Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
3.12.2023
Substanzmissbrauch und Handling im Arbeitskontext.
Audio
[00:00:00.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begrüsse sie alle ganz herzlich.
[00:00:04.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema heute heisst: Substanzmissbrauch und Handling im Arbeitskontext.
[00:00:15.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich probiere zuerst allgemeine Prinzipien zu sagen.
[00:00:20.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Sucht Substanzen sind alles chemische Substanzen, welche verwendet werden zur Emotionsregulation,
sie sind Emotionsregulatoren.
[00:00:30.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist gleich, ob man sie auf der Gasse kauft oder ob man sie von den Ärzten verschrieben bekommt.
[00:00:39.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben eigentlich alle die gleiche Funktion.
[00:00:43.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Sucht Substanzen haben auch an sich, dass es eine Gewöhnung gibt und dass man mit der Zeit immer
mehr erhöhen muss, also dass man abhängig davon wird.
[00:00:52.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Abhängigkeitsproblem.
[00:00:56.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie greifen ein im emotionalen Hirn und erbringen dort eine gewisse Beruhigung.
[00:01:06.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das emotionale Hirn aus dem Gleichgewicht geraten ist, sagt es an, dass irgendetwas nicht so
stimmt.
[00:01:15.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Normalerweise können wir uns gute Gefühle holen über verschiedene Handlungen, also über schönes
Essen, über gute Beziehungen, über uns mit etwas Interessentem beschäftigen oder auch indem man
Leistungen bringt.
[00:01:32.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schweizer sind ja Bergsteiger, also wenn man einen Berg erklommen hat, wenn man ein Hindernis
überwunden hat, dann gibt das alles ein euphorisches Gefühl.
[00:01:43.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Sucht Substanzen machen, dass man sofort ein euphorisches Gefühl hat, also sofort sich belohnt fühlt.
[00:01:51.010] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sind sie schnelle Problemlöser, schnelle Gefühlsregulatoren.
[00:01:58.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser emotionales Hirn tut Einflüsse aus dem Umfeld schnell prozessieren und dann Handlungen
auslösen.
[00:02:09.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielen habe ich schon mein Hirnmodell gezeigt.
[00:02:14.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das emotionale Hirn wäre der Daumen, das in der Mitte vom Hirn ist, es ist das Mittelhirn.
[00:02:20.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das tut Einfluss von aussen schnell prozessieren und dann entweder zu Handlungen anregen oder auch
zu Denken anregen.
[00:02:33.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn aber keine Lösung möglich ist, also irgendwie kann es nichts auslesen, dann bleibt diese
Prozessierung stecken und dann fühlt sich das schlecht an, unangenehm.
[00:02:50.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo das Hirn keine Lösung findet, dann löst das Stress aus und dann kommen nicht mehr
so überlegte Handlungen zur Funktion, sondern eher reflexartige, schnelle Lösungen.
[00:03:07.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere primitiven Reflexe, und die Tiere haben die gleichen, sind: Kampf, Flucht, Totstellreflex und ich
sage jetzt Spielverhalten.
[00:03:19.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf Englisch kann man sagen: „Fight, Flight, Freeze (Totstellereflex) and Tease".
[00:03:28.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Also auf Englisch kann man das zum Reimen bringen und von dorther bringe ich es gerne auf diese Art
und Weise.
[00:03:36.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Die reflexartigen Problemlösungen, die werden nicht kontrolliert vom Grosshirn, können nicht kontrolliert
werden.
[00:03:46.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Reflexe sind reflexartig und laufen unkontrolliert ab.
[00:03:56.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Sucht Substanzen verwendet als Problemlösung, dann bewirken die ja, dass man sofort
wieder ein Wohlgefühl hat und nicht irgendetwas anderes machen muss.
[00:04:11.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her fühlt man sich dann gut.
[00:04:15.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Mensch süchtig geworden ist, also wenn sich der Suchtmechanismus eingespielt hat, dann
haben wir einen automatisierten Reflex, also einen neuen, also nicht einer von diesen vier
[00:04:30.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man sich schlecht fühlt, greift man zum Suchtmittel.
[00:04:34.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann geht es einem wieder gut und dann können wir wieder weitermachen.
[00:04:38.920] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn tun die Sucht Substanzen ganz schnell das Problem lösen.
[00:04:43.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Suchtmittel sind schnelle Problemlöser, so wie Fast Food oder Instant Suppe.
[00:04:53.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind schnelle Problemlöser.
[00:04:56.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das passt natürlich in unsere Gesellschaft, dass man alles schnell erledigen muss und dann kann man
wieder weiterfahren.
[00:05:04.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie vermitteln dann ein Wohlgefühl und sie vermittelt auf eine Art ein unnatürliches Selbstbewusstsein.
[00:05:15.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Man meint, man sei dann der starke Hengst, denn man ja das Wohlgefühl.
[00:05:20.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie täuschen einem eigentlich.
[00:05:22.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Schüterne Menschen, die sich nicht so unter die Leute getrauen oder vor Konflikten Angst haben, die
konsumieren vorher oder hinterher oder beide Male, konsumieren die Sucht Substanzen und dann fühlen
sie sich besser, mutiger.
[00:05:37.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einen Patienten gehabt, der hat immer Sucht Substanzen konsumiert, bevor er in den Ausgang
gegangen ist, weil er sich nicht getraut hat, unter Kollegen zu gehen.
[00:05:50.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Was aber passiert, indem man dann reflexartig Sucht Substanzen konsumiert, dass man nichts mehr
lernt.
[00:06:00.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man probiert nicht zu reflektieren, was ist eigentlich gewesen, was hat mich so belastet, was hat mich
geärgert, was hat mich verletzt, was hat mich beschämt?
[00:06:11.070] – Dr.med. Ursula Davatz
All die negativen Gefühle muss man dann nicht anschauen.
[00:06:14.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ertränkt sie sofort in der Sucht-Substanz.
[00:06:16.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist gleich, ob das Alkohol, Heroin, Kokain oder auch Cannabis ist.
[00:06:22.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die wirken zum Teil ein bisschen anders, aber alle wirken auf das Gehirn ein im Sinne von Euphorie.
[00:06:29.890] – Dr.med. Ursula Davatz
So bringen dann die Sucht Substanzen quasi das aus dem Gleichgewicht gebrachte emotionalen Hirn
wieder ins Gleichgewicht.
[00:06:41.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache mich dann auch etwas lustig.
[00:06:43.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Definition der Gesundheit von der WHO sagt ein körperliches Wohlbefinden, ein psychisches
Wohlbefinden und ein soziales Wohlbefinden, dann ist man gesund.
[00:06:57.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber all die drei Sachen kann man mit den Sucht Substanzen bewirken, herbeiführen.
[00:07:06.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat körperlich keine Schmerzen mehr, es sind ja auch Schmerzmittel, die Sucht Substanzen sind ja
auch Schmerzmittel.
[00:07:13.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychisch fühlt man sich auch gut. Man hat eine Euphorie und sozial braucht man nicht anders.
[00:07:19.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist dann zufrieden mit seinem Joint, mit seinem Schuss oder was auch immer.
[00:07:26.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn man es zusammen konsumiert, man kommt miteinander in schönes Gemeinschaftsgefühl,
aber man tauscht nicht gross aus.
[00:07:36.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind eigentlich alle so ein bisschen im gleichen Delir.
[00:07:46.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Ärzte wollen ja nicht, dass sich die Leute zu Grunde richten mit Sucht Substanzen.
[00:07:52.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat man die Tendenz, die Sucht Substanzen zu verbieten, also den Konsum zu verbieten.
[00:07:58.710] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn, sind die Betäubungsmittel auch gesetzlich verboten, damit sich die Gesellschaft nicht
schadet mit denen.
[00:08:07.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Haschisch wird jetzt langsam freigegeben und man macht sogar Untersuchungen.
[00:08:15.240] – Dr.med. Ursula Davatz
LSD wird jetzt sogar wieder als Therapie angeboten, im Sinn von psycholytischer Therapie.
[00:08:24.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her experimentiert die Psychiatrie wieder mit solchen Substanzen.
[00:08:31.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sucht Substanzen werden in der Heroin-Abgabe-Programmen abgegeben, damit man es nicht auf
den Gasse muss kaufen.
[00:08:40.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich persönlich sage, das ist alles eine billige Art und Weise, wie die Patienten behandelt werden.
[00:08:47.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich ist es eine Art Ausverkauf von der Psychiatrie, dass man sich nicht anders Mühe gibt, an das
Problem heranzukommen.
[00:08:57.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe vorhin gesagt, es gibt die vier Stressreflexe.
[00:09:01.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald jemand eine Sucht entwickelt hat, ist das auch ein Stressreflex, der nicht mehr unter der Kontrolle
vom Grosshirn ist.
[00:09:09.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum ist es auch so schwierig, das wieder loszuwerden.
[00:09:14.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man wirklich einen Süchtigen behandeln will, ich habe im Kanton Aargau seit 1980, seitdem ich in
den Aargau gekommen bin, bin ich in der Drogenkommission gewesen und habe immer Suchtpatienten
behandelt.
[00:09:28.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte auch das erste Drop-In/Kontakt unter mir.
[00:09:29.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe von dort jahrelang mit Therapeuten gearbeitet, die Süchtige behandelt haben und habe selber
Patienten in Behandlung gehabt.
[00:09:49.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Als eingefleischte Therapeutin sage ich natürlich Nein, nicht eine Substanz abgeben, auch nicht
erzieherisch verbieten wollen, dass man das nicht mehr macht.
[00:10:02.710] – Dr.med. Ursula Davatz
In den stationären Programmen wird meistens mit Bestrafung/Belohnung gearbeitet. Wenn man
konsumiert, wird der Ausgang verboten.
[00:10:10.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man auf der Abteilung konsumiert hat in Königsfelden, ist man dann rausgeflogen.
[00:10:14.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man natürlich auf der Drogenstation ist, kann man nicht einfach nur rausgeschmissen werden,
dann bekommt man vielleicht wieder ein bisschen mehr Freiheitsentzug.
[00:10:25.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Reflex, der verursacht wird durch nicht verarbeitete, traumatische oder unangenehme Erlebnisse,
kann man nicht mit Erziehung wegbringen.
[00:10:40.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte eigentlich immer herausfinden, woher kommt der Suchtmittelkonsum? Was muss der Patient
unterdrücken?
[00:10:53.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum ist er nicht in der Lage, das Leben anders zu bestreiten, ohne die schnellen Problemlöser?
[00:11:00.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage immer: was hat der Mensch aus dem Gleichgewicht gebracht?
[00:11:06.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat das Ungleichgewicht hergestellt?
[00:11:09.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie ich vorher gesagt habe, es können schüchterne Leute sein, die dann Sucht Substanzen nehmen, um
sich gut zu fühlen.
[00:11:16.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder es kann irgendetwas passiert sein, wo man sehr beleidigt worden ist, gekränkt worden ist,
beschämt worden ist.
[00:11:23.400] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn suche ich immer nach den psychosozialen Ursachen.
[00:11:30.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind nicht Therapeuten.
[00:11:32.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen auch nicht als Therapeuten arbeiten, aber sie könnten dennoch Fragen stellen.
[00:11:41.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn Fragen stellen kostet nichts und Fragen stellen löst aus, dass das Gegenüber ein bisschen
überlegen muss.
[00:11:49.970] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sage ich, das wäre der zweite Teil, wie handhaben wir das am Arbeitsplatz?
[00:11:57.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie merken, dass ihre Angestellten, die sie betreuen, dass die Sucht Substanzen konsumiert
haben. Dann können sie fragen: Was hat dich verletzt, dass du das runter dämpfen musstest?
[00:12:16.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können fragen: Was hat dich geärgert? Sie können auch ein bisschen zurückgehen. Wenn
konsumierst du meistens, wenn du verrückt bist oder wenn du traurig bist oder beides?
[00:12:29.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man auch umgekehrt fragen, also teleologisch, also zielgerichtet.
[00:12:35.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Was musst du bewirken mit deinen Sucht Substanzen?
[00:12:39.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele sagen dann: Nein, ich brauche es nicht.
[00:12:41.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche, die süchtig sind, sagen oft zwei Jahre lang: Ich könnte eigentlich schon darauf verzichten, aber
ich will es nicht.
[00:12:49.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach zwei Jahre, wo sie dann merken, sie sind wirklich abhängig, dann geben sie es dann zu.
[00:12:54.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Für was brauchst du das? Inwiefern verbesserst du dich? Inwiefern fühlst du dich dann besser?
[00:13:05.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wäre die Sucht Substanz als Enhancer, also positives Enhancing.
[00:13:11.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Enhancing heisst etwas, verstärken.
[00:13:14.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann fragt man nach dem, dann hat es ja so wie eine positive Wirkung.
[00:13:19.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann fragen, in welcher sozialen Situation konsumierst du?
[00:13:26.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie fragt, wann sind Momente, das habe ich meine Süchtigen meistens gefragt. Was sind die
Momente, wo sie konsumieren?
[00:13:35.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann heisst es meistens dann, wenn ich mich ganz schlecht fühle um mich besser zu fühlen. Oder wenn
ich etwas feiern will, also ich habe eine Prüfung bestanden oder einen schönen Tag gehabt, dann mache
ich es als Belohnung.
[00:13:49.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre dann der Enhancer.
[00:13:51.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Das reine Belohnungsgefühl reicht nicht.
[00:13:54.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss noch das hinterher schieben.
[00:13:56.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens steckt hintendran eine Geschichte, wo sie wenig unterstützt worden sind in positiven Sachen,
wo sie wenig Lob bekommen haben.
[00:14:08.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum müssen sie sich dann selber noch chemisch ein bisschen nach doppeln mit einer Sucht Substanz.
[00:14:13.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Zustand ganz schlecht ist, sodass man nicht mehr arbeiten kann, dann dürfen sie natürlich den
Mitarbeiter auch heimschicken und sagen: Hörzu, in dem Zustand ist es gefährlich, wenn du hier bei uns
arbeitest. In dem Zustand ist es schwierig. Da verschwenden wir, glaube ich, Zeit miteinander. Du darfst
heimgehen. Ich würde nicht einmal sagen, du musst.
[00:14:42.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde es sogar positiv ausdrücken. Du darfst heimgehen.
[00:14:46.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber überleg dir wegen was du jetzt dieses Mal das Suchtmittel konsumieren musstest.
[00:14:59.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde eine Hausaufgabe mit nach Hause geben, dass sie ein bisschen an dem arbeiten.
[00:15:04.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen ihn nicht bestrafen, weil er konsumiert hat.
[00:15:07.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind keine Drogenstation aber sie können ihm die Hausaufgabe mitgeben, überlege es dir.
[00:15:14.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er dann wieder kommt oder sie, können sie wieder fragen: was ist Dir in den Sinn gekommen?
[00:15:16.970] – Dr.med. Ursula Davatz
So läuft eine Interaktion und die bringt etwas mit.
[00:15:27.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass wenn sie selber das Suchtverhalten thematisieren, dass sie überhaupt keine moralische
Haltung haben.
[00:15:36.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Suchttherapeuten, speziell im ambulanten Bereich, dort musste man lernen, dass man mit der
Suchtkrankheit auf eine neutrale, ruhige, amoralische Art und Weise umgehen kann, ohne die
Suchtpatienten irgendwie zu bestrafen oder moralisch verurteilen.
[00:16:03.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt gar nichts, wenn man sie moralisch verurteilt, tut man sie noch mehr runter stossen, dann
müssen sie noch mehr Sucht Substanzen konsumieren.
[00:16:13.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird im Petit Prince auch gebracht, wenn man den Buveur, also den Alkoholiker, fragt: Warum trinkst
du eigentlich?
[00:16:20.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sagt er: Je bois que j'oublie que je bois.
[00:16:21.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich trinke, damit ich vergessen kann, dass ich trinke.
[00:16:27.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe schon Jugendliche, Süchtige sagen gehört, wenn sie nach Hause kommen und die Mutter oder
Vater schimpft jetzt bist du schon wieder zu, das geht doch nicht, dann müssen sie gerade nochmals
Sucht Substanzen konsumieren, um nicht zu spüren, wie sich ihr Gegenüber, also ihre Bezugspersonen
ärgert.
[00:16:48.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja nicht ärgern über einen Rückfall, sondern ganz neutral das benennen.
[00:16:54.950] – Dr.med. Ursula Davatz
So können wir nicht arbeiten.
[00:16:57.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Überleg dir und wenn sie wieder kommen, was hast du dir überlegt?
[00:17:00.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich weggehen von der Symptomkontrolle, hin zur persönlichen Interaktion.
[00:17:10.480] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn wollen sie den Süchtigen dazu bringen, zu reflektieren innerhalb von seinem sozialen Umfeld
und sie wollen ihn dazu bringen zum sozialen Lernen.
[00:17:23.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das, was ich auch in der Therapie mache. Dort geht es natürlich über eine längere Zeit.
[00:17:29.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können das einfach anstossen. Sie müssen sich auch gar nicht verantwortlich fühlen, ob es dann
irgendwie funktioniert oder nicht.
[00:17:36.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich müssen sie natürlich schauen, dass es an ihrem Arbeitsumfeld einigermassen tragbar ist.
[00:17:47.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Das soziale Lernen ist eigentlich das Allerwichtigste.
[00:17:51.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus dem Grund gebe ich ihnen auch das in die Hand, dass sie diesen Menschen die Fragen stellen
können.
[00:18:03.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Reflektieren im sozialen Hirn.
[00:18:08.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem sie anfangen zu reflektieren, sie müssen im Grosshirn reflektieren, dann läuft zwischen Grosshirn
und emotionalem Hirn ein Prozess ab.
[00:18:22.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem sie reflektieren, können sie dann die Spannung, die im emotionalen Gehirn besteht, wegen diesen
ungelösten Emotionen, können sie die Spannung abbauen.
[00:18:34.900] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sagt man ja, und das ist wissenschaftlich untersucht, dass wenn ein Mensch seine
Emotionen genau zum Ausdruck bringt, wenn er darüber redet oder darüber schreibt, also wenn man es
in Wort fasst, wenn man seine Gefühle in Wort fasst, dann geht 50% vom Stress weg.
[00:18:56.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem sie ihre Leute dazu bringen, dass sie darüber reflektieren, dass sie die Situation in ihrem Grosshirn
hinterfragen, anschauen, überlegen, was hätte es sein können?
[00:19:10.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht ihnen dann sogar noch mitteilen, dann wird das emotionale Hirn, der Hippocampus, wird wieder
frei.
[00:19:22.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt heutzutage Untersuchungen, wo man schaut, wie der Hippocampus im limbischen System, wie
der funktioniert und wie gross der ist.
[00:19:33.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es sogar Untersuchungen, dass man sagt, der wird langsam kleiner.
[00:19:37.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann spricht man vom erschöpften Gehirn.
[00:19:40.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ein Buch darüber, das erschöpfte Gehirn von Michael Nehls.
[00:19:44.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird erschöpft, wenn man das Gehirn nicht lehrt.
[00:19:48.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sich nicht die Zeit und die Mühe nimmt, die Sachen raus zu transportieren, aus zu sortieren
und dann im Grosshirn ablegt, im Sinne von: Jetzt habe ich gelernt mit dem umzugehen.
[00:20:02.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Hippocampus ständig überfordert wird, dann funktioniert er nicht mehr so gut und er schrumpft
sogar.
[00:20:10.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man Messungen gemacht, dass der in der heutigen Zeit 0,4 oder ich weiss auch nicht mehr genau
wie viel, leicht schrumpft und das wollen wir eigentlich nicht. Das wollen wir nicht.
[00:20:21.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wollen, dass wir überlebensfähig sind, stark sind und neue Eindrücke wieder aufnehmen,
prozessieren und lösen können.
[00:20:36.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her ist es ganz wichtig, dass man die Leute anregt zum Lernen.
[00:20:44.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss noch, als ich mit Suchtherapeuten gearbeitet habe, die sind immer enttäuscht, wenn ihre
Klienten wieder einen Rückfall gemacht haben.
[00:20:54.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gesagt, das ist nicht schlimm. Anhand von jedem Rückfall kann man lernen. Man muss nicht
sofort Erfolg haben. Ich als Therapeutin lerne und der Patient kann lernen.
[00:21:05.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sage ich auch ja den Klienten.
[00:21:13.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Suchtmittel sind dann immer ein Ausweg aus dem Lernen.
[00:21:19.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz wichtig ist, dass wir so viel wie möglich lernen.
[00:21:24.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Leben ist komplex und die Anforderungen werden zum Teil immer grösser und wir können die
Lösungen nicht in den Games suchen, in der künstlichen Intelligenz.
[00:21:37.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir als Menschen müssen diese Intelligenz selber erreichen.
[00:21:46.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen nicht Therapie machen. Sie müssen schauen, dass wenn jemand zu fest zu ist, dass er dann
halt nicht am Arbeitsplatz bleiben kann.
[00:21:57.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können ihm eine Aufgabe nach Hause mitgeben. er kann lernen und sie können lernen.
[00:22:03.670] – Dr.med. Ursula Davatz
So lange man zusammen lernt, bleibt es auch interessant.
[00:22:07.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor Jahren hatte ich einen Heroinsüchtigen und hatte den in einem Methadon Programm.
[00:22:13.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Befehl vom Kantonsarzt ist gewesen, wenn der Methadon Patient einen Rückfall macht, also wenn er
andere Substanzen konsumiert, muss ich das Methadon abstellen.
[00:22:28.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, man hat auch mit der Bestrafungsmethode gearbeitet.
[00:22:33.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das funktioniert für mich überhaupt nicht. Ich habe es auch nicht gemacht.
[00:22:36.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat der Patient dann gesagt, wenn er einen Rückfall gehabt hat und das auch erzählt hat, man konnte
es mit der Urinprobe natürlich auch sehen, hat er gefragt, stellen sie mir jetzt das Methadon das ab?
[00:22:48.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, mache ich nicht.
[00:22:50.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Solange ich sehe, dass sie einen Prozess durchmachen, dass sie sich entwickeln, solange ich den
Entwicklungsprozess sehe, stelle ich sicher nicht ab.
[00:22:59.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Rückfälle gehören zu jeder Suchtkrankheit.
[00:23:03.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bestrafe die nicht und ich bleibe weiter am Lernen.
[00:23:07.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach zwölf Jahren konnte er dann das Methadon abstellen.
[00:23:12.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat Schmerzmittel noch gehabt, die hat er abgestellt.
[00:23:16.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlafmittel hat er gehabt, die er abgestellt hat und er hat noch 20 Kilo an Gewicht verloren.
[00:23:23.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Er konnte alle seine Süchte in den Griff kriegen und wir konnten das Methadon Programm aufhören.
[00:23:24.040] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn geht es nicht darum, zur Gesundheit oder zur Abstinenz zu erziehen, sondern es geht
darum, zum Lernen, dass man das Suchtmittel nicht mehr braucht als Lebensbewältigungsstrategie.
[00:23:44.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären so meine Gedanken und jetzt brauche ich natürlich Fragen von Ihnen.
[00:23:54.590] – Bemerkung 1
Das Erkennen ist ja schwierig in dem Ganzen beim Klienten. Wie erkenne ich es? Wenn jemand ein
bisschen wenig geschlafen hat, Computer Spiele gespielt hat, dann hat er gläserne Augen? Wenn er ein
Suchtmittel genommen hat, dann hat er auch gläserne Augen. Wie erkenne ich das als Laie?
[00:24:41.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Haschisch Konsum, da sind es die roten Augen.
[00:25:04.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse gehen dann in die Apotheke, Augentropfen kaufen und nehmen dann die, sodass man die roten
Augen nicht mehr sieht.
[00:25:14.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Heroinprodukten sind es eher die Stecknadelpupillen oder wenn sie auf Entzug gehen, dann sind
es die grossen Pupillen.
[00:25:25.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie spüren es auch.
[00:25:27.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie schwatzen oft auch ein bisschen anders so super überlegen, überspielen alles.
[00:25:36.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spürt es auch ein bisschen.
[00:25:38.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben immer alle Angst. Ich darf ihn doch nicht falsch verdächtigen.
[00:25:43.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Süchtigen haben die Tendenz zu leugnen.
[00:25:47.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sagen: Nein, ich habe gar nichts genommen.
[00:25:49.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Alkoholiker kann einem noch in das Gesicht hinein sagen und er hat er eine riesige Fahne. Nein,
nein, ich habe gar nichts getrunken.
[00:25:55.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müssen sie nicht Angst haben, dass sie falsch verdächtigen, wenn sie das Gefühl haben, da stimmt
irgendetwas nicht.
[00:26:02.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich höre es am Telefon, sie lallen manchmal so ein bisschen.
[00:26:05.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwie sind sie im Duktus von der Sprache ein bisschen anders und im Verhalten ein bisschen anders.
[00:26:12.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann dürfen sie sagen: Ich habe den Eindruck, du bist verändert. Hast du irgendetwas genommen?
[00:26:18.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, nein, nein, nein. Ja, okay. Ich habe einfach den Eindruck, lassen wir es stehen.
[00:26:23.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Also sie sind kein Polizist. Sie müssen es nicht beweisen. Aber sie dürfen sagen, wenn sie das Gefühl
haben, es stimmt irgendetwas nicht.
[00:26:32.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist das ein bisschen beantwortet?
[00:26:34.970] – Bemerkung 1
Ich glaube heikel ist dann auch damit umzugehen. Wie weit gehe ich aus dem Bereich heraus? Wie weit,
darf ich selber reagieren? Wie weit muss ich jemanden beziehen?
[00:26:50.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich immer reagieren. Wenn sie etwas merken, eigentlich immer reagieren, denn es geht um eine
menschliche Beziehung.
[00:27:00.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie einfach ignorieren, dann sind sie wurstig.
[00:27:04.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann nehmen sie eigentlich die Beziehung nicht recht ernst.
[00:27:07.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie spüren, ja, irgendetwas ist komisch, dann dürfen sie sagen, ja, ich spüre das. Ich habe das und
das Gefühl.
[00:27:16.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er sagt Nein nichts, dann sagen sie: Ja, ist einfach mein Gefühl und ich will ehrlich sein und ich
sage dir das.
[00:27:25.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann können sie sagen Okay, gehen wir weiter.
[00:27:28.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gesagt, sie müssen kein Detektiv sein, sie müssen es auch nicht beweisen.
[00:27:32.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist gut, wenn er merkt, dass sie etwas merken.
[00:27:35.770] – Bemerkung 1
Ok.
[00:27:37.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn sonst ist zwischen ihnen und dem Klienten oder ihrem Mitarbeiter ist so wie eine Barriere, also wie
eine Blockade und das ist schade.
[00:27:53.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage dann dem Bezug nehmen auf Symptome, also auf Sucht Symptome auf eine lockere Art, eben
nicht moralisierend, überhaupt nicht moralisierend.
[00:28:04.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Solange sie nicht mal moralisieren müssen, haben sie keinen Erziehungsauftrag, nichts.
[00:28:09.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen nur sagen, was sie empfinden. Das ist okay.
[00:28:15.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er sagt: Du tust mich verdächtigen und es stimmt gar nicht, du tust mir etwas unterschieben, sagen
sie, ich will dir gar nichts unterschieben.
[00:28:23.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich, spüre einfach etwas ein bisschen anders. Okay, lassen wir es stehen.
[00:28:28.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mal eine Frau gehabt, deren Mann hat immer Alkohol getrunken und wenn er Alkohol getrunken
hat, hat er das Velo genommen. Dann habe ich ihr gesagt, sie darf zu ihrem Mann nicht nichts sagen und
auch nicht, jetzt gehst du wieder Alkohol trinken, sondern sie hat gesagt, gehst du Fahrradfahren oder
Fahrradfahren?
[00:28:51.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Versteht man das?
[00:28:52.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt zwei Methoden von Fahrradfahren.
[00:28:56.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass wir in unserer Beziehung ehrlich sind miteinander und dass man das Gefühlsmässige
auch rüber gehen lässt.
[00:29:07.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Fahrradfahren oder das Fahrradfahren?
[00:29:09.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sagt sie indirekt, ich merke irgendetwas ohne ihn blosszustellen.
[00:29:16.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf eine Art ist das die vierte Art von Reflex, also das Teasing.
[00:29:24.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein bisschen Teasing, also so ein bisschen leicht, fein provozieren.
[00:29:29.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Teasing wird verwendet unter Jungtiere, die tun einander so ein bisschen stören oder ein bisschen
aggressiv angehen.
[00:29:40.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht auch einher mit Lernverhalten.
[00:29:43.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem sie das können, ihrem Angestellten gegenüber, tun sie auf eine Art eine Lernatmosphäre ein
bisschen eröffnen.
[00:29:55.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass sie überhaupt nicht moralisch verurteilend sind.
[00:29:59.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Macht das Sinn?
[00:30:02.110] – Bemerkung 1
Ja, Danke.
[00:30:07.840] – Bemerkung 2
Ich habe drei Personen mit Suchtproblemen. Ich merke, es ist ein auf und ab auch und immer mit dem
Thema Klinik.
[00:30:27.550] – Bemerkung 2
Einer ist schon Jahre bei uns, er hat verstanden, dass ihm die Klink gut tut. Er hat auch dort Betreuung.
[00:30:27.700] – Bemerkung 2
Ein anderer ist seit er 16 Jahre alt ist in der Sucht drinnen. Er mag soziale Kontakte. Er will nicht auf
Entzug gehen. Er sagt er hätte schon fünf Mal Entzug gemacht und es bringe nichts. Er hatte auch ein
Thrombose im Gehirn und war länger im Spital.
[00:31:47.870] – Bemerkung 2
Was können wir machen, damit es ihm besser geht?
[00:32:26.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, der Entzug bringt es nicht, er muss ambulant entziehen.
[00:32:30.850] – Bemerkung 2
Das wäre ja schon mal etwas.
[00:32:35.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele gehabt, die viele Entzüge gemacht haben und es hat es nicht gebracht.
[00:32:42.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich konnte sie dann eigentlich besser ambulant entziehen.
[00:32:45.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, sie können ihn immer wieder fragen und jedes Mal für was hast du es das letzte Mal
gebraucht?
[00:32:53.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist dein seelischer Zustand dort gewesen?
[00:32:57.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Was läuft davor ab? Denkst du, oh nein, heute mache ich es nicht? Oder denkst du, ich gehe jetzt wieder
das Bier kaufen?
[00:33:04.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man den ganzen Prozess relativ differenziert mit ihm durchgeht.
[00:33:10.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wo könntest du wieder abbiegen? Wenn er es eine Woche geschafft hat, nicht zu trinken, wie hast du es
gemacht?
[00:33:16.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie bist du abgebogen?
[00:33:18.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch einen mittelalterlichen Alkoholiker gehabt, der hat seit er 18 Jahre alt ist immer getrunken.
[00:33:25.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann auch, das ist natürlich therapeutisch, ich habe dann auch gefragt, für was braucht er es?
[00:33:32.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Er soll seine Gefühle besser anschauen, bevor er es macht.
[00:33:36.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Der hat, wie soll ich sagen, der hat nicht recht auf seine Gefühle geachtet.
[00:33:42.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu einem mittelalterlichen Alkoholiker müsste man sagen, was fühlst Du davor, was läuft in dir ab?
[00:33:51.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen eigentlich lernen, ihre Gefühle besser wahrzunehmen.
[00:33:55.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Männern ist das noch schwierig.
[00:33:57.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man natürlich fragen, wie ist das bei euch daheim gewesen?
[00:34:01.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat man überhaupt Gefühle gehabt?
[00:34:03.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist es ehrenhaft gewesen als Mann, wenn man Gefühle gehabt hat, oder eben nicht?
[00:34:05.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man aufzeigt, er darf das lernen.
[00:34:16.070] – Bemerkung 2
Seine Mutter ist auch Alkoholikerin.
[00:34:16.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er das natürlich vorgelebt bekommen.
[00:34:19.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann könnte man fragen: Was für Gefühle hat die Mutter verdrängt?
[00:34:24.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat sie gestört?
[00:34:25.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann durch den ganzen Irrgarten der Gefühle durchgehen.
[00:34:30.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann ihnen alles mögliche in den Sinn kommen.
[00:34:33.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Einfach immer wieder fragen.
[00:34:36.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sagen helfen, dann ist man schon wieder dran am helfen wollen.
[00:34:41.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt man schnell in die Co-Alkoholiker Rolle.
[00:34:46.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe natürlich viele Paare erlebt und auch Eltern und Kinder, wo die Frauen helfen wollten.
[00:34:54.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben sich immer wieder eingelassen, moralisiert haben und so weiter.
[00:35:01.060] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich muss man als nicht Alkoholiker lernen, davon reden, ohne dass man helfen will.
[00:35:12.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn das Helfen ist schon ein kleines Bevormunden.
[00:35:16.060] – Bemerkung 2
Ja, das stimmt.
[00:35:17.370] – Bemerkung 2
Der Gruppenleiter, der darin involviert ist, ist ein sehr erfahrener, er wird auch pensioniert.
[00:35:23.330] – Bemerkung 2
Er tut auch nicht moralisieren, er spricht es einfach immer wieder an, ganz in Ruhe,.
[00:35:29.820] – Bemerkung 2
Spannend ist einfach, der Klient selber sagt, oh nein, ich habe es wieder nicht geschafft. Oh nein, ich
habe mir so Mühe gegeben.
[00:35:40.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Er tut sich selber moralisieren.
[00:35:43.830] – Dr.med. Ursula Davatz
An dieser Stelle würde ich, wenn er wieder sagt: Oh, ich habe es wieder nicht geschafft.
[00:35:50.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht darum zu arbeiten. Da überspringt er ja eigentlich den Lernprozess.
[00:35:55.380] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem er sagt, ich habe es nicht geschafft, überspringt er den Lernprozess.
[00:35:55.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lernprozess wäre, genauer wahr zu nehmen, was ist gewesen.
[00:36:04.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Er geht gerade zur Lösung.
[00:36:08.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man sagt: Am letzten Tag, im Vergleich zur letzten Woche, was ist ein bisschen anders gewesen?
Was ist ähnlich gewesen?
[00:36:16.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss eine sehr differenzierte Bestandsaufnahme von seinem Gefühlszustand machen.
[00:36:20.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Er sagt gleich, ich muss es schaffen.
[00:36:25.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei allen chronischen Krankheiten, nicht nur bei der Sucht, geht es oft darum, dass man feiner lernt
wahrzunehmen.
[00:36:34.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Er muss sich feiner wahrnehmen lernen.
[00:36:38.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Er will es schaffen für die anderen. Er entschuldigt sich und dann sage ich Nein, bei mir müssen sie sich
nicht entschuldigen, das ist nicht mein Problem.
[00:36:51.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie es einem zuliebe machen wollen, bringt es das nicht.
[00:36:55.410] – Bemerkung 2
Er sagt, er ist 40, 41 Jahre alt, jetzt muss es mal anders gehen.
[00:37:04.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Süchtigen sind in der Regel sehr sensibel. Er setzt sich da an unter Druck, es gerade zu können,
also weg zu bleiben von dem.
[00:37:18.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, er muss lernen, sich wahrzunehmen, seine Gefühle wahrzunehmen, die auszudrücken.
[00:37:23.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann jedes Mal fragen: Wie ist es gewesen? Was hast du gespürt? Was hast du gemerkt?
[00:37:29.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht wirklich darum, sich besser wahrzunehmen.
[00:37:33.400] – Bemerkung 2
Und nicht flüchten vor sich selbst.
[00:37:37.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist es häufig.
[00:37:42.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man fragen, was hat er für ein Menschenbild, wie sollte er sein?
[00:37:46.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Männern ist es natürlich oft so, ich muss stark sein und ich muss alle im Griff haben.
[00:37:51.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, er muss genau das Gegenteil, er muss den weichen Teil von sich ein bisschen kennenlernen und
mit dem besser umgehen.
[00:38:00.720] – Bemerkung 2
Seine Strategie ist jetzt heimgehen mit möglichst wenig Bier weil rausgehen und noch Neues kaufen
macht er nicht. Wenn er mit wenig Bier heimgeht dann kann er am anderen Tag arbeiten.
[00:38:10.680] – Bemerkung 2
Eigentlich müsste er ja auch im Sozialen Fortschritte machen können.
[00:38:14.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das stimmt und heimgehen mit wenig Bier bringt es eigentlich nicht.
[00:38:18.710] – Bemerkung 2
Es ist so, als würde er sich selber bestrafen.
[00:38:19.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, genau.
[00:38:22.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man fragen vor was hast du denn Angst, wenn Du sonst rausgehst?
[00:38:25.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Gehst du gerade in die nächste Bar, um dich zu treffen mit anderen?
[00:38:29.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man immer ein bisschen fragen.
[00:38:31.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können einfach neugierig sein, wie es läuft und alle Detail abfragen.
[00:38:38.360] – Bemerkung 2
Vielleicht ein bisschen mehr Details und technisch fragen.
[00:38:39.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, absolut. Ja, würde ich sagen.
[00:38:42.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist es auch spannend für sie.
[00:38:44.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nur das Endziel im Kopf hat, ist es nicht so spannend. Jetzt schon wieder nicht erreicht, schon
wieder nicht erreicht.
[00:38:51.940] – Bemerkung 2
Wir würden ihm gerne den Krampf wo er drinnen steckt erleichtern.
[00:38:59.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, er macht sich den Krampf, indem er gerade das Endziel hat.
[00:39:03.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man sagen: Nein, nein, wir müssen nicht das Endziel haben. Jetzt wollen wir zuerst wissen, was
vorab abläuft.
[00:39:08.660] – Bemerkung 2
Da ist er gut aufgestellt, auch vom Sozialdienst her. Ganz ein feiner Sozialdienst.
[00:39:12.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Super.
[00:39:14.080] – Bemerkung 2
Es ist ein Marathon.
[00:39:16.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ist es. Er sagt, er ist schon so alt und jetzt müsste er es endlich mal können.
[00:39:24.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben noch lange Zeit.
[00:39:25.870] – Bemerkung 2
Ich sage immer, er ist erst 40 Jahre alt. Die Thrombose im Hirn hat ihn sehr erschreckt.
[00:39:35.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er sagt, ich habe jetzt einen vor den Bug bekommen, eigentlich müsste ich es jetzt verstehen, dann
muss man ihn wieder verlangsamen.
[00:40:09.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht um das Endprodukt, es geht um die kleinen Schritte.
[00:40:15.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht um seinen feinen Lernprozess.
[00:40:19.870] – Bemerkung 2
Ja, das, ist spannend, dieser feine Lernprozess.
[00:40:32.060] – Bemerkung 2
Ich beobachte alle und hoffe, dass sie sich gegenseitig befruchten können mit guten Lösungen.
[00:40:35.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Der andere ist was für einer?
[00:40:47.860] – Bemerkung 3
Den haben wir anstellen können und er hat mit 47 Jahren eine IV Rente erhalten. Er ist im Kindergarten
schon immer zu spät gekommen, sagt er. Er äussert viele Ängste. Er ist in ein Methadon Programm
gekommen und ich hatte das Gefühl, dass er parkiert war dort, weil er nicht gefragt hat.
[00:41:13.790] – Bemerkung 3
Dann ist es mal so schlimm geworden, dass er um Hilfe gefragt hat, dann ist er in die Klinik. Das ist ganz
schwierig gewesen für ihn.
[00:41:23.480] – Bemerkung 3
Jetzt hat er wie gemerkt, hey es ist gar nicht so schlimm gewesen, ich habe dort Hilfe bekommen. Dort
sehe ich jetzt ein lernen mit 47 Jahre. Er geht zu Abgabestelle und sagt, ja es geht mir nicht gut jetzt, was
kann ich machen?
[00:41:37.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Er muss lernen, zu reden über seine Gefühle.
[00:41:42.160] – Bemerkung 3
Er ist 15 Jahre schon bei uns mit Unterbrüchen.
[00:41:46.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ein Lernprozess.
[00:42:15.850] – Bemerkung 4
Wir haben jemanden, der zwei Pakete Zigaretten raucht pro Tag, wenn er arbeitet.
[00:42:21.970] – Bemerkung 4
Wenn er nicht arbeitet, raucht er nur ein Päckchen pro Tag.
[00:42:22.240] – Bemerkung 4
Die Person hat nie Geld um etwas zu essen. Er raucht immer dann, wenn wir sagen, jetzt rauchen wir
nicht, jetzt arbeiten wir.
[00:42:29.450] – Bemerkung 4
Er kann sich gar nicht an Regeln halten und ist deshalb auch verhaltensauffällig und findet dadurch auch
keinen Job.
[00:42:42.030] – Bemerkung 4
Das Rauchen ist halt so seine Freiheit, die er sich nehmen kann, wo er sagen kann, jetzt kann ich eins
rauchen, für was auch immer, er das jetzt braucht.
[00:42:54.940] – Bemerkung 4
Das ist bei uns auch das Thema. Schafft er es zwei Stunden nicht zu rauchen, vier Stunden nicht zu
rauchen? Damit umzugehen ist zum Teil schwierig. Die Person dreht sich im Kreis und kommt auch nicht
vom Fleck.
[00:43:24.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Den würde ich natürlich auch fragen, für was brauchst du Zigaretten?
[00:43:30.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Was bedeuten die für dich? Was bewirken sie für dich?
[00:43:34.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Zeit lang alle Zigaretten-Reklamen ein bisschen genauer angeschaut.
[00:43:37.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie sprechen die Zigaretten-Reklamen den Konsumenten an?
[00:43:45.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Geschmack bleibt eine Entdeckung, ist Camel gewesen.
[00:43:51.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Abenteurer gewesen, ein grosses Abenteuer, anstrengend, Stress und am Schluss als
Belohnung die Zigaretten.
[00:44:00.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Malboro ist eher so ein bisschen cool gewesen, so ein bisschen clean.
[00:44:06.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Gauloise, das sind so die Lässigen gewesen.
[00:44:15.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde ihn wirklich fragen, was bedeuten diese Zigaretten für ihn?
[00:44:20.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Was signalisiert sie? Was signifiziert sie für ihn?
[00:44:24.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich jetzt so höre, wie sie von ihm reden und sagen, wie er immer sofort auf ihre Vorschläge mit
einem "Nein" antwortet.
[00:44:28.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Er empfindet das Zigarettenrauchen als Freiheit und grenzt sich damit ab gegen sie. Sie sagen, jetzt
probiere es mal ohne.
[00:44:43.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Da läuft schon eine Interaktion, sie wollen ihn zu etwas bringen und er trotzt und sagt Nein, mache ich
nicht.
[00:44:49.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum würde ich genau anders vorgehen.
[00:44:53.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Was bedeutet die Zigarette für Sie? Für was brauchst Du sie?
[00:44:59.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Camel hat Kaugummi verkauft, wo Camel Werbung darauf war, um die Jungen einzuschleusen.
[00:45:10.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt sind Zigarettenwerbungen verboten.
[00:45:15.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das habe ich damals schon gesagt, man müsste das eigentlich verbieten.
[00:45:19.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sucht Substanz macht sowieso Reklame für sich.
[00:45:23.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sucht Substanz greift ein in das Belohnungssystem. Das bewirkt einen gewissen Typ.
[00:45:32.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde den echt fragen, für was brauchst du sie?
[00:45:38.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele sagen ja dann nein ich brauch das gar nicht, ich mach es einfach.
[00:45:41.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Bleiben sie ein bisschen auf dieser Thematik, was bringt sie dir?
[00:45:46.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht vorwurfsvoll: was bringt es dir eigentlich?
[00:45:50.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sondern wirklich neugierig.
[00:45:52.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie fühlst du dich dann besser?
[00:45:56.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es klingt, als ob er das als Abgrenzung verwendet gegen sie und das normale Volk.
[00:46:03.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Da könnte man ihn auch weiter fragen, inwiefern fühlst du dich anders oder inwiefern fühlst du dich da
fremd unter uns?
[00:46:13.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie tust du dich unterscheiden von den anderen Mitarbeitern?
[00:46:16.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man ihm schon die Möglichkeit gibt, zu sagen, wie er sich anders fühlt und dass er sich so ein
bisschen persönlich profilieren kann.
[00:46:26.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt macht er das mit den Zigaretten.
[00:46:29.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Klingt das irgendwie an oder gar nicht?
[00:46:36.990] – Bemerkung 4
Er sagt immer, das ist seine letzte Freiheit, die er sich noch nehmen kann. Er hat kein Geld und verdient
nichts, dann muss er auch nicht die beste Leistung abliefern.
[00:47:00.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da kann man in die andere Richtung gehen.
[00:47:04.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist schon so wie ich es wahrnehme.
[00:47:07.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man in die andere Richtung gehen.
[00:47:09.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat er langfristig für sich für ein Ziel?
[00:47:12.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf eine Art ist er hier nur wie ein einem Pubertierender.
[00:47:16.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertierenden sagen, ich mache, was ich will, aber du musst mich trotzdem noch unterstützen.
[00:47:22.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich dann in die andere Richtung gehen. Was ist denn sein langfristiges Ziel?
[00:47:26.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Welche Zigaretten Marke raucht er?
[00:47:42.090] – Bemerkung 4
Ich weiss es nicht, aber er geht überall für eine Zigarette betteln.
[00:47:48.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind wir schon wieder in einem Dilemma.
[00:47:52.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Er geht betteln. Ist das Freiheit, wenn er betteln geht?
[00:47:56.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder macht er den Buddha nach, der extra alles weg gegeben hat, damit er dann betteln gehen kann?
[00:48:01.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass sie zu dem Thema so ein bisschen von verschiedenen Seiten ran gehen.
[00:48:07.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Fragen Sie ihn auch einmal, was ist dein langfristiges Ziel?
[00:48:10.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Einfach Reklame zu machen fürs Rauchen?
[00:48:15.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Er könnte ja mal Fragen ob er auf so eine Reklame, Plakat drauf darf.
[00:48:23.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Er zelebriert seine Freiheit und seine Eigenständigkeit und eigentlich ist er ja alles andere als frei.
[00:48:29.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre jetzt auch wieder ein bisschen ein Teasing.
[00:48:37.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen ihn so ein bisschen herausfordern.
[00:48:41.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen überhaupt keine Richtung, sie lassen ihm das alles. Er darf gar nichts spüren, dass sie ihm
das wegnehmen wollen.
[00:48:54.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie könnten sogar sagen, willst Du einmal diese Marke probieren?
[00:48:58.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre eine paradoxe Intervention.
[00:49:06.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie reagieren die anderen auf ihn?
[00:49:11.360] – Bemerkung 4
Gewisse fürchten seine Reaktion wenn er keine Zigarette erhalten würde von ihnen.
[00:49:29.410] – Bemerkung 4
Ich sage jeweils, dass man ihm keine Zigarette geben muss.
[00:49:54.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können sie ihn auch teasen.
[00:49:55.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Er sagt es ist seine Freiheit eine Zigaretten zu rauchen, aber eben ja, er muss betteln gehen.
[00:50:01.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Andere müssen ihm dann eine Zigarette geben.
[00:50:04.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht eine so grosse Freiheit.
[00:50:06.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können ein bisschen spielen mit dem.
[00:50:08.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie könnten auch mal die anderen fragen, was sie denken, warum der das braucht, was ihre Theorie ist,
so wie sie mir jetzt das geboten haben und ich habe probiert, meine Theorie dazu zu sagen.
[00:50:20.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass sie ein bisschen eine Dynamik hineinbringen.
[00:50:24.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nur: ich will, nein gibt es nicht, sondern dass man noch ein bisschen Verspieltheit hineinbringt.
[00:50:30.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann dann die anderen fragen: Wann geben sie ihm eine Zigarette und wann geben sie ihm keine
Zigarette?
[00:50:32.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist es so ein bisschen mehr ein Gruppenprozess, dann wird er auch ein bisschen mehr integriert
über sein Rauchen oder nicht Rauchen.
[00:50:50.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist das eine Möglichkeit für Sie?
[00:50:50.840] – Bemerkung 4
Ja, versuchen wir es einmal.
[00:50:50.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt sind sie schon in dem gefangen, ich will ihn eigentlich ändern.
[00:50:55.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Er wehrt sich, nein ich lasse mich nicht ändern. Die anderen können das machen was sie wollen.
[00:51:04.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist schon ein bisschen gefangen im helfen wollen.
[00:51:09.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man helfen will, die drängen ja eigentlich alle nach Freiheit und Eigenständigkeit.
[00:51:16.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Abhängigkeit von der Substanz ist keine Abhängigkeit.
[00:51:20.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen von den Menschen unabhängig sein und sind dann von der Substanz abhängig. Das ist keine
Freiheit.
[00:51:27.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja spielen sie ein bisschen damit. Tun sie ihn ein bisschen teasen.
[00:51:35.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Teasen löst Lernverhalten aus.
[00:51:41.750] – Bemerkung 4
Dankeschön.
[00:51:50.090] – Bemerkung 5
Wir haben schon längere Zeit ein Frau mit einer Alkoholsucht, seit sie 14 Jahre alt ist, heute ist sie über
50 Jahre alt.
[00:51:59.760] – Bemerkung 5
Sie schafft es ab und zu mit Antabus trocken zu bleiben. Sie leidet aber ständig unter der Sucht, sagt sie.
[00:52:19.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Die hat schon seit sie 14 Jahre alt ist eine Alkoholsucht?
[00:52:23.350] – Bemerkung 5
Ja.
[00:52:24.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann würde ich mal zu dem zurückgehen. Was ist dort gewesen?
[00:52:27.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Mir hat mal ein Jugendlicher gesagt, der Alkohol ist wie meine Mutter.
[00:52:31.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Der gibt mir Wärme, Geborgenheit.
[00:52:36.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist gewesen bei ihr dort?
[00:52:37.860] – Bemerkung 5
Sie hatte kein (gutes) Verhältnis zur Mutter. Sie kann sich nicht daran erinnern, dass die Mutter sie jemals
in den Arm genommen hat.
[00:52:38.100] – Bemerkung 5
Sie ist eigentlich ein herzlicher, warmer Typ.
[00:52:49.290] – Bemerkung 5
Mit dem Vater hatte sie ein besseres Verhältnis, aber der war auch am Alkohol. Der Bruder war auch in
den Drogen, der hat sich das Leben genommen. Die Mutter ist dann an Krebs gestorben. Sie war
verheiratet und hatte auch einen Sohn, der Krebs hatte als kleiner Junge. Sie hat viele schwierigen
Sachen erlebt.
[00:53:17.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Oh je.
[00:53:20.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der würde ich wahrscheinlich eher schauen, was kann dir alles noch so ein schön warmes Gefühl
geben und durch schauen, was noch?
[00:53:30.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann nicht nur etwas sein, es müssen mehrere Sachen sein.
[00:53:34.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie stellt einfach automatisch auf den Alkohol um.
[00:53:39.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein legales Suchtmittel, das kann man nehmen.
[00:53:43.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man mit ihr diversifiziert und guckt, was für Situationen geben ihr ein gutes Gefühl, ein warmes
Gefühl, ein Geborgenheitsgefühl? Was kann sie machen, dass sie das auch erreicht?
[00:53:56.880] – Bemerkung 5
Ist es wirklich so, dass wenn jemand so Alkoholiker gewesen ist, dass der Suchtdruck, dass der immer da
ist?
[00:54:04.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kennt nichts anderes.
[00:54:06.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kennt nichts anderes um sich gut zu fühlen.
[00:54:08.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eben reflexartig und alle Suchtverhalten sind dann quasi eingebaut in das Gehirn, sehr reflexartig.
[00:54:16.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum müssen wir diversifizieren und schauen was könnte noch ein gutes Gefühl geben?
[00:54:21.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Möglichst nach verschiedenen Sachen suchen.
[00:54:25.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja man kann sie anerkennen, in dem dass sie das nicht gut gehabt hat, dass sie nicht gut genährt
worden ist.
[00:54:33.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man erwachsen ist, dann muss man sich selber nähren.
[00:54:37.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Über verschiedene Sachen, nicht nur eins.
[00:54:40.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ja langweilig nur über die Sucht sich zu nähren.
[00:54:45.080] – Bemerkung 5
Das wäre eigentlich möglich, dass sie loskommt von dem Suchtdruck.
[00:54:48.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde schon sagen, ja.
[00:54:50.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin natürlich schon lange Sucht Therapeutin.
[00:54:53.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage auch ich bin eine gottvergessene Optimistin.
[00:54:58.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich probiere immer noch irgendetwas zu machen.
[00:55:02.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Der 50-Jährige, der ist auch daraus rausgekommen, wirklich, voll.
[00:55:07.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen, ja, die sind oft alleine gelassen gewesen, verletzt und sie tun ihre verletzten Gefühle dann halt
mit dem Alkohol ertränken.
[00:55:16.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde schauen nach anderen Sachen, die auch gut wären.
[00:55:21.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nur eine Verhaltensweise, sondern mehrere.
[00:55:30.040] – Bemerkung 5
Sie ist auch eine Sozialhilfebezügerin, ist eingeschränkt in den Finanzen. Sie kifft jetzt auch eher mehr,
weil das günstiger ist.
[00:55:43.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist wie das Märchen vom Hans Christian Andersen, "das kleine Mädchen mit den
Schwefelhölzern".
[00:55:47.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Man zündet ein Zündhölzchen an und dann hat man eine Phantasie.
[00:55:50.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die meisten sagen dann, ja ich habe kein Geld und darum kann ich nichts machen.
[00:55:57.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt nicht.
[00:55:58.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann in seine Fantasie gehen, man kann alles mögliche machen.
[00:56:03.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht wieder nicht darum, aufzuhören mit dem, sondern Alternativen finden, sodass man es nicht mehr
braucht.
[00:56:20.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist immer das und so habe ich es eigentlich mit allen Süchtigen gemacht.
[00:56:25.430] – Bemerkung 6
Unterscheiden sie nicht zwischen Alkohol krank, Alkoholismus, Alkoholsucht? Gibt es überhaupt eine
Sucht?
[00:56:50.530] – Dr.med. Ursula Davatz
So schaue ich es nie an.
[00:56:53.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage Alkoholsucht, Alkohol krank, ist mir eigentlich egal.
[00:56:57.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor Jahren habe ich einen Artikel gehabt, da im Heft der Suchtberatung ags.
[00:57:02.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich gesagt Alkoholkrankheit oder Alkoholsucht ist weder eine Krankheit, noch ein Laster. Es ist
ein Verhalten.
[00:57:10.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein Zwangsverhalten, das man kann ändern.
[00:57:19.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss es ersetzen mit anderen Verhaltensweisen.
[00:57:24.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht Zeit und man muss dann Vertrauen haben in die anderen Verhaltensweisen.
[00:57:29.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde nie sagen, man kommt nie mehr daraus heraus.
[00:57:31.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, es gibt Clochards die unter der Brücke leben und die wollen gar nicht rauskommen.
[00:57:37.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann will ich sie auch nicht rausholen.
[00:57:41.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Danke fürs Mitmachen!
[00:57:48.510] – Bemerkung 7
Ja, danke vielmals. Herzlichen Dank!
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