Dr. med. Ursula Davatz betont in ihrem Vortrag, dass ADHS keine Krankheit, sondern ein angeborener Persönlichkeitstyp ist, der spezielle Anforderungen an das Umfeld stellt. Menschen mit ADHS zeichnen sich durch eine hohe Sensitivität, eine breite Aufmerksamkeit und eine starke Reaktivität aus. Sie reagieren impulsiver als Durchschnittsmenschen, was oft zu Konflikten führt.
Das Umfeld spielt eine entscheidende Rolle dabei, ob Menschen mit ADHS ihre Stärken entfalten können oder ob sie Folgeerkrankungen entwickeln.
Ein ungünstiges Umfeld, das die Bedürfnisse von ADHS-Betroffenen nicht berücksichtigt, kann zu verschiedenen Problemen führen:
- Männer:
- Aggressive Abwehrreaktionen aufgrund von unterdrückter Verletzlichkeit.
- Delinquenz als Folge von ständiger Kritik und Bestrafung.
- Drogen- und Alkoholmissbrauch als Kompensationsversuch für die Impulsivität.
- Entwicklung zu Kontrollfreaks, um eigene Schwächen zu überspielen.
- Frauen:
- Depressionen durch Anpassung und Unterdrückung eigener Bedürfnisse.
- Bipolare Störung oder Borderline-Störung als Folge von unterdrücktem Temperament.
- Essstörungen als ungesunde Emotionsregulation.
- Angststörungen aus dem Wunsch heraus, alles richtig zu machen.
- Beide Geschlechter:
- Psychosen durch aufgestaute Emotionen.
- Zwangsstörungen, oft ausgelöst durch die Angst vor Fehlern.
Dr. Davatz veranschaulicht die Bedeutung des Umfelds anhand des Beispiels von Richard Branson, der trotz ADHS und Legasthenie erfolgreich wurde, weil seine Eltern ihn immer unterstützten. Sie erwähnt auch Einstein, bei dem vermutet wird, dass er ADHS hatte, und der in einem Umfeld aufwuchs, das ihm ermöglichte, seinen Hyperfokus zu finden.
Besonders die Schule steht in der Verantwortung, sich den Bedürfnissen von Kindern mit ADHS anzupassen. Dr. Davatz kritisiert das Schweizer Schulsystem als ungenügend in Bezug auf die psychische Gesundheit von Kindern und fordert eine stärkere Berücksichtigung individueller Bedürfnisse. Sie plädiert für „Islands of Development“, in denen Kinder mit ADHS individuell gefördert werden können.
Massnahmen, die ein Umfeld adäquat gestalten:
- Validierung der Verletzung: Statt aggressives Verhalten zu bestrafen, sollten Bezugspersonen die dahinterstehende Verletzlichkeit erkennen und anerkennen.
- Bedürfnisorientierte Kommunikation: Männern mit ADHS sollte von klein auf die Möglichkeit gegeben werden, ihre emotionalen Bedürfnisse zu äussern, um aggressive Ausbrüche zu vermeiden.
- Individuelle Förderung: In der Schule sollten differenzierte Lernmethoden und spezielle Förderangebote für Kinder mit ADHS geschaffen werden.
- Schaffung von Ruhe und Struktur: Ein strukturierter Alltag mit klaren Regeln und Ritualen kann helfen, Überforderung zu vermeiden und Entspannung zu fördern.
- Unterstützung bei der Selbstregulation: ADHS-Betroffene brauchen Hilfe bei der Entwicklung von Strategien zur Emotionsregulation und Impulskontrolle.
Dr. Davatz betont, dass die Anpassung des Umfelds nicht nur im Interesse der Betroffenen liegt, sondern auch gesellschaftlich und wirtschaftlich sinnvoll ist. Durch die Investition in Präventionsmassnahmen können die hohen Folgekosten von unbehandeltem ADHS im Gesundheits-, Sozial- und Justizsystem reduziert werden.
Zusammenfassend zeigt sich:
- ADHS ist ein Persönlichkeitstyp mit besonderen Bedürfnissen.
- Ein ungünstiges Umfeld kann zu Folgeerkrankungen führen.
- Ein adäquates Umfeld ermöglicht es Menschen mit ADHS, ihre Stärken zu entfalten.
- Die Anpassung des Umfelds ist eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Notwendigkeit.
https://ganglion.ch/pdf/ADHS-Folgeerscheinungen.pdf
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