Der Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz beleuchtet das Thema Schulabsentismus und verdeutlicht die Komplexität des Phänomens. Schulabsentismus ist nicht einfach nur „Schwänzen“, sondern ein Symptom, das auf unterschiedliche Probleme und Belastungen hinweisen kann. Dr. Davatz betont die Wichtigkeit einer differenzierten Betrachtung der individuellen Situation und die Notwendigkeit, die Ursachen des Schulabsentismus zu verstehen, anstatt nur die Symptome zu bekämpfen.
Mögliche Ursachen für Schulabsentismus:
Die Quellen identifizieren eine Vielzahl von Faktoren, die zu Schulabsentismus führen können:
Schulische Faktoren:
Langeweile: Manche Kinder schwänzen die Schule, weil sie unterfordert sind und sich im Unterricht langweilen.
Überforderung: Andere fühlen sich vom Schulstoff überfordert und erleben ständige Misserfolge, was zu Schulfrust und Vermeidungsverhalten führt.
Kritik und Disziplinierung: Schüler, die wegen ihres Sozialverhaltens ständig kritisiert und bestraft werden, entwickeln oft eine negative Einstellung zur Schule.
Mobbing:Mobbing durch Mitschüler kann dazu führen, dass sich Kinder ausgegrenzt und isoliert fühlen und der Schule fernbleiben.
Umgang mit ADHS: Das Schulsystem ist oft nicht ausreichend auf die Bedürfnisse von ADHS-Kindern eingestellt. Die gängigen Methoden der Kontrolle, Belohnung und Bestrafung sind bei ADHS-Kindern oft kontraproduktiv.
Mangelnde individuelle Förderung: Ein „One size fits all“-Ansatz im Unterricht wird den individuellen Bedürfnissen und Lerngeschwindigkeiten der Kinder nicht gerecht.
Angst vor Lehrpersonen: Manche Schüler entwickeln Angst vor bestimmten Lehrpersonen aufgrund deren Tonfall oder Unterrichtsmethoden.
Familiäre Faktoren:
Dysfunktionale Familienverhältnisse: Kinder aus dysfunktionalen Familien übernehmen oft Verantwortung für ihre Eltern und können sich deshalb nicht ausreichend auf die Schule konzentrieren.
Psychische Erkrankungen der Eltern: Kinder von psychisch kranken Eltern haben oft Angst um ihre Eltern und schwänzen die Schule, um sich um sie zu kümmern.
Überbehütung durch Eltern:Überbehütende Eltern können ungewollt dazu beitragen, dass ihre Kinder Schwierigkeiten im Umgang mit Herausforderungen entwickeln und der Schule fernbleiben.
Mangelnde Unterstützung durch Eltern: Manche Eltern unterstützen ihre Kinder nicht ausreichend beim Schulbesuch oder verharmlosen die Probleme, was den Schulabsentismus verstärken kann.
Folgen von Schulabsentismus:
Schulabsentismus kann schwerwiegende Folgen für die betroffenen Kinder haben:
Bildungslücken: Der verpasste Unterrichtsstoff führt zu Lücken in der Bildung, die sich im weiteren Schulverlauf und im späteren Berufsleben negativ auswirken können.
Soziale Isolation: Die fehlende soziale Interaktion mit Gleichaltrigen führt zu sozialer Isolation und kann die Entwicklung sozialer Kompetenzen beeinträchtigen.
Psychische Probleme: Schulabsentismus kann mit psychischen Problemen wie Angststörungen, Depressionen oder Suchtverhalten einhergehen.
Negative Zukunftsperspektiven: Die mangelnde Schulbildung und die psychischen Belastungen können die Zukunftsperspektiven der betroffenen Kinder stark einschränken.
Interventionen bei Schulabsentismus:
Dr. Davatz betont die Wichtigkeit einer frühzeitigen Intervention bei Schulabsentismus. Sie empfiehlt folgende Massnahmen:
Analyse der Ursachen: Der erste Schritt ist die gründliche Analyse der Ursachen des Schulabsentismus. Erst wenn die Ursachen bekannt sind, können gezielte Massnahmen ergriffen werden.
Einbezug des Familiensystems: Oft ist es notwendig, das gesamte Familiensystem in die Intervention einzubeziehen, um die Ursachen des Schulabsentismus zu bearbeiten.
Zusammenarbeit zwischen Schule, Eltern und Fachpersonen: Eine enge Zusammenarbeit zwischen Schule, Eltern und Fachpersonen wie Schulsozialarbeitern, Psychologen oder Ärzten ist essentiell für den Erfolg der Intervention.
Individuelle Unterstützung: Die betroffenen Kinder brauchen individuelle Unterstützung, die auf ihre spezifischen Bedürfnisse und Lernstile abgestimmt ist.
Stärkung der Eltern: Eltern sollten in ihrer Rolle als Erziehende gestärkt und beim Umgang mit den Schwierigkeiten ihrer Kinder unterstützt werden.
Beziehungsarbeit:Beziehung spielt eine zentrale Rolle im Umgang mit Schulabsentismus. Vertrauen und Empathie sind die Grundlage für eine erfolgreiche Intervention.
Die Rolle der natürlichen Autorität:
Dr.med. Ursula Davatz weist auf die Bedeutung einer „natürlichen Autoritätsperson“ hin, die das Kind beim Wiedereinstieg in die Schule unterstützen kann. Diese Person sollte eine stabile und vertrauensvolle Beziehung zum Kind haben und ihm Rückhalt und Sicherheit geben. Das kann ein Elternteil, ein Grosselternteil, ein Pate oder eine andere Person aus dem Umfeld des Kindes sein. Wichtig ist, dass die Person von dem Kind akzeptiert wird und ihm mit Respekt und Verständnis begegnet. Die natürliche Autoritätsperson begleitet das Kind in die Schule, bis es sich wieder sicher genug fühlt, alleine zu gehen.
Fazit:
Schulabsentismus ist ein komplexes Phänomen mit vielfältigen Ursachen. Bestrafung und Druck sind kontraproduktiv und können das Problem sogar verstärken. Verständnis, Empathie und individuelle Unterstützung sind die wichtigsten Elemente einer erfolgreichen Intervention. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Schule, Eltern und Fachpersonen ist unerlässlich, um den betroffenen Kindern zu helfen und ihnen eine positive Zukunft zu ermöglichen.
[00:00:00.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute haben wir das Thema Schulabsentismus. Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht, für was ist die
Schule eigentlich da oder was ist der Auftrag von der Schule? Ich habe sie in vier Aufgabenbereiche
aufgeteilt. Als erstes sieht man die Schule als Wissensvermittlung und Wissenserwerb. Ich auch kann
sagen Kompetenzerwerb, also Rechnen und Schreiben muss man lernen. Lesen muss man lernen. Das
sind unsere Kommunikationsmittel und unsere, wie soll ich sagen, Beurteilungsmittel. Also Rechnen tut ja
Verhältnisse aufzeigen. Es ist wichtig, dass wir die Welt vermessen können. Das ist ein altes Bedürfnis
vom Menschen.
[00:00:54.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat die Schule weiter den Auftrag, die Bewertung vom Wissensstand und die Bewertung von der
Intelligenz. Das heisst, sie tut ausselektionieren, was schon ein Problem ist. Es hat mal an einer Tagung
einen Vortrag über das Curriculum gegeben. Also Curriculum, also der Lebensweg, das Curriculum.
Ursprünglich ist das die Rennbahn gewesen, also bei den Griechen die Rennbahn in Olympia. Wer rennt
am schnellsten und wer ist der Beste? Also es ist in dem Sinn auch ein Sortierungssystem nach gewissen
Kriterien. Nicht alle Kinder können in diesen Kriterien gleich gut bestehen und gewisse fallen dann aus
der Rennbahn aus dem Curriculum raus.
[00:01:49.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird selektioniert auf intellektueller und ich könnte auch sagen funktioneller Ebene. Wie gut
funktioniert ein Kind.
[00:02:01.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat die Schule weiter eine Aufgabe. Die Weitergabe von ethisch-moralischen Wert. Früher sind
Schulen alles religiöse Schulen gewesen. Im Islam sind Schulen auch islamistische, religiöse Schulen.
Die Schule gibt immer auch ein Wertesystem weiter.
[00:02:22.430] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Oststaaten, also in den kommunistischen Staaten, haben sie dann den Kommunismus
weitergegeben in. In China auch den Kommunismus und dann noch eine gewisse Verherrlichung von
ihren Führern, also Maoismus. Ich bin noch vor Jahren auf einem chinesischen Schiff gewesen und am
Morgen mussten die Matrosen immer die Mao-Bibbel lesen. Das rote Büchlein.
[00:02:51.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben alle die Bibel gelesen. Ich bin reformiert. Ich habe auch eine Bibel zur Konfirmation geschenkt
bekommen. Man hat zum Teil die Texte in der Bibel studiert, analysiert und interpretiert. Die Schule gibt
immer automatisch auch einen moralischen Wert mit. In vielen Schulen hängen noch Kreuze, speziell in
katholischen Gegenden. Das ist man jetzt langsam am Abschaffen. Denn das ist natürlich ein Affront
wenn dort muslimische Kinder in die Schule gehen.
[00:03:23.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man moralisch ethische Werte anschaut, religiöse Werte, die auf der Religion basieren. Die
Religionskriege sind die schlimmsten Kriege. Davon haben wir einige gehabt. In Europa den 30-Jährigen
Krieg. Jetzt laufen auf eine Art immer noch Religionskrieg in der Politik.
[00:03:45.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Der vierte Punkt, den die Schule weitergibt, sind die sogenannten Social Skills. Die werden heute auch
bewertet. Erwerb von kompetentem Sozialverhalten. Da sage ich immer wir Menschen sind eine soziale
Spezies, so wie die Affen auch. Wie die Delfine. In dem Sinn haben wir an sich soziale Genen und haben
Sozialverhalten von Natur her. Aber die sozialen Gene können gestört werden, überlagert werden mit
gewissen dramatischen Strukturen oder Erlebnissen.
[00:04:26.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, das Kind, der Mensch ist ein soziales Wesen, ohne dass er in die Sonntagsschule geht. Ohne
dass er die moralischen Sachen lernt. Der Delphin rettet einen Menschen, der in Not ist, ohne dass er die
moralischen Werte gelernt hat. Ich will damit sagen, unsere soziale Natur ist tief in uns verwurzelt, aber
sie kann gestört werden.
[00:04:54.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Sohn schickt mir immer so Tierfilme, wo auch Inter-Species, Tiere miteinander zusammenarbeiten.
Ich denke, in einer globalisierten Welt müssten wir eigentlich wieder ein bisschen mehr auf unsere
sozialen Gene, uns zurück beziehen und das zusammenarbeiten, also Kooperation ein bisschen wieder
mehr hervor holen. Heutzutage wird es als Social Skills glaub ich in der Schule sogar bewertet. Stimmt
das?
[00:05:28.450] – Bemerkung 1
Sozialkompetenz.
[00:05:29.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe es auf Englisch gesagt. Jetzt wie sieht es mit dem Schulbetrieb heutzutage aus? Ich tu den
wieder sehr kritisch unter die Lupe nehmen. Der Wissenserwerb, der reine Wissenserwerb wird natürlich
stark konkurrenziert durchs Internet. Viele Kinder haben schon früh das Handy, die können alle möglichen
Sachen runter laden, wenn es sie interessiert, können sie das nachschauen. Da ist nicht mehr der Lehrer,
der alles weiss, der gescheit ist, der neue Sachen kann bringen.
[00:06:13.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Bewertung von Wissensstand, die kann heutzutage über die Anwendung und gerade heute Morgen am
Radio ist eine Sendung über künstliche Intelligenz, die KI gekommen. Anwendung von Wissensstand, die
wird heute sehr gross bewerkstelligt vom ChatGPT. Matura-Arbeiten und andere Arbeiten werden heute
im ChatGPT eingeben. Ärzte tun auch im ChatGPT Sachen eingeben. Dann werden die Austrittsberichte
in zwei Minuten geschrieben. Während man sonst, ich weiss noch wie lange ich gehabt hatte, als ich die
diktieren musste. Die werden in zwei Minuten geschrieben. Heute ist dort eine kritische Meldung
gekommen, damit der ChatGPT so gescheit ist, müssen viele, ich sage jetzt Fliessbandarbeiter für einen
Franken, müssen sie Sachen bewerten. Eine Katze muss erkannt werden vom Mensch. Dann tut man
dem Mensch alle möglichen Attrappen vorführen und da muss man immer sagen, nein das ist keine
Katze und das übernimmt dann der Computer.
[00:07:33.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Also damit der Chat-GPT so intelligent ist, ist wieder ganz viel Fleissarbeit dahinter, die ganz schlecht
bezahlt wird.
[00:07:45.010] – Bemerkung 2
Und er ist Dümmer geworden, weil er zu wenig intelligenten Inhalt bekommt.
[00:07:49.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hängt ja immer davon ab, was man eingibt.
[00:07:56.830] – Bemerkung 2
Garbage in, Garbage out.
[00:07:57.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Er wird verwendet. Zum Teil haben die Leute Angst vor der künstlichen Intelligenz. Zum Teil wird sogar
gesagt, die überholt uns. Da sage ich Nein. Das kann sie gar nicht. Denn, was der ChatGPT nicht kann,
ist emotionale Sachen beurteilen. Unser Hirn ist über Millionen von Jahren, hat sich das entwickelt,
verbessert, optimiert. Das ist eine Überheblichkeit, wenn der menschliche Intellekt denkt, er könne das
überholen.
[00:08:36.120] – Bemerkung 3
Der Kaffeeautomat reinigt sich selber und merkt nicht nicht, dass er uns stört.
[00:08:41.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ethisch-moralische Erziehung, die wird heutzutage konkurrenziert von populistischen, emotionalen
Trendsettern. Das ist eine gewisse gefährliche Sache. Das haben die politischen Instanzen zum Teil noch
nicht ganz erfasst. Ich denke, da müssen wir alle wachsam sein.
[00:09:19.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Politische Figuren wachsen dann auf oder tun sich hochstilisieren zu religiösen Agitatoren, sage ich jetzt.
Sie bewerkstelligen dann das, sie sind bessere Unterhalter als der Lehrer. Also der Lehrer muss ja auch
immer ein gewisser Unterhalter sein. Aber da haben sie viel Konkurrenz von der Unterhaltungsindustrie.
Es ist ja nicht per Zufall, dass wir Politiker haben, die vorher einfach im Medienbusiness waren. Arnold
Schwarzenegger ist einer von den ersten gewesen. Donald Trump ist einer gewesen, der Shows gemacht
hat. Wolodymyr Selenskyj ist auch ein Fernseh-Comedian gewesen. Das zieht beim Volk. Man muss
irgendwie in das emotionale, limbische System einloggen, dass man das Volk, ja, die Gefolgschaft hat. In
dem Sinn sage ich, was übrig bleibt, ist eigentlich die Sozialisation. Das kann niemand anders machen,
ausser wir Menschen. ChatGPT kann keine gute Sozialisation machen. Im Gegenteil, sie wird sogar
dümmer wie du sagst. Also auf der menschlichen Begegnungsebene, da braucht es erlernen und man
kann menschliche Sachen nur erlernen mit dem Mensch.
[00:10:46.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es auch Untersuchungen. Also wenn man das Hirn analysiert, funktionell wie es funktioniert, wenn
ein Mensch in ein Handy hinein guckt, dann werden viel weniger, also dann ist das Hirn relativ simpel
aktiviert. Wenn der Mensch aber interagiert mit einem anderen Mensch, also das Baby mit einer Mutter,
die lebendig ist und mit ihm interagiert, dann werden ganz viele Neuro-Netzwerke aktiviert und in Gang
gesetzt.
[00:11:25.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt bringe ich noch mal etwas über das Hirn und ich weiss es aus der Weltwoche und von einem
Journalisten, den ich sogar kenne. Da ist ein Artikel gekommen und man hat Untersuchungen gemacht,
Ratten glaube ich. Wie reagiert das männliche Hirn auf Stress und wie reagiert das weibliche Hirn auf
Stress?
[00:11:47.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier sind alles Frauen. Das männliche Hirn, das wird vereinfacht, punkto Strategie, kennt es offensichtlich
nur eine Richtung. Das ist Kampf. Das weibliche Hirn, das wird vermehrt vernetzt, also es macht neue
Gliazellen, Oligodendrozyten wachsen und tut sich vernetzen. Auf die Sozialkompetenz übersetzt, sage
ich, das weibliche Hirn sucht nach Lösungen. Hingegen das männliche Hirn sucht nach Dominanz. Das
ist klar von der Evolution her hat das weibliche Hirn müssen nach Lösungen suchen. Wir müssen unsere
Kinder von Baby bis Erwachsen begleiten und es hat immer andere Bedürfnisse. Also wir müssen uns
der Entwicklung vom Kind anpassen. Das ist ganz wichtig, sonst hätten wir als Homo Sabiens nicht
überlebt.
[00:12:52.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist in allen Säugetierarten, sieht man das wie Mutter, Kind, wie die miteinander kommunizieren. Da
ist lustig da habe ich letztens auch einen Affenfilm gesehen. Man hat einem kleinen Äffchen, hat man eine
Milchflasche hingehalten. Die kleinen Äffchen sind neugierig, die haben Suchverhalten. Die Mutter war
hinten dran und hat das Äffchen immer wieder zurückgerissen. Sie hat gesagt nein du darfst nicht, das ist
etwas Fremdes, das kenne ich nicht. In dem Sinn sieht man wie natürlich die erwachsene Generation
versucht zu bewahren, zu erhalten, beim Alten zu bleiben, während die junge Generation, die muss noch
ausprobieren. Dank dem Ausprobieren kommen wir auf neue Sachen. Hier kommen wir dann zur Schule,
die eher die Tendenz hat zu bewahren und Mühe hat mit dem Ausprobieren.
[00:13:59.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt wechsle ich weiter zum Schulabsentismus. Die Frage stellt sich immer. Ich habe schon einige
Kinder, die Absentismus gezeigt haben, Teenager, auch junge Kinder. Dort habe ich immer die Situation
analysiert.
[00:14:22.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald Kinder Schule schwänzen, muss man sich gewisse Fragen stellen. Die Schule hat natürlich die
Tendenz und das Gesetz hat den Auftrag in der Schweiz: man muss in die Schule gehen und sonst wird
man bestraft. Das geht so weit, dass ich eine Familie hatte, da hat das Kind immer geschwänzt. Es hat
geschwänzt, weil es den Ton von der Lehrerin nicht ertragen hat. Die ist so laut gewesen. Das hat es zu
Hause erzählt. Es ist eine Ausländerfamilie gewesen. Der Vater ist nicht vorhanden gewesen, der ist
ausgewiesen gewesen. Schlussendlich ist dieser Bub abgeholt worden von der Polizei. Die obligatorische
Schule ist an sich etwas gutes, aber wenn man sie durchsetzen muss mit der Polizei, dann stimmt
irgendetwas nicht.
[00:15:20.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kommen sie, als HOTA natürlich rein. Also wenn sie einen Fall bekommen mit Schulabsentismus,
dann müssen sie sich folgende Fragen stellen. Es gibt sicher noch viel mehr, aber ich habe jetzt ein paar
aufgeschrieben.
[00:15:34.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann dem Kind langweilig sein. Es ist vielleicht sehr neugierig. Es wird ihm schnell langweilig. ADHS
Kinder sind zum Teil so. Die Methode vom Lehrer spricht es nicht an. Dann beginnt es Seich zu machen,
wenn es bestraft wird, dann tut es vielleicht eher Schwänzen.
[00:16:00.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Langeweile kann ein Grund sein zum Schwänzen. Oder rausfallen, weil man sich dann schlecht benimmt.
Es kann genau das Gegenteil sein. Der Schüler kann sich überfordert fühlen vom Schulstoff. Er hat
dauernd einen Misserfolg, weil der Lehrer nicht merkt, wo er stecken bleibt. Er hat immer schlechte
Noten. Dann tut der Schüler wieder die Schul schwänzen. Wer will schon dauernd eines auf die Nase
bekommen? Wer wird schon dauernd Misserfolg einheimsen?
[00:16:39.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann weiter sein, der Schüler wird wegen seinem Sozialverhalten, das sind dann eher die ADHS
Kinder, wird er dauernd kritisiert, diszipliniert. Muss jeden Mittwoch nachsitzen. Über das Wochenende
immer Strafaufgaben machen. Dann bekommt er natürlich auch den Schulverleider. Das ist, wenn er sich
nicht an die sozialen Regeln haltet.
[00:17:08.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann fragt man natürlich nicht, warum kann er sich nicht an die sozialen Regeln halten? Man will einfach
die Regeln durchsetzen und man setzt die durch mit Strafen.
[00:17:20.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann ein Schüler im Sozialverbund herausstechen, jetzt mehr unter den Kollegen, weil er sich
entweder ein bisschen speziell verhält. Sehr ruhige, zurückzogene, introvertierte Kinder kommen oft dran,
weil die nicht mitmachen bei der sozialen Interaktion oder nicht so schnell mitmachen.
[00:17:45.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Kind kann gemobbt werden wegen seiner Hautfarbe, wegen seinem Ausgesehen. Wegen bestimmten
Eigenschaften. Eine Schulklasse oder die ganzen Schüler in einer Schule, die können sich schnell zu
einem Mob zusammentun und dann irgendein Objekt auswählen und auf das losgehen.
[00:18:11.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das mal passiert ist, dann kann sich das einzelne Kind nicht gut wehren. Wenn man dann oft zum
Lehrer etwas sagt, dann heisst es oft, das ist auf dem Schulweg, das uns nichts an. Auf dem Pausenplatz
haben sie Pausenaufsicht, aber meistens schwatzen sie mit irgendjemandem. Ich stelle es jetzt ein
bisschen kritisch dar. Dann laufen soziale Interaktionen ab, da laufen Prozesse ab, die niemand im Griff
hat. Dort wo natürlich der stärkste dann gewinnt. Dann kann das Kind wegen dem ausweichen.
[00:18:49.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einige solche, die im Erwachsenenleben das noch erzählen, wie sie gar nicht gerne in die
Schule gegangen sind, weil sie immer zu Aussenseiter gemacht worden sind.
[00:19:00.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein weiterer Grund und das werden sie öfter antreffen. Das Kind macht in der Schule nicht recht mit, weil
es zu Hause eine dysfunktionale Familie hat.
[00:19:12.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen Patienten, der hatte eine manisch-depressive Erkrankung. Zum Teil noch Schizophren.
Schlussendlich hat er noch MS bekommen. Der hat als Erwachsener gesagt, ich habe mich nicht getraut
in die Schule zu gehen, weil ich Angst gehabt habe um meine Mutter.
[00:19:29.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich musste zu Hause bleiben, um zu meiner Mutter zu schauen. Das unterschätzt man oft, wie viel
Funktionen die Kinder übernehmen für ihre dysfunktionale Familien. Dann, weil sie ja dann wegbleiben,
werden sie bestraft und kein Mensch fragt, was eigentlich hintendran der Auslöser ist.
[00:19:52.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich tragisch. Von dieser Familie habe ich dann auch die Älteste kennengelernt. Die ist
schlussendlich Lehrerin geworden. Lehrerin für spezielle Kinder. Die ist vom Schulsystem auch nicht so
gut verstanden worden, weil sie auf all die speziellen Kinder eingegangen ist. Also eigentlich eine
hochbegabte Lehrerin gewesen ist, aber das Schulsystem hat das nicht registriert, nicht verstanden.
[00:20:22.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder müssen zu Hause nach dem Rechten schauen und können wegen dem nicht nicht aufpassen in
der Schule. Sie träumen oder sie fehlen oder sie sind eben abwesend. Wenn ich in solchen Systemen
drinnen gewesen bin, habe ich immer zu den Kinder gesagt ich schaue jetzt für deine Eltern. Du darfst für
dich schauen. Das geht noch bis sie 20 sind. Speziell auch Teenager Kinder, die eigentlich müssten sich
loslösen dürfen. Die sind dann hauptsächlich beschäftigt mit dem Aufpassen für ihre Eltern und können
sich überhaupt nicht für ihre Karrieren einsetzen. Das ist sehr sehr schwierig.
[00:21:05.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt komme ich zu meinem Stäckenpferd zu den ADHS und ADS Kinder. Wie ich erlebe wie mit denen
umgegangen wird im heutigen Schulsystem.
[00:21:17.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt sicher Schulen, die es auch gut machen, es gibt begabte Lehrer, die es gut machen. Die
Mehrheit, die ich antreffe, ich bekomme natürlich nur die wo es nicht funktioniert. Unser Schulsystem
arbeitet häufig noch mit Gehorsam und Kontrolle. Mit Belohnung und Bestrafung. Es werden Smileys und
entäutsche Gesichter aufgeschrieben. Da behaupte ich, das ist keine gute Methode. Das ist aus dem
Mittelalter. Man sollte das Kind anders führen als mit Bestrafung und Belohnung. Wenn man nicht
zufrieden ist mit dem, was das Kind macht, sollte man das nicht mit Kleber machen, sondern mit der
persönlichen Beziehung, wo man dem Kind sagt: Ich will das und ich will das. Nicht du musst das, du
sollst das, warum machst du es nicht? Sondern man muss über Beziehung arbeiten. Nicht alle Lehrer
haben eine natürliche Autorität. Dann können sie das nicht so gut. Jesper Schul, der ist ja ursprünglich
noch Lehrer gewesen in einem Heim, der sagt das klar. Ich will.
[00:22:32.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will, also man muss dem Kind klar sagen, das will ich, dass du das lernst, das will ich, dass du dich an
die Regeln hältst. Es muss immer unterlegt sein mit der eigenen Emotionalität. Mit der persönlichen
Emotionalität. Nicht erst wenn man verrückt ist, dann hat die Emotionalität nicht mehr so viel Gehalt.
[00:22:56.380] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Kinder kann man nicht mit Bestrafung und Gehorsam, also Bestrafung und Belohnung erziehen.
Sie sind sehr intrinsisch motiviert. Man muss sie dazu bringen, dass sie interessiert werden an dem. Man
muss sie zur Kooperation bringen. In dem man eine Beziehung mit ihnen herstellt. Sie spüren, sie werden
akzeptiert und anerkannt vom Lehrer, dann kann er auch Zeugs verlangen. Das ist an sich die Regel in
allen Tierdressuren. Kein Dresseur kann das Tier dressieren ohne Beziehung zum Tier. Das Gleiche gilt
beim Menschen. Der Lehrer, der eine Beziehung hat zum Kind, der kann Sachen verlangen. Der wo
keine Beziehung hat, der läuft ins Leere. Von dort her funktioniert Bestrafung nicht. Das sage ich den
Eltern von ADHS-Kindern. Man kann die Kinder das totschlagen, also das wäre Bestrafung und sie folgen
immer noch nicht.
[00:23:58.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann so verzweifelt werden, dass man sie würgen könnte, das wird zum Teil gemacht, also auch von
Eltern. Aber das bringt es nicht. Also so lernen sie gar nicht. Die ADHS Kinder, die sind sehr impulsiv und
die legen natürlich sehr viel Fehlverhalten an den Tag, innerhalb von einem Klassenverband. Man kann
sie aber nicht für ihre genetische Vererbung, für ihre genetische Verhaltensweise, also genetisch
bestimmte Verhaltensweisen, kann man sie nicht bestrafen. Sie können ja nichts dafür, dass sie die
Genen bekommen haben. Sie müssen dennoch lernen, ihre Impulsivität mit der Zeit langsam in den Griff
zu bekommen. Das kommt an sich erst in der Pubertät. Man kann schon früher anfangen, aber nicht mit
Bestrafung und Belohnung. Dort spielt eher dann der Sport eine wichtige Rolle. Das machen solche, die
problemlos ins Erwachsenenalter gekommen sind, dass sie selber ihre Impulsivität mit Sport oben runter
holen. In dem Sinn hat man herausgefunden und das kommt jetzt auch wissenschaftlich. Nach der
Turnstunde oder wenn zur Bewegung drängendes ADHS Kind Sport gemacht hat, dann ist hinterher eine
bessere Leistung. Vor Jahren hat mein Biografie Lehrer so Sachen gebracht, dass nach der Sportstunde
die Aufmerksamkeit besser ist.
[00:25:35.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn der Sport macht Adrenalin Ausschüttung. Von dort wirkt das so wie Ritalin und dann können sie
bessere Leistungen bringen. In dem Sinn habe ich gerade an der letzten Tagung von den
Schweizerischen Psychiaterin, habe ich eine junge Psychiaterin angetroffen und die hat gesagt, sie
haben in einer Schule fertiggebracht, dass sie zwei Stunden Mathematik oder Lesen oder irgendetwas
weggelassen haben. Dafür mehr Sport. Die Leistung ist hochgegangen. Indem die Kinder sich mehr
haben bewegen dürfen, sind sie intellektuell leistungsfähiger gewesen. Da gibt es jetzt auch
Untersuchungen.
[00:26:17.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben vom limbischen System ich nehme ja immer so das Hirnmodell. Das wäre das grosse Hirn,
mein Daumen ist das limbische System und das Handgelenk ist das vegetative Nervensystem und das
motorische Hirn. Im limbischen System hat es eine Struktur, der Hippocampus. Alles, was wir von aussen
an Eindrücke bekommen, wird als erstes über den Hippocampus angelegt, analysiert, prozessiert. Der
Hippocampus ist ein emotionales Gedächtnis, aber das hat nur gewisse Speicherfähigkeit. Wenn der
überfordert ist, funktioniert gar nichts mehr.
[00:27:05.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Korrekterweise oder funktionellerweise funktioniert es, wenn man den Hippocampus wieder leert, das
heisst, wenn man diese emotionalen Inhalte, die man dort hat, wenn man diese ins Hirn tun kann, ins
Grosshirn, dort verarbeiten und dann ablegen. Wenn man das nicht ins Hirn tun und ablegen kann, dann
bleibt der ständig überlastet. Dann heisst es System Overload.
[00:27:31.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man auch wieder Untersuchungen gemacht, wenn der Mensch seine emotionalen Inhalte in Wort
fasst. Das wäre ja das Grosshirn. Die Wort ausspricht, die Wort aufschreibt, also seine Geschichte
aufschreibt, dann geht 50% vom Stress, der da in dem Hippocampus sitzt, geht weg.
[00:27:52.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das, wenn das Kind impulsiv ist und irgendeine negative Haltung, Verhalten an den Tag legt, dann
kann man bei den kleinen Kinder noch nicht fragen, was hat dich denn so verrückt gemacht? Je nach
dem kann man schon, aber man muss wahrscheinlich helfen. Bei den Erwachsenen, Grossen, die kann
man fragen. Was hat dich eigentlich verletzt, sodass du dich dann mit Aggressionen gewehrt hast? In
dem Sinn, wenn ein Fehlverhalten auftritt bei den Kinder, müsste die Lehrerin oder der Lehrer immer
schauen, woher kommt das Fehlverhalten? Nicht einfach nur das Fehlverhalten abschneiden und
bestrafen wollen.
[00:28:36.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss eigentlich immer die Ursache von dem Fehlverhalten herausfinden. Man muss dann das
validieren, also verstehen, bestätigen und erst dann kann man neu programmieren. Das Fehlverhalten
verstehen, bestätigen, also Empathie zeigen, dann kann es abgelegt werden ins Grosshirn. Dann kann
neues Verhalten auftreten und das Kind kann lernen. Sonst kann es nicht lernen, wenn es so emotional
übererregt ist, kann es nicht lernen.
[00:29:12.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss dem Kind quasi helfen zu kompetenteren Problemlösungen. Zu raffinierteren Problemlösungen
zu den sogenannten Social Skills, also Sozialkompetenz.
[00:29:27.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir jetzt noch eine Schulklasse haben mit multi ethnischen, multi kulturellen, multi religiösen Wert,
haben wir natürlich ganz viele Religionskriege in dem Kollektiv. Das verlangt noch mal zusätzliche
Kompetenz von den Lehrern und von ihnen, die dort hineinkommen. Dort muss man auf eine Art dann
alle religiöse Werte – wobei die Religionen sich zum Teil stark überlappen – also sie haben alle etwas
Soziales drin, also das gehört dazu. Man muss dennoch die verschiedenen Werte honorieren und dann
schauen, dass nicht ein Kompetenzstreit beginnt. Wer ist besser, wer ist schlechter.
[00:30:19.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, das mehrheitlich katholisch gewesen ist und ich war refomiert. Wir
haben schon als Zehnjährige, Elfjährige, Zwölfjährige diskutiert, welches die bessere Religion ist.
[00:30:32.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben uns aber nicht verprügelt. Nur darüber geredet. Man muss an sich diesen Kinder beibringen,
jeder darf auf seine Art, seine Spiritualität pflegen und es ist nichts besser und nichts schlechter. Das ist
noch schwierig. Man muss Rücksicht nehmen auf diese verschiedenen Wertvorstellungen.
[00:31:04.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben ja jetzt das sogenannte integrierte Schulwesen. Das heisst, man will andersartige Kinder in der
normalen Schulklasse behalten. Aber wie macht man das? Man holt dann Sozialarbeiter,
Sozialpädagogen rein, die neben das Kind sitzen. Man hat Schulassistenten, finde ich an sich eine gute
Sache.
[00:31:28.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Was da passieren kann, da werden diese Kinder stigmatisiert, also singularisiert, herausgehoben aus
dem Kollektiv. Viele wollen darum die Hilfe gar nicht. Aus meiner Sicht wäre es besser, wenn die Lehrer
ein bisschen mehr lernen, wie die verschieden sind. Das heisst nicht, dass sie, wie soll ich sagen, ein
Curriculum machen für jedes Kind.
[00:31:55.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Schulplan und viel vom Schulplan ist natürlich am grünen Tisch erfunden worden. Mit der Haltung
One Fits All. Also ein Instrument muss auf alle gehen. Das geht nicht. Je mehr es normiert wird, umso
schlimmer wird das.
[00:32:15.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat der Dorfschullehrer die Gesamtschulklasse gehabt, er konnte machen wie er wollte. Nach
seinem Gutdünken, nach seiner Autorität, nach seinem Wissen. Das hat auch funktioniert.
[00:32:25.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute ist alles so reglementiert, dass dann eben ADHS Kinder oft zwischen die Masche fallen oder Sand
im Getriebe sind. Das ist ein Riesenproblem. Was passiert dann, wenn sie Sand im Getriebe sind, dann
werden sie im medizinischen System abgegeben. Das medizinische System funktioniert nach dem
medizinischen Modell. Das heisst: Symptom Behandlung, Symptom Bekämpfung. Vor Jahren von den
70er bis vielleicht 90er Jahre ist die Systemtherapie also Familientherapie, ist en vogue gewesen; zuerst
in Amerika, dann in Europa. Jetzt ist das völlig zurückgegangen.
[00:33:05.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind eine von diesen Institutionen, die aufsuchende Familienarbeit machen, die systemisch arbeiten.
In so einem Moment wo etwas nicht funktioniert in der Schule, muss man unbedingt können systemisch
arbeiten. Das ganze System anschauen, die Dysfunktion vom System anschauen und nicht nur das Kind
diagnostizieren. Ich sage jetzt stigmatisieren und mit Medikamenten behandeln. Das läuft jetzt. ADHS,
noch vor 30 Jahren hat man gesagt das gibt es gar nicht. Jetzt ist es in aller Munde. Viele tun sich schon
selber diagnostizieren, ihr Kind. Sie wollen natürlich eine exakte Diagnose. Dann müssen sie sechs, acht
Monate bis ein Jahr warten, bis das sogenannte diagnostiziert werden kann. Inzwischen ist schon alles
schiefgegangen.
[00:34:04.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Was als Behandlung gemacht wird, es werden Medikamente geben, also Amphetamin. Das hilft für das
schulische Verhalten. Das hilft nicht in Bezug auf Sozialkompetenz und all die andere Sache, die noch mit
gehen.
[00:34:22.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her ist ein grosser Bedarf für Beratung von Schulen, Eltern, Bezugspersonen von ADHS Kinder.
Dass die nicht aussortiert werden, pathologisiert werden und dann unglaublich viel Geld kosten. Sie
landen im psychiatrischen System. Sie landen im Justizsystem. Also in den Gefängnissen. Insbesondere
ADHS Kinder.
[00:34:53.270] – Dr.med. Ursula Davatz
One size fits all, das funktioniert eben nicht. In der Medizin wird jetzt immer von evidence-based Medicine
geredet. Evidenz basierte Medizin ist immer Statistik. Das ist natürlich: One Size Fits all. Das ist gut und
recht. Da kann man Trends sehen, das ist interessant, aber das langt nicht.
[00:35:20.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie als aufsuchende Familienarbeiterinnen, sie müssen absolut individuell vorgehen können,
systemspezifisch vorgehen. Möglichst viel Kreativität an den Tag legen. Man muss immer wieder neu
herausfinden, was funktioniert bei dieser Familie, bei dem Kind und was nicht.
[00:35:47.150] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sage ich: wir müssen wieder zum Sokratischen Lernen zurückkehren. Der Sokrates hat
gesagt, ich lerne über meine Schüler. Wir müssen zusammen mit den Schülern lernen. Da mache ich ja
auch immer einen Witz über uns Psychiater: Man sagt Mediziner, die wissen alles, aber können nichts.
Die Chirurgen, die können alles, aber wissen nichts. Sie sind Helden im Handeln und operieren. Der
Pathologe, der weiss alles, aber zu spät, wenn der Patient schon tot ist. Der Psychiater, der weiss nicht
und kann nichts. Ich sage aber er lernt jeden Tag anhand von seinen Patienten, von seiner Familie. Das
wäre wieder das Sokratische Lernen. Wir müssen zusammen mit dem System lernen. Einen Weg
herauszufinden.
[00:36:51.560] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich ist das auch das, was die Evolution macht. In der Evolution, wenn man auf die genetische Ebene
geht, geschehen Erneuerungen auch durch kleine Fehler. Ich sage auch, der Mensch ist eigentlich ein
misslungener Affe. Er ist aus dem Urwald abgetrieben worden und hat dann gelernt aufrecht zu gehen
und so weiter und so fort. Ich denke, wir müssen lernen mit dem System, sodass sich das System
möglichst gesund entwickeln kann. Das ist eigentlich ein evolutionäres Prinzip.
[00:37:24.830] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn gebe ich ihnen all die Möglichkeiten und die Kraft, das vorantreiben zu können. Sie lernen
und ihr System lernt. Das wären so meine Ausführungen.
[00:37:45.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Erwachsenen dürfen und können viel lernen. Damit man lernen kann, muss man auch beobachten
können, ohne zu wissen, was es ist. Wenn man schon weiss, wie es eigentlich ablaufen soll, dann lernt
man nicht mehr, dann sieht man nichts. Unser Hirn funktioniert so, das ist Sparmassnahme, das ist
Effizienzsteigerung. Wenn wir mal irgendetwas gesehen haben, wo so und so aussieht, oder sich so und
so verhält. Ah ja, das ist das. Wenn es um Probleme geht, muss man wieder lernen, mehr schauen, mehr
beobachten lernen. In dem Sinn denke ich, müssen wir uns mehr Zeit nehmen zum beobachten,
herauszufinden, was da abgeht. Okay, jetzt wollte ich ihnen die Möglichkeit geben zum Fragen stellen.
[00:38:37.740] – Bemerkung 1
Kinder, die eine Diagnose haben, die fallen oft auch in einen Nachteilsausgleich. Zum Beispiel das Kind
mit einer Legasthenie hat einen gewissen Nachteilsausgleich. Meine Erfahrung ist, dass das ein bisschen
Wischiwaschi ist. Wie, was genau für eine Nachteilsausgleich, in welchem Mass? Wer haltet sich daran,
wer nicht? Da habe ich die Erfahrung gemacht, manchmal gibt der Sozialpsychiatrische Dienst (SPD)
Empfehlungen. Manchmal halten die sich aber auch total zurück irgendwie. Ich frage mich da, hast du
Erfahrung mit dem, wer da die Personen sind, in dem Schulsystem, die eigentlich auch in der
Verantwortung sind?
[00:39:15.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Nachteilsausgleich ist Wischiwaschi. Man macht extra Wischiwaschi Gesetz, damit man möglichst alles
machen kann. Von dort her hängt das sehr ab von der Schule und vom Lehrer. Der Nachteilsausgleich
geht bis in die Universität. Ja, die dürfen Nachteilsausgleiche anfordern. Was am meisten gemacht wird,
ist sie dürfen mehr Zeit verwenden. Also zum Beispiel der Lehrling darf ein bisschen länger an seine
Aufgaben arbeiten oder man kann anstatt zwölf Lösungsaufgaben muss er nur zehn machen. Die
Quantität kann vermindert werden, weil er ja so genau ist und alles so gut macht und man kann einen
ruhigen Raum verlangen. Das sind so die Sachen, wo angeboten werden. Oder er darf Kopfhörer
anhaben, damit er nicht gestört wird vom Lärm drumherum.
[00:40:17.440] – Bemerkung 2
Wenn es nicht umgesetzt wird?
[00:40:19.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Da schaut niemand.
[00:40:21.370] – Bemerkung 2
Ich habe jetzt gerade wieder so einen Kollegen, dessen Tochter hat ein ADHS, das diagnostiziert ist. Die
sind auch schon mit Ärzten an einen runden Tisch gegangen. Es ist wie klar, dass die jetzt in der
Bezirksschule auch mündlich zu prüfen wäre. Das wäre eine Art, die ihr gut liegen würde, mündlich
abgefragt zu werden. Schlussendlich setzt es niemand um. Die Schule hat sich dann darauf berufen,
dass sie das gar nicht machen müssen, beruhend auf irgendeinem aargauischen Gesetz.
[00:40:51.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kommen wir dann schon bald in den juristischen Bereich hinein. Da kann man an sich nur drohen und
sagen: hören sie, das ist heute bekannt und wenn sie da sich widersetzen, dann beklage ich mich
zuoberst. Also beim Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS).
[00:41:12.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Yvonne Feri ist eine Aargauerin. Ich glaube sie ist Nationalrätin. Die hat jetzt einen Antrag gestellt, dass
man für ADHS Kinder mehr, dass man mehr Rücksicht auf die nimmt und mehr Mittel zur Verfügung stellt.
[00:41:28.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Schule sich einfach weigert, dann gibt es eigentlich nur noch den juristischen Weg.
[00:41:33.560] – Bemerkung 3
Ich glaube ich habe letztens noch gelesen von einer Studentin an der Uni, die selber an das
Bundesgericht gegangen ist.
[00:41:40.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Bis an das Bundesgericht? Das kann man. Hat sie es erhalten? Ja, das kann heutzutage. Die meisten
getrauen sich nicht, weil sie natürlich schon so viele widerwärtige Sachen erlebt haben, dann nicht noch
mal das wollen. Aber wenn sie es wollen, dann unterstütze ich sie auch. Man muss immer so ein
bisschen abwägen. Lohnt es sich oder lohnt es sich nicht. Wenn eine Schule sich einfach weigert, dann
kann man eine Klage einreichen.
[00:42:11.620] – Bemerkung 4
Es sind die Klassenlehrpersonen, die in der Verantwortung sind, die Klassenlehrpersonen, zusammen in
Verbindung mit den schulischen Hauptpädagogen und so.
[00:42:21.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, es sind die Lehrpersonen. Die Schulischen Hauptpädagogen. Nichts gegen die. Ich kenne auch
einige. Die fahren so einen anderen Weg. Es geht halt oft ins verniedlichen rein.
[00:42:42.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte mal ein Kind, das hat Schulverweigerung gemacht und ich habe dann mit seinem Lehrer, den
haben wir heim geholt, damit das Kind sich an den angwöhnen kann, der hat das sehr gut gemacht und
dann ist sie wieder in die Schule gegangen. Am Montag ist sie nie gegangen. Da habe ich dann gefragt
warum? Ja dann ist der Heilpädagoge dort. Die stellt so blöde Fragen.
[00:43:07.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist dann eben so ein bisschen babyhaft. Das haben sie gar nicht gerne. Gewisse Kinder wollen auch
keine Notenbefreiung. Das kann man auch noch. Man kann sie Noten befreien im Legastheniefach oder
in der Dyskalkulie. Viele Kinder wollen das nicht. Sie wollen gemessen werden mit den anderen. Wenn
sie es wollen, dann würde ich es machen. Wenn das Kind es nicht will, würde ich es nicht machen.
[00:43:29.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, von Kind zu Kind ist das unterschiedlich.
[00:43:34.140] – Bemerkung 5
Was bedeutet das, wenn sie Noten befreit werden? Schon in der zweiten, dritten Klasse zum Beispiel.
Das finde ich, ist wie auch noch eine Frage.
[00:43:43.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt heutzutage Schulen, die machen nicht mehr Noten im Vergleich zu den anderen Kinder, sondern
seinen eigenen Fortschrittsnoten. Dann könnte man dem Lehrer eigentlich sagen, er soll den Fortschritt
vom Kind beurteilen. Aber das ist natürlich eine individuelle Handhabung, er soll nicht einfach keine
Noten geben. Im Verhältnis zu deiner Veranlagung hast du jetzt so viel Fortschritt gemacht, darum gehen
wir jetzt von einer drei auf eine vier und so hinauf.
[00:44:19.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Das würde ich allen Lehrer sagen, sie sollen den Fortschritt vom Kind messen, denn das Kind will schon
irgendwie beurteilt werden. In dem Internat machen sie das. Da tun sie nur das Kind mit seiner eigenen
Leistung vergleichen und was für einen Fortschritt es gemacht hat. Das wäre eigentlich eine
Prozessbegleitung und eine Prozessbeurteilung. Nicht ein Querschnitt. Das wäre wieder individuell. Das
wäre gut. Also das würde ich den Lehrern sagen. Die Lehrer kommen dann immer mit der Haltung von:
es ist nicht gerecht, ich muss alle gleich behandeln. Das ist Blödsinn. Eine Mutter muss nicht alle Kinder
gleich behandeln. Der Lehrer muss jedes Kind nach seiner Fähigkeit und seinen Talenten behandeln,
nicht einen Brei aus ihnen machen, also nicht einfach nur Durchschnitt.
[00:45:15.420] – Bemerkung 6
Aber es ist natürlich schon schwierig, wenn du eine 24er Klasse hast, das individuell auch wirklich heraus
zu spüren. Ich finde in dem ganzen Kontext wird immer wieder vergessen, wie fest die Politik Einfluss hat
auf die Ressourcen, die Schule hat. Was du vorher gesagt hast, ich kenne ganz viele Lehrpersonen, die
eigentlich das alles unterschreiben würden, aber einfach scheitern. In der effektiven Situation dem
gerecht zu werden aufgrund von dem, dass du dann nicht nur einen ADHS Schüler hast und jemand mit
einem Herkunftssystem.
[00:45:47.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich auch klar: Schulsituation ist etwas anderes als Familiensituation. Ich sage den Lehrern sie
dürfen den Eltern sagen in der Schule läuft es so und ich muss das ganze kollektiv im Griff haben. Ich
kann nicht das Kind behandeln wie daheim. Das ist ein Unterschied. Da darf man auch gewisse Disziplin
verlangen. Wenn das Kind das nicht kann, dann kann man es rausnehmen um das Schulzimmer rennen
lassen aber nicht bestrafen. Man muss da Methoden finden, wie es besser geht.
[00:46:25.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du sagst, sie haben Angst vor der Beurteilung von aussen. Ich habe einige Lehrer jahrelang
begleitet in Supervision. Eine ist auch ein ADHS Kind gewesen. Die hat es so gut gemacht, aber ist im
Schulsystem schlecht angekommen. Die habe ich dann immer unterstützt in ihrer individuellen Art. Sie
hat aber dennoch von allen etwas verlangt, aber vor jedem das, was es hat können. Schlussendlich ist
sie als ganz tolle Lehrerin verabschiedet worden.
[00:46:58.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einmal vor Jahren in Heidelberg ein Seminar gegeben an einer Lehrertagung. Ich habe eine
ganze Woche mit Lehrern gearbeitet. Da habe ich festgestellt, wie viel Angst die Lehrer haben und wie
sie ihre Freiheit nicht ausnutzen.
[00:47:15.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe sie dann immer unterstützen müssen, dass sie mehr Mut haben. Es schneidet ihnen niemand
den Kopf ab. Schlussendlich zählt das Resultat. Outcome zählt. Wie die Kinder rauskommen. Nicht ob sie
es den Behörden recht gemacht haben. Viele Lehrer sind immer noch Schüler und wollen es den
Behörden recht machen. Das kann es gar nicht sein. Da probiere ich sie darin zu unterstützen, dass sie
individuell mutig sind, es zählt, was rauskommt.
[00:47:47.620] – Bemerkung 7
Ich denke, das ist auch schwierig, wenn sie nicht unterstützt sind. Ich habe mal einen Jugendlichen
begleitet von der Juga. Der ist in eine Klasse gekommen, das ist eine Berufsfeuerklasse. Der Lehrer, der
war schon Mitte 50, der hat gesagt und mein Credo ist jeder von meinen Schülern und schülerinnen
dindet einen Lehrstuhl. Das hat er geschafft. Der hat natürlich dann auch völlig unorthodoxe Methoden
benutzt und hat dann irgendwann gesagt, das ist mir wurscht, was da irgendjemand sagst, ob das gut ist
oder nicht. Der hat er es geschafft. Der hatte wirklich die Schwierigeren gehabt. Also die Berufsvorklasse,
die wo man gedacht hat uuhii. Was machen wir jetzt mit denen und so. Dr hat es einfach geschafft.
AlleJahre, alle Jahre hat er alle irgendwo untergebracht. Der hat das auch wollen, dem ist es wurscht
gewesen, was die Leute denken. Das ist nicht so einfach. Das war in Luzern, Emmenbrücke.
[00:48:49.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, es braucht einen gewissen Mut von der Lehrern. Ich habe eine Zeit lang mit Lehren
zusammengearbeitet, mit der BEZ Turgi. Da haben wir ganz unkonventionelle Sachen gemacht und
haben die Kinder alle durchgebracht. Sie brauchen einen gewissen Mut.
[00:49:08.020] – Bemerkung 8
Was ich mich noch frage mit diesen Fortschrittnoten. Wenn es jetzt in den Primarschule, Mittelstufe
Fortschrittnoten gibt. Das ist so bei meinen Kindern, dort wo ich wohne. Es gibt es drei Stufen in der
Klasse. Ich merke, dass bei uns die Eltern sehr verunsichert sind. Sie gehen ja dann trotzdem in die
Oberstufe. Das Kind hat vielleicht einen Fünfer aber es ist in der schlechtesten Stufe. Ich finde das auch
noch schwierig bezüglich Übergang.
[00:49:35.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ist es. Wenn das Kind nur nach seinen Fortschritten beurteilt wird, die Eltern können da auch wieder
ihre Schwierigkeiten haben. Nicht alle Kinder entwickeln in der gleichen Geschwindigkeit ihre
intellektuelle Fähigkeit, ihre sportliche Fähigkeit was auch immer. Ich denke es ist wichtig, dass man dann
nicht alles wie Äpfel behandelt. Früher wenn man Äpfel vom Bauer geholt hat, hat es kleine und grosse
gegeben. Heute werden alle durch ein System durchgelassen, sie sind alle gleich gross. Aber wir müssen
ja unsere Kinder nicht wie diese Äpfel behandeln.
[00:50:19.060] – Bemerkung 9
Ich frage mich einfach manchmal, aus Sicht von den Kinder. Können sie sich auch richtig einschätzen?
[00:50:30.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hängt natürlich wieder ab vom Lehrer, wie er es dem Kind beibringt. Dass der Lehrer eine
persönliche Beziehung hat zu dem Kind, dem dann erklärt, bei dir ist jetzt das so. Ein gelähmtes Kind
konnte auch nicht früher. Also heute hat man keine Kinderlähmung mehr. Früher, als es gelähmte Kinder
gab, die hat man auch nicht an ihrem Hochsprung bewertet. Die haben das einfach nicht können, man
hat es gesehen. Alles was intellektuell abläuft, das sieht nicht so. Der Unterschied ist nicht so sichtbar. Ich
denke, es kommt darauf an, wie man es dem Kind verkauft und was das Kind will. Es muss transparent
sein.
[00:51:20.350] – Bemerkung 10
Wenn der Fortschritt gemessen wird, wird ja gemessen: ich bin in der Lage Fortschritt zu machen, nicht
ich bin in der Lage, einen Sechser zu haben und fehlerfrei einen Aufsatz zu schreiben. Wenn beide
Systemen gleichzeitig noch in der Klasse sind, dann wird es schwierig. Die Eltern hätten gerne, null
Fehler ist eine sechs, zwei Fehler ist eine fünf. Dann wird aber etwas anderes gemessen.
[00:51:48.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man eben den Fortschritt misst, tut man das Kind ermutigen. Man sagt, du kannst Fortschritt
machen, auch wenn du nicht gleich begabt bist wie dein Kollege. Wir sind alle unterschiedlich. Der eine
ist gut im Sport, der andere gut im Rechnen, der andere im Lesen. Ja, wir sind nicht alle gleich. Wir sind
nicht Roboter. Das ist auch okay.
[00:52:13.680] – Bemerkung 11
Da gibt es ein schönes Bild mit den verschiedenen Tieren und der Lehrer verlangt von allen das gleiche.
[00:52:23.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, genau, das geht nicht. So muss man es zeigen.
[00:52:28.760] – Bemerkung 12
Die Realität an der Schule sieht einfach ein bisschen anders aus. Die Realität, die ich mitbekomme, wenn
ich koordiniere, ist es manchmal schon ganz hilfreich, dass die Mitarbeiterinnen die Eltern auch
befähigen, näher mit den Lehrern Kontakt haben zu können.
[00:53:05.950] – Bemerkung 12
Wir haben jetzt einige auch wo die Eltern es nicht schaffen sich durchzusetzen und den Kinder
zuzutrauen eben zu gehen. Ich würde gerne vielleicht die zweite Stunde auch noch für das brauchen.
[00:53:43.070] – Bemerkung 12
Ein Ziel ist, die Kinder in die Realität entlassen zu können. Auch durch Corona, wo die so fest wieder
daheim gewesen sind. Also die Eltern befähigen, dass sie den Kinder zutrauen auch wieder raus zu
gehen oder eben auch, dass es Situationen gibt, wo man weder die Lehrer noch die Schulleitung ändern
kann, wie mit einer schwierigen Schulsituation umzugehen. Wenn es jetzt nicht möglich ist. Aarau zahlt
jetzt zehn Kindern die Sonderschulung, weil es die Tagesschule Sonderplätze nicht gibt, bezahlt Aarau
Privatschulen. Das machen nicht viele Gemeinden. Wie mit den Eltern umgehen?
[00:54:23.840] – Bemerkung 12
Eine Mutter, die mit dem Bub sitzen bleibt. Er geht dann wieder mit ihr heim, weil sie es nicht aushält,
dass er ohne sie in der Privatschule sein muss.
[00:54:53.000] – Bemerkung 13
Es muss ein runder Tisch einberufen werden, wo man früh die Probleme besprechen kann, mit Lehrer,
Schulleitung und Eltern. Das Kind fehlt so viel, was machen wir jetzt. Oft habe ich aber auch erlebt, dass
die Lehrer froh sind, wenn das Kind weg ist, weil es eben oft auffällige Kinder sind. Das ist nicht so
hilfreich.
[00:56:49.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ich immer gemacht habe, wenn ich Kinder zugewiesen bekommen habe, die Schulabsentismus
gezeigt haben. Ich habe die Familie angeschaut. Wenn ich das Kind wieder zurückbringen wollte, habe
ich immer den Vater reingeholt. Meine Regel ist: Der Vater muss mit dem Kind mindestens eine Woche
oder zwei Wochen jeden Tag in die Schule gehen, nicht die Mutter, der Vater. Er muss es hinbringen,
dass das Kind mit ihm geht. Er darf dann wieder heimgehen. Der Vater muss wie dem Kind eine
Rückendeckung geben. Die Stärkung, dass es sich getraut wieder in das System hinein zu gehen.
[00:57:32.910] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Regel hat das geklappt. Einmal hatte ich eine türkische Familie, dort hat der Vater nicht können
und dann hat es halt die Mutter gemacht. Das hat auch geklappt. Das sind zum Teil Kantonsschüler
gewesen und zum Teil sind es Bezirksschüler gewesen. Ich habe immer die Vaterfigur hinein geholt. Ja
die Schule repräsentiert, ich sage jetzt, Vater Staat und es braucht eine Rückendeckung von Seiten von
der Familie und es kann nicht die Mutter sein.
[00:58:01.890] – Bemerkung 14
Könnte es auch ein Götti sein?
[00:58:02.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das könnte ein Götti sein, eine männliche Figur, die dem Kind den Rücken stärkt, dass es sich wieder
in die Höhle des Löwen getraut. Es hat ja dann eine negative Haltung. Alle Kinder haben Angst, wieder
vor ihre Kinder zu treten. Sie genieren sich, dass sie so lange weggeblieben sind. Der Eintritt ist
schwierig. Wenn sie den mal wieder geschafft haben, dann läuft es.
[00:58:30.980] – Bemerkung 15
Auch im Unterricht?
[00:58:33.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein nur begleiten bis vor die Haustür und nicht im Unterricht bleiben. Nein, das würde den Unterricht
stören. Nur begleiten.
[00:58:44.070] – Bemerkung 16
Warum muss es eine männliche Bezugsperson sein? Oder kann es einfach eine Bezugsperson sein, die
nicht die nächste Bindung hat zum Kind?
[00:58:51.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja die Mütter geben "unconditional love", die geben immer Wärme und Betreuung und so weiter
und die Väter "conditional love". Die Väter verlangen etwas. Von der männlichen Figur akzeptiert das
Kind auch besser.
[00:59:13.730] – Bemerkung 17
Ich würde das nicht so allgemein sagen.
[00:59:23.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Keine Regel ohne Ausnahme dann würde ich die Mutter nehmen.
[00:59:27.920] – Bemerkung 18
Wenn der Vater das so nicht will und es boykottiert, mit drei Söhnen.
[00:59:39.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Vater der Schwache ist und das nicht kann und auch boykottiert, dann hätte ich wahrscheinlich
eine andere männliche Figur hinein geholt.
[00:59:53.650] – Bemerkung 19
Kann man nicht einfach sagen, es müsste jemand sein, der das vom Kind verlangt?
[00:59:58.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann eine natürliche Autorität sein.
[01:00:01.360] – Bemerkung 19
Das könnte auch eine Mutter sein. Es ist eine Leistung in die Schule zu gehen, die Leistung verlangen.
[01:00:15.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine natürliche Autoritätsfigur.
[01:00:15.520] – Bemerkung 20
Bei dem würde ich vielleicht gerne einen Moment bleiben. Ich habe wirklich das Gefühl du hast vorher ja
auch im Vortrag so gebracht, das ist etwas wo wirklich ein bisschen weit fehlt. Ich weiss nicht ob die
Mütter niemand von den Eltern hat da die natürliche Autorität. Würdest jetzt bei den Grosseltern da
schauen? Wie kann man das den Eltern gegenüber begründen? Wir brauchen jemanden mit einer
natürlichen Autorität.
[01:01:08.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich probieren auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu kommen. Wir wollen alle, der Vater
will, die Mutter will, wir vom Schulsystem wollen es, dass das Kind beschult werden kann.
[01:01:29.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat nachher eine bessere Chancen zum vorwärts kommen. Offensichtlich geht Mutter nicht, Vater
nicht. Wer gibt es noch im System? Ich habe vor Jahren, habe ich mal einen Hausarzt verwendet als
Autoritätsfigur. Der hat dann müssen hinstehen und die Kinder wieder in die Schule bringen. Der hat das
fertig gebracht. Der hat dann den Vater zu sich hinein geholt. Der ist den Vater besuchen gegangen zu
Hause. Zuerst wurde er nicht reingelassen, hat es dann aber fertig gebracht. Dann hat der dem Vater
gesagt, das muss gemacht werden. Er ist nicht mit den Kindern gegangen, aber hat seine Autorität auf
den Vater übertragen. Man kann irgendeine Bezugsperson aus dem System nehmen, die eine natürliche
Autorität hat. Die Person muss eine Beziehung zum System haben. In Brugg, im Odeon, wo wir ja den
Film angeschaut haben: Wir sind anders als ihr denkt.
[01:02:34.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind ja alles Kinder gewesen von psychiatrisch kranken, dysfunktionalen Eltern. Die, die dort geredet
haben, die haben alle irgendeine Bezugsperson gehabt oder ein Hobby, das sie gestärkt hat. Man muss
im System eine Bezugsperson suchen. Es könnte auch die Nachbarin sein oder der Nachbar, der eine
natürliche Autorität hat, die sich getraut hat zu sagen, das machen wir jetzt und das schaffen wir. Wie der
Lehrer, der gesagt hat, ich bringe alle in eine Lehre rein.
[01:03:05.180] – Bemerkung 21
Haim Omer, also auch ein bisschen der Ansatz.
[01:03:07.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss eine natürliche Autoritätsperson finden, die das Kind wieder in die Schule hineinführt. Das
kann irgendjemand sein. die Person muss eine Beziehung zum Familiensystem oder entwickeln zum
Familiensystem.
[01:03:27.970] – Bemerkung 22
Im Idealfall, dass man die Eltern so stärken kann, dass sie die natürliche Autorität sind.
[01:03:32.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, das ist immer mein erster Versuch. Darum verwende ich als erstes die Väter. Ich habe jetzt auch ein
System gehabt, wo das nicht funktioniert hat. Das Kind ist ein Jahr zu Hause geblieben. Dort hat es ein
Onkel gehabt, zu dem hat es Kühe hüten gehen können. Ich habe sie ein Jahr draussen behalten. Immer
gesagt, wir schauen schon. Dann hat das Kind doch immerhin etwas gemacht.
[01:04:05.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass das Kind nicht gar nichts mehr macht. Man kann es in ein anderes System
hineinbringen, wo es etwas lernt. Das ist auch eine Möglichkeit. Man redet ja dann von Time out und
solchen Sachen.
[01:04:19.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Es muss irgendwo eine natürliche Autoritätsfigur haben, die die Führung übernimmt von dem Kind. Das
nicht über Bestrafung und Belohnung, sondern über Beziehung.
[01:04:31.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie der Lehrer, der sein Glauben ausleiht, wir können das miteinander, wir bringen das fertig.
[01:04:53.860] – Bemerkung 23
Wer sagt eigentlich den Lehrern etwas? Wer macht etwas, dass die Lehrer etwas ändern.
[01:05:13.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde eine Lehrerkonferenz einberufen.
[01:05:41.930] – Bemerkung 24
Man darf dort bei dieser Lehrerin nicht Pieps sagen, ohne dass die gerade auf Angriff geht und ja ich
weiss und so und so machen wir es und so ist es gut. Wie bringe ich dieser Lehrerin etwas bei?
[01:06:02.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat die Lehrerin für eine Beziehung zur Schulleiterin oder zum Schulleiter? Da würde ich
wahrscheinlich dann den Schulleiter reinholen.
[01:06:13.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrerin wehrt sich ja grad und die hat fürchterlich Angst, sie käme dran oder sie sei schlecht.
[01:06:22.400] – Bemerkung 24
Das seit 30 Jahren oder so.
[01:06:26.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich den Schulleiter reinholen. Vielleicht ist der auch so und dann bringt man nichts hin. Da
würde ich die Autorität in dem System reinholen und mal mit dem reden. Dann vielleicht miteinander oder
irgendjemand anders müsste es machen. Da geht es ja darum, dass diese Lehrerin noch etwas lernt.
[01:06:53.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht lernt sie von Dir nichts. Vielleicht müssen wir dort auch noch eine Hilfsfigur reinholen. Das ist
wie in der Familientherapie, wenn sich die Eltern total wehren gegen irgendetwas. Man muss diese
Lehrerin quasi verführen zum Sokratischen Lernen.
[01:07:13.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ob das geht, weiss ich nicht. Damit du das kannst, darfst du natürlich überhaupt keine Aversion gegen sie
haben. Du bist da schon ein bisschen gefärbt.
[01:07:30.300] – Bemerkung 24
Ich bin mit der Mutter zu der Lehrerin, einfach mal zu hören wie es läuft. Ich habe eine Frage gestellt und
sie hat irgendetwas erzählt, was sie macht und ich habe sie gefragt, aus welchem Grund sie das so
macht.
[01:07:54.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Oh, gefährlich. Wir lernen ja in der Systemtherapie, man darf nie, also aus welchem Grund ist eigentlich:
warum? Sobald man die Frage stellt, fühlt man sich in Frage gestellt. Ich sage nicht, du hast es falsch
gemacht.
[01:08:15.910] – Bemerkung 24
Ich habe dann gesagt, ich hätte nur eine Erklärung gewollt. Antwort: ja, dann ist ja gut.
[01:08:19.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss ihr Chef mit hinein kommen, der sie natürlich unterstützen muss. Da muss man zuerst mit dem
Chef reden. Was hat er für eine Beziehung zu dieser Lehrerin und würde er helfen? Denn sobald sie sich
geschützt fühlt, so wie ich den Vater mitschicke mit dem Kind, so muss der Chef, also muss der
Schulleiter mit der Lehrerin kommen, damit sie sich nicht so alleine auf weiter Flur vorkommt. Da würde
ich diese Hierarchie reinholen.
[01:09:12.670] – Bemerkung 25
Wenn wir zuerst oben einsteigen um den Rücken der Lehrperson zu stärken. Dann gehst du als Eltern
nicht den Hierarchieweg, den du eigentlich gehen solltest um eine gute Beziehung mit der Lehrperson zu
haben. Die erste Anlaufstelle ist für mich als Mutter mal zuerst die Lehrperson. Mit der ich rede ich. Wenn
ich mit der quasi nicht weiterkomme, gehe ich eine Stufe weiter.
[01:09:36.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, so meine ich auch. Wenn man nicht weiterkommt, dass man dann aufhört und nicht kämpft., Klar, den
Dienstweg einhalten, schon zuerst mit den Lehrerin, das ist ganz klar. Nachher dann sagen, könnten wir
mal ein Gespräch mit dem Schulleiter haben. Gewisse Schulleiter tun sich selber schon einschalten, weil
sie ihre Kücken beschützen wollen oder Angst haben, die können das nicht. Teil Lehrerinnen wollen das
gar nicht, andere wollen es. Auf jeden Fall schauen wie die Situation ist und ja halt den Schulleiter
reinholen.
[01:10:14.510] – Bemerkung 26
Oder über die Schulsozialarbeit.
[01:10:16.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja die können wir auch einholen.
[01:10:19.290] – Bemerkung 26
Ich komme auch von der Schulsozialarbeit. Da habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht, indem dass wir
den Schulleiter oder die Stufenleitung mit ins Boot geholt haben. Weil oftmals liegt es wirklich einfach
daran, dass die Lehrpersonen sich nicht gestärkt fühlen. Niemand hinter ihrem Rücken haben und
dadurch dann in die alten direktiven Muster fallen.
[01:10:45.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sehen sie das auch so, dass man die Rückenstärkung reinholt.
[01:10:53.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe schon auf Lehrerseite Supervision gegeben und auf der Elternseite. Es ist unglaublich, wie
Eltern und Lehrer voreinander Angst haben. Die Lehrer haben Angst vor den Eltern, jetzt kommen die als
Horde daher. Dagmar Rösler hat das gesagt in der Zeitung, die Eltern kommen wie Kriegsschiffe daher.
Die Eltern sagen, die Lehrer mauern wie eine mittelalterlicher Burg.
[01:11:24.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das könnte auch eine Funktion von ihnen sein, dass sie Vermittler zwischen Eltern und Lehrer machen.
Das gibt dann eine Lehrerweiterbildung. Dass man eine Annäherung macht. Ich denke, das wäre ganz
wichtig. Also eine Art Lötstelle. Beide wollen ja das Beste für das Kind. Die Lehrer wollen das Beste für
das Kind, die Eltern wollen das Beste. Sie haben voneinander Angst. Ich meine ja, das kann nicht gut
sein für das Kind.
[01:11:53.520] – Bemerkung 27
Die Kooperation zwischen Lehrer und Eltern ist so wichtig für das Kind!
[01:11:59.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut. Wenn das Kind spürt, die Eltern haben eine Abneigung gegen den Lehrer, dann ist es in einem
Loyalitätskonflikt. Wenn es spürt, der Lehrer hat eine Abneigung gegen die Eltern, dann noch mal. Man
muss da eine Verbindung schaffen.
[01:12:19.760] – Bemerkung 28
Ich fand es cool, mein Mann geht immer an so Elternabende. Dann ist er letzte Woche gegangen und
dann ist er nach Hause gekommen und hat gesagt: Die Lehrerin hat gesagt, sie dürfen ihr Ursula sagen,
weil sie schon so lange dabei ist. Das sei ja eine mega Nette und so eine Tolle. Mein Sohn hat gerade
auch gestrahlt. Er hat gemerkt, wie wichtig das für die Kinder ist, dass wir positiv über die Lehrer reden.
Das ist der Idealfall.
[01:12:45.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz genau. Eine ganz wichtige Sache ist wirklich die Beziehung zwischen Eltern und Lehrer
verbessern. Eigentlich wollen ja beide das Beste für das Kind.
[01:13:13.620] – Bemerkung 29
Aber nachher kommt dann wieder das Problem Schule. Wir haben ja auch schon Familien begleitet. Die
Schule sagt dann einfach: wir sind keine integrative Schule. Das Mädchen mit selektivem Mutismus hat
gut funktioniert. Lehrer, Eltern hat alles gut funktioniert. Sie hätte mehr Unterstützung gebraucht. Die
Schulleitung hat dann gesagt, ja wir sind keine integrative Schule, wir haben das nicht zur Verfügung.
Was machen wir dann?
[01:13:41.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich sagen integrative Schule hin oder her, das ist einfach nur eine Etikette. Wir wollen ja, dass
dem Kind gut geht. Sie ist Lehrerin und sie hat sicher Interesse, dass dem Kind gut geht. Wenn man da
noch ein paar Tipps gibt oder Ideen, dann hat sie ja nichts verloren.
[01:13:58.010] – Bemerkung 29
Sie hatte dann die Ressourcen nicht, um zu sagen, jetzt kommt einmal eine Schulassistenz, um das Kind
halt noch mehr während der Schule zu begleiten.
[01:14:08.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Arbeiten zum Teil Schulen auch, dass dann die Schulassistenz von einem anderen Kind übernommen
wird? Das passiert zum Teil natürlicher Weise. Früher hat man keine Schulassistenz gehabt und dann
machen es irgendwie natürliche Alpha Kinder. Da könnte man die Lehrerin fragen, könnte eine/r von den
Schüler das machen?
[01:14:37.790] – Bemerkung 30
Es gibt ja das Götti System.
[01:14:41.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das Götti System, dass man halt mit diesen Ressourcen arbeitet, die man hat. Wir legen so viel Wert
auf die Schule. Es ist etwas Gutes. Der Professor Luc Ciompi, der ist anderthalb Jahre nicht in die Schule
gegangen. Mit seiner Schwester einfach im Wald herum gestrolcht. Das sind wahrscheinlich die
wichtigsten Jahre gewesen von seinem ganzen Leben.
[01:15:07.820] – Bemerkung 31
Den Sozialpsychiatrischen Dienst einschalten.
[01:15:22.310] – Bemerkung 32
Du hast einen wichtigen Satz gesagt: Arbeite mit dem, was Du hast. Manchmal gehen wir wie auf diese
Ebene von: die müssen jetzt endlich begreifen und das und das machen. Da kann ich nichts machen,
dass sie das begreifen. Vielleicht haben wir eine Lehrerin und können mit ihr noch etwas machen. Dann
schaltet man den schulpsychologischen Dienst ein und am Schluss ist man wieder gleich weit.
[01:16:00.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast recht, arbeiten mit dem wo ist. Man könnte auch nach einer anderen Lehrerin in dem
Schulsystem suchen, die dieser Lehrerin Unterstützung geben könnte.
[01:16:19.320] – Bemerkung 33
Irgendwie frage ich mich, wie soll ich das machen?
[01:16:27.020] – Bemerkung 34
Ich würde gerne noch mal darauf zurückkommen wegen der natürlichen Autorität. Du hast vorhin gesagt,
ein Götti reinholen, einen Vater reinholen, einen Grossvater, einen Nachbar, einen Hausarzt reinholen.
Das wäre ja wie der erste Schritt.
[01:16:52.410] – Bemerkung 34
Wann würdest du empfehlen, muss die Mutter wieder ins Spiel kommen oder die Eltern? Wann sollen die
wieder hinein kommen und wie würdest du dort vorgehen, jemanden zu befähigen oder Eltern zu
befähigen eben in Richtung natürliche Autorität?
[01:17:20.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man eine natürliche Autorität reinholt, welche nicht die Eltern sind, muss man gleichzeitig die
Eltern unterstützen, dass sie sich nicht konkurrenziert fühlen und ausgeschaltet fühlen. Man muss sie in
dem Moment begleiten und sagen, wir holen jetzt Ressourcen von aussen rein.
[01:17:40.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich immer, sie haben so eine schwierige Situation, sie haben das Anrecht auf solche
Ressourcen. Wir erweitern die Ressourcen. Dann kann vergleichen, die haben es jetzt so gemacht, was
haben sie dabei beobachtet, was haben sie daraus gelernt und was könnten sie übernehmen? Man muss
den Prozess, wo man eine andere natürliche Autorität reinholt, muss man begleiten, sonst fühlen sich die
Eltern auf das Abstellgleis gestellt. Dann arbeiten sie wieder dagegen.
[01:18:13.080] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn muss man wachsam bei ihnen bleiben und sagen: Ja, man muss zweispurig fahren. Man
muss sagen, wie ist das für Sie gewesen? Haben Sie die Hilfe akzeptieren können? Ich sage nie, sie
brauchen die Hilfe, sondern ich sage, sie haben es Anrecht.
[01:18:29.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, wir gehen zum Zahnarzt, wir gehen zum Doktor, wir gehen zum Automechaniker. Ja, wieso nicht bei
den Kindern und der Familie eine Hilfe einholen?
[01:18:39.160] – Bemerkung 35
Es ist eine Entlastung. Man muss es als Entlastung anschauen. Sie im Boot behalten, dass sie dann
wieder übernehmen können. In dem Sinn kann man sie fragen, wie ist das für sie gewesen? Man kann
sie fragen, was haben sie daraus gelernt? Was wollen sie in Zukunft, wie wollen sie sich wieder
einbringen? Man muss sie begleiten, man darf sie nicht abhängen. Nicht auf die Seite schieben. Das ist
ja immer das Problem bei so Zusatzhelfern im System. Man ist immer eine Konkurrenz. Das
Konkurrenzgefühl muss man abfangen.
[01:19:15.140] – Bemerkung 36
Vor allem, solange wir die Haltung haben, dass die Eltern alles bieten müssen, was die Erziehung vom
Kind angeht. Die Eltern können auch sagen, das ist eine Erfindung.
[01:19:20.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist seit den Kleinfamilien. In der Bauernfamilie sind die Eltern alle aufs Feld arbeiten gegangen,
Grossmutter hat geschaut, Onkel und Tante haben geschaut. Das ist viel grosszügiger gewesen. Das
kann man auch sagen. Die Kleinfamilie ist eine Erfindung von der Industrialisierung, dass in dieser
Kleinfamilie alles passieren und alles gekonnt werden muss.
[01:19:55.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Gehen wir doch wieder zurück zum erweiterten Familiensystem. Man darf sich helfen lassen. Das ist
absolut natürlich. Das ist absolut normal. Ja, wieder eine Grossfamilie. Das afrikanische Sprichwort: um
ein Kind aufzuziehen, braucht es das ganze Dorf. In Indien, da haben Erwachsene auch gesagt, wenn es
mir da nicht gepasst hat, dann habe ich zur Tante ausweichen können. Die konnten sich bewegen im
ganzen erweiterten Familiensystem. Wir haben so die Vorstellung, die Kleinfamilie muss alles können,
das geht gar nicht.
[01:20:30.660] – Bemerkung 37
Den Kindern gegenüber, den Jugendlichen gegenüber, wie würdest du es dort formulieren, wenn jetzt
jemand anderes hineinkommt?
[01:20:37.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Jugendlichen gegenüber würde ich fragen, zu wem in deinem Familiensystem oder in deinem
Bezugssystem hast du die beste Beziehung? Die am wenigsten getrübte Beziehung? Da habe ich bei
Familien mit Schizophrenie Erkrankungen, da sind oft die Grosseltern hinein gekommen. Dass dann die
Kinder vorübergehend bei den Grosseltern gewohnt haben. Die Grosseltern waren dann die natürliche
Autorität.
[01:21:05.500] – Bemerkung 37
Die Jugendlichen fragen, wer könnte die Rolle übernehmen?
[01:21:11.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde nicht sagen, die Rolle übernehmen. Ich würde sagen, zu wem hast du eine gute
Vertrauensbeziehung? Dass man von seinem Beziehungsgefühl her fragt. Sonst ist es so ein bisschen
die Kontrollrolle.
[01:21:25.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wem vertraust du am meisten in deinem Umfeld? Manchmal sind es auch Freundinnen. Das wird zum
Teil auch gemacht, dass Freundinnen einander helfen oder Kollegen. Es könnten sogar auch aus dem
gleichaltrigen System sein. Man kann nach dem Fragen und dann aber auch von den Erwachsenen in
wen hast du am meisten Vertrauen?
[01:21:52.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Wem gegenüber am wenigsten Misstrauen. Also man kann die Frage auf beide Art stellen. Nach den
natürlichen Bezugssystemen suchen, nach natürlichen Autoritäten suchen. Das ist nie eine Konkurrenz
zu den anderen, sondern eine Hilfe, ein Zusatz, eine Ergänzung, eine Ressource. Man muss es immer
als Ressource ansehen.
[01:22:21.160] – Bemerkung 38
Am einfachsten ist es schon, wenn es der Vater ist. Wenn die Väter am morgen die Kinder wecken, dann
gibt es kein Theater.
[01:22:28.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja genau. So hole ich am ehesten die Väter rein. Das, was am nächsten ist. Die sind oft froh, wenn man
ihnen sogar so eine Aufgabe gibt. Ich frage natürlich, wären sie bereit? Ja, das würde ich machen. Wenn
der Vater sagt: nein, das kann ich nicht, dann muss ich weitersuchen.
[01:22:53.680] – Bemerkung 39
Ich glaube, die Väter würden das schon machen. Es sind die Mütter, die das ein wenig verhindern.
[01:22:57.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so, die Mütter, die ihr Kind nicht abgeben wollen. Es ist eine riesige Macht, die man als Mutter hat.
[01:23:12.420] – Bemerkung 39
Man sieht oft auch die Helikoptermütter. Der Vater kann hilfreich sein.
[01:23:14.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch eine Familie gehabt, da hat das Kind Schulverweigerung gemacht, schon in der ersten
Klasse. Es hat sofort Krach zwischen Mutter, Lehrer und dem ganzen Schulsystem gegeben. Die haben
auch geklagt über diese Mutter. Sie ist schwierig gewesen. Dann musste ich den Vater reinholen,
Grosseltern und sogar eine Beschulung zu Hause.
[01:23:42.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt sollte er in die Schule gehen. Die Lehrer wollen dann nicht, dass er dort in die Schule geht, wo seine
Schwestern in die Schule geht, weil die schon so genug haben von dieser Familie. Wir sind immer noch
am Kämpfen. Ich weiss jetzt nicht wie es rausgekommen ist. Es sind alles verschiedene Wege.
[01:24:05.780] – Bemerkung 41
Ich hänge noch ein bisschen dran, dass wir die Schulleitung mit ins Boot nehmen, SPD mit ins Boot
nehmen, damit sie den Rücken gestärkt haben. Das ist auf der einen Seite cool, wenn das funktioniert.
Ich habe auch schon die Erfahrung gemacht, dass dann einfach die Haltung gestärkt wird, wo wir nichts
machen können. Der SPD findet, nein das ist nicht unsere Kompetenz. Die Lehrer finden, ach nein, das
ist nicht unsere Kompetenz. Die Schule findet das ist nicht unsere Kompetenz. Man steht dann irgendwie
dazwischen, hätte vielleicht auch eine Idee, die Eltern wären voll dabei und sind sehr sehr kreativ. Dann
kommt aber so ein Gegenwind, einfach so. Nein, das Kind soll einfach normal funktionieren.
[01:25:03.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man an dem Punkt ist, dass alle nur noch Ablehnung gegen das Kind haben. Dann muss man
manchmal kapitulieren. Dann sage ich den Eltern: ich glaube, ich kann das System nicht mehr
ummodeln. Es wird nicht gehen. Es kostet zu viel Energie. Das Kind spürt es immer.
[01:25:25.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist, wie wenn man eine Hauttransplantation macht und es wird abgestossen. Oder eine
Organtransplantation und es wird abgestossen. Dann muss man sagen: Ich glaube, das ist nicht mehr zu
retten. Wir müssen eine andere Schule suchen. Dann helfe ich den Eltern natürlich eine andere Schule
zu suchen. Dann gehen sie verschiedene anschauen. Dann muss man dort wieder schauen.
[01:25:48.860] – Bemerkung 42
Ich merke auch, unsere Realität ist ja nicht nur der Schulabsentismus das Thema. Es hat ja auch noch so
viel andere Themen. Wenn es dann darum geht, andere Schulen zu besuchen. Wenn ich mit den Eltern
beginne, andere Schulen zu besuchen, dann kommen wir gar nicht dazu, die anderen Themen zu
besprechen, die auch noch wichtig wären für den Alltag. Wo sind denn unsere Grenzen auch beim
Schulabsentismus?
[01:26:23.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zum Schluss kommt, das ist nicht mehr zum heilen. Das wird immer abgestossen, das Kind.
Dann sage ich ja, sucht eine andere Schule. Ich helfe nicht die Schule zu suchen. Die müssen das selber
machen. Wenn sie dann eine Schule gefunden haben, dann müssen sie mit dem Kind dort hin gehen.
Dann frage ich sie immer, was ist das Gefühl gewesen? Wie haben sie es erlebt? Welches haben sie als
bessere Schule erlebt? Dann biete ich höchstens an, wenn die Schule Schwierigkeiten hat mit dem Kind,
darf man auf mich zukommen. Ich würde das Schule suchen nicht machen. Das müssen sie selber
machen.
[01:27:04.960] – Bemerkung 42
Sie dazu befähigen, dass sie selber die neue Schule suchen.
[01:27:14.760] – Bemerkung 43
Ich habe immer erlebt, dass der SPD, das Schulamt geholfen hat, beim suchen von einer neuen Schule.
Dass die Familie selber einfach auf eigene Faust ohne jemanden einzubeziehen eine Schule sucht, das
kann man vielleicht, wenn man sehr wohlhabend ist. Eine Privatschule finanzieren kann nicht jedermann.
[01:27:40.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht ihre Aufgabe. Wenn man gerade eine Schule weiss. Ich lasse mir dann immer von diesen
verschiedenen Eltern die Adresse geben, ich hole mir Informationen ein. Das müssen die Eltern machen.
Rein vom Bezahlen her, wenn das Kind nicht beschulbar ist in der Staatsschule, dann muss der Staat
etwas zahlen. Sie tun zwar immer die Eltern auch noch verpflichten und manchmal wird dann Halbe
Halbe gemacht. Je nachdem wie der finanzielle Zustand der Familie ist. Der Staat muss etwas daran
zahlen.
[01:28:25.470] – Bemerkung 44
Dort braucht es dann den Sonderschulstatus vom SPD?
[01:28:29.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das stimmt. Damit bezahlt wird, muss der SPD das okay geben.
[01:28:48.290] – Bemerkung 45
Das Homeschooling hat auch wieder Aufschwung erlebt. Ich habe es auch schon erlebt in einer Familie,
wo man gefunden hat, das wäre ja dann auch noch eine Variante. Wie noch so im Hintergrund.
[01:28:59.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe jetzt zwei Kinder, glaube ich, die Homeschooling haben. Das ist auch ein ADHS Kind gewesen.
Das hat nicht mehr funktioniert. Die Mutter ist Kindergärtnerin und die macht jetzt Homeschooling.
[01:29:16.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Homeschooling ist hochgegangen. Bei gewissen ist das sehr gut, aber manchmal ist Homeschooling
auch zum nicht sehen müssen, dass das Kind gewisse Handicaps hat. Dann wird das Homeschooling
zum überdecken verwendet.
[01:29:34.800] – Bemerkung 45
Es ist doch ein grosser Effort, den man leisten muss. Man wird streng kontrolliert. Es ist locker gesagt,
aber es hängt noch viel dahinter.
[01:29:42.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, um es zu Organisieren. Ab einer gewissen Klasse muss es jemand machen, der die Bewilligung hat,
dass er Homeschooling machen darf. Wenn die Mutter Lehrerin ist, ja da kann man nichts sagen. Es gibt
auch Familien, die gehen auf den Segelturn und die Mutter macht Homeschooling. Das ist auch eine
Möglichkeit. Es gibt viele Möglichkeiten. Mit dem arbeiten, das vorhanden ist.
[01:30:27.600] – Bemerkung 46
Für mich ist es auch schwierig, in diesen Familien, wo ich merke, dass es die Eltern gar nicht so wichtig
finden, dass das Kind in die Schule geht oder die dem Kind nicht zumuten wollen, dass es in diese
gewisse Schule geht, welche vorhanden ist. Was soll ich dann machen?
[01:31:05.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man auch wieder abwägen und da muss man ja dann mit den Eltern arbeiten oder der Mutter.
Das Leben ist kein Wunschkonzert. Okay, man kann jetzt da noch ein bisschen darauf eingehen. Was
macht das Kind dann, wenn es erwachsen ist, dann kann es sagen, nein, ich will es nicht so. Es
funktioniert gar nichts.
[01:31:37.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind muss ja auch lernen mit widerwärtigen Sachen umzugehen. Man muss es in dem unterstützen.
Wenn man es einfach nur verweichlicht, dann bringt das schlussendlich dem Kind nichts.
[01:31:50.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man schauen, was das für eine Mutter ist. Muss man wahrscheinlich zurückgehen: wie ist sie
erzogen worden? Was hat sie erlebt? Wie hart ist sie erzogen worden und macht sie eine Überkorrektur
zu der Erziehung, die sie selber erlebt hat? Da gehe ich dann immer zwei Generationen hoch. Dann
wenn man ihr dort Verständnis entgegenbringen konnte: aha, sie korrigiert jetzt das. So wie das Kind von
Alkoholiker Eltern, wird Blaukreuzler, also absolute Abstinenz. So hin und her und flipp flopp. Da muss
man sagen, ja ich verstehe. Da kann man sagen, da tun sie jetzt überkorrigieren und wir müssen
irgendwo in einem Mittelweg landen. Für das Kind ist es besser, wenn es lernt mit dieser schwierigen
Situation umzugehen.
[01:32:42.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das Kind immer ausweichen lässt, dann wird es nicht lebenstauglich. Das ist schade. Dann
hat es weniger Chancen im Leben. Das will keine Mutter und kein Vater. Man muss es ein bisschen
aufzeigen. Wenn man auf so starken Widerstand stösst, muss man eigentlich immer zurück schauen, aus
welchem Erziehungssystem kommen sie und wie haben sie es erlebt.
[01:33:06.940] – Bemerkung 47
Best vs worst case in der Zukunft.
[01:33:24.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gesagt, es ist wichtig, dass es irgendetwas macht, ob das jetzt Schule ist oder ob es hilft auf dem
Bauernhof oder irgendetwas ganz anderes. Man darf einfach nicht in die Trägheit und das
Rückzugsverhalten verfallen.
[01:33:49.420] – Bemerkung 48
Es hat viel mit Ohnmacht auch zu tun. Bei den Eltern, Kinder und Lehrern. Jedes Kind, Elternteil hat
einen gewissen Anteil, den sie steuern können. Ich finde es mega wichtig, den wieder zu aktivieren, dass
man nicht das Gefühl hat, ich bin einfach das Opfer und ich kann gar nichts machen.
[01:34:11.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau, das ist ganz wichtig.
[01:34:14.620] – Bemerkung 49
Manchmal geht es dann vielleicht gar nicht um den Schulbesuch, sondern um ganz etwas anderes. Ich
glaube, das ist das, wenn wir hinein kommen. Der Schulabsentismus ist so der grosse Leuchtpunkt und
alle finden es geht möglichst darum, dass der sofort wieder in die Schule geht. Eigentlich geht es um
ganz etwas anderes.
[01:34:28.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man in eine Steuerung, in eine Selbstbestimmung hinein kommt und nicht einfach nur eine
Verweigerung. Vielleicht ist es etwas ganz anderes. Vielleicht muss man etwas ganz anders machen.
[01:34:44.150] – Bemerkung 50
Das Lernen mit anderen Menschen umzugehen, was vielleicht etwas schwierig ist. Mein Sohn hatte eine
tolle erste, zweite Klasse Lehrerin. Jetzt hat er eine sehr, sehr strenge Lehrperson. Für mich ist wie klar
gewesen, du hast da eine andere und du kannst die nicht ändern wie die mit dir umgehen. Aber du
kannst einen Weg finden, dass es dir gut geht. Das finde ich so, ja, also man kann etwas steuern auch
wenn es ganz schwierig ist. Es gibt immer einen Teil wo man etwas dazu beitragen kann.
[01:35:15.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man sagen, man kann eigentlich nur bei sich steuern und nicht indem man die ganze Welt
verändern will. Dass man Kompetenzgefühle dem Kind gibt. Nicht die Ohnmacht dem Kind weitergeben.
Das wären dann wieder Social Skills.
[01:35:44.100] – Bemerkung 51
Ich einen Jugendlichen, der ist lange nicht in die Schule gegangen, der geht jetzt aber wieder. Die haben
drei Buben und der Jüngste sagt jeden Morgen er habe Bauchschmerzen bevor er in die Schule geht.
Auch am Abend vorher. Bei der Mutter kommt dann alles wieder hoch. Sie hat Angst, dass wieder das
Gleiche geschieht, wie mit dem Jugendlichen, der dann eine Weile in die Psychiatrie gegangen ist. Dort
hat es auch so angefangen hat. Es belastet die Mutter den ganzen Tag und morgens ist es für die Mutter
schon einen krassen Stress der ausgelöst wird. Könnte das der Vater mal übernehmen? Der Junge sagt
das immer aber geht trotzdem in die Schule.
[01:36:46.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich der Mutter sagen, unser Hirn ist vernetzt. Wenn der Bub Bauchweh hat, dann hat er
irgendwo ein bisschen negative Gefühl und er kann die noch nicht ausdrücken. Dann gehen die Gefühle
in den Bauch. Das ist normal bei Kindern, dass wenn sie gestresst sind, dann haben sie Bauchweh. Der
Stress geht nicht weg, indem er zu Hause bleibt. Er muss viel mehr lernen mit dem Stress, welche ihm
die Schule verursacht, den Stress zu überwinden.
[01:37:20.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann die Mutter dann noch fragen, was denkt sie? Vor was hat er Angst? Was macht ihm am
meisten Mühe? Sie kann das nicht den Bub fragen. Die Mutter soll überlegen, die kann ja beobachten. Je
nachdem trifft sie etwas, wo man kann sagen, hast du das nicht so gern? Okay, das überwinden wir jetzt.
[01:37:38.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald das Kind somatische hat, hat die Mutter die Haltung, ja das ist etwas Körperliches, das ist ganz
schlimm und auf das müssen wir Rücksicht nehmen. Die somatischen Beschwerden, die werden ernst
genommen. Psychische nicht. das Kind kann es oft nicht anders ausdrücken als es so, mit
Bauchschmerzen. Man kann sagen, es ist nichts Gefährliches.
[01:38:02.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja auch es macht mir etwas Bauchweh. Es ist schon in der Sprache drinnen. Dass man das
Bauchweh dann aushält und schaut wie es geht. Da sage ich eher dann geht man halt mit Bauchweh in
die Schule und vielleicht geht es ja weg, wenn man merkt es ist gar nicht so schlimm.
[01:38:22.090] – Bemerkung 51
Ja in der Schule geht es dann immer gut.
[01:38:22.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Eben, da muss man der Mutter erklären, das ist keine Katastrophe das ist normal, dass Kinder Bauchweh
haben, wenn sie etwas stresst.
[01:38:33.170] – Dr.med. Ursula Davatz
So würde ich es der Mutter sagen. Viele springen dann zur Abklärung, da kommen sie in das
medizinische Modell hinein. Dann wird Abklärung über Abklärung über Abklärung gemacht. Am Schluss
findet man nichts. Aber das Kind ist immer noch krank. Dass man da so Volksweisheiten verwendet und
sagt das ist normal. Dem Kind macht etwas Bauchweh, es hat Angst aber das kann überwunden werden.
[01:39:01.420] – Bemerkung 52
Er überwindet es ja. Er geht ja in die Schule.
[01:39:04.440] – Bemerkung 53
Sie hat auch schon überlegt einen Tag mehr zu Hause zu sein, damit sie für ihn da ist. Ihre Weiterbildung
abbrennen, dass wenn er nach Hause kommen würde.
[01:39:14.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, Schrecklich, da würde ich sagen ganz falsch. Da schadet sie dem Kind. Da sage ich auch, ich
meine es gibt dann erwachsene Leute, die auch Bauchweh haben und dann Angst haben und was weiss
nicht was. Dann sage ich: Unser vegetatives Nervensystem, unser Körper schafft das selber. Wenn man
so viel hinein denkt, dann stört man es nur. Sie stört den Jungen, indem sie zu Hause bleibt und dran
denkt. Da meint sie, sie könne in sein Hirn hinein gehen und ihn spüren. Nein, das stört.
[01:39:53.870] – Bemerkung 54
Was ist die Definition von gut? Man kann ja sagen, dass er trotz dem Bauchweh in die Schule geht. Und
nicht: Es ist erst gut wenn er ohne Buchweh in die Schule geht.
[01:39:54.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz genau. Das Bauchweh ist ja, weil man Angst hat vor der Situation. Wenn man die Situation
überwindet, dann geht das Bauchweh weg. Das würde ich der Mutter ein bisschen erklären. Einfach so
pathophysiologisch erklären. Sie hilft gar nicht. Sie kann nicht mit einer Sonde sein Hirn steuern, dass er
kein Bauchweh mehr hat. Aber das meinen die Mütter. So wie sie sagen, das Kind muss jeden Tag eine
Karte schreiben, also wenn das Kind auf die Weltreise geht, muss es jeden Tag schreiben oder anrufen.
Man meint, wenn man ständig hört, wie es dem Kind geht, dann geht es dem Kind gut. Nein, überhaupt
nicht.
[01:40:49.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sage ich auch, wir Müttern haben einen Grössenwahn. Wir meinen, wir können alles steuern, können
wir überhaupt nicht. Die Natur steuert sich selber.
[01:40:58.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mutter eine gewisse Selbstverständlichkeit geben.
[01:41:02.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage, weil ich viel mit Müttern von Schizophrenen gearbeitet habe: Wie viel denken sie an ihr Kind?
99,9%, 99% und 90% und weniger. Wenn es unter 50% geht, dann wird es langsam besser. Ich bringe
denen bei, sie dürfen nicht so viel an das Kind denken. Das hilft dem überhaupt nicht und ihnen schon
gar nicht. Aber das ist unsere Allmachtsfantasie.
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