Dr. Ursula Davatz erläutert in ihrem Vortrag, dass die narzisstische Persönlichkeitsstörung ihren Ursprung in einer gestörten Identitätsfindung hat. Diese Störung wurzelt oft in der Kindheit und Jugend, wo die Betroffenen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigt wurden.
Zwei Hauptfaktoren spielen dabei eine entscheidende Rolle:
1. Angeborene Sensibilität: Menschen, die von Geburt an sehr sensibel und feinfühlig sind, werden leichter verletzt als andere. Diese erhöhte Verletzlichkeit macht sie anfälliger für die Entwicklung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, wenn ihr Umfeld nicht entsprechend darauf eingeht.
2. Mangelnde oder übermässige Anerkennung in der Kindheit: Kinder benötigen Anerkennung und Akzeptanz für eine gesunde Entwicklung. Fehlt diese Bestätigung durch die Eltern oder das Umfeld, kann das Kind ein unsicheres Selbstbild entwickeln und ein übermässiges Bedürfnis nach Anerkennung ausbilden. Umgekehrt kann auch eine übermässige Verwöhnung problematisch sein, da die Kinder dann nicht lernen, mit Frustrationen und Kritik umzugehen.
Davatz beschreibt zwei extreme Szenarien, die zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung führen können:
- Mangelnde Anerkennung: Ständige Kritik, das Gefühl, nie gut genug zu sein, und die Verweigerung von Wertschätzung verletzen das Kind in seiner Entwicklung und lassen ein tiefes Bedürfnis nach Anerkennung entstehen.
- Übermässige Anerkennung: Überverwöhnte Kinder, die stets gelobt und bewundert wurden, werden unvorbereitet in die Welt entlassen und sind überfordert, wenn sie nicht mehr ständig im Mittelpunkt stehen und Anerkennung einfordern müssen.
Die Folge dieser gestörten Entwicklung: Die Betroffenen entwickeln eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, die sich in folgenden Verhaltensweisen äussert:
- Starker Selbstbezug: Narzisstische Personen stellen ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle in den Mittelpunkt.
- Überempfindlichkeit: Sie reagieren auf Kritik und Zurückweisung mit Aggression, Rückzug oder Beziehungsabbrüchen.
- Mangelnde Kritiktoleranz: Sie haben Schwierigkeiten, andere Meinungen zu akzeptieren und reagieren auf Widerspruch mit Kränkung.
- Bedürfnis nach übermässiger Anerkennung: Sie benötigen ständig Bestätigung und Bewunderung, um ihr fragiles Selbstwertgefühl zu stabilisieren.
- Anspruchshaltung: Sie haben das Gefühl, dass ihnen die Anerkennung, die sie in der Kindheit vermisst haben, noch zusteht, und fordern diese von ihrem Umfeld ein.
Dr.med. Ursula Davatz betont, dass narzisstische Persönlichkeiten im Grunde sehr bedürftige Menschen sind, die unter ihrer Störung leiden und ihr Umfeld oft stark belasten. Sie bleiben in ihrer kindlichen Erwartungshaltung gefangen und suchen ständig nach der Anerkennung und Liebe, die sie in ihrer Entwicklung vermisst haben.
https://ganglion.ch/pdf/Narzissmus%20und%20Persoenlichkeitsfindung%20Wendepunkt_15.6.2023.pdf
