ADHS ist keine Krankheit

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Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

22.5.2026
ADHS ist keine Krankheit
Audio

[00:00:01.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich danke ganz herzlich für die Einladung.

[00:00:11.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Kurz etwas zu meiner Person: Ich habe mich seit über 40 Jahren mit ADHS beschäftigt.

[00:00:19.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ursprünglich habe ich ADHS und Schizophrenie miteinander verbunden und das auch
genauer untersucht.

[00:00:29.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt in letzter Zeit aber sehe ich ADHS und viele andere psychiatrische Krankheiten.

[00:00:36.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein Herzensanliegen ist, diese Krankheiten zu verhindern, also Prävention.

[00:00:42.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn ich sage, ADHS ist keine Krankheit, die Psychiater schauen es als Krankheit an,
und wenn dann eine andere Krankheit auftritt, dann redet man von Komorbidität.

[00:00:56.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, es sind Folgekrankheiten.

[00:01:00.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will sie dazu befähigen, dass Sie diese Folgekrankheiten zu verhindern versuchen.

[00:01:07.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt nicht, dass Sie alle Psychiater werden müssen, denn die Psychiater kommen
ja erst an die sogenannte, an das Krankheitsbild heran, wenn schon alles
schiefgelaufen ist.

[00:01:18.610] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich könnte man viel früher präventiv eingreifen, indem man mit diesen
neurodivergenten Menschen, Kindern, schon im Kindergarten anders umgeht.

[00:01:33.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich werde kurz als Erstes versuchen, das ADHS etwas zu charakterisieren.

[00:01:44.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat ja jetzt in allen Medien schon viele Informationen über ADHS Und ich werde
nicht vollständig sein.

[00:01:53.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verwende den Begriff Neurodiversität, der wird ja auch immer mehr verwendet, und
Menschen mit ADHS sind neurodivergente Menschen.

[00:02:05.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Neurodivergenz, die wird vererbt.

[00:02:09.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat Studien gemacht, 80% ist vererbt.

[00:02:16.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, die Menschen, die ADHS haben, aber einen guten Weg gefunden haben, die
kommen gar nie zum Arzt, die werden nicht gezählt.

[00:02:27.560] – Dr.med. Ursula Davatz

Von dort her behaupte ich, es sind eigentlich alle— also ADHS ist vererbt.

[00:02:35.580] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS ist keine Modekrankheit, auch wenn es jetzt viel mehr in den Medien gebracht
wird, thematisiert wird etc.

[00:02:45.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist keine Modekrankheit, es ist kein Fad, sondern es ist eine genetisch vererbte
Neurodivergenz.

[00:02:57.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin Familientherapeutin und habe von dort her die Symptome, also das
Erscheinungsbild von ADHS immer betrachtet innerhalb von Familien.

[00:03:11.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme immer 3-Generationen-Familiensysteme auf und dann kann ich schauen,
wie dieses, dieser Neurotyp sich auszeichnet.

[00:03:24.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Genetik hat ja in letzter Zeit immer mehr Zuwendung bekommen, immer mehr
Investitionen, und die letzte Aussage ist: es sind 683 Gene, die da eine Rolle spielen.

[00:03:43.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Gene werden ja nicht einzeln vererbt, die werden immer im Paket weitergegeben
als sogenanntes Genome.

[00:03:51.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieses Genome wird dann in Familien weitervererbt.

[00:03:55.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat früher gesagt, zur Steinzeit, hatten 50% ein ADHS-Genom, denn damals waren
diese Eigenschaften vom ADHS sehr hilfreich.

[00:04:11.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Welche Eigenschaften waren hilfreich? Man, man redet von Aufmerksamkeitsstörung.

[00:04:20.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Aufmerksamkeitsstörung ist nur eine Störung im Schulunterricht.

[00:04:25.810] – Dr.med. Ursula Davatz
In der freien Wildbahn ist es keine Störung.

[00:04:30.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Da rede ich deshalb von breiter Aufmerksamkeit.

[00:04:35.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, ADHS Menschen, die haben eine breite Aufmerksamkeit.

[00:04:39.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie nehmen alles wahr.

[00:04:41.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie in einen Raum reinkommen, sehen sie sofort, wer wie wo war, welche
Stimmung ist und so weiter.

[00:04:48.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese breite Aufmerksamkeit war natürlich bei den Jägern und Sammlern sehr sehr
hilfreich.

[00:04:53.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben besser überlebt.

[00:04:56.860] – Dr.med. Ursula Davatz

Mit der Zivilisation, mit unserer geistigen, mit unserer schulischen Ausbildung ist diese
breite Aufmerksamkeit, wird dann zur Störung.

[00:05:09.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die tritt hauptsächlich auf, wenn der Lehrer oder die Lehrperson nicht interessant
berichten kann.

[00:05:19.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann geht die Aufmerksamkeit zum Fenster raus, zum Nachbarn, in die Vergangenheit.

[00:05:26.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kann auch in die Träumerei reingehen.

[00:05:29.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist das natürlich für den Lehrer oder die Lehrerin, die Lehrperson, eine Störung.

[00:05:35.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche bei den Eltern. Wenn die Mutter sagt: mach jetzt bitte das, oder sie sagt
vielleicht nicht mal bitte, sondern du musst das machen.

[00:05:45.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind keine Lust hat, dann geht die Aufmerksamkeit woanders hin, da wird
abgelenkt.

[00:05:50.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bezeichne dieses A, diese Aufmerksamkeitsstörung, bezeichne ich mit breiter
Aufmerksamkeit.

[00:06:02.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine weitere Eigenschaft ist die hohe Sensitivität.

[00:06:07.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Menschen mit ADHS nehmen Emotionen im Raum, im Gegenüber viel schneller wahr,
stärker wahr.

[00:06:17.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ja den Spruch auf Französisch: «C'est le ton qui fait la musique».

[00:06:21.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hören die Stimmung in der Stimme manchmal dann besser als den Inhalt, der
kommuniziert wird.

[00:06:32.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn also die Kommunikation aufgeladen ist, negativ emotional aufgeladen ist, dann
reagieren sie nur auf das aber nicht mehr auf das, was man gesagt hat.

[00:06:46.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus diesem Grunde sagt man, mit ADHS Menschen, Kindern sollte man immer im Low-
Arousal-Zustand umgehen.

[00:06:54.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf selber nicht erregt sein, sondern man muss zuerst runterfahren und dann die
Kommunikation geben. Dann funktioniert das besser.

[00:07:06.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche passiert wenn sie einen Hund erziehen und sie sind wütend und sagen:
mach jetzt endlich Platz! und der hört nur den Ton, wenn er Angst bekommt, legt er sich
auf den Rücken oder macht auf den Boden, und er begreift den Befehl nicht mehr.

[00:07:28.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist diese einerseits die breite Aufmerksamkeit und andererseits die hohe
Sensibilität.

[00:07:38.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sensibel reagiert wird auf negative Reize, dann gibt es verschiedene Reaktionen,
und ich teile auf in ADHS und in ADS.

[00:07:54.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS-Typen, also das H heißt hyperkinetisches Syndrom.

[00:08:00.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS-Personen, die reagieren dann mit Aggression, mit verstärkter Reaktion nach
außen.

[00:08:13.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Das findet man an sich schon in der psychologischen Einteilung, also die sind eher
extravertiert.

[00:08:20.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Die reagieren aggressiv, die schimpfen zurück, die fluchen, und wenn man sie weiter
unter Stress setzt, dann zerstören sie das ganze Mobiliar, und das will man natürlich
nicht.

[00:08:34.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS-Neurotypen, die gehen nach innen, die ziehen sich zurück und machen
innerlich dann ein Karussell, denken alles durch, und außen merkt man nichts.

[00:08:52.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADS Kinder werden in der Schule oft nicht bemerkt.

[00:08:58.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Mädchen gehen eher in diese Reaktion, weil Mädchen von ihrer Sensitivität her, von
ihren Hormonen her, können sie sich besser anpassen, und wenn es nicht funktioniert,
dann ziehen sie sich zurück und dann träumen sie.

[00:09:14.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie dann nicht laut sind, dann merkt niemand etwas, und von dort her werden
Frauen mit ADHS oft erst im mittleren Alter diagnostiziert.

[00:09:23.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man gesagt, das ADHS wächst sich aus, das geht weg, wenn der Mensch
erwachsen wird, wenn das Hirn erwachsen wird, stimmt aber nicht.

[00:09:36.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese vererbte Eigenschaft, die bleibt bestehen.

[00:09:42.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nichts merkt und diese Leute keine Probleme haben, dann heißt das, sie
haben gelernt, mit ihrem neurodivergenten Hirn umzugehen.

[00:09:54.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Eines ist die genetische Veranlagung, Vererbung, das andere ist der Neurotyp.

[00:10:03.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Ärzte sind erst daran, herauszufinden, was da alles anders läuft.

[00:10:10.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn ist unser bestes, stärkstes Anpassungsorgan.

[00:10:17.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist so eingerichtet, dass das Gehirn mit vielen Fähigkeiten geboren wird.

[00:10:24.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann mit 2 Jahren wird schon etwas eingespurt.

[00:10:31.400] – Dr.med. Ursula Davatz

Kinder, vor dem Spracherwerb, die hören noch alles.

[00:10:39.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann der Spracherwerb kommt, wenn sie sich sich auf eine Sprache einlassen,
dann lernen sie, die anderen Töne auszublenden.

[00:10:50.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim ADHS Kind bleibt diese Ausblendung bis zu einem gewissen Grad weg und man
sagt dann, sie haben eine schnelle Reizüberflutung.

[00:11:04.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können nicht— sie lassen sich immer ablenken.

[00:11:08.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ein Wort dafür, jetzt finde ich es gerade nicht. Ja, Sie können nicht andere
Reize, die zur Kommunikation nicht dazugehören, können Sie nicht ausschalten.

[00:11:22.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Lehrer, die Lehrerin nicht interessant genug ist, dann kommen andere Reize
rein und sie schauen diesen Dingen nach.

[00:11:31.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Eigenschaften von diesen Neurodivergenten Menschen, die stellen natürlich eine
viel größere Stressanfälligkeit dar, und von dort her sind Menschen mit ADHS schneller
und vermehrt unter Stress gesetzt.

[00:12:02.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher, stellen diese neurodivergenten Eigenschaften auch eine höhere Anforderung an
sämtliche Erziehungspersonen und natürlich an die Eltern.

[00:12:15.050] – Dr.med. Ursula Davatz

Es gibt Eltern, die können gut damit umgehen, die kennen es vielleicht schon von sich
selber.

[00:12:22.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn wenn das Kind ein ADHS hat, muss irgendjemand der Eltern, meistens sind sogar
beide auch so vom neurodivergenten Typ sein.

[00:12:34.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch die professionellen Erzieher sind viel mehr gefordert, und von dort her stellen
diese Menschen einen höheren Anspruch an die Erzieher.

[00:12:49.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher wurde eher autoritär erzogen, und dann haben sich die ADHS Kinder
wahrscheinlich auch eher untergeordnet.

[00:12:57.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute wird eher individualisiert erzogen und dann haben die ADHS Kinder aber nicht
die gleich gute Selbstkontrolle wie die Normotypen.

[00:13:13.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her, ein laissez-faire funktioniert nicht in der Erziehungsmethode, aber eine zu
strikte Einengung die bringt auch nichts.

[00:13:28.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe noch auf die vier Stressreaktionen ein.

[00:13:34.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, da das Kind, der ADHS Typ unter Stress gerät, setzen Stressreaktionen
ein.

[00:13:46.010] – Dr.med. Ursula Davatz

Stressreaktionen sind primitive Reaktionen, die man bei den Menschen beobachten
kann, aber auch bei den Tieren.

[00:14:00.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Stressreaktionen sind eigentlich immer dazu da, um sich zu schützen, sind
eigentlich Überlebensfunktionen.

[00:14:12.940] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Regel redet man nur von drei Stressreaktionen: Kampf, Flucht und Totstellreflex.

[00:14:23.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Kampf wäre das aggressive Reagieren des ADHS Kindes.

[00:14:29.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Flucht wäre der Rückzug nach innen oder dann auch Ausweichverhalten, man geht
weg.

[00:14:38.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Totstellreflex, und der wird heute bei der Diagnose immer mehr verwendet, das
wäre eigentlich der autistische Reflex.

[00:14:47.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Totstellreflex heißt, man ist zwar noch wach, man nimmt alles wahr, aber es gibt keine
Reaktion mehr. Es kann nicht mehr kommuniziert werden und freeze, also auch
motorisch eingefroren.

[00:15:11.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus meiner Sicht ist das die autistische Reaktion, und die Psychiater machen dann
wieder eine neue Diagnose draus und sagen Autismus.

[00:15:22.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Begriff des Autismus kommt an sich aus der Schizophrenieforschung.

[00:15:27.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Menschen, die eine Schizophrenie entwickeln, zu sehr unter Stress sind, dann
dann machen sie diesen Freeze, diese Freeze-Reaction.

[00:15:38.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Normale Menschen, denen passiert das auch, wenn sie im Bett liegen und sie hören
einen Einbrecher oder denken, es sei ein Einbrecher, dann machen viele auch einen
Totstellreflex, das heißt, man liegt im Bett, man kann sich nicht mehr bewegen, man
denkt, man sollte flüchten, man kann es aber nicht, und es ist wirklich so, die
Muskulatur, die Aktivität, die geht nicht mehr, die geht nicht mehr.

[00:16:07.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche kann passieren im Examen, wenn man etwas gelernt hat und man kommt
an eine Hürde und man weiß nicht weiter, man friert ein.

[00:16:19.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Der vierte Stressreflex ist an sich der positivste, und den verwenden die ADHS Kinder
sehr häufig auch noch, als Erwachsene.

[00:16:30.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf Englisch: fight, flight, freeze and tease.

[00:16:36.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Teasing. Teasing ist Spielreflex.

[00:16:41.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es übersetzt in der Verhaltensebene, dann ist das eigentlich ein
Testversuch, ein Annähern an etwas oder jemanden, von dem man nicht richtig weiß,
wie der ist.

[00:16:57.560] – Dr.med. Ursula Davatz

Man will herausfinden, wie reagiert diese Person, wer ist sie überhaupt?

[00:17:04.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Man provoziert sie, je nachdem auch.

[00:17:07.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist, was ADHS Kinder in der Schule tun.

[00:17:11.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie spielen den Clown, sie springen über die Bänke, sie fordern die Lehrerin heraus.

[00:17:17.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Lehrerin oder der Lehrer nicht sehr persönlichkeitsstark ist, dann fühlt sie, er
fühlt sich dann schlecht behandelt.

[00:17:29.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt immer das Wort Respekt zum Einsatz.

[00:17:36.110] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Kinder haben in diesem Sinne keinen Respekt.

[00:17:40.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie werden von der Situation getrieben.

[00:17:44.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Es stört sie etwas oder sie wollen herausfinden, wer die Lehrerin ist.

[00:17:49.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann die Lehrerin nur mit Strafe reagiert, dann hat die es an sich verpasst.

[00:17:54.770] – Dr.med. Ursula Davatz

Dann kann die mit dem ADHS Kind nicht umgehen.

[00:18:00.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Spielreflex.

[00:18:03.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie zu den Tieren gehen, kleine Hunde, Junghunde, die machen viel von diesem
Teasing, die springen aufeinander zu, und versuchen, den anderen zum Spielen
aufzufordern.

[00:18:19.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die beißen auch etwas, und wenn die Hunde, die erwachsenen Tiere, zwicken, beißen,
die haben ja noch Milchzähne, die sind sehr spitzig, aber die beißen nicht so fest zu.
Wenn die dann, die erwachsenen Tiere, beißen, dann haben diese Welpen den
Welpenschutz.

[00:18:45.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, das erwachsene Tier beißt niemals so zurück, wie wenn es ein erwachsener
Hund wäre.

[00:18:56.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Welpenschutz.

[00:18:57.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringe ich dann auch bei den Eltern oder den Lehrpersonen.

[00:19:02.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen diesen Kindern und natürlich sogar auch den Teenagern noch
Welpenschutz geben.

[00:19:09.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben sich noch nicht richtig im Griff.

[00:19:12.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben keine Emotionskontrolle, wie das ein erwachsener Mensch hat.

[00:19:20.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine weitere Eigenschaft von ADHS ist die sogenannte mangelnde Impulskontrolle.

[00:19:25.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Impuls tritt immer auf, wenn das Kind oder auch die erwachsene Person gestört
wird, verletzt gekränkt wird, und dann kommt dieser Reflex zum Ausdruck.

[00:19:41.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sie ja so sensibel sind, reagieren sie schneller und häufiger und stärker mit
Reflexen.

[00:19:50.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie dann dafür bestraft, dann tut man ihnen Unrecht.

[00:19:56.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Was mit diesen Menschen dann passiert, ist, dass sie ein schlechtes Selbstwertgefühl
Selbstwertgefühl entwickeln.

[00:20:04.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie fühlen sich immer falsch. Ich mache alles falsch. Ich kann nichts. Wenn sie dann
zusätzlich noch Lernstörungen haben, wie Rechenstörung oder Spracherwerbsstörung,
dann wird das noch verstärkt, dass sie sich als dumm vorkommen, obwohl viele davon
eine hohe Intelligenz haben.

[00:20:29.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt muss ich Sie fragen: haben Sie Fragen dazu, damit ich noch besser erklären
kann?

[00:20:35.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder ist das alles einleuchtend?

[00:20:46.080] – Bemerkung 1
Wegen den vier Reaktionen, sie haben ja gesagt, eine Reaktion ist eben die autistische,
vielleicht kommt man später noch mal drauf, aber mittlerweile gibt es ja auch viele
Sachen, ja, eigentlich ADHS, Autismus ist wie quasi die gleiche oder fast eine ähnliche
Diagnose, man ist nur hier oder hier auf dem Spektrum, sage ich jetzt.

[00:21:13.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich geht es immer um ADHS/ADS.

[00:21:28.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Autismus, also ASS, Autismus-Spektrum-Störung, ist für mich eine Form des ADS.

[00:21:36.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Menschen, die autistisch reagieren, die haben häufig noch eine
Wahrnehmungsstörung, die kann im Gesicht erkennen oder in anderen Dingen sein.

[00:21:49.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich ist es auf der gleichen Linie und ich mache keine spezielle Diagnose draus.

[00:21:54.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe auch gleich mit ihnen um.

[00:21:58.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn, wie gesagt, ist unser Anpassungsorgan.

[00:22:02.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem, wie mit diesem Hirn umgegangen wird, also vom Umfeld in der
Beziehung, kommt dann die oder die Reaktion heraus.

[00:22:12.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Also von dort her mache ich diesen Unterschied nicht.

[00:22:15.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt die Genome-Wide Association Studies, das heißt, da hat man fünf
Krankheitsbilder, hat man genetisch untersucht, und das war Schizophrenie, bipolare
Störung, schwere Depression, ADHS und Autismus.

[00:22:38.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat herausgefunden, dass diese 5 Erscheinungsbilder alle den gleichen Genort
verändert haben, also man sagt Locus, also eigentlich die gleiche genetische
Konstellation haben.

[00:22:56.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn ist so flexibel und so anpassungsfähig und so veränderungsfähig und so
lernfähig, natürlich, dass es dann ganz verschiedene Bilder gibt.

[00:23:06.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, es ist immer der gleiche Ursprung.

[00:23:11.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Genom ist natürlich nicht haargenau gleich.

[00:23:13.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich sage, es sind 683 Gene, dann gibt es da natürlich verschiedene Mischungen.

[00:23:20.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache keinen Unterschied.

[00:23:23.770] – Dr.med. Ursula Davatz

Was da jetzt als neues Krankheitsbild noch herausgeholt wird, ist das PDA, Pathological
Demand Avoidance.

[00:23:34.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind aus meiner Sicht alles ADHS Kinder.

[00:23:40.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die falsch angepackt werden, dann beginnen die nur noch zu verweigern, nur
noch zu verweigern.

[00:23:48.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Da macht man wieder eine Diagnose daraus.

[00:23:51.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie bringt man sie dann zum Gehorchen?

[00:23:55.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich komme wieder von den Tieren her.

[00:24:01.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch reitet das Pferd über die Trense im Mund.

[00:24:07.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Pferd da verdorben wird, dann kann man es nicht mehr führen.

[00:24:16.390] – Dr.med. Ursula Davatz
So ist es bei dem PDA, Pathologic Demand Avoidance, wenn ein Kind dauernd falsch
angepackt wird, immer verletzt wird, immer gekränkt wird, wenn man seine feine
Sensibilität nicht wahrnimmt und nicht darauf Rücksicht nimmt, dann geht es zurück,
immer zu diesen Stressreaktionen.

[00:24:39.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat diese Sendung gegeben: Familien am Limit.

[00:24:44.392] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.srf.ch/play/tv/dok/video/familien-am-limit—wenn-kinder-alle-grenzen-sprengen?urn=urn:srf:video:05fa55a5-dbbf-40a2-9029-4b8f5b81f2b8

[00:24:45.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Haben Sie die gesehen?

[00:24:46.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man es gesehen.

[00:24:49.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Mütter etwas beobachtet hat, und ich will den Müttern überhaupt keine
Schuld zuweisen, dann waren die auf einem Trend, wo sie viel zu hart umgegangen
sind mit den Kindern.

[00:25:04.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Mutter hat zum Beispiel gesagt: Was sind die 5 Kriterien, die du beachten musst,
wenn du schwimmen gehst?

[00:25:12.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine erwachsene Vorstellung vom Kind, das funktioniert aus meiner Sicht
überhaupt nicht.

[00:25:21.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bin ich sehr kritisch.

[00:25:23.590] – Dr.med. Ursula Davatz

Das PDA, also Pathological Old Demand Avoidance, müsste man eigentlich sagen, das
ist die Diagnose eines ungehorsamen Kindes.

[00:25:33.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum ist das Kind ungehorsam?

[00:25:36.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Weil man nicht den die richtige Methode verwendet hat.

[00:25:43.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Gibt Ihnen das eine Antwort? Bin ich zu dogmatisch?

[00:25:47.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue es so an.

[00:25:49.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begleite Familien mit so Kindern, die alles, also Schulverweigerung kommt ja dann,
und dann sind alle unter Druck, denn wir haben in der Schweiz den Auftrag, die Pflicht,
den gesetzlichen Auftrag, die Kinder zu beschulen.

[00:26:05.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir sie falsch beschulen, machen wir sie nur kaputt.

[00:26:09.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich Kinder auch schon rausgenommen, eben ein halbes Jahr, um alles zu
beruhigen und herauszufinden, was ist möglich.

[00:26:27.190] – Bemerkung 2
Für mich stellt sich halt die Frage, über die Zusammenhänge zwischen ADHS/ADS und
Traumafolgestörungen? Bindungsthematik, Bindungsstörung, gibt es da auch etwas?

[00:26:44.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Psychiater machen viele Diagnosen, wir teilen alles ein, und dann zitiere ich aus
dem Faust: was du schwarz auf weiß besitzt, kannst du getrost nach Hause tragen.

[00:26:57.478] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.aphorismen.de/zitat/742

[00:26:58.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt uns Sicherheit, wenn wir alles so schön einteilen können.

[00:27:02.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie noch mal zurückgehen: ADHS Menschen sind viel leichter traumatisiert, weil
sie stressempfindlicher sind, und dann entsteht eine Traumastörung aufgrund des
ADHS-Neurotyps.

[00:27:23.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird dann gestritten, ist es das Trauma oder ist das ADHS?

[00:27:26.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich ist immer das ADHS dahinter.

[00:27:29.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Fachleute streiten sich dann und sagen, was muss man zuerst behandeln?

[00:27:37.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Die klassischen Therapeuten sagen, zuerst das Trauma und dann das ADHS.

[00:27:46.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt da eine Regel: man muss immer zuerst die akute emotionale Entgleisung
behandeln.

[00:27:53.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss den Weitblick haben und sehen, dahinter steckt das ADHS.

[00:27:58.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jetzt Menschen im Erwachsenenalter— es gibt Leute, die mit 80 herausfinden, ah
ja, ich habe ja ein ADHS, und die sagen dann, jetzt kann ich mich auf einmal besser
verstehen, weil man es besser einordnen kann, kategorisieren kann.

[00:28:17.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich steckt immer das ADHS dahinter, und ich muss dann aus der Situation heraus,
muss ich als Therapeutin schauen, was gehe ich jetzt an.

[00:28:30.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich streite nicht darum, was ist wichtiger, Traumastörung oder ADHS.

[00:28:37.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Das empfindliche, hochsensible ADHS, das führt natürlich schneller zu einer
Traumastörung.

[00:28:46.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Macht das Sinn?

[00:28:48.730] – Bemerkung 2
Ja, das klingt interessant. Dann hat es auch einen Zusammenhang mit
Bindungsfähigkeit wahrscheinlich.

[00:29:01.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Bindungsfähigkeit, ja, auf jeden Fall.

[00:29:04.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Bindungsverhalten läuft über unser emotionales System.

[00:29:13.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Mittelhirn. Man nennt es das limbisches System.

[00:29:18.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wurde bei den Säugetieren ganz stark ausgebildet, differenziert und ist natürlich
verbunden mit allen anderen, mit den anderen Hirnteilen.

[00:29:30.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein ADS Kind von einer ADHS Mutter erzogen wird und die hat ein unruhiges
Temperament, und wenn das Kind was falsch macht, wird sie verrückt, dann wird die
Bindungsbildung gestört.

[00:29:53.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann redet man dann von unsicherer Bindung.

[00:29:56.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist da die Bindungstheorie von John Bowlby.

[00:30:01.726] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Bindungstheorie

[00:30:04.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe in Amerika auch Leute gekannt, die mit dem gearbeitet haben.

[00:30:10.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kommt jetzt auch wieder etwas, die Bindungstheorie.

[00:30:14.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist alles gemacht über die Interaktion.

[00:30:19.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich die Mutter in ihrem ADHS-Temperament beruhigen kann, und das ist meine
Aufgabe als Therapeutin.

[00:30:27.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich behandle in der Regel nur die Erwachsenen, also die Eltern.

[00:30:33.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sehe vielleicht das Kind mal, um einen Eindruck zu haben, aber meine Hauptarbeit
ist mit den Erziehungspersonen, mit den Eltern.

[00:30:42.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache nicht am Kind rum. Die Eltern wollen mir das Kind oft zeigen, damit ich weiß,
worum es geht.

[00:30:50.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist interessant für mich und ich versuche dann auch mit diesen Kindern zu
interagieren.

[00:30:57.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gelingt mir auch recht gut, aber ich arbeite nicht am Kind, ich arbeite an den
erwachsenen Bezugspersonen.

[00:31:09.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die lernen, mit dem Kind besser umzugehen, dann beruhigt sich auch das Kind.

[00:31:18.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Mutter, die ist hyperaktiv, die wird schnell verrückt, und die wurde als
Mädchen eher, ich würde sagen, zu streng erzogen.

[00:31:30.790] – Dr.med. Ursula Davatz

Die hat als Folgekrankheit eine Suchtkrankheit entwickelt, Drogen, Haschisch, aber
auch harte Drogen, und die kommt dann aus mit ihrem Kind, und wenn das Kind
irgendetwas berührt in meinem Office: nein, mach nicht! Und ich sag dann: Das ist mein
Büro, ich schau schon. Und ich versuch dann, Ruhe reinzubringen. Und ich sag dem
Kind ganz ruhig: das darf man nicht anfassen, das darf man nur mit den Augen
anschauen und so weiter. Und dann reagiert dieses Kind sehr gut darauf und hört auch.

[00:32:11.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind Kind etwas zurückbringen sollte ins Wartezimmer, das es mitgenommen
hat. Dann sage ich: bringst du das bitte wieder zurück ins Wartezimmer? Dann sagt er:
nein. Dann warte ich und am Schluss macht er's.

[00:32:28.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter hat die Haltung: Du musst sofort und du musst gehorchen.

[00:32:33.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie als Mädchen konnte natürlich besser eingeschüchtert werden und hat dann
Strukturen gelernt, aber der Preis dafür war eine Suchtkrankheit, und das bringt's nicht.

[00:32:46.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieser Junge, der kennt mich, der hat mich vielleicht sechs Mal oder so gesehen, und
wenn ich mit der Mutter telefoniere, will er immer auch mit mir reden.

[00:32:56.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Also er merkt, ich bin ihm wohlgesinnt und ich kann mit ihm umgehen.

[00:33:03.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen anderen Jungen, der war hochsensibel und die Mutter hyperaktiv.
Streng erzogen von einem Vater, der im Militär eine hohe Position hatte.

[00:33:18.580] – Dr.med. Ursula Davatz

Die war wohlgesinnt ihren Kindern gegenüber. Ich habe mit den Eltern gearbeitet, das
Kind war im Wartezimmer und hat mit Lego gespielt.

[00:33:28.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wunderschön, ganz ruhig.

[00:33:32.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber in der Schule, wenn irgendetwas nicht so ging, ist er ausgeflippt.

[00:33:39.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den ASS Kindern redet man dann von Meltdown.

[00:33:45.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Kennen Sie den Ausdruck?

[00:33:49.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das Kind überreizt, dann kommt schlussendlich der Stressreflex.

[00:33:56.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein autistischer narcisstischer oder ein aggressiver Stressreflex.

[00:34:00.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das nennt man dann Meltdown.

[00:34:02.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man nur beruhigen und zurücknehmen.

[00:34:06.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Was da zum Teil in der Schule dann passiert, ist, wenn die Kinder— also die Kinder
schützen sich dann auch, indem sie flüchten, also Fluchtreflex, sie rennen davon.

[00:34:18.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf von der Schule nicht weggehen, es ist Pflicht, dass die Lehrperson die Kinder
in der Schule behalten.

[00:34:29.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich musste dann bei diesem Kind, es war schon in einer Privatschule, musste sagen,
ich übernehme die Verantwortung, er darf davon rennen, denn das ist ein Schutzreflex,
und wir dürfen seinen Schutzreflex nicht unterbrechen.

[00:34:44.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Er darf davonrennen. Der hatte sogar eine Uhr, die Eltern konnten lokalisieren.

[00:34:52.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer mussten von mir die Erlaubnis bekommen, dass sie den davon rennen
lassen dürfen. Einmal ist ihm eine Lehrerin nachgerannt und hat dann den Fuß
verstaucht.

[00:35:04.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat man natürlich gesagt: du böser Junge, wegen dir habe ich den Fuß
verstaucht.

[00:35:09.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Es war eine falsche Methode, und das muss man dann den Erziehern beibringen.

[00:35:19.920] – Bemerkung 3
Ich sehe bei den Eltern mit diesen Kindern oft, dass sie viele Schuldgefühle auch
haben, weil sie merken, ich mache ja nicht alles richtig, und dann kommt ja noch mehr
Stress.

[00:35:36.200] – Bemerkung 3
Wie entlasten sie die Eltern?

[00:35:48.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ja seit Jahren Eltern-, Angehörigengruppen geführt für Eltern von
schizophreniekranken Kindern, also Erwachsenen dann auch.

[00:36:02.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin am Anfang sehr sorgfältig umgegangen mit diesem Schuldgefühlen.

[00:36:09.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wollte den Eltern keine Schuldgefühle einflößen, bis ich gemerkt habe, es geht
sowieso nicht.

[00:36:15.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben alle Schuldgefühle, das gehört dazu.

[00:36:19.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann bin ich anders vorgegangen, habe gesagt und habe es dann angesprochen, und
die haben das natürlich alle gesagt.

[00:36:27.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wir Mütter haben alle Schuldgefühle bei jedem kleinen Problem, das fehl
läuft.

[00:36:36.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Da versuche ich dann, die Mütter zu stützen.

[00:36:41.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Väter haben oft weniger, die koppeln sich eher ab.

[00:36:46.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Die machen einen Fluchtreflex.

[00:36:49.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Also die gehen weg.

[00:36:52.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, zum Selbstschutz.

[00:36:54.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Müttern muss ich dann sagen: schauen sie, wir machen alle Fehler.

[00:36:59.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann generalisiere ich: an Fehl-Entscheidungen lernt man.

[00:37:04.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind ist so lernfähig.

[00:37:07.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind spürt, sie haben eine Beziehung zu ihm, dann macht das nichts.

[00:37:15.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen 1000 Fehler machen. Ich sag dann: nur nicht immer die gleichen.

[00:37:19.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die macht man natürlich auch.

[00:37:23.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn etwas schiefgegangen ist, dann haben die Eltern große Schuldgefühle und häufig
die Mütter, die gehen dann zum Kind und sagen: es tut mir leid.

[00:37:34.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sagen: ich habe da was falsch gemacht.

[00:37:38.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie zu sehr in Schuldgefühle verfallen und das also beim Kind die Entschuldigung
holen, die Wiederanerkennung beim Kind holen wollen, da wird das Kind wieder
belastet.

[00:37:52.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen schon sagen: ich glaube, da bin ich etwas zu weit gegangen. Tut mir leid,
aber ich bin ausgerastet.

[00:37:59.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin halt auch nur ein Mensch.

[00:38:01.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt machen wir wieder weiter.

[00:38:04.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist absolut okay, dass die Eltern zum Kind sagen: tut mir leid, da bin ich ausgerastet.
Ich habe meine Kontrolle verloren.

[00:38:15.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens sagen dann die Kinder: ja, schon okay.

[00:38:20.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind aber noch etwas zurückgebliebenes hat, also wenn beim Kind noch
etwas ist, das es, wie soll ich sagen, das es immer belastet, dann sage ich, die Mutter
muss fragen: mit was habe ich dich am meisten verletzt?

[00:38:36.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre wieder die Validierung des Gefühlszustandes des Kindes.

[00:38:42.100] – Dr.med. Ursula Davatz

In allen Erziehungsaufgaben versucht man schnell, das Kind zur Norm zu erziehen.

[00:38:50.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Man nimmt sich nicht die Zeit, was ist eigentlich abgelaufen.

[00:38:57.020] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Schule wird auch häufig verlangt, das Kind, das aggressiv wurde, muss sich
entschuldigen.

[00:39:05.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das läuft so ab: Entschuldigung.

[00:39:07.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Man läuft wieder weg. Bringt gar nichts. Bringt gar nichts.

[00:39:12.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch den Begriff Schuld nicht gerne.

[00:39:15.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eigentlich ein religiöser Begriff, der in der christlichen Erziehung stark verwendet
wurde.

[00:39:24.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben alle Schuldgefühle, aber Schuldgefühle sind in diesem Sinne dann schlechte
Ratgeber.

[00:39:33.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage oft, Schuldgefühle sind der Hirtenhund.

[00:39:38.190] – Dr.med. Ursula Davatz

Über die Schuldgefühle werden wir zur Herde, zum Kollektiv zurückgeschickt und
passen uns dem Kollektiv an.

[00:39:47.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir leben in einer individualisierten Gesellschaft und der kollektive— die kollektive
Anpassung funktioniert nicht mehr so gut.

[00:39:58.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist viel besser, wenn wir differenzierte Konfliktlösungsstrategien lernen, die dann
auch zu Anpassungen führen.

[00:40:09.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das ist an sich der Erziehungsmodus in der westlichen Welt.

[00:40:17.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Er funktioniert noch nicht immer so gut.

[00:40:21.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erziehungspersonen greifen dann oft zurück zum antiquarischen Erziehungsstil.

[00:40:30.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Versteht man das?

[00:40:38.180] – Bemerkung 4
Wie kann man das denn dann in die Praxis umsetzen?

[00:41:05.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Die praktische Anwendung würde ich dann gerne am Nachmittag machen, und ich will,
dass Sie mir Fallbeispiele bringen.

[00:41:25.210] – Dr.med. Ursula Davatz

Die zeichne ich dann da auf an der Flipchart, und dann können wir miteinander
Lösungen finden.

[00:41:33.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt nie eine Lösung für alles, also one fits all funktioniert nicht.

[00:41:38.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer wieder eine neue Lösung finden.

[00:41:42.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können sie mithelfen.

[00:41:44.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt einen Spruch, also die Systemiker, die schicken Sprüche vom Institut für Ehe
und Familie von Zürich.

[00:41:53.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Spruch ist: Der Unterschied ist größer in der Praxis als in der Theorie.

[00:42:04.520] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Theorie kann man alles so schön zusammenfassen, aber in der Praxis sieht alles
anders aus.

[00:42:10.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss auch ich immer wieder neue Lösungen finden.

[00:42:13.540] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn kann man sagen, Menschen mit ADHS zwingen uns, ob es Kinder sind
oder Erwachsene, zwingen uns dazu, neue Lösungen zu finden.

[00:42:26.450] – Dr.med. Ursula Davatz

Das schauen wir dann am Nachmittag.

[00:42:28.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Eigenschaft nicht erwähnt, und das wird heute in den Medien auch
gebracht, das ist die Kreativität.

[00:42:44.170] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Menschen, die können besser Grenzen überschreiten.

[00:42:50.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Um etwas Neues herauszufinden, muss man Grenzen überschreiten können.

[00:42:58.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her gibt es vermehrt Leute mit ADHS bei den Erfindern, bei den Unternehmern,
bei den Künstlern, Schriftstellern.

[00:43:12.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kreativität ist eine Eigenschaft. Es heißt aber nicht, dass alle dann immer kreativ
sind.

[00:43:22.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eine überdurchschnittliche Zahl von kreativen Menschen.

[00:43:28.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ja dann die Aufmerksamkeitsstörung.

[00:43:31.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Man lässt sich nicht von einer Norm in eine Norm zwingen, sondern man macht andere
Dinge.

[00:43:39.390] – Dr.med. Ursula Davatz

Positiv ausgedrückt ist dann das die Kreativität.

[00:43:43.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie fordern auch uns heraus zur Kreativität.

[00:44:04.140] – Bemerkung 5
Die Schule ist eine extrem prägende Zeit für die meisten von uns auch. Die sind sehr
starr. Was haben Sie da für Erfahrungen gemacht, für diese Zwischenlösung mit ADHS
Kindern, gerade wenn sie auch in der Schule auffallen oder auf dem Weg auffallen.

[00:44:36.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor zwei Wochen war ich an diesem ADHS Event im Bundeshaus.

[00:44:44.443] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.tagesanzeiger.ch/adhs-konferenz-im-bundeshaus-luis-casado-kaempft-gegen-stigmas-516981934708

[00:44:45.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Da waren 48 Kinder mit ADHS und Jugendliche von 12 bis bis 24.

[00:44:54.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Zwei Moderatoren, haben das geleitet, die sonst für Firmen Entwicklungsarbeit machen,
also so Seminare leiten.

[00:45:06.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Es war eine unglaublich tolle Energie im Raum.

[00:45:11.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS Kinder haben dann auch vorgeschlagen, man sollte einen flexibleren
Unterricht haben.

[00:45:21.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie kurz überlegen, was ist die Funktion der Schule?

[00:45:27.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Funktion der Schule ist ja eine erfolgreiche Sozialisierung.

[00:45:31.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wollen diese jungen Menschen erfolgreich sozialisieren, damit sie dann als
erwachsene Menschen funktionieren können in der Gesellschaft.

[00:45:41.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt, ADHS Kinder lassen sich nicht so leicht normieren.

[00:45:47.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir sie zu sehr normieren wollen, dann haben wir Probleme, dann geht alles
durcheinander.

[00:45:54.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Lehrer, die können gut damit umgehen.

[00:45:58.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz generell würde ich sagen, viel mehr flexibilisieren.

[00:46:03.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht für alle Kinder das gleiche System anwenden, sondern die Schulklasse auch
manchmal wieder unterbrechen, vielleicht kleine Gruppen machen.

[00:46:24.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Zeit lang Bezirksschullehrer im Kanton Aargau beraten.

[00:46:33.730] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn immer die Probleme hatten mit einem Kind, haben die mich gefragt.

[00:46:37.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben dann Lösungen miteinander erarbeitet.

[00:46:40.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Da war ein ADS Kind wahrscheinlich, und das ist immer geflüchtet, wenn es ihm zu viel
geworden ist, also davongerannt nach Hause.

[00:46:52.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das darf man ja nicht als Kind.

[00:46:54.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hatten wir eine Konferenz mit dem Klassenlehrer, dem Schulleiter und den Eltern.

[00:47:01.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind war nicht dabei.

[00:47:03.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich vorgeschlagen, dass das Kind für eine Woche lang von einem Schüler
begleitet wird.

[00:47:13.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieser Schüler muss neben dem Jungen sitzen. Er darf ihn schützen, er darf ihn
stärken. Er darf aber auch sagen: da bist du jetzt etwas zu weit gegangen.

[00:47:25.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat beide Funktionen.

[00:47:29.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mädchen, die haben zuerst das gemacht, die waren sofort bereit, das zu machen.

[00:47:34.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jungen haben dann auch mitgemacht, die haben die ganze Klasse durchgemacht
und der wurde besser integriert in der Klasse.

[00:47:44.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Einmal ist er noch davongerannt und da hätte er in den Buben-Turnunterricht gehen
sollen.

[00:47:53.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Mädchen hat ihn begleitet, aber das durfte nicht mitgehen.

[00:47:57.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Da war er auch wieder alleine, da ist er davon gerannt.

[00:48:01.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Der hat die Schule gut abgeschlossen, ab und zu dann später noch besucht und hat
sich gut entwickelt.

[00:48:08.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gebe einen Kurs und beginne im August wieder einen.

[00:48:17.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben wir auch mit Lehrern gesprochen und da habe ich auch wieder die Idee
aufgebracht, verwenden sie doch andere Schüler vermehrt im Unterricht.

[00:48:29.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass nicht nur die Lehrerin alles im Griff haben muss, sondern dass man etwas aufteilt
und dass man vielleicht, auf Englisch sagt man Tutor, also einen Tutoren, Schüler wählt,
der dann mit dem was machen darf.

[00:48:46.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es viele Möglichkeiten.

[00:48:49.520] – Bemerkung 6
Wie erleben sie die Zusammenarbeit mit diesen Schulen?

[00:48:54.010] – Bemerkung 6
Eben genau, wenn es um so die Ideen geht, um Umsetzung? Weil ich glaube, die
Zusammenarbeit, manchmal erlebe ich das sehr starr von der Schule selbst.

[00:49:09.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Alain Guggenbühl hat ein Beispiel erzählt.

[00:49:13.901] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Allan_Guggenb%C3%BChl

[00:49:14.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Klasse, die war nicht mehr handhabbar.

[00:49:21.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat man einen alten, erfahrenen Lehrer wieder zugezogen und gesagt, ob er die
Klasse übernimmt.

[00:49:29.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat gesagt: ja, das mache ich, aber wenn ihr mir nicht reinredet, wenn ich machen
darf, was ich für gut halte.

[00:49:36.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Am ersten Tag ist er ans Pult gesessen und hat ein Buch gelesen, alles drunter und
drüber, Tohuwabohu unter den Schülern.

[00:49:51.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Am zweiten Tag hat er die Zeitung gelesen, nochmal Tohuwabohu.

[00:49:55.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Am dritten Tag hat einer der Schüler gesagt: wann beginnen wir mit dem Unterricht?

[00:50:05.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist genau das.

[00:50:07.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir uns als Erzieher zurücknehmen, aber nicht die Beziehung kündigen, also die
Beziehung nicht abbrechen, dann kommt eine Selbstorganisation von der Gruppe.

[00:50:24.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich jetzt noch mal etwas.

[00:50:27.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bring ja immer Tierbeispiele.

[00:50:30.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich sehr mit Frans de Waal befasst.

[00:50:32.850] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Frans_de_Waal

[00:50:32.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Er ist ein Primatologe, jetzt gestorben.

[00:50:36.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Der hat Forschung gemacht bei Affen, also Schimpansen und Gorillas.

[00:50:46.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Tiere sind soziale Wesen.

[00:50:50.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben soziale Gene, wir sind sozial orientiert, auch wenn wir nicht erzogen werden.

[00:51:01.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sozialen Tierarten, die haben Sozialverhalten, ganz natürlich.

[00:51:07.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist, was will ich sagen, in den Genen drin.

[00:51:10.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir aufhören zu erziehen, aber ruhig dabeibleiben, dann kommen auf einmal
diese sozialen Gene zum Zug.

[00:51:20.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben oft die Tendenz als Erzieher zu Übererziehen, Überreagieren.

[00:51:26.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss ich sagen: raus, Stecker ziehen, langsam, aber nicht die Beziehung
abbrechen.

[00:51:35.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erziehungsmethoden, wo man das Kind wegschickt: geh in dein Zimmer, wenn du
dich so schlecht verhältst. Das ist Beziehungsabbruch.

[00:51:49.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist Liebesentzug.

[00:51:51.870] – Dr.med. Ursula Davatz

Was machen dann die ADHS Kinder? Die gehen ins Zimmer und zerstören ihre
Lieblingsgegenstände.

[00:51:58.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist keine gute Erziehung.

[00:52:02.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf runterfahren, nichts mehr machen.

[00:52:05.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Schwierigste für uns Erzieher, dass wir nichts machen, aber dennoch in
Beziehung bleiben.

[00:52:12.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch das, was ich immer, also mit Eltern von Schizophrenen, die wollen ja auch
immer erziehen, und das geht nicht, denn der Schizophrene ist abgefahren, der ist da in
seiner Illusion, und da kann man nicht mit Kognition reinkommen.

[00:52:30.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber Beziehung, Emotion, das geht.

[00:52:34.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehung behalten, aber nicht mehr erziehen.

[00:52:39.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ja diesen Satz: Keine Erziehung ohne Beziehung.

[00:52:51.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt.

[00:52:53.330] – Dr.med. Ursula Davatz

Wir können nicht erziehen ohne Beziehung.

[00:52:56.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit Strafe auch nicht.

[00:53:01.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen auf eine neue Art mit diesen Kindern in Beziehung bleiben.

[00:53:08.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat mir auch eine Lehrerin gesagt: wenn sie merkt, einer wird zu unruhig, dass sie
sagt: ich glaube, du brauchst eine kleine Pause, spring dreimal ums Schulhaus.

[00:53:22.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Der gute Erzieher oder die gute Erzieherin, die nimmt das Kind wahr, nimmt die
Bedürfnisse wahr und steigt dann ein auf das und sagt: du darfst jetzt das machen.

[00:53:34.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht: du wirst jetzt vor die Türe geschickt weil du störst.

[00:53:38.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre negativ.

[00:53:40.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich glaube, du brauchst eine Abwechslung. Geh schnell.

[00:54:10.610] – Bemerkung 7
Dass die sehr viel kritisiert werden, die ADHS Kinder. Ich habe eine Situation gehabt mit
einem Kind, da wurde sie auch wieder kritisiert und hat einfach so aus tiefstem Herzen
gesagt: ich strenge mich doch so an.

[00:54:31.420] – Dr.med. Ursula Davatz

Ja, das trifft zu.

[00:54:34.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war ein Mädchen?

[00:54:37.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Stuten lassen sich leichter reiten als Hengste.

[00:54:45.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Mädchen passen sich eher an und die strengen sich wahnsinnig an, es recht zu
machen in der Beziehung.

[00:54:55.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die dann immer kritisiert werden, ist das natürlich schrecklich.

[00:55:02.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her ist es ganz wichtig, dass wir diese Anstrengung wahrnehmen und
validieren.

[00:55:09.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Begriff in der Psychiatrie ist, man muss den Patienten immer zuerst validieren,
bevor man irgendetwas ändern will.

[00:55:19.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind sagt, ich streng mich doch so an, dann darf man sagen: ja, ich seh das,
und für dich ist es schwieriger.

[00:55:29.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann die Klasse sagt: die darf das und ich darf's nicht.

[00:55:37.830] – Dr.med. Ursula Davatz

Es werden nicht alle gleich behandelt. Ich kann's und die andere kann's nicht und darf
trotzdem weitermachen.

[00:55:49.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sage ich als Lehrperson: die kann das noch nicht.

[00:55:55.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann niemanden dafür bestrafen, dass jemand etwas noch nicht kann.

[00:56:01.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Was dieser Mensch noch nicht kann, ist die Emotionskontrolle.

[00:56:06.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Emotionskontrolle über das Großhirn.

[00:56:12.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist in der Tat so, das reift bei diesen Menschen langsamer, später und ist vielleicht
nie so perfekt wie bei den Normotypen.

[00:56:26.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann jemanden nicht dafür bestrafen, dass er etwas noch nicht kann.

[00:56:29.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand das Bein gebrochen hat, dann sieht man das.

[00:56:33.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass da intern im Hirn diese Kontrolle noch nicht vorhanden ist, das sieht man natürlich
nicht.

[00:56:40.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist so, die strengen sich wahnsinnig an.

[00:56:43.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Satz, den man von vielen hört.

[00:56:47.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich so angestrengt und es war nie recht.

[00:56:52.280] – Bemerkung 8
Wir leben in einer stark individualisierten Welt. Wo Individualismus gefordert wird. Ich
frage mich, wie flexibel ist unsere Gesellschaft, auch mit solchen Kindern und
Jugendlichen umzugehen?

[00:57:09.420] – Bemerkung 8
Auf einer Seite steht das Individuum, auf anderer Seite ist die Schule, die Eltern, die
kollektiv bezogen sind und hält sich an die Normen und Werte.

[00:57:21.620] – Bemerkung 8
Wie stellen oder das erleben wir tagtäglich, dass es sehr schnell zu einer
Stigmatisierung kommt von solchen Personen, von solchen Kindern und Jugendlichen.

[00:57:31.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Einerseits muss der Unterricht vermehrt individualisiert, differenziert werden, also
unterschiedliche Programme.

[00:57:47.560] – Dr.med. Ursula Davatz
An diesem Tag im Bundeshaus haben Ältere, also Gymnasiasten, haben
vorgeschlagen, dass sie nur jede zweite Woche in einen Unterricht gehen müssen, den
sie nicht so gern haben, dafür etwas anderes, ein spezielles, eine spezielle Fähigkeit
pflegen dürfen.

[00:58:10.430] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich habe so ein Kind, das spielt Geige, und das habe ich jetzt befreit von gewissen
Fächern, damit es mehr Geige üben kann.

[00:58:18.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich jetzt das persönlich gemacht.

[00:58:21.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer könnten das auch machen.

[00:58:24.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das eine, das Individualisierte.

[00:58:26.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das andere ist, auch diese Kinder müssen in das Kollektiv eingegliedert werden
können.

[00:58:34.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Da braucht es jetzt die Autorität der Lehrperson.

[00:58:39.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss die Lehrperson hinstehen und sagen: in meiner Stunde, in meiner Klasse will
ich das, und ich will das, und ich will das.

[00:58:49.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Es dürfen nicht zu viele Regeln sein, es müssen eher wenig Regeln sein, aber die
müssen durchgesetzt werden.

[00:58:59.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Da beziehe ich mich immer auf Jesper Juul.

[00:59:03.845] – Dr.med. Ursula Davatz

https://de.wikipedia.org/wiki/Jesper_Juul

[00:59:04.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein kompetentes Kind, die kompetente Familie, und das letzte Buch war über
Adoleszenz.

[00:59:21.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Er sagt, man darf nicht sagen, du musst, du musst, sondern ich will.

[00:59:27.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will, dass du das lernst. Ich will, dass du da mitmachst.

[00:59:31.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf die eigene Persönlichkeit, die eigene Stärke— und die Erzieher sind ja immer
älter als das Kind— an sich stärker.

[00:59:43.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Es darf nicht heißen, du musst, sondern ich will.

[00:59:46.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das habe ich auch in meinem Buch als 13 Regeln, wie man umgeht mit ADHS Kindern.

[00:59:52.010] – Dr.med. Ursula Davatz
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2024/06/13-TIPPS-FUeR-ERZIEHENDE.pdf

[00:59:53.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte immer etwas voraus sein und sagen, ich will das und ich will das.

[01:00:02.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das dürfen nicht zu viele Prinzipien sein.

[01:00:06.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Lieber wenig, aber die werden durchgesetzt.

[01:00:10.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe lange Zeit eine Lehrerin begleitet, die hat sehr individualisiert Schule gegeben,
aber die hat sich auch durchgesetzt.

[01:00:21.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage mit dem Lernplan, das Kind muss seinen Lernplan selber machen, muss
selbstständig sein, das können ADHS Kinder nicht, da fällt alles durcheinander, und es
braucht schon die Autorität des Lehrers.

[01:00:42.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er aber sagt, es ist die Regel, das sind die Statuten, das geht nicht.

[01:00:51.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Er muss sagen, ich vertrete das, es muss persönlich durchgesetzt werden.

[01:01:13.800] – Bemerkung 9
Dann wird eben so ein Verhalten als Fehlverhalten definiert, dass dann automatisch
entsteht ein Stigmatisieren von solchen Personen, also Klasse als Kollektiv, wenn wir
sie anschauen, oder auch in der gesamten Gesellschaft. Das Fehlverhalten wird
definiert und automatisch werden solche Kinder und Jugendliche abgestempelt.

[01:01:43.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das stimmt.

[01:01:46.310] – Bemerkung 9
Ich sehe Problem bei den Lehrpersonen, größer als bei dem Kind selber.

[01:01:52.700] – Dr.med. Ursula Davatz

Richtig.

[01:01:54.150] – Bemerkung 9
Da entsteht eben die Problematik, dass solche Kinder von einem zu den anderen
verschoben werden, was eben auf ihre weitere, ihre weitere Entwicklung auch einen
negativen Einfluss hat.

[01:02:08.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, auf jeden Fall.

[01:02:11.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald verschoben wird, wird das Kind vom Kollektiv ausgeschlossen.

[01:02:16.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das haben wir nicht gerne, hat der Mensch nicht gerne. Wir sind soziale Wesen, wir
wollen beim Kollektiv bleiben.

[01:02:26.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man ja heute Klassenassistenten und manche geben zu zweit Schule.

[01:02:31.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, viele Lehrpersonen sind schnell überfordert und viele steigen auch aus.

[01:02:40.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wurde an diesem ADHS Tag im Bundeshaus wurde auch gesagt, und das sage ich
auch immer, die Lehrpersonen müssten viel mehr Unterstützung bekommen.

[01:02:53.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht einfach das Kind Therapie, sondern die Lehrpersonen Unterstützung.

[01:02:57.980] – Dr.med. Ursula Davatz

Das haben die Kinder auch selber gesagt.

[01:03:01.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben gesagt, die Lehrpersonen müssen offiziellen Zugang haben zu
Beratungspersonen.

[01:03:10.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Gibt es noch nicht.

[01:03:12.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Man geht jetzt eher wieder zurück, quasi der Lehrplan 21 hat versagt.

[01:03:19.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, er ist nicht vollständig genug und gut genug umgesetzt worden.

[01:03:25.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht Unterstützung für die Lehrperson.

[01:03:28.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Eben in dieser Schule, von der ich vorher geredet habe, da habe ich die Lehrer
unterstützt.

[01:03:34.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich zu Schulen gehe oder zu den Pädagogischen Hochschulen und sage, ich will
gerne eine Ausbildung machen, die wollen nicht.

[01:03:43.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sage ich immer: never teach a teacher, aber help a teacher.

[01:03:49.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf der anderen Seite sage ich: Never help a helper.

[01:03:53.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Ärzte oder Krankenschwestern oder so, die von Beruf her Helfer sind, die wollen
sich nicht helfen lassen, denn sie müssen ja alles können und den anderen helfen.

[01:04:08.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde das total unterstützen.

[01:04:11.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben nach diesem Tag, haben wir auch so überlegt, was wir machen können.

[01:04:17.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt jetzt dann im November einen Schulleitertag in Spreitenbach.

[01:04:24.303] – Dr.med. Ursula Davatz
https://umweltarena.ch/veranstaltungen/vslch-fachtagung/

[01:04:24.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben sogar das Thema Neurodivergenz zum Thema gemacht.

[01:04:30.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich werde versuchen, mich da reinzudrängen.

[01:04:35.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, aber ja, die brauchen Hilfe.

[01:04:41.320] – Bemerkung 10
Ich hätte gerne noch gewusst, ob so das Durchsetzen, können sie das ein bisschen
mehr ausschmücken, weil ich erlebe oft zu autoritär und dann funktioniert es nicht.

[01:04:56.790] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn ich Eltern oder auch Lehrer oder unsicheren Lehrpersonen versuche zu sagen,
sie müssen sich durchsetzen, wenn ich die versuche zu unterstützen, dann sagen sie,
sie müssen sich ganz klar innerlich vornehmen, was sie wollen.

[01:05:17.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen gar nicht nichts Ambivalentes haben.

[01:05:20.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald sie ambivalent sind, merkt das das Kind sofort und es weicht aus.

[01:05:25.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine Mutter von einem ADHS-Sohn und die hat gesagt, ich war konsequent,
inkonsequent.

[01:05:33.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Bringt gar nichts.

[01:05:35.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst gut überlegen, was will ich, was will ich nicht.

[01:05:42.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiß, was ich will, dann muss das tief verankert sein.

[01:05:48.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage auch mental verankert sein.

[01:05:51.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man das kommunizieren, aber nicht mit vielen Erklärungen, sondern eben
wie Jesper Juul sagt: ich will.

[01:06:03.050] – Dr.med. Ursula Davatz

In Anwesenheit des Kindes nicht zu nah, nicht das Genick herunter blasen.

[01:06:10.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht böse fokussieren, schon anschauen, aber: ich will.

[01:06:17.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Und die Geduld haben zum Warten.

[01:06:21.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig passiert, wenn man sagt: ich will das, es ist mir wichtig.

[01:06:27.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann Pause und nicht viel Diskussion und warten.

[01:06:31.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann etwas verzögert, macht das Kind das, was man will, erstaunlicherweise.

[01:06:37.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Es will ja in der Beziehung bleiben.

[01:06:40.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Es nimmt einen wahr und es respektiert einem auch.

[01:06:45.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man Geduld haben.

[01:06:47.730] – Bermerkung 10
Nicht irgendwelche Methoden?

[01:06:52.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Warten können und dran glauben.

[01:06:54.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sag dann, sie müssen dran glauben.

[01:06:57.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihre mentale Kraft muss vorhanden sein.

[01:07:01.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht dem Kind hinterherspringen, das geht gar nicht.

[01:07:07.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es dann halt mal nicht geht, okay, hat es nicht geklappt, aber man hat wieder
einen Versuch.

[01:07:13.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss es wirklich spüren.

[01:07:16.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche passiert bei den Tieren.

[01:07:18.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat Untersuchungen gemacht, man hat Manager auf die Pferdeweide gesteckt.
Die, die natürliche Autorität hatten, denen haben die Pferde gefolgt.

[01:07:30.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die nur aufgesteckte Autorität, die Pferde haben die ignoriert. Beim Tier funktioniert das
auch, beim Kind genau gleich.

[01:07:42.640] – Bermerkung 11
Das ist ja genau das Gleiche, nicht nur in der Schule, es ist ja auch bei den Eltern so.

[01:07:47.820] – Bermerkung 11
Wir haben Eltern, die denken, die müssen jetzt autoritär sein.

[01:07:54.130] – Bermerkung 11
Die sitzen ja innerlich gar nicht da, das erste Problem, das spürt das Kind.

[01:07:59.490] – Bermerkung 11
Die sind so verunsichert.

[01:08:00.770] – Bermerkung 11
Eine Mutter, die wir begleiten und ein Kind, die Mutter denkt, sie muss das so machen
und reagiert dann sehr massiv.

[01:08:29.210] – Bemerkung 2
Das ist übertragbar genauso auf die Eltern.

[01:08:32.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut.

[01:08:32.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss da an erster Stelle immer das Selbstbewusstsein der Eltern stärken.

[01:08:42.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich eine Idee gebe und die Mutter sagt, ja, ich versuche das mal, und dann sage
ich, wenn sie es so halbherzig versuchen, müssen sie gar nichts anfangen, geht nicht.

[01:08:54.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen wirklich selber überzeugt sein.

[01:08:57.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Mutter etwas macht, um mir gerecht zu werden, bringt gar nichts.

[01:09:05.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie muss überzeugt sein und das machen.

[01:09:09.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss ich als Familientherapeutin oft sagen: machen sie gar nichts, wovon sie nicht
überzeugt sind.

[01:09:20.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen das selbst tragen, selbst im Kopf haben.

[01:09:25.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter darf nicht aus Gehorsam mir gegenüber irgendetwas machen.

[01:09:29.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat mir letztens eine gesagt, sie hat einen Termin abgesagt.

[01:09:35.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hab ich gesagt: waren sie nicht zufrieden mit dem Ersttermin?

[01:09:39.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat sie gesagt: nein, nein, sie konnte ihre Hausaufgaben noch nicht erledigen.

[01:09:45.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hab ich gesagt: macht doch nichts, ich bin nicht Lehrerin, sie muss keine
Hausaufgaben von mir erledigen, sie macht's dann, wenn sie so weit ist.

[01:10:05.890] – Bemerkung 12
So diese Schere, wo man merkt, dass wir in der Erwachsenenwelt stark kognitiv denken
und mit der Erwachsenenbrille die Kinder erziehen.

[01:10:42.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Erziehung läuft über die Beziehung, übers Herz.

[01:10:45.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Da verwende ich dann immer den Antoine de Saint-Exupéry, der sagt: on ne voit bien
qu'avec le coeur.

[01:10:51.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Herz hat überhaupt keine Augen, aber man spürt es.

[01:10:56.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Den erwachsenen ADHS Menschen gegenüber, sage ich dann: il faut consulter votre
cœur.

[01:11:03.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Bevor sie eine Entscheidung treffen, müssen sie innehalten und warten und versuchen
zu spüren: was will ich eigentlich?

[01:11:14.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist mir wichtig? Ich sag sogar, die Augen zumachen und sich spüren.

[01:11:20.290] – Dr.med. Ursula Davatz
So kognitiv argumentieren, bringt gar nichts.

[01:11:24.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Bringt gar nichts.

[01:11:25.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ist Knochen ohne Fleisch, nicht mal Knochen.

[01:11:32.980] – Dr.med. Ursula Davatz

Wir sind natürlich sehr stark auf unser Großhirn fokussiert und meinen, über die
Kognition könnte man das Kind erreichen.

[01:11:45.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Eltern sehe im Tram oder auf der Straße, wie die auf das Kind einreden, muss
ich sagen: oh nein, bitte nicht. Weniger wäre mehr und mehr vom Herzen her.

[01:11:57.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind wir absolut verkopft.

[01:12:00.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache eine Kritik an der Psychiatrie.

[01:12:04.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiatrie hat sich ursprünglich entwickelt, aus der Philosophie.

[01:12:13.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben dann Konzepte, die wir unseren Patienten übertragen und wir schauen nicht
mehr, was eigentlich abläuft.

[01:12:21.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wieder der PDA.

[01:12:24.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind gehorcht mir nicht, ist ein falsches Kind, aber niemals, was habe ich falsch
gemacht?

Was sind die speziellen Herausforderungen bei ADHS?

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2026/05/VASK_22.5.2026.mp4.pdf

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

22.5.2025
Was sind die speziellen Herausforderungen im Umgang mit ADHS?

Audio

[00:00:00.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sind die speziellen Herausforderungen im Umgang mit ADHS?

[00:00:12.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann dürfen sie mich wieder unterbrechen oder Fragen stellen.

[00:00:20.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sind die speziellen Herausforderungen im Erzieherischen Umfeld und
therapeutischen Umgang?

[00:00:30.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin ja Therapeutin, ich habe drei Kinder erzogen, zusammen mit meinem Mann.

[00:00:39.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue jetzt das professionelle Erzieherische Umfeld an.

[00:00:44.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Erstes muss man sich merken oder bewusst sein, dass Gene nicht erzogen werden
können.

[00:00:55.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Gerhard Polt sagt: was die Gene/Natur versaut haben, kann nicht nur mit Schlägen/
Strafe korrigiert werden.

[00:01:02.309] – Dr.med. Ursula Davatz
Kennt ihn jemand?

[00:01:13.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Bringt das den Sinn rüber?

[00:01:19.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wurde jetzt gerade vom SRF angefragt, was ich dazu sage, wenn man sagt, ADHS
ist eine Modekrankheit.

[00:01:30.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss ich sagen: genetische Vererbung ist keine Mode.

[00:01:36.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Genetische Vererbung ist ein Fakt.

[00:01:41.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Zur Steinzeit, zur Jäger und Sammler Zeit, sagt man, 50% der Menschen hatten ein
ADHS-Genom.

[00:01:54.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute sind es noch 5%, jetzt geht es langsam etwas rauf, vielleicht 10%.

[00:02:01.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich behaupte, in den USA gibt es mehr davon, denn viele der ADHS-Genom-Besitzer
sind nach Amerika ausgewandert, weil man sie hier nicht toleriert hat.

[00:02:14.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Neue und das Explorative gehört ja zu den ADHS/ADS Menschen.

[00:02:23.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann nicht einfach eine Mode sein.

[00:02:26.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Man richtet die Aufmerksamkeit heutzutage vermehrt darauf.

[00:02:37.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Noch vor 40 Jahren, da haben die Fachleute, Kinderpsychiater, gesagt: das gibt es gar
nicht.

[00:02:47.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ELPOS war die Organisation, die sich dafür eingesetzt hat.

[00:02:51.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Frühkindliches POS.

[00:02:57.690] – Dr.med. Ursula Davatz
POS heißt Psychoorganische Störung.

[00:03:01.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Begriff wurde dann abgeschafft, wird heute nicht mehr verwendet, aber die ELPOS
heißt immer noch ELPOS.

[00:03:07.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Elternvereinigung von POS Kindern.

[00:03:11.330] – Dr.med. Ursula Davatz
https://elpos.ch/

[00:03:13.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Erstes muss man sich bewusst sein, es ist genetisch vererbt und Gene kann man
nicht erziehen.

[00:03:20.890] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Tierbeispiele zeigen: jeder Dompteur weiß, dass er artgerecht mit dem Tier
umgehen muss, wenn er irgendetwas erreichen will.

[00:03:37.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Menschen denken, jeder Mensch ist gleich und die Erziehung geht für alle.

[00:03:42.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt nicht.

[00:03:44.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erziehung geht für die Braven, für die Anpassungswilligen gut, aber für die
Widerspenstigen geht sie nicht so gut.

[00:03:56.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Albert Einstein hatte ADS, er war autistisch, er hat nicht geredet bis zum 5. Altersjahr.

[00:04:11.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Man wollte ihn aus der Kantonsschule rauswerfen.

[00:04:15.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Er ist in die gleiche Kantonsschule gegangen wie ich, in Aarau.

[00:04:20.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat es dann aber nicht gemacht und war dann sehr stolz später.

[00:04:25.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute heisst die Schule Einsteinhaus.

[00:04:28.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt einige Forscher, die mit Sicherheit ADHS/ADS hatten oder haben, die eben über
die Grenzen hinausdenken können und von dort her neue Dinge erfinden.

[00:04:42.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es auch Geschichten von solchen, die aus der Schule geschmissen wurden,
also nicht behalten wurden wie Einstein, sondern dann einen anderen Bildungsweg
gemacht haben und schlussendlich Nobelpreisträger wurden.

[00:04:57.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt viele Talente.

[00:04:58.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir unsere ADHS Kinder zu früh normieren wollen, dann zerstören wir Talente,
dann gehen uns Talente verloren, und das ist schade.

[00:05:12.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum sage ich: es ist wichtig, dass man sich bewusst wird, es ist eine genetische
Veranlagung und keine Modekrankheit, auch nicht einfach eine Lust, anders sein zu
wollen, die haben wirklich Probleme.

[00:05:31.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Umfeld nicht damit umgehen kann, dann macht man vieles kaputt und
erzeugt psychische Krankheiten.

[00:05:41.370] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Betroffene müssen dennoch lernen, mit ihrem andersartigen Hirn
umzugehen.

[00:05:48.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre die Sozialisierung, das wurde vorher ja auch schon gefragt.

[00:05:55.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht natürliche Autoritäten, Eltern, Lehrpersonen, die dem Kind helfen können,
dass es lernt, mit seiner Andersartigkeit umzugehen.

[00:06:12.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Da braucht es vielleicht mehr Anläufe und nicht schon beim ersten Mal.

[00:06:19.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Es läuft nicht über die Kognition, sondern es läuft über die Beziehung und die Geduld
der Erziehungsperson.

[00:06:29.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass die Erziehungsperson ihre Geduld ausleiht, sodass der ADHS-Betroffene langsam
seine Emotionsregulation erlernt.

[00:06:42.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt mache ich der Psychiatrie wieder einen Vorwurf.

[00:06:49.150] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Psychiatrie hat man Medikamente, also Psychopharmaka entwickelt, und die
helfen, Emotionen zu regulieren.

[00:07:00.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir natürlich sofort einem ADHS-Betroffenen und insbesondere Kind die
Emotionen regulieren über Medikamente, dann lernt diese Person nicht, sich selber zu
regulieren.

[00:07:17.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Ambition, meine Vorstellung ist, dass wir diese Menschen begleiten, dass wir
ihnen helfen, dass sie sich lernen zu regulieren, vielleicht etwas später, das Hirn reift
etwas später, und dass sie nicht gleich zu einer chemischen Problemlösung greifen.

[00:07:36.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe in letzter Zeit gehört, dass man schon einem 9-jährigen Kind ADHS-
Medikamente gibt, das sind Stimulantien, sämtliche ADHS-Medikamente sind

Stimulantien, und dann zusätzlich Neuroleptika, das sind Dopamin-dämpfende
Substanzen, die man eigentlich bei den Schizophrenen gibt.

[00:08:03.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Erwachsene, die heutzutage dann ADHS-Medikamente bekommen, dann nehmen die
zum Teil zu viel, und dann werden sie psychotisch.

[00:08:11.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich in meinem ersten Buch: ADHS und Schizophrenie, habe ich das ganz genau
verfolgt.

[00:08:17.398] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.somedia-buchverlag.ch/gesamtverzeichnis/deadhs-und-schizophrenie/

[00:08:18.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenie geht immer einher mit einem erhöhten Dopaminspiegel.

[00:08:26.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Dopamin ist das der Neurotransmitter, den wir brauchen, um aktiv sein zu können.

[00:08:35.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben davon in unserem motorischen Hirn und wir brauchen es, um etwas
anzugehen.

[00:08:42.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gibt man zuerst dem ADHS Kind das Ritalin oder ein anderes, das stimuliert, und
da sagt man, dann können die Kinder besser fokussieren.

[00:08:57.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann eine andere Beschreibung gelesen: eigentlich können sie gar nicht
besser fokussieren, eigentlich können sie sich dann einfach auch für Dinge
interessieren, die sie gar nicht interessieren.

[00:09:13.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ok, das ist in der Schule hilfreich, denn man muss alle Fächer abschliessen, speziell in
der Schweiz.

[00:09:22.150] – Dr.med. Ursula Davatz
In England sind es nur 4. Da sind es etwas weniger.

[00:09:27.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS-Medikamente, die erhöhen an sich den Stress und sind Amphetamine, die
dann Dopaminausschüttung erhöhen.

[00:09:42.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Menschen mit einem ADHS-Gehirn, die haben nicht weniger Dopamin, aber das
Dopamin wird schneller abgebaut.

[00:09:50.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem wir ihnen dann Medikamente geben, produzieren sie immer wieder mehr
Dopamin.

[00:10:00.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Se werden künstlich gestresst.

[00:10:05.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf der anderen Seite haben ADHS Menschen die Möglichkeit, wenn sie etwas
interessiert, dann sind sie überfokussiert.

[00:10:15.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann können sie nicht mehr aufhören.

[00:10:18.260] – Dr.med. Ursula Davatz

Von Albert Einstein hat man gesagt, wenn der mal begonnen hat zu rechnen oder da
seine Formeln, die Relativitätstheorie zu erarbeiten, das hat er ja unter dem Pult
gemacht in Bern bei einer Anstellung, neben der Arbeit an seinen Dingen gearbeitet,
was man ja eigentlich nicht dürfte.

[00:10:44.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ADHS Menschen an etwas interessiert sind, dann hören sie nicht mehr auf.

[00:10:49.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Albert Einstein hat vergessen zu essen, zu schlafen, sich zu erholen, und seine Frau
musste ihm immer sagen: jetzt musst du wieder essen, jetzt musst du schlafen gehen,
etc.

[00:11:01.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat die Regulierung übernommen.

[00:11:05.450] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn müssen Menschen mit ADHS lernen, Pausen zu machen, damit sie nicht in
diese übertriebene Hyperaktivität hineinkommen.

[00:11:18.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir also den ADHS Menschen die Emotionsregulation über Medikamente
organisieren, dann lernen die nicht.

[00:11:27.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein Ehrgeiz ist natürlich, dass die an sich sich besser selber kennenlernen.

[00:11:35.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre wieder: Consulter votre coeur.

[00:11:36.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen auch lernen, mit Emotionen umzugehen.

[00:11:51.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn in der Schule eine Interaktion läuft, die dann mit Aggression zu Ende geht, da ist
oft die Angelegenheit so: ein Kind provoziert das andere, das andere kann das nicht
aushalten und schlägt dann zurück.

[00:12:07.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Vom Lehrer wird nur das Schlagen wahrgenommen und zitiert und dann kritisiert oder
bestraft.

[00:12:17.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn beide zusammengenommen werden, dann muss sich das schlagende Kind
entschuldigen.

[00:12:23.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird in der Regel nicht gefragt, was war denn eigentlich, was dich provoziert hat?

[00:12:30.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wäre ganz wichtig, dass man immer den Interaktionsprozess anschaut und sagt:
was war los?

[00:12:38.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat dich geärgert?

[00:12:39.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat dich verletzt?

[00:12:40.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Aha, mhm, verstehe ich, kann ich nachvollziehen.

[00:12:44.040] – Dr.med. Ursula Davatz

Das wäre die Validierung der Gefühle.

[00:12:46.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man weitergehen und sagen: was könntest du machen ein nächstes Mal,
wenn wieder so etwas passiert?

[00:12:56.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Einer hat sich oft provoziert gefühlt von seinem Chef.

[00:13:06.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich gesagt: nächstes Mal, wenn sie sich provoziert fühlen, laufen sie lieber
davon, als dass sie dem Chef böse Worte nachsagen.

[00:13:15.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wurde natürlich kritisiert, man darf doch nicht weglaufen von der Arbeit. Aber das
war aus meiner Sicht das kleinere Übel.

[00:13:23.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war ein schweres ADHS (Erwachsener), aber der hat seinen Weg gemacht.

[00:13:36.240] – Bemerkung 1
Dopamin-Ausschüttung ist ein Glückshormon, oder?

[00:13:41.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja.

[00:13:46.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Man nimmt es nicht direkt unter Glückshormone, das sind die Endorphine.

[00:13:51.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein Hormon, das auch ein gutes Gefühl auslöst.

[00:13:55.560] – Bemerkung 1
Wenn ein Mensch mit Dopamin, mit ADHS, so ein Gefühl hat, dann ist er ja voll im
Tunnel.

[00:14:03.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja genau!

[00:14:05.330] – Bemerkung 1
Was kann ich dann machen, ob es ein Kind oder eine erwachsene Person ist, die ist da
in ihrem Tunnel, und ich möchte jetzt wieder agieren.

[00:14:16.430] – Bemerkung 1
Die Person zu begleiten, das kann ja schwierig sein in einer Schule oder sonst im
Alltag, die Person abzuholen.

[00:14:25.530] – Bemerkung 1
Auch möchte ich, dass sie in ihrem Spiel, in ihrer Freude, in ihrem Lernen da drin bleibt
und nicht zu cutten.

[00:14:35.910] – Bemerkung 1
Die Abgrenzung zwischen Überarbeiten, Stoppen; wie kann ich da als Person agieren?

[00:14:50.030] – Dr.med. Ursula Davatz
da ist meine Methode, dass man das Kind validieren muss in seiner Freude und seinem
Fokus.

[00:14:58.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiß, dass du das gerne machst, und ich weiß, du würdest noch ewig weitermachen
mit dem.

[00:15:05.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Realität ist aber dass wir weiterfahren müssen.

[00:15:10.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man sagen: du kannst jetzt noch 5 Minuten das weitermachen und dann
müssen wir ändern.

[00:15:20.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass die Änderung nicht so abrupt ist. Aufhören, was anderes.

[00:15:25.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Sondern dass man ihn validiert in seinem Interesse und sogar sagt: ich weiß, es ist
schwierig für dich aufzuhören.

[00:15:32.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist schon beim kleinen Kind, das mit irgendetwas spielt, das ist schwierig.

[00:15:37.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Tatsache ist, die Stunde geht weiter, oder die Mutter sagt: ich muss einkaufen
gehen, ich kann dich nicht alleine zu Hause lassen. In 10 Minuten gehen wir.

[00:15:51.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Manche stellen dann eine Sanduhr auf oder so was, muss man nicht, stellen den
Wecker.

[00:15:57.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Man bereitet den Wechsel vor, nicht abrupt, nicht abrupt.

[00:16:05.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sagen alle Eltern: die Kinder haben Probleme mit Wechseln.

[00:16:10.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Die bleiben drin.

[00:16:12.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum muss man den Wechsel ankündigen.

[00:16:15.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nicht 2 Stunden ankündigen, man kann nur in Minuten ankündigen.

[00:16:21.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage jetzt mal 10 Minuten.

[00:16:25.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind zum Arzt gehen muss, dann kündet man es Tage vorher an.

[00:16:32.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Morgen müssen wir dann, damit eine innere Vorbereitung passiert, damit sich das Hirn
einstellt, es kommt dann etwas.

[00:16:42.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Erwachsenen, ich begleite Studenten, die auf ihre Prüfungen lernen sollten.

[00:16:48.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Man redet ja von Aufschibitis, Procrastination, aufschieben.

[00:16:56.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Studenten muss ich dann sagen, sie müssen ihrem Hirn befehlen, im Hinterkopf,
am Donnerstag um 8 Uhr beginne ich das und das zu lernen.

[00:17:10.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Wann, an welchem Ort und was.

[00:17:14.380] – Dr.med. Ursula Davatz
An dem Tisch, der muss sauber gemacht werden, damit man nicht abgelenkt wird.

[00:17:21.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Das braucht eine gewisse Disziplin.

[00:17:23.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Die, die das begreifen, die machen dann ihre Prüfungen.

[00:17:27.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Gleiche, wie dass man dem Kind sagen muss: In 10 Minuten müssen wir
gehen.

[00:17:35.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf validieren: ich weiß, es ist wahnsinnig spannend.

[00:17:39.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann auch sagen: wir gehen einkaufen und machen das, dann und dann kannst du
wieder weitermachen.

[00:17:48.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Macht das Sinn?

[00:17:50.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nicht abrupt das Steuer herumreißen, das funktioniert gar nicht.

[00:17:57.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat man einen Zornanfall oder eine totale Verweigerung oder eben einen
Meltdown.

[00:18:03.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sagt: es eilt, es pressiert, ne, pressieren geht gar nicht.

[00:18:08.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss quasi alle Zeit von der Welt haben, auch wenn man es nicht hat, also so
ruhig bleiben.

[00:18:17.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss natürlich auch der Lehrer vermitteln.

[00:18:23.490] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn muss er etwas vorher, er nimmt das Kind wahr, das macht da irgendetwas,
und er muss etwas vorher ankündigen: jetzt musst du dann wieder zur Gruppe zurück.

[00:18:35.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiatrie verwendet Emotionskontrolle über Medikamente, ja, und dann lernt die
betreffende Person nicht, sich selbst zu regulieren.

[00:19:02.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Schizophrenen sind in einem Zustand des Hyperarousal.

[00:19:12.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, sie sind überangeregt, überangetrieben.

[00:19:16.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Es zeigt sich meistens, dass sie nicht mehr schlafen können.

[00:19:20.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Manisch-Depressiven, die sind dann da in einer Manie, die schlafen nur noch vier
Stunden oder weniger, die überrennen alles, überrennen alle Grenzen, und das ist dann
eben zu viel Dopamin.

[00:19:35.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man dann das Dopamin runterholen, indem man Neuroleptika gibt, also
Medikamente, die gegen Schizophrenie verwendet werden.

[00:19:45.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage werden diese Neuroleptika auch als Schlafmittel verwendet und so weiter,
zum Beruhigen am Tag.

[00:19:53.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Was damit aber passiert, ist dann, dass die weniger Dopamin haben und sich nicht so
gut fühlen.

[00:20:00.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum setzen die meisten Psychotiker, also Schizophrenen oder Manisch-Depressive,
ihre Medikamente irgendwann mal ab, weil sie sich nicht richtig spüren.

[00:20:14.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS Kinder, wenn die Ritalin bekommen oder ein anderes ADHS Medikament,
manche sagen auch, ich bin nicht mehr mich selbst, ich habe es nicht so gerne.

[00:20:27.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum verwende ich dann Medikamente häufig auch nur unter der Woche, wenn die in
die Schule gehen, oder der Lehrling kann es nehmen, wenn er in die Schule geht, aber
wenn er am Arbeitsplatz ist, nicht.

[00:20:40.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Er muss es nicht nehmen, weil da ständig Anforderungen kommen, und all diese
Anforderungen bewirken dann, dass Dopamin ausgeschüttet wird.

[00:20:49.740] – Dr.med. Ursula Davatz

Manche Eltern sagen: oh, ich will, dass er es am Wochenende nimmt, dann ist er ein
angenehmerer Bub.

[00:20:57.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss ich den Eltern überlassen, da kann ich auch nicht reinreden, aber ich bin
immer für das natürliche Regulieren.

[00:21:12.520] – Bemerkung 2
Wenn jetzt künstlich oder wenn ich jetzt durch ein Medikament die Dosis Dopamin
bekomme, heißt das dann auch, dass mein Körper eigenes weniger produziert, weil es
ja von außen kommt?

[00:21:28.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Fall bei Antidepressiva.

[00:21:33.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS-Medikamente sind selber nicht Dopamin, aber sie bewirken eine
Dopaminausschüttung.

[00:21:45.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie fest da der Gewöhnungseffekt ist, kann ich eigentlich nicht sagen.

[00:21:50.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Suchtmittel machen das, die ersetzen dann die eigenen Endorphine.

[00:21:58.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es wegnimmt, dann fühlt man sich schlecht.

[00:22:02.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Antidepressiva ist das so, darum muss man langsam ausschleichen.

[00:22:09.780] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich sagt man nur bei den Suchtmitteln, dass das so ist, dass der Körper sich daran
gewöhnt.

[00:22:19.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Da wird weniger ausgeschüttet, und darum bekommt man alle möglichen
Stresssymptome, wenn man entzogen wird.

[00:22:29.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist dann die Entziehung, das geht eine gewisse Weile.

[00:22:38.620] – Bemerkung 3
Das mit dem Medikament Ritalin, ist es auch so, dass die Kinder dann eben nicht
schlafen können deswegen? Das höre ich immer wieder, dass sie nicht schlafen wegen
des zu viel Dopamins, dann sind sie bis 22 Uhr wach und die Eltern sind sonst schon
müde.

[00:22:57.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Sämtliche ADHS Medikamente sind Stimulantien.

[00:23:03.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie werden auch auf der Gasse gehandelt als Stimulantien, Amphetamine.

[00:23:08.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Drum darf man das direkt Wirksame, überhaupt alle, nicht mehr am Abend geben.

[00:23:17.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben zum Teil eine unterschiedlich lange Wirkung.

[00:23:20.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Concerta wirkt dann über den ganzen Tag.

[00:23:24.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gibt es einen Rebound.

[00:23:29.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Der kann unangenehm sein.

[00:23:32.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Medikament wegfällt, dann reagiert das Gehirn wieder darauf und das kann
unangenehm sein.

[00:23:43.030] – Bemerkung 3
Er hat schon Ritalin einfach dreimal am Tag, aber kann dann nicht schlafen.

[00:23:52.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Dritte würde ich weglassen.

[00:23:56.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das schnell wirksame Ritalin wirkt ungefähr 4 Stunden, und dann darf man es natürlich
nicht mehr geben.

[00:24:09.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Kommt drauf an, wenn das Kind ins Bett geht.

[00:24:12.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Ritalin noch aktiv ist, nein, dann kann man nicht schlafen.

[00:24:24.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind ja Weckamine, also so heißt es auch.

[00:24:27.910] – Dr.med. Ursula Davatz

Man wird geweckt.

[00:24:30.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Appetit kann auch zurückgehen.

[00:24:33.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum sagt man: zuerst essen und dann die Tablette.

[00:24:37.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie schon nimmt vor dem Essen, dann kann man nicht mehr essen.

[00:24:46.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Medikamente werden auch verwendet als Anti-Appetizer, zum Abnehmen.

[00:24:56.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ein Weckamin noch am Abend nimmt, dann kann man die ganze Nacht
durchlernen.

[00:25:04.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher haben Studenten alle Amphetamine genommen, um zu lernen.

[00:25:10.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt sagt man, in Amerika sind ungefähr 60 oder 70%, die Medikamente nehmen, um
ihre Prüfungen zu machen.

[00:25:33.060] – Bemerkung 4
Was sagen wie zu neueren Forschungen zur Epigenetik, die das ja wieder ein bisschen
infrage stellt, dieses Thema der genetischen Prägung, dass das viel variabler ist als
angenommen?

[00:25:45.940] – Dr.med. Ursula Davatz

Epigenetik ist ein neues Forschungsgebiet, hochinteressant.

[00:25:50.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird jetzt immer mehr investiert, und da geht man sogar so weit, dass die Epigenetik
über Generationen hinweg weitergeht, also das vererbt wird.

[00:26:01.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Gene haben viele Anlagen, die werden dann dem Umfeld ausgesetzt, und je
nachdem, wie interagiert wird, wird etwas festgelegt.

[00:26:14.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her ist die epigenetische Forschung natürlich hochinteressant.

[00:26:19.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war schon an Tagungen, da man solche Dinge gebracht hat.

[00:26:24.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Die waren noch nicht so weit.

[00:26:26.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben immer mehr Anlagen und mehr Möglichkeiten, und über die Aussetzung im
Umfeld werden dann verschiedene Sachen gekappt.

[00:26:39.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das, was ich am Anfang gesagt habe wegen der Muttersprache.

[00:26:44.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann dann andere Töne ausblenden.

[00:26:49.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Kleinkind kann man noch nichts ausblenden.

[00:26:52.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Epigenetik, die kommt dann zum Zug in der Interaktion mit dem Umfeld.

[00:27:04.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Da war zum Beispiel eine Aussage: wenn eine Mutter zu viel gestresst wird und sie ist
schwanger, dann hat das eine Auswirkung auf das Kind.

[00:27:16.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Hyperarousal vielleicht.

[00:27:19.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber wenn sie gar nicht gestresst wird, ist auch nicht gut.

[00:27:22.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht immer etwas Stimulierung.

[00:27:29.700] – Bemerkung 5
Gut zu wissen.

[00:27:35.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Zimmerpflanzen, die sind so schlabberig und darum sagt der Gärtner, man muss sie ab
und zu etwas bewegen, damit die mehr Härte entwickeln.

[00:27:48.960] – Dr.med. Ursula Davatz
So sind wir wahrscheinlich auch konstruiert.

[00:27:51.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen auch Probleme erfahren, Stress erfahren, damit wir lernen, damit
umzugehen.

[00:27:59.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn ist ein Anpassungsorgan.

[00:28:09.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn muss immer wieder neuen Situationen ausgesetzt werden, damit es
weiterhin lernt.

[00:28:16.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man neuen Situationen ausgesetzt wird und lernt, damit kompetent umzugehen,
wird das Gehirn immer komplexer, also komplexer organisiert und gleichzeitig
anpassungsfähig.

[00:28:34.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Klingt fast wie ein Widerspruch.

[00:28:40.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin keine Epigenetikerin, ich schaue etwas, was da passiert, und lese dann auch
nach, und es ist interessant.

[00:28:49.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Epigenetik passiert eine Methylierung und da werden eher Dinge dann
abgeschaltet.

[00:29:00.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele Möglichkeiten und man muss abschalten.

[00:29:06.310] – Bemerkung 6
Ich hab mal gehört, dass der Körper sehr schwarz-weiß funktioniert.

[00:29:29.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Körper hat natürlich nur beschränkte Möglichkeiten, Reaktionsmöglichkeiten.

[00:29:46.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Intellekt hat viele Möglichkeiten.

[00:29:50.450] – Dr.med. Ursula Davatz
In meinem Buch habe ich geschrieben: wann lässt die Seele den Körper sprechen?
Wenn der Mensch mit seinem Intellekt seine Problematik, die im limbischen System
steckt, also aus dem Gleichgewicht eigentlich, wenn der Mensch das Gleichgewicht nur
intellektuell herstellt und nicht ganzheitlich, dann kann passieren, dass dann diese
Überreaktion im emotionalen Gehirn in das vegetative Nervensystem geht, und dann
gibt es Körpersymptome.

[00:30:31.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt es auch bei den ADHSlern.

[00:30:33.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben ein leichter erregbares emotionales System.

[00:30:37.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das alles intellektuell unterdrückt wird, dann gibt's schlussendlich Probleme.

[00:30:44.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben wir die Psychosomatik.

[00:30:46.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein neues Fach in der Medizin, jetzt auch nicht mehr so neu. Da ist dann meine
Haltung, man muss das Problem wieder zurücknehmen in die Interaktion, in das
Erlebnis, um den Körper zu entlasten.

[00:31:05.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sagt, der Körper denkt schwarz-weiß, tut man meiner Meinung nach …

[00:31:14.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben ein vegetatives Nervensystem, das kann auf aktiv schalten oder auf passiv,
auf Erholung.

[00:31:22.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Sympathikus ist aktiv, Parasympathikus ist passiv und erholend.

[00:31:31.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nur immer auf aktiv geht, also, und der Intellekt macht das, dann schädigt
man seinen Körper.

[00:31:42.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist das eine Antwort drauf?

[00:31:44.070] – Bemerkung 6
Ja.

[00:31:46.340] – Bemerkung 7
Bei neudivergenten Kindern und Jugendlichen habe ich so die Erfahrung gemacht, sie
fragen mich ab und zu, ja, kann ich ein Cola oder Red Bull trinken? Der erste Gedanke:
dann sind sie noch aktiver.

[00:32:15.750] – Bemerkung 7
Im Gegenteil, haben sie gesagt, ich kann noch besser lernen, wenn ich ein Red Bull
trinke zum Lernen.

[00:32:21.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das ist der gleiche Effekt wie vom Ritalin, von den ADHS-Medikamenten.

[00:32:28.920] – Dr.med. Ursula Davatz

ADHS-Medikamente sind Stimulantien, Cola ist ein Stimulantium, Red Bull ist ein
Stimulantium.

[00:32:37.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wollten den Red Bull noch verbieten, ich habe lange in der Suchtarbeit gearbeitet,
und wir wollten das verbieten, hat natürlich überhaupt nicht funktioniert.

[00:32:47.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Da tut er sich mit Cola, Red Bull, und die Erwachsenen machen es dann mit Kaffee,
stimulieren, um wieder aufmerksam zu sein.

[00:32:59.060] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich ist es keine gute Methode, aber aus meiner Sicht, aber es ist natürlich das
Gleiche wie das Ritalin.

[00:33:10.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es stimuliert auch.

[00:33:11.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt dann zum Beispiel Menschen, die Koffein zu sich nehmen, also Kaffee, und
ruhig sind, also sonst ein ruhiges Temperament haben, denen macht das nichts.

[00:33:25.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Menschen, die schon gestresst sind, wenn die dann noch Kaffee trinken, geht der
Blutdruck hoch.

[00:33:31.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wieder nicht gut. Alles Stimulantien.

[00:33:42.240] – Bemerkung 8
Red Bull ist nicht so toll, wie ist es mit dem Sport?

[00:34:06.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann auch sportsüchtig werden.

[00:34:12.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle körperlichen Bewegungen, die erhöhen die Dopaminausschüttung.

[00:34:18.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat festgestellt, in den Klassen, nach der Sportstunde konnten die ADHS Kinder
besser aufpassen.

[00:34:28.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt.

[00:34:29.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann auch wieder süchtig darauf werden.

[00:34:34.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Regelmäßige Jogger, die kommen in einen Entzug, wenn sie irgendwo an einem
Business-Meeting sind und ihren Sport nicht betreiben können.

[00:34:50.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch Jogging-Entzug.

[00:34:53.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann natürlich auch ein anderer Sport sein.

[00:35:00.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Sport zu verwenden als Regulierung ist eine gute Sache.

[00:35:04.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es übertreibt, ist wieder nicht gut.

[00:35:07.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann süchtig darauf werden.

[00:35:08.650] – Bemerkung 9
Was ist Omega-3-Fettsäuren und Ritalin?

[00:36:09.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann die von Indien beziehen.

[00:36:09.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Man redet ja jetzt immer mehr von Mikrobiom.

[00:36:15.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man macht den Zusammenhang zwischen Darm und Gehirn.

[00:36:21.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man sagen, ja, was hat das miteinander zu tun?

[00:36:25.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist evolutionsgeschichtlich auch wieder wichtig, denn wir sollten nichts Falsches
essen.

[00:36:32.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Es stimmt, wenn unser Darm, unsere Kolonie, unsere Darmbakterien gut ausgeglichen
sind, dann geht es auch dem Gehirn besser.

[00:36:44.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn muss ja, wie soll ich sagen, Dysbalancen merken und dann etwas machen,
damit das wieder ausgeglichen wird.

[00:36:52.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich finde es eine gute Sache, ich bin überhaupt nicht dagegen.

[00:36:56.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern, die das den Kindern geben wollen, da verschreib ich es auch.

[00:37:03.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie es genau wirkt, kann ich nicht sagen.

[00:37:10.930] – Bemerkung 10
Was ist mit der Hypnosetherapie und dem Neurofeedback?

[00:37:11.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Neurofeedback ja.

[00:37:17.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Hypnosetherapie für die Eltern aber nicht für das Kind.

[00:37:17.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind muss noch lernen, das muss mit allem umgehen lernen.

[00:37:18.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern über die Hypnosetherapie sich beruhigen können, noch so gerne.

[00:37:39.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ja dann wie ein Über-Ich oder ein, was soll ich sagen, eine höhere Instanz, die
dann da beruhigt.

[00:37:49.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Für die Eltern ja, fürs Kind nicht.

[00:37:52.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Biofeedback/Neurofeedback, da bringt man dem Gehirn bei, ruhiger zu werden.

[00:38:08.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald die Gedanken weggehen, zum Fenster rausschauen, dann schaltet der Film ab.

[00:38:18.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt ein Feedback: jetzt bist du abgelenkt.

[00:38:23.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Manche können über das lernen, sich zu fokussieren und konzentrieren.

[00:38:29.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Patientin, die war sicher ein ADHS, die habe ich auch ins Neurofeedback
geschickt, und die hat gesagt, es hat mich noch nervöser gemacht.

[00:38:42.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die hat so stark versucht, das richtig zu machen, dass gar nichts gegangen ist.

[00:38:48.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hab ich gesagt: Nein, bei Ihnen wirkt es nicht.

[00:38:52.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die wollte eine brave Schülerin sein, und das hat überhaupt nicht funktioniert.

[00:38:58.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gleiche Phänomen: man kann so Bilder zeigen aus Punkten, fuzzy logic, also
unscharf sehen.

[00:39:09.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man so etwas unscharf schaut, dann sieht man auf einmal die Figur.

[00:39:14.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zu genau schauen will, sieht man gar nichts. Ja, das kann einem dann
ärgern.

[00:39:23.280] – Bemerkung 10
Thematik: geht es in Richtung Mode-Diagnose oder war es schon immer da? Da kam
dann noch ein Punkt hinzu: ja, unsere heutige Gesellschaft fördert das ja auch ein
bisschen.

[00:39:49.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Fördert was?

[00:39:52.660] – Bemerkung 10
Man hat viel mehr Eindrücke, die auf einen einprasseln, wie vor 10, 20 oder dann 50
Jahren. TikTok, was ja eigentlich darauf konzipiert ist, in einem Takt neue Impulse zu
geben.

[00:40:21.010] – Bemerkung 10
Wie sehen Sie das?

[00:40:25.130] – Bemerkung 10
Letztendlich sind ja fast alle TikTok-süchtig, es sind jetzt nicht nur die ADHS-Kinder, also
bei der jüngeren Generation viele.

[00:40:39.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere heutige Gesellschaft ist natürlich sehr darauf aus, auf Leistungsoptimierung und
bei der Industrie Gewinnoptimierung.

[00:40:52.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Videospiele sind darauf angelegt, die Aufmerksamkeit des Kindes zu fangen und
wieder einzuschalten und zu konsumieren.

[00:41:04.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Da beginnen jetzt langsam, wie soll ich sagen, Anklagen an diese Firmen, dass die
unsere Jugend krank machen, bewusst, um Geld zu verdienen.

[00:41:18.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind noch nicht so weit, aber Australien hat ja dann die Benutzung der Handys
verboten bis 16.

[00:41:33.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Kollegin getroffen letztens, die war in Australien, und die hat gesagt, man
merkt schon die Verbesserung.

[00:41:44.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendlichen gehen wieder miteinander um und reden mehr, sind, wie soll ich
sagen, ruhiger etc.

[00:41:54.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt das Buch von Jonathan Haidt.

[00:41:57.290] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Jonathan_Haidt

[00:41:57.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Er bringt x Studien, also wissenschaftliche Studien, die aufzeigen, wie die Kinder
geschädigt werden über diese Medien.

[00:42:17.000] – Bemerkung 11
Würden Sie sagen, dass bei ADHS Kindern man genauer oder ein bisschen strikter sein
muss, beim Umgang mit zum Beispiel mit Videospielen und diesen Medien, weil die
Selbstregulierung weniger ist? Oder würden sie jetzt da nicht unterscheiden zwischen
neu und vorherigen?

[00:42:42.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sag, ADHS Kinder sind eher geneigt, süchtig zu werden, sei dies chemische
Substanzen oder auch solche Mittel.

[00:42:52.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her ist es für Eltern von ADHS Kindern schwieriger, und sie sagen jetzt strikter,
konsequenter, Ich muss mit allen Eltern das so etwas erarbeiten, aber ich unterstütze
sie darin, dass sie klar sagen, klare Regeln haben, nur so und so viel pro Tag und nur
so und so viel übers Wochenende.

[00:43:17.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Kein Mobile am Tisch, wenn man eigentlich miteinander redet und so weiter.

[00:43:22.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Leute, die dann zu mir kommen, da ist es oft schon völlig aus dem Ruder gelaufen.

[00:43:28.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann ich nur langsam dahin führen.

[00:43:32.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde Eltern sicher raten, da konsequent und klar zu sein.

[00:43:41.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht einfach.

[00:43:44.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sagen dann: ja, dann kann ich nicht mit meinen Kollegen telefonieren, dann bin ich
isoliert.

[00:43:49.650] – Dr.med. Ursula Davatz

Jonathan Haidt sagt, Kinder die die so viele Medien verwenden, sind mehr isoliert, als
die, die miteinander reden.

[00:43:49.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht eine starke Haltung als Erzieher.

[00:44:10.060] – Bemerkung 12
Ich habe eine Frage, ich möchte zurückkommen auf den Darm. Haben sie Erfahrung
mit der Ernährung? Ich habe gehört, dass zu 95% der Serotoninausschüttung vom
Magen kommt, nicht vom Gehirn. Der Magen hat also einen grossen Einfluss auf den
Ausgleich. Arbeiten sie mit der Ernährung?

[00:44:38.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Prinzipiell verwende ich es nicht.

[00:44:42.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Eltern darauf zu sprechen kommen, und das ist jetzt auch wieder: highly
processed food, also stark verarbeitetes Essen, da kommen jetzt dauernd
Informationen.

[00:44:56.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Besser wäre natürliches Essen, selbst zubereitetes Essen und kein Fast Food.

[00:45:05.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sag es schon, aber ich missioniere nicht.

[00:45:17.430] – Bemerkung 13
Erste Frage: Medizinisches Cannabis, sogenanntes CBD, aus Beruhigungsmitteln. Es
wurde sehr berühmt, als Beruhigungsmittel ausgestellt.

[00:45:44.620] – Bemerkung 13

Die zweite Frage: das Kind wurde im Heim in der Schweiz platziert und ADHS noch
nicht diagnostiziert und trotzdem haben die Eltern dem Kind Medikamente gegeben.

[00:46:10.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist, wie wir Ärzte sagen, nicht lege artis (kunstgerecht).

[00:46:13.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte das Medikament nicht geben, wenn es nicht klar entschieden ist.

[00:46:25.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war wie gesagt lange in der Drogenarbeit.

[00:46:35.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte viele Drögeler und Eltern von Drogenkindern.

[00:46:38.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein erstes Buch war dann: Wie bewahren wir unsere Kinder vor der Drogensucht?

[00:46:43.030] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.ganglion.ch/pdf/Wie%20bewahren.pdf

[00:46:44.230] – Dr.med. Ursula Davatz
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2026/05/Wie_bewahren_wir_unsere_Kinder_vor_der_Drogensucht.pdf

[00:46:47.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin da auch wieder etwas kritisch.

[00:46:49.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann mal an einer Tagung gesagt, ich bin gegen Cannabis-Legalisierung.

[00:46:57.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin dagegen, weil Cannabis bei Menschen mit ADHS schneller eine Schizophrenie
auslöst.

[00:47:08.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Cannabis ist eine halluzinogene Droge und das ADHS-Gehirn ist empfindlicher darauf.

[00:47:17.250] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS-Familien, und einer ist nach Amsterdam gereist und hat nach einem Haschisch-
Konsum, buh, psychotisch geworden.

[00:47:27.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich den wieder runtergebracht habe.

[00:47:32.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ihm kurz Medikamente gegeben, und aus diesem Grund bin ich gegen die
Legalisierung.

[00:47:38.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist für mich eine Verharmlosung, man hat dann immer von harten und weichen
Drogen geredet, und Haschisch war nur eine weiche Droge.

[00:47:50.100] – Dr.med. Ursula Davatz
In Bezug auf Schizophrenie-Auslösung ist Haschisch schlimmer als die anderen
Drogen.

[00:48:00.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir gehen jetzt trotzdem in diese Richtung, dass das legalisiert wird.

[00:48:07.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das CBD ist eine spezielle Form von Haschisch.

[00:48:13.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine Patientin, hochsensibel, und die hat das schon verwendet, und die hat es
verwendet, um schlafen zu können.

[00:48:21.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Der habe ich es dann nicht weggenommen, sondern auch verschrieben.

[00:48:26.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich mitgemacht.

[00:48:28.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde es nie als Medikament erster Wahl verschreiben.

[00:48:33.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kritisiere ich die Psychiatrie wieder und sage: an sich ist es ein Ausverkauf der
Psychiatrie, dass sie meint, sie müsse jetzt mit LSD und Cannabis experimentieren.

[00:48:50.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Dr. Albert Hofmann selbst kennengelernt, der das LSD in die Welt gebracht
hat, synthetisiert hat.

[00:49:00.537] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Hofmann

[00:49:00.600] – Dr.med. Ursula Davatz
In Königsfelden der Professor F. Gnirss, er hat seine Habilitation gemacht über LSD.

[00:49:11.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Man redet da von psycholytischer Therapie.

[00:49:16.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt wird das auch wieder gemacht. Schwere Neurotiker, ich sag es so, es ist keine
Diagnose mehr.

[00:49:24.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Leute, die sehr verkrampft sind und an etwas festhalten, die gehen jetzt auf LSD-
Erfahrungstrips oder Psilocybin, also Halluzinogen-Erfahrungstrips, um Ihre
Verknorztheit, kann ich jetzt sagen, um Ihre gute Erziehung etwas loszuwerden.

[00:49:44.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin Therapeutin und ich will Ihnen das anders erlauben als über chemisch induzierte
Entwicklung.

[00:49:56.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich wieder das Gleiche: Die Emotionsregulation muss nicht über Dämpfer,
Stimulantien oder Dysregulierer, so wie LSD, passieren, die kann der Mensch selber
voranbringen.

[00:50:13.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bin ich sehr naturorientiert.

[00:50:19.210] – Bemerkung 13
Viele Therapeuten schreiben vom Schlafmittel.

[00:50:24.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiß, für mich ist es ein Ausverkauf der Psychiatrie.

[00:50:35.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Man verschreibt ja auch Neuroleptika als Schlafmedikation, damit diese Hyperaktivität
runterkommt.

[00:50:42.500] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Leute sagen ja auch, ich hab da dauernd ein Gewirr im Kopf.

[00:50:49.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Das einzige Schlafmedikament, das ich jetzt verschreibe, ist QUVIVIQ.

[00:50:56.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle anderen Schlafmedikamente, die dämpfen.

[00:51:00.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das QUVIVIQ funktioniert nicht auf dem gleichen Mechanismus.

[00:51:14.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt sage ich noch etwas zum Schlaf.

[00:51:16.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir träumen ja im Schlaf, im REM-Schlaf.

[00:51:22.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Der REM-Schlaf geht quasi den Tag so etwas durch.

[00:51:27.520] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich ist das gemacht, um unwichtige Dinge herauszuwerfen.

[00:51:34.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich wird in der Nacht, wird entsorgt.

[00:51:38.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn etwas zu anstrengend ist oder nicht gelöst ist, dann passiert ein Traum.

[00:51:45.810] – Dr.med. Ursula Davatz

Im REM-Schlaf, wenn man es beobachtet, da bewegen sich Leute, manche stehen
sogar auf.

[00:51:54.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die, die nachtwandeln, wahrscheinlich ist das auch REM-Schlaf, die laufen sogar im
Zeugs rum.

[00:52:01.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle dämpfenden Schlafmittel, die unterdrücken den REM-Schlaf.

[00:52:08.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich müsste man ja im REM-Schlaf seine Dinge verarbeiten, respektive löschen,
und wenn im Traum etwas kommt, dann muss das am Tag wieder bearbeitet werden.

[00:52:21.570] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinne arbeite ich mit den Menschen, ich frage: haben sie geträumt?

[00:52:25.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die berichten mir auch wieder, ich habe den und den Traum gehabt. Ich lasse sie dann
immer den Traum schildern.

[00:52:32.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe nie Traumanalyse gelernt, aber im Laufe der Zeit habe ich mir etwas
Kompetenz angeeignet.

[00:52:42.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann interpretiere ich das, und dann sieht man in den Traumbildern, entweder ist es
etwas nicht Verarbeitetes von früher oder etwas Voraussehendes, wo es hingehen
könnte.

[00:52:55.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind die im Traum dann quasi mutiger als am Tag.

[00:53:03.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe jetzt etwas weit ausgeholt.

[00:53:06.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben mich dazu veranlasst.

[00:53:10.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle anderen Medikamente unterdrücken den REM-Schlaf.

[00:53:15.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiß nicht, was CBD macht, ob das den REM Schlaf unterdrückt oder noch
fantasievoller macht.

[00:53:32.340] – Dr.med. Ursula Davatz
CBD ist nicht das Medikament meiner ersten Wahl, aber ich bin nicht so dogmatisch,
eben, ich hatte eine Patientin, der habe ich es dann auch verschrieben.

[00:53:55.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bin ich relativ pragmatisch aber ich greife nicht als Erstes dazu.

[00:54:01.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Menschen mit ADHS denen darf man nicht befehlen, sondern man darf nur à la Jesper
Juul: "ich will", also dem Kind darf man sagen, ich will, dass das gemacht wird.

[00:54:28.510] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Kinder müssen intrinsisch motiviert werden.

[00:54:35.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, man muss ihr Interesse gewinnen.

[00:54:38.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hatten wir gerade gestern einen Fall, ein junger Mann, der ins Gymnasium gehen
sollte, aber einfach nichts lernt.

[00:54:49.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Der findet die Schule langweilig und die Lehrer, die kommen überhaupt nicht raus, er
weiß viel mehr.

[00:54:55.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat die Lerntherapeutin gefragt, wie bringe ich den trotzdem dazu, sonst kommt er
nicht ins Gymnasium.

[00:55:03.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich dann auch gesagt, also, und das ist ein allgemeines Prinzip, man muss
schauen, was die gut können, was die interessiert, auf diesen Wagen aufspringen und
dann den etwas um- umleiten.

[00:55:18.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich ihr gesagt, sie soll ihm sagen, was ihn denn da so interessiert, er soll es
ihr erklären, er soll es ausführlich erklären, so wie er das gerne hat, und dann wieder
runterbrechen einfach auf den Lehrer oder die Lehrerin.

[00:55:41.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie soll mit seiner Eigenschaft, mit seinem Interesse soll sie arbeiten und sich sogar
einbringen.

[00:55:51.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Du kannst mir erklären, sodass ich es verstehe, als Laie, und dann bringen wir es
wieder runter auf eine einfache Art.

[00:56:02.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht kannst du dann der Lehrerin eher folgen und halt diese Prüfungen machen.

[00:56:09.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sie immer bei ihrem Interesse holen und das Interesse dann verwenden.

[00:56:14.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Also quasi etwas verführen.

[00:56:18.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Macht das Sinn?

[00:56:22.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Mütter, die das mit ihren Kindern gut können, die machen das.

[00:56:27.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind sollte sich anziehen und dann wird irgendein Wettlauf gemacht, wer hat
schneller sich angezogen und so weiter.

[00:56:36.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendeine Interaktion draus machen und das Kind abholen, dort wo es ist.

[00:56:41.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Einfach ausgedrückt: ADHS Kinder müssen intrinsisch motiviert werden, das heißt von
sich heraus. Man muss ihr Interesse wecken und dann geht's.

[00:56:51.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ihnen Befehle gibt, dann geht gar nichts.

[00:56:54.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, jetzt komme ich da schon zu was anderem.

[00:57:09.970] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich habe dann noch den Untertitel gemacht: Umgang mit ausländischen Familien.

[00:57:17.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist das gut, wenn ich das noch bringe?

[00:57:20.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Also die Schweiz, wir stehen ja jetzt vor der 10 Millionen Initiative.

[00:57:23.957] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.srf.ch/news/schweiz/abstimmung-vom-14-juni-initiative-keine-10-mio-schweiz-sechs-argumente-im-faktencheck

[00:57:32.440] – Bemerkung 15
ADHS Kindern muss man eigentlich wie so Zeit geben? Wenn das Kind nicht folgt, was
macht man dann?

[00:58:06.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Nie etwas mehr als dreimal sagen.

[00:58:12.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Besser ist nur einmal.

[00:58:14.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es nicht folgt, das habe ich ja auch in den Dos and Don'ts drin in meinem Buch.

[00:58:21.837] – Dr.med. Ursula Davatz
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2024/06/13-TIPPS-FUeR-ERZIEHENDE.pdf

[00:58:22.080] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn sie sich nicht durchsetzen können mit dem, was wie wollen, ich habe ja vorher
gesagt, wenn man etwas durchsetzen will, muss man wirklich überzeugt sein, man will
das durchsetzen.

[00:58:34.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es nicht geklappt hat, das Kind nicht gefolgt hat, dann muss man schauen, war
man selber nicht ganz überzeugt, etwas ambivalent?

[00:58:46.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind merkt das sofort und dann geht es nicht.

[00:58:50.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man schauen, wie hat man es dem Kind beigebracht?

[00:58:55.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat man da etwas nicht so geschickt gemacht?

[00:58:59.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Und dann als Drittes muss man sich fragen: ist es der schlechte Moment?

[00:59:05.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Keine Regel ohne Ausnahme, aber die Ausnahme sollte nicht zur Regel werden.

[00:59:11.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frau, die gesagt hat, ich war regelmäßig konsequent inkonsequent, das ist nicht
gut, das lernen dann die ADHS Kinder.

[00:59:20.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dann etwas durchsetzen will, dann muss man es durchsetzen, also wenn
man beschlossen hat, und dann muss man auch auf sich nehmen, dass etwas kaputt
geht, dass, ich sage jetzt, das ganze Mobiliar verschlagen wird, nein, muss nicht immer

so sein, dann muss man die Aggression des Kindes aushalten, und da habe ich dann
die Haltung, du kannst mir die schlimmsten Wörter anhängen, ich will es trotzdem.

[00:59:53.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind disqualifiziert ja dann die Mutter oder den Vater, sagt böse Dinge, sagt
Fluchwörter und so weiter und so weiter, und von all dem darf man sich nicht abbringen,
ich will es trotzdem.

[01:00:09.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Macht das Sinn?

[01:00:10.550] – Bemerkung 15
Sehr.

[01:00:11.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja und da muss man vorher drauf gefasst sein. Es kann sein, ich bringe es nicht durch,
aber ich bleibe dabei.

[01:00:19.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es natürlich dann auch Handgemengen.

[01:00:21.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind sollte aufräumen, bevor es ausgeht.

[01:00:24.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man an der Tür stehen und da gibt es Kampf.

[01:00:29.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man nicht einfach sagen und dann weggehen und denken, dann sei es
gemacht.

[01:00:33.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss bereit sein, diese Energie einzusetzen.

[01:00:40.990] – Bemerkung 15
Und aushalten.

[01:00:43.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, genau, man muss es aushalten und das ist oft schwierig, aber man muss es
aushalten.

[01:00:49.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man so zwei Schritte zurückgehen und sagen, es ist mir gleich, aber ich bleibe
dabei.

[01:00:55.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht so nah beim Kind.

[01:00:59.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch wieder, wenn man zu nah ist, rein körperlich, dann gibt es einen
Kampfreflex, wenn man weggeht, dann geht es weg. Der Hund bleibt auch nicht sitzen,
wenn man weggeht und ihm zwar befohlen hat.

[01:01:13.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer in Reichweite sein.

[01:01:16.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Sagen wir, man will, dass das Kind die Zähne putzt, es will aber nicht, dass man dabei
ist, muss man doch in der Nähe bleiben.

[01:01:24.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehung muss erhalten bleiben.

[01:01:27.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Es muss spüren, die will das und die lässt nicht nach.

[01:01:32.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald das Kind merkt, die kann sich gar nicht durchsetzen, wird alles andere machen.

[01:01:39.090] – Bemerkung 16
Ich möchte einfach ergänzen, es geht ja auch darum, die Eltern wirklich zu schulen, das
heißt, man müsste mit den Eltern so ein Szenario, das ist ja ein ganz Klassiker,
besprechen, auch mit diesen Schwierigkeiten.

[01:01:52.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ja, genau, genau.

[01:01:54.790] – Bemerkung 16
Was sagen dann die Nachbarn, die KESB wird gerufen?

[01:01:58.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles egal.

[01:01:59.760] – Bemerkung 16
Genau, aber das muss man halt wirklich, glaube ich, vorher wirklich mal so
ausschmücken. Das kann passieren, das. Man muss sie bestärken, man muss vielleicht
selber mal mit dabei bleiben. Das ist ja auch aushalten als Familienbegleitung.

[01:02:14.090] – Bemerkung 16
Ich glaube, dem Kind müsste man ja nicht nur sagen, es ging ja um die Ankündigung.
Ich finde, das gehört zur Ankündigung dazu.

[01:02:23.560] – Dr.med. Ursula Davatz

Absolut, absolut.

[01:02:25.300] – Bemerkung 16
Wenn A, dann folgt B, bei B folgt C und so wird es sein. Damit auch das Kind sich im
Vorfeld schon darauf einrichten kann, es ist ja auch verlässlich, es ist ja auch eine
gewisse Verlässlichkeit, es wird so sein.

[01:02:38.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann eine Explosion geben, die muss man aushalten.

[01:02:41.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Angst vor der hat, dann kann man gleich aufhören, muss man gar nicht erst
anfangen.

[01:02:46.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann lieber gar nichts machen.

[01:02:56.000] – Bemerkung 17
Dieses Bild von „ich muss vor der Tür stehen und den Weg versperren zum
Rausgehen", das hat bei mir gerade so ausgelöst und die Gedanken kamen, wollte ich
bei ihnen nochmal nachfragen, weil wenn man jetzt zum Beispiel von der neuen
Autorität ausgeht, dann wird ja ganz fest geschaut, die Beziehung ist wichtig,
Beharrlichkeit ist spannend, es geht eigentlich genau den gleichen Grundsatz, nur wäre
jetzt zum Beispiel da nicht der Weg, in der Tür zu stehen, sondern Beharrlichkeit, wenn
du gehst, ja, dann folge ich dir halt hinterher und dann bin ich halt dabei, und dann,
also, oder ist das etwas, was jetzt bei Neurodivergenten Kindern nicht zu wenig
Wirkung hat, wenn man einfach nur beharrlich bleibt?

[01:03:41.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommt natürlich auf die Situation an, das ist durchaus eine Möglichkeit, dann geht
man mit.

[01:03:48.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch eine Möglichkeit. Man muss einfach dranbleiben.

[01:03:52.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss an der Beziehung dranbleiben und mit seinem Willen dranbleiben.

[01:03:58.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will, dass das gemacht wird.

[01:04:01.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ja. Das ist nur ein Beispiel: an der Tür stehen. Man muss dranbleiben.

[01:04:12.530] – Bemerkung 18
Es gibt Beispiele, vor allem ADHS Kinder. Es gibt auch Erwachsene, zum Beispiel eine
Ehefrau oder ein Ehemann, der nichts zu Hause macht, man kann nicht sagen, ich will,
dass du das machst, ne. Ich weiß nicht, auf dieser Ebene, ob es überhaupt funktioniert.
Ich kenne eine Familie, der Ehemann hat ADHS, er gibt es nicht zu, dass er ADHS hat.
Ja, aber so schön zeigen, er geht nicht arbeiten, macht zu Hause nichts, braucht sehr
viele Überwindungen. Vieles gefällt ihm nicht, viele Menschen passen ihm nicht. Wenn
Menschen sprechen, dann sagt er, das passt mir nicht, gefällt mir nicht. Was macht man
mit solchen Menschen? Eine Therapie möchte er auch nicht, weil er nicht sehr
diszipliniert ist. Er ist aus einer anderen Kultur.

[01:05:08.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sag zuerst etwas unter Eheleuten.

[01:05:21.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen haben oft die Haltung, ich kann meinen Mann erziehen.

[01:05:25.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele Frauen sagen auch, mein Mann ist wie mein Drittes Kind, viertes Kind, fünftes
Kind.

[01:05:31.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sage ich, als Ehepartner darf man seinen Ehepartner nie erziehen.

[01:05:38.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht nicht, das ist eine Fehlannahme.

[01:05:42.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann seine Meinung sagen, aber nicht, du machst das und das und das, sondern
wenn du das machst, passiert bei mir das.

[01:05:52.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss die Interaktion schildern: das habe ich aus dem Grund nicht gerne, das mag
ich nicht gerne, oder das verletzt mich, oder macht mich wütend, oder weiß ich nicht
was.

[01:06:02.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sauber kommunizieren, was mit einem abgeht und dann warten können.

[01:06:10.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sagen die, die den anderen ändern wollen oft: aber er versteht es gar nicht, er
hört nicht zu und dann kommt wieder die kognitive Überzeugung.

[01:06:19.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss ich sagen: nein, das geht nicht. Ich muss sie dann immer wieder
zurückbinden und die müssen warten können.

[01:06:28.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn nicht sofort eine Änderung passiert, gehört wird es schon.

[01:06:33.660] – Dr.med. Ursula Davatz

Da gibt es ja die Kommunikation: gesagt ist noch nicht gehört, gehört ist noch nicht
verstanden, verstanden ist noch nicht akzeptiert und akzeptiert ist noch nicht
umgesetzt.

[01:06:48.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss der, der den anderen beeinflussen will, wieder Geduld haben.

[01:06:55.010] – Bemerkung 19
Bitte nochmals wiederholen.

[01:06:56.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Gesagt ist noch nicht gehört. Gehört ist noch nicht verstanden. Verstanden ist noch
nicht akzeptiert, und akzeptiert ist noch nicht umgesetzt. Macht Sinn?

[01:07:45.920] – Bemerkung 20
Wer neigt mehr dazu, den Partner erziehen zu wollen in einer Partnerschaft?

[01:07:46.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frauen.

[01:08:24.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber die Männer haben die Tendenz zu bestrafen mit Kontaktabbruch.

[01:08:33.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man auch unter Erziehung verstehen. Die geben auf, die brechen ab.

[01:08:41.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind schon die Frauen, die mehr erziehen wollen und immer, und dass er endlich
begreift und so, und das geht alles nicht.

[01:08:54.360] – Dr.med. Ursula Davatz

Er will auch nicht erzogen werden.

[01:09:00.320] – Bemerkung 21
Bindung ist Beziehung! Das ist das Wichtigste. Kontaktabbruch heißt ja auch aus der
Beziehung gehen.

[01:09:12.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Kontaktabbruch ist Erziehung durch Liebesentzug.

[01:09:23.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind wir wieder bei der Erziehung.

[01:09:28.760] – Bemerkung 22
Und die Männer schweigen.

[01:09:28.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist Kommunikationsabbruch.

[01:09:36.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Und die Frauen wollen immer kommunizieren. Und der Mann hat schon lange genug
davon.

[01:09:49.450] – Bemerkung 23
Ich haben noch eine Frage zu dem.

[01:09:51.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sehen, dass etwas schiefläuft, dann können sie ja nicht einfach nichts dazu
sagen.

[01:10:14.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen aufpassen, dass sie nichts unter Druck sagen.

[01:10:20.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich stelle das so dar, also ich will meinem Gegenüber etwas sagen, das ist meine
Botschaft, ich sag die, und ich leg die auf den Tisch. Ich darf nichts so sagen: begreifen
Sie endlich!

[01:10:35.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf gar nichts dabei wollen, speziell bei solchen Leuten.

[01:10:43.600] – Bemerkung 24
Ein bisschen diplomatischer.

[01:10:46.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf es sehr klar sagen.

[01:10:48.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man Unterschiede herausholen. Sie kommen aus einer solchen
Sozialisierung, aus einer solchen Welt. Da gilt das und das und das.

[01:11:02.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hilft immer, die Welt des anderen zu verstehen, validieren.

[01:11:09.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man sagen, aber hier bei uns gelten diese Regeln, und da ist es wichtig,
dass man das lernt, und da ist es wichtig, dass die Kinder das lernen.

[01:11:25.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich das Problem, das wir haben mit vielen Migranten.

[01:11:29.770] – Dr.med. Ursula Davatz

Die bringen ihre Kulturen von zu Hause mit, die wollen diese behalten, um ihre Identität
nicht zu verlieren, aber gleichzeitig wollen sie die Vorteile von hier, klar, mit dem
Geldverdienen, mit der Freiheit und so weiter und so weiter.

[01:11:50.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man die Unterschiede aufzeigen.

[01:11:54.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Er geht von dem aus, und bei uns gehen wir von dem aus.

[01:11:58.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt, wo ist der kleinste gemeinsame Nenner?

[01:12:03.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist gar nicht so einfach.

[01:12:06.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man wahrscheinlich die Unterschiede auch— beide Seiten validieren,
bestehen lassen und vielleicht sogar sagen: sie können sich das mal ja etwas
überlegen und nächstes Mal kommen wir zu diesem Thema zurück.

[01:12:22.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Da darf man auch nicht ungeduldig sein und nicht irgendetwas vorandrängen.

[01:12:29.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Helfer, die Ärzte speziell, wir wollen dann immer gleich schon irgendetwas
verändern.

[01:12:37.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal ist Nichtstun wichtiger als was Falsches tun.

[01:12:42.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss wirklich beide Seiten aufzeigen.

[01:12:46.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Da zitiere ich immer Gregory Bateson, und der sagt: A difference is a difference which
makes a difference.

[01:12:52.961] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Gregory_Bateson

[01:12:53.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind die beiden Unterschiede. Das macht jetzt da einen Unterschied und wo finden
wir jetzt unseren kleinsten gemeinsamen Nenner?

[01:13:03.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hab natürlich viele Probleme erlebt in so kulturellen Geschichten, die ganz schwierig
gelaufen sind.

[01:13:12.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Da war zum Beispiel eine türkische Familie.

[01:13:19.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mädchen aus türkischen oder auch anderen autoritären patriarchalen Ländern, die
haben hier natürlich einen riesigen Vorteil.

[01:13:34.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Mädchen hat das ausgenutzt, ist in den Ausgang gegangen, alles Mögliche
gemacht.

[01:13:39.390] – Dr.med. Ursula Davatz

Der Bruder hat sich verantwortlich gefühlt, dass die heimischen Regeln beibehalten
werden.

[01:13:50.330] – Dr.med. Ursula Davatz
In Griechenland muss der Bruder mit dem Mädchen in den Ausgang gehen, um die
Schwester zu schützen. Der Bruder ist dann mitgegangen.

[01:13:58.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schwester hat aber Dinge gemacht, die für seine Vorstellung der türkischen Kultur
nicht akzeptabel waren, und dann hat er sie geschlagen.

[01:14:09.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Er wollte sie dann zurück zu seiner Kultur bringen.

[01:14:13.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist abgehauen ins Mädchenhaus. Im Mädchenhaus ist sie durchgedreht, ist
psychotisch geworden. Die hat das nicht ausgehalten.

[01:14:26.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben sie auf schweizerische Art geschützt vor ihrer Familie. Wir haben sie
gezwungen, disloyal zu werden zu ihrer Familie.

[01:14:36.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat sie nicht ertragen, ist psychotisch geworden. Musste behandelt werden, kam
dann wieder zurück, und die hat vorher nie einen Schleier getragen, und dann hat sie
begonnen, sich an die Kultur anzupassen.

[01:14:52.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie war in einem riesigen Dilemma, riesiger Stress.

[01:14:56.820] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich habe eine andere Geschichte gehabt, auch türkische Familie, da hat die Lehrerin
dem Kind, also der Vater hat das Kind zu Hause geschlagen, Mädchen auch. Dann hat
die Lehrerin dem Kind gesagt, es soll ins Kinderhaus in Zürich gehen, das war im
Kanton Aargau.

[01:15:19.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe später dann den Vater mal gesehen, der hat gesagt, er bringt die Lehrerin um.
Er hätte sie beinahe umgebracht.

[01:15:26.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gesagt: nein, machen sie das nicht. Wir konnten dann das regeln.

[01:15:32.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein anderer Fall war, ich glaube, es war im Thurgau, da wurde der Lehrer wirklich
umgebracht.

[01:15:40.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir solche Kulturunterschiede haben, dann müssen wir als Helfer sehr Rücksicht
nehmen auf die.

[01:15:49.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir können uns aber nicht total dem anpassen, und wir müssen vermitteln.

[01:15:55.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss den Prozess verlangsamen. Es ist eine sehr schwierige Aufgabe.

[01:16:02.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit Ausländerfamilien umgeht, muss man denen ihre Kultur validieren,
wertschätzen, unsere Kultur darstellen.

[01:16:14.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Schweizer sind da nicht so gut. Wir denken, wer da reinkommt, macht alles mit.

[01:16:18.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht gar nicht.

[01:16:20.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen unsere Kultur dann auch besser deklarieren.

[01:16:26.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Da verwende ich ein ein Konzept von Jean Piaget, und das heißt Dezentrieren.

[01:16:35.530] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Piaget

[01:16:35.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe vorher gesagt: gesagt ist noch nicht gehört und so weiter, gehört noch nicht
verstanden, verstanden noch nicht umgesetzt.

[01:16:44.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Kind sieht man alles egoistisch, in der Pubertät lernt man dann, sich zu sozialisieren
und man lernt auch, die Sicht der anderen zu sehen.

[01:17:00.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sicht der anderen zu sehen wäre dezentrieren.

[01:17:04.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, ich sehe, was du meinst, ich verstehe sogar, was du meinst, aber ich habe
eine andere Meinung.

[01:17:11.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber ich stehe woanders.

[01:17:13.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man umgehen kann mit unterschiedlichen Meinungen.

[01:17:17.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre ja Demokratie.

[01:17:19.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir machen es dann mit Abstimmung.

[01:17:22.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Da, bei so Ausländerfamilien, ist es ganz wichtig, dass man diese Unterschiede
aufzeigt.

[01:17:29.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gab einen türkischen Arzt in Basel, der hat auch Familientherapie gelernt, und der
hat dann immer diese Zusammenkünfte geleitet und dann mit den Eltern gesprochen.

[01:17:45.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern wollen das Beste für das Kind und ich als Lehrerin oder Helferin oder Ärztin
will das Beste fürs Kind.

[01:17:54.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wo können wir uns treffen?

[01:17:57.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Das braucht ein Aushandeln und ein Verlangsamen des Entwicklungsprozesses.

[01:18:03.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Da verwende ich dann immer den Bauernspruch: das Gras wächst nicht schneller,
wenn man daran zieht.

[01:18:12.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müssen wir wegkommen von dieser Ungeduld, es muss jetzt sofort richtig sein oder
sofort geändert werden.

[01:18:20.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen Zeit lassen für den Prozess.

[01:18:26.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viel mit Spitex-Schwestern gearbeitet, die in Familien gegangen sind, die oft
sehr konflikthaft waren oder die sich verhalten haben auf eine Art und Weise, was die
Spitexschwester rasend gemacht hat.

[01:18:51.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann einfach ignorieren oder das sofort korrigieren wollen.

[01:18:56.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann einen Satz dafür geprägt, dass ich gesagt habe, man soll das Symptom
benennen auf eine lockere Art.

[01:19:05.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sehen es so, ich als Intermediator sehe es so, was machen wir jetzt?

[01:19:18.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viel in der Suchtarbeit gearbeitet, und in der Suchtarbeit versucht man ja den
Süchtigen immer von seinem Suchtverhalten wegzubringen.

[01:19:26.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist das größte Problem der Co-Süchtige, also die Frau vom Alkoholiker, die will
immer helfen, dass der aufhört.

[01:19:37.000] – Dr.med. Ursula Davatz

Da hatte ich einen Fall, das war eine Krankenschwester, und ihr Mann war Alkoholiker.

[01:19:44.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Der ging jeweils weg, wenn er trinken wollte, nahm er das Fahrrad.

[01:19:51.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er nicht trinken wollte, nahm er das Auto.

[01:19:55.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie ihn gesehen hat, das Fahrrad zu nehmen, dann habe ich gesagt, sie muss
sagen: gehst du jetzt Velo fahren? Oder gehst du Velo fahren?

[01:20:04.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat gezeigt, dass sie merkt, was er macht, sie hat ihn aber nicht belehrt.

[01:20:11.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Versteht man das?

[01:20:14.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine hohe Kunst.

[01:20:17.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Bezug nehmen auf das Symptom auf eine lockere Art, ohne dass man es weckt.

[01:20:23.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Der andere merkt dann schon, dass man was meint oder eine Haltung hat.

[01:20:29.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kommt nicht erzieherisch rüber. Das ist sehr, sehr schwierig.

[01:20:38.130] – Bemerkung 25

Ich glaube, das Problem, was in der Familienbegleitung besteht, ist, dass wir immer
mehr Ziele haben. Es gibt dann Aufträge. Bei den Aufträgen an sich ist es schon
schwierig einen gemeinsamen Nenner zu finden.

[01:21:02.170] – Bemerkung 25
Manchmal gelingt das sogar, oder scheinbar, das ist immer so eine Sache.

[01:21:06.300] – Bemerkung 25
Dann ist natürlich die Erwartungshaltung sehr hoch, in einem bestimmten Zeitfenster zu
sehen, da ist jetzt auch was gegangen.

[01:21:46.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viel mit den Mütterberaterinnen gearbeitet, jahrelang, und da kam oft dann
auch von der Gemeinde der Auftrag, du musst kontrollieren.

[01:22:02.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe den Mütterberaterinnen immer gesagt, nein, sie hat nicht den Auftrag zu
kontrollieren, sie hat den Auftrag zu begleiten und zu fördern.

[01:22:14.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist schwierig. Sie sind ja viel näher am Problem und sie spüren viel mehr, was geht
und was nicht.

[01:22:22.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Die anderen, die befehlen, die sind weit weg und die können da schön befehlen.

[01:22:27.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Da will ich sie ermächtigen, autorisieren, dass sie sagen, wenn sie merken, das geht
nicht, dass sie wirklich dafür einstehen und sagen: ich seh, was sie meinen – das ist
jetzt dezentrieren – aber bei dieser Frau geht das nicht.

[01:22:45.410] – Dr.med. Ursula Davatz

Es braucht mehr Zeit.

[01:22:46.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Punkt.

[01:22:48.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man die Ungeduld von den Behörden nicht übernimmt.

[01:22:53.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf sich nicht anstecken lassen.

[01:22:55.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn dann macht man etwas falsch.

[01:22:59.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nicht nach oben gehorsam sein und dann da was Falsches machen.

[01:23:05.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie spüren viel besser, was geht und was nicht. Sie sind so viel näher dran.

[01:23:10.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen da, ich sag jetzt, Befehlsverweigerung machen.

[01:23:15.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich kann es nicht anders sagen.

[01:23:17.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Freundlich natürlich und erklärend.

[01:23:21.790] – Dr.med. Ursula Davatz

Da dürfen die sagen: ich denke, das geht nicht, der Schuss geht hinten raus, und drum
will ich das nicht machen.

[01:23:30.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hab die Mütterberaterin immer darin unterstützt, dass sie sogenannte
Befehlsverweigerung machen dürfen.

[01:23:38.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald wir so befehlerisch ans System rankommen, macht das Fluchtreflexe, macht zu,
Stressreflexe und so weiter.

[01:23:50.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Müttern von kleinen Kindern, die haben dann immer die Brut verschleppt.

[01:23:57.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Mütterberaterin zu kontrollierend reinkam, dann ist sie in einen anderen
Kanton verreist.

[01:24:04.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Und dann? Ja, was macht man dann? Gar nichts.

[01:24:08.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann bei ihnen wahrscheinlich auch passieren.

[01:24:11.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Da unterstütze ich sie stark darin, dass sie wirklich auf Ihr Herz hören, auf Ihre
Wahrnehmung hören und klar sagen: ich verstehe, was sie meinen, ich verstehe das
Gesetz, aber es geht nicht.

[01:24:29.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gehe ich ja so weit, jetzt gehe ich wieder zu den ADHSlern zurück, man kann die
ADHS Kinder totschlagen und sie folgen immer noch nicht.

[01:24:40.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem will ich das Dilemma aufzeigen, dass es einfach nicht geht.

[01:24:44.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist sicher nicht unsere Absicht.

[01:24:51.310] – Bemerkung 26
Kann man mit einem einsichtigen, erwachsenen ADHSler kognitiv arbeiten?

[01:25:21.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Männer haben Frauen geschlagen. Die erste Idee ist: die Frau muss ins Frauenhaus
und geschützt werden.

[01:25:21.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte genau immer den anderen Reflex, ich musste mich um den verletzten Mann
kümmern, der seinen Gefühlen nicht anders, wie soll ich sagen, Ausdruck geben konnte
als aggressiv werden.

[01:25:37.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, da muss man als Erstes eine große Empathie zu dem uneinsichtigen Mann
bringen, und es ist gleich, wie wir es nennen, ADHS oder nicht, man muss einfach ihn
abholen, validieren, ihn verstehen in seiner Vorstellung.

[01:25:56.110] – Bemerkung 26
Bei einsichtigen Erwachsenen, macht man das trotzdem so?

[01:26:00.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ja, unbedingt, ja, geht nicht anders, geht nicht anders.

[01:26:04.790] – Dr.med. Ursula Davatz

Denn auch die Erwachsenen, wenn die zu sehr unter Stress kommen, verfallen die in
die 4 Stressreflexe, meistens nur in die 3: Kampf, der Erwachsene, der kämpft dann,
der Mann. Freeze, das wäre dann autistisches Abtauchen und ja, Flucht, er geht einfach
weg.

[01:26:30.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Männer machen es dann auch, dass sie einfach in ein in einen anderen Kanton
ziehen oder in ein anderes Land und so weiter.

[01:26:39.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ja, bei den Erwachsenen muss man es genau gleich machen.

[01:26:42.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sie zuerst in eine Beziehung reinholen.

[01:26:47.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man es als Frau oft schwer.

[01:26:51.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich eine solche Situation habe, suche ich nach einem Mann im System, das kann
der Gemeinde— der Sozialarbeiter sein.

[01:27:02.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hab einmal einen Fall gehabt, da hab ich dann den Arzt reingeholt, und der musste
dann mit dem Vater reden, damit die Kinder mit auf die Schulreise gehen dürfen.

[01:27:18.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann auch als Frau das männliche System vertreten.

[01:27:24.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist etwas schwieriger.

[01:27:26.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müsste man wieder vorausschicken: ich weiß, sie nehmen das nicht gerne an von
einer Frau, aber wir sind jetzt in dieser Situation.

[01:27:38.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin eine Frau, aber ich vertrete unser System.

[01:27:43.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst immer Empathie, Validierung, Verstehen. Nicht um Erziehen wollen.

[01:27:56.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Funktioniert nicht.

[01:27:58.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann werden sie abserviert, dass sie eine— die will ich nicht mehr.

[01:28:05.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Macht das Sinn?

[01:28:08.820] – Bemerkung 27
Können Sie den Satz nochmal wiederholen? Empathie, Validierung und?

[01:28:16.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Und Geduld.

[01:28:18.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Empathie, Validierung und sich Zeit lassen für den Entwicklungsprozess.

[01:28:26.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kommt wieder das: Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.

[01:28:31.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir auf den gemeinsamen Nenner des Kindes kommen, dann muss man natürlich
die Vorteile aufzeigen von hier.

[01:28:48.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man zurückgehen: warum ist er hierher gekommen.

[01:28:51.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hab mit Migrantenfamilien gearbeitet und ich hab dann immer gesagt, was ist der
Grund zum Auswandern?

[01:29:01.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Sind Sie von etwas weg gewandert oder auf etwas zu?

[01:29:06.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens ist beides dabei.

[01:29:08.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind von einer Not, von einer Geldnot weg gewandert. Aber sie sind auch ins heilige
Land, nein, ins Paradies gewandert, wo man besser verdienen kann.

[01:29:21.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann das Besserverdienen nicht so gut funktioniert, dann ist man natürlich
enttäuscht.

[01:29:26.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Das habe ich alles mit denen durchgeschaut.

[01:29:28.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Da frage ich: was war der Grund, dass sie weg gewandert sind?

[01:29:33.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann frage ich auch immer, wer war der aktive Wanderer? Der Mann oder die Frau?
Meistens war es der Mann.

[01:29:40.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann, aber wenn der Mann weg gewandert ist, um— damit seine Kinder eine bessere
Chance haben.

[01:29:49.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommen wir zum gemeinsamen kleinsten Nenner.

[01:29:52.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Er will ja, dass seine Kinder eine bessere Chance haben und von dort her müssen die
Kinder gewisse Regeln von hier lernen.

[01:30:02.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Speziell Mädchen, die heiraten nicht nur, die wollen auch Berufsleben einschlagen und
so weiter.

[01:30:13.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Er will ja das Beste für sein Kind.

[01:30:17.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her muss dann das langsam in ihn hineinsinken, und dann kann man vielleicht
etwas durchsetzen, dass seine Tochter dann eine bessere Chance hat.

[01:30:30.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hatte ich wieder eine türkische Familie, 4 Mädchen, und die sind natürlich in die
Disco gegangen, und der Vater hat dann einen Cousin organisiert, um die abzuholen
und gewaltsam heim zuführen zum Vater.

[01:30:52.370] – Dr.med. Ursula Davatz

Nach Schweizer Recht war das Freiheitsentzug, und Bestrafung.

[01:30:59.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Schweizer Justizsystem ist auch reingekommen und die Eltern kamen, also die
Familie kam dann zu mir in die Beratung.

[01:31:12.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben wir das alles etwas durchgeschaut.

[01:31:15.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Vater musste eine Buße bezahlen.

[01:31:21.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben mit der ganzen Familie das angeschaut und schlussendlich haben die
Mädchen gesagt: wir bezahlen die Buße des Vaters, denn wir sind ja da im Ausgang
gewesen, wir haben das ausgelöst.

[01:31:38.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Da war noch etwas anderes dahinter.

[01:31:41.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter hat in einem Spital als Putzfrau gearbeitet und hat dort Süßigkeiten
mitgenommen.

[01:31:50.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die hat gedacht, das darf man.

[01:31:51.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die wurde bestraft. Die ist psychotisch geworden, als sie bestraft wurde, und ich hab
dann versucht, das alles wieder etwas zu glätten.

[01:32:01.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Verwalter der Klinik hat von der Strafe abgesehen, aber die war lange Zeit noch
psychotisch.

[01:32:12.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Also nur zu sagen, so können unterschiedliche wie soll ich sagen, Kulturen
aufeinanderstoßen, viel Reibung verursachen, und es sind die Kinder, die diese
Reibung tragen.

[01:32:26.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder funktionieren auch als Vermittler, als Übersetzer, ist klar, denn die lernen
meistens die Sprache schneller, und da muss man sie auch wieder unterstützen, dass
sie nicht zu viel tragen müssen.

[01:32:42.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Komplizierte Sache.

[01:32:44.620] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Schule gelten dann Schweizer Regeln.

[01:32:53.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu Hause gelten noch andere Regeln.

[01:32:58.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich wahrscheinlich nicht von diesen Vätern verlangen, sie müssen das alles
ändern.

[01:33:04.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich den Kindern sagen: schau, du bist in einer solchen Familie, und zu Hause
gelten diese Regeln, und auf der Strasse und in der Schule und am Arbeitsplatz gelten
andere.

[01:33:16.190] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich können Kinder mit solchen Unterschieden recht gut umgehen.

[01:33:20.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wieder die Dezentrierung.

[01:33:22.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können dezentrieren von ihrer Herkunftsfamilie auf die Schweizer Regeln.

[01:33:30.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber es sind anstrengende Dinge.

[01:33:33.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Immer die Unterschiede klar aufzeigen.

[01:33:37.170] – Bemerkung 28
Wenn man da als Familienbegleitung dann quasi die Brücke machen soll, das
funktioniert überhaupt nicht, weil das Kind will diese zwei Welten separiert haben und
auch nicht zusammenbringen, weil die kollidieren, und wenn man da drin ist, dann wird
man abgelehnt weil es gar nicht für sie geht, diese zwei Welten zu verbinden. Wie will
man damit umgehen?

[01:34:13.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können es wahrscheinlich nicht verbinden, sie als Fremde.

[01:34:19.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können nur die Regel wertschätzen und aufzeigen und die andere.

[01:34:26.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind muss irgendwie damit umgehen.

[01:34:30.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich eben, wenn es schon ein Teenager-Kind ist, würde ich sagen, ja, du
kommst aus einer solchen Familie, und da gilt das, und hier gilt das.

[01:34:42.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Manche gehen dann halt mit 16 Jahren schon weg, aber das passiert auch in
Schweizer Familien, weil sie sich überhaupt nicht mit diesen Regeln solidarisieren,
identifizieren können.

[01:34:56.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, sie können nicht ohne Weiteres immer verbinden.

[01:35:01.260] – Bemerkung 28
Nein, das Kind spricht dann zum Beispiel auch gar nicht, das verweigert auch die
Sprache, oder.

[01:35:05.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut.

[01:35:06.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ich immer versuche, ich versuche, die andere Kultur etwas zu verstehen, und
manchmal habe ich dann Sprichwörter, verwendet

[01:35:22.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Frau, die was mitgenommen hat in der Klinik, habe ich gesagt: es gibt bei uns
ein Sprichwort: dem Ochsen, der drischt, darf man das Maul nicht verbinden.

[01:35:33.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, er darf auch fressen.

[01:35:35.820] – Dr.med. Ursula Davatz

Das hat die ja gemacht.

[01:35:37.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich gefragt: haben Sie auch ein solches Sprichwort?

[01:35:40.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber die hatten keines.

[01:35:42.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Es war ein westliches Sprichwort.

[01:35:46.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist noch schwierig auszuhalten.

[01:35:49.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Da merkt man dann auch, was diese Kinder aushalten.

[01:35:54.980] – Bemerkung 29
Manchmal geht das nicht, das ist so. Aber ich glaube, auch da muss man sich Zeit
geben und erst mal rein tauchen. Also erst mal schauen, wie ist denn diese Familie?
Was haben die für Regeln?

[01:36:15.840] – Bemerkung 29
Also auch ganz klar, dass die Familie, merkt man, ist nicht die kontrollierende Instanz.
Ist man natürlich manchmal irgendwie schon, das ist ja wieder ganz schwierig. Aber
dass man wirklich am Anfang mehr erstmal einfach mitbringt, die Neugierde, und dass
du das nicht tust, ich weiß, wie schwer das ist.

[01:36:38.500] – Bemerkung 29
Dann ist vielleicht auch diese Phase, diese Kennenlernphase, ein ganzes Stück länger,
bis man überhaupt eine Chance hätte. Oder, also, ich weiß nicht, ich glaube, das geht
schon länger.

[01:36:56.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke schon, das wollte ich auch ihr sagen. Sie darf Regeln von hier vertreten, im
Sinn von, hm, das ist, wie ich sehe, und das wirkt dann heimlich, ja.

[01:37:10.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber es braucht Zeit.

[01:37:13.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Je verhärteter die Situation ist, umso weniger Druck darf man aufsetzen.

[01:37:19.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das erlebe ich auch in der Therapiestunde, wenn ich etwas rüberbringen will in einer
Situation, wo der Patient das eigentlich gar nicht will, muss ich wahnsinnig aufpassen,
dass ich keinen Druck aufsetze.

[01:37:33.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Druck aufsetzen heißt disqualifizieren, und ich will ja validieren.

[01:37:40.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Und den Unterschied, also es geht immer um den Unterschied.

[01:37:44.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Unterschied bestehen lassen und dann schauen, was passiert.

[01:37:49.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das erlebe ich auch in Ehe-Therapien, dann heißt es, ja, wenn der andere da nicht
zusammen will, dann geht das ja nicht.

[01:37:57.750] – Dr.med. Ursula Davatz

Ehen, die die sich gegenseitig leben lassen, funktionieren besser und länger als solche,
die sich immer symbiotisch zusammenbringen wollen.

[01:38:10.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her muss man das dann aushalten als Hilfsperson.

[01:38:15.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich entwickle immer mehr die Haltung: ich sag zwar etwas, ich sage es überzeugt, aber
ich will nichts verändern.

[01:38:23.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Allen Müttern von Schizophrenen muss ich das beibringen: Sie dürfen Ihre Meinung
sagen, aber sie dürfen gar nichts verändern wollen.

[01:38:32.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so schwierig, eine Meinung äußern, aber nicht beeinflussen wollen.

[01:38:38.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir verzwatzeln fast, wenn wir da nicht gleich die Wirkung haben.

[01:38:42.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Das braucht viel Geduld.

[01:38:44.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt schlussendlich auch mehr Gelassenheit und schlussendlich nimmt das System
einen besseren Weg.

[01:38:53.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Es entwickelt sich organischer, ja.

[01:38:59.550] – Dr.med. Ursula Davatz

Es ist hohe Kunst.

[01:39:01.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie bewegen sich da in der hohen Kunst.

[01:39:10.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Die merken, dass das nicht funktioniert, wenn sie mit ihren alten Methoden kommen.

[01:39:27.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bezieht sich wieder auf die ADHS Menschen, die müssen selber rausfinden, dass
etwas nicht funktioniert.

[01:39:39.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann es nicht kognitiv weitergeben.

[01:39:42.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Realität ist die beste Erziehung.

[01:39:46.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Wahrheit ist die beste Medizin.

[01:39:52.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Wahrheit, also das, für das, was man einsteht, das darf man sagen, man darf es
auch mit Herz sagen, aber nicht überstülpen wollen.

[01:40:06.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist unsere große Kunst.

[01:40:09.260] – Bemerkung 30

Auch nicht ausnützen? Ich habe jetzt auch mehrmals erlebt, dass ADHSler ihre
Diagnose, weil sie das so viel mal gehört haben rundum, als Rechtfertigung nehmen.
Das darf auch nicht sein.

[01:40:30.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein nein, das funktioniert überhaupt nicht.

[01:40:33.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann will die betreffende Person immer eine Schonhaltung auslösen, das ist nicht gut,
dann wird nichts mehr gelernt.

[01:40:42.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn du ADHS hast, ist es deine Pflicht zu lernen, mit deinem Gehirn umzugehen
und mit der Gesellschaft umzugehen.

[01:40:54.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, es darf nicht als Freibrief für alles verwendet werden, nein, funktioniert gar nicht,
dann wird gar nichts gelernt.

[01:41:00.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will ja, dass die sich weiterentwickeln und lernen.

[01:42:28.460] – Bemerkung 3
In meiner Arbeit stoße ich immer wieder darauf, dass so wenig Leute, auch
Fachpersonen, über ADS, hochsensible Personen, etwas wissen. Auch Therapeuten
sagen dann oft: Oh, das habe ich nie so gehört.

[01:42:46.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt viele Therapeuten, die wissen nur etwas über die Diagnose und dieses
Krankheitsbild, aber nicht unbedingt über das ADHS und nicht, wie man mit dem ADHS
umgeht.

[01:42:59.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Problem.

[01:43:01.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird der Mensch angeschaut über die Brille der Diagnose, und da fühlt sich der
ADHS-Mensch natürlich nicht voll wahrgenommen.

[01:43:13.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie, die mittendrin sind, Ihnen bringt die Fachdiagnose nichts, sie müssen damit
umgehen.

[01:43:22.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Bis jetzt, man schickt die Leute zur Abklärung, die Abklärung wird gemacht, und was
gemacht wird, was darauf folgt, ist Medikamente geben.

[01:43:33.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Niemand wird instruiert, wie mit diesen Leuten umzugehen.

[01:43:38.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Riesenproblem in der Psychiatrie.

[01:43:42.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kämpfe natürlich dafür, aber es hat mal in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift
geheißen: Fachpersonen haben einen stärkeren Bias, also sind stärker
voreingenommen als Laien.

[01:44:01.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Das erlebe ich. Das erlebe ich.

[01:44:04.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hält an seinen Konzepten fest und versucht, die auf den Patienten zu übertragen.

[01:44:12.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychiatrie ist natürlich wirklich etwas Schwieriges, es ist nicht so fest, man arbeitet
nicht so mit festen Daten wie ein Herzchirurg oder ein Lungenspezialist, sondern es ist
alles schwammig und es ist alles interaktiv.

[01:44:34.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss ich sagen, leider ist in der Fachwelt, in der psychiatrischen Fachwelt, aus
meiner Sicht noch nicht genügend Wissen vorhanden.

[01:44:43.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf das stoßen Sie natürlich.

[01:44:46.110] – Bemerkung 31
Ja, auch gerade so Thema Schule, wenn es um Abklärung geht, oder also, dass dann
Lehrer oft erstmal irgendwas in den Raum stellen, wo Eltern noch nie so vorher
involviert waren, und dann heißt es ja, den Verdacht, ihr Kind hat ADHS, werden aber
nicht richtig abgeholt, werden nicht abgeholt, ja, alleine gelassen, die Abklärung findet
statt und dadurch entsteht ja auch oft auch eine Fehldiagnose, oder weil Autismus als
auch ADHS und HSP oder sind sehr verwandt miteinander, meistens haben Kinder ja
gar nicht unbedingt ADHS, sondern vielleicht eins der anderen Dinge, oder alles
irgendwie ein bisschen verbunden, und dann wird aber gesagt, ja, das Kind hat jetzt die
Diagnose ADHS.

[01:45:37.180] – Bemerkung 31
Also ich finde, viel zu schnell eine Diagnose, ohne überhaupt Zeit genug zu haben.

[01:45:42.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sage ich eben wieder, à la Goethe: Was du schwarz auf weiß besitzt, kannst du
getrost nach Hause tragen.

[01:45:50.160] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Patienten tragen das auch dann getrost nach Hause.

[01:45:53.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt natürlich nichts.

[01:45:56.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Psychologieprofessor in Zürich, Etienne Perret, der hat, die haben als Erstes so
das ADHS neurologisch abgeklärt.

[01:46:07.588] – Dr.med. Ursula Davatz
https://data.snf.ch/grants/person/11631

[01:46:08.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gab x Namen dafür. Auf Englisch gab es auch MBD, Minimal Brain Dysfunction,
ansich korrekter, aber hat sich nicht durchgesetzt.

[01:46:20.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen sagen, es ist mir gleich, wie man es benennt, aber das Verhalten bewirkt das
und das bei mir, oder mit dem Verhalten bewirken sie bei Ihrem Kind das und das, dass
man nur auf das Verhalten eingeht und nicht an der Diagnose klebt.

[01:46:41.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die mit Diagnosen kommen und sagen, ja, das ist das oder das, dürfen sie, sie
sind ja nicht Psychologen, oder?

[01:46:49.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen sagen, es ist mir gleich, wie man es benennt.

[01:46:52.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat der Etienne Perret damals auch gesagt, ist mir gleich, wie man es benennt. So
und so sind die Probleme.

[01:46:58.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen total auf die Interaktion eingehen und was mit Ihnen passiert.

[01:47:03.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ehrlich rückfüttern.

[01:47:07.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Authentizität ist etwas vom Wichtigsten im Umgang mit ADHS.

[01:47:13.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles Gelogene funktioniert nicht, alles Vorgetäuschte funktioniert nicht.

[01:47:17.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen ehrlich sein. Macht das Sinn?

[01:47:24.610] – Bemerkung 32
HSP, die hochsensible Person, diesen Begriff kennen viele Fachleute nicht.

[01:47:32.740] – Bemerkung 32
Die Hochsensibilität, dass es Fachleute nicht kennen, hat ja auch ein bisschen damit zu
tun, dass es nicht unbedingt Eingang gefunden hat als Begriff in die Psychiatrie.

[01:47:44.930] – Bemerkung 32
Begrifflich geht das für mich jetzt auch so in die Neurodivergenz, oder diese
unterschiedliche Sensibilität von Reizen, wie sie verarbeitet werden.

[01:47:58.210] – Bemerkung 32
Gibt es da irgendwo eine klare Begrifflichkeit, die man sagen kann, das ist jetzt aktuell?
Weil Neurodivergenz ist auch wieder so etwas, das man neu eingeführt hat, als
Reaktion darauf, dass man es pathologisiert.

[01:48:11.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich gehört die Hochsensibilität zu jedem ADHSler.

[01:48:25.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Und die sogenannten Hochsensiblen sind meistens mehr ADS Menschen.

[01:48:33.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS Menschen, da wirkt sich die Hochsensibilität aus, indem sie aggressiv
werden.

[01:48:39.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sieht man nur noch die Aggression, das Hochsensible sieht man nicht mehr.

[01:48:43.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie zeichnen sich aus durch höhere Sensibilität.

[01:48:51.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Anhand der hohen Sensibilität habe ich ja dann den Link zur Schizophrenie gesehen.

[01:48:58.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Also Hochsensibilität gehört zum ADHS.

[01:49:01.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Man macht heute immer wieder neue Diagnosen.

[01:49:05.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann will man sie so schön abgetrennt in Kategorien behalten, funktioniert nicht.

[01:49:10.700] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich habe letztens einen Artikel in der New York Times gelesen, es ist ein amerikanischer
Psychiater, der sagt, wir Psychiater sehen das alles falsch mit diesen Diagnosen, die
Diagnosen sind gar nicht so fest.

[01:49:27.349] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.nytimes.com/2026/05/11/opinion/adhd-autism-depression-diagnoses.html

[01:49:27.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt, das Gehirn ist sehr flexibel, sehr lernfähig, auch negativ lernfähig, also
indem es dann Dinge ausklammert, und das habe ich auch im Buch, wenn wir schauen,
was für Medikamente verwendet werden, es wird alles bei allen verwendet.

[01:49:46.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das zeigt ja, dass unsere Diagnosen überhaupt nicht so spezifisch sind.

[01:49:50.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist immer ein momentaner Zustand, ein momentaner dysfunktionaler Zustand, und
an sich ist es gleich, wie wir den benennen.

[01:50:01.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass wir als Helfer mit diesem Menschen in diesem dysfunktionalen Zustand
umgehen können.

[01:50:08.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist Wurst, wie wir es benennen.

[01:50:13.190] – Bemerkung 33
Ein Beispiel aus der Schule: ein Kind, also die Lehrer sagen, es soll abgeklärt werden,
sie machen das, dann werden Medikamente gegeben und die Eltern werden wie alleine
gelassen.

[01:50:32.750] – Dr.med. Ursula Davatz

Ja, so ist es.

[01:50:35.550] – Bemerkung 33
Das ist für mich fast unerträglich, dann zu sehen, dass das Kind beim Elterngespräch
dabei ist und sie muss hören: du kannst dich nicht konzentrieren, du kannst dich noch
nicht organisieren, du bist zu explosiv. Und dann denke ich: ja, wieso hat sie denn jetzt
die Abklärung gemacht?

[01:51:05.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut legitime Frage.

[01:51:09.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Problem.

[01:51:10.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Familientherapie in Amerika gelernt, bei einem der berühmten ersten
Familientherapeuten, also ein Pionier, Murry Bowen.

[01:51:22.424] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Murray_Bowen

[01:51:23.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Zeit lang war auch in der Schweiz die Familientherapie en vogue.

[01:51:29.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber jetzt ist sie völlig verschwunden.

[01:51:33.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt noch ein Institut in Zürich, das so ausbildet, das in Bern gibt es auch noch, kein
einziger Arzt mehr dabei, also die Ärzte sind nicht mehr interessiert an Systemtherapie.

[01:51:48.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das werfe ich natürlich dann den Medizinern wieder vor, das medizinische Modell geht
auf die Symptome, Symptombekämpfung im Individuum, und betrachtet nicht den
grösseren Zusammenhang.

[01:52:04.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Die somatische Medizin, indem sie Zusammenhang zwischen Gehirn und Darm
anschaut, ist an sich ganzheitlicher als die Psychiatrie.

[01:52:15.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist schade.

[01:52:16.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hoffe natürlich, es kommt wieder mal.

[01:52:19.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch ist ein soziales Wesen, und wenn man dem ADHS Kind Medikamente gibt
und die Eltern alleine lässt, ist das für mich wirklich schlimm.

[01:52:29.490] – Bemerkung 34
Ist es nicht auch für das Kind schlimm?

[01:52:35.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Für das Kind ist es auch schlimm.

[01:52:36.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sie tun können, wenn die Eltern alleine gelassen werden, es gibt eine
Schweizerische Gesellschaft die heißt SFG-ADHS.

[01:52:47.950] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.sfg-adhs.ch/

[01:52:48.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort hat es Therapeuten, Psychiater und Psychologen drin, die mit ADHS umgehen
können.

[01:52:59.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben lange noch nicht alle eine familientherapeutische Ausbildung.

[01:53:04.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Mindestens könnte man das angeben und sagen, melden sie sich doch dort.

[01:53:13.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern alleine gelassen werden, im Aargau, da gibt es Jugend- und
Familienberatungen, Familienzentren.

[01:53:25.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die vom medizinischen System völlig alleine gelassen werden, sie sollen sich an
einem anderen Ort Unterstützung holen, für die Familie, wo es Leute hat, die
Familientherapie können.

[01:53:42.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass beides kombiniert ist, ist noch nicht so häufig, aber die müssen halt dann lernen.

[01:53:47.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern würde ich an ein Familienzentrum schicken, wo sie beraten werden.

[01:53:54.120] – Bemerkung 35
Was ist jetzt, wenn das Kind— was ist, wenn das Kind genau die Symptome, die ADHS
Kinder haben, zeigt, und die Lehrer sagen, ja, die sind unkonzentriert, also eigentlich
nur die Symptome vom ADHS sagen. Das finde ich halt so schlimm.

[01:54:17.630] – Bemerkung 35
Wenn jemand herzkrank ist, kann man auch nicht sagen, so, jetzt rennst du mal
Marathon, wenn die Person das nicht kann.

[01:54:27.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau.

[01:54:27.700] – Bemerkung 35
Das ist wie normal, aber bei dem ADHSlern tut man die Symptome dieser Krankheit auf
den Tisch legen.

[01:54:36.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist ein Riesenproblem.

[01:54:39.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Die alleingelassenen Eltern, denen würde ich sagen, vielleicht hilft es ihnen, wenn sie
sich Hilfe holen in, ich sag jetzt, in einem Familienzentrum.

[01:54:51.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort hat's Leute, die schon etwas wissen von ADHS, oder auch nicht.

[01:54:57.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann nur so überbrücken.

[01:55:02.180] – Bemerkung 35
Und mit den Lehrern?

[01:55:05.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Lehrern würde ich auch sagen, ich denke, sie sollten sich eine Weiterbildung holen
im Umgang mit ADHS.

[01:55:19.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf meiner Webseite ist das wieder aufgeschaltet.

[01:55:24.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe 3 Lehrpersonen im letzten Kurs gehabt, nur 3, aber die waren begeistert.

[01:55:30.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss halt, steter Tropfen höhlt den Stein.

[01:55:33.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Lehrern würde ich sagen: das ist ein ADHS Kind, ADHS Diagnose reicht nicht, man
muss lernen, mit dem umzugehen.

[01:55:41.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Wäre es nicht hilfreich, wenn, also vielleicht müssen sie es besser sagen.

[01:55:45.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich könnte mir vorstellen, es könnte für sie eine Unterstützung sein, wenn sie sich
Beratung holen im Umgang mit ADHS.

[01:55:57.030] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.schuelfrey.ch/

[01:55:58.108] – Dr.med. Ursula Davatz
Kennen sie den?

[01:56:05.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Er ist selber ein ADHS.

[01:56:07.570] – Dr.med. Ursula Davatz

Der gibt Beratungen an Schulen, und er ist selber ein ADHS Kind, war selber Lehrer
und berät Lehrer— geben Sie den an.

[01:56:22.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sollen auch etwas bekommen, und die müssen zu Familientherapeuten
gehen, und auch wenn die nichts von ADHS verstehen, es kann trotzdem etwas helfen.

[01:56:41.880] – Bemerkung 36
Noch mal mit den Familien: wenn jetzt eine Diagnose gestellt wird zum Kind, es hat
ADHS, und dann kommt das Thema Medikamente auf den Tisch, und die Eltern
verweigern das, wie können wir da bestmöglich unterstützen? Wir sind ja keine Ärzte.

[01:56:59.230] – Bemerkung 36
In erster Linie ist ja schon wichtig, das auch ernst zu nehmen, wenn die Eltern das nicht
möchte.

[01:57:10.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sage ich wieder, mit Benennung der Diagnose oder nicht ist an sich gleich, aber
das Kind hat die und die Schwierigkeiten, bereitet die und die Schwierigkeiten den
Eltern, da würde ich wieder halt ein Familientherapiesystem angeben.

[01:57:28.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiß nicht, wie es in Kanton Zürich ist, aber im Aargau haben wir Jugend- und
Familienberatungsstellen.

[01:57:36.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich halt dann an eine Jugend- und Familienberatungsstelle verweisen.

[01:57:53.660] – Bemerkung 37
Das ist nicht unsere Baustelle, da bewegt man sich sehr schnell, also auch mit
Empfehlungen, dort sollten wir äußerst zurückhaltend sein.

[01:58:02.880] – Bemerkung 37
Wir können reagieren, genau so, das ist richtig. Die Eltern hören, ernst nehmen. Wir
können vielleicht mit den Eltern ihre Für und Wider gemeinsam mal anschauen, das
schon.

[01:58:17.810] – Bemerkung 37
Aber sich da auch in eine Richtung zu bewegen, würde ich dringend abraten. Da bist du
ganz schnell in einer ganz schwierigen Situation.

[01:58:38.050] – Bemerkung 37
Gemeinsam mit ihnen, wenn sie sagen, ich möchte einfach mal drüber reden, ich
möchte mal meine Überlegungen darlegen, ok.

[01:58:43.640] – Bemerkung 37
Das andere nicht.

[01:58:45.260] – Bemerkung 38
Ja, dass man da sehr vorsichtig sein muss, aber da kommt ja meine Rolle dann wieder
ins Spiel, oder auf der einen Seite bin ich ja dann da, um der Familie zu zeigen, hey, ich
höre es, und die Familie äußert sich und sagt, wir wollen das nicht, und der Arzt hat jetzt
schon gesagt, wir müssen das jetzt einstellen oder gucken und so, und dass die Familie
das nicht will.

[01:59:13.820] – Bemerkung 38
Da will ich ja dann auch nicht die Position einnehmen und sagen, ja, aber das wurde ja
jetzt wie empfohlen.

[01:59:21.020] – Bemerkung 38
Wie kann ich da in meiner Rolle trotzdem die Verbindung aufbauen, dass das, wie soll
ich das sagen, also ich finde, es ist ja keine Pflicht, und das ist ja auch wichtig, dass die
Eltern das wissen, dass es keine Pflicht ist, sondern es ist eine Empfehlung vom Arzt
oder Therapeut, dass man das vielleicht mal probiert mit den Medikamenten. Wenn die

Eltern das halt nicht wollen, ist es aber auch nicht meine Aufgabe, dann sie davon zu
überzeugen.

[01:59:50.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, nein, ja nicht.

[02:00:10.040] – Bemerkung 38
Unterstützen in der Kommunikation.

[02:00:15.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch Familien und das Kind hat die Diagnose ADHS oder weiß ich nicht was,
aber die wollen keine Medikamente geben und die fragen mich dann, muss ich?

[02:00:25.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sage ich, nein, sie müssen nicht, wenn sie nicht wollen, müssen sie nicht.

[02:00:31.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begleite die dann ohne Medikamente, die Beratung zum Umgang mit dem Kind, die
bleibt ja gleich.

[02:00:40.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht sagen sie dann nach einer Weile: ach, jetzt will ich es doch mit Medikamenten
probieren. Dann sage ich: okay, probieren wir es.

[02:00:48.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begleite viele, die keine Medikamente geben wollen.

[02:00:51.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ich gar nicht akzeptiere, wenn die Lehrer sagen: ich nehme das Kind nicht mehr in
die Schule, wenn es nicht Medikamente bekommt.

[02:01:01.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich nein, das geht gar nicht.

[02:01:06.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer dürfen nicht befehlen, wann dem Kind Medikamente gegeben werden. Es
sind die Eltern, die dafür zuständig sind.

[02:01:26.260] – Bemerkung 39
Die Diagnose wird von einem schulpsychologischen Dienst gemacht, dass
Medikamente, wenn es in Frage käme, dann wird das ein Kinderarzt übernehmen.

[02:02:11.130] – Bemerkung 39
Die Schule ist nicht zuständig für die Medikamente nehmen oder nicht nehmen.

[02:02:39.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, die Schule darf das eigentlich nicht, aber es wird viel gemacht.

[02:02:47.130] – Bemerkung 40
Die Realität ist ja nicht so, dass die Lehrperson sagt, ich nehme das Kind nicht mehr,
wenn es das Medikament nicht nimmt, sondern dass es darum geht, wir haben eine
Situation, es steht kurz vor der Umplatzierung in eine Sonderschule oder sonst was,
oder die Ressourcen, es geht nicht mehr, und dann kommen Sie und sagen, wollen Sie
nicht doch mal probieren.

[02:03:08.270] – Bemerkung 40
Es besteht dann dieser Druck aufgrund dieses Systemlogik, nicht per se durch die
Lehrperson, die sagt, du musst das Medikament nehmen.

[02:03:20.670] – Bemerkung 40
Die Realität ist, das Kind muss in eine Sonderschule oder fliegt von der Schule, wird
freigestellt, je nach Alter, wenn es da jetzt nicht mitmacht, weil das das letzte Mittel ist,
das so verkauft wird.

[02:03:35.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt schon, und da leiden, renken dann viele ein, Eltern, und sagen, okay, wir
probieren es jetzt trotzdem.

[02:03:44.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist dann die Frage, Medikamente probieren oder gleich Sonderschule.

[02:03:50.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist immer ein Entscheiden in der Situation, und man kann es nie allgemein sagen.

[02:03:58.760] – Dr.med. Ursula Davatz
One size doesn't fit for all.

[02:04:01.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss es immer miteinander herausfinden.

Medikamente und AHDS/ADS

Arten von Medikamenten und deren Wirkung:

Die Medikamente, die bei ADHS/ADS eingesetzt werden, sind Stimulantien oder Uppers (wie Concerta, Focalin und Ritalin). Diese Medikamente stimulieren das Gehirn, wodurch eine Fokussierung erreicht wird.

ADHS/ADS-Menschen werden als neurodivergent betrachtet, deren Gehirne etwas anders funktionieren, charakterisiert durch eine breite Aufmerksamkeit. Diese breite Aufmerksamkeit führt dazu, dass sie ständig nach neuen Reizen suchen, besonders wenn der offizielle Input (z. B. der Unterricht) nicht spannend ist.

Das Ritalin wirkt, indem es stimuliert, wodurch der Fokus eingeschränkt wird und man besser aufpasst. Alle diese Amphetamine, die bei ADHS/ADS gegeben werden, sind fokussierend.

Gründe für den Einsatz der Medikation:

  • Leistungssteigerung: Das Medikament kann sehr hilfreich sein, insbesondere in einer auf geistige und intellektuelle Erziehung ausgerichteten Gesellschaft (z. B. Gymnasium). Ritalin kann die schulischen Leistungen um eine Note oder mehr herauftreiben.
  • Ausschöpfen des Potenzials: In einer Gesellschaft, die stark auf intellektuelle Erziehung ausgerichtet ist, können ADHS/ADS-Kinder oft ihr Potenzial ohne Medikamente nicht ausleben und geraten in eine Abwärtsspirale, wobei das Selbstvertrauen leidet. In solchen Fällen kann die Gabe von Medikamenten durchaus sinnvoll sein.
  • Berufliche Anforderungen: Erwachsene nehmen die Medikamente oft, wenn sie ein Nachstudium absolvieren oder für ihren Master lernen müssen. Wenn man hohe akademische Ambitionen hat, kann der Einsatz absolut sinnvoll sein.

Nachteile und Nebenwirkungen der Medikation:

  • Verlust des Selbstgefühls und der Kreativität: Viele Betroffene geben an, sich mit Medikamenten nicht mehr so sehr als sie selbst zu fühlen oder sich selbst nicht mehr so zu spüren.
  • Kreativitätseinschränkung: ADHS/ADSler sind meistens kreative Leute und können Grenzen sprengen (was ihre breite Aufmerksamkeit ausmacht). Wenn sie Ritalin oder Ähnliches nehmen, fühlen sie sich nicht mehr so kreativ.
  • Psychische Abhängigkeit: Ein Betroffener merkt an, dass diese Mittel psychisch abhängig machen können, da man das Gefühl hat, ohne dieses Mittel nicht mehr in dieser Welt existieren und nicht mehr leisten zu können.

Medizinische Haltung und Entscheidungshoheit:

Dr. Davatz selbst verschreibt Ritalin, Concerta und andere Stimulantien. Allerdings überlässt sie die Entscheidung immer den Eltern. Sie würde nie sagen, dass Eltern das Medikament ihrem Kind geben müssen, sonst würde es nicht gut gehen. Die Entscheidung, ob man Medikamente nimmt oder nicht, muss jeder, insbesondere die Eltern, selbst treffen [86, 19:43.640].

Es ist nicht die Haltung von Dr. Davatz, dass ADHS/ADS-Menschen nicht ohne Medikamente durchs Leben kommen können oder dass sie diese immer nehmen müssen.

Umgang mit Medikamenten und Stress:

  • Absetzen am Wochenende: Dr. Davatz rät Eltern, das Medikament über das Wochenende abzusetzen, es sei denn, das Kind muss am Wochenende lernen.
  • Medikamente als Stressmedikament: Das ADHS-Medikament wird auch als Stressmedikament bezeichnet.
  • Gefahr der Psychose bei Überdosierung: ADHS/ADS-Medikamente können suchtbildend sein und auf der Gasse gehandelt werden. Wenn Erwachsene, die diese Medikamente verschrieben bekommen, zu viel davon nehmen, können sie psychotisch werden.
  • Dopamin und Stress: ADHS-Medikamente können eine Psychose auslösen, wenn sie unter starkem Stress eingenommen werden, da dies zu einer zu hohen Ausschüttung von Dopamin führen kann. Medikamente, die gegen Psychosen gegeben werden, sind im Gegensatz dazu Antidopamin-Medikamente.

Medikamente und Suchtpotenzial:

Menschen mit ADHS/ADS haben viel mehr Suchtprobleme. Sie nutzen beruhigende Suchtmittel wie Heroin, Alkohol oder Haschisch, um ihr Temperament herunterzubremsen.

Es gibt die Ansicht, dass man lieber die legale Droge (ADHS-Medikamente) verschreiben solle, damit Betroffene keine Drogen von der Gasse brauchen. Es existieren Statistiken aus England, die besagen, dass Kinder mit ADHS/ADS-Medikation weniger drogensüchtig wurden. Ein Betroffener merkt jedoch an, dass die Einnahme von ADHS-Medikamenten keine Alternative ist, um Drogen zu vermeiden, und dass diese Mittel selbst Betäubungsmittel sind und abhängig machen können [82, 116:31.300]. Dr. Davatz stellt klar, dass es nicht so ist, dass man eher drogensüchtig wird oder nicht drogensüchtig wird, wenn man die Medikamente nimmt.

Alternative Ansätze:

Dr. Davatz versucht immer, auf andere Methoden zurückzugreifen. Sie betont, dass ADHS/ADS-Kinder mehr Bewegung benötigen. Alternative Ansätze zur Fokussierung oder Beruhigung umfassen:

  • Körperliche Aktivität (z. B. dreimal ums Schulhaus springen, Trampolin).
  • Klare Strukturen und wenige, klare Regeln (wichtig bei diesem Neurotyp).
  • Konflikt-Lösungsstrategien für die Familien.
  • Reflex-Integrations-Therapien zur Stressreduzierung.
  • Neurofeedback, um das Fokussieren zu lernen, wobei dies nicht für alle geeignet ist.
  • Physiotherapeutische Ansätze oder sportliche Betätigung (wie Michael Phelps als Beispiel).
  • Traumatherapie-Methoden wie EMDR oder Yoga.

Der Umgang mit neurodivergenten Menschen erfordert Einfühlungsvermögen, Beobachtungskraft, Sensibilität und eigene Zurückhaltung. Das Ziel sollte es sein, das erzieherische Umfeld zu sensibilisieren, um Fehlentwicklungen vorzubeugen, da die Krankheit, die aus ADHS/ADS entsteht, die eigentliche Fehlentwicklung ist – nicht die Neurodivergenz selbst.

Zusammenfassendes Bild: Die medikamentöse Behandlung bei ADHS/ADS, hauptsächlich durch Stimulantien, ist ein Werkzeug, das in einer leistungsorientierten Gesellschaft helfen kann, das Potenzial des neurodivergenten Gehirns im akademischen oder beruflichen Kontext auszuschöpfen, indem es die breite Aufmerksamkeit einschränkt und Fokussierung ermöglicht. Gleichzeitig birgt sie Risiken wie den Verlust der Kreativität, das Gefühl, sich selbst zu entfremden, und die Gefahr der Psychose bei Überdosierung oder Einnahme unter hohem Stress (aufgrund der Dopamin-Ausschüttung). Die Entscheidung für oder gegen Medikamente sollte stets bei den Eltern liegen und im Kontext des individuellen Kindes und seiner Bedürfnisse betrachtet werden, wobei alternative, nicht-pharmakologische Methoden wie Struktur und Bewegung essenziell sind.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/11/Buchvernissage_Ursula_Davatz_11.11.2025.m4a.pdf

Umgang mit ADHS/ADS

Der Umgang mit ADHS/ADS wird in den Quellen als entscheidender Faktor für die gesunde Entwicklung und das Wohlbefinden dieser Menschen betrachtet, die als spezifischer Neurotyp gelten.

Da das Gehirn ein plastisches Organ ist und durch die Interaktion mit dem Umfeld beeinflusst wird, ist der richtige Umgang essenziell, um die Entwicklung von Folgekrankheiten zu verhindern.

1. Grundprinzipien des Umgangs und der Führung

Der Umgang mit ADHS/ADS-Betroffenen muss hochgradig angepasst sein, da sie einen sensiblen Neurotyp darstellen, der zur schwierigeren Stressverarbeitung neigt [2, 53:49.220].

Persönlichkeits- und Temperamentgerechte Behandlung

Es ist entscheidend, dass mit diesen Kindern artgerecht, persönlichkeitsgerecht und temperamentgerecht umgegangen wird. Geschieht dies nicht, werden sie krank und entwickeln Folgekrankheiten.

Wird das Potential jedoch nicht zerstört, kann der artgerechte Umgang Spitzenleistungen in Bereichen wie Sport oder Wissenschaft hervorbringen.

Führung und Begleitung

ADHS/ADS-Kinder benötigen Führung und Begleitung [58, 41:55.161]. Sie müssen lernen, mit ihrem Temperament umzugehen.

Man muss Geduld haben und ein Vorbild sein. Da sie sehr begeisterungsfähig sind, sich stark verausgaben und dann zusammenbrechen, müssen sie lernen, selbst „Stop“ zu sagen.

Beruhigung vor Erziehung

ADHS/ADS-Kinder sind sehr emotional und sehr impulsiv.

  • Im Augenblick, in dem sie hoch erregt sind, kann man sie nicht erziehen.
  • Man muss sie immer zuerst beruhigen, bevor man Regeln aufstellen kann.

2. Kritik an gängigen Erziehungsmethoden

Methoden, die in der Pädagogik oft verwendet werden, funktionieren bei diesem Neurotyp nicht und sind schädlich:

  • Belohnung und Bestrafung: Erziehungsmethoden wie das Smiley-System funktionieren bei ADHS/ADS-Kindern nicht. Bestrafung macht sie schlechter und gibt ihnen ein schlechtes Selbstwertgefühl.
  • Kein Argumentieren mit dem Reflex: Da ihre Verhaltensweisen oft reflexartig ablaufen, kann man nicht mit dem Reflex argumentieren.
  • Langeweile und Potentialzerstörung: Wenn hochintelligente ADHS/ADSler sich langweilen, stören sie und werden dafür bestraft, was zu dem Gefühl führt: „Ich bin nicht in Ordnung“. Man müsste sie stattdessen mit mehr Aufgaben füttern. Dadurch wird großes menschliches Potential zerstört.

3. Unterstützung des Umfelds und der sozialen Entwicklung

Der Fokus im Umgang muss auf dem ganzen System und der Persönlichkeitsentwicklung liegen.

Förderung des Selbst

Es ist wichtig, die Persönlichkeitsentwicklung der ADHS/ADS-Menschen zu fördern [30, 41:44.820]. Der Grundsatz sollte sein: „Das Beste, was ein Kind werden kann, ist sich selbst“.

  • Soziale Anpassung: Nur wenn ein Kind sich selber werden darf, kann es sich auch sozial anpassen.
  • Kritik: Wenn das Kind immer als falsch kritisiert wird, ist es nicht in der Lage, sich anzupassen.

Rolle des Umfelds und der Prävention

Das erzieherische Umfeld muss so früh wie möglich unterstützt werden, idealerweise bereits im Kindergarten. Wenn das Umfeld nicht frühzeitig beraten wird und Eltern keine Hilfe bekommen, entwickelt sich im Laufe der Zeit eine Krankheit.

Die Psychiatrie wird kritisiert, weil sie das Umfeld wenig bis gar nicht in die Behandlung einbezieht und nur das Individuum sowie die Symptome bekämpft.

Umgang mit Autismus (ADS)

Da autistische Kinder oft ADS-Kinder sind, die sich zurückziehen, wenn das Umfeld zu hyperaktiv ist, muss das Umfeld beruhigt und verlangsamt werden. Es muss lernen, besser zu beobachten und nicht „gleich drauf los zu schießen“.

4. Umgang im Berufsleben und bei Entscheidungen

ADHS/ADS-Menschen müssen ihren Fokus und ihr Leben finden.

  • Berufswahl: Bei der Berufswahl sollte man nicht nach dem Geld, sondern nach der Stimmigkeit gehen (ob das Klima passt). Wenn das Umfeld nicht stimmt, geht es gar nicht. Es ist besser, keine Stelle anzunehmen als eine falsche.
  • Kommunikation: Im Berufsleben können Betroffene kommunizieren, welche Bedingungen sie für gutes Funktionieren brauchen, ohne unbedingt die Diagnose nennen zu müssen: „Wenn sie mit mir so und so umgehen, dann funktioniere ich nicht. Sie wollen, dass ich gut funktioniere“.
  • Nachteilsausgleich: An Schulen und Universitäten kann ein Nachteilsausgleich verlangt werden, beispielsweise mehr Zeit für Prüfungen oder ein ruhiger Raum.
  • Selbstoffenbarung: Wenn man einen Chef hat, dem man es sagen kann, kann es hilfreich sein, das ADHS/ADS offenzulegen.

5. Therapie und Medikamente

Medikamente und Therapie ergänzen sich.

  • Medikamente: Sie sind enorm hilfreich in Akutsituationen und werden zur Stimmungsregulation (dämpfen/runterfahren oder hochfahren/motivieren) eingesetzt.
  • Lernprozess: Allerdings lernen die Menschen, die Medikamente nehmen, nicht besser mit ihrem Temperament umzugehen, da das Umfeld unverändert bleibt.
  • Therapeutisches Ziel: Das Ziel sollte sein, die Medikamente immer mehr zu reduzieren. Die systemische Therapie, welche das Umfeld einbezieht, ist in diesem Kontext sehr wichtig.

Hinweis zur Schule und Ritalin: Obwohl Ritalin für Kinder hilfreich sein kann, um die Handhabung zu erleichtern, dürfen Lehrer nicht verlangen, dass ein Kind Ritalin nehmen muss. Die Entscheidung liegt bei den Eltern.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/10/Rigi_Buchvorstellung_2.10.2025.m4a.pdf

ADHS/ADS Folgekrankheiten – Psychiatrie im Offside

ADHS und ADS werden heutzutage fast täglich in den Medien diskutiert. Ist die Diagnose gestellt, kommt das medizinische Modell zur Anwendung, d.h. das Symptom der „Aufmerksamkeitsstörung“ wird mit Ritalin und die „hohe Sensitivität“ und „reaktive Impulsivität“ mit Tranquilizern behandelt.

Die medizinische Behandlungsstrategie setzt beim neurodivergenten Individuum nur als Korrekturmethode an. Das psychosoziale Umfeld, das für die psychiatrische wie auch für körperliche Krankheitsentwicklungen eine ausschlaggebende Rolle spielt, wird bei der medizinischen Behandlungsmethode ausgelassen.

Dieses Buch soll Fachpersonen und Erziehungspersonen zu einem integrativen systemischen Ansatz in der Behandlung von ADHS und ADS Betroffenen anleiten und sie dazu auffordern, die Gen-Umfeld Interaktion zwischen ADHS/ADS-Kindern und -Jugendlichen und ihrem erzieherischen Umfeld miteinzubeziehen. Dieser systemische Ansatz ist für den integrativen Behandlungsansatz unbedingt wichtig. Auch in Bezug auf die Prävention von Folgekrankheiten wirkt sich diese Vorgehen Kosten sparend aus.

https://www.somedia-buchverlag.ch/gesamtverzeichnis/deadhsads-folgekrankheiten/

Sensibilität bei ADHS/ADS

Dr.med. Ursula Davatz betont, dass Menschen mit ADHS/ADS als „hochsensibel“ gelten. Diese Sensibilität ist ein zentrales Merkmal ihres „anderen Neurotyps“, der genetisch vererbt ist und nicht „wegerzogen“ werden kann. Diese erhöhte Sensitivität beeinflusst, wie ADHS/ADS-Kinder ihre Umwelt wahrnehmen, auf Interaktionen reagieren und wie sie erzogen werden sollten.

Manifestationen der Sensibilität bei ADHS/ADS-Kindern:

  • Emotionale Sensibilität:
    • ADHS/ADS-Kinder werden schnell verletzt.
    • Jungen reagieren auf Verletzungen tendenziell mit Aggression und Kampf.
    • Mädchen reagieren auf Verletzungen eher mit Flucht, Rückzug oder übermässiger Anpassung, um Konflikte zu vermeiden. Diese Überanpassung kann später im mittleren Alter zu Erschöpfung, Depressionen und Burnout führen.
    • Sie sind sehr sozial und möchten, dass es dem Kollektiv gut geht, was dazu führen kann, dass sie sich auf eigene Kosten überanpassen.
  • Breite Aufmerksamkeit und Reizüberflutung (System Overload):
    • ADHS/ADS-Kinder haben eine „sehr schnelle und breite Aufmerksamkeit“ und nehmen sofort alles in einem Raum wahr, einschliesslich der Stimmungen anderer Menschen.
    • Diese breite Aufmerksamkeit kann in grossen Menschenmengen oder Schulklassen zu einem „System Overload“ führen, bei dem das emotionale System überfordert und überlastet wird und zusammenbricht.
    • Wenn die Lernumgebung oder der Unterricht nicht spannend genug ist, sind sie schnell abgelenkt und suchen nach interessanteren Reizen.
  • Sensorische Sensibilität:
    • Sie können in verschiedenen sensorischen Bereichen sehr empfindlich sein.
    • Gehör: Manche mögen keinen Lärm und reagieren empfindlich auf Geräusche, andere haben ein absolutes Musikgehör, das durch Nebengeräusche gestört wird.
    • Tastsinn: Sie können bestimmte Materialien auf der Haut nicht ertragen, wie Kunstfasern oder Wolle, die „beissen“.
    • Lichtempfindlichkeit: Ein Kind war zum Beispiel so lichtempfindlich, dass es eine spezielle Brille benötigte, um besser lesen zu können.
    • Essverhalten: Einige sind sehr wählerisch beim Essen und essen nur wenige spezifische Dinge, was aber nicht unbedingt zu Mangelernährung führt.
  • Gerechtigkeitssinn:
    • ADHS/ADS-Kinder haben einen hohen Gerechtigkeitssinn und reagieren heftig auf Ungerechtigkeit.
    • Ein Mädchen verweigerte zum Beispiel die Schule, weil sie die Ungerechtigkeit der Lehrperson im Umgang mit der Klasse nicht ertragen konnte.

Implikationen der Sensibilität für Erziehung und Umgang:

  • Kommunikation im „Low Arousal“ Zustand: Es ist entscheidend, Botschaften in einem tiefen Erregungszustand (Low Arousal) zu übermitteln. Im hocherregten Zustand (High Arousal) laufen bei ADHS/ADS-Kindern nur Reflexe (Kampf, Flucht, Totstellen, Necken) ab, und es können keine vernünftigen Verhaltensweisen oder Belehrungen aufgenommen werden. Erziehende müssen zuerst selbst zur Ruhe kommen und dann dem Kind helfen, sich zu beruhigen.
  • Umgang mit Verletzungen: Wenn ein ADHS/ADS-Kind verletzt wurde, muss die Verletzung immer zuerst validiert werden („was hat dich dort verletzt?“), bevor gemeinsam nach Lösungen gesucht wird.
  • Vermeidung von Strafen und Beschämung: Strafen, Belohnungen und Drohungen funktionieren bei ADHS/ADS-Kindern nicht, da Reflexverhalten nicht durch Strafen verändert werden kann. Beschämung ist besonders schädlich und kann dazu führen, dass ein Kind die Schule verweigert, wenn es sich zum Beispiel wegen Legasthenie öffentlich gedemütigt fühlt. Stattdessen ist Führung und Unterstützung gefragt.
  • Persönlichkeitsgerechte Erziehung und Differenzierung: Es ist wichtig, eine „persönlichkeitsgerechte Erziehung“ und einen „bedarfgerechten Umgang mit neurodivergenten Kindern“ zu praktizieren. Dies bedeutet, das Kind individuell zu beobachten und zu verstehen, anstatt von Schemata auszugehen. Es ist erlaubt und notwendig, Kinder unterschiedlich zu behandeln und differenzierten Unterricht anzubieten, da nicht alles, was für alle funktioniert, auch für jedes einzelne Kind passt.
  • Umgang mit Risikobereitschaft: Die Risikofreudigkeit von ADHS/ADS-Kindern, die nach extremen Situationen und Dopaminausschüttung suchen, sollte nicht unterbunden, sondern begleitet werden. Ein Verbot führt oft zu heimlicherem und gefährlicherem Verhalten. Stattdessen sollte man dem Kind helfen, seine eigenen Grenzen zu spüren und verantwortungsvoll mit Risiken umzugehen.
  • Rolle der Beziehung: Lernen bei Menschen geschieht an erster Stelle über das emotionale Gehirn und die Beziehung. „Ohne Beziehung gibt es keine Erziehung“. Lehrer und Eltern sind heute wichtiger denn je, um Kindern emotionale Intelligenz zu vermitteln und die Beziehung zu pflegen, da diese nicht über digitale Medien erlernt werden kann. Auch Konflikte sollten in der Interaktion ausgetragen werden, da dies zum menschlichen Lernen gehört.
  • Eltern und Lehrer: Es besteht oft eine gegenseitige Angst zwischen Eltern und Lehrern, die die Zusammenarbeit erschwert. Dr. Davatz fordert mehr Unterstützung und Systemberatung für Lehrpersonen, um den Umgang mit schwierigen Kindern zu verbessern und sie nicht vorschnell in die Kinderpsychiatrie zu schicken.
  • Rituale zum Herunterfahren: Besonders für Kinder, die aufgrund ihrer Gedanken und Reizverarbeitung schwer einschlafen können, sind regelmässige Rituale zum Herunterfahren wichtig. Dies kann ein Bettritual sein oder für ältere Kinder das Aufschreiben von Gedanken, um Erlebnisse zu verarbeiten und abzulegen.

Zusammenfassend ist die Sensibilität ein grundlegendes Merkmal des ADHS/ADS-Neurotyps, das sowohl Herausforderungen als auch Stärken mit sich bringt. Ein angepasster, beziehungsorientierter und individueller Erziehungsansatz, der diese Sensibilität berücksichtigt, ist entscheidend für die gesunde Entwicklung dieser Kinder.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/07/Schule_Toess_3.7.2025.m4a.pdf

Medikamenteneinsatz bei ADHS/ADS

Dr.med. Ursula Davatz bespricht den Einsatz von Medikamenten bei ADHS/ADS-Kindern ausführlich und mit einer differenzierten Haltung.

Arten und Wirkung von Medikamenten bei ADHS/ADS Medikamente wie Ritalin, Concerta, Elvanse und Medikinet werden zur Behandlung von ADHS/ADS eingesetzt. Dr. Davatz bezeichnet diese als „Stressmedikamente“, die den Stresspegel erhöhen, um eine Fokussierung zu ermöglichen. Diese Wirkung hängt mit der Ausschüttung von Dopamin zusammen, und im Extremfall kann dies auch zu „Sensation Seeking“ führen. Durch den erhöhten Stress steigt die Leistungsfähigkeit vorübergehend an.

Vorteile der Medikation Die Einnahme dieser Medikamente kann zu einer besseren Fokussierung führen. Die Schulleistung kann sich um ein bis zwei Noten verbessern, was „sehr verführerisch“ sein kann, da es dem Kind den Weg zu einer besseren Schule oder Ausbildung ebnet. Ritalin kann beispielsweise auch wie eine Schlafmedikation wirken, indem es fokussiert, ohne zu sedieren.

Nachteile und Bedenken der Medikation Dr. Davatz weist darauf hin, dass diese Medikamente, da es sich um Amphetamine handelt, auch „ausbeuten“ können. Kinder, die diese Medikamente einnehmen, merken manchmal, dass sie „nicht mehr sich selber“ sind und sich nicht mehr „so gut spüren“ [50, 27:56.780]. Für Dr. Davatz ist es jedoch wichtig, dass die Persönlichkeit des Kindes und sein Selbstgefühl entwickelt werden, nicht nur die Leistung in der Schule. Medikamente allein können dazu führen, dass der Fokus nur auf Leistung liegt und das Kind sich selbst nicht mehr spürt.

Dr. Davatz’s Haltung zum Medikamenteneinsatz Obwohl Dr. Davatz selbst Medikamente verschreibt und diese nicht grundsätzlich verweigert, betont sie, dass dies nur geschehen sollte, wenn das Kind und die Eltern dies wünschen. Sie geht dabei immer vorsichtiger vor. Sie plädiert dafür, jeden Fall individuell zu betrachten und immer abzuwägen.

Sie kritisiert, dass oft zu viel Geld in die Psychiatrie investiert wird und zu wenig in die Unterstützung von Schulen und Lehrern. Kinder sollten nicht vorschnell in die Kinderpsychiatrie geschickt und pathologisiert werden, indem sie Medikamente erhalten, was dazu führen kann, dass sie sich schlecht fühlen.

Medikamente müssen nicht dauerhaft eingenommen werden. Sie können auch punktuell eingesetzt werden, beispielsweise nur an Schultagen, für Prüfungen, oder sogar nur zur Erledigung spezifischer Aufgaben wie der Steuererklärung im Erwachsenenalter. Sie empfiehlt, die Medikamente in den Ferien wegzulassen, damit sich das Gehirn erholen kann. Ihr Ziel ist es, Kindern und Erwachsenen beizubringen, wie sie mit ihrem Neurotyp umgehen lernen können, anstatt sich ausschliesslich auf Medikamente zu verlassen.

Melatonin als Beispiel für andere Ansätze Zum Melatonin-Spray, das Kindern bei Einschlafproblemen gegeben wird, erklärt Dr. Davatz, dass Melatonin ein körpereigenes Hormon ist, das den Schlafrhythmus beeinflusst. Sie warnt jedoch davor, es „ewigs zu geben“, da ein Eingriff in das hormonelle Gleichgewicht Gegenreaktionen hervorrufen kann. Stattdessen betont sie die Bedeutung von regelmässigen Ritualen zum Herunterfahren für Kinder und Erwachsene, um die Reize des Tages zu verarbeiten und abzulegen, was das Einschlafen erleichtern kann.

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ADHS/ADS Verständnis

Dr. Ursula Davatz beleuchtet ADHS/ADS nicht als Krankheit im traditionellen Sinne, sondern als einen anderen Neurotyp. Dieser ist genetisch vererbt und kann nicht einfach „wegerzogen“ werden, da das Gehirn von ADHS/ADS-Personen anders gestaltet ist und das Umfeld anders aufnimmt. Es ist ein angeborener Zustand, dessen Diagnosezeitpunkt (z.B. vor oder nach 9 Jahren) für die Vererbbarkeit irrelevant ist, auch wenn die IV willkürliche Grenzen setzt.

Im Folgenden wird ein umfassendes Verständnis von ADHS/ADS basierend auf den Quellen dargelegt:

1. Definition und grundlegende Merkmale:

  • Das „A“ steht für Aufmerksamkeitsstörung, das „H“ für Hyperaktivität.
  • Dr. Davatz korrigiert die medizinische Sichtweise der „Aufmerksamkeitsstörung“ und spricht stattdessen von einer „breiten Aufmerksamkeit“. ADHS/ADS-Kinder nehmen sofort alles in einem Raum wahr und können die Emotionen anderer erkennen.
  • Diese breite Aufmerksamkeit wird zum Problem in langweiligen Situationen, da sich ADHS/ADS-Kinder schnell ablenken lassen und dann zum Beispiel aus dem Fenster schauen oder ihre Nachbarn stören. Sie „scannen“ das Umfeld wie ein Hund, der nach Interessantem schnüffelt.
  • Wenn zu viele interessante Dinge gleichzeitig passieren (z.B. in einer grossen Schulklasse), kann diese breite Aufmerksamkeit zu einem „System Overload“ führen, bei dem das emotionale System überfordert ist und zusammenbricht.

2. Unterschiede zwischen ADHS und ADS:

  • ADHS zeigt sich oft in nach aussen gerichteter Hyperaktivität, die manchmal in „Verrücktsein“ resultiert.
  • ADS ist durch eine nach innen gerichtete Hyperaktivität gekennzeichnet; Betroffene ziehen sich zurück und passen nicht mehr auf. Sie denken sehr viel nach, haben „Kino im Kopf“ und können das Denken oft nicht stoppen, was zu Schlafproblemen führen kann. ADS kann letztendlich im Autismus münden. Dr. Davatz sieht Autismusspektrumsstörung (ASS) als eine extreme Form von ADHS/ADS.

3. Geschlechtsunterschiede in der Manifestation:

  • Mädchen sind sehr beziehungsorientiert und passen sich oft dem Lehrer oder der Lehrerin zuliebe an, manchmal bis zur Selbstunterdrückung. Sie tendieren dazu, sich mehr anzupassen als Jungen, besonders in Konfliktsituationen. Dies führt dazu, dass eine ADHS/ADS-Diagnose bei Frauen oft erst im Alter von 35 bis 45 Jahren gestellt wird, da ihre Symptome weniger auffällig sind. Sie reagieren auf Verletzungen eher mit Flucht, Rückzug oder Anpassung, um Konflikte zu vermeiden. Diese übermässige Anpassung kann später im Leben zu Depressionen und Burnout führen.
  • Jungen fallen häufiger auf, werden aggressiv, wenn sie falsch angepackt werden, etwas von ihnen verlangt wird, was sie nicht wollen, oder wenn sie bei ihrer eigenen Aktivität gestört werden. Sie reagieren auf Verletzungen mit Aggression und Kampf.
  • Statistiken zeigen eine Verschiebung: Früher wurde von fünf Jungen auf ein Mädchen mit ADHS/ADS gesprochen, heute ist das Verhältnis 1,5 Jungen auf ein Mädchen.

4. Lernen und Emotionale Intelligenz:

  • Der Mensch ist das lernfähigste Wesen auf der Erde.
  • Lernen läuft nicht nur kognitiv ab, sondern in erster Linie über das emotionale Gehirn.
  • Ohne Beziehung gibt es keine Erziehung; ein Kind lernt am besten über eine Beziehung.
  • Wissensvermittlung kann heutzutage leicht über das Internet und KI-Tools wie ChatGPT erworben werden.
  • Emotionale Beziehungen und emotionales Lernen können jedoch nicht aus dem Internet bezogen werden; emotionale Intelligenz wird nur in zwischenmenschlichen Beziehungen gefördert. Der Lehrer und die Eltern sind wichtiger denn je, um Kindern emotionale Intelligenz beizubringen und Beziehungen zu pflegen.

5. Herausforderungen im Umfeld und erzieherische Ansätze:

  • ADHS/ADS-Kinder sind für Lehrpersonen eine Herausforderung, da sie bei uninteressantem Stoff schnell abgelenkt sind.
  • Sie können nicht einfach blind folgen, sondern müssen intrinsisch motiviert sein. Wenn ihr Interesse geweckt wird, können sie einen „Hyperfokus“ entwickeln und hochkonzentriert an einer Sache bleiben, was zu wissenschaftlichen oder handwerklichen Leistungen führen kann.
  • Bei der Kommunikation mit ADHS/ADS-Kindern (und Erwachsenen) ist es entscheidend, einen „tiefen Erregungszustand“ (low arousal) zu bewahren. Im hocherregten Zustand ist das Gehirn noch erregter, und es laufen nur Reflexe ab (Kampf, Flucht, Totstellreflex, Necken), keine vernünftigen Verhaltensweisen.
  • Man darf ADHS/ADS-Personen im erregten Zustand nicht belehren oder moralisieren. Zuerst muss man sich selbst und dann das Kind beruhigen lassen. Erst im ruhigen Zustand kann man kognitiv arbeiten und gemeinsam Lösungen erarbeiten.
  • Strafen, Belohnungen und Drohungen funktionieren bei ADHS/ADS-Kindern nicht und können sogar schaden. Reflexverhalten kann nicht durch Strafen verändert werden; es führt höchstens dazu, dass sich das Kind zurückzieht, phobisch oder zwanghaft wird. Beschämung löst Ausweichverhalten aus, keine Lernbereitschaft.
  • Eltern sollten Regeln aufstellen, anstatt Befehle zu geben, da Befehle oft als Übergriff empfunden werden. Diese Regeln können aufgeschrieben und vom Kind internalisiert werden, was zur intrinsischen Motivation beiträgt.
  • Im Konfliktfall sollte man nicht endlos argumentieren, da dies zu einem „System Overload“ beim Kind führt und die Eltern als schwach erscheinen lässt. Stattdessen sollten Eltern klar sagen, was sie wollen und, falls nötig, mit ihrer mentalen Kraft durchsetzen, ohne in einen Machtkampf zu geraten, den man als Erziehungsperson oft verliert. Es ist akzeptabel, als Elternteil auch mal zu „verlieren“, um das Selbstwertgefühl des Kindes zu stärken.
  • Dr. Davatz plädiert für eine „persönlichkeitsgerechte Erziehung“ und einen „bedarfgerechten Umgang mit neurodivergenten Kindern“.

6. Weitere Merkmale und systemische Betrachtung:

  • ADHS/ADS-Personen sind hochsensibel. Diese Sensibilität kann sich in verschiedenen Bereichen zeigen, wie Empfindlichkeit gegenüber Lärm, bestimmten Materialien (z.B. Kunstfasern, Wolle) oder Licht.
  • Sie sind oft erfinderisch, kreativ und spielerisch. Sie können Grenzen überschreiten und sind Entdecker, Forscher und Eroberer.
  • Sie haben einen hohen Gerechtigkeitssinn und reagieren heftig auf Ungerechtigkeit.
  • Risikobereitschaft ist ein weiteres Merkmal, da sie Extremsituationen suchen, um Dopamin und Adrenalin auszuschütten. Man sollte dies nicht unterbinden, sondern dem Kind helfen, seine Grenzen zu spüren und verantwortungsvoll mit Risiken umzugehen.
  • ADHS/ADS-Familien sind konfliktanfälliger und haben eine höhere Scheidungsrate aufgrund ihrer hohen Sensitivität.
  • Am Arbeitsplatz mögen ADHS/ADS-Personen keine Vorgesetzten, die ihnen intellektuell unterlegen sind, was zu Kündigungen führen kann.
  • Dr. Davatz sieht ADHS/ADS als Grundursache vieler psychiatrischer Krankheiten, wie Depressionen und Schizophrenie, da die gleichen Genloci betroffen sind und die Sensibilität ein verbindendes Element ist. Dies ist eine Ansicht, die in der Fachwelt diskutiert wird.
  • Sie kritisiert das derzeitige Schulsystem, das überholt sei und Lehrer überfordere, was zu Burnout führt. Es wird zu viel Geld in die Psychiatrie und zu wenig in die Unterstützung der Schulen investiert. Statt Kinder zu pathologisieren und Medikamente zu verschreiben, sollte das Umfeld lernen, mit diesen Kindern umzugehen.
  • Lehrer brauchen mehr Unterstützung, nicht in Form von psychiatrischen Diagnosen, sondern durch Systemberatung und Familientherapie.
  • Die Persönlichkeitsförderung ist in Zeiten der KI wichtiger denn je, und die Schule sollte sich darauf konzentrieren.
  • Es ist wichtig, Kinder unterschiedlich zu behandeln und differenzierten Unterricht zu ermöglichen, da nicht alle gleich sind.

7. Medikation:

  • Medikamente wie Ritalin, Concerta, Elvanse und Medikinet sind Stressmedikamente, die die Leistungsfähigkeit kurzzeitig erhöhen und zu einer Fokussierung führen.
  • Sie wirken schnell (innerhalb einer Stunde) und es gibt kurz- und langwirksame Präparate.
  • Dr. Davatz ist nicht grundsätzlich gegen Medikamente, aber sie verschreibt sie nur, wenn das Kind und die Eltern es wollen. Sie betont, dass Medikamente die Leistungsfähigkeit erhöhen, aber auch „ausbeuten“ können. Man muss immer abwägen.
  • Medikamente müssen nicht ständig eingenommen werden; Pausen am Wochenende oder in den Ferien sind möglich, und Erwachsene nutzen sie manchmal punktuell für spezifische Aufgaben.
  • Das Ziel sollte sein, dass Kinder und Erwachsene lernen, mit ihrem Neurotyp umzugehen und sich selbst zu steuern, anstatt sich ausschliesslich auf Medikamente zu verlassen.

8. Schlaf und Rituale:

  • ADHS/ADS-Personen können oft nicht schlafen, weil ihr Gehirn die Reize des Tages nicht verarbeiten kann.
  • Regelmässige Rituale zum „Herunterfahren“ vor dem Schlafengehen sind wichtig, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene (z.B. kein Telefon vor dem Schlafengehen, Gespräche über den Tag, Tagebuch schreiben).

Zusammenfassend legt Dr. Davatz den Fokus auf ein ganzheitliches, systemisches und beziehungsorientiertes Verständnis von ADHS/ADS, das die einzigartigen Eigenschaften dieses Neurotyps würdigt und das Umfeld dazu anleitet, sich anzupassen und Unterstützung zu bieten, anstatt Symptome zu pathologisieren oder zu unterdrücken. Sie betont, dass Beziehung und Interaktion der Schlüssel zum erfolgreichen Umgang mit ADHS/ADS sind.

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