Dr.med. Ursula Davatz argumentiert, dass das Erziehungssystem und die Gesellschaft eine grosse Rolle bei der Pathologisierung von ADHS/ADS spielen. Sie betont, dass ADHS/ADS keine Krankheit ist, sondern eine Neurodiversität, ein Neurotyp, der sich zu einem Persönlichkeitstyp entwickeln kann. Das Problem liegt darin, dass unser Schulsystem und die Pädagogische Hochschule nicht ausreichend darauf vorbereitet sind, mit ADHS/ADS umzugehen. Lehrerinnen und Lehrern wird nicht beigebracht, wie sie mit ADHS/ADSlern umgehen sollen. Dieses Unverständnis und die fehlende Anpassung an die Bedürfnisse von ADHS/ADSlern führen dazu, dass sie oft missverstanden und pathologisiert werden.
Weitere Faktoren, die zur Pathologisierung beitragen:
- Der Fokus auf Defizite: Die breite Aufmerksamkeit von ADHS/ADSlern wird oft als Aufmerksamkeitsstörung interpretiert, anstatt als Stärke und Sucherinstinkt gesehen zu werden.
- Rigide Strukturen: Ein zu enger Erziehungsmodus kann ADHS/ADSlern die Energie nehmen und die Entwicklung einer Krankheit begünstigen.
- Der Druck, „normal“ zu sein: Die Gesellschaft erwartet oft, dass sich ADHS/ADSler anpassen und ihre Bedürfnisse unterdrücken.
- Die Überbetonung von „Vorwärtskommen“: Der Druck von Institutionen wie der IV und dem RAV, dass ADHS/ADSler wieder arbeiten oder eine Lehre machen müssen, kann kontraproduktiv sein.
Die Folgen der Pathologisierung:
- Entwicklung von Folgekrankheiten: 80-90% der ADHS/ADSler haben eine zusätzliche psychiatrische Diagnose, die Dr. Davatz als Folgeerkrankungen eines ungeschickt erzogenen ADHS/ADS Kindes bezeichnet.
- Verlust des Selbstwertgefühls: Wenn ADHS/ADSler ständig kritisiert und nicht akzeptiert werden, kann dies zu einem negativen Selbstbild führen.
- Einschränkung des Potenzials: ADHS/ADSler haben viele Stärken, die durch die Pathologisierung nicht zur Entfaltung kommen können.
Dr. Davatz plädiert für einen wohlwollenden, akzeptierenden Umgang mit ADHS/ADS. Sie betont die Bedeutung der intrinsischen Motivation und dass ADHS/ADSler ihren eigenen Fokus finden müssen. Anstatt zu versuchen, sie in eine bestimmte Richtung zu drängen, sollten wir ihnen helfen, ihre Stärken zu entdecken und zu entwickeln.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Pathologisierung von ADHS/ADS ein komplexes Problem ist, das auf verschiedene Faktoren zurückzuführen ist. Ein wichtiger Schritt zur Lösung dieses Problems ist ein besseres Verständnis von ADHS/ADS und die Anpassung des Erziehungssystems und der Gesellschaft an die Bedürfnisse von ADHS/ADSlern.
https://ganglion.ch/pdf/Hilfesuchende_ADHS_1.10.2024.m4a.pdf
