ADHS, ADS Kinder

Basierend auf den vorliegenden Informationen lässt sich festhalten, dass Erziehungsstile einen erheblichen Einfluss auf die Emotionsregulation von Kindern, insbesondere von ADHS/ADS-Kindern, haben und diese Auswirkungen oft bis ins Erwachsenenalter reichen können. Dr. med. Ursula Davatz betont, dass sie in ihrer beruflichen Praxis häufig Erziehungsfehler ausgleichen muss, die über Jahre hinweg entstanden sind.

Hier sind die wichtigsten Punkte bezüglich ADHS/ADS-Kindern und Emotionsregulation laut Quelle:

  • Spezifische Herausforderungen von ADHS/ADS-Kindern: ADHS/ADS-Kinder haben von Natur aus mehr Probleme mit Impuls- und Emotionskontrolle. Ihre Impulse werden von Emotionen gesteuert. Sie sind sehr sensibel, leicht erregbar und haben eine starke Emotionalität. Neurologisch betrachtet, nehmen ihre emotionalen Hirnareale mehr Impulse auf, bleiben länger vernetzt und geraten schneller in einen System Overload. In diesem Zustand können sie nichts mehr hören, verstehen oder Regeln befolgen. Sie sind oft schneller und laufen eher voraus, als zu folgen. Zudem haben sie einen sehr starken Gerechtigkeitssinn und wehren sich gegen Ungerechtigkeiten, auch gegenüber anderen.
  • Ineffektivität und Schaden durch bestrafende/emotionale Erziehungsstile:
    • Bestrafung und Belohnung (Konditionierung), ein weit verbreiteter Stil auch in der Schule, funktioniert bei ADHS/ADS-Kindern überhaupt nicht. Wenn diese Kinder für ihr Wesen oder Temperament, das sie nicht im Griff haben, bestraft werden, schädigt das ihren Selbstwert und ihre Selbstwirksamkeit. Bestrafung für emotionales Ausrasten oder mangelnde Impulskontrolle behindert und dämpft ihre Persönlichkeitsentwicklung. Es kann zu Rückzugsverhalten (eher bei Mädchen/Frauen) oder Delinquenz (eher bei Knaben/Männern) führen.
    • Angst machen und Beschämung schädigen ebenfalls die Persönlichkeitsentwicklung. Beschämung, besonders vor anderen, bewirkt hauptsächlich Aversions- oder Ausweichverhalten, was in Lernsituationen kontraproduktiv ist. Angst führt ebenfalls zu Ausweichverhalten statt Kompetenzerwerb.
    • Drohen mit eigener Krankheit/Leiden appelliert an Schuldgefühle und Empathie. Bei Mädchen kann dies zu übermässiger Anpassung und Empathie führen, wodurch sie sich selbst zurückstellen und ihre Persönlichkeitsentwicklung behindern. Sie nehmen ihre Gefühle zurück, was bis zur Gefühlsunterdrückung gehen kann. Diese Anpassung kann dazu führen, dass ADHS/ADS-Diagnosen bei Mädchen oft erst sehr spät gestellt werden. Unterdrückte Emotionen und System Overload können sich im Körper manifestieren und psychosomatische Krankheiten verursachen. Knaben können mit Übersprungverhalten oder Ausweichen reagieren.
    • Diese emotionalen und strafenden Erziehungsstile bewirken oft eine starke Emotionskontrolle im Sinne von Unterdrückung und Anpassung, insbesondere bei Mädchen.
    • Bestrafung ohne Verarbeitung verhindert das Erlernen echter Emotionskontrolle.
  • Umgang mit emotionalen Ausbrüchen von ADHS/ADS-Kindern:
    • Bei einem emotionalen Ausbruch, der oft aus einem starken Gerechtigkeitssinn heraus entstehen kann, darf der Ausbruch nicht bestraft werden.
    • Stattdessen muss zuerst herausgefunden werden, was das Kind verletzt oder geärgert hat.
    • Das Kind darf seine Emotionen äussern.
    • Erst wenn der emotionale Ausbruch validiert wurde, d.h. das Kind sich verstanden und akzeptiert fühlt, kann man über sozialkompatible Alternativen sprechen und diese einüben.
    • Wahre Emotionskontrolle wird nur erreicht, indem das Kind in seinem Ausbruch verstanden und validiert wird.
    • Emotionale Erlebnisse müssen prozessiert und verarbeitet werden, idealerweise in einer ruhigen Situation, um im Grosshirn ohne Emotionen abgelegt zu werden und impulsive Reaktionen zu vermeiden.
  • Erziehung durch Prinzipien und Regeln: Dieser Stil wird als intellektuell betrachtet.
    • Es ist sinnvoll, klare, altersgerechte und sichtbare Regeln zu haben.
    • Regeln sollten nicht starr sein; Ausnahmen müssen diskutiert werden, um Flexibilität zu lehren.
    • Das Ziel ist die Internalisierung der Regeln, der Erwerb von Sozialkompetenz und Selbstorganisation.
    • Eltern sollten an die Regeln erinnern, anstatt ständig Befehle zu geben, da dies Gehorsam, aber nicht Selbstständigkeit lehrt.
    • ADHS/ADS-Kinder folgen nicht gerne; sie müssen intrinsisch motiviert sein. Dies kann erreicht werden, indem man Situationen aufzeigt, Regeln erklärt (aber nicht zu viel, um System Overload zu vermeiden) und sich als Person einbringt („Ich will, dass dies in meinem Haushalt so gemacht wird“, nach Jesper Juul). Es geht darum, sich durchzusetzen, nicht Gehorsam zu verlangen.
    • Dieser Stil benötigt Klarheit und Geduld.
  • Laissez-Faire: Lässt die Kinder über das Leben und die Reaktionen des Umfelds lernen. Dies sei nicht schlecht, aber in unserer organisierten Welt weniger praktikabel. Impulskontrolle wird hier wahrscheinlich durch die Reaktionen der Umgebung gelernt, z.B. im Umgang mit Tieren. Kinder nehmen sich weniger zurück als bei angst- oder emotionsbasierter Erziehung.
  • Rolle und Herausforderungen der Eltern:
    • Viele Eltern von ADHS/ADS-Kindern haben selbst ADHS/ADS oder dysfunktionale Emotionsregulationsstrategien und sind verunsichert.
    • Eltern müssen zuerst lernen, sich selbst zu regulieren („low arousal“). Man muss sich selbst zuerst die „Sauerstoffmaske anziehen“.
    • Eltern müssen lernen, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.
    • Es ist wichtig, dass Eltern ihren eigenen Erziehungsstil finden und sich von ihrer Herkunftsfamilie abgrenzen. Unterschiedliche Stile zwischen den Eltern müssen klar deklariert oder Zuständigkeiten geregelt werden.
    • Überbehütung aus Angst schadet dem Kind, macht es unselbstständig und kann zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Angst führt zu Ausweichverhalten, nicht zu Kompetenz.
    • Eltern müssen lernen, ihre Kinder sorgfältig zu beobachten, ohne sofort zu handeln oder zu korrigieren. Übererziehung und ständiges Stören behindern die natürliche Entwicklung und Explorationsfreude des Kindes.
    • Weniger ist oft mehr; Eltern sollten sich auf wenige wichtige Dinge konzentrieren.
    • Die Stärkung der elterlichen Selbstwahrnehmung, Sicherheit und des Vertrauens in ihre eigenen Beobachtungen ist zentral. Dies gibt ihnen die nötige Position, um auch mit Teenagern zu verhandeln.
    • Es ist nie zu spät, positive Veränderungen einzuführen. In der Pubertät geht es mehr um Beziehungspflege und Verhandlung als um Erziehung/Gehorsam.

Zusammenfassend erfordern ADHS/ADS-Kinder aufgrund ihrer besonderen emotionalen und impulsiven Natur einen Erziehungsstil, der sich fundamental von traditionellen, strafenden Ansätzen unterscheidet. Statt Bestrafung und emotionalem Druck, der zu Unterdrückung und langfristigen Problemen führen kann, brauchen sie Validierung ihrer Emotionen, das Erlernen von Alternativen nach emotionalen Ausbrüchen, klare Prinzipien statt starrer Regeln, und Eltern, die selbst reguliert, geduldig und aufmerksam beobachten, um ihr Kind in seinem Wesen zu verstehen und persönlichkeitsgerecht mit ihm umzugehen. Die Stärkung der elterlichen Kompetenz und ihres eigenen Wohlbefindens ist dabei unerlässlich.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/05/Erziehungsstil-Emotionskontrolle_19.5.2025.m4a.pdf

Weshalb ist frühzeitige Hilfe für Kinder wichtig?

Frühzeitige Hilfe für Kinder ist aus verschiedenen Gründen sehr wichtig, wie Dr. med. Ursula Davatz im Gespräch betont.

Die Pubertät ist eine besonders anfällige Phase für die Entwicklung psychiatrischer Krankheiten. Gemäss Dr. Davatz treten 50% der psychiatrischen Krankheiten in der Pubertät auf, und 75% bis zum 25. Lebensjahr. Eine frühzeitige Begleitung und Unterstützung kann verhindern, dass Kinder auf eine Fehlbahn geraten.

Frühzeitige Hilfe kann die Entwicklung von Folgekrankheiten verhindern, insbesondere bei Kindern mit ADHS/ADS. Dr. Davatz erklärt, dass 80% der ADHS/ADS-Betroffenen zusätzlich eine oder mehrere psychiatrische Diagnosen haben, welche sie als Folgekrankheiten betrachtet, die durch frühzeitige Intervention vermieden werden könnten.

Eine frühzeitige Begleitung und Unterstützung ist entscheidend für die gesunde Entwicklung von Kindern mit ADHS/ADS. Dr. Davatz betont, dass man mit diesen Kindern sorgfältiger umgehen muss. Wenn man früh mit der Erziehung beginnt, kann man verhindern, dass es in der Pubertät zu Problemen kommt. Bei ADSlern kann es sogar noch früher zu Schwierigkeiten kommen, wenn ihr Umfeld sehr hyperaktiv ist. Frühzeitiges, sorgfältiges Zuhören und Verlangsamen sind bei ADSlern wichtig.

Eltern brauchen frühzeitig Unterstützung und Begleitung, um zu lernen, wie sie mit ihren Kindern umgehen können, insbesondere wenn die Kinder spezielle Bedürfnisse haben. Dr. Davatz betont die Wichtigkeit der Validierung der Eltern und des gemeinsamen Suchens nach Lösungen. Sie ist der Meinung, dass man Eltern nicht zu schnell sagen sollte, was sie falsch machen, sondern sie validieren muss, damit sie mitmachen.

Auch Lehrpersonen benötigen frühzeitig Unterstützung und Sensibilisierung, um mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen, wie ADHS/ADS, umgehen zu lernen. Dr. Davatz plädiert dafür, dass nicht alle Probleme auf die Psychiatrie geschoben werden, sondern dass Lehrpersonen lernen, damit umzugehen. Sie schlägt vor, dass Lehrpersonen sich nicht scheuen sollten, frühzeitig Hilfe zu holen und Situationen mit jemandem zu diskutieren oder das Vier-Augen-Prinzip anzuwenden.

Ein frühzeitiger systemischer Ansatz ist wichtig, um das Kind in seinem Kontext zu betrachten und nicht nur auf das Individuum zu fokussieren. Dr. Davatz betont, dass man immer das Individuum in seinem Kontext anschauen muss, was in der Medizin oft noch schwierig ist. Sie ist der Meinung, dass man in der Schule nicht gleich das Kind ins Spital tun und der psychiatrischen Klinik überlassen sollte, sondern das Umfeld unterstützen muss.

Frühzeitige Intervention kann dazu beitragen, spätere Schwierigkeiten im sozialen Bereich zu vermeiden, wie zum Beispiel Mobbing. Dr. Davatz betont, dass Sozialverhalten mehr gefördert werden muss und dass man hinschauen muss, wenn jemand Anzeichen zeigt, und sofort handeln muss.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass frühzeitige Hilfe für Kinder entscheidend ist, um ihre gesunde Entwicklung zu fördern, psychische Probleme und deren Folgeerkrankungen zu verhindern, Eltern und Lehrpersonen zu unterstützen und Schwierigkeiten im sozialen Umfeld frühzeitig anzugehen. Dr. Davatz plädiert für eine frühe und umfassende Unterstützung, die das Kind in seinem gesamten System betrachtet.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/immer-mehr-Psychiatrie-29.3.2025.m4a.pdf

In der Psychiatrie werden ja auch viele Verträge gemacht. Bei ADHS Kinder funktionieren Verträge nicht.

Zielpublikum: Fachpersonen im Bildungs- und Therapiebereich (Logopädie, Psychomotorik), Eltern, und alle, die am Thema ADHS/ADS interessiert sind.

1. Einleitung: ADHS/ADS – Mehr als eine Krankheit

Dr. med. Ursula Davatz, mit über 40 Jahren Erfahrung, betont zu Beginn, dass ADHS/ADS keine Krankheit ist, sondern ein „Neurotyp“, eine genetisch bedingte Variante der Hirnstruktur. Sie sagt ganz klar: „Als Psychiaterin sage ich ganz klar: es ist keine Krankheit. Es ist nur ein Neurotyp.“ Sie erklärt, dass diese Neurotypen durch eine Kombination von 30 bis 100 Genen vererbt werden. Früher sprach man von „POS-Kindern“ (frühkindliches Psychosomatisches Syndrom), was auf eine Hirnstörung hinwies.

2. ADHS vs. ADS: Zwei Persönlichkeitstypen

Dr.med. Davatz unterscheidet zwischen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) als zwei unterschiedliche Persönlichkeitstypen:

  • ADHS: Der extrovertierte Typ, der bei Einschränkungen aggressiv wird und eine hohe Sensibilität besitzt. Sie reagieren stark auf „Nein“ und haben eine breite Aufmerksamkeit.
  • Zitat: „Der extrovertierte Typ, der aggressiv wird, wenn man ihn behindert in seiner Aktivität, der verrückt wird, wenn man nein sagt, der alles gerade übernimmt, der hat hinten dran eine hohe Sensibilität.“
  • ADS: Der introvertierte Typ, der eher nach innen flüchtet, mental hyperaktiv ist und dazu neigt, sich Geschichten auszudenken. Sie brauchen mehr Zeit zur Orientierung und reagieren sensibel auf Zwang. Sie tendieren eher zu negativen Gedankenspiralen.
  • Zitat: „ADsler, die werden nicht aggressiv, die flüchten eher nach innen. Die gehen in eine mentale Hyperaktivität hinein.“

3. Kernmerkmale von ADHS/ADS

  • Breite Aufmerksamkeit: Sowohl ADHS- als auch ADS-Betroffene haben eine breite, nicht-selektive Aufmerksamkeit, was in der Schule als „Aufmerksamkeitsstörung“ gesehen wird, aber in anderen Kontexten eine Stärke sein kann. Sie haben Schwierigkeiten zu unterscheiden, was wichtig ist.
  • Zitat: „Wenn man das Kind in die Natur raus schickt, dann ist es nicht eine Störung, sondern dann ist es eine breite Aufmerksamkeit.“
  • Teasing und Spielreflex: ADHSler nutzen Teasing, um Reaktionen zu testen. Dieses Verhalten kann in einem gut erzogenen Umfeld als frech oder unpassend wahrgenommen werden.
  • Zitat: „ADHSler sind viel mehr unterwegs mit Teasing, um herauszufinden, wie der andere reagiert.“
  • Impulsivität: ADHSler reagieren spontan und können ihre Impulse nicht sofort stoppen. Bestrafung ist in solchen Momenten ineffektiv.
  • Zitat: „Im Augenblick, wo die Impulsivität losgeht, kann der das nicht stören und da kann man sie nicht bestrafen. Da bringt das überhaupt nichts.“
  • Sensibilität: Menschen mit ADHS/ADS nehmen oft Dinge wahr, die anderen entgehen. Sie können auch hypersensibel auf Berührungen (z.B. Wolle), Geschmack und auditive Reize reagieren.

4. Regionale Unterschiede und kulturelle Wahrnehmung

Dr.med. Davatz deutet an, dass ADHS/ADS im Mittelmeerraum häufiger vorkommt und dort besser akzeptiert wird. Es wird oft als „südländisches Temperament“ betrachtet. In der Deutschschweiz hingegen werden diese Verhaltensweisen eher als problematisch angesehen. * Zitat: „In dem Sinn, weil das zum mittelmeerländischen Temperament gehört, sagen wir dann, wenn jemand so ist, das ist einfach das südländische Temperament.“

5. Die Rolle des Umfelds

  • Falscher Umgang führt zu Folgeerkrankungen: Eine zentrale Aussage ist, dass ADHS/ADS selbst keine Krankheit ist, aber ein falscher Umgang damit zu psychischen Erkrankungen (Depressionen, Sucht, Essstörungen, Delinquenz) führen kann.
  • Zitat: „Wenn man auf der anderen Seite ist, also ich sage, es ist keine Krankheit, aber viele werden dann krank, weil man nicht geschickt mit ihnen umgeht.“
  • Umfeld muss lernen, besser damit umzugehen: Das Umfeld (Eltern, Lehrpersonen, Therapeuten) muss lernen, ADHS/ADS-Kinder besser zu verstehen und zu unterstützen, anstatt sie zu „reparieren“. Hier in der Schweiz gibt es grossen Nachholbedarf.
  • Zitat: „Eigentlich müsste das Umfeld lernen mit diesen Kinder besser umzugehen.“

6. Verbindung zu anderen Entwicklungsstörungen

  • Kontinuum ADS-Autismus: Dr.med. Davatz sieht ADS als ein Kontinuum, das bis zum Autismus reichen kann. Sie vermutet, dass viele Autismusdiagnosen eigentlich ADS-Fälle sind.
  • Zitat: „Das Kontinuum ist ADS und das kann Richtung Autismus gehen. Das ist dann extrem.“
  • Komorbiditäten sind Folgeerkrankungen: Sie lehnt den Begriff „Komorbidität“ ab und betont, dass Depressionen, Sucht etc. Folgeerkrankungen des ADHS/ADS-Neurotyps sind, wenn dieser falsch behandelt wird.
  • Zitat: „Die Psychiatrie sagt Komorbidität, die reden dann immer von Komorbidität. Ich sage nein, es ist der Neurotyp, der zu dem und zu dem führen kann.“
  • Lernschwierigkeiten: ADHS/ADS kann mit Lernschwierigkeiten (LRS, Dyskalkulie) einhergehen. Sie betont, dass die emotionale Verfassung des Kindes einen Einfluss auf den Lernprozess hat und die Schwierigkeiten nicht nur kognitiv bedingt sind.

7. Bedeutung der Selbstwahrnehmung

  • Schamgefühle: Sie betont die Bedeutung von Schamgefühlen bei Kindern mit ADHS/ADS. Sie schlagen oft den Weg des Ausweichens ein, statt sich den Schwierigkeiten zu stellen. Dies ist ein wichtiger Punkt, an dem es anzusetzen gilt.
  • Zitat: „Es ist eigentlich immer die Scham.“
  • Fehlende Selbstwirksamkeit: Negative Erfahrungen können zu einem „Hamsterrad im Kopf“ führen, in dem sie ihre Misserfolge wiederholen.
  • Zitat: „Sie erzählen sich dann eigentlich ihre eigenen Misserfolge. Das dreht dann im Hirn. Das ist das Hamsterrad im Kopf. Da kommen sie fast nicht heraus.“

8. Umgangstipps und Strategien

Dr.med. Davatz gibt zahlreiche praktische Ratschläge:

  • Kein „Nein“ sagen: Anstatt „Nein“ zu sagen, sollte man sagen, was man will und die Kinder in die Lösungsfindung einbeziehen.
  • Zitat: „Man darf ihnen nie Nein sagen. Man muss sagen: Bei mir läuft es so, ich will es so.“
  • Validierung und Wertschätzung: Das Kind in seiner Wahrnehmung und seinen Fehlern ernst nehmen und diese validieren.
  • Zitat: „Man muss das ADHS Kind sogar wertschätzen in dem, wie es die Sache macht, indem wie das ADHS Kind es falsch macht und dann sagen: Aha, du hast das so gemacht.“
  • Kooperation statt Gehorsam: Die Kinder zur Kooperation auffordern, anstatt Gehorsam zu verlangen.
  • Zitat: „Man muss sie zur Kooperation auffordern und nicht zum Gehorsam.“
  • Appell und Kontakt: Sicherstellen, dass man die Aufmerksamkeit des Kindes hat, bevor man etwas sagt oder verlangt. Blickkontakt suchen und nachfragen, was in ihrem Kopf vorgeht.
  • Zitat: „Man muss vom ADHS/ADS Kind die Aufmerksamkeit haben. Man muss sehen, ist das Kind da?“
  • Flexibilität und Kreativität: Bei Problemen kreative Lösungen suchen und nicht auf starre Regeln bestehen.
  • Zitat: „Man muss dann immer kreative Lösungen finden.“
  • Distanz, aber nicht vergessen: Sich zurückziehen können (räumlich und mental), aber präsent bleiben.
  • Intrinsische Motivation: Das Kind in die Problemlösung einbeziehen, um die intrinsische Motivation zu stärken.
  • Zitat: „Sobald man das ADHS Kind miteinbezieht in Problemlösung, sind sie intrinsisch motiviert und man lernt sie auch besser kennen.“
  • Scham ansprechen und überwinden: Das Gefühl der Scham thematisieren und als Chance zur Überwindung und zum Wachstum nutzen.
  • Zitat: „Ich könnte mir vorstellen, dass du dich schämst. Aber weisst du, wenn du das überwindest, weisst du wie toll, weisst du wie stolz du dann bist?“

9. Bedeutung für Fachpersonen (Logopädie, Psychomotorik)

  • Weichenstellerrolle: Fachpersonen sollten sich ihrer Rolle als „Weichensteller“ bewusst sein und die Eltern für ADHS/ADS sensibilisieren.
  • ADHS/ADS-Abklärung bei LRS: Bei Lernschwierigkeiten (z.B. LRS) sollte auch eine Abklärung auf ADHS/ADS erfolgen.
  • Zitat: „Die Logopädinnen müssen dann sagen, dass man hinter dem LRS auch noch nach einem ADHS, ADS suchen muss, also abklären lassen.“
  • Zusammenarbeit: Vernetzung mit anderen Fachpersonen (Ärzte, Psychiater, Coaches) ist wichtig.
  • Zitat: „Man muss ein bisschen suchen gehen.“

10. Umgang mit Widerstand

  • Nicht stossen: Wenn das Kind blockiert, nicht stossen wollen, sondern sich selbst beruhigen und eine neue Idee entwickeln.
  • Zitat: „Wenn das Kind blockiert, nicht stossen wollen. Das ertragen sie überhaupt nicht.“
  • Nicht in Machtkämpfe geraten: Wenn das Kind sich dem Aufräumen verweigert, keine Konsequenzen androhen, sondern die Zeit so einteilen, dass zum Aufräumen genügend Zeit bleibt, oder die Aktivität in ein „Aufräumspiel“ umwandeln.
  • Zitat: „In der Psychiatrie werden ja auch viele Verträge gemacht. Bei ADHS Kinder funktionieren Verträge nicht.“

11. Fazit

ADHS/ADS ist ein Neurotyp und keine Krankheit. Der Schlüssel zum Erfolg im Umgang mit Betroffenen liegt in einem besseren Verständnis, einer wertschätzenden und validierenden Haltung, sowie einer positiven und kreativen Herangehensweise. Die Integration in die Lösungsfindung ist eine weitere Schlüsselkomponente. Die Psychiatrie und die Schule sollten weniger diagnostizieren und mehr auf den einzelnen Neurotyp eingehen.

Nächste Schritte:

  • Weiterbildung für Lehrpersonen und Eltern.
  • Frühzeitige Abklärung bei Verdacht auf ADHS/ADS.
  • Vernetzung von Fachpersonen.
  • Sensibilisierung der Öffentlichkeit.
  • Förderung einer persönlichkeitsgerechten Pädagogik und Therapie.

Umgang mit hochsensiblen Kindern: Tipps für Eltern und Lehrer

Die Quellen, insbesondere der Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz, bieten wertvolle Einsichten für Eltern und Lehrer im Umgang mit hochsensiblen Kindern.

Grundlegendes Verständnis:

  • Hochsensibilität als Wesensmerkmal: Es ist wichtig zu verstehen, dass Hochsensibilität kein Defizit oder eine Krankheit ist, sondern ein Wesensmerkmal. Hochsensible Kinder nehmen ihre Umgebung intensiver wahr und verarbeiten Reize tiefer, was sowohl zu besonderen Stärken als auch zu Herausforderungen führen kann.
  • System-Overload vermeiden: Die intensive Wahrnehmung hochsensibler Kinder führt schneller zu Überforderung und einem sogenannten System-Overload, der sich in verschiedenen Symptomen wie Rückzug, Aggression, Konzentrationsproblemen oder emotionalen Ausbrüchen äußern kann. Das Ziel im Umgang mit hochsensiblen Kindern ist es daher, Überforderung zu vermeiden und ihnen ein Umfeld zu bieten, in dem sie sich sicher und geborgen fühlen.

Konkrete Empfehlungen für Eltern:

  • Wahrnehmung und Bedürfnisse respektieren: Anstatt zu versuchen, das Kind an die Norm anzupassen, sollten Eltern seine individuelle Wahrnehmung und Bedürfnisse respektieren. Jedes Kind ist anders und was für das eine Kind angenehm ist, kann für das andere Kind eine Überforderung darstellen.
  • Ruhe und Geduld bewahren: Gerade in Situationen, in denen das Kind emotional wird, ist es wichtig, dass Eltern Ruhe und Geduld bewahren. Hektik und laute Reaktionen verstärken den Stress des Kindes nur.
  • Kommunikation anpassen: Statt zu belehren oder zu kritisieren, sollten Eltern ruhig und verständnisvoll mit dem Kind kommunizieren und ihm aktives Zuhören signalisieren.
  • Reize reduzieren: Eltern können versuchen, Reize im Alltag zu reduzieren, die das Kind zusätzlich belasten. Dies kann z.B. bedeuten, feste Ruhezeiten einzuplanen, laute Umgebungen zu meiden oder dem Kind Rückzugsmöglichkeiten zu bieten.
  • Beziehung aufrechterhalten: Beziehungsabbrüche, wie z.B. das Kind zu ignorieren, es in sein Zimmer zu schicken oder ihm die Liebe zu entziehen, sind besonders schädlich. Stattdessen sollten Eltern präsent bleiben und dem Kind verbale Angebote machen, auch wenn es im Moment nicht darauf reagieren kann. Dr. Davatz empfiehlt, im gleichen Raum zu bleiben und seine eigenen Tätigkeiten fortzusetzen, während das Kind sich beruhigt.
  • Grenzen setzen: Auch wenn es wichtig ist, die Bedürfnisse des Kindes zu respektieren, müssen Eltern trotzdem klare Grenzen setzen. Ein Kind, das keine Grenzen kennt, kann sich schnell überfordert fühlen und tyrannisch werden. Dr. Davatz betont, dass antiautoritäre Erziehung nicht bedeutet, dass das Kind immer das Sagen hat.
  • Professionelle Unterstützung suchen: Wenn Eltern sich unsicher fühlen oder das Gefühl haben, dass sie mit der Situation alleine nicht zurechtkommen, sollten sie professionelle Unterstützung suchen.

Konkrete Empfehlungen für Lehrer:

  • Individuelle Bedürfnisse erkennen: In einer Schulklasse mit vielen Kindern ist es eine Herausforderung, auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes einzugehen. Dennoch sollten Lehrer versuchen, die besonderen Bedürfnisse hochsensibler Kinder zu erkennen und bestmöglich zu berücksichtigen.
  • Gerechtigkeit und Fairness: Hochsensible Kinder reagieren besonders empfindlich auf Ungerechtigkeiten. Lehrer sollten daher im Umgang mit allen Kindern auf Gerechtigkeit und Fairness achten.
  • Spannungen vermeiden: Spannungen und Konflikte im Klassenzimmer können hochsensible Kinder stark belasten. Lehrer sollten versuchen, ein positives und respektvolles Klassenklima zu schaffen.
  • Kommunikation und Kooperation: Offene Kommunikation mit den Eltern ist besonders wichtig. Lehrer sollten die Eltern über die Bedürfnisse des Kindes informieren und gemeinsam Strategien entwickeln, wie sie das Kind bestmöglich unterstützen können. Dr. Davatz schlägt vor, Eltern zu einem Schulbesuch einzuladen, bei dem sie die Situation des Kindes im Unterricht beobachten können.
  • Fortbildungen nutzen: Es gibt spezielle Fortbildungen für Lehrer zum Thema Hochsensibilität, die wertvolle Informationen und praktische Tipps für den Umgang mit hochsensiblen Kindern im Schulalltag bieten.

Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern:

  • Gemeinsames Ziel: Eltern und Lehrer haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen das Kind bestmöglich unterstützen und ihm helfen, seine Potenziale zu entfalten.
  • Verständnis und Respekt: Gegenseitiges Verständnis und Respekt sind die Grundlage für eine gelingende Zusammenarbeit.
  • Offene Kommunikation: Regelmäßiger Austausch und offene Kommunikation über die Bedürfnisse und Fortschritte des Kindes sind wichtig.
  • Konfliktlösung: Wenn es zu Konflikten zwischen Eltern und Lehrern kommt, sollten diese konstruktiv und lösungsorientiert angegangen werden.

Zusammenfassung: Der Umgang mit hochsensiblen Kindern stellt sowohl für Eltern als auch für Lehrer eine Herausforderung dar. Durch Verständnis, Respekt, Geduld und die Bereitschaft zur Kooperation können sie jedoch ein Umfeld schaffen, in dem sich hochsensible Kinder wohlfühlen und ihre Potenziale voll entfalten können.

https://ganglion.ch/pdf/Autismus.pdf

Das ideale Umfeld für ADHS-Kinder

Dr.med. Ursula Davatz beschreibt in ihrem Vortrag ein ideales Umfeld für ADHS-Kinder als strukturiert, aber tolerant, mit einem gewissen Mass an Flexibilität. Sie betont, dass es wichtig ist, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen und sie persönlichkeitsgerecht zu erziehen.

  • Klare Strukturen und Rahmenbedingungen: ADHS-Kinder brauchen klare Regeln und Strukturen, um sich orientieren zu können.
  • Toleranz und Flexibilität: Innerhalb dieser Strukturen sollte es aber auch genügend Freiraum für individuelle Bedürfnisse und spontane Aktionen geben.
  • Konfliktfähigkeit der Autoritätspersonen: Eltern und Erzieher sollten in der Lage sein, Konflikte mit den Kindern konstruktiv auszutragen.
  • Aushandlungsprozesse: Anstatt auf Gehorsam zu pochen, sollten Eltern und Erzieher mit den Kindern verhandeln und gemeinsam Lösungen finden.
  • Raum für Bedürfnisausdruck: ADHS-Kinder sollten ermutigt werden, ihre Bedürfnisse und Gefühle auszudrücken, anstatt sie mit aggressivem Verhalten zu überspielen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein ideales Umfeld für ADHS-Kinder einen Rahmen aus klaren Strukturen bietet, innerhalb dessen aber auch genügend Raum für Individualität, Flexibilität und Aushandlungsprozesse besteht.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_ADS_Jugendliche_Erwachsene.pdf

Vergleich der ADHS-Behandlung bei Kindern und Erwachsenen

Die Behandlung von ADHS unterscheidet sich bei Kindern und Erwachsenen in einigen Punkten, obwohl die zugrunde liegende genetische Veranlagung gleich bleibt. Dr.med. Ursula Davatz betont, dass ADHS sich nicht „auswächst“, sondern dass Erwachsene im Laufe der Zeit lernen, ihre Impulse besser zu kontrollieren. Die Behandlungsansätze müssen daher an die jeweilige Entwicklungsstufe und die spezifischen Herausforderungen angepasst werden.

Unterschiede in der Behandlung

  • Medikamentöse Therapie:
    • Bei Kindern wird die medikamentöse Therapie mit Stimulanzien wie Ritalin häufiger eingesetzt als bei Erwachsenen.
    • Erwachsene, die in ihrer Kindheit und Jugend keine Medikamente benötigt haben, erhalten in der Regel auch im Erwachsenenalter keine Stimulanzien, es sei denn, sie befinden sich in einer neuen Lernphase, z.B. während einer zweiten Ausbildung.
    • Dr.med. Ursula Davatz gibt zu bedenken, dass die Gabe von Stimulanzien bei Kindern bereits in Kombination mit Neuroleptika erfolgt, um die Übererregbarkeit zu dämpfen. Diese Praxis wird bei Erwachsenen seltener angewendet.
  • Nicht-medikamentöse Therapie:
    • Bei Kindern stehen die Elternberatung und das Elterntraining im Vordergrund. Eltern lernen, wie sie ein strukturiertes und unterstützendes Umfeld schaffen und ihren Kindern bei der Emotionsregulation und dem Umgang mit Impulsivität helfen können.
    • Bei Erwachsenen liegt der Fokus auf Coaching und Psychotherapie, um individuelle Bewältigungsstrategien zu entwickeln und die Herausforderungen im Berufs- und Privatleben zu meistern.
  • Fokus der Behandlung:
    • Bei Kindern liegt der Fokus oft auf der Verhaltensmodifikation, um störende Symptome wie Hyperaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit zu reduzieren.
    • Bei Erwachsenen steht die Verbesserung der Lebensqualität im Vordergrund. Behandlungsziele können z.B. die Steigerung der Arbeitsleistung, die Verbesserung der sozialen Beziehungen oder die Reduktion von Stress und Ängsten sein.

Gemeinsamkeiten in der Behandlung

  • Ganzheitlicher Ansatz: Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen ist ein ganzheitlicher Behandlungsansatz wichtig, der medikamentöse und nicht-medikamentöse Methoden kombiniert.
  • Bedeutung des Umfelds: Ein verständnisvolles und unterstützendes Umfeld ist in jeder Altersstufe entscheidend für den Behandlungserfolg.
  • Individuelle Anpassung: Die Behandlung muss individuell auf die Bedürfnisse des Einzelnen abgestimmt werden, unabhängig vom Alter.

Herausforderungen in der Behandlung

  • Diagnose im Erwachsenenalter: ADHS wird bei Erwachsenen oft erst spät diagnostiziert, da die Symptome im Laufe der Zeit weniger stark ausgeprägt sein können oder falsch interpretiert werden.
  • Stigmatisierung: ADHS ist nach wie vor mit Vorurteilen und Stigmatisierung behaftet, was die Inanspruchnahme von Hilfe erschweren kann.
  • Komplexität der Behandlung: Die Behandlung von ADHS ist komplex und erfordert ein interdisziplinäres Vorgehen, an dem verschiedene Fachpersonen beteiligt sein können (z.B. Ärzte, Psychotherapeuten, Coaches).

Fazit

Die Behandlung von ADHS bei Kindern und Erwachsenen weist sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten auf. In beiden Fällen ist ein individueller, ganzheitlicher Ansatz wichtig, der die spezifischen Bedürfnisse des Betroffenen berücksichtigt. Die Förderung eines verständnisvollen Umfelds und die Entwicklung individueller Bewältigungsstrategien sind in jeder Altersstufe entscheidend für den Behandlungserfolg.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_ADS_Jugendliche_Erwachsene.pdf

Umgang mit Schulverweigerung bei Kindern

Dr.med. Ursula Davatz betrachtet Schulverweigerung bei Kindern nicht als isoliertes Symptom, sondern als ein Zeichen dafür, dass etwas im System des Kindes, meist im Familiensystem, nicht stimmt. Sie betont, dass es wichtig ist, die zugrundeliegenden Ursachen zu verstehen, anstatt das Kind für sein Verhalten zu bestrafen.

Mögliche Ursachen für Schulverweigerung:

  • Überforderung im Familiensystem: Oft übernehmen Kinder von psychisch kranken oder überforderten Eltern Verantwortungen und Funktionen, die sie überfordern.
  • Angst um die Eltern: Kinder, deren Eltern psychisch krank sind, machen sich oft Sorgen um deren Wohlergehen und bleiben deshalb zuhause, um für sie zu sorgen.
  • Mangelnde Unterstützung: Kinder, die in ihrem familiären Umfeld nicht genügend Unterstützung und Stabilität erfahren, können sich in der Schule unsicher und überfordert fühlen und deshalb die Schule verweigern.
  • Eigene psychische Belastung: Schulverweigerung kann auch ein Zeichen für eine eigene psychische Belastung des Kindes sein, beispielsweise Angststörungen, Depressionen oder ADHS.
  • Probleme im Schulsystem: Manchmal liegen die Ursachen für Schulverweigerung auch im Schulsystem selbst, beispielsweise Mobbing, Überforderung oder Konflikte mit Lehrpersonen.

Umgang mit Schulverweigerung:

  • Systemische Betrachtung: Dr. Davatz plädiert für eine systemische Betrachtungsweise. Das bedeutet, dass nicht nur das Kind, sondern auch das Familiensystem, das soziale Umfeld und das Schulsystem in den Blick genommen werden müssen.
  • Ursachenforschung: Anstatt das Kind für sein Verhalten zu bestrafen, sollten die zugrundeliegenden Ursachen erforscht werden.
  • Unterstützung des Systems: Dr. Davatz betont, dass es in erster Linie darum geht, das System des Kindes zu unterstützen und zu verändern, um die Bedingungen zu schaffen, die es dem Kind ermöglichen, wieder zur Schule zu gehen.
  • Verständnis und Validierung: Es ist wichtig, dem Kind Verständnis und Validierung entgegenzubringen. Das bedeutet, seine Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen und ihm zu vermitteln, dass man es versteht, warum es die Schule verweigert.
  • Zusammenarbeit mit der Schule: Eine enge Zusammenarbeit mit der Schule ist unerlässlich. Es geht darum, gemeinsam mit den Lehrpersonen Lösungen zu finden, die dem Kind helfen, wieder in den Schulalltag zurückzufinden.
  • Eventuell Herausnahme aus dem System: In manchen Fällen kann es notwendig sein, das Kind vorübergehend aus dem System zu nehmen, beispielsweise durch eine Platzierung in einer Pflegefamilie oder einer therapeutischen Einrichtung. Dies sollte jedoch nur als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden, wenn alle anderen Massnahmen ausgeschöpft sind.

Konkrete Beispiele aus den Quellen:

  • Dr.med. Ursula Davatz beschreibt den Fall eines Kindes, das die Schule verweigert, weil es sich ständig Sorgen um seine depressive Mutter macht und deshalb zuhause bleiben möchte.
  • Sie erzählt auch von einem Kind, das aus einem dysfunktionalen Familiensystem herausgenommen und in einer neuen Schule platziert wurde, wo es gut zurechtkam.
  • Dr.med. Ursula Davatz betont jedoch auch, dass es wichtig ist, die Bedürfnisse des Kindes zu respektieren und es nicht zu einer Trennung von seinen Eltern zu zwingen, wenn es dies nicht möchte.

Zusammenfassung:

Dr.med. Ursula Davatz sieht Schulverweigerung als ein Symptom für ein tieferliegendes Problem im System des Kindes. Sie empfiehlt einen systemischen Ansatz, der die Ursachenforschung, die Unterstützung des Familiensystems und die Zusammenarbeit mit der Schule in den Vordergrund stellt. Das Kind soll verstanden und validiert werden, ohne dass sein Verhalten bagatellisiert wird. Eine Herausnahme aus dem System sollte nur als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden.

https://ganglion.ch/pdf/krankheiten_herkunftsfamilie.pdf

Die Bedeutung der Gefühlsbenennung in der Konfliktlösung bei Kindern

Dr.med. Ursula Davatz betont in ihren Ausführungen die zentrale Rolle der Gefühlsbenennung in der Konfliktlösung bei Kindern. Sie erklärt, dass das Benennen von Gefühlen den emotionalen Stress reduziert und somit die Konfliktlösung positiv beeinflusst.

Reduktion des emotionalen Drucks:

Wenn Kinder ihre Gefühle benennen können, sinkt der emotionale Druck, der mit diesen Gefühlen verbunden ist, um die Hälfte. Das bedeutet, dass sie in Konfliktsituationen ruhiger und besonnener reagieren können, anstatt von ihren Emotionen überwältigt zu werden.

Selbstreflexion und Regulation:

Die Verbalisierung von Gefühlen fördert die Selbstreflexion und hilft dem Kind, seine Emotionen besser zu verstehen und einzuordnen. Dieser Prozess ermöglicht es dem Kind, seine Gefühle zu regulieren und angemessener auf Konfliktsituationen zu reagieren.

Abbau von Stress:

Dr.med. Ursula Davatz vergleicht das Benennen von Gefühlen mit dem Ablegen von Büchern in einer Bibliothek. Durch die Verbalisierung werden die Emotionen geordnet und „abgelegt“, was zu einer emotionalen Entlastung führt. Sie zieht einen Vergleich zu Analphabeten, die aufgrund ihrer geringeren Fähigkeit, Informationen zu ordnen und abzulegen, ein höheres Risiko für Alzheimer haben.

Vorbilder und Kommunikation:

Die Fähigkeit, über Gefühle zu sprechen, wird durch Vorbilder im Umfeld des Kindes gefördert. Wenn Eltern und Erzieher offen über ihre Gefühle sprechen, lernt das Kind, dies ebenfalls zu tun. Wichtig ist hierbei, dass die Erwachsenen authentisch sind und ihre eigenen Gefühle ernst nehmen. Kinder spüren, wenn Erwachsene unehrlich sind oder ihre Gefühle nicht ernst nehmen, und reagieren dann oft mit Widerstand.

Konfliktstrategien:

In einer individualisierten Gesellschaft ist die Fähigkeit, Konflikte konstruktiv zu lösen, besonders wichtig. Die Gefühlsbenennung ist dabei ein zentraler Baustein, da sie es ermöglicht, Konflikte auf einer emotionalen Ebene zu verstehen und zu bearbeiten. Anstatt die Gefühle einfach auszuagieren, lernen Kinder durch die Benennung ihrer Emotionen, alternative Konfliktstrategien zu entwickeln.

Zusammenfassung:

Die Gefühlsbenennung spielt eine entscheidende Rolle in der Konfliktlösung bei Kindern. Sie reduziert den emotionalen Druck, fördert die Selbstreflexion und ermöglicht eine bessere Regulation der Emotionen. Durch das Benennen von Gefühlen können Kinder Konflikte besser verstehen und lernen, konstruktive Strategien zur Konfliktlösung anzuwenden.

https://ganglion.ch/pdf/Umgang_Kindern_schwierigem_privatem_Umfeld.pdf

Umgang mit aggressiven ADHS-Kindern

Dr.med. Ursula Davatz beschreibt in ihren Ausführungen, dass ADHS-Kinder, insbesondere Jungen, besonders sensibel sind. Wenn sie verletzt oder gekränkt werden oder ihnen jemand im Weg steht, reagieren sie oft mit Aggression. Dieses aggressive Verhalten wird gesellschaftlich nicht akzeptiert und führt häufig zu Bestrafungen. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, da das Kind nicht nur in seiner Verletzung unverstanden bleibt, sondern auch noch für seine Reaktion darauf bestraft wird. Es ist wichtig zu verstehen, dass Kinder ihre Emotionen noch nicht so gut kontrollieren können wie Erwachsene. Das aggressive Verhalten ist somit Ausdruck der Verletzung und nicht in erster Linie böse Absicht.

Was tun bei aggressivem Verhalten?

Anstatt das Kind für seine Aggression zu bestrafen, empfiehlt Dr. Davatz folgende Vorgehensweise:

  • Ursache der Aggression ergründen: Es ist wichtig, herauszufinden, was die Ursache der Aggression ist. Das Kind kann dies möglicherweise nicht direkt artikulieren, aber Erwachsene können versuchen, die Situation zu analysieren und dem Kind mögliche Gründe vorlegen.
  • Verletzung validieren: Wenn die Ursache der Aggression gefunden ist, sollte die Verletzung des Kindes anerkannt und ernst genommen werden. Eine einfache Bestätigung wie „Ah, ja, ich verstehe“ kann dem Kind bereits helfen, sich verstanden zu fühlen.
  • Pause: Nach der Validierung der Verletzung empfiehlt Dr. Davatz eine Pause, um dem Kind Zeit zu geben, sich zu beruhigen und die Situation zu verarbeiten.
  • Alternative Strategien aufzeigen: Dem Kind sollten alternative Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden, wie es in Zukunft mit ähnlichen Situationen umgehen kann. Es ist wichtig, dem Kind beizubringen, seine Gefühle wahrzunehmen und zu benennen, anstatt sie auszuagieren.
  • Geduld und Übung: Es braucht Zeit und Übung, bis ein Kind neue Strategien erlernt hat. Man sollte nicht erwarten, dass sich das Verhalten sofort ändert. Vergleichbar mit dem Erlernen eines Sports braucht es wiederholtes Üben, um neue Verhaltensmuster zu etablieren.
  • Über Gefühle sprechen: Die Fähigkeit, über Gefühle zu sprechen, ist zentral, um den emotionalen Stress zu reduzieren. Indem das Kind lernt, seine Gefühle in Worte zu fassen, kann es sie besser verarbeiten und kontrollieren. Erwachsene können hier als Vorbilder fungieren, indem sie selbst offen über ihre Gefühle sprechen.
  • Sokratisches Lernen: Dr. Davatz betont den Aspekt des sokratischen Lernens, bei dem der Erwachsene gemeinsam mit dem Kind lernt. Indem man gemeinsam neue Strategien entwickelt und ausprobiert, entsteht eine positive Lernatmosphäre.

Zusätzliche Punkte:

Dr.med. Ursula Davatz erwähnt, dass impulsive Reaktionen, wie aggressives Verhalten, primitive Stressreaktionen sind, die spontan und automatisch ablaufen. Durch das Sprechen über Gefühle wird das Grosshirn aktiviert, was dem Kind ermöglicht, bewusster zu handeln.

Es ist wichtig zu bedenken, dass Kinder mit ADHS oft eine längere Aufmerksamkeitsspanne haben. Daher sollten Erklärungen kurz und prägnant gehalten werden.

Authentizität im Umgang mit dem Kind ist entscheidend. Das Kind spürt, ob der Erwachsene wirklich hinter den Regeln und Anweisungen steht. Eine authentische, emotionale Autorität, die auf Ruhe, Klarheit und Respekt basiert, ist wesentlich effektiver als Strafen und Druck.

https://ganglion.ch/pdf/Umgang_Kindern_schwierigem_privatem_Umfeld.pdf

Die Bedeutung der Gefühlsbenennung für Kinder

Die Benennung von Gefühlen spielt, gemäss Dr. med. Ursula Davatz, eine zentrale Rolle in der emotionalen Entwicklung von Kindern und trägt massgeblich zu ihrer psychischen Gesundheit bei. Besonders für Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen oder mit ADHS/ADS ist die Fähigkeit, Gefühle zu benennen und auszudrücken, von entscheidender Bedeutung.

Reduktion von emotionalem Stress: Die Verbalisierung von Gefühlen reduziert den emotionalen Druck, der durch unausgesprochene Emotionen entsteht. Wenn Kinder ihre Gefühle in Worte fassen können, wird das Gehirn entlastet und der emotionale Stress um etwa die Hälfte reduziert. Dieser Effekt ist vergleichbar mit dem Schreiben eines Tagebuchs, welches Dr. Davatz als eine effektive Methode zur Stressbewältigung beschreibt.

Verbesserung der Selbstreflexion: Durch die Benennung von Gefühlen lernen Kinder, ihre eigenen Emotionen besser wahrzunehmen, zu verstehen und einzuordnen. Dies fördert die Selbstreflexion und trägt zur Entwicklung eines differenzierten emotionalen Vokabulars bei. Je präziser Kinder ihre Gefühle beschreiben können, desto besser verstehen sie sich selbst und ihre Reaktionen auf verschiedene Situationen.

Entwicklung des Gehirns: Die Fähigkeit, Gefühle in Worte zu fassen, fördert die Komplexität des Gehirns und damit die Anpassungsfähigkeit des Kindes. Ein komplexeres Gehirn ermöglicht es dem Kind, sich besser in sozialen Situationen zurechtzufinden und Konflikte konstruktiv zu lösen.

Konfliktlösung: In Konfliktsituationen ist die Benennung von Gefühlen ein wichtiger Schritt zur Deeskalation. Wenn Kinder ihre Gefühle benennen können, anstatt sie auszuagieren, sinkt die Wahrscheinlichkeit von impulsivem und aggressivem Verhalten. Die Verbalisierung von Gefühlen ermöglicht es dem Kind, seine Bedürfnisse und Grenzen zu kommunizieren und so zu einer gemeinsamen Lösung beizutragen.

Vorbildfunktion der Erwachsenen: Kinder lernen die Benennung von Gefühlen primär durch Beobachtung und Nachahmung ihrer Bezugspersonen. Wenn Erwachsene offen über ihre Gefühle sprechen und diese benennen, schaffen sie ein positives Vorbild für das Kind. Umgekehrt gilt: Wenn im Umfeld des Kindes nicht über Gefühle gesprochen wird, lernt das Kind dies auch nicht.

Authentizität in der Erziehung: Authentische Autorität, wie sie von Dr. Davatz beschrieben wird, spielt eine wichtige Rolle in der emotionalen Erziehung von Kindern. Wenn Bezugspersonen ihre eigenen Gefühle wahrnehmen, benennen und authentisch ausdrücken, schaffen sie eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der sich das Kind sicher und geborgen fühlt.

Kulturelle Unterschiede: Dr. Davatz weist darauf hin, dass es kulturelle Unterschiede im Umgang mit Gefühlen gibt. In manchen Kulturen werden Gefühle eher ausgelebt als verbalisiert. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Gefühlsbenennung in diesen Kulturen keine Bedeutung hat. Auch hier kann die bewusste Wahrnehmung und Benennung von Gefühlen zu einem besseren Verständnis der eigenen Emotionen und zu einer konstruktiveren Konfliktlösung beitragen.

https://ganglion.ch/pdf/Umgang_Kindern_schwierigem_privatem_Umfeld.pdf