Reaktion auf Schulverweigerung bei mutistischen Kindern

Die Reaktion auf Schulverweigerung bei mutistischen Kindern erfordert ein sensibles und individuelles Vorgehen, das die besonderen Bedürfnisse dieser Kinder berücksichtigt.

  • Zwang und Druck vermeiden: Bei mutistischen Kindern ist es besonders wichtig, auf jegliche Form von Zwang und Druck zu verzichten.
    • Der Versuch, das Kind mit Gewalt in die Schule zu zwingen, verstärkt die Verweigerungshaltung und ist kontraproduktiv.
    • Mutistische Kinder sind in der Regel hochsensibel und reagieren auf Druck mit Rückzug und Verweigerung.
  • Vertrauen aufbauen: Stattdessen sollte der Fokus darauf liegen, eine vertrauensvolle Beziehung zum Kind aufzubauen.
    • Dies erfordert Geduld und Zeit, da mutistische Kinder oft eine lange Angewöhnungszeit benötigen.
    • Wichtig ist, dem Kind zu vermitteln, dass es in seiner Situation ernst genommen wird und dass man ihm helfen möchte.
  • Kommunikation anpassen: Die Kommunikation mit dem Kind sollte an seine Bedürfnisse angepasst werden.
    • Offene Fragen können überfordernd sein, daher sind geschlossene Fragen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden können, besser geeignet.
    • Nonverbale Kommunikation, wie Mimik und Gestik, spielen eine wichtige Rolle.
    • Hilfsmittel wie Piktogramme können die Kommunikation erleichtern.
  • Ursachen erforschen: Es ist wichtig, die Ursachen der Schulverweigerung zu erforschen.
    • Oftmals liegen diese nicht in der Schule selbst, sondern in familiären Problemen, psychischen Belastungen oder einem Trauma.
    • Das Kind kann beispielsweise die Schule verweigern, um ein krankes Familienmitglied zu schützen oder weil es in der Schule gemobbt wird.
  • Systemisches Vorgehen: Ein systemisches Vorgehen, das das gesamte Umfeld des Kindes berücksichtigt, ist unerlässlich.
    • Eltern, Lehrer, Schulpsychologen und andere Fachpersonen sollten eng zusammenarbeiten und gemeinsam nach Lösungen suchen.
  • Druck aus dem Umfeld reduzieren: Oftmals verstärkt das Umfeld, insbesondere Eltern und Lehrer, die Verweigerungshaltung des Kindes ungewollt.
    • Eltern, die ständig für das Kind sprechen, nehmen ihm die Möglichkeit, sich selbst mitzuteilen.
    • Lehrer, die das Kind für seine Schwierigkeiten bestrafen, verstärken die Angst und den Rückzug.
  • Intrinsische Motivation fördern: Anstatt das Kind zu zwingen, sollte man versuchen, seine intrinsische Motivation und Lernfreude wieder zu erwecken.
    • Dies kann durch spielerisches Lernen, positive Verstärkung und die Schaffung eines sicheren und unterstützenden Lernumfelds gelingen.
  • Aufklärungsarbeit leisten: Oftmals fehlt es Lehrern und Schulleitungen an Wissen über Autismus und Mutismus.
    • Es ist wichtig, sie über die Besonderheiten dieser Kinder aufzuklären und ihnen zu vermitteln, wie sie mit ihnen umgehen können.
  • Zeit und Geduld: Die Arbeit mit mutistischen Kindern erfordert viel Zeit und Geduld.
    • Es kann lange dauern, bis das Kind wieder Vertrauen fasst und bereit ist, sich zu öffnen.
    • Wichtig ist, dass alle Beteiligten realistische Erwartungen haben und den Fokus auf kleine Fortschritte legen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Reaktion auf Schulverweigerung bei mutistischen Kindern einfühlsam, individuell und systemisch erfolgen sollte. Zwang und Druck sind kontraproduktiv, stattdessen sollten Vertrauen, Kommunikation und die Berücksichtigung der Ursachen im Vordergrund stehen.

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Herausforderungen der Zusammenarbeit mit Schulen bei Schulverweigerung

Die Zusammenarbeit mit Schulen bei Schulverweigerung stellt Fachpersonen vor diverse Herausforderungen.

  • Ein zentrales Problem ist der Machtkampf, der oft zwischen Schule und Kind entsteht. Schulen haben den Auftrag, Kinder zu beschulen, und sehen sich verpflichtet, die Schulpflicht durchzusetzen. Dies führt häufig dazu, dass Druck auf schulverweigernde Kinder ausgeübt wird, was aber bei mutistischen Kindern oder Kindern mit Trotzverhalten kontraproduktiv ist. Zwang und Gewalt verstärken die Verweigerungshaltung und führen zu Misserfolg.
  • Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Verständnis für die Ursachen der Schulverweigerung. Oftmals liegt die Ursache nicht in der Schule selbst, sondern in familiären Problemen oder psychischen Belastungen des Kindes. Kinder, die zu Hause Verantwortung für ein krankes Elternteil oder Geschwister übernehmen, können die Schule verweigern, um diese Person nicht allein zu lassen.
  • Mangelndes Wissen über Autismus und andere psychische Besonderheiten bei Lehrpersonen und Schulleitungen stellt eine zusätzliche Herausforderung dar.
  • Häufig besteht eine Konkurrenzsituation zwischen Schule und Eltern. Lehrer werfen Eltern oft die Schuld am Verhalten des Kindes zu, was die Zusammenarbeit erschwert.
  • Bürokratische Hürden und die Finanzierung von Unterstützungsmassnahmen können ebenfalls zu Problemen führen.
  • Systemische Fehler von Fachpersonen, wie z. B. das Übergehen der Schulleitung bei der Suche nach einer neuen Schule, können die Situation zusätzlich verkomplizieren.

Erfolgreiche Zusammenarbeit erfordert:

  • Anerkennung der Schulpflicht, aber gleichzeitig Verständnis für die Situation des Kindes und die Vermeidung von Zwang und Druck.
  • Offene Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Schule, Eltern und Fachpersonen.
  • Systemisches Vorgehen, das das gesamte Umfeld des Kindes berücksichtigt und die Interaktion zwischen Kind und Umfeld analysiert.
  • Geduld und Zeit, um eine vertrauensvolle Beziehung zum Kind aufzubauen und die Ursachen der Schulverweigerung zu verstehen.

Es ist wichtig, den intrinsischen Neugierfaktor und die Lernbereitschaft der Kinder wieder zu erwecken und ihnen in einem sicheren und unterstützenden Umfeld die Möglichkeit zu geben, ihre Potenziale zu entfalten.

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Systemische Therapie im Kontext von Mutismus und Schulverweigerung

Die Quellen, insbesondere die Ausführungen von Dr. Ursula Davatz, betonen die Bedeutung einer systemischen Herangehensweise an die Therapie von Mutismus und Schulverweigerung. Systemische Therapie betrachtet Probleme nicht isoliert beim Individuum, sondern im Kontext des gesamten Systems, in dem das Kind lebt. Dies umfasst die Familie, die Schule, das soziale Umfeld und auch die Interaktionen zwischen diesen Systemen.

Grundprinzipien der Systemischen Therapie:

  • Ganzheitliche Sichtweise: Die systemische Therapie betrachtet den Menschen als Teil eines komplexen Gefüges von Beziehungen und Einflüssen.
  • Wechselwirkungen im Fokus: Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Elementen des Systems und deren Einfluss auf das Verhalten des Kindes.
  • Ressourcenorientierung: Die systemische Therapie konzentriert sich auf die Stärken und Ressourcen des Kindes und seines Umfelds, um Lösungen zu entwickeln.
  • Lösungsorientierte Herangehensweise: Der Fokus liegt auf der Entwicklung von konkreten Handlungsmöglichkeiten und Lösungen, die im Alltag umsetzbar sind.
  • Veränderungsorientierung: Systemische Therapie zielt darauf ab, dysfunktionale Muster im System zu erkennen und zu verändern.

Anwendungsbereiche der Systemischen Therapie:

  • Beziehungsdynamik in der Familie: Die systemische Therapie kann helfen, dysfunktionale Kommunikationsmuster in der Familie zu erkennen und zu verändern. Dies kann beispielsweise den Umgang mit dem mutistischen Kind betreffen, aber auch allgemeine Konflikte und Spannungen innerhalb der Familie.
  • Zusammenarbeit mit der Schule: Systemische Therapie kann die Zusammenarbeit zwischen Eltern, Lehrern und Therapeuten fördern, um ein unterstützendes Umfeld für das Kind in der Schule zu schaffen.
  • Umgang mit dem Schulsystem: Die systemische Therapie kann Eltern dabei unterstützen, mit den Herausforderungen des Schulsystems umzugehen und die Interessen ihres Kindes zu vertreten.
  • Entwicklung individueller Lösungen: Systemische Therapie hilft dabei, individuelle Lösungen zu entwickeln, die auf die Bedürfnisse des Kindes und seines Umfelds zugeschnitten sind.

Konkrete Beispiele für systemische Interventionen:

  • Verständnis und Geduld: Das systemische Denken fördert Verständnis und Geduld im Umgang mit dem Kind. Anstatt Druck auszuüben, wird versucht, die Ursachen der Kommunikationsverweigerung im System zu verstehen und anzugehen.
  • Beziehungsaufbau: Der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu dem Kind ist zentral. Dies gilt sowohl für die Eltern als auch für Lehrer und Therapeuten.
  • Reduktion von Druck: Der Druck auf das Kind wird reduziert, indem man ihm Zeit und Raum gibt, sich zu öffnen und seine Kommunikationsfähigkeiten zu entwickeln.
  • Veränderung der Kommunikation: Die Art der Kommunikation mit dem Kind wird angepasst, indem man offene Fragen vermeidet und ihm stattdessen Wahlmöglichkeiten bietet.
  • Einbeziehung des Umfelds: Das soziale Umfeld des Kindes wird aktiv in die Therapie einbezogen. Dies kann beispielsweise durch Gespräche mit Lehrern, Schulsozialarbeitern oder anderen Bezugspersonen geschehen.
  • Arbeit mit dem Familiensystem: Die Familie wird als Ganzes betrachtet und unterstützt. Es wird versucht, dysfunktionale Muster in der Familie zu erkennen und zu verändern.
  • Arbeit mit dem Schulsystem: Die systemische Therapie versucht, die Schule als Teil des Systems zu verstehen und zu beeinflussen. Es wird mit Lehrern und Schulleitung zusammengearbeitet, um ein verständnisvolles und unterstützendes Umfeld für das Kind zu schaffen.
  • Mediation zwischen Schule und Familie: Systemische Therapeuten können als Mediatoren zwischen Schule und Familie fungieren, um Konflikte zu lösen und eine konstruktive Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Grenzen der Systemischen Therapie:

  • Komplexität des Systems: Die systemische Therapie kann mit der Komplexität des Systems und den vielfältigen Wechselwirkungen überfordert sein.
  • Widerstand im System: Es kann Widerstand gegen Veränderungen im System geben, sowohl von Seiten des Kindes als auch von Seiten des Umfelds.
  • Begrenzter Einfluss: Die systemische Therapie hat nur begrenzten Einfluss auf externe Faktoren wie z.B. die Schulpolitik oder die gesellschaftlichen Normen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die systemische Therapie einen wertvollen Beitrag zur Behandlung von Mutismus und Schulverweigerung leisten kann. Sie bietet einen ganzheitlichen Blick auf das Problem, fokussiert auf die Ressourcen des Kindes und seines Umfelds und hilft, individuelle Lösungen zu entwickeln. Es ist jedoch wichtig, die Grenzen der systemischen Therapie zu kennen und sie mit anderen Therapieformen zu kombinieren.

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Die Rolle der Hirnfunktionen bei Mutismus und Schulverweigerung

Dr.med. Ursula Davatz beleuchtet in den Quellen die Bedeutung der Hirnfunktionen für das Verständnis von Mutismus und Schulverweigerung. Sie weist darauf hin, dass neurologische Unterschiede eine Rolle bei der Entstehung dieser Probleme spielen können, betont aber auch die Plastizität des Gehirns und die Möglichkeit, durch gezielte Interventionen positive Veränderungen zu bewirken.

Primärer Mutismus und Hirnfunktionen:

  • Dysfunktionale Sprachzentren: Dr. Davatz erklärt, dass primärer Mutismus auf angeborene Unterschiede in der Funktionsweise der Sprachzentren im Gehirn zurückzuführen sein kann.
  • Schwierigkeiten in der Sprachverarbeitung: Betroffene Kinder haben möglicherweise Probleme mit der Sprachfindung, Sprachformulierung oder dem Verständnis von Sprache, da die Verbindungen zwischen den beiden Sprachzentren im Gehirn nicht optimal funktionieren.
  • Kombination mit anderen Schwierigkeiten: Primärer Mutismus kann mit weiteren Schwierigkeiten wie Legasthenie, Dyskalkulie und Sinneswahrnehmungsstörungen einhergehen.
  • Hochsensibilität: Dr. Davatz vermutet, dass viele autistische Menschen, zu denen auch Kinder mit Mutismus gehören können, eine hochsensible Wahrnehmung in verschiedenen Bereichen wie Tastsinn, Gehör oder Sehen aufweisen.
  • Ungleichmäßiges Leistungsprofil: Kinder mit primärem Mutismus können ein ungleichmäßiges Leistungsprofil aufweisen, mit Stärken in bestimmten Bereichen und Schwächen in anderen.

Sekundärer Mutismus und Hirnfunktionen:

  • Trauma und emotionale Blockaden: Sekundärer Mutismus, auch selektiver Mutismus genannt, entsteht laut Dr. Davatz oft als Folge von traumatischen Erlebnissen oder emotionalen Dilemmata.
  • Ungerechtigkeitsempfinden: Ein häufiges Beispiel ist das Empfinden von Ungerechtigkeit, das zu einem Rückzug in den Mutismus führen kann.
  • Blockade im emotionalen Gehirn: Die traumatische Erfahrung führt zu einer Blockade im emotionalen Gehirn, die die Kommunikation hemmt.
  • Rolle des Gedächtnisses: Das Gedächtnis spielt eine wichtige Rolle, da es die negativen Erfahrungen und das Ungerechtigkeitsempfinden festhält.

Plastizität des Gehirns und Interventionsmöglichkeiten:

  • Fähigkeit zur Veränderung: Dr. Davatz betont die enorme Plastizität des Gehirns, seine Fähigkeit, sich durch Erfahrungen und Lernen zu verändern.
  • Training und Übung: Durch gezieltes Training und Übung können die betroffenen Hirnfunktionen gestärkt und neue Verbindungen im Gehirn geschaffen werden.
  • Elektroschocktherapie: In extremen Fällen von Blockaden im Gehirn, die durch Trauma und emotionale Belastung entstanden sind, kann die Elektroschocktherapie als eine Möglichkeit in Betracht gezogen werden, um das Gehirn zu „reseten“ und neue Lernprozesse zu ermöglichen.

Bedeutung der Interaktion und des Umfelds:

  • Einfluss des Umfelds: Dr.med. Ursula Davatz betont den starken Einfluss des Umfelds auf die Hirnentwicklung und die Entstehung von Mutismus und Schulverweigerung.
  • Beziehungsgestaltung: Positive Beziehungen zu Bezugspersonen und Lehrpersonen sind entscheidend, um Kindern mit Mutismus und Schulverweigerung die nötige Sicherheit und Unterstützung zu geben.
  • Vermeidung von Zwang und Druck: Zwang und Druck verschlimmern die Situation und verstärken die negativen Erfahrungen im Gehirn.
  • Geduld und Zeit: Kinder mit Mutismus und Schulverweigerung brauchen Zeit und Geduld, um Vertrauen aufzubauen und ihre Kommunikationsfähigkeiten zu entwickeln.

Systemische Perspektive:

  • Wechselwirkung zwischen Kind und Umfeld: Dr. Davatz plädiert für eine systemische Perspektive, die die Wechselwirkung zwischen Kind und Umfeld berücksichtigt.
  • Verantwortung des Systems: Sowohl die Familie als auch die Schule tragen Verantwortung dafür, ein unterstützendes Umfeld zu schaffen, das die individuellen Bedürfnisse des Kindes respektiert und fördert.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Hirnfunktionen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Mutismus und Schulverweigerung spielen. Durch das Verständnis der neurologischen Grundlagen und die Berücksichtigung der Plastizität des Gehirns können jedoch gezielte Interventionen und eine unterstützende Umgebung dazu beitragen, die Kommunikationsfähigkeiten der Kinder zu fördern und ihnen den Weg zurück in die Schule und in ein erfülltes Leben zu ebnen.

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Kommunikationsprobleme im Kontext von Mutismus und Schulverweigerung

Die Quellen, die sich mit selektivem Mutismus und Schulverweigerung beschäftigen, beleuchten auch verschiedene Kommunikationsprobleme, die in diesen Kontexten auftreten.

Kommunikationsprobleme bei Kindern mit selektivem Mutismus:

  • Kommunikationsverweigerung: Kinder mit selektivem Mutismus können sprechen, verweigern die Kommunikation aber in bestimmten Situationen. Dies führt zu Schwierigkeiten in der Interaktion mit anderen Menschen, da sie ihre Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse nicht verbal ausdrücken können.
  • Angst und Unsicherheit: Die Kommunikationsverweigerung ist oft mit Angst und Unsicherheit verbunden, was die Kommunikation zusätzlich erschwert. Die Kinder fühlen sich in sozialen Situationen überfordert und ziehen sich zurück.
  • Nonverbale Kommunikation: Da die verbale Kommunikation eingeschränkt ist, müssen Kinder mit selektivem Mutismus auf nonverbale Kommunikation zurückgreifen. Diese kann jedoch oft missverstanden werden, was zu Frustration auf beiden Seiten führt.
  • Druck durch das Umfeld: Der Druck, sprechen zu müssen, verstärkt die Angst und Unsicherheit der Kinder und kann dazu führen, dass sie sich noch stärker zurückziehen.
  • Teufelskreis der Verweigerung: Wenn Bezugspersonen ständig für das Kind sprechen, verstärkt dies die Verweigerungshaltung und verhindert, dass das Kind die Sprache selbst benutzt.

Kommunikationsprobleme im Umfeld von Kindern mit selektivem Mutismus:

  • Überforderung der Bezugspersonen: Bezugspersonen, insbesondere Eltern, fühlen sich oft überfordert und hilflos im Umgang mit dem mutistischen Kind. Sie wissen nicht, wie sie mit der Kommunikationsverweigerung umgehen sollen und versuchen oft, das Kind zum Sprechen zu zwingen, was die Situation nur verschlimmert.
  • Ungeduld und Frustration: Wenn die Kommunikationsversuche scheitern, kann dies zu Ungeduld und Frustration auf Seiten der Bezugspersonen führen. Dies spürt das Kind und zieht sich noch weiter zurück.
  • Schwierigkeiten in der Schule: Selektiver Mutismus führt oft zu Problemen in der Schule, da die Kinder sich nicht am Unterricht beteiligen können und Schwierigkeiten haben, Beziehungen zu Lehrpersonen und Mitschülern aufzubauen.
  • Konflikte mit dem Schulsystem: Die starren Strukturen des Schulsystems und der Leistungsdruck können die Situation von Kindern mit selektivem Mutismus zusätzlich erschweren.
  • Mangelndes Verständnis: Oft mangelt es an Verständnis für die komplexen Ursachen des selektiven Mutismus, sowohl seitens der Schule als auch seitens der Behörden.

Kommunikationsprobleme bei Schulverweigerung:

  • Verweigerung als Kommunikationsform: Die Schulverweigerung kann selbst als eine Form der Kommunikation gesehen werden. Das Kind drückt durch sein Verhalten aus, dass es mit der Situation in der Schule oder zu Hause nicht zurechtkommt.
  • Schwierigkeiten, Bedürfnisse auszudrücken: Kinder, die die Schule verweigern, haben oft Schwierigkeiten, ihre Bedürfnisse und Gefühle auszudrücken. Sie fühlen sich unverstanden und hilflos.
  • Konflikte im Familiensystem: Schulverweigerung kann ein Zeichen für Konflikte im Familiensystem sein. Die Kommunikation zwischen Eltern und Kind ist gestört und das Kind fühlt sich nicht unterstützt.
  • Konflikte mit dem Schulsystem: Die starren Strukturen des Schulsystems und der Druck der Behörden, das Kind in die Schule zu bringen, können zu Konflikten führen.

Lösungsansätze für Kommunikationsprobleme:

  • Verständnis und Geduld: Die Grundlage für eine erfolgreiche Kommunikation ist Verständnis und Geduld. Man muss dem Kind die Zeit geben, die es braucht, um sich zu öffnen und Vertrauen zu fassen.
  • Beziehungsaufbau: Eine positive Beziehung zwischen Kind und Erwachsenen ist die Grundlage für jede Intervention. Man sollte dem Kind zeigen, dass man es ernst nimmt und ihm helfen möchte.
  • Nonverbale Kommunikation: Man sollte die nonverbale Kommunikation des Kindes beachten und versuchen, seine Bedürfnisse zu verstehen.
  • Alternative Kommunikationsformen: Man kann dem Kind alternative Kommunikationsformen anbieten, wie zum Beispiel Zeichnen, Schreiben oder Piktogramme.
  • Systemische Intervention: Man sollte das gesamte Familiensystem und das soziale Umfeld des Kindes in die Intervention einbeziehen.
  • Zusammenarbeit mit der Schule: Eine enge Zusammenarbeit mit der Schule ist wichtig, um eine unterstützende Umgebung für das Kind zu schaffen.

Wichtige Punkte für die Kommunikation:

  • Zwang vermeiden: Zwang führt nur zu Widerstand und verschlimmert die Situation.
  • Druck rausnehmen: Man sollte versuchen, den Druck aus der Situation zu nehmen und dem Kind die Möglichkeit geben, sich in seinem eigenen Tempo zu öffnen.
  • Aktives Zuhören: Man sollte dem Kind aktiv zuhören und ihm zeigen, dass man seine Gedanken und Gefühle ernst nimmt.
  • Klare und einfache Sprache: Man sollte eine klare und einfache Sprache verwenden, die das Kind verstehen kann.
  • Positive Verstärkung: Man sollte das Kind für seine Fortschritte loben und ihm positive Rückmeldungen geben.
  • Eigenes Verhalten reflektieren: Man sollte das eigene Verhalten reflektieren und überlegen, wie man die Kommunikation verbessern kann.

Die Quellen betonen die Wichtigkeit einer wertschätzenden und einfühlsamen Kommunikation, die auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes eingeht. Durch eine vertrauensvolle Beziehung und eine unterstützende Umgebung können Kommunikationsprobleme überwunden und die Entwicklung des Kindes positiv beeinflusst werden.

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Schulverweigerung: Ein Symptom mit komplexen Ursachen

Dr.med. Ursula Davatz beleuchtet in den Quellen das Thema Schulverweigerung als ein komplexes Problem, das weit über die Verweigerung des Schulbesuchs hinausgeht. Sie sieht darin ein Symptom, das auf tieferliegende Schwierigkeiten im System des Kindes hinweist, insbesondere im familiären und schulischen Umfeld.

Schulverweigerung ist kein isoliertes Problem:

  • Symptom eines tieferliegenden Problems: Dr. Davatz betont, dass Schulverweigerung kein isoliertes Symptom ist, sondern ein Zeichen für ein Ungleichgewicht im System des Kindes.
  • Systemische Betrachtung: Sie plädiert für eine systemische Betrachtungsweise, bei der nicht nur das Kind, sondern auch das Familiensystem, das soziale Umfeld und das Schulsystem berücksichtigt werden.
  • Fokus auf die Ursachen: Anstatt das Kind für sein Verhalten zu bestrafen, sollten die zugrundeliegenden Ursachen erforscht und angegangen werden.

Mögliche Ursachen für Schulverweigerung:

  • Dysfunktionales Familiensystem: Oft übernehmen Kinder Verantwortungen und Funktionen, die sie überfordern, um psychisch kranke oder überforderte Eltern zu entlasten.
  • Angst und Sorge um die Eltern: Kinder, deren Eltern psychisch krank sind, machen sich oft Sorgen um deren Wohlergehen und bleiben deshalb zuhause, um für sie zu sorgen.
  • Mangelnde Unterstützung und Stabilität: Kinder, die in ihrem familiären Umfeld nicht genügend Unterstützung und Stabilität erfahren, können sich in der Schule unsicher und überfordert fühlen und deshalb die Schule verweigern.
  • Eigene psychische Belastung: Schulverweigerung kann auch ein Zeichen für eine eigene psychische Belastung des Kindes sein, beispielsweise Angststörungen, Depressionen oder ADHS.
  • Probleme im Schulsystem: Manchmal liegen die Ursachen auch im Schulsystem selbst, beispielsweise Mobbing, Überforderung oder Konflikte mit Lehrpersonen.

Umgang mit Schulverweigerung:

  • Zwang vermeiden: Dr. Davatz warnt ausdrücklich vor jeglicher Form von Zwang, da dies die Situation nur verschlimmert.
  • Druck rausnehmen: Statt Druck auszuüben, sollte man versuchen, den Druck aus der Situation zu nehmen.
  • Verständnis und Validierung: Dem Kind sollte Verständnis und Validierung entgegengebracht werden, um ihm zu zeigen, dass seine Gefühle und Bedürfnisse ernst genommen werden.
  • Zeit geben: Man sollte dem Kind die Zeit geben, die es braucht, um sich zu öffnen und wieder Vertrauen zu fassen.
  • Beziehung aufbauen: Eine positive Beziehung zwischen Kind und Erwachsenen ist die Grundlage für jede Intervention.
  • Zusammenarbeit mit dem System:
    • Familie: Enge Zusammenarbeit mit den Eltern, um das Familiensystem zu stabilisieren und zu unterstützen.
    • Schule: Kooperation mit der Schule, um eine unterstützende Umgebung für das Kind zu schaffen.
    • Behörden: Transparente Kommunikation mit den Behörden, um Verständnis für die Situation des Kindes zu schaffen und alternative Lösungen zu finden.
  • Systemische Intervention: Ziel ist es, die Interaktionsmuster im System zu verändern, um dem Kind die Rückkehr in die Schule zu ermöglichen.
  • Eventuell Herausnahme aus dem System: In manchen Fällen kann es notwendig sein, das Kind vorübergehend aus dem System zu nehmen, beispielsweise durch eine Platzierung in einer Pflegefamilie oder einer therapeutischen Einrichtung. Dies sollte jedoch nur als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden, wenn alle anderen Massnahmen ausgeschöpft sind.

Herausforderungen im Umgang mit Schulverweigerung:

  • Konflikte mit dem Schulsystem: Die Schulpflicht und der Druck der Behörden, das Kind in die Schule zu bringen, können zu Konflikten führen.
  • Mangelndes Verständnis: Oft mangelt es an Verständnis für die komplexen Ursachen der Schulverweigerung, sowohl seitens der Schule als auch seitens der Behörden.
  • Konkurrenzdenken: Dr. Davatz beobachtet ein Konkurrenzdenken zwischen Schule, Eltern und Fachpersonen, das die Zusammenarbeit erschwert.
  • Systemische Fehler: Die starren Strukturen des Schulsystems und die Fokussierung auf Normen und Leistung können die Situation von Kindern mit Schulverweigerung zusätzlich erschweren.

Fazit:

Schulverweigerung ist ein komplexes Problem, das nicht mit Zwang und Druck gelöst werden kann. Ein systemischer Ansatz, der die Ursachen der Schulverweigerung berücksichtigt und alle beteiligten Systeme einbezieht, ist entscheidend, um dem Kind zu helfen. Verständnis, Geduld und eine vertrauensvolle Beziehung bilden die Grundlage für eine erfolgreiche Intervention.

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Umgang mit Schulverweigerung bei Kindern

Dr.med. Ursula Davatz betrachtet Schulverweigerung bei Kindern nicht als isoliertes Symptom, sondern als ein Zeichen dafür, dass etwas im System des Kindes, meist im Familiensystem, nicht stimmt. Sie betont, dass es wichtig ist, die zugrundeliegenden Ursachen zu verstehen, anstatt das Kind für sein Verhalten zu bestrafen.

Mögliche Ursachen für Schulverweigerung:

  • Überforderung im Familiensystem: Oft übernehmen Kinder von psychisch kranken oder überforderten Eltern Verantwortungen und Funktionen, die sie überfordern.
  • Angst um die Eltern: Kinder, deren Eltern psychisch krank sind, machen sich oft Sorgen um deren Wohlergehen und bleiben deshalb zuhause, um für sie zu sorgen.
  • Mangelnde Unterstützung: Kinder, die in ihrem familiären Umfeld nicht genügend Unterstützung und Stabilität erfahren, können sich in der Schule unsicher und überfordert fühlen und deshalb die Schule verweigern.
  • Eigene psychische Belastung: Schulverweigerung kann auch ein Zeichen für eine eigene psychische Belastung des Kindes sein, beispielsweise Angststörungen, Depressionen oder ADHS.
  • Probleme im Schulsystem: Manchmal liegen die Ursachen für Schulverweigerung auch im Schulsystem selbst, beispielsweise Mobbing, Überforderung oder Konflikte mit Lehrpersonen.

Umgang mit Schulverweigerung:

  • Systemische Betrachtung: Dr. Davatz plädiert für eine systemische Betrachtungsweise. Das bedeutet, dass nicht nur das Kind, sondern auch das Familiensystem, das soziale Umfeld und das Schulsystem in den Blick genommen werden müssen.
  • Ursachenforschung: Anstatt das Kind für sein Verhalten zu bestrafen, sollten die zugrundeliegenden Ursachen erforscht werden.
  • Unterstützung des Systems: Dr. Davatz betont, dass es in erster Linie darum geht, das System des Kindes zu unterstützen und zu verändern, um die Bedingungen zu schaffen, die es dem Kind ermöglichen, wieder zur Schule zu gehen.
  • Verständnis und Validierung: Es ist wichtig, dem Kind Verständnis und Validierung entgegenzubringen. Das bedeutet, seine Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen und ihm zu vermitteln, dass man es versteht, warum es die Schule verweigert.
  • Zusammenarbeit mit der Schule: Eine enge Zusammenarbeit mit der Schule ist unerlässlich. Es geht darum, gemeinsam mit den Lehrpersonen Lösungen zu finden, die dem Kind helfen, wieder in den Schulalltag zurückzufinden.
  • Eventuell Herausnahme aus dem System: In manchen Fällen kann es notwendig sein, das Kind vorübergehend aus dem System zu nehmen, beispielsweise durch eine Platzierung in einer Pflegefamilie oder einer therapeutischen Einrichtung. Dies sollte jedoch nur als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden, wenn alle anderen Massnahmen ausgeschöpft sind.

Konkrete Beispiele aus den Quellen:

  • Dr.med. Ursula Davatz beschreibt den Fall eines Kindes, das die Schule verweigert, weil es sich ständig Sorgen um seine depressive Mutter macht und deshalb zuhause bleiben möchte.
  • Sie erzählt auch von einem Kind, das aus einem dysfunktionalen Familiensystem herausgenommen und in einer neuen Schule platziert wurde, wo es gut zurechtkam.
  • Dr.med. Ursula Davatz betont jedoch auch, dass es wichtig ist, die Bedürfnisse des Kindes zu respektieren und es nicht zu einer Trennung von seinen Eltern zu zwingen, wenn es dies nicht möchte.

Zusammenfassung:

Dr.med. Ursula Davatz sieht Schulverweigerung als ein Symptom für ein tieferliegendes Problem im System des Kindes. Sie empfiehlt einen systemischen Ansatz, der die Ursachenforschung, die Unterstützung des Familiensystems und die Zusammenarbeit mit der Schule in den Vordergrund stellt. Das Kind soll verstanden und validiert werden, ohne dass sein Verhalten bagatellisiert wird. Eine Herausnahme aus dem System sollte nur als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden.

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Selektiver Mutismus und Schulverweigerung

Selektiver Mutismus und Schulverweigerung

Transkription

 

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

25.3.2022
Selektiver Mutismus und Schulverweigerung
Audio

[00:00:00.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Also, ich möchte euch alle ganz herzlich begrüssen zu unserer Weiterbildung, Fortbildung, Fachberatung.
Es ist mir gesagt worden, ihr wollt nochmals etwas über Mutismus, und zwar selektiver Mutismus. Hab ich
das richtig verstanden? Gut. Mutismus heisst ja eigentlich Schweigsamkeit. Also es spricht jemand nicht.
Man kann das Reden auf zwei Arten betrachten. Einerseits mit reden können und dem würde ich dann
sagen, das ist ein primärer Mutismus und andererseits nicht sprechen wollen, also Kommunikation
verweigern. Ich denke der primäre Mutismus, ich habe nicht gross Fachbücher konfrontiert, aber so wie
ich das sehe, entsteht der primäre Mutismus dadurch, dass die Kinder im Sprachhirn, und wir haben zwei
Sprachhirne, dass sie dort nicht gleich funktionieren wie so der Normotyp. Das heisst, dass sie Mühe
haben in der Sprachfindung oder Sprachformulierung. Wir haben zwei Sprachhirne und das eine ist das
Gehör, also da wird das Gehör prozessiert und dann in Symbol und Gedanken umgewandelt und das
andere ist das Hirn, das mehr das Gedankliche beinhaltet. Und die beiden sind natürlich gut miteinander
vernetzt. Sie müssen auch miteinander vernetzt sein, dass dann das Verständnis kommt. Und zum Teil ist
zwischen den beiden Zentren, ich bin nicht Neurologin, aber funktioniert es da nicht recht. Und in dem
Sinn gibt es Kinder, die geboren werden mit dysfunktionalen Sprachzentren und die können nicht so gut
sprechen.

[00:02:02.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, die können die ganze Prozessierung, die sie im Hirn machen müssen, können sie nicht
zeitgemäss, nicht schnell und auch nicht gut machen. Ich hatte zum Beispiel eine Patientin, die sogar
Lehrerin wurde. Sie konnte alles gut lesen. Sie kannte die Buchstaben, sie konnte sich zusammensetzen.
Sie hat null verstanden, was sie gelesen hat. Und da ist die lautliche Wahrnehmung der Sprache und die
verständnismässige Wahrnehmung der Sprache nicht richtig gekoppelt gewesen. Sie hat das mit der Zeit
dann schon gelernt. Aber das hat einfach nicht funktioniert. Und das ist angeboren, das ist ein Hirn, ich
sage jetzt mal Defekt, oder das Hirn funktioniert hier ein bisschen anders. Zum Teil ist der Mutismus dann
auch kombiniert mit Intelligenzminderung. Und zum Teil mit genau dem Gegenteil. Also mit höherer
Intelligenz und isolierter Intelligenz, also ein sehr unausgeglichenes Leistungsprofil. So sagt man ja von
Einstein, er habe nicht geredet, bis er fünf Jahre alt war. Und da würde man schon sagen, das ist ein
mutistisches oder autistisches Kind. Er hat nur beobachtet. Und im Augenblick, wo eine Verarbeitung,
eine Sinnesverarbeitung ausfällt, werden die anderen verstärkt. Das heisst, er hat dann nur beobachtet,
schon als Kind wahrscheinlich, die Zusammenhänge gesehen. Wenn man nicht redet und mehr
beobachten kann, kann man auch gescheiter werden, weil man ja ständig diese Sachen ganz speziell
verarbeitet.

[00:03:55.440] – Dr.med. Ursula Davatz

Der angeborene Mutismus, der kann mit ganz verschiedenen Sachen zusammenkommen. Man sagt
dann Asperger, heutzutage sagt man ja nicht mehr Autismus, sondern man redet immer von Autismus
Spektrumkrankheit. Die Ärzte wollen immer eine genaue Diagnose stellen, aber mit dem Hirn geht das
gar nicht. Denn das Hirn funktioniert ja immer interaktiv und die interaktiven Sachen funktionieren zum
Teil nicht. Und das kann man gar nicht so recht beschreiben, das heisst, wir kennen es auch noch gar
nicht recht. Und man macht sich nur Bilder davon, wie das nicht funktioniert und da kommt immer wieder
ein neues Krankheitsbild raus. Der Asperger hat das auch beschrieben von diesen Kindern. Das ist das
Angeborene, wo das Hirn nicht richtig funktioniert. Und wenn das Hirn nicht richtig funktioniert, dann
muss man das, was nicht so gut funktioniert, trainieren. Denn das Hirn hat unglaubliche plastische
Fähigkeiten. Es kann ganz viel erlernen. Ich habe mal ein ganzes Buch über lauter Hirnschäden gelesen.
Da hat jemand nur die Hälfte von einem Hirn gehabt. Oder jemand hat die Hälfte von seinem Hirn
verloren. Und die andere Hälfte hat alles gelernt. Aber natürlich mit Training. Üben, üben, üben, üben.
Und es gibt so Leute, die so Ausfälle haben, jetzt auch nach einem Hirnschlag, die dann noch sehr viel
lernen können, wieder lernen. Und andere Hirnteile können übernehmen. Nicht bei allen Menschen
passiert das so. Nicht alle werden auch so trainiert. Nicht alle haben selber diesen Durchhaltewillen. Aber
das Hirn ist enorm anpassungsfähig. Und das muss man sich immer wieder vor Augen halten. Die
Störungen, die dann dazu genannt werden, sind natürlich Legasthenie, Dykalkulie, aber auch in der
Sinneswahrnehmung. Oft auch feinere Wahrnehmung. Ich denke, die den meisten Autisten, die haben
eine hochsensible Wahrnehmung. Die kann im Tastbereich sein, im Gehörbereich, im Augenbereich sein.
Sie sehen viel mehr als andere sehen. Sie sehen visuell. Gestern stellten sie mir eine Patientin vor, die
als kognitiv stark beeinträchtigend diagnostiziert. Aber wenn man ihr ein Puzzle mit 1000 Stückchen gibt,
dann kann die innert Kürze alles zusammensetzen. Und nicht so systematisch wie wir das machen, rot
gehört zu rot. Sondern sie schaut so ein bisschen und dann weiss sie es gleich. Das ist eine hohe
Intelligenz auf diesem Bereich. Aber emotional kann sie sich nicht ausdrücken, hat sie nicht die
differenzierte Sprache. Und da wir natürlich sehr nach der Sprache gehen, tun wir dann solche Menschen
sofort als minderwertig einstufen. Früher ist noch mehr passiert, aber auch heute passiert es noch, dass
Leute, die keine Sprachfähigkeit haben, sich nicht gut ausdrücken können aber andersherum eine
Intelligenz haben, dass man diese sofort runterstuft. Also wenn jemand nicht so normal reden kann wie
wir, sich nicht so ausdrücken kann, dann stufen wir sofort runter. Und dann tun wir diesen Menschen
natürlich Unrecht. Die nehmen alles wahr, prozessieren es vielleicht sogar, aber können es nicht wieder
ausdrücken. Ich habe auch einen geistig behinderten Patienten, wo ich die Mutter beraten habe. Er
konnte nicht gut sprechen, er konnte sich nicht gut ausdrücken und er hatte dann manchmal
Tobsuchtsanfälle, sodass sie ihn in der Nacht angebunden haben und ihm x Medikamente gegeben
haben. Es war fürchterlich. Dann habe ich mit der Mutter zusammen geschaut, wo übergeht sie ihn, wo
fragt sie ihn nicht, wo sie nicht auf ihn schaut. Er hatte immer die Anfälle, wenn man ihn übergegangen
hat. Wir haben dann eingeführt, dass er sich mit Piktogrammen am Abend ausdrücken kann, also quasi
seine Gefühlswelt ausdrücken kann, kommunizieren, einfach über diese Bildchen, und man muss sich
diese Zeit nehmen. Und jetzt ist nichts mehr von dem. Er muss nicht ganz viele Medikamente haben und
es läuft gut. Aber man musste zuerst lernen, den wahrzunehmen und ihm ein Hilfsmittel zur Verfügung zu
stellen, dass er sich ausdrücken konnte.

[00:08:48.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, so übergehen wir oft so Leute, die in der Sprache nicht so gewandt sind. Und das Gleiche
passiert ja dann mit Ausländern, die zum Teil hochgebildet sind. Aber unsere Sprache nicht können und

sich nicht ausdrücken können. Und dann stuft man sie einfach auf einem tiefen Niveau ein und dann
fühlen sie sich natürlich falsch behandelt. Das ein bisschen so zum primären Mutismus. Jetzt, ich sage
der sekundäre Mutismus und dem sagt man wahrscheinlich selektiver Mutismus. Den erkläre ich immer
über die Interaktion. Also beim anderen spielt ja die Interaktion auch eine Rolle. Aber den erkläre ich über
die Interaktion. Da habe ich zum Beispiel jetzt einen Patienten, der war als Bub hochverbal. Ganz viel
gesprochen, Geschichten gemacht, Erfindungen, alles mögliche. Also sehr kommunikativ, sodass die
Mutter gesagt hat, es sei ihr manchmal zur Last gefallen, dass er so viel gesprochen hat. Und sie hat
gehofft, er würde mal endlich aufhören zu sprechen. Dann ist etwas passiert in der Klasse, dass er sich
sozial ungerecht behandelt gefühlt hat, ungerecht verurteilt. Dann ist seine Moral, und in der Pubertät
entwickelt man seine ethischen Gedanken, seine persönliche Moral entwickelt, dann hat er sich da
verkehrt behandelt gefühlt. Dann ist er in einem autistischen, mutistischen Zustand verfallen. Er kam auf
Königsfelden, man hat nicht recht realisiert, er hat einfach alles verweigert und das ist jetzt
Kommunikationsverweigerung. Er hat alles verweigert, man kam nicht an ihn ran. Man hat ihn dann in
eine andere Klinik getan und dort hat man dann gefunden, ja das ist ein schizophrener Zustand. Man gab
ihm dann Neuroleptika und dann ist er ein bisschen besser geworden. Aber er ist immer noch in diesem
Verweigerungszustand. Er spricht nicht. Man hat dann eingeführt, dass er den Daumen hoch für ja und
Daumen runter für nein machen kann. Ich habe ihn noch einmal dazu gebracht, dass er sogar ein
Gedicht geschrieben hat. Und das war ein sehr aussagekräftiges Gedicht, in dem alle Leute Angst
bekamen. Er hat seine Situation als schrecklich dargestellt und niemand merkt es. Es wird eigentlich
getötet, also Seelen werden getötet und sie haben dann nur Angst bekommen. Bis zum heutigen Tag
verweigert er. Er hat Medikamente, aber wir kommen wie nicht aus dem heraus. Bei solchen Zuständen,
ursprünglich wurde das Wort Autismus für die Schizophrenen verwendet, für einen extremen
schizophrenen Zustand. Das ist ein höherer Wachsamkeitszustand, man hört alles, man nimmt alles
wahr, aber das Reden ist blockiert.

[00:12:03.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist einfach blockiert. In so extremen Zuständen hat man früher, und jetzt machen wir es auch wieder,
wenn das Hirn blockiert ist, von der Haltung her, dass man Elektroschock macht. Das heisst, dass man
den Stecker zieht, das ganze Hirn depolarisiert, sodass es wieder neu aufgebaut werden kann. Denn die
Blokade entsteht natürlich über ein psychologisches, über ein emotionales Dilemma. Ich wurde ungerecht
behandelt. Ich kann das nicht korrigieren. Niemand sieht es. Niemand kann etwas dazu sagen und das
kommt dann zu einer Eigendynamik im emotionalen Hirn, die dann alles andere blockiert.

[00:13:00.000] – Bemerkung 1
Elektroschock, wie funktioniert das?

[00:13:00.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich in Schottland gearbeitet habe, am Dingleton Hospital, das eigentlich ein therapeutisches Spital
war, haben sie auch noch Elektroschocks gemacht. Man versetzt die Leute in eine Kurznarkose, und
dann setzt man links und rechts eine Elektrode am Hirn an, und dann gibt man einen Stromstoss. Das
Hirn hat ja lauter elektrische Potentiale und elektrische Reizleitungen. Dann gibt man einen Stromstoss
von links nach rechts oder umgekehrt. Und dann werden alle Nervenzellen depolarisiert, also entladen.

Nach der Entladung, also es löscht eben auch das Gedächtnis. Damit wir uns immer wieder auf die
Ungerechtigkeit besinnen können, dazu brauchen wir ein Gedächtnis. Man löscht dann das Gedächtnis
und dann hoffen wir, dass er das negative, die dramatische Erfahrung nicht mehr aufbaut.

[00:14:04.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist schrecklich zum anschauen, weil dann der ganze Körper, der zuckt natürlich auch, also alle
Muskeln. Früher hat man keine Narkose gemacht, das war natürlich schrecklich. Heutzutage macht man
Narkose, von dorther schlafen die Leute einfach und wachen dann hinterher auf. Dann ist so ein bisschen
die Erfahrung von einer Neugeburt. Also ich wache jetzt auf. Also die, die schon eine Narkose hatten,
wenn man nach einer Narkose, in der Narkose ist man ganz versenkt und dann kommt man wieder so
raus, heute Morgen kam am Radio das Lied "Die Morgenstimmung" von Edvard Grieg. Man kommt
langsam wieder aus diesem Dämmerzustand heraus. Ich hatte eine Patientin, die noch Elektroschocks
bekam. Sie wollte es immer wieder, und zwar als Orgasmus. Sie war verliebt in den Arzt, der das
gemacht hat. Dann wollte sie immer wieder Elektroschock. Das schöne Aufwachen hat Sie genossen.

[00:15:22.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Für kurz werden die Erinnerungen unterbrochen. Aber die kommen dann wieder. Sonst wäre man ja dann
verblödet. Man macht eben auch bei schweren Depressionen, und bei den schweren Depressionen sind
hinten dran auch immer negative Gedanken. Aber die werden nicht gesagt, die geht man nicht rausholen.
Es sind immer sehr frustrierte, negative Gedanken. Die werden dann durchbrochen mit dem
Elektroschock. Man sagt, man macht vier oder zehn. Man hofft natürlich, dass bevor die zu fest wieder
nach vorne kommen, dass man einen neuen Bezug zum Umfeld aufbaut. In dem Sinn geht es ihnen
besser, aber manchmal holen sie auch die negativen Gedanken wieder nach vorne. Aber es ist ein
Revival jetzt von Elektroschocks. In Königsfelden, Basel, Zürich machen sie es.

[00:16:44.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss einfach die Entladung hinbringen von allen Nervenzellen. Ohne die geht es nicht. Alleine der
Elektroschock reicht natürlich nicht. Man muss dann auch mit denen das Leben wieder aufbauen. In
Amerika hatte ich einen indischen Assistenzarzt Kollegen. Der meinte, in Indien seien sie mit dem
Elektroschock Instrument herumgereist. Das war natürlich das billigste, viel billiger als Medikamente.
Dann haben die alle mit dem Elektroschock behandelt. Und man behandelt schwere Schizophrenien,
denn dort steckt hinterher auch immer ein negatives Gedankengut, welches den schlechten Zustand
immer wieder aufbaut. Und auch bei einer schweren Depression steckt ein solches Gedankengut hinten
dran. Das wäre ein bisschen eine Ausweitung, aber habt ihr noch mehr Fragen dazu?

[00:17:47.020] – Bemerkung 2
Ich verstehe den Unterschied zwischen Mutismus und Autismus nicht.

[00:17:56.050] – Dr.med. Ursula Davatz

Beim primären Mutismus ist das Hirn etwas anders. Beim sekundären Mutismus verweigert ein Mensch
die Kommunikation und verweigert die Kommunikation, ich sage jetzt mal, wegen einem Trauma. Und
dieses Trauma kann man mittels Elektroschock etwas verscheuchen.

[00:18:23.330] – Bemerkung 2
Mutismus und Autismus hängen nicht direkt zusammen?

[00:18:23.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch. Ich verwende den Begriff analog. Mutismus heisst nicht reden. Autisten sind auch solche, die nicht
reden. Den Begriff Autismus verwendet man heute noch mehr. Die haben eine eigene Welt. Die wollen
nicht abweichen von der, die sind etwas stur. Es muss immer so gehen, wie sie es sehen. Sonst verlieren
sie ihre Sicherheit. Da sind alles interaktive Elemente dabei. Wenn ich jetzt zum selektiven Mutismus
gehe, ich sage jetzt bewusst sekundärer Mutismus, wenn man dort schaut wie diese Leute aufwachsen
oder wie sie leben. Wenn es über längere Zeit geht, dann ist einerseits der Mensch, das Kind, das nicht
redet oder halt selektiv, also die Kommunikation verweigert. Und nebenan ist jemand, das ist immer so
wie ein Pärchen, etwas, das sich ergänzt, ist ein Mensch, der sehr viel redet. Und das kann die Mutter
sein, und das kann aber auch ein Geschwister sein. Also, dass jemand in diesem sozialen Umfeld ganz,
ganz viel redet und immer für das Kind redet, sodass das Kind gar nicht mehr reden muss und dass das
Kind auch immer Zweiter macht. Also, der andere hat ja schon alles gesagt. Häufig ist es die Mutter,
wenn ja das Kind nicht redet, die Mutter will ja mit dem Kind kommunizieren, dann probiert sie immer,
willst du das, willst du das, ist es das, ist es das, ok, also gut. Dann gewöhnt die sich an, dass sie
kommuniziert für das Kind und das Kind kommuniziert überhaupt nicht mehr. Und je nachdem kann man
sagen, aus Faulheit kommuniziert es nicht mehr, aber wenn es die Mutter nicht richtig trifft, kommuniziert
es auch aus Opposition nicht mehr. Denn die spricht ja immer für mich, sie macht alles falsch. Dann kann
es sich eigentlich nur noch über die Verweigerung positionieren. Und ich meine, die
Verweigerungshaltung als Positionsbezug eines Kindes, das sieht man schon bei drei, das ist die erste
Pubertät, die Trotzphase, ist die erste Selbstbehauptung. Wenn dort herum eine Mutter ist, die zu viel
redet und immer nur redet, dann kann das Kind diese Verweigerungshaltung, diese Trotzphase immer
stärker ausleben oder mehr in diese hineinkommen. In so eine Trotzphase können auch Erwachsene
reinkommen, wenn sie in den verletzten, gekränkten, mutistischen Zustand reinkommen.

[00:21:28.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ein Kind, das die Schule verweigerte, hat auch nicht mehr gesprochen, ging dann immer zur
Grossmutter und sprach nicht mit den Eltern. Dort war hinten dran ein riesiger Konflikt zwischen den
Eltern. Das ist ein weiterer Grund, dass ein Kind wahrnimmt, was hier an Spannung in der Luft ist, selber
nichts dazu sagen kann. Die Eltern sagen auch nichts dazu. Dann erdrückt die Stimmung, die emotionale
Spannung, erdrückt die Kommunikation. Dann passiert wieder der selektive Mutismus. Bei diesem Kind,
das war er im Kantonsspital Aarau, hat man sagte, es habe selektiven Mutismus. Und die hat einfach
verweigert. Da musste die Mutter mit ihr im Spitalzimmer übernachten und sie dann in die Schule
zwingen, hat alles nicht funktioniert. Also sobald man eine Verweigerungshaltung hat von einem Kind,
darf man ja nicht zwingen, sonst läuft alles schief. Denn da sind sie stärker. Das geht jetzt über zu der
Schule. Die Schule hat natürlich den Auftrag, dass unsere Kinder eingeschult werden müssen. Wir haben

einen Schulungsauftrag, man kann nicht nicht schulen. Und im Augenblick, wenn ein Kind die Schule
verweigert und man bringt es nicht hin, dass es in die Schule geht, dann kommt die Behörde, dann
kommt die Instanz und die haben dann immer die Haltung, das Kind muss gezwungen werden, um in die
Schule zu gehen. Und so wird es auch den Eltern gesagt, dass sie keine Schulverweigerung zulassen,
sonst bringt man das Kind dann nie mehr in die Schule. Dann passiert ein Machtkampf. Gegen ein
mutistisches Kind oder eine mutistische Person mit Gewalt vorzugehen, funktioniert nicht.

[00:23:39.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind sie immer stärker. Ich hatte eine Klientin, die später dann Krankenschwester wurde. Die ging in
die Schule, in einem Heim, wo ihr Vater Heimleiter war. Aber er war körperlich handikapiert. Und die hat in
der Schule nicht geredet. Dann hatte der Lehrer die kluge Idee gehabt, wenn du nicht redest, musst du
stehen. Die ist sage und schreiben durch die ganze Schule durch gestanden. So viel zum Machtkampf
mit dem selektiven Mutismus. Das funktioniert nicht.

[00:24:19.870] – Bemerkung 3
Aber es gibt doch auch den genetischen selektiven Mutismus, wo es die Kinder ab Geburt haben und
Eltern haben es schon gehabt.

[00:24:27.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Dem sage ich eben nicht selektiv. Dem sage ich primärer Mutismus.

[00:24:31.230] – Bemerkung 3
Diese Kinder können ja ganz normal reden, aber einfach in der Öffentlichkeit sprechen sie nicht.

[00:24:36.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, und da reden die in der Öffentlichkeit nicht aus Schüchternheit. Das ist Schüchternheit. Der
mutistische Zustand ist in der Regel kombiniert mit hochsensibler Nervosität, also mit sensiblen Nerven.
Und in der Bekanntschaft, also zu Hause, reden sie. Wenn es fremd ist, sprechen sie nicht. Und das ist
das, sie haben Angst vor neuen Situationen. Man muss sie sehr sanft angewöhnen. Und wenn man sie
dort dann zwingt, dann kommen sie in den oppositionellen Zustand hinein und dann wird überhaupt nicht
mehr gesprochen. Also nie in einen Machtkampf gehen mit einem mutistischen Kind. Nie. Das bringt es
nie.

[00:25:23.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe letztens auch eine Geschichte gehört, der hat zu Hause nicht gesprochen, in der Schule nicht
gesprochen hat. Er hatte aber portugiesische Nachbarn. Und dann hat die Mutter gesehen, dass er ganz
normal mit ihnen gesprochen haben. Dort war es dann gerade umgekehrt. Sie haben nicht gross Druck
auf ihn aufgesetzt und dann hat er einfach nachgesprochen. Zuhause hat man Druck aufgesetzt und
dann wurde nicht gesprochen. Also darum mache ich den Unterschied zwischen nicht reden können,
mutistisch, und Kommunikationsverweigerung. Und wenn man zu fest unter Druck kommt mit so einem

sensiblen Wesen, dann rutscht man in die Verteidigungshaltung von Verweigerung. Es ist eigentlich eine
Flucht nach innen.

[00:26:16.260] – Bemerkung 4
Mit dem Essen kann man doch das gleiche machen. Essen verweigern, da kann man Druck auch nichts
erreichen.

[00:26:22.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist genau das gleiche. Beim Essen verweigern, kann man auch nicht mit Druck heran bringen.
Reden kann man nicht mit Druck heranbringen, Essen kann man nicht mit Druck heranbringen. Das sind
alles natürliche Funktionen, wenn man hier gewaltsam eingreift, macht man alles kaputt.

[00:26:38.350] – Bemerkung 5
Ich hatte auch ein Mädchen, das nicht sprechen wollte. Der Grossvater hat zu viel geschwatzt mit dem
Kind.

[00:27:02.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch so ein Kind, das die Schule verweigert hat, ist in ein Heim gekommen, hat dann dort auch
wieder die Schule verweigert, war die Hälfte der Zeit draussen, man hat alles mögliche gemacht, mit hin
chauffieren usw. Wir mussten es abbrechen. Wenn wir mit dieser eine Sitzung haben, mit mir spricht sie
nicht, und letztens hatten wir gerade eine, aber ich muss dann weiter kommunizieren. Also ich darf die
Kommunikation nicht abbrechen, auch wenn nichts zurückkommt. Ich musste einfach weiter
kommunizieren, möglichst ohne Druck, was mir dann in den Sinn kommt. Dann konnte ich ihr das
Lächeln entlocken. Okay, ich sehe an deinem Gesicht Ausdruck, dass du nicht willst." Also dass man die
Kommunikation nicht auch abbricht, nur weil sie nicht redet. Kommunikation brauchen wir ja. Und der
andere Mensch braucht es auch. Der ist gefangen, in seinem nicht sprechen können.

[00:28:11.350] – Bemerkung 6
Das ist manchmal schon herausfordernd. Die Mutter hatte es auch. Das eine Mädchen hat nicht mal mit
dem Kopf ein Zeichen gegeben. Mit der anderen geht es gut. Es ist dann auch eine Herausforderung für
die Schule. Die eine ist Lernziel befreit, die andere kann präsentieren. Wir haben jetzt mit den
Heilpädagogen gearbeitet.

[00:29:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Und redet sie dort?

[00:29:01.940] – Bemerkung 6
Nein, aber die eine liest dann vor. Es sind dann nur vier Kinder. Und dort schafft sie es dann zum
Vorlesen, einfach ein wenig leise. Bei den anderen geht es auch nicht. Sie sagt, sie kann besser und

konzentrierter arbeiten. Beide Mädchen sagen, wenn sie in einer Klasse sind, können sie sich fast nicht
konzentrieren.

[00:29:22.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist dann wieder die Situation vom System Overload. Wenn zu viele Impulse reinkommen, dann
können sie sich nicht konzentrieren, können sich auch nicht auf das Verständnis konzentrieren. Da ist
sicher eine gewisse Störung im Hirn. Die muss mehr üben. Da ist dann Heilpädagogik gut. Von uns im
Umfeld, wenn wir nicht Heilpädagogen sind, es ist wichtig, dass man kommuniziert, dass man sie
teilnehmen lässt, dass man ab und zu Kontakt mit ihnen aufnimmt, ohne dass sie unter Druck sind, dass
sie etwas sagen müssen. Selber darf man nicht unter dem Erfolgszwang sein, ich muss erreichen, dass
das Kind mit mir spricht. Sobald man unter den Erfolgszwang kommt, hat man verloren. Dann geht es
nicht. Es gibt dann so Ehrgeiz unter den Helfern. Ich bringe sie zum Reden. Das muss man sofort
wegtun.

[00:30:26.480] – Bemerkung 6
Das war schon eine Herausforderung am Anfang. Man hat immer das Gefühl, man möchte mit den
Kindern kommunizieren. Und wenn gar nichts kommt, ist es schon schwierig. Man muss auch lernen, die
Fragen anders zu stellen. Keine offenen Fragen, sondern willst du lieber das oder das? Einfach nur eine
Frage, die sie mit Ja oder Nein beantworten kann.

[00:30:36.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz genau. Das ist absolut richtig. Entweder das oder das. Ist dir eher so oder so zu Mut. Dann kann es
wählen. Man muss helfen bei der Kommunikation. Man darf selber aber nicht frustriert sein. Sonst bremst
man alles runter. Das ist noch schwierig. Aber das gleiche läuft, wenn ich mit depressiven Leuten
kommunizieren muss. Ich muss auch schauen, dass ich irgendwie etwas im Fluss behalte, ohne dass ich
darauf angewiesen bin, dass der andere hoch kooperativ ist. Und das ist noch schwierig. Man wird auf
sich zurückgeworfen.

[00:31:20.650] – Bemerkung 6
Es ist dann immer so ruhig.

[00:31:23.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, die Ruhe aushalten.

[00:31:26.520] – Bemerkung 6
Dann denkt man, ist überhaupt das Kind da?

[00:31:30.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist schon da. Solche Kinder müssen zuerst ganz viel Vertrauen in die Atmosphäre haben, damit sie
dann auch kommunizieren. Und sie brauchen eine lange Angewöhnungszeit. Da bringe ich immer wieder

den Horse Whisperer. Das Pferd musste sich angewöhnen, dass da draussen ein Mann steht und ihm
nichts macht. Wir müssen nicht traumatisch in der Nähe sein, nicht traumatisierend, dass sie sich an
einem angewöhnen können. Man muss sich immer ein wenig selber beschäftigen können.

[00:32:06.930] – Bemerkung 6
Ich finde Marte Meo hilft schon auch.

[00:32:09.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort lernt man das.

[00:32:22.360] – Bemerkung 7
Du hast gerade gesagt, dass oft auch jemand extrem viel spricht und für das Kind redet, wenn so etwas
entsteht. Aber ist es dann nicht so, dass eigentlich der Teufelskreis darin besteht, wenn ein Kind
mutistisch wird, dass man das dann ja eigentlich weiterhin macht? Das stelle ich mir wahnsinning
schwierig vor. Was ist denn der Weg?

[00:32:57.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch schwierig. Ich wechsle dann immer zu den Tieren. Also mit einem Elefanten kann man 56
Signale austauschen, mit einem Hund auch ein paar. Wenn man sieht, dass Hundebesitzer mit Hunden
sprechen, ist das erstaunlich. Die hören es an der Stimme: C'est lo ton qui fait la musique. Wenn man so
ein Kind hat und immer reden und kommunizieren möchte, muss man sich verlangsamen und anfangen
zu beobachten. Man muss das Kind und sich beobachten. Nicht einfach gar nicht sprechen, aber
weniger. Zuerst beobachten und denken, was ist jetzt hier abgelaufen? Aha, könnte es das sein oder
das? Also man muss sich verlangsamen. Wir sind ja alle auf Effizienz ausgerichtet und so schnell wie
möglich und so viel wie möglich. Unsere Produktionsgesellschaft ist alles auf Effizienz ausgerichtet und
das bringt hier gar nichts. Man muss sich wirklich verlangsamen. Ganz fest verlangsamen.

[00:34:06.030] – Bemerkung 8
Ich habe jetzt gerade so eine Familie, wo die Mutter ganz viel spricht. Jetzt habe ich hier gerade so ein
Aha Erlebnis.

[00:34:09.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss aufpassen, dass man nicht mit der Mutter in einen Schwatzkampf kommt, sondern dass man
sich zuerst selber beruhigt. Denn sie versucht langsam zu beruhigen. Wenn man ihr am Anfang das
Schwatzen verbietet, dann fühlt sie sich abgestossen, nicht ernst genommen. Man muss bei ihr langsam
runterfahren. Aber schlussendlich muss man zu dem kommen. Das sieht man auch beim Horse
Whisperer. Da ist die Mutter des Kindes nebenan und die schwatzt immer. Und er sagt dann "Shut up",
sei endlich mal ruhig. Schwatz nicht so viel. So darfst du es nicht machen. Der Horse Whisperer hat das
dürfen. Aber es geht in diese Richtung. Man muss sie herunterholen. Denn sonst kommt das Kind nicht
dazu. Und die Bilder von Antoine de Saint-Exupéry sind auch hilfreich. Der kleine Prinz stellt immer

wieder die Milchschüssel heraus, damit das Füchslein kommen kann. Apprivoiser. Man muss die Situation
zähmen. Man muss sich zähmen und man muss die Mutter runterzähmen, dass sie ihr Kind nicht zu Tode
schwatzt.

[00:35:37.430] – Bemerkung 9
Ich habe es schon mehrmals erlebt, dass mich die Eltern anrufen und sagen, mein Kind will nicht in die
Schule. Dann sage ich: Lassen Sie es zu Hause. Was ist denn unsere Rolle? Das kommt nicht so gut an
bei den Behörden. Wir hatten eine Situation, wo die Behörden finden, das Kind muss in die Schule. Ich
habe dann gefunden, dass man das Kind nicht Gewalt in die Schule bringen kann. Dann sage ich lieber
zu Hause und nach Lösungen suchen und dann wieder für die Schule motivieren.

[00:36:15.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind wir jetzt bei der Schulverweigerung. Und die Schulverweigerung ist ja auch eine Art Mutismus.
Also ich kommuniziere nicht mehr. Ich gehe nicht mehr in die Schule, ich kommuniziere nicht mehr. Ja, da
kommen wir in einen Clinch mit den Behörden, das stimmt. Behörden, das ist das offizielle System, es
gibt eine Schulpflicht. Ich hatte ja ein Kind, das sie dann per Polizei geholt haben und dann ins Heim
gesteckt. Oder ja, nicht in die Schule, sondern ins Heim. Da müsst ihr als Fachpersonen absolut stark
auftreten und sagen, ich weiss, wir sind in einem Land, wir haben ein Schulgesetz und es gibt eine
Schulpflicht. Aber wenn es sich um ein mutistisches Kind handelt, oder wie wir es dann benennen wollen,
wenn es sich um so ein trotziges Kind handelt, wenn man hier in einen Machtkampf geht, hat man 100%
verloren. Man muss zuerst, wie du sagst, den Druck rausnehmen und dann wird neu verhandelt und dann
wird angefangen, wie könnte man vorgehen. Denn wenn man x Versuche macht, und das Kind lernt
immer zu verweigern, dann hat man verloren. Und so eines habe ich jetzt. Da haben sie alle möglichen
Versuche gemacht, mit Heilpädagogin und Zeug und Sachen, und es darf hin gehen und es darf zu ihr
gehen. Also es hat einen völligen Sonderstatus in diesem Schulsystem bekommen. Und immer Druck von
hinten. Die hat nur noch gelernt Widerstand zu machen. Also man bringt dann dem Kind nur den
Widerstand bei, und man hat keinen Erfolg. Also wenn man dann wieder ein Kind in die Schule bringen
möchte, muss man relativ sicher sein, dass man es hinbringt. Und vorher überhaupt nicht versuchen. Alle
diese Versuche, die verstärken das mutistische Verhalten. Das ist fürchterlich.

[00:38:16.540] – Bemerkung 10
Was jetzt am Laufen ist, mit der Autismussfachstelle in Königsfelden, habe ich den Eindruck, dass die
Schulen ein wenig zusammenarbeiten. Ich habe jetzt ein Mädchen, das plus minus in einem sicheren
Rahmen sich bewegt. Die Mutter hat sich getrennt, gezügelt und eine neue Schule. Es ging nichts mehr.
Jetzt ist das Thema Platzierung, da sind sie dran. Was ist dann, wenn das Kind das nachher verweigert?
Das Mädchen ist top in der Schule. Sehr intelligent, sehr kreativ. Ich sage im Moment nur Druck
herausnehmen bei der Mutter. Zu nichts zwingen. Die Schule hat jetzt das Programm heruntergefahren.
Das Mädchen ist nachher gewisse Tage nicht in die Schule und dann habe ich gesagt, fragen sie sie
warum. Weil sie in die Hosen gemacht hat. Das Mädchen hat sich geschämt. Einfach sein lassen, nicht
sagen Du musst jetzt. Jetzt ist der Übergang sehr wichtig. Dort stütze ich die Familie. Es sieht so aus als
würde sie eine Platz erhalten. Das Mädchen ist dort schnuppern gegangen. Das Mädchen wird das
schaffen. Die zwei, drei Wochen Schulstoff holt das Mädchen sofort wieder auf. Die Mutter muss arbeiten.

Ich finde es sehr gut, dass die Schule dort mitmacht. Die Schule sagt nicht, nein sie muss kommen.
Wenn die Schule sagt, nein sie muss kommen, haben wir alles auch schon erlebt. Dann ist der Schuss
hinten raus. Manchmal habe ich von Eltern auch gehört, nein mein Kind kann nicht zu Hause bleiben, ich
muss arbeiten. Dort habe ich keine Lösung.

[00:42:27.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Deshalb sage ich ja bei den ADHS Kindern, man kann sie zu Tod schlagen und sie folgen immer noch
nicht. Man kann das Kind zu Tod schlagen und es geht trotzdem nicht in die Schule. Mit Gewalt geht da
gar nichts. Und an sich sind ja alle Kinder lernbegierig. Sie wollen ja etwas lernen. Und man muss den
intrinsischen Neugierfaktor wieder anregen können. Und wenn man mit Gewalt reinkommt, dann regt
man nur die Opposition an. Und dann gibt es wieder eine neue Diagnose, das Oppositionelle Verhalten.
Das ist dann wieder eine Diagnose.

[00:43:09.380] – Bemerkung 10
Bei dem einen Jungen der platziert worden ist, wusste man nicht so klar, ist es ein ADHS, er hat
schlechte Erfahrungen gemacht, weil er in der Sprache Schwierigkeiten hatte. Er ist einfach
untergegangen. Ich finde es zum heulen. Dann habe ich gesagt sein lassen, und der ist jetzt mega
glücklich.

[00:43:39.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke wenn ihr Schulverweigerungskinder habt und ihr müsst mit dem Staat, also mit der Schule
zusammenarbeiten, ist es wichtig, dass man als erstes immer sagt, ich weiss, wir stehen unter diesem
Gesetz, in der Schweiz sind wir in einem Land, wo Schulpflicht ist und ihr habt den Zwang, also nein, ihr
müsst das quasi durchsetzen können. Dann kommt ABER da haben wir jetzt die und die Situation und
wenn man da Druck aufsetzt, bewirkt man genau das Gegenteil. Darum müssen wir vorsichtig vorgehen,
zuerst mal Druck wegnehmen und dann schauen, was am besten funktionieren könnte. Ja, nicht zu
schnell irgendwie etwas heran wurschteln und Druck aufsetzen, denn dann hat man es verdorben mit
dem Kind. Und dann ist es schwierig, um das wieder heranzubringen. Im guten Fall spanne ich ja immer
die Väter ein, dass die dann mit dem Kind in die Schule gehen müssen. Wenn das geht, ist das super.
Aber bei dem einen, den ich jetzt hier habe, ist das nicht mehr gegangen. Das ist alles schon verbraucht
gewesen. Dann muss man wirklich die Zeit wegnehmen. Es gibt ja auch so Geschichten, ein Afrikaner,
der gar nie in die Schule ist, und dann zwei Jahre in die Schule gegangen ist, und dann hat er alles
nachgeholt, Matur und alles.

[00:45:10.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich ein Hochbegabter gewesen. Aber man sagt, man könnte den Schulstoff theoretisch in
zwei Jahren nachholen.

[00:45:33.620] – Bemerkung 11
Ich hatte einen Knaben, der nicht in die Schule gegangen ist, weil die Mutter Bauchschmerzen hatte und
der Knabe immer Angst hatte, dass die Mutter jederzeit sterben könnte.

[00:45:33.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau, du bringst einen ganz wichtigen Punkt. Kinder können nicht in die Schule gehen, weil in der
Schule irgendetwas nicht richtig ist. Da habe ich mir auch ein paar Dinge aufgeschrieben. Die Schule
kann verweigert werden, weil eine schlechte Gruppendynamik ist, weil ein Kind gemobbt wird oder auch,
weil eine schlechte Gruppendynamik ist und das Kind hat einen hohen Gerechtigkeitssinn und der Lehrer
entspricht nicht dem Gerechtigkeitssinn. Und dann will es das eigentlich korrigieren, kann es natürlich
nicht. Und es korrigiert den Lehrer mit dem schlechten Gerechtigkeitssinn mit Verweigerung.

[00:46:47.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann auch sich selber schlecht behandelt fühlen. Es kann mit einem Lehrer in einen Clinch kommen
und deswegen dann verweigern. Es kann zu Hause eine Problematik bestehen und es trägt die
Verantwortung für zu Hause und dann darf es die Mutter, die schwer depressiv ist, nicht alleine lassen. Es
hat zu Hause die Funktion einer Spitexschwester, oder einer Krankenschwester und sie muss zuhause
bleiben. Ich hatte einen Patienten, der später schizophren wurde, und der hat gesagt, er hätte sich nicht
getraut, in die Schule zu gehen, weil er Angst hatte, seine Mutter würde sonst zu Hause Selbstmord
begehen. Wenn er doch in die Schule gegangen ist, konnte er überhaupt nicht aufpassen. Er hat nur
immer an zuhause gedacht, was passiert wohl dort? Und das schaut man oft auch nicht an. Man muss
das Umfeld anschauen, das Kind geht nicht in die Schule, verweigert die Schule, aus protektiver Absicht
seiner Mutter oder seinem Vater oder einem Geschwister gegenüber. Wenn man das nicht anschaut, tut
man dem Kind Unrecht. Es tut ja etwas gutes, es will ja sorgen für sein System. Man bestraft es dafür,
dass es nicht in die Schule geht. Das ist natürlich zweimal falsch.

[00:48:11.140] – Bemerkung 12
Das ist ein totales Dilemma.

[00:48:14.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihr, die in die Familie gehen, sehen das natürlich. Und dann muss man das auch dem Schulsystem
füttern und sagen, dass das Kind nicht in die Schule gehen kann, weil es zum Rechten muss. Und dann
muss man das System zu Hause entlasten. So rede ich mit den Kindern. Manchmal sind sie auch schon
ein bisschen älter und dann sage ich, dass ich für ihre Mutter sorge. Das ist jetzt meine Aufgabe. Sie
dürfen es mir abgeben. Aber das ist nicht so einfach. Und wenn dann die Eltern auch nicht sich in den
Fadenkorb schauen lassen wollen, man geniert sich ja dafür, dass man Probleme hat, und darum kann
man auch keine Hilfe annehmen, hingegen vom Kind nimmt man die Hilfe an, dann hat man wieder eine
Schwierigkeit. Dann muss man den Eltern sagen, dass sie dem Kind zuliebe Hilfe annehmen müssen.
Denn das Kind ist durch das belastet und wir wollen das Kind ja entlasten. Und dann hat man wieder das
gleiche Ziel. Dann hat man den kleinsten gemeinsamen Nenner. Wir wollen, dass das Kind in die Schule
gehen und lernen kann. Und damit es das kann, muss man ihnen helfen dürfen.

[00:49:38.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hast Du dort gemacht bei der Familie?

[00:49:46.010] – Bemerkung 13
Es war auch noch eine andere grosse Geschichte. Das Kind ist nachher in die Schule, nachdem wir die
Familie zu Hause besucht haben.

[00:50:06.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Also schon nur, dass du in die Familie gegangen bist, Stabilität gegeben hast.

[00:50:26.960] – Bemerkung 13
Es bewegt sich etwas, wenn man etwas anstosst.

[00:50:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist toll, und das ist systemisch intervenieren. Schönes Beispiel.

[00:50:41.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gut kommt ihr an die Lehrer oder an die Schulbehörden ran? Arbeitet ihr mit den Lehrern oder mit
den Schulleitern? Die Schule hat ja dann auch wieder eine Hierarchie und die Schulleiterin fühlt sich
verpflichtet das Gesetz durchzusetzen und der Lehrer ist unten dran. Mit wem arbeiten Sie? Mit den
Schulleitern oder mit den Lehrern? Mit beidem?

[00:51:30.000] – Bemerkung 14
Wir haben gute Erfahrung gemacht.

[00:51:31.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Super. Es ist einfach wichtig, dass man ihnen zuerst die Anerkennung gibt, die Validierung, dass sie diese
Funktion haben, dass man das sehr gut versteht. Aber das in diesem Fall, man vorsichtig vorgehen muss.
Gewisse denken ja dann, man muss dem KESB eine Gefährdungsmeldung machen und das KESB regelt
dann alles. Aber das KESB kann das überhaupt nicht regeln. Das ist reiner Formalismus. Die sind noch
weiter weg vom ganzen Geschehen. Und in dem Sinne muss man es wirklich mit dem Lehrer, mit der
Familie und mit der Schulleiterin oder dem Schulleiter regeln.

[00:52:16.140] – Bemerkung 15
Das SPD, Schulpsychologischer Dienst ist ja auch noch oft drinnen. Der ist in der Rolle zwischen Schule
und Eltern um zu vermitteln. Die sind oft schon drinnen.

[00:52:30.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, der SPD ist meistens schon drin, der hat die Schule schon reingeholt. Und ich als Fachperson erlebe
dann, dass die SPD mich als Konkurrenz erlebt. Und dass sie eigentlich die Hoheit haben. Offiziell haben

sie die zur verfügen, wie es gehen muss. Immer wenn Gelder gesprochen werden müssen, muss es über
die gehen. Aber manchmal pressiert es irgendwie, dass man schnell Entlastung haben muss. Wenn ich
dann irgendetwas beschliessen oder so, dann fühlen sich die zum Teil übergangen. Bei euch ist das
vielleicht ein wenig weniger, weil ihr nicht Psychologen seid. Oder ihr habt auch Psychologen?

[00:53:27.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber vielleicht, wenn wir als Nichtpsychologen schon ein wenig mehr von aussen kommen, so ein
bisschen naiv unbedarft, und dann seit ihr weniger eine Bedrohung und dann hört man Euch wieder. Ich
würde auch sagen, nehmt diese Rolle ein, unbedarft, aber doch überzeugt, und immer systemisch. Nicht
alle SPD Psychologen sind systemisch ausgebildet. Ihr könnt dann immer das Wort systemisch in die
Waagschale werfen.

[00:54:21.150] – Bemerkung 16
Was ich auch immer wieder erlebe ist, dass die Lehrer und die Schulleitung keine Ahnung von Autismus
haben. Manchmal muss man sie ein bisschen aufklären. Die Lehrer haben nur über die Leistung des
Kindes gesprochen. Seelisch ging es dem Mädchen aber nicht gut. Dann müssen wir nicht über die
Leistung sprechen. Ich hatte eine Schulleitern, ich habe mir an den Kopf gefasst, die hatte keine Ahnung
von Autismus.

[00:55:15.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin immer noch dran. Da haben wir die Idee gehabt, an dieser Schule geht es nicht mehr. Es wurde
viel zu viel probiert. Wir müssen aufhören. Entweder fremd platzieren oder in eine andere Schule. Ich
habe zwei Schulen geschrieben, ob sie bereit wären, ihre eine Schnupperwoche anzubieten. Ich habe
den Fehler gemacht, dass ich zuerst nicht die Schulleiterin der alten Schule gefragt habe, ich habe sie
zwar informiert und das gesagt. Dann hat es geheißen nein, es geht nicht. Zuerst muss die Schulleiterin
erlauben, dass das Kind an einem anderen Ort schnuppern darf. Am Montag haben sie eine
Gemeindeversammlung, wo das besprochen wird, ob das erlaubt wird. Die Eltern sind schon wieder so
frustriert, die Kinder bekommen natürlich alles mit und dann ist so der ganze Versuch wieder kaputt.

[00:56:16.190] – Bemerkung 16
Es geht um das Geld.

[00:56:16.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, es geht ums Geld. Die Eltern sagen, sie würden es sogar selber zahlen, wenn das sein muss. Ich
habe dann von der Schulleiterin einen zurechtweisenden Brief bekommen und auch von der neuen
Schule, wir geben dem Kind gerne die Chance, aber zuerst muss die Erlaubnis der Schulleiterin kommen.
Also es geht um die Hierarchie und nicht um das Wohl des Kindes. Man kann sagen, ich habe
systemische Fehler gemacht innerhalb des bürokratischen Systems, aber es war gerade vor meinen
Ferien. Ich dachte, das muss jetzt noch schnell raus, damit wir dann weiterfahren können. Aber die Eltern
fühlen sich doch gestützt. Sie sind ein wenig ruhiger. Sie wollen natürlich endlich mal eine Lösung. Das
ist schon lange. Ja, ich weiss. Anderthalb Jahre. Und jetzt bald zwei Jahre.

[00:57:47.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat zwar an vielen Schulen so Elternrat und alles mögliche. Aber die Schulen arbeiten oft nicht so
gut mit den Eltern zusammen. Ich erlebe immer wieder, dass Lehrer, das Schulsystem und Eltern in einer
Konkurrenzsituation sind. Auch wenn ich an die Elternabende von meinen Kindern gegangen bin, kam es
mir immer so vor, dass sie Angst vor uns haben. Da gibt es auch noch viel Arbeit zu machen. Dass man
zwischen Lehrerschaft und Elternschaft vermittelt. Das wäre wieder eure systemische Therapie. Dass ihr
zum Mediator werdet.

[00:58:39.680] – Bemerkung 17
Ich habe das auch letztens mit der Familie erlebt. Es war ein Kampf zwischen der Schule und der Mutter.
Die Lehrerin hat der Mutter geradeaus direkte Vorwürfe gemacht. Die Lehrerin hat gesagt, dass das
Verhalten, dass das Mädchen in der Schule zeigt, der Mutter ihre Schuld ist, da hat die Familie eigentlich
gar keine Chance gehabt.

[00:59:36.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Problematik, in die ursprünglich die systemische Therapie hineingerannt ist. Frieda Fromm-
Reichmann, die die hyperaktive Mutter beschrieben hat, Bowen hat gesagt "an anxious mother with a
loud mouth" ängstliche Mutter mit einem lauten Organ das viel spricht und vor dem haben Lehrer Angst
und vor dem haben auch Psychiater Angst. Dann schiebt man den Müttern quasi die Schuld zu, dass das
Kind krank ist. Und so wurde dann die schizophrenogene Mutter, der Begriff geprägt. Das war von Frieda
Fromm-Reichmann glaube ich. Und dann, alle nicht systemisch denkenden Therapeuten haben dann
gesagt, dass sie nur die Schuld den Eltern zu schieben, aber eigentlich ist ja auch das Kind krank und an
dem Kind muss man rummachen. Und ich plädiere jetzt immer dafür, dass es beides ist. Also das Kind
hat gewisse Eigenschaften, also es sind seine Gen, die es da mit sich bringt, es bringt eine gewisse
Persönlichkeit mit und das Umfeld reagiert auf diese Persönlichkeit nicht sehr geschickt. Aber es geht
nicht um Schuld, sondern es geht um Interaktion und wie können wir diese Interaktion verändern? Jetzt
kommt das Denkmodell. Wir als Systemiker wollen das ganze System verändern, sodass das Kind einen
besseren Boden hat, eine bessere Umgebung und sich gut entwickeln kann.

[01:01:12.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Sowohl das medizinische System, also die Psychiatrie und die Schule, die kommen mit der Haltung, dass
das Kind sich anpassen muss. Ich muss das sozialisieren. Aber wenn es in diesem
Sozialisierungsprozess kaputt gemacht wird, kann man alles vergessen. Da hat man keine
Sozialisierung. Da sind die Lehrer ungeduldig. Selbst in der Psychiatrie ist man da zum Teil ungeduldig.
Man will, dass andersartige Kind möglichst schnell normieren. Und wir leben in einer
Normierungsgesellschaft und wenn man ein anderesartiges Kind zu schnell normieren will, dann läuft das
schief. Und dann hat man am Schluss ein krankes Kind, dann braucht es viel mehr Geld, um das kranke
Kind wieder irgendwie funktionstüchtig zu machen. Vielleicht wird es sogar nie mehr funktionstüchtig und
dann hat man ein Problem.

[01:02:12.580] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Medizin ist es auch so, dass wir das Kind normieren. Die Lehrer wollen das Kind normieren. Die
sagen, es ist mein Auftrag, aus diesem Kind einen normalen Bürger zu machen. Dann sagen sie, was
Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Aber da muss man sagen, was Hänschen zu früh lernen
muss, wenn er es noch nicht kann, dann ist er kaputt. Dann ist er krank. Und dann haben wir mehr
Krankheiten.

[01:02:44.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben ja immer mehr psychiatrische Krankheiten. Da müssen wir viel sorgfältiger mit diesen
andersartigen Kindern umgehen lernen. Das müssen wir den Lehrern beibringen. Da sage ich eben
wieder, man kann die Kinder zwingen zum gehorsam, man kann sie tot schlagen, aber sie folgen
trotzdem nicht, sie lernen es nicht. Da müssen wir grundsätzlich umdenken. Im Systemischen schaut man
immer das Ganze an. Aber die schauen nur individuell, das Kind benimmt sich abnormal, das muss
bestraft werden. Das muss normiert werden.

[01:03:18.320] – Dr.med. Ursula Davatz
In Ostländern hat man die Leute dann in die Psychiatrie eingesperrt, die nicht nach den Regeln
funktioniert haben. Wir sind nicht ganz so schlimm, aber die Tendenz ist da, dass man immer das
Individuum anpassen will an die Gesellschaft. Wenn ich dann wieder zu den Tieren wechsle, wenn man
ein Tier dressieren will, dann kann man das nie dressieren, wenn man es nicht kennt, wenn man seine
Eigenschaften nicht kennt, wenn man nicht auf diese Eigenschaften eingeht. Dann hat man keinen Erfolg.
Aber bei den Menschen denken wir, man könnte alle nach dem gleichen Stil dressieren. Und das
funktioniert einfach nicht.

[01:04:02.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man das wieder erwecken, in diesem Schulumfeld. Ich weiss ihre Absicht, und ja, sie müssen
sozialisieren, aber gewisse Menschen, gewisse Kinder, gewisse Individuen, die brauchen eine
sorgfältigere Sozialisierung. Und da muss man lieber ein bisschen länger machen, sodass man es nicht
kaputt macht und nachher kann man es dann sehr wohl, ich sage jetzt dressieren, also sozialisieren. Und
das läuft ja nur über Beziehung, also man muss den Eltern helfen, Beziehung zu dem Kindern
herzustellen, man muss den Lehrern helfen, Beziehung zu dem Kind herzustellen. Wenn die Beziehung
mal funktioniert, dann fressen sie einem aus der Hand. Dann machen sie alles. Ohne Beziehung keine
Erziehung. Wenn man zu schnell ein Kind sozialisieren und anpassen will an die Gesellschaft, dann
verlieren wir es einfach. Alle autistischen Kinder sind hochsensibel auf Beziehungen, auf Fehler, die man
macht in der Beziehung, wo man sie übergeht, unterdrückt und nicht beachtet. Da muss man zuerst zwei
Stufen zurück und dann sorgfältig die Beziehung herstellen, wie der Petit Prince das macht und dann
kann man beginnen zu sozialisieren. Die gehen ja dann so weit, dass sie wahnsinnig aggressiv werden,
alles zerschlagen und so, dann sagt man, das ist böse. Da hat es, also ich habe mal ein Buch gelesen,
alles über Autismus, da hat es am Anfang oder Mitte vom letzten Jahrhundert hat man schlimme Dinge
mit den Autisten gemacht, man wollte sie dressieren mit elektrischen Drähten und so. Wie man es mit den
Tieren macht. Auch dort ist es nicht immer so schön. Das ist eine primitive Methode, wo man wirklich
nicht weiterkommt.

[01:06:16.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe jetzt auch einen, ich weiss gar nicht mehr, wer das ist. Der muss jeden Mittwoch Nachmittag
nachsitzen, weil er irgendetwas vergessen hat. Dabei kann er das einfach nicht so gut. Also, der hat als
ADHSler die Vergesslichkeit, also das nicht konzentrieren können, das ist schon ein genügendes
Problem, dann wird er noch bestraft dafür. Mit Bestrafung bringt man den sicher nicht voran. Die
Bestrafung, Belohnungsstrategie ist natürlich noch sehr stark da. Wenn man in der psychiatrischen
Behandlung schaut, die Behandlungen, die offiziell anerkannt werden, ist immer Verhaltenstherapie.
Verhaltenstherapie ist eigentlich Dressur. Also es ist so stark in unserem Denken drin.

[01:07:05.110] – Bemerkung 18
Das kann man ja auch von den Eltern übernehmen. Je mehr das Verhalten des Kindes abweicht, desto
mehr versucht man das Kind zu bestrafen.

[01:07:20.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss man auch den Eltern zeigen, dass diese Methode bei diesem Kind nicht funktioniert. Es ist
eigentlich eine militärische Methode.

Schulverweigerung bei Kindern mit ADHS und Lernstörungen

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

10.9.2020

Schulverweigerung bei Kindern mit AD(H)S und Lernstörungen
Audio

[00:02:16.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüssen zum heutigen Abend.

[00:02:38.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Verstehen alle Schweizerdeutsch? Muss ich nicht auf Hochdeutsch sprechen?

[00:02:45.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes möchte ich meiner großen Freude Ausdruck geben. Vor 62 Jahren war ich genau in diesem
Saal als junge, angehende Kantonsschülerin. Wir wurden hier begrüßt, als die zukünftige Elite von
Kanton Aargau.

[00:03:03.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Damals gab es nur eine einzige Kantonsschule in Kanton Aargau. Darum sind wir aus dem ganzen
Kanton zusammengekommen, das hatte den Vorteil, dass man nachher im ganzen Kanton vernetzt ist.

[00:03:16.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gab noch keine Kantonsschule Baden, noch keine Kantonsschule Wohlen, sondern nur die
Kantonsschule Aarau.

[00:03:24.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ein kleines Kabarett von Franz Kohler gespielt am Schülerabend und ich habe den kleinen
Ententeich gespielt. Der hier unten ist. Er ist noch genau gleich wie hier unten. Es hat mich natürlich sehr
gefreut, dass ich das alles noch antreffe.

[00:03:43.160] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne ist das meine Alma Mater im Gymnasium und es bringt natürlich unheimlich viele
Erinnerungen in mir wieder auf, wenn ich hier rumlaufe, an jeder Ecke ist irgendeine Erinnerung.

[00:03:56.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt gehen wir zum Vortrag.

[00:03:59.240] – Dr.med. Ursula Davatz

Das Thema heisst "Schulbeweigerung bei Kindern mit ADHS" und ich sage ADHS und ADS. Ich nehme
sie auseinander und Lernstörungen.

[00:04:11.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erzieung der Kinder hat zum Ziel, dass die Kinder sozialisiert werden, sodass sie möglichst optimal
auf das Erwachsenenleben vorbereitet sind.

[00:04:26.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere heutige Gesellschaft, es war nicht immer genau gleich, sie ist sehr stark auf Leistung
ausgerichtet, Leistung, die man in der Wirtschaft dann brauchen kann.

[00:04:37.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schüler werden auch getrimmt, in dieser Leistungsgesellschaft zu Gange zu kommen.

[00:04:44.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, die Schule bietet an erster Stelle Normierungsprozesse an, wie man sein muss, dass man
dann erfolgreich ist in der Gesellschaft und möglichst viel Geld verdient.

[00:04:58.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gestern Abend einen Vortrag gehört von Allan Guggenbühl und er hat die Schule sehr kritisch
beleuchtet, aber auch sehr fein.

[00:05:25.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat dann so Fragen gestellt, sind Kinder eigentlich für die Schule da oder ist die Schule für Kinder da?

[00:05:31.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig hat man das Gefühl, die Kinder sind eher für die Schule da. Er hat eine weitere Frage gestellt,
werden Kinder in der Schule gescheiter oder werden sie dümmer?

[00:05:44.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Jürg Jegge hat gesagt Dummheit ist lernbar.

[00:05:56.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt, man kann, wenn die Schule nicht auf das Wesen des Kindes angepasst ist, kann es beim
Kind auslösen, dass es eher dümmer wird, respektive seine Persönlichkeit nicht entwickelt.

[00:06:11.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Drittel läuft normal, ein Drittel läuft schlecht und recht und ein Drittel läuft ganz schlecht.

[00:06:25.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat auch der Allan Guggenbühl gebracht, ein Drittel fällt irgendwie raus und hat Probleme oder läuft
nicht gut in der Schule.

[00:06:35.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben heute Abend das Thema ADHS und Schulverweigerung.

[00:06:40.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder mit ADHS, die passen nicht in den Regelunterricht.

[00:06:45.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe sehr viele Geschichten, wie sich die Lehrer die Zähne und das Gehirn an den Kindern
ausbeissen, wie diese Kinder aus den Schulen rausgenommen werden und in Privatschulen, in Heime
gesteckt werden.

[00:07:01.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich etwas zum ADHS sage, sage ich als Ärztin, dass es keine Krankheit ist. ADHS ist eine
spezifische Persönlichkeit, die genetisch vererbt ist.

[00:07:19.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das weiss man unter dessen auch, dass ADHS in ganz vielen Varianten vorkommt.

[00:07:24.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Im medizinischen System wird es nach wie vor als Krankheit behandelt, damit die Krankenkassen zahlen.
Oft entstehen Folgekrankheiten.

[00:07:32.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ADS und das ADHS sind aus meiner Sicht keine Krankheiten.

[00:07:41.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist das psychische Zustandsbild. Ich darf jetzt nicht sagen Krankenheitsbild, die Persönlichkeit, die am
meisten genetisch bestimmt ist.

[00:07:54.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum passen die ADS und ADHS Kinder nicht so gut in das Schulsystem?

[00:07:59.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme nur ein paar spezifische Persönlichkeitseigenschaften heraus.

[00:08:07.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Sowohl die ADHS Kinder wie auch die ADS Kinder haben Probleme mit Impulskontrollen.

[00:08:16.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, sie können ihre Emotionen nicht so gut steuern.

[00:08:21.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den ADHS Kindern geht der Impuls dann nach aussen, sie reden rein, sie stören den Unterricht, wenn
ihnen etwas in den Sinn kommt, sagen sie es sofort, ohne auszustrecken, sie fallen dem Lehrer ins Wort.

[00:08:30.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es ihnen in der Stunde langweilig ist, fangen sie ihren Nachbarn an zu stören. Man muss ja
irgendwie Unterhaltung haben.

[00:08:43.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das freut dann die Lehrerinnen und Lehrer nicht so.

[00:08:47.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf dem Pausenplatz verwickeln sie sich oft in Streitigkeiten.

[00:08:55.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt, Familien mit ADHS und es läuft in der Familie, haben mehr Beziehungsabbrüche,
Scheidungen, Stellenwechsel etc.

[00:09:05.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Konflikte werden oft mit Aggression und wenn es nicht mehr weitergeht mit der Aggression, dann mit
Beziehungsabbruch gelöst.

[00:09:16.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Schulsystem reagiert auf das impulsive, unkontrollierte Verhalten mit Bestrafung.

[00:09:24.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn allzu viel Bestrafung passiert, dann hat das Kind schlussendlich genug. Es verweigert die Schule,
es geht nicht mehr in die Schule. Oder es wird von der Schule ausgeschlossen und es heisst, es ist nicht
beschulbar, das muss in eine Institution.

[00:09:45.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Carlos, der durch alle Zeitungen geschleift wurde, wo man jetzt ein extra Gefängnis für ihn baut, ist
aus meiner Sicht ein 100% ADHS Kind, das man nicht sehr geschickt behandelt hat. Man hat ihn
eingesperrt, weiss Gott nicht was alles und man sieht das Resultat, was rausgekommen ist.

[00:10:05.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Justizsystem ist nicht in der Lage, mit denen umzugehen.

[00:10:08.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Methoden, die sie anwenden, sind genau die Methoden, die ich sage, dürfen wir nicht anwenden bei
ADHS Kindern.

[00:10:14.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es dann schon mal so weit gelaufen ist, wird es schwierig.

[00:10:19.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die schlechte Impulskontrolle, ein ganz kleines Kind, hat auch noch keine Impulskontrolle, aber bei den
ADHS Kindern kommt die Impulskontrollte verspätet und ist nie so gut wie bei den anderen Kindern.

[00:10:35.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sie weiter haben, und eigentlich müsste ich das vorhin schon sagen, ist eine hohe Sensibilität. Sie
sind sehr empfindlich, sie nehmen alles wahr. Wenn ich eine Mutter frage, welches Kind merkt zuerst,
wenn es ihnen schlecht geht, sagt sie immer, es sei das ADHS Kind.

[00:10:50.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie nehmen alles wahr. Wenn man gegen sie vorgeht, wenn man sie kritisiert, schockiert oder etwas sagt,
was ihnen nicht passt, dann werden sie aggressiv.

[00:11:05.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihre hohe Sensibilität führt dann zu einer hohen Reaktivität und zu einer aggressiven Abwehr.

[00:11:12.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber es ist vorne dran immer eine Verletzung. Die sieht man meistens nicht, man sieht nur die
Aggressivität und auf die wird reagiert.

[00:11:20.520] – Dr.med. Ursula Davatz

Wie es entstanden ist, das schaut man nicht so genau an. Man will sie gleich wieder zum konformen
Verhalten bringen.

[00:11:28.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein weiteres Symptom ist ihre Ablenkbarkeit.

[00:11:33.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind ablenkbar ist, lernt es nicht genug.

[00:11:39.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind dann ablenkbar, wenn der Lehrer nicht interessant genug berichtet. Wenn er zu langfädig ist oder
wenn es langweilig ist, dann holen sie sich von anderen Seiten wieder Aufmerksamkeit, Stimulation.

[00:11:56.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Allan Guggenbühl hat auch gesagt, dass die leichte Ablenkbarkeit eine versteckte oder vergessene
Klugheit.

[00:12:07.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ablenkbarkeit ist eine Offenheit.

[00:12:10.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es langweilig ist, muss man schauen, was sonst noch läuft auf dieser Welt und sich mit dem
beschäftigen.

[00:12:19.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ablenkbarkeit ist auch Sensibilität.

[00:12:25.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie nehmen viel mehr war als ein Durchschnittsmensch wahrnimmt.

[00:12:26.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lehrer und die Lehrerin wollen ihr Program durchbringen und dann stört die Ablenkbarkeit.

[00:12:39.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich müssten wir allen Lehrer und Lehrerinnen sagen, wenn ihre Kinder nicht aufpassen, dann
müssen sie ihren Unterricht etwas interessanter gestalten.

[00:12:50.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist einfacher gesagt als gemacht.

[00:12:51.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Zudem haben die Kinder natürlich so viel Ablenkbarkeit, also von den interessanten Videospielen usw.

[00:12:59.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lehrer hat heutzutage viel mehr Konkurrenz als früher.

[00:13:06.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann auch gefragt, was er macht, wenn die Kinder Videospiele spielen und die interessanter
sind als die Schule?

[00:13:14.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss schauen, was in den Videospielen gemacht wird und dann muss man ein interessanteres Spiel
machen.

[00:13:22.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das ist möglich, denn die sind alle gleich programmiert.

[00:13:31.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo es langweilig wird, verkaufen sich viele als Clowns in der Klasse.

[00:13:39.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich lustig, denn dann haben sie die Aufmerksamkeit und sind die Konkurrenz zum Lehrer.
Der Lehrer hat aber nicht so Freude.

[00:13:45.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gab eine Klasse, die nur Scheiss gemacht hat, nicht aufpasste. Alle Lehrer hatten ein Burnout.

[00:14:03.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich hat die Schulpflege einen pensionierten Lehrer wieder reingeholt und der ist dann zum
Lehrer Pult gesessen.

[00:14:12.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben die Kinder alles durcheinander gemacht, Dinge aus dem Fenster geworfen, er sass einfach am
Pult und hat Zeitung gelesen.

[00:14:20.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht diszipliniert.

[00:14:23.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Am zweiten Tag hat er ein Buch gelesen und die Kinder haben wieder lauter Scheiss gemacht.

[00:14:28.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich kam eines der Kinder und hat gefragt, wann er endlich mit dem Unterricht beginnen
würde.

[00:14:35.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann waren die Kinder bereit.

[00:14:37.080] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne, nicht jeder kann sich das natürlich leisten.

[00:14:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man andere Verhaltensweisen an den Tag legt, dann kann man den Teufelskreis unterbrechen und
dann kommt der intrinsische Lernwillen, das heisst der Lernwillen, der von innen kommt.

[00:15:02.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Prinzipiell sind an sich alle Kinder lernwillig, lernbegierig. Sie wollen eigentlich lernen, aber man bietet es
halt nicht jedem Kind nach seiner Art an.

[00:15:14.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die braven Kinder, die nicht so wild sind, die machen da mit, aber ADHS Kinder, die haben Probleme.

[00:15:23.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo sie dann immer bestraft werden, eine gelbe oder rote Karten bekommen und dann
ständig bestraft werden, mit der Zeit verleidet ihnen die Schule und dann verweigern sie die Schule.

[00:15:40.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben wir die Schulverweigerung.

[00:15:40.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt noch schnell zu den Kindern mit ADS.

[00:15:48.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Das H steht für Hyperkinese, also starke Aktivität.

[00:15:53.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder mit ADS sind genau gleich sensibel, manchmal noch sensibler.

[00:15:59.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute würde man sie unter hochsensibel darstellen.

[00:16:02.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ADS Kinder abgelenkt werden, gehen sie eher nach innen.

[00:16:09.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie versinken in Träumen, sie schauen zum Fenster. Sie können sich innerlich eine ganze Geschichte
erzählen und verpassen den ganzen Unterricht.

[00:16:21.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer merken das oft nicht, weil sie nicht stören.

[00:16:28.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die mit H, also die ADHSler stören, aber die, die träumen, abschweifen, die schlafen irgendwo, respektive
wandern in die Träume ab und die verpassen dann den Unterricht.

[00:16:42.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die hängen wieder ein, das ist bei den ADHSler und ADSler so, wenn sie ihr Ding finden, das was sie
interessiert, dann können sie hyperfokussiert sein und dann hängen sie sich ein und dann arbeiten sie.

[00:17:03.680] – Dr.med. Ursula Davatz
ADS Kinder können wegen ihrer Sensibilität, können auch sehr schüchtern sein.

[00:17:15.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADS Kinder haben aber mehr Angst vor neuen Situationen. Eine neue Situation ist am Anfang der
Schule.

[00:17:24.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich jetzt eine Mädchen, die zur Schule gehen soll und die weigert sich schon am ersten Tag.

[00:17:31.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat dann die Lehrerin gesagt? Man soll sie einfach einsperren, damit sie nicht wegrennen kann.
Absolut falsch aus meiner Sicht.

[00:17:40.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht Angst. Wenn man solche Massnahmen, so vergewaltigende Massnahmen bei den Kindern
ergreift, dann haben sie oft ewig eine Schulverweigerung. Dann bringt man sie nie mehr richtig in die
Schule.

[00:17:56.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind oft pädagogische Massnahmen.

[00:17:58.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte gerade eine Lehrerin die das gesagt hat und ich habe dann zur Mutter gesagt, nein, das darf
man nicht machen darf.

[00:18:06.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss das Kind langsam in die Schule führen können. Man muss herausfinden und bei jedem Kind
ist wieder eine andere Situation, wie man es an die Schule angewöhnen kann.

[00:18:17.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal müssen die Mütter noch länger bleiben und dann macht man den Müttern immer Vorwürfe,
dass sie die Kinder nicht loslassen. Das ist manchmal so, aber es muss nicht so sein.

[00:18:30.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter muss als Übergangsbegleiter, wie beim Stafettenlauf, eine Zeit lang mitgehen, bis sich das
Kind wohl fühlt.

[00:18:40.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Als das Kind die Schule verweigert hat, das war nicht ein Erstklassler, das war schon in 5. Klasse oder
so, da habe ich dann gesagt, der Lehrer müsse nach Hause kommen und eine Beziehung zu dem Kind
herstellen.

[00:18:55.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat das gemacht, er ist mit dem Kind ins Zimmer gegangen, sie konnte ihm zeigen, was sie hat, und
so wurde eine Beziehung hergestellt und dann ging sie wieder in die Schule.

[00:19:08.720] – Dr.med. Ursula Davatz

Am Montag ging sie wieder nicht in die Schule, weil dort die Heilpädagogin war.

[00:19:16.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Nichts gegen Heilpädagogen, ich kenne gute Heilpädagogen.

[00:19:20.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Problem der Heilpädagogen im jetzigen Schulsystem, die müssen sich spezifisch auf das Kind
beziehen. Dadurch wird das Kind aus der Gruppe herausgehoben. Dadurch wird es vielleicht wieder von
den anderen gehänselt und wird anders behandelt als die anderen.

[00:19:37.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das mögen die meisten Kinder nicht. Die Kinder wollen ja im Gruppenverband sein.

[00:19:43.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat immer nur am Montag verweigert, weil die Heilpädagogin dort war.

[00:19:49.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat gesagt, sie stelle so blöde Fragen oder geht so fest auf mich ein. Das hatte sie gar nicht gerne.

[00:19:58.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein weiterer Punkt, Lernstörungen.

[00:20:04.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss nicht genau, wie es zusammenhängt, aber viele von den ADHS Kindern haben Lernstörungen.

[00:20:09.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die bekannten Lernstörungen sind Lese- und Rechtschreibestörung, Legasthenie und Dyskalkulie.

[00:20:19.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch Störungen im finmotorischen Bereich, die sind dann nicht gut in der Handarbeit und im
Werkunterricht.

[00:20:29.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Störungen im grobmotorischen Bereich, also Hand, Auge, Koordination.

[00:20:36.880] – Dr.med. Ursula Davatz

Gewisse können sie sehr gut sein im feinmotorischen Bereich und schlecht im grobmotorischen Bereich
und umgekehrt.

[00:20:41.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Gut im Fussballspiel, aber schlecht im handwerklichen Bereich.

[00:20:46.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gibt es die auditive Diskriminierungsstörung.

[00:20:49.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist früher noch mehr gesagt worden, heute reden wir nicht mehr so viel davon, aber es gibt sicher
einige.

[00:20:55.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte selber eine Lehrerin als Therapeutin, als Erwachsene Person. Die Person hat gesagt, sie konnte
lesen, aber sie hat gar nichts verstanden. Einfach nichts verstanden. Da ist im Hirn etwas anderes. Da
wird von den Lauten, die man selber macht, vom Schriftbild, das man macht, man kann das lesen, man
kann es aussprechen, aber es wird nicht rüber transportiert ins kognitive Hirn.

[00:21:20.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der auditiven Diskriminierungsstörung, wenn die Kinder dann noch eine Mutter, einen Vater oder eine
Lehrerin haben, die ganz fest auf sie einschwatzen, die ersten vier Wörter bleiben hängen und der Rest
geht verloren.

[00:21:35.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum sagt man, man darf ihnen nur einen Befehl auf einmal geben und nie viele und nacheinander und
nur in einem kurzen Satz.

[00:21:45.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Erwachsenen, die ja alle so intelligent sind, haben dann oft die Tendenz, dass man sagt, man muss
das und dann erklärt man und erklärt man und erklärt man und macht so einen Overkill.

[00:22:00.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Also am Schluss hört das Kind gar nichts mehr.

[00:22:02.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat den Kindern Spiele gegeben und man hat drei Kategorien gemacht.

[00:22:07.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der ersten Gruppe hat man alles erklärt und dann haben die Kinder damit gespielt. Bei der zweiten
Gruppe hat man halb erklärt und gesagt, mach weiter. Bei der dritten Gruppe hat man das Spiel nur
abgegeben und gesagt du kannst damit machen, was du willst.

[00:22:23.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der dritten Gruppe, in der man gar nichts erklärt hat, haben die Kinder am längsten damit gespielt.

[00:22:31.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das zeigt genau, dass Kinder neugierig sind, lernbegierig sind und dass sie herausfinden wollen. Sie sind
alles kleine Erfinder.

[00:22:45.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil haben sie auch eine andere Warnehmung, auch sensorisch.

[00:22:48.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Da erzählen die Mütter, sie ertragen kein Wollen auf der Haut. Vom Geschmack her essen sie nur eine
einzige Salatsauce, Nudeln und Butter und sonst nichts.

[00:23:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte so einen. Da hat man Angst, dass sie werden nicht richtig ernährt.

[00:23:06.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat Untersuchungen gemacht mit Kindern, die ganz verschiedene Diäten zu sich genommen haben.
Es gab keine Mangelerscheinung.

[00:23:20.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss nicht, wie das passiert ist, irgendwie sind sie zu ihrer Ernährung gekommen.

[00:23:22.620] – Dr.med. Ursula Davatz
In unserer Schule zählt immer noch Schreiben und Rechnen.

[00:23:30.430] – Dr.med. Ursula Davatz
In den englischen Schulen zählt Sport und in den amerikanischen auch viel.

[00:23:37.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei uns muss man lesen und rechnen können.

[00:23:41.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man in einem oder in beiden Gebieten schlecht ist, ist man einfach ein dummer Schüler.

[00:23:48.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann die Kinder halt eben diese Lese und Rechtschreibungsstörung haben und dann im Diktat auf
einer Seite 40 Fehler oder mehr haben, alles ist rot, dann ist das ein Problem.

[00:24:00.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen Erwachsenen, und der hatte eine Legasthenie, also Lese- und Rechtschreibestörung.

[00:24:13.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lehrer, das ist jetzt schon ein paar Jahre her, aber es hätte auch dort nicht sein sollen, hat der Lehrer
den Schüler vor die Klasse genommen und ihn beschämt.

[00:24:25.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihn fertig gemacht, was er für viele Fehler hat.

[00:24:28.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Schüler wurde dann drogensüchtig. Wir wollten ihn in eine Leere reinbringen, praktisch hat er gut
geschafft, aber in die Schule haben wir ihn nicht mehr gebracht.

[00:24:43.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeden Morgen ist es ihm schlecht geworden. Er hat die ganze Nacht nicht geschlafen und wollte um alles
in der Welt nicht mehr in die Schule gehen.

[00:24:51.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beschämung war etwas vom Schlimmsten.

[00:24:54.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Beschämung kann man verwenden, wenn man Ausweichverhalten einem Kind oder einem Erwachsenen
beibringen will.

[00:25:04.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Eskimo machen das, wenn ein Kind im Frühling aufs Eis geht, wo man eigentlich nicht mehr aufs Eis
gehen sollte, denn das Eis könnte dann einbrechen.

[00:25:14.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ruft man die ganze Gemeinschaft zusammen und lacht das Kind öffentlich aus.

[00:25:20.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind geht nie mehr aufs Eis im Frühling. Das will man dort erreichen.

[00:25:25.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ein Schulkind beschämt in Schule, dann geht es nie mehr zur Schule.

[00:25:30.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ja nicht das, was man will. Das wäre eine negative Pädagogik, eine negative Motivierung, die
nicht funktioniert.

[00:25:40.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird aber dennoch häufig von Eltern, vom Lehrer kann man nicht genau sagen, aber es wird noch
häufig gemacht.

[00:25:48.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man meint, wenn man dem Kind aufzeigt, wie schlecht es ist, das würde es im Ehrgeiz motivieren,
dass es dann mehr lernt.

[00:25:56.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Das funktioniert nicht.

[00:26:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder können, und das sind oft Mädchen, ich habe eine 50jährige Patientin, die ist ganz sicher eine ADS
Kind, also eine Frau.

[00:26:13.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man schlecht ist in der Motorik, in der Koordination schlecht im Ball spielen. Früher ist das immer
so gemacht worden, es wird zum Teil auch heute noch gemacht, dass die Captains die Mannschaft
wählen dürfen.

[00:26:26.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst werden alle Guten gewählt und am Schluss werden die Schlechten gewählt.

[00:26:32.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann werden die, die motorisch schlecht sind, immer am Schluss gewählt.

[00:26:37.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sich nicht vorstellen, wie fest sich diese genieren.

[00:26:41.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn es keine schlechte Note gibt, sozial ist das so diskriminierend.

[00:26:47.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum ist das Wählen nach dem Besten, da sind wir wieder bei unserer Leistungsgesellschaft, keine gute
Methode, um die Kinder zu integrieren und mitzunehmen.

[00:27:00.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beschämung ist ein ganz schlimmes Gefühl.

[00:27:07.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage immer, die Beschämung wird verwendet, Scham und Schuld sind nahe beieinander.

[00:27:15.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird an sich verwendet, um das Individuum zur Gruppe zu normieren.

[00:27:25.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Kinder sind nicht so leicht normierbar und dann werden sie nur aus der Gruppe ausgeschlossen.

[00:27:33.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nur, wenn man will, dass sie etwas nicht mehr machen die Kinder beschämen, so wie es die
Eskimos machen. Das ist sehr sehr selten.

[00:27:39.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir unsere Schulverweigerer haben, ich habe ein Kind, das ist zwei Jahre nicht in die Schule
gegangen. Das ist ein ADS Kind, und die hat man nie mehr richtig in die Schule gebracht. Ich denke, alle
Methoden, die man angewendet hat, haben einfach nicht funktioniert.

[00:28:09.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo ein Kind die Schule verweigert, stehen die Eltern vor einem Problem.

[00:28:15.760] – Dr.med. Ursula Davatz
In unserem Land ist die Schulpflicht gesetzlich verankert.

[00:28:21.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind nicht in die Schule geht, aus Scheuheit, weil es beschämt wurde oder weil es gemobbt
wurde. Das kann es auch geben.

[00:28:31.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Dunkelhäutige, die zum Beispiel gemobbt wurden. Wenn sie nicht ganz brilliant sind in der
Schule, dann fallen sie schnell unten raus.

[00:28:44.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo das Kind nicht in die Schule geht, kommen die Eltern unter Druck, dann fangen sie an,
Druck auf das Kind aufzusetzen.

[00:28:54.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt man in einen Teufelskreis.

[00:28:56.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Je mehr man Druck auf das Kind aufsetzt, umso weniger bringt man das Kind in die Schule.

[00:29:02.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das vergleiche ich die ADHS Schüler mit Eseln.

[00:29:05.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Eseln kann man auch nicht zu etwas zwingen.

[00:29:07.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ihnen Zeit lassen, bis sie mitmachen.

[00:29:10.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Je mehr die Eltern verzweifelt sind und Druck aufsetzen, umso weniger geht das Kind in die Schule.

[00:29:17.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn, die Kinder sind ja alle hochsensibel, die merken die Nervosität der Mutter und dann funktioniert gar
nichts mehr.

[00:29:26.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ein Beispiel von einem jungen Bub, acht Jahre alt war er. Er ging zu einer Lehrerin und die hat
ein bisschen laut gesprochen. Es war eine Deutsche, das ist nichts gegen Deutsche, aber er war sehr
sensibel und hat das nicht ertragen.

[00:29:47.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist er abgehauen, nach Hause gegangen und hat gesagt, er erträgt das nicht.

[00:29:59.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, er hat sich dann falsch verhalten.

[00:30:01.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schule hat mit der Mutter Kontakt aufgenommen und irgendwie hat das alles nicht geklappt.

[00:30:08.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kindergärtnerin von diesem Jungen hat gesagt, dass er bei ihr auch immer davon gerannt ist, aber
dass er immer wieder gekommen ist.

[00:30:15.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat es gemacht, wie der Lehrer, der Zeitung gelesen hat, sie hat gewartet, bis er wieder kommt.

[00:30:25.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrerin hat das nicht gemacht, sie hat gleich die nächste Massnahme eingeleitet.

[00:30:26.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich ging alles zum KESB und schlussendlich wurde der Junge mit der Polizei von zu Hause
abgeholt und in ein Heim gesteckt.

[00:30:35.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war schon da, aber konnte es nicht mehr verhindern.

[00:30:38.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, die Mutter hat es vielleicht nicht alles ganz gut gemacht, aber er hätte nicht in ein Heim gehen
müssen.

[00:30:44.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Es war ein intelligenter Junge.

[00:30:46.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kommunikation zwischen Schule, Lehrerin und Mutter hat nicht funktioniert.

[00:30:53.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind war das, was weggesperrt wurde.

[00:30:58.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Das andere Mädchen, das habe ich schon erzählt, die ist auch eine ganz Scheue.

[00:31:02.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwie hat man nie den Anschluss in der Klasse gefunden. Man hat nicht herausgefunden, wie und
was und schlussendlich hat man dann eine Sonderbewilligung gemacht, dass sie in einem Heim in die
Schule muss aber immer noch zuhause schlafen darf.

[00:31:22.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wurde jeden Tag von den Eltern hochchauffiert.

[00:31:25.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat sie im Heim gemacht? Sie ist dort auch nicht in die Schule gegangen. Sie ist vor der Türe
gesessen. Riesenaufwand, viel Geld, kein Resultat.

[00:31:38.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein anderes Kind, das hat sich an einem Sporttag sehr angestrengt und hat dann ein anstrengendes
Asthma gemacht. Das löst Angst aus.

[00:31:53.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Angst, die sie dann hatte, hat sich auf den Schulort übertragen. Die hat dann auch die Schule
verweigert.

[00:32:02.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie war dann vier Wochen lang im Kantonspilal Aarau. Die Mutter musste im Zimmer übernachten.

[00:32:07.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort habe ich geholfen, sie nach der Sportferien wieder in die Schule einzugliedern.

[00:32:13.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben das alles versprochen, wie und was vorgehen und sie ist wieder in die Schule.

[00:32:19.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Wiedereinstieg muss immer zusammen mit den Eltern, der Schule und dem Lehrer gemacht werden.

[00:32:27.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen BEZ Schüler, der war wahrscheinlich auch ein ADS Kind, sehr sensibel, der ist aber
immer davon gerannt.

[00:32:37.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben wir eine Sitzung gemacht mit den Eltern, ohne den jungen, der Klassenlehrerin und dem
Schulleiter. Ich hatte die Idee, dass jedes Kind der Klasse diesen Jungen eine Woche lang begleiten
muss, als Begleiter.

[00:32:56.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Er darf ihn beschützen von den Übergriffen der anderen. Er darf ihm aber auch sagen, dass er sich nicht
so gut benommen hat. Also er darf ihm auch ein wenig Rat geben.

[00:33:08.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mädchen haben das zuerst gemacht, die sind sozial oft schon etwas weiter. Man hat die ganze
Klasse durchgemacht, alle Mädchen, alle Buben und das hat bestens funktioniert. Er ist so wieder in die
Schule eingegliedert worden.

[00:33:21.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Einmal ist er wieder davon gerannt, das war in dem Moment, als er am Turnen war und ein Mädchen ihn
hätte begleiten sollen.

[00:33:33.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind die Jungen und die Mädchen schon von einander getrennt gewesen.

[00:33:36.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur die Jungs im Turnen. Dann konnte das Mädchen nicht mitgehen.

[00:33:46.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat seine Bez fertig gemacht, er hat etwas gelernt und er ist ab und zu noch zu dieser Lehrerin
zurückgekommen, um zu sagen, wie es ihm geht.

[00:33:56.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat mich dann der Schulleiter gefragt, ob ich das schon manchmal so gemacht habe. Ich habe gesagt,
nein, das ist mir einfach hier in den Sinn gekommen.

[00:34:04.000] – Dr.med. Ursula Davatz

Bei jedem Kind muss man es wieder anders machen, in jeder Situation. Es gibt keine Grenze für die
Kreativität, die man miteinander herausfinden muss.

[00:34:14.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein anderes Kind hatte ich in der vierten Klasse. Ein sehr wildes ADHS Kind. In der Privatschule sind sie
zu viert oder das fünft auf ihn drauf gesessen und es hat immer noch nicht geklappt.

[00:34:28.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich gesagt, aus der Schule rausnehmen, Schuldispens. Als Ärztin konnte ich das.

[00:34:38.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann mit der Mutter ein Programm gemacht. Er musste Esel führen, Hunde spazieren führen,
das Mittagessen kochen.

[00:34:45.010] – Dr.med. Ursula Davatz
In den Sommerferien haben wir ein Meeting gemacht, ich habe der Schulpflege angerufen und gefragt,
welcher Lehrer für diesen Jungen in Frage kommen könnte.

[00:34:54.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat mir einen Lehrer angegeben, ich habe mit ihm Kontakt aufgenommen, ich habe mit dem Lehrer
und der Familie, Vater und Mutter waren geschieden, haben aber zusammengearbeitet, eine Sitzung
abgemacht und dort war der Junge natürlich dabei.

[00:35:10.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann konnte der Junge den Lehrer kennenlernen und die haben dann ein bisschen abgemacht.

[00:35:13.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Junge kam in die zweite Klasse zu diesem Lehrer, er hat die Schule durchgemacht, hat eine Lehre
gemacht, im KV und ist wieder in die Schule gegangen.

[00:35:22.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir mussten ein individuelles Programm ausarbeiten, damit das funktioniert.

[00:35:30.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo man Schulverweigerung hat, nicht einfach das Kind wieder in die Schule
zurückzustoßen, nicht bestrafen, nicht die Eltern bestrafen, sondern herausfinden, warum das Kind die
Schule verweigert.

[00:35:48.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das Gefühl hat, man hat herausgefunden, warum das Kind die Schule verweigert, dann muss
man schauen, ob man das beseitigen kann oder wie man das überführen kann.

[00:35:59.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal verweigern die Kinder auch die Schule weg Mobbing.

[00:36:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich beraten, wer das Kind als Freundin nehmen könnte, sodass es immer einen Begleiter hat
und mit der Zeit dann wieder andere Mädchen dazu nehmen kann.

[00:36:16.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer das Umfeld anschauen und schauen, wie man das verändern kann, sodass das Kind
wieder in der Lage ist, in die Schule zu gehen.

[00:36:29.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht einfach auf das Kind loszugehen.

[00:36:32.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit Druck funktioniert gar nichts. Man muss es eher locken.

[00:36:37.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele Psychiatriepatienten beruflich wieder rehabilitiert.

[00:36:45.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe immer gesagt, man muss locken und nicht stossen.

[00:36:49.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit Stossen geht gar nichts.

[00:36:52.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einige Schulverweigerer in der Kantonsschule Baden gehabt, die schon älter waren.

[00:37:03.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Einer der Lehrer hat das herausgefunden und mir immer wieder jemanden geschickt, wenn etwas nicht
gegangen ist.

[00:37:11.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe die Eltern eingeladen.

[00:37:14.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein Prinzip war immer, dass der Vater das Kind zwei Wochen lang in der Schule begleiten muss.

[00:37:25.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine ganz sensible, intelligente Schülerin wurde vom Vater begleitet.

[00:37:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gesagt, er müsse sie begleiten, danach kann er wieder gehen und muss nicht in der Schule
bleiben.

[00:37:36.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie es nicht aushält, darf sie sogar wieder davonlaufen.

[00:37:39.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie war so sensibel, sie hat zum Teil die Klasse nicht ausgehalten.

[00:37:45.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie das bei den ADS Kindern oder auch ADHS Kindern ist, wenn sie es nicht mehr aushalten, müssen
sie flüchten.

[00:37:54.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Mädchen hat dann eine Matur gemacht, die hat Mathematik studiert und doktoriert jetzt.

[00:38:02.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hätte auch falsch laufen können, man hätte das Mädchen auf Königsfelden tun können und
psychiatrisch behandeln und sie wäre vielleicht nie mehr daraus herausgekommen.

[00:38:11.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht darum, dass man das Umfeld so gestaltet, die Ressourcen heraus holt, die dem Kind am besten
helfen, damit es wieder in die Schule gehen kann.

[00:38:24.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Da man ADHS immer noch als Krankheit anschaut und an erster Stelle nur die Aufmerksamkeitsstörung
behandelt, aber nicht so fest Sensibilität und alles andere.

[00:38:39.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt man Ritalin und andere Amphetamine.

[00:38:43.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese bewirken schon, dass sie sich in diesem Moment besser fokussieren können.

[00:38:49.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle ADHS und ADS Kinder sagen, ich bin dann auch nicht mehr so kreativ.

[00:38:55.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Die weit schweifende Aufmerksamkeit, die Allan Guggenbühl als intelligent oder sensibel angeschaut hat,
geht weg.

[00:39:08.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Man macht die Kinder mit diesen Medikamenten stromlinienförmig, damit sie in unser System passen.

[00:39:13.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Man macht ihre Persönlichkeit kaputt oder mindestens schränkt man sie ein.

[00:39:22.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage als Spruch zu Eltern von ADHS Kindern und auch Lehrern: man kann ADHS Kinder totschlagen
und sie folgen immer noch nicht.

[00:39:30.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem möchte ich zeigen, wie verzweifelt man mit diesen Kindern werden kann. Das bringt es nicht.

[00:39:37.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Bestrafen, damit sie dann das machen, was man will, funktioniert nicht.

[00:39:46.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sie eher mit Vorbildern, mit Ziehen, mit Führen, mit interessanten Ideen ändern.

[00:39:54.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss Kreativität haben, um sie mitnehmen zu können.

[00:39:59.280] – Dr.med. Ursula Davatz

Prof. Margrit Stamm sagt, 20% der Schüler fallen raus und das Schulsystem kommt mit denen nicht zu
Gange.

[00:40:19.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Allan Guggenbühl sagt 30%.

[00:40:19.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Menschen mit ihrer speziellen Persönlichkeit nicht richtig gehandhabt werden, nicht
persönlichkeitsgerecht gehandhabt werden, dann kosten sie unheimlich Reparaturkosten.

[00:40:45.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nur psychiatrische, medizinische Reparaturkosten, auch somatische.

[00:40:50.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe sehr viele ADHSler im Erwachsenenalter, die dann alle möglichen Krankheiten haben und auch
viele von diesen landen schlussendlich in Gefängnis.

[00:41:00.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her lohnt es sich natürlich, früher einzugreifen und wirklich zu investieren.

[00:41:08.170] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn, dass man versucht, diese Kinder persönlichkeitsgerecht zu behandeln.

[00:41:15.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Lieber mal nichts machen, als etwas falsch zu machen.

[00:41:19.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie der Lehrer das gemacht hat, der pensionierte, ist einfach hingesessen und hat es sich nicht beirren
lassen.

[00:41:25.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sind die Kinder runtergekommen.

[00:41:26.880] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne würde es sich lohnen, früh das Umfeld zu beraten, sodass es besser umgehen kann mit
den ADHS Kindern.

[00:41:37.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Die HOTA, die Institution, die wir heute hier vertreten, das heisst ja Home Treatment Aargau.

[00:41:44.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mitarbeiter der Hota gehen zu den Familien nach Hause.

[00:41:47.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie helfen die Eltern zu beraten, wie umgehen mit den Kindern und sie sind auch bereit in die Schule zu
gehen oder vielleicht einmal zu beobachten.

[00:41:57.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Dem Umfeld ein Know-How mitgeben, dass das Kind eine bessere Entwicklung machen kann, dass es
überhaupt eine Entwicklung machen kann und nicht einen Entwicklungsstillstand macht.

[00:42:10.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man zu den Kindern nach Hause geht, oftmals haben die Mütter keine Zeit, um ins Büro zum
Psychiater zu gehen etc. kommt man diesen Familien entgegen.

[00:42:28.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem Hometreatment werden sie auch nicht unbedingt unter einem medizinischen Modell behandelt.

[00:42:36.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss das Kind nicht als krank darstellen und jetzt muss das Kind repariert werden, sondern das
System ist einfach leidend.

[00:42:43.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind ist leidend, die Eltern sind leidend, es leiden alle, da kann man dann helfen, wie man das
System umstrukturieren kann.

[00:42:52.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nach Hause geht, sieht man viel schneller, wie die Sache läuft, als wenn die Leute zu einem
ins Büro kommen.

[00:43:02.660] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne kann nur dafür plädieren, dass man das Umfeld unterstützt.

[00:43:09.740] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn Fälle passieren, sowohl bei Eltern als auch bei Lehrern, ist das nicht Bösartigkeit von den Eltern
und den Lehrern.

[00:43:18.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist das Nichtwissen.

[00:43:19.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es ist ganz, ganz wichtig, dass man im Umfeld ein Know-How gibt und nicht nur das Kind
diagnostiziert und isoliert behandelt.

[00:43:32.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage: Die Gene legen den Grundstein, das Umfeld bestimmt die Krankheit.

[00:43:51.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin gerade dran, ein Buch zu lesen über Epigenetik.

[00:43:56.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mikrobiologen, die lachen heute selber darüber, was sie für eine lineare Vorstellungen hatten.

[00:44:03.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier haben wir Gene und dort haben wir Krankheiten.

[00:44:06.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Genforschung ist heute gross im Trend, aber es herrscht immer noch die eindimensionale
Vorstellung.

[00:44:13.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben hier die und die Aminosäuren und die Genen und man könnte bei den Genen gleich die
Krankheit feststellen.

[00:44:19.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dazwischen ist ganz viel Steuerung von der Natur und da gehört das Umfeld natürlich dazu.

[00:44:29.860] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Evolutionstheorie hat man es von der Vererbung gehabt und LJean-Baptiste de Lamarck hat
gesagt, erfahrene Eigenschaften können sich auch in den Genen niederschlagen.

[00:44:50.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Darüber hat man gelacht.

[00:44:52.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute kommt man wieder zurück zu dem, dass gelernte Sachen sogar bis vier Generationen weitergehen
können.

[00:45:01.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich, mit diesem Umfeld zu arbeiten und an diesem Umfeld umzustrukturieren, sodass die Kinder
heil durch ihre Entwicklung durchkommen und dann der Gesellschaft zur Verfügung stehen.

[00:45:18.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann am Schluss noch auf Albert Einstein zurückkommen.

[00:45:21.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Albert Einstein ist auch hier in die Kantonsschule gegangen. Er hatte eine Legasthenie und hat bis fünf
Jahre nicht gesprochen.

[00:45:28.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat gesagt, dass er den offenen Geist dieser Schule sehr geliebt hat.

[00:45:34.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat ihn beinahe rausgeschissen aus der Kantonsschule, weil er im Deutsch und wahrscheinlich auch
in Französisch, also in den Sprachen schlecht war.

[00:45:42.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Französisch kann man so viele Fehler machen, speziell als Legastheniker.

[00:45:47.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat ihn beinahe rausgeschmissen, hat dann aber ein Auge zugedrückt und behalten.

[00:45:51.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt ist man stolz, dass man ihn behalten hat und es heisst jetzt Einstein Haus.

[00:45:55.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich nicht alles zu normieren. Es lohnt sich, die kreativen und ein bisschen andersartigen ADHS
und ADS Kinder zu unterstützen und heil durch ihre Entwicklung zu bringen.

[00:46:12.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Gerade unter den Erfindern hat es einige, unter den Businessleuten hat es einige, die haben Glück
gehabt, aber man könnte noch mehr gut durchbringen.

[00:46:21.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein bisschen mein Credo dazu.

[00:46:26.620] – Bemerkung 1
Die ADHS können sich ja gar nicht konzentrieren in der Schule. Was raten sie, ausser Medikamente?

[00:46:26.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch noch andere Methoden.

[00:47:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse ADHS Kinder können nur lernen, wenn sie im Trubel am Esstisch sitzen und alle darum herum
sprechen. Dann können sie sich konzentrieren.

[00:47:10.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse müssen auch das Radio laufen lassen und dann können sie sich konzentrieren.

[00:47:13.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es still ist, schweift alles ab.

[00:47:15.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Für andere ist es genau umgekehrt. Die müssen es ganz ruhig haben.

[00:47:19.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen, der immer zeichnen musste.

[00:47:21.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er zeichnete, konnte er aufpassen.

[00:47:25.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehren hat ihm das verboten.

[00:47:26.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann gesagt, lassen sie ihn zeichnen.

[00:47:29.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Über das Zeichnen stimuliert er sich.

[00:47:33.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann über die Sitzordnung etwas machen.

[00:47:40.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht ans Fenster setzen, damit er nicht raus schauen kann.

[00:47:44.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht der Unruhigste nebenan, eher ein braves, ruhiges Mädchen als Sitznachbar.

[00:47:48.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Allenfalls ein Stuhl dazwischen.

[00:47:56.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der Sitzordnung kann man etwas machen.

[00:48:00.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse sitzen nicht so gerne vorne, die wären lieber hinten, dann haben sie alles im Blick.

[00:48:00.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Experimentieren, herausfinden.

[00:48:04.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem Sitzen kann man auch etwas machen.

[00:48:12.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt gibt es keine Löwenshow mehr im Zirkus Knie.

[00:48:17.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort sieht man, wenn das Tier ein wenig abgelenkt ist, nimmt der Dompteur wieder Bezug auf das Tier.

[00:48:26.920] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne muss der Lehrer und die Lehrerin immer ein bisschen die Augen offen haben.

[00:48:33.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht bestrafen.

[00:48:33.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn geschwatzt wird: Was hast Du noch dazu zu sagen?

[00:48:33.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Miteinbeziehen.

[00:48:40.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, man kann Ritalin geben und dann kann je nach dem die Konzentration sehr viel besser werden.

[00:48:48.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Noten gehen sicher um einen Punkt hoch.

[00:48:50.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin nicht gegen Ritalin. Man darf das sehr wohl geben.

[00:48:53.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht das Einzige. Mit Ritalin ist das Problem nicht gelöst.

[00:48:59.260] – Bemerkung 2
Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es für die Kinder sehr anstrengend ist, sich die ganze Zeit zu
konzentrieren.

[00:49:07.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt. Was man auch machen kann, also die Hyperaktiven, wenn es gar nicht mehr geht, oder ja oft
sind es Buben, wenn die es gar nicht mehr aushalten auf dem Stuhl, sagen, ich sehe, du hältst es nicht
mehr aus, geh drei Runden um das Schulhaus springen und dann kommst du wieder.

[00:49:26.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat Untersuchungen gemacht, dass nach dem Turnunterricht die Kinder, also alle Kinder, sich
besser konzentrieren können und ganz sicher die ADHSler.

[00:49:36.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen genügend Auslauf haben.

[00:49:41.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann auch sagen, würdest du das bitte in ein anderes Schulzimmer bringen? Also irgendein
Botengang.

[00:49:47.080] – Bemerkung 3
Das sind die ADHSler. Die ADSler sind oft erschöpft, müde.

[00:49:55.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADSler muss man immer wieder holen. Die darf man nicht aus dem Auge lassen. Die vergisst man ja
leicht. Wahrscheinlich muss man die sogar fragen, ob für sie alles klar ist. Oder soll ich etwas nochmals
erklären? Dann, wenn sie es nicht verstehen, dann sagen sie nicht, dass sie es nicht verstanden haben.
Sie gehen einfach runter.

[00:50:22.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, in der Schweiz ist es die Kultur, man meldet sich nicht, wenn man etwas nicht versteht.

[00:50:31.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den ADSlern, die können sie auch eine lange Leitung haben.

[00:50:34.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die dann als Erwachsene in eine Stelle kommen, brauchen sie länger, bis sie die Routine haben.

[00:50:46.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage ihnen, sie müssen das ihrem Chef oder ihrer Chefin sagen. Ich brauche etwas länger, ich muss
das alles in mein Hirn speichern. Aber wenn ich es dann mal habe, dann funktioniert es. Also geben sie
mir die Geduld.

[00:51:00.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, als Lehrerin müsste man ab und zu so schnell antippen und fragen, ob es klar ist oder ob man
dazu eine Frage hat. Dann könnte man sogar ein anderes Kind verwenden, um nochmal etwas zu
erklären.

[00:51:15.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Über das Erklären können sie es auch wieder besser internalisieren.

[00:51:24.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse sagen auch: bei dieser Lehrerin habe ich gar nichts verstanden und bei dem verstehe ich alles.

[00:51:24.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Der erklärt das so kompliziert und das mögen sie dann gar nicht.

[00:51:40.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADSler, bevor sie den Entscheid treffen, der Entscheidungsbaum hat viele Verzweigungen. Die
schauen alles durch.

[00:52:07.660] – Bemerkung 4
Machen die Medikamente nicht kreativer?

[00:53:14.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die meisten sagen, dass ihre Kreativität weg ist, wenn sie das Medikament nehmen.

[00:53:49.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Konzentrieren können sie sich.

[00:53:53.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wo das Medikament helfen kann, ist, dass sie realisieren, dass es auch ein Zustand ist und ah so kann
man auch noch sein.

[00:54:03.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen Jugendlichen, der sagte, er habe über das Medikament gelernt, zu empfinden, in welchem
Zustand man sein kann.

[00:54:14.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat dann mit 14 oder 15 das Medikament abgesetzt und gesagt, er wolle das auch selber können.

[00:54:20.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt. Man ist ja dann in einem anderen Zustand und dann merkt man, so kann es auch noch sein.

[00:54:28.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sich selbst in diesen Zustand bringen, dann ist das wunderbar.

[00:54:34.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse machen es mit regelmässig Sport machen, andere machen es mit regelmässig ein Instrument
spielen, mit Handwerk etc.

[00:54:42.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage oft, in den Ferien können sie das Medikament weglassen, aber sie müssen genügend Anregung
haben.

[00:55:12.420] – Bemerkung 4
Mein Sohn, wenn er die Medikamente nimmt, dann kann er sich in etwas vertiefen, dann kommen
interessante Dinge heraus. Das finde ich super cool. Wenn die Wirkung der Medikamente aber zu Ende
geht, bringt er keinen Schritt vor den anderen.

[00:55:35.330] – Bemerkung 4
Ich habe im Gegenteil das Gefühl, dass es hilft, die Ideen zu kanalisieren und sich vielleicht sogar zwei
Minuten nach der Idee noch an die Idee erinnern mag und die Idee dann auch umsetzen kann. Wo ist die
negative Beeinträchtigung dieser Kreativität?

[00:55:54.480] – Bemerkung 4
Mir geht es auch so. Ich kann die Aussage nicht nachvollziehen.

[00:56:16.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt alles, das ist durchaus möglich. Das sagen auch gewisse Personen. Wenn sie Ritalin, Concerta,
etc. erhalten haben, das war wie eine neue Welt.

[00:56:29.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt, wenn das Hirn zu sehr überall verstreut ist und dann fokussieren kann, dann kann es etwas
zu Ende bringen und dann kann es auch etwas kreatives zu Ende bringen.

[00:56:34.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut, solche Situationen gibt es und die sollen ruhig das nehmen.

[00:56:43.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind auch die anderen, die finden, es geht nicht.

[00:56:48.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will da gar nicht Nein sagen.

[00:56:53.610] – Bemerkung 5

Sie haben mir meine Tochter gezeigt mit dem was sie über ADS und Schulverweigerung gesagt haben.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wie kann man herausfinden was die Ursache ist? Wir verstehen
nicht warum.

[00:57:34.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ursache ist genetisch. Die genetische Ursache führt zu einem anderen Hirn, das anders verarbeitet,
anders prozessiert, es ist ein anderer Wahrnehmungstyp.

[00:57:55.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz viele Dinge können anders sein.

[00:57:59.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist man mit der Neuropsychologie erst so ein bisschen dran, herauszufinden, wie das Hirn anders
funktioniert.

[00:58:06.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Es funktioniert natürlich bei jedem ein wenig anders.

[00:58:08.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt nicht das ADHS Hirn.

[00:58:13.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn kann nicht anders. Es reagiert so, wie es reagiert.

[00:58:20.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, man kann die Reaktionen abdämmen oder mehr im Zaum behalten.

[00:58:29.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Es bleibt immer etwas von dem da. Das ist die Hardware.

[00:58:38.460] – Bemerkung 5
Das bedeutet, dass es gar keinen spezifischen Vorfall in der Schule geben muss, dass ein Kind einfach
plötzlich sagt "Aus", ich gehe nicht mehr in die Schule?

[00:59:10.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch, es hat schon immer irgendetwas gegeben. Es muss nicht unbedingt in der Schule sein. Es könnte
auch zu Hause sein.

[00:59:17.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim nächsten Vortrag schaue ich dann, was zu Hause läuft und was an emotionalen Belastungen läuft.
Da kann es auch wegen dem nach Hause gehen.

[00:59:28.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens waren es kleine Dinge, die sich aufgehäuft haben und dann im Hirn summieren. Irgendeinmal
reicht es.

[00:59:35.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt das Fass zum Überlaufen und dann ist fertig.

[00:59:42.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man alles so zurückverfolgen. Das ist nicht so einfach.

[00:59:44.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder, die nicht sprechen können, oder geistig behinderte Kinder, die sind oft auch sehr sensibel.

[00:59:56.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann benehmen sie sich komisch und man versteht nicht, warum.

[01:00:00.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind gewohnt, zu reden. Wenn ich mit geistig Behinderten arbeite, muss ich immer das Umfeld
fragen. Was war da? Was war dort? Mit der Zeit kann man konstruieren, was es ist. Es ist immer etwas
da.

[01:00:15.360] – Bemerkung 5
Das ist dort, wo es die psychiatrische Hilfe braucht.

[01:00:17.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, nur, wir Psychiater haben manchmal das Problem, dass wir dann nur die Symptome anschauen und
versuchen die Symptome wegzubringen und nicht die Ursache anschauen.

[01:00:29.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus meiner Sicht muss man immer die Ursache anschauen.

[01:00:29.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht fachliche Hilfe, wer immer das ist.

[01:00:36.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn selber ist man ja auch systemblind, man merkt gar nichts.

[01:00:40.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand von aussen reinschaut, der sieht dann schneller, wenn es nicht gut läuft, schaut dann
breiter.

[01:00:48.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat natürlich Freude, es ist wie eine Detektivarbeit.

[01:00:57.200] – Bemerkung 6
Als Kinderarzt bin ich ja der primäre Ansprechpartner, das Kind geht nicht mehr in die Schule. Ich muss
den Druck wegnehmen. Zeit gewinnen.

[01:01:05.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Es drängt nicht, man muss warten. Ein Arzt hat gesagt, jetzt ist es ganz dringend, jetzt müssen wir ganz
langsam machen.

[01:02:07.100] – Dr.med. Ursula Davatz
In einer solchen Situation muss man zuerst mal den Druck rausnehmen, genauer schauen und nichts
überstürzen, sonst macht man das Kind nur kaputt.

[01:02:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich könnte man dann auch der HOTA anrufen, wenn jemand frei ist und um einen Hausbesuch bitten
um herauszufinden was hier nicht funktioniert.

[01:02:31.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht einfach das Kind herausreissen und in die Schule drücken.

[01:02:47.420] – Bemerkung 6
Das sicher nicht.

[01:02:48.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte so ein Kind, das hat die Schule verweigert, die hat sich nicht wohl gefühlt. Was hat sie gemacht?
Jeden Morgen war es ihr schlecht. Sie ging nicht in die Schule.

[01:02:58.270] – Dr.med. Ursula Davatz

Man hat gesagt, dass man sie raussperren muss, sie wurde hospitalisiert und heute hat sie eine sehr
schwere Essstörung.

[01:03:07.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt es nicht.

[01:03:08.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Zeit lassen, es gibt keine Dringlichkeit.

[01:03:10.760] – Bemerkung 7
Nicht alle Lehrer können mit ADHS und ADS umgehen.

[01:03:18.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse Lehrer sind Naturtalente und andere können es nicht so gut.

[01:03:30.840] – Bemerkung 7
Was soll man dann tun? Klasse wechseln, Schule wechseln?

[01:03:33.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Der erste Versuch wäre, auch wieder eine Fachperson reinzuholen, die Mediation zwischen Kind, Familie
und Lehrer macht.

[01:03:45.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müssen wir natürlich aufpassen. Ich sage immer "Never teach a teacher". Lehrer lassen sich nicht
gerne belehren.

[01:03:51.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Helfer lassen uns nicht gerne helfen. Wir sind ja immer die Helfer.

[01:03:57.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss man vorsichtig angehen und dem Lehrer zuerst mal Verständnis geben, dann die Interaktion
anschauen und dann vielleicht Vorschläge machen, wie man das machen könnte.

[01:04:09.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer sagen oft, ich kann doch nicht alle so speziell behandeln.

[01:04:13.300] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Mütter sagen das auch.

[01:04:15.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch, sie haben das Recht, ganz individuell zu behandeln. Jedes Kind ist ein anderes Kind und jedes
Kind braucht etwas anderes.

[01:04:24.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die anderen Kinder reklamieren, dann kann der Lehrer sagen, du kannst das schon. Der kann es
noch nicht. Sei doch froh, dass du es kannst.

[01:04:33.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man den Lehrer unterstützt.

[01:04:40.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es gar nicht geht, manchmal geht es gar nicht, dann nehmen die Eltern das Kind raus. Dann gehen
sie in eine Privatschule.

[01:04:47.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die, die es nicht zahlen können, haben sie diese Möglichkeit nicht.

[01:04:50.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal kann man auch die Klasse innerhalb des gleichen Schulhauses wechseln.

[01:04:53.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist manchmal auch eine Möglichkeit.

[01:04:56.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müsste man dann schon wieder mit der Schule, mit dem Schulleiter sprechen, welcher Lehrer in
Frage kommt.

[01:05:14.680] – Bemerkung 8
Was löst das beim Kind aus, wenn das Kind täglich die rote Karte kriegt?

[01:05:22.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Demotivation.

[01:05:22.350] – Dr.med. Ursula Davatz

Es ist nicht mehr motiviert. Ja, es empfindet eine Zurückweisung. Es empfindet, ich bin nicht gut so, wie
ich bin. Ich bin falsch.

[01:05:37.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Später kommt das heraus. Ich wurde immer kritisiert in der Schule, ich konnte es nie Recht machen. Ich
wurde immer angeklagt. Das gibt ein ganz schlechtes Selbstwertgefühl.

[01:05:48.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wollen wir natürlich nicht. Das bringt es nicht.

[01:05:52.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum fragt Allan Guggenbühl: machen wir Kinder kaputt oder fördern wir sie?

[01:05:57.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Das löst mit Sicherheit ein schlechtes Selbstwertgefühl aus. Aber es motiviert es nicht, besser zu lernen.

[01:06:09.400] – Bemerkung 8
Wieso kann man es dann im Sport machen? Wird es dort auch ausgelöst? Dort kann man auch die gelbe
Karte erhalten.

[01:06:18.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht das Leben, das ist ein Spiel.

[01:06:20.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Spiel in einer Mannschaft. In dieser Mannschaft hat es fixe Regeln. Wenn man gegen diese
Regeln verstösst, dann gibt es diese Karte. Das ist innerhalb des Spiels.

[01:06:33.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn gewisse zuviele gelbe und rote Karten bekommen, dann gibt es zum Teil auch Wutausbrüche und
zum Teil wird auch geschumpfen.

[01:06:45.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es der Schiedsrichter gesehen hat, dann gibt es eine Strafe und sonst halt nicht.

[01:06:51.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine andere Situation.

[01:06:53.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind in der Schule ist ein Individuum, das als Individuum lernen muss. Das ist nicht eine fixe
Mannschaft mit fixen Regeln.

[01:07:05.460] – Bemerkung 9
Darf ich zu Hause als Mutter in der Familie die rote Karte geben?

[01:07:10.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein.

[01:07:10.320] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Familie sollte man flexibler sein.

[01:07:15.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss herausfinden, warum das Kind immer das macht.

[01:07:20.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann schauen, wie man umstrukturieren kann.

[01:07:22.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache dann zum Teil eine andere Sitzordnung. Die Mutter sitzt neben das Kind, der Vater neben das
Kind.

[01:07:31.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die, die sich immer streiten, nicht gegenüber, sondern schräg gegenüber.

[01:07:34.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder man macht Spiele aus dem ganzen Zeugs.

[01:07:42.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss das Ganze re-inszenieren und ändert dann immer wieder.

[01:07:49.320] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Familie sollte man nicht mit gelber und roter Karte funktionieren. Das ist zu stark.

[01:07:55.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Fussball spielen ist toll und alle sind begeistert, aber das ist nicht das Leben.

[01:08:05.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Für gewisse ist es das Leben, die dürfen das auch machen.

[01:08:09.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nicht die Regeln des Fussballspiels auf alle Situationen übertragen.

[01:08:17.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Ziel ist ja nur, den Ball in das Tor zu bringen und als Mannschaft zusammen zu arbeiten.

[01:08:21.860] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Schule ist das Ziel, dass jedes Individuum nach seinen Fähigkeiten gefördert wird und sich gut
entwickeln kann.

[01:08:31.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, es braucht gewisse Anpassungen.

[01:08:36.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand allzu viel stört, dann muss man den, so wie ein fauler Apfel, rausnehmen und mit etwas
anderem beschäftigen.

[01:08:47.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss nicht sagen, du bist ein Böser und deshalb wirst Du jetzt bestraft mit herausgenommen
werden.

[01:08:52.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Du kannst es momentan nicht aushalten in der Gruppe, du bist zu zappelig oder musst zu viel stören,
aber ich will das nicht und darum gebe ich dir jetzt diese Aufgabe.

[01:09:04.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Differenziert die Kinder behandeln und nicht alle nach der gleichen Regel.

[01:09:09.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Fussball ist es so. Wir sind stark vom Fussball geprägt.

[01:09:15.360] – Bemerkung 10
Was mache ich mit einem Kind, dass nicht merkt, dass es anderen weh tut?

[01:10:10.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind anderen weh macht und man beginnt gleich beim weh machen, dann fängt man am Ende
an.

[01:10:22.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Kinder aggressiv werden und anderen weh machen, die Kleinen beißen einem auch, wie Hunde.

[01:10:31.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss ich zuerst wieder schauen, was eigentlich los ist.

[01:10:37.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Was will das Kind mit dem sagen?

[01:10:40.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Beispiel kleine Kinder, die beißen, dort muss man zuerst herausfinden, was das Kind eigentlich will.

[01:10:52.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Kleine Hunde zwicken einander und fordern einander auf.

[01:10:55.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal ist das Beissen auch einfach eine Kontaktaufnahme.

[01:10:59.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Das weh machen kann auch eine Verteidigung sein, weil das Kind wegen irgendwem verletzt worden ist.
Dann muss man das anschauen.

[01:11:10.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss eigentlich immer versuchen herauszufinden, was das Kind mit dem kommunizieren will.

[01:11:14.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der Kommunikation nicht als erstes gleich in die Norm stellen: Du machst weh.

[01:11:22.520] – Bemerkung 10
Manchmal habe ich das Gefühl, es passiert einfach, das Kind will es gar nicht, aber es geschieht einfach.

[01:11:44.660] – Bemerkung 11

Der Junge hat eine hyperkinetische Störung im Sozialverhalten.

[01:11:51.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier würde ich ein Rollenspiel machen und sagen, wie man es anders machen könnte.

[01:11:57.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Situation wiederholen.

[01:12:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur mit sprechen und sagen: "Das tut weh", das funktioniert nicht.

[01:12:06.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Nähe/Distanz Problem.

[01:12:10.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer herausfinden, was hinten dran steckt.

[01:12:22.700] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich können wir auch ein Rollenspiel machen und das inszenieren.

[01:12:28.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Du willst etwas von dem oder du willst mit ihm spielen.

[01:12:30.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Tauschhandel einführen.

[01:12:32.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann einfache Handlungsabläufe mit den Kindern spielen.

[01:12:47.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht einfach nur das sogenannte schlechte Verhalten bestrafen und sagen, das darfst du nicht.

[01:12:53.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind hat keine Kontrolle darüber. Das kommt einfach. Das Kind merkt es gar nicht.

[01:12:57.280] – Dr.med. Ursula Davatz

Immer herausfinden.

[01:13:06.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viel gelernt an den geistig Behinderten, denn die konnte ich nicht fragen, was los ist.

[01:13:11.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Da musste ich immer überlegen, was die Situation ist, was er ausdrücken wollte.

[01:13:19.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Die halten einem zum Teil auch ganz stark aus Freude.

[01:13:25.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer herausfinden, was es bedeutet.

[01:14:04.460] – Bemerkung 12
Ich arbeite als Therapeutin und kann das nur bestätigen, was sie sagen. Den Hintergrund herausfinden,
was ist mit dem Kind los?

[01:14:04.660] – Bemerkung 12
Ein kleiner Junge, hat alle Kinder gestossen. Wir haben schnell rausgefunden, dass das Kind gar nicht
Deutsch kann. Der Kinderarzt hat zur Mutter gesagt, dass das Kind die Muttersprache lernen soll. So ein
Quatsch! Ich habe gesagt, dass das Kind schnell Deutsch lernen muss.

[01:14:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Der wollte Interaktion, er konnte nichts anders als schupsen. Das war seine Kontaktaufnahme, weil das
andere ihm gefehlt hat.

[01:14:39.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Das trifft man noch häufig an. Super, schön, freut mich. Gutes Beispiel.

[01:14:45.520] – Bemerkung 13
Ein Kind in der Klasse ist immer abgehauen, er hält es nicht aus und will nach Hause in die Sicherheit.
Die Eltern wollen das Kind aber nicht zu Hause haben. Ich renne dem Kind nicht hinterher, wenn es
abhaut aus der Schule.

[01:16:45.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erfahrung mit der Kindergärtnerin zeigt, dass Kinder, die wegrennen von selber wieder zurück
kommen.

[01:17:02.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind am davon rennen ist, könnte man ihm auf den Weg geben und sagen, wenn du dich
erholt hast, wenn du dich beruhigt hast, darfst du gerne wieder kommen.

[01:17:12.781] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehung zu ihm herstellen. Nicht sagen, nein Du darfst das nicht, denn das geht gar nicht, man
kann es ja nicht verhindern, sondern: Komm wieder, wenn es okay ist für dich.

[01:17:25.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier ist die Schule, die Behörde und das Rechtssystem immer unter Druck.

[01:17:32.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sagen, wenn das Kind nach Hause geht, sind wir verantwortlich.

[01:17:35.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn niemand zuhause ist, sind wir verantwortlich.

[01:17:39.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme es hier nicht so genau.

[01:17:44.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das lässt null Flexibilität zu, um mit dem Kind umzugehen.

[01:17:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Immer wissen zu müssen, was ist und was passiert, da sagt man oft, die Kinder können überhaupt nicht
für sich schauen. Das stimmt nicht.

[01:17:56.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder sind oft viel, eigenständiger, intelligenter und verantwortungsvoller.

[01:18:04.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man immer sagt, pass auf, pass auf, dann machen sie alle Fehler.

[01:18:08.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie machen lässt, machen sie es besser.

[01:18:12.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir stören sie oft mit unseren Eingriffen.

[01:18:14.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wahrscheinlich würde ich mit dem Jungen vereinbaren: ich sehe, du musst immer wieder davon rennen.

[01:18:21.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Haben Sie eine Ahnung, warum er immer davon rennt?

[01:18:41.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hätte eher gesagt, es gibt immer wieder Momente, in denen du das Gefühl hast, du musst davon
rennen.

[01:19:03.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, machen wir miteinander eine Abmachung. Wenn du dich wieder beruhigt hast, dann darfst du
zurückkommen.

[01:19:09.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde es einem eher offen lassen, als "du musst" sagen.

[01:19:14.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man ihn zur Kooperation bringen.

[01:19:17.220] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Kinder bringt man nicht zum Gehorsam, aber zur Kooperation.

[01:19:22.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie zur Kooperation auffordert, dann hat man sie viel besser im Boot.

[01:19:27.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man von ihnen Gehorsam verlangt, mobilisieren sie alle Kraft, um dagegen vorzugehen. Alle.

[01:19:34.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier muss man ein wenig Vertrauen haben, dass man eine Beziehung hat und dass er wieder kommt.

[01:19:41.080] – Dr.med. Ursula Davatz

Dann kann man auch sagen, meinst du, das geht? Du kannst wieder kommen. Er soll sich für das
Davonrennen nicht schämen müssen.

[01:19:54.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie erzählen es dann später, wenn sie erwachsen sind.

[01:20:01.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendeine andere Interaktion erreichen, als davon rennen und hinterher zu rennen oder zu sagen, das
geht nicht.

[01:20:14.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe zu einem Erwachsenen ADHSler, wenn er Probleme an der Arbeit hatte, habe ich gesagt, wenn
sie es nicht mehr aushalten und den Impuls spüren, dass sie ihrem Chef Schimpfwörter anhängen
müssen oder eine Ohrfeige geben, dann laufen sie besser davon.

[01:20:29.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat er dann gemacht.

[01:20:32.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wurde er natürlich kritisiert, dass er davonläuft.

[01:20:36.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gesagt, es ist immer noch besser als eine Verzeigung am Hals zu haben.

[01:20:43.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, man muss immer wieder Methoden herausfinden.

[01:20:49.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue Kinder nicht ganz so unmündig an.

[01:20:49.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher wurden Kinder lange nicht so stark überbewacht.

[01:21:00.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute sind die Kinder dauernd unter Kontrolle.

[01:21:09.490] – Dr.med. Ursula Davatz

Rechtlich sagt man, das muss so sein. Ich nehme es nicht immer so genau. Ich möchte noch etwas mehr
Freiheit geben.

[01:21:20.790] – Bemerkung 14
Ich habe festgestellt, dass ADHS Kinder keine Freunde finden.

[01:22:07.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ADHS Kinder aus der Gruppe ausgeschlossen werden, oder halt einfach keine Freunde haben,
das ist dann ein Gruppenproblem, ein Sozialproblem.

[01:22:21.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lehrer oder die Lehrerin müsste etwas machen, damit die Dynamik anders läuft.

[01:22:30.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie ich es mit meinem Kind hier gemacht habe.

[01:22:34.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann immer ein paar wenige finden, die bereit sind, mit dem Kind etwas zu machen.

[01:22:43.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das passiert, dann wird es oft wieder integriert.

[01:22:47.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lehrer muss dort etwas machen.

[01:22:50.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch solche Kinder, die nicht integriert sein wollen, die wirklich nur ihren isolierten Platz wollen.

[01:22:59.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss man auch wieder herausfinden. Wenn man die Kinder dann gewaltsam integriert, dann ist das
auch nicht recht.

[01:23:06.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber ich denke, da sollte der Lehrer etwas machen im Sinne von einem Gruppenspiel.

[01:23:13.000] – Dr.med. Ursula Davatz

Sicher nicht der Sport, in dem die Kinder dann am Ende ausgewählt werden, bei der
Mannschafteinteilung.

[01:23:17.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man die Sozialkompetenz der Kinder etwas fördern.

[01:23:24.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf dem Pausenplatz müsste man auch wachsamer sein und schauen, wie das läuft. Das funktioniert oft
nicht.

[01:23:30.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrpersonen müssen daran Interesse haben, dass die Gruppen funktionieren.

[01:23:38.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bringe ein Beispiel von Google. Sie haben versucht herauszufinden, was ein gutes Team ist. Eine
Klasse ist wie Team.

[01:23:50.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Am Schluss kam Google auf zwei Punkte.

[01:24:01.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder Erwachsene hat gleich viel Zeit zum Reden.

[01:24:10.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eigentlich Demokratie. Man schaut, dass alle zum Reden kommen. Das ist ein funktionierendes
Team.

[01:24:15.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Es redet nicht nur einer und die anderen folgen.

[01:24:20.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das andere ist gewesen, dass man wahr nimmt, wie es den anderen Gruppenmitgliedern geht.

[01:24:25.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Man nimmt am Augenkontakt wahr, wie es dem anderen zu Mute ist.

[01:24:34.980] – Dr.med. Ursula Davatz

Gewisse Lehrer machen Befindlichkeitsspiele: Was für eine Farbe habe ich heute?

[01:24:40.100] – Dr.med. Ursula Davatz
In allen Gruppentherapien werden solche Sachen gemacht.

[01:24:46.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird dann auch kritisiert, dass das so ein bisschen allzu viel Wohlfühlklima ist. Wenn das Kind so
ausgeschlossen wird, dann müsste man vielleicht solche Dinge tun.

[01:25:01.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles Intellektuelle kann man auch noch später lernen. Aber wenn Sozialkompetenz und
Persönlichkeitsentwicklung kaputt gemacht wird, das ist dann schwierig zu reparieren.

[01:25:16.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Weniger intellektuelle Leistung und mehr EQ, also emotionale Intelligenz und soziale Intelligenz.

[01:25:26.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Noten dafür gibt man jetzt aber fördern tut man es nicht so. Man erwartet einfach, dass sie es haben,
dass sie es von zu Hause mitbringen und das ist nicht immer möglich.

[01:25:39.940] – Bemerkung 15
Bei Zwillingen, wenn der eine viele Freunde hat und diese mit nach Hause nimmt und der andere keine
oder nur einen Freund hat und dann immer mitspielen möchte mit den anderen, was soll dann die Mutter
machen?

[01:25:44.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Eineiige Zwillinge?

[01:25:44.460] – Bemerkung 15
Ja.

[01:25:44.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Zwillinge haben eine ganz spezielle Dynamik. Die entwickeln sich auch aneinander. Der eine nimmt diese
Rolle und der andere nimmt die andere Rolle.

[01:26:03.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, da muss die Mutter auch versuchen, ein Gesellschaftsspiel zu machen.

[01:26:25.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem Zwilling, der weniger Freunde hat, beraten, wen er einladen könnte.

[01:26:34.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass die Mutter ihm hilft, die Initiative zu ergreifen, dass er auch einladet und der Zwillingsbruder kann
auch helfen. Er kann Vorschläge machen.

[01:26:47.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Derjenige, der keine Freunde hat, muss selber einladen.

[01:26:52.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht eine gewisse Unterstützung dabei.

[01:26:52.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat sich schon so ausdifferenziert. Der eine ist sozial, der andere hängt sich an.

[01:26:58.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Zwillinge haben eine ganz spezielle Dynamik. Manchmal wechselt es dann. Ich habe ein paar Zwillinge
begleitet. Ja, es ist nicht so einfach.

[01:27:08.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, die Mutter muss eingreifen und dem ein wenig helfen und vielleicht den anderen dazu
nehmen.

[01:27:14.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn möchtest Du dazu nehmen, wie ladest Du ihn ein?

[01:27:15.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Derjenige, der keine Freunde hat, muss selber einladen.

[01:27:15.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man schauen, man kann mit solchen Ideen einsteigen und dann muss man schauen wie es
läuft.

[01:28:03.580] – Bemerkung 16
ADHS ist genetisch vorprogrammiert. Sollen sich Erwachsene auch testen lassen?

[01:28:08.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele machen das. Die Menschen, welche jetzt 50 Jahre alt sind, die sind noch nicht getestet worden.

[01:28:15.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird das Kind getestet und dann hat das Kind ein ADHS und dann beginnt man damit, sich zu
beobachten. So kommen einige Erwachsene Leute zum testen.

[01:28:18.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich persönlich teste nicht. Ich nehme nur die Anamnesen auf und lasse mir beschreiben und sehe
natürlich auch eine Interaktion.

[01:28:39.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es zum Beispiel heisst, der Grossvater war jähzornig, dann denke ich, ah, wahrscheinlich ADHS.

[01:28:45.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er dann noch Alkohol trinkt, ist das dann noch die Selbstbehandlung.

[01:28:45.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann zum Testen gehen, weil man das dann so schwarz auf weiss auf dem Test hat.

[01:28:58.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft lassen sich Erwachsene dann testen, weil ihre Kinder die Diagnose ADHS erhalten haben.

[01:29:03.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht Sinn.

[01:29:05.850] – Dr.med. Ursula Davatz
An dem Abend haben drei Erwachsene ADHS Personen gesprochen. Die haben dann alle gesagt, die
haben als Kind ihre Diagnose nicht gewusst und die haben gesagt, für sie ist es eine Entlastung.

[01:29:23.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf einmal hat das Verhalten einen Namen. Ah, jetzt verstehe ich es und kann es einordnen.

[01:29:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst natürlich nicht, man muss trotzdem damit leben oder damit arbeiten. Aber man kann es ein
bisschen einordnen und viele entlastet das.

[01:29:40.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele gehen testen. Manchmal werden die Kinder auch getestet und in der Einzelsituation funktioniert es
dann gut. Dann können sie sich konzentrieren. Dann sagt man sie haben kein ADHS.

[01:29:55.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Von der Anamnese her sieht man, dass es in der Gruppensituation herauskommt.

[01:30:15.570] – Bemerkung 17
Das Hirn ist in der Entwicklung.

[01:30:27.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so, ja.

[01:30:36.540] – Bemerkung 17
Von Sieben- oder Achtjährigen verlangt man Dinge, welche sie gar nicht können. Wenn man von aussen
kommt mit Druck, blockiert das ganze Hirn.

[01:30:55.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Votum absolut in meinem Sinn.

[01:31:00.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn ist in der Entwicklung. Man kann das positiv fördern oder man kann es auch verzwergen. Das
wollen wir nicht.

[01:31:11.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen Zeit lassen. Wir verpassen nichts. Im Gegenteil. Es soll sich in Ruhe entwickeln.

[01:31:30.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend und hoffe, Sie können etwas Gutes mit nach Hause nehmen
und haben von diesem Abend profitiert.