen äussern dürfen.
- Erst wenn der Ausbruch validiert wurde und sich das Kind verstanden fühlt, kann man über sozialkompatible Alternativen sprechen und diese einüben.
- Wahre Emotionskontrolle wird nur erreicht, indem das Kind in seinem Ausbruch verstanden und validiert wird.
- Erziehung durch Prinzipien und Regeln vs. Gehorsam:
- Ein intellektueller Stil über klare, altersgerechte und sichtbare Regeln ist sinnvoll.
- Regeln sollten nicht starr sein; Ausnahmen müssen diskutiert werden, um Flexibilität zu lehren.
- Das Ziel ist die Internalisierung der Regeln und der Erwerb von Selbstorganisation und Sozialkompetenz.
- Eltern sollten an Regeln erinnern, anstatt ständig Befehle zu geben, da letzteres Gehorsam lehrt, aber nicht Selbstständigkeit.
- ADHS/ADS-Kinder folgen nicht gerne; sie müssen intrinsisch motiviert sein. Es geht darum, sich durchzusetzen („Ich will, dass dies in meinem Haushalt so gemacht wird“), nicht Gehorsam zu verlangen.
- Dieser Stil erfordert Klarheit und Geduld. Es funktioniert nicht „auf Knopfdruck“.
- Die Rolle und Herausforderungen der Eltern in der Beziehung:
- Viele Eltern von ADHS/ADS-Kindern haben selbst ADHS/ADS, dysfunktionale Emotionsregulationsstrategien oder psychische Probleme wie Depressionen. Dies kann zu Verunsicherung und Verwirrung im Umgang mit dem Kind führen.
- Eltern müssen zuerst lernen, sich selbst zu regulieren („low arousal“, „Sauerstoffmaske anziehen“). Erziehung im Zustand hoher Erregung („High Arousal“) funktioniert nicht.
- Eltern müssen ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und sich von den Erziehungsstilen ihrer Herkunftsfamilie differenzieren.
- Unterschiedliche Erziehungsstile zwischen den Eltern müssen klar deklariert oder Zuständigkeiten geregelt werden, um dem Kind Orientierung zu geben.
- Überbehütung aus Angst (oft durch negative Vorahnungen der Eltern getrieben, die sich als selbsterfüllende Prophezeiung erweisen können) schadet dem Kind, macht es unselbstständig und verhindert Kompetenzerwerb. Eltern sollten dem Kind Raum lassen, Dinge selbst zu lernen.
- Eltern müssen lernen, ihre Kinder sorgfältig zu beobachten, ohne sofort zu handeln oder zu korrigieren. Übererziehung und ständiges Stören behindern die natürliche Entwicklung und Explorationsfreude des Kindes.
- Weniger ist oft mehr; Eltern sollten sich auf wenige wichtige Dinge konzentrieren.
- Die Stärkung der elterlichen Selbstwahrnehmung, Sicherheit und des Vertrauens in die eigenen Beobachtungen ist zentral. Dies hilft ihnen, ihre „Position“ zu finden, die auch für Verhandlungen mit Teenagern nötig ist.
- Bei Teenagern verschiebt sich der Fokus von „Erziehung“ auf Beziehungspflege und Verhandlung. Beide Seiten (Eltern und Teenager) müssen gesehen werden. Es geht um Auseinandersetzung, nicht um Gehorsam.
- Es ist nie zu spät, positive Veränderungen in der Eltern-Kind-Beziehung einzuführen; der Mensch ist entwicklungsfähig.
Zusammenfassend erfordert eine unterstützende Eltern-Kind-Beziehung, insbesondere mit ADHS/ADS-Kindern, einen bewussten, geduldigen und an das Kind angepassten Ansatz. Dies bedeutet, emotionale Ausbrüche zu validieren statt zu bestrafen, klare Prinzipien und Regeln zu vermitteln ohne starren Gehorsam zu fordern, die eigene elterliche Regulation in den Vordergrund zu stellen und dem Kind Vertrauen entgegenzubringen und Raum für Eigenständigkeit zu geben. Es ist entscheidend, dass Eltern ihre eigene Unsicherheit überwinden, ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und lernen, ihr Kind ohne ständige Korrektur aufmerksam zu beobachten, um dessen Wesen zu verstehen.
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/05/Erziehungsstil-Emotionskontrolle_19.5.2025.m4a.pdf
