Vererbte Verwirrung

ADHS war lange als Modediagnose für zappelige Kinder verschrien. Nun stellen immer mehr Eltern fest, dass auch sie daran leiden. Der dornenvolle Weg einer Mutter und ihrer Töchter.

ADHS war lange als Modediagnose für zappelige Kinder verschrien. Nun stellen immer mehr Eltern fest, dass auch sie daran leiden. Der dornenvolle Weg einer Mutter und ihrer Töchter. Von Patrizia Messmer

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Vererbte Verwirrung

Und auf einmal erschien alles logisch. Das Abschweifen, das zwecklose Anstrengen in der Schule, die Probleme mit dem Lernen, das Aufbrausen in Konflikten – was sie bei ihrer Tochter Anna beobachtete, kannte Iris auch von sich selber. Und als bei Anna dann ADHS diagnostiziert wurde, dämmerte es auch Iris.

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) kehrt gerade ein familiäres Grundprinzip um: Viele Eltern fragen sich nicht mehr nur: Hat das Kind geerbt, was ich habe? Sondern plötzlich auch: Habe ich, was das Kind hat? Es ist eine Frage, die so lange überhaupt nicht gestellt wurde. Über Jahre galt ADHS als Phänomen, das nur Kinder betrifft und sich mit der Pubertät auswächst. Und nur langsam kommt in der Gesellschaft an, was die Forschung schon länger weiss: Die Störung verschwindet nur gerade bei 15 Prozent der Kinder, die restlichen 85 Prozent begleitet sie auch noch im Erwachsenenalter. Man schätzt, dass 2 bis 5 Prozent aller Erwachsenen unter ADHS leiden. Doch um die 80 Prozent der Betroffenen wissen gar nichts davon, da die Störung kaum diagnostiziert wird.

In jüngster Zeit ändert dies nun aber. Zunehmend lassen sich auch Erwachsene auf das Syndrom untersuchen, wie Ursula Davatz, Psychiaterin und Leiterin der Beratungsstelle ADHS 20+, sagt. «Das wiederum hat damit zu tun, dass bei den Kindern in den vergangenen Jahren ein Umdenken in Bezug auf ADHS stattgefunden hat.» Immer mehr Kinder würden zur Abklärung geschickt. Und da ADHS zu einem grossen Teil erblich bedingt ist, fragen sich die Eltern nach der Diagnose dann plötzlich, ob nicht auch sie sich als Kind ganz ähnlich verhalten haben und ob nicht auch sie vielleicht ADHS haben. Es ist die Generation, die aufgewachsen ist, als ADHS noch Erziehungsversagen war und es noch keine Magnetresonanz- (MRI) und Computertomografie (CT) zum Nachweis der Störung gab.

Zu dieser Generation gehört auch die heute 57-jährige Iris. Sie hat sich vor kurzem – Jahre nach ihrer Tochter Anna – nun auch selber abklären lassen und dabei die Antwort erhalten, die seit dem Befund bei der Tochter im Unbewussten irgendwo schlummerte: Ja, auch sie hat ADHS. Mit dem richtigen Namen möchte sie daher nicht genannt werden – die Diagnose soll nicht das Erste sein, was man im Internet über sie findet.

Für Iris war ADHS jahrelang schlicht kein Thema. «In den 60er Jahren, als ich Kind war, hat noch niemand davon gesprochen», erzählt sie im Garten eines Migros-Restaurants im Aargau. Klar, Anzeichen hätte es bei ihr schon gegeben, wenn auch nicht die klassischen Zappelphilipp-Symptome. In der Schule hatte sie Mühe, sich zum Lernen durchzuringen, und kämpfte mit all den Prüfungs- und Abgabeterminen. Als 15-Jährige war sie schon mit den 20-Jährigen im Ausgang. Prioritäten zu setzten, kostete sie unglaublich viel Energie. Einmal sagte ihr ein Lehrer: «Du sprichst immer so schnell. Geh mal in die Sprech-Therapie.» Seither gab sie sich ihr Leben lang Mühe, langsamer zu sprechen. Aber ADHS? Das war kein Thema. Die Gesellschaft hat damals noch miterzogen und alle, die in irgendeiner Form aus der Reihe tanzten, wurden zurechtgebogen, manchmal auch «zurechtgeschlagen».

ADHS ist noch keine Krankheit

Obwohl sich schon vor 170 Jahren Ärzte mit dem Phänomen beschäftigten, wurde die Ursache von ADHS noch bis in die 80er Jahre oft als Erziehungsversagen, als Folge von mangelnder Sozialisierung oder schwierigen Verhältnissen abgetan. Erst neue technologische Möglichkeiten wie MRI und CT haben gezeigt, dass es sich bei der Störung tatsächlich um eine neurologische Veränderung handelt. Psychiaterin Ursula Davatz legt aber Wert darauf, ADHS nicht gleich als Krankheit zu betiteln. «Es ist erst einmal nur ein bestimmter Neurotyp, eine Veränderung im Hirn. Daraus muss keine Krankheit werden.»

Grundsätzlich geht die Wissenschaft heute davon aus, dass bei Menschen mit ADHS die Hirnstruktur verändert ist und die Funktion von verschiedenen Botenstoffen, vor allem Dopamin und Noradrenalin, gestört. Dopamin steuert unseren Antrieb und die Motivation, Noradrenalin die Aufmerksamkeit. Bei Menschen mit ADHS stehen diese Stoffe an den Stellen im Hirn, die für eine fokussierte Informationsverarbeitung zuständig sind, nicht ausreichend zur Verfügung. Störende Reize aus dem Umfeld werden daher nicht richtig herausgefiltert; sie prasseln wie ein Hagelsturm auf das Gehirn ein.

Dabei wird zwischen zwei Ausprägungen unterschieden: zwischen der klassischen ADHS und der blossen ADS, einem Aufmerksamkeitsdefizit ohne Hyperaktivität, das häufig bei Frauen vorkommt. Bei Menschen mit Hyperaktivität kommt neben Dopamin und Noradrenalin auch Serotonin, ein wichtiger Stimmungsregulator, nicht genügend zum Einsatz, was zu einer geringen Frustrationstoleranz und einem impulsiven Temperament führen kann.

Auch Iris’ Leben verlief oft stürmisch. Eigentlich wollte sie Lehrerin werden, doch sie hatte Angst vor dem vielen Lernen. Also machte sie stattdessen eine Berufslehre, war bereits mit 23 freiberuflich im kaufmännischen Bereich tätig, baute dann mit ihrem Mann ein weiteres Geschäft auf. Später kamen die Kinder, drei Töchter. Und schliesslich die Scheidung von ihrem Mann nach 20 Jahren Beziehung. «Ich habe mich selber immer zurückgestellt, mich auch in der Beziehung unter Druck gesetzt. Ich fühlte mich überverantwortlich und habe versucht, immer alles recht zu machen», sagt Iris.

In Beziehungen, beruflichen wie privaten, ist ADHS oftmals eine Herausforderung. Die Begeisterungsfähigkeit und Unternehmungslust von Menschen mit ADHS wirken zwar auf viele Leute mitreissend. Unzuverlässigkeit, Sprunghaftigkeit oder emotionale Umschwünge sorgen dafür oft für schwierige Situationen. Dazu leiden viele ADHS-Betroffene an einem geringen Selbstwertgefühl: Die ganze Kindheit über sind sie angeeckt, wurden zurechtgewiesen oder ausgeschlossen. Sie haben gelernt, dass sie den gesellschaftlichen Erwartungen nicht entsprechen und der Fehler bei ihnen liegt – keine guten Voraussetzungen für gesunde Beziehungen und eine Familiengründung.

Probleme in der Partnerschaft

Die gestressten Paare kommen dann zu Ruth Huggenberger. Sie arbeitet seit über 20 Jahren als Therapeutin und hat eben das Buch «ADHS – unter der Spitze des Eisbergs» herausgebracht, ein Ratgeber für Paare und Familien mit ADHS. «Die Paare kommen zu mir, weil sie viele Konflikte in der Beziehung haben. Im Verlaufe der Therapie stellt sich dann oft heraus, dass einer oder beide Partner ADHS haben und die Ursache der Probleme vielfach darin liegt.»

Auch bei Iris war es ein langer Weg zur Diagnose, den Stein ins Rollen brachte dabei ihre jüngste Tochter Tabita. Nach der Scheidung hatte sich Iris so organisiert, dass sie auch als Alleinerziehende mit ihren Töchtern zu Hause sein konnte. Sie arbeitete als Tagesmutter und gab Nachhilfeunterricht. Ihre jüngste Tochter war sehr schüchtern, im Unterricht traute sie sich nicht nachzufragen, Arbeitsblätter kamen oft leer nach Hause. Iris versuchte den Stoff mit ihr zu Hause nachzuholen. Irgendwann wurde der Druck für die Tochter zu gross, Iris wollte sie repetieren lassen. Dafür war eine psychologische Abklärung nötig. Die Diagnose: ADS. Trotzdem stellten sich Lehrerin und Schule quer. Erst nach einem halbjährigen Spiessrutenlauf durch alle Instanzen war eine freiwillige Repetition doch möglich, zur grossen Erleichterung der Tochter.

Was Iris und ihre Töchter erlebt haben, ist typisch für ein Leben mit ADHS: Bei Mädchen wird die Störung oft viel später erkannt als bei Jungen. Sie erhalten ihre Diagnose im Schnitt mit 17 Jahren, Knaben bereits mit 8. Die Statistik gab dabei lange an, dass Buben viermal häufiger betroffen seien. Heute liegt dieses Verhältnis nur noch bei 1: 1, 5. Diese langjährige Unterdiagnostizierung liegt vor allem daran, dass sich ADHS bei Mädchen anders manifestiert: «Mädchen zeigen nicht die typische Hyperaktivität, die bei den Jungen häufig auftritt», erklärt Ruth Huggenberger. Bei ihnen ist die Unruhe oft nach innen gekehrt, sie träumen tagsüber oder schweifen ab mit den Gedanken. Damit fallen sie weniger auf als die zappeligen Jungen.

Im Erwachsenenalter wird ADHS generell weniger gut erfasst, weil sich die Symptome verschieben: «Wie sich ADHS zeigt, hat viel mit den Lebensumständen zu tun. Bei Kindern fällt es oft erst in der Schule auf, wenn sie sich plötzlich an fixe Strukturen und Regeln halten müssen. Die Hyperaktivität verschwindet bei einem grossen Teil in der Pubertät und wandelt sich eher in eine innere Unruhe, ins Nicht-abschalten-Können», sagt Huggenberger. Dafür kommen im Erwachsenenalter andere Probleme aus dem Alltag hinzu: Termine einhalten, Steuererklärungen pünktlich ausfüllen, die Finanzen im Griff behalten.

Der Unterschied zwischen den Geschlechtern bleibt indes auch in diesem Alter bestehen: Bei Männern richtet sich die Aggressivität eher nach aussen, bei Frauen nach innen in Form von Selbstkritik und Selbstverletzungen. Im Extremfall heisst das: Männer mit ADHS werden häufiger delinquent, Frauen entwickeln häufiger Depressionen, Persönlichkeits- oder Essstörungen.

Wo bleibt Mama wieder?

Besonders herausfordernd wird dies, wenn ADHS in einer Familie gehäuft auftritt, Impulsivität verträgt sich nicht gut mit Impulsivität. «Viele Eltern versuchen auch, ihre Kinder vor Verhaltensweisen zu bewahren, die ihnen in der Kindheit oder später Schwierigkeiten bereitet haben», beobachtet Ruth Huggenberger.

Bei Iris und ihrer mittleren Tochter Anna fingen die Konflikte mit dem Kornett-Unterricht an. Anna war musikalisch begabt, ging schon früh in den Musikunterricht, der Kornett-Koffer war fast noch zu schwer für das kleine Mädchen. «Meine Mutter hat gesagt, sie kommt mich um sechs Uhr nach dem Unterricht abholen wegen des schweren Koffers. Aber sie war selten pünktlich da. Ich hatte damals noch kein Handy, und die Ungewissheit, wann sie denn kommt, war für mich schwierig.» Anna hätte sich Zuverlässigkeit gewünscht, schon als 10-Jährige waren ihr klare Strukturen wichtig. Sie halfen ihr, den Kopf für anderes frei zu haben. Für ihre Mutter hingegen waren genau diese Dinge schwierig: Verlässlichkeit, das Setzen von Prioritäten.

Die Konflikte nahmen zu, als Anna in die Oberstufe kam. Ihr fiel es schwer, sich zum Lernen durchzuringen. Die Mutter wollte verhindern, dass die Tochter in die gleichen Muster geriet wie sie selber früher. «Aber fünf Minuten zusammen Lernen führten mindestens zu zwei Stunden Streit. Und das ist nicht übertrieben», erzählt Iris.

Die Mutter liess Anna abklären, und wie bei der jüngsten Tochter kam auch bei ihr ADS heraus. Anna machte nach der Abklärung zwar einen kurzen Versuch mit Ritalin, doch sie konnte mit der Diagnose damals wenig anfangen, fühlte sich fremdbestimmt. Sie fand, ihre Mutter solle sich selbst abklären lassen. In den Jahren darauf verdrängte der Teenager die ADS. Erst als der Druck in der Lehre und Berufsmaturität zunahm und sie es trotz immer schlechteren Noten nicht schaffte, sich zum Lernen durchzuringen, liess sie sich selbst ein zweites Mal abklären.

«Von aussen ist das schwierig zu verstehen. Jeder hat ja einen inneren Schweinehund, den man ab und zu mal überwinden muss. Aber bei mir fühlte es sich oft an, als wäre dieser aus Blei. Und wenn andere sagen, jetzt hock dich doch einfach mal hin und lern halt, dann geht das nicht. Ich schaffe es physisch nicht, mich zu überwinden. Aber eben nicht, weil ich zu faul bin. Dann hätte ich ja den einfachsten Weg gewählt und mich bestimmt nicht drei Jahre durch die Berufsmatur gequält. Ich wollte es unbedingt schaffen, aber es ging einfach nicht.»

Die Welt wird nicht einfacher für Menschen mit ADHS: Wir leben dichter als früher, sind mobiler, die Digitalisierung verlangt ständige Verfügbarkeit. Ungeteilte Aufmerksamkeit ist zur Mangelware geworden, nicht nur bei Menschen mit ADHS. Umso mehr wird darum geworben, mit Algorithmen, Bewegtbild und forcierter Interaktion.

Das merkte auch Iris, spätestens als sie wieder ins Berufsleben einstieg. Sie fand eine Stelle im Personalwesen. Doch das Arbeitspensum war eigentlich zu klein für die Aufgaben, der Druck wurde bald zu hoch. Es fiel ihr schwer, die richtigen Prioritäten zu setzen, sie rannte der Arbeit stets hinterher. Eine Neuorientierung und eine Weiterbildung sollten Erleichterung bringen. Jedoch geriet Iris an der neuen Stelle an eine, wie sie sagt, narzisstische Vorgesetzte. Am Ende kündigte sie wegen Mobbings. «Ich stand morgens schon gestresst auf, und nachts ratterte es im Kopf immer weiter.» Sie wandte sich an die Psychologin, bei der auch Anna war, und liess sich jetzt – erst jetzt – ebenfalls auf ADHS abklären. «Es braucht erst einen gewissen Leidensdruck, um in diesem Alter etwas zu ändern», sagt sie dazu. Zudem habe sie sich in den 57 Jahren zuvor unbewusst Strategien angeeignet, um mit den Schwierigkeiten umzugehen.

Mehr Ritalin für Erwachsene

Nun nimmt Iris niedrig dosierte Medikamente, lernt, wie sie Einfluss nehmen kann auf ihre Schwachpunkte. Der ständige Nebel im Kopf ist einer neuen Konzentrationsfähigkeit gewichen. «Meine Lebenserfahrung war bisher, dass ich mehr leisten musste, um dasselbe zu erhalten wie meine Mitmenschen. Meine eingesetzte Zeit und Kraft hat nun endlich die gleich grosse Wirkung wie bei den Menschen, die dieses Handicap nicht mit sich herumtragen», sagt Iris, dankbar für diese neue Würde.

Mit dem Anstieg solcher Abklärungen hat auch die Abgabe von Medikamenten gegen ADHS zugenommen, besonders bei Erwachsenen: Laut der Krankenkasse Helsana haben die Verschreibungen von Ritalin bei Erwachsenen zwischen 2014 und 2020 um 47 Prozent zugelegt, deutlich stärker als bei den Jugendlichen, wo die Zunahme 19 Prozent betrug.

Auch Anna nimmt Medikamente. Sie haben ihr geholfen, die Lehre erfolgreich abschliessen zu können. Und auch jetzt, wo sie bald als Quereinsteigerin Lehrerin wird, will sie daran festhalten, um gut in den neuen Beruf zu starten. «Danach werde ich mit meiner Psychologin und Hausärztin schauen, wie ich sie nach und nach absetzen kann.» Ein Leben lang will sie die Medikamente nicht nehmen, weil sie sich damit manchmal etwas kalt und leer fühlt, als ob sie die Emotionen dämpften.

«Medikamente bringen eigentlich nur in der Schule etwas, oder bei Erwachsenen während Weiterbildungen, wo viel Konzentration verlangt wird», sagt Beraterin Davatz. Gleichzeitig raubten sie aber manchmal die Kreativität. Die Psychiaterin ist deshalb überzeugt davon, dass langfristig nur hilft, sich besser kennen- und mit sich umgehen zu lernen. «ADHS an sich ist nicht das Problem. Wenn man es richtig für sich zu nutzen weiss und Strategien für die Situationen hat, die Schwierigkeiten bereiten, kommen auch viele sehr erfolgreiche Menschen heraus.» Mozart zum Beispiel soll ADHS gehabt haben. Oder auch Steve Jobs. Sie haben es geschafft, sich ein Umfeld zu schaffen, in dem ihre Kreativität und ihre Begeisterungsfähigkeit voll zum Tragen kommen. «Zum Problem wird ADHS erst, wenn das Umfeld diese Eigenschaften kleinzuhalten versucht wie bei einem Bonsai», sagt Davatz.

In diesem Fall kann der Leidensdruck sehr gross werden: Neben der höheren Scheidungsrate ist auch die Arbeitslosenrate unter Menschen mit ADHS höher, sie wechseln häufiger den Job, verursachen mehr Unfälle, werden öfter delinquent, sind im Erwachsenenalter zu 80 Prozent von psychischen Folgekrankheiten wie Depressionen, Essstörungen, Zwängen, Sucht, Persönlichkeitsstörungen oder Schizophrenie betroffen. Der Leidensdruck gipfelt in einer Rate von Suizidversuchen, die bei Erwachsenen mit ADHS achtmal höher ist als bei Menschen ohne.

Iris und Anna gehen beide weiterhin zur Psychologin, um besser mit ihrer ADHS umgehen zu können. Die Mutter sagt: «Ich möchte meine Kinder erst ins Leben rauslassen, wenn sie möglichst all diese Knöpfe gelöst haben.» So lange auf der Suche gewesen und auch in der letzten Beziehung wahrscheinlich deswegen gescheitert zu sein, schmerzt Iris. Sie möchte ihren Töchtern derlei Erfahrungen so weit wie möglich ersparen.

Tochter Anna ist 30 Jahre früher auf diesem Weg. Und sie ist froh darüber, dass das gesellschaftliche Bewusstsein für ADHS heute so viel grösser ist als damals bei ihrer Mutter und dass sie ihre typischen Symptome einem Grund zuordnen kann, der einen klaren Namen hat. Sie sagt: «Ich wünschte, meine Mutter hätte sich nicht so lange allein durchkämpfen müssen.»

Die Vornamen von Iris, Anna und Tabita wurden geändert.

Das Abschweifen, das zwecklose Anstrengen, das Aufbrausen – alles, was sie bei ihrer Tochter beobachtete, kannte Iris von sich selber.

Störende Reize aus dem Umfeld werden nicht richtig herausgefiltert, sie prasseln wie ein Hagelsturm auf das Gehirn ein.

Erfahrene Expertinnen

Ursula Davatz leitet die Beratungsstelle ADHS 20+ für Erwachsene. Ruth Huggenberger arbeitet als Psychotherapeutin und ist Buchautorin.

Die ADH-Störung in Zahlen

2–5 % So hoch ist die Quote der Erwachsenen mit ADHS, das Phänomen ist allerdings wohl stark unterdiagnostiziert. 70–80 % So hoch ist das Risiko, dass die Störung von Eltern an Kinder vererbt wird. 14 So viele verschiedene Gene sind laut derzeitigem Stand der Wissenschaft an der Ausbildung von ADHS beteiligt. 80 % So hoch ist die Rate der Erwachsenen mit ADHS, die an Folgekrankheiten wie Sucht oder Depressionen leiden. 47 % Um so viel hat bei der Helsana die Verschreibung von ADHS-Medikamenten an Erwachsene innert 7 Jahren zugenommen.

Bildlegende: Nebel, Tagträume, Löcher in der Konzentration: ADHS ist eine Diagnose, die einem kaum Ruhe lässt.

NZZ am Sonntag, Hintergrund/Gesellschaft, 14. August 2022, Seiten 16–17.

Schulverweigerung bei Kindern mit ADHS und Lernstörungen

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

10.9.2020

Schulverweigerung bei Kindern mit AD(H)S und Lernstörungen
Audio

[00:02:16.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüssen zum heutigen Abend.

[00:02:38.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Verstehen alle Schweizerdeutsch? Muss ich nicht auf Hochdeutsch sprechen?

[00:02:45.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes möchte ich meiner großen Freude Ausdruck geben. Vor 62 Jahren war ich genau in diesem
Saal als junge, angehende Kantonsschülerin. Wir wurden hier begrüßt, als die zukünftige Elite von
Kanton Aargau.

[00:03:03.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Damals gab es nur eine einzige Kantonsschule in Kanton Aargau. Darum sind wir aus dem ganzen
Kanton zusammengekommen, das hatte den Vorteil, dass man nachher im ganzen Kanton vernetzt ist.

[00:03:16.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gab noch keine Kantonsschule Baden, noch keine Kantonsschule Wohlen, sondern nur die
Kantonsschule Aarau.

[00:03:24.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ein kleines Kabarett von Franz Kohler gespielt am Schülerabend und ich habe den kleinen
Ententeich gespielt. Der hier unten ist. Er ist noch genau gleich wie hier unten. Es hat mich natürlich sehr
gefreut, dass ich das alles noch antreffe.

[00:03:43.160] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne ist das meine Alma Mater im Gymnasium und es bringt natürlich unheimlich viele
Erinnerungen in mir wieder auf, wenn ich hier rumlaufe, an jeder Ecke ist irgendeine Erinnerung.

[00:03:56.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt gehen wir zum Vortrag.

[00:03:59.240] – Dr.med. Ursula Davatz

Das Thema heisst "Schulbeweigerung bei Kindern mit ADHS" und ich sage ADHS und ADS. Ich nehme
sie auseinander und Lernstörungen.

[00:04:11.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erzieung der Kinder hat zum Ziel, dass die Kinder sozialisiert werden, sodass sie möglichst optimal
auf das Erwachsenenleben vorbereitet sind.

[00:04:26.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere heutige Gesellschaft, es war nicht immer genau gleich, sie ist sehr stark auf Leistung
ausgerichtet, Leistung, die man in der Wirtschaft dann brauchen kann.

[00:04:37.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schüler werden auch getrimmt, in dieser Leistungsgesellschaft zu Gange zu kommen.

[00:04:44.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, die Schule bietet an erster Stelle Normierungsprozesse an, wie man sein muss, dass man
dann erfolgreich ist in der Gesellschaft und möglichst viel Geld verdient.

[00:04:58.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gestern Abend einen Vortrag gehört von Allan Guggenbühl und er hat die Schule sehr kritisch
beleuchtet, aber auch sehr fein.

[00:05:25.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat dann so Fragen gestellt, sind Kinder eigentlich für die Schule da oder ist die Schule für Kinder da?

[00:05:31.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig hat man das Gefühl, die Kinder sind eher für die Schule da. Er hat eine weitere Frage gestellt,
werden Kinder in der Schule gescheiter oder werden sie dümmer?

[00:05:44.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Jürg Jegge hat gesagt Dummheit ist lernbar.

[00:05:56.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt, man kann, wenn die Schule nicht auf das Wesen des Kindes angepasst ist, kann es beim
Kind auslösen, dass es eher dümmer wird, respektive seine Persönlichkeit nicht entwickelt.

[00:06:11.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Drittel läuft normal, ein Drittel läuft schlecht und recht und ein Drittel läuft ganz schlecht.

[00:06:25.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat auch der Allan Guggenbühl gebracht, ein Drittel fällt irgendwie raus und hat Probleme oder läuft
nicht gut in der Schule.

[00:06:35.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben heute Abend das Thema ADHS und Schulverweigerung.

[00:06:40.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder mit ADHS, die passen nicht in den Regelunterricht.

[00:06:45.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe sehr viele Geschichten, wie sich die Lehrer die Zähne und das Gehirn an den Kindern
ausbeissen, wie diese Kinder aus den Schulen rausgenommen werden und in Privatschulen, in Heime
gesteckt werden.

[00:07:01.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich etwas zum ADHS sage, sage ich als Ärztin, dass es keine Krankheit ist. ADHS ist eine
spezifische Persönlichkeit, die genetisch vererbt ist.

[00:07:19.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das weiss man unter dessen auch, dass ADHS in ganz vielen Varianten vorkommt.

[00:07:24.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Im medizinischen System wird es nach wie vor als Krankheit behandelt, damit die Krankenkassen zahlen.
Oft entstehen Folgekrankheiten.

[00:07:32.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ADS und das ADHS sind aus meiner Sicht keine Krankheiten.

[00:07:41.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist das psychische Zustandsbild. Ich darf jetzt nicht sagen Krankenheitsbild, die Persönlichkeit, die am
meisten genetisch bestimmt ist.

[00:07:54.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum passen die ADS und ADHS Kinder nicht so gut in das Schulsystem?

[00:07:59.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme nur ein paar spezifische Persönlichkeitseigenschaften heraus.

[00:08:07.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Sowohl die ADHS Kinder wie auch die ADS Kinder haben Probleme mit Impulskontrollen.

[00:08:16.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, sie können ihre Emotionen nicht so gut steuern.

[00:08:21.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den ADHS Kindern geht der Impuls dann nach aussen, sie reden rein, sie stören den Unterricht, wenn
ihnen etwas in den Sinn kommt, sagen sie es sofort, ohne auszustrecken, sie fallen dem Lehrer ins Wort.

[00:08:30.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es ihnen in der Stunde langweilig ist, fangen sie ihren Nachbarn an zu stören. Man muss ja
irgendwie Unterhaltung haben.

[00:08:43.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das freut dann die Lehrerinnen und Lehrer nicht so.

[00:08:47.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf dem Pausenplatz verwickeln sie sich oft in Streitigkeiten.

[00:08:55.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt, Familien mit ADHS und es läuft in der Familie, haben mehr Beziehungsabbrüche,
Scheidungen, Stellenwechsel etc.

[00:09:05.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Konflikte werden oft mit Aggression und wenn es nicht mehr weitergeht mit der Aggression, dann mit
Beziehungsabbruch gelöst.

[00:09:16.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Schulsystem reagiert auf das impulsive, unkontrollierte Verhalten mit Bestrafung.

[00:09:24.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn allzu viel Bestrafung passiert, dann hat das Kind schlussendlich genug. Es verweigert die Schule,
es geht nicht mehr in die Schule. Oder es wird von der Schule ausgeschlossen und es heisst, es ist nicht
beschulbar, das muss in eine Institution.

[00:09:45.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Carlos, der durch alle Zeitungen geschleift wurde, wo man jetzt ein extra Gefängnis für ihn baut, ist
aus meiner Sicht ein 100% ADHS Kind, das man nicht sehr geschickt behandelt hat. Man hat ihn
eingesperrt, weiss Gott nicht was alles und man sieht das Resultat, was rausgekommen ist.

[00:10:05.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Justizsystem ist nicht in der Lage, mit denen umzugehen.

[00:10:08.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Methoden, die sie anwenden, sind genau die Methoden, die ich sage, dürfen wir nicht anwenden bei
ADHS Kindern.

[00:10:14.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es dann schon mal so weit gelaufen ist, wird es schwierig.

[00:10:19.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die schlechte Impulskontrolle, ein ganz kleines Kind, hat auch noch keine Impulskontrolle, aber bei den
ADHS Kindern kommt die Impulskontrollte verspätet und ist nie so gut wie bei den anderen Kindern.

[00:10:35.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sie weiter haben, und eigentlich müsste ich das vorhin schon sagen, ist eine hohe Sensibilität. Sie
sind sehr empfindlich, sie nehmen alles wahr. Wenn ich eine Mutter frage, welches Kind merkt zuerst,
wenn es ihnen schlecht geht, sagt sie immer, es sei das ADHS Kind.

[00:10:50.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie nehmen alles wahr. Wenn man gegen sie vorgeht, wenn man sie kritisiert, schockiert oder etwas sagt,
was ihnen nicht passt, dann werden sie aggressiv.

[00:11:05.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihre hohe Sensibilität führt dann zu einer hohen Reaktivität und zu einer aggressiven Abwehr.

[00:11:12.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber es ist vorne dran immer eine Verletzung. Die sieht man meistens nicht, man sieht nur die
Aggressivität und auf die wird reagiert.

[00:11:20.520] – Dr.med. Ursula Davatz

Wie es entstanden ist, das schaut man nicht so genau an. Man will sie gleich wieder zum konformen
Verhalten bringen.

[00:11:28.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein weiteres Symptom ist ihre Ablenkbarkeit.

[00:11:33.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind ablenkbar ist, lernt es nicht genug.

[00:11:39.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind dann ablenkbar, wenn der Lehrer nicht interessant genug berichtet. Wenn er zu langfädig ist oder
wenn es langweilig ist, dann holen sie sich von anderen Seiten wieder Aufmerksamkeit, Stimulation.

[00:11:56.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Allan Guggenbühl hat auch gesagt, dass die leichte Ablenkbarkeit eine versteckte oder vergessene
Klugheit.

[00:12:07.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ablenkbarkeit ist eine Offenheit.

[00:12:10.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es langweilig ist, muss man schauen, was sonst noch läuft auf dieser Welt und sich mit dem
beschäftigen.

[00:12:19.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ablenkbarkeit ist auch Sensibilität.

[00:12:25.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie nehmen viel mehr war als ein Durchschnittsmensch wahrnimmt.

[00:12:26.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lehrer und die Lehrerin wollen ihr Program durchbringen und dann stört die Ablenkbarkeit.

[00:12:39.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich müssten wir allen Lehrer und Lehrerinnen sagen, wenn ihre Kinder nicht aufpassen, dann
müssen sie ihren Unterricht etwas interessanter gestalten.

[00:12:50.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist einfacher gesagt als gemacht.

[00:12:51.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Zudem haben die Kinder natürlich so viel Ablenkbarkeit, also von den interessanten Videospielen usw.

[00:12:59.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lehrer hat heutzutage viel mehr Konkurrenz als früher.

[00:13:06.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann auch gefragt, was er macht, wenn die Kinder Videospiele spielen und die interessanter
sind als die Schule?

[00:13:14.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss schauen, was in den Videospielen gemacht wird und dann muss man ein interessanteres Spiel
machen.

[00:13:22.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das ist möglich, denn die sind alle gleich programmiert.

[00:13:31.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo es langweilig wird, verkaufen sich viele als Clowns in der Klasse.

[00:13:39.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich lustig, denn dann haben sie die Aufmerksamkeit und sind die Konkurrenz zum Lehrer.
Der Lehrer hat aber nicht so Freude.

[00:13:45.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gab eine Klasse, die nur Scheiss gemacht hat, nicht aufpasste. Alle Lehrer hatten ein Burnout.

[00:14:03.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich hat die Schulpflege einen pensionierten Lehrer wieder reingeholt und der ist dann zum
Lehrer Pult gesessen.

[00:14:12.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben die Kinder alles durcheinander gemacht, Dinge aus dem Fenster geworfen, er sass einfach am
Pult und hat Zeitung gelesen.

[00:14:20.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht diszipliniert.

[00:14:23.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Am zweiten Tag hat er ein Buch gelesen und die Kinder haben wieder lauter Scheiss gemacht.

[00:14:28.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich kam eines der Kinder und hat gefragt, wann er endlich mit dem Unterricht beginnen
würde.

[00:14:35.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann waren die Kinder bereit.

[00:14:37.080] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne, nicht jeder kann sich das natürlich leisten.

[00:14:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man andere Verhaltensweisen an den Tag legt, dann kann man den Teufelskreis unterbrechen und
dann kommt der intrinsische Lernwillen, das heisst der Lernwillen, der von innen kommt.

[00:15:02.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Prinzipiell sind an sich alle Kinder lernwillig, lernbegierig. Sie wollen eigentlich lernen, aber man bietet es
halt nicht jedem Kind nach seiner Art an.

[00:15:14.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die braven Kinder, die nicht so wild sind, die machen da mit, aber ADHS Kinder, die haben Probleme.

[00:15:23.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo sie dann immer bestraft werden, eine gelbe oder rote Karten bekommen und dann
ständig bestraft werden, mit der Zeit verleidet ihnen die Schule und dann verweigern sie die Schule.

[00:15:40.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben wir die Schulverweigerung.

[00:15:40.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt noch schnell zu den Kindern mit ADS.

[00:15:48.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Das H steht für Hyperkinese, also starke Aktivität.

[00:15:53.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder mit ADS sind genau gleich sensibel, manchmal noch sensibler.

[00:15:59.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute würde man sie unter hochsensibel darstellen.

[00:16:02.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ADS Kinder abgelenkt werden, gehen sie eher nach innen.

[00:16:09.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie versinken in Träumen, sie schauen zum Fenster. Sie können sich innerlich eine ganze Geschichte
erzählen und verpassen den ganzen Unterricht.

[00:16:21.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer merken das oft nicht, weil sie nicht stören.

[00:16:28.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die mit H, also die ADHSler stören, aber die, die träumen, abschweifen, die schlafen irgendwo, respektive
wandern in die Träume ab und die verpassen dann den Unterricht.

[00:16:42.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die hängen wieder ein, das ist bei den ADHSler und ADSler so, wenn sie ihr Ding finden, das was sie
interessiert, dann können sie hyperfokussiert sein und dann hängen sie sich ein und dann arbeiten sie.

[00:17:03.680] – Dr.med. Ursula Davatz
ADS Kinder können wegen ihrer Sensibilität, können auch sehr schüchtern sein.

[00:17:15.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADS Kinder haben aber mehr Angst vor neuen Situationen. Eine neue Situation ist am Anfang der
Schule.

[00:17:24.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich jetzt eine Mädchen, die zur Schule gehen soll und die weigert sich schon am ersten Tag.

[00:17:31.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat dann die Lehrerin gesagt? Man soll sie einfach einsperren, damit sie nicht wegrennen kann.
Absolut falsch aus meiner Sicht.

[00:17:40.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht Angst. Wenn man solche Massnahmen, so vergewaltigende Massnahmen bei den Kindern
ergreift, dann haben sie oft ewig eine Schulverweigerung. Dann bringt man sie nie mehr richtig in die
Schule.

[00:17:56.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind oft pädagogische Massnahmen.

[00:17:58.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte gerade eine Lehrerin die das gesagt hat und ich habe dann zur Mutter gesagt, nein, das darf
man nicht machen darf.

[00:18:06.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss das Kind langsam in die Schule führen können. Man muss herausfinden und bei jedem Kind
ist wieder eine andere Situation, wie man es an die Schule angewöhnen kann.

[00:18:17.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal müssen die Mütter noch länger bleiben und dann macht man den Müttern immer Vorwürfe,
dass sie die Kinder nicht loslassen. Das ist manchmal so, aber es muss nicht so sein.

[00:18:30.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mutter muss als Übergangsbegleiter, wie beim Stafettenlauf, eine Zeit lang mitgehen, bis sich das
Kind wohl fühlt.

[00:18:40.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Als das Kind die Schule verweigert hat, das war nicht ein Erstklassler, das war schon in 5. Klasse oder
so, da habe ich dann gesagt, der Lehrer müsse nach Hause kommen und eine Beziehung zu dem Kind
herstellen.

[00:18:55.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat das gemacht, er ist mit dem Kind ins Zimmer gegangen, sie konnte ihm zeigen, was sie hat, und
so wurde eine Beziehung hergestellt und dann ging sie wieder in die Schule.

[00:19:08.720] – Dr.med. Ursula Davatz

Am Montag ging sie wieder nicht in die Schule, weil dort die Heilpädagogin war.

[00:19:16.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Nichts gegen Heilpädagogen, ich kenne gute Heilpädagogen.

[00:19:20.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Problem der Heilpädagogen im jetzigen Schulsystem, die müssen sich spezifisch auf das Kind
beziehen. Dadurch wird das Kind aus der Gruppe herausgehoben. Dadurch wird es vielleicht wieder von
den anderen gehänselt und wird anders behandelt als die anderen.

[00:19:37.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das mögen die meisten Kinder nicht. Die Kinder wollen ja im Gruppenverband sein.

[00:19:43.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat immer nur am Montag verweigert, weil die Heilpädagogin dort war.

[00:19:49.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat gesagt, sie stelle so blöde Fragen oder geht so fest auf mich ein. Das hatte sie gar nicht gerne.

[00:19:58.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein weiterer Punkt, Lernstörungen.

[00:20:04.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss nicht genau, wie es zusammenhängt, aber viele von den ADHS Kindern haben Lernstörungen.

[00:20:09.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die bekannten Lernstörungen sind Lese- und Rechtschreibestörung, Legasthenie und Dyskalkulie.

[00:20:19.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch Störungen im finmotorischen Bereich, die sind dann nicht gut in der Handarbeit und im
Werkunterricht.

[00:20:29.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Störungen im grobmotorischen Bereich, also Hand, Auge, Koordination.

[00:20:36.880] – Dr.med. Ursula Davatz

Gewisse können sie sehr gut sein im feinmotorischen Bereich und schlecht im grobmotorischen Bereich
und umgekehrt.

[00:20:41.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Gut im Fussballspiel, aber schlecht im handwerklichen Bereich.

[00:20:46.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gibt es die auditive Diskriminierungsstörung.

[00:20:49.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist früher noch mehr gesagt worden, heute reden wir nicht mehr so viel davon, aber es gibt sicher
einige.

[00:20:55.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte selber eine Lehrerin als Therapeutin, als Erwachsene Person. Die Person hat gesagt, sie konnte
lesen, aber sie hat gar nichts verstanden. Einfach nichts verstanden. Da ist im Hirn etwas anderes. Da
wird von den Lauten, die man selber macht, vom Schriftbild, das man macht, man kann das lesen, man
kann es aussprechen, aber es wird nicht rüber transportiert ins kognitive Hirn.

[00:21:20.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der auditiven Diskriminierungsstörung, wenn die Kinder dann noch eine Mutter, einen Vater oder eine
Lehrerin haben, die ganz fest auf sie einschwatzen, die ersten vier Wörter bleiben hängen und der Rest
geht verloren.

[00:21:35.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum sagt man, man darf ihnen nur einen Befehl auf einmal geben und nie viele und nacheinander und
nur in einem kurzen Satz.

[00:21:45.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Erwachsenen, die ja alle so intelligent sind, haben dann oft die Tendenz, dass man sagt, man muss
das und dann erklärt man und erklärt man und erklärt man und macht so einen Overkill.

[00:22:00.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Also am Schluss hört das Kind gar nichts mehr.

[00:22:02.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat den Kindern Spiele gegeben und man hat drei Kategorien gemacht.

[00:22:07.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der ersten Gruppe hat man alles erklärt und dann haben die Kinder damit gespielt. Bei der zweiten
Gruppe hat man halb erklärt und gesagt, mach weiter. Bei der dritten Gruppe hat man das Spiel nur
abgegeben und gesagt du kannst damit machen, was du willst.

[00:22:23.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der dritten Gruppe, in der man gar nichts erklärt hat, haben die Kinder am längsten damit gespielt.

[00:22:31.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das zeigt genau, dass Kinder neugierig sind, lernbegierig sind und dass sie herausfinden wollen. Sie sind
alles kleine Erfinder.

[00:22:45.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil haben sie auch eine andere Warnehmung, auch sensorisch.

[00:22:48.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Da erzählen die Mütter, sie ertragen kein Wollen auf der Haut. Vom Geschmack her essen sie nur eine
einzige Salatsauce, Nudeln und Butter und sonst nichts.

[00:23:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte so einen. Da hat man Angst, dass sie werden nicht richtig ernährt.

[00:23:06.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat Untersuchungen gemacht mit Kindern, die ganz verschiedene Diäten zu sich genommen haben.
Es gab keine Mangelerscheinung.

[00:23:20.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss nicht, wie das passiert ist, irgendwie sind sie zu ihrer Ernährung gekommen.

[00:23:22.620] – Dr.med. Ursula Davatz
In unserer Schule zählt immer noch Schreiben und Rechnen.

[00:23:30.430] – Dr.med. Ursula Davatz
In den englischen Schulen zählt Sport und in den amerikanischen auch viel.

[00:23:37.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei uns muss man lesen und rechnen können.

[00:23:41.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man in einem oder in beiden Gebieten schlecht ist, ist man einfach ein dummer Schüler.

[00:23:48.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann die Kinder halt eben diese Lese und Rechtschreibungsstörung haben und dann im Diktat auf
einer Seite 40 Fehler oder mehr haben, alles ist rot, dann ist das ein Problem.

[00:24:00.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen Erwachsenen, und der hatte eine Legasthenie, also Lese- und Rechtschreibestörung.

[00:24:13.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lehrer, das ist jetzt schon ein paar Jahre her, aber es hätte auch dort nicht sein sollen, hat der Lehrer
den Schüler vor die Klasse genommen und ihn beschämt.

[00:24:25.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihn fertig gemacht, was er für viele Fehler hat.

[00:24:28.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Schüler wurde dann drogensüchtig. Wir wollten ihn in eine Leere reinbringen, praktisch hat er gut
geschafft, aber in die Schule haben wir ihn nicht mehr gebracht.

[00:24:43.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeden Morgen ist es ihm schlecht geworden. Er hat die ganze Nacht nicht geschlafen und wollte um alles
in der Welt nicht mehr in die Schule gehen.

[00:24:51.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beschämung war etwas vom Schlimmsten.

[00:24:54.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Beschämung kann man verwenden, wenn man Ausweichverhalten einem Kind oder einem Erwachsenen
beibringen will.

[00:25:04.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Eskimo machen das, wenn ein Kind im Frühling aufs Eis geht, wo man eigentlich nicht mehr aufs Eis
gehen sollte, denn das Eis könnte dann einbrechen.

[00:25:14.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ruft man die ganze Gemeinschaft zusammen und lacht das Kind öffentlich aus.

[00:25:20.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind geht nie mehr aufs Eis im Frühling. Das will man dort erreichen.

[00:25:25.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ein Schulkind beschämt in Schule, dann geht es nie mehr zur Schule.

[00:25:30.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ja nicht das, was man will. Das wäre eine negative Pädagogik, eine negative Motivierung, die
nicht funktioniert.

[00:25:40.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird aber dennoch häufig von Eltern, vom Lehrer kann man nicht genau sagen, aber es wird noch
häufig gemacht.

[00:25:48.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man meint, wenn man dem Kind aufzeigt, wie schlecht es ist, das würde es im Ehrgeiz motivieren,
dass es dann mehr lernt.

[00:25:56.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Das funktioniert nicht.

[00:26:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder können, und das sind oft Mädchen, ich habe eine 50jährige Patientin, die ist ganz sicher eine ADS
Kind, also eine Frau.

[00:26:13.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man schlecht ist in der Motorik, in der Koordination schlecht im Ball spielen. Früher ist das immer
so gemacht worden, es wird zum Teil auch heute noch gemacht, dass die Captains die Mannschaft
wählen dürfen.

[00:26:26.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst werden alle Guten gewählt und am Schluss werden die Schlechten gewählt.

[00:26:32.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann werden die, die motorisch schlecht sind, immer am Schluss gewählt.

[00:26:37.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sich nicht vorstellen, wie fest sich diese genieren.

[00:26:41.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn es keine schlechte Note gibt, sozial ist das so diskriminierend.

[00:26:47.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum ist das Wählen nach dem Besten, da sind wir wieder bei unserer Leistungsgesellschaft, keine gute
Methode, um die Kinder zu integrieren und mitzunehmen.

[00:27:00.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beschämung ist ein ganz schlimmes Gefühl.

[00:27:07.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage immer, die Beschämung wird verwendet, Scham und Schuld sind nahe beieinander.

[00:27:15.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird an sich verwendet, um das Individuum zur Gruppe zu normieren.

[00:27:25.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Kinder sind nicht so leicht normierbar und dann werden sie nur aus der Gruppe ausgeschlossen.

[00:27:33.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nur, wenn man will, dass sie etwas nicht mehr machen die Kinder beschämen, so wie es die
Eskimos machen. Das ist sehr sehr selten.

[00:27:39.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir unsere Schulverweigerer haben, ich habe ein Kind, das ist zwei Jahre nicht in die Schule
gegangen. Das ist ein ADS Kind, und die hat man nie mehr richtig in die Schule gebracht. Ich denke, alle
Methoden, die man angewendet hat, haben einfach nicht funktioniert.

[00:28:09.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo ein Kind die Schule verweigert, stehen die Eltern vor einem Problem.

[00:28:15.760] – Dr.med. Ursula Davatz
In unserem Land ist die Schulpflicht gesetzlich verankert.

[00:28:21.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind nicht in die Schule geht, aus Scheuheit, weil es beschämt wurde oder weil es gemobbt
wurde. Das kann es auch geben.

[00:28:31.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Dunkelhäutige, die zum Beispiel gemobbt wurden. Wenn sie nicht ganz brilliant sind in der
Schule, dann fallen sie schnell unten raus.

[00:28:44.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo das Kind nicht in die Schule geht, kommen die Eltern unter Druck, dann fangen sie an,
Druck auf das Kind aufzusetzen.

[00:28:54.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt man in einen Teufelskreis.

[00:28:56.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Je mehr man Druck auf das Kind aufsetzt, umso weniger bringt man das Kind in die Schule.

[00:29:02.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das vergleiche ich die ADHS Schüler mit Eseln.

[00:29:05.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Eseln kann man auch nicht zu etwas zwingen.

[00:29:07.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss ihnen Zeit lassen, bis sie mitmachen.

[00:29:10.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Je mehr die Eltern verzweifelt sind und Druck aufsetzen, umso weniger geht das Kind in die Schule.

[00:29:17.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn, die Kinder sind ja alle hochsensibel, die merken die Nervosität der Mutter und dann funktioniert gar
nichts mehr.

[00:29:26.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ein Beispiel von einem jungen Bub, acht Jahre alt war er. Er ging zu einer Lehrerin und die hat
ein bisschen laut gesprochen. Es war eine Deutsche, das ist nichts gegen Deutsche, aber er war sehr
sensibel und hat das nicht ertragen.

[00:29:47.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist er abgehauen, nach Hause gegangen und hat gesagt, er erträgt das nicht.

[00:29:59.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, er hat sich dann falsch verhalten.

[00:30:01.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schule hat mit der Mutter Kontakt aufgenommen und irgendwie hat das alles nicht geklappt.

[00:30:08.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kindergärtnerin von diesem Jungen hat gesagt, dass er bei ihr auch immer davon gerannt ist, aber
dass er immer wieder gekommen ist.

[00:30:15.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat es gemacht, wie der Lehrer, der Zeitung gelesen hat, sie hat gewartet, bis er wieder kommt.

[00:30:25.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrerin hat das nicht gemacht, sie hat gleich die nächste Massnahme eingeleitet.

[00:30:26.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich ging alles zum KESB und schlussendlich wurde der Junge mit der Polizei von zu Hause
abgeholt und in ein Heim gesteckt.

[00:30:35.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war schon da, aber konnte es nicht mehr verhindern.

[00:30:38.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, die Mutter hat es vielleicht nicht alles ganz gut gemacht, aber er hätte nicht in ein Heim gehen
müssen.

[00:30:44.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Es war ein intelligenter Junge.

[00:30:46.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kommunikation zwischen Schule, Lehrerin und Mutter hat nicht funktioniert.

[00:30:53.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind war das, was weggesperrt wurde.

[00:30:58.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Das andere Mädchen, das habe ich schon erzählt, die ist auch eine ganz Scheue.

[00:31:02.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwie hat man nie den Anschluss in der Klasse gefunden. Man hat nicht herausgefunden, wie und
was und schlussendlich hat man dann eine Sonderbewilligung gemacht, dass sie in einem Heim in die
Schule muss aber immer noch zuhause schlafen darf.

[00:31:22.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wurde jeden Tag von den Eltern hochchauffiert.

[00:31:25.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat sie im Heim gemacht? Sie ist dort auch nicht in die Schule gegangen. Sie ist vor der Türe
gesessen. Riesenaufwand, viel Geld, kein Resultat.

[00:31:38.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein anderes Kind, das hat sich an einem Sporttag sehr angestrengt und hat dann ein anstrengendes
Asthma gemacht. Das löst Angst aus.

[00:31:53.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Angst, die sie dann hatte, hat sich auf den Schulort übertragen. Die hat dann auch die Schule
verweigert.

[00:32:02.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie war dann vier Wochen lang im Kantonspilal Aarau. Die Mutter musste im Zimmer übernachten.

[00:32:07.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort habe ich geholfen, sie nach der Sportferien wieder in die Schule einzugliedern.

[00:32:13.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben das alles versprochen, wie und was vorgehen und sie ist wieder in die Schule.

[00:32:19.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Wiedereinstieg muss immer zusammen mit den Eltern, der Schule und dem Lehrer gemacht werden.

[00:32:27.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen BEZ Schüler, der war wahrscheinlich auch ein ADS Kind, sehr sensibel, der ist aber
immer davon gerannt.

[00:32:37.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben wir eine Sitzung gemacht mit den Eltern, ohne den jungen, der Klassenlehrerin und dem
Schulleiter. Ich hatte die Idee, dass jedes Kind der Klasse diesen Jungen eine Woche lang begleiten
muss, als Begleiter.

[00:32:56.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Er darf ihn beschützen von den Übergriffen der anderen. Er darf ihm aber auch sagen, dass er sich nicht
so gut benommen hat. Also er darf ihm auch ein wenig Rat geben.

[00:33:08.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mädchen haben das zuerst gemacht, die sind sozial oft schon etwas weiter. Man hat die ganze
Klasse durchgemacht, alle Mädchen, alle Buben und das hat bestens funktioniert. Er ist so wieder in die
Schule eingegliedert worden.

[00:33:21.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Einmal ist er wieder davon gerannt, das war in dem Moment, als er am Turnen war und ein Mädchen ihn
hätte begleiten sollen.

[00:33:33.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind die Jungen und die Mädchen schon von einander getrennt gewesen.

[00:33:36.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur die Jungs im Turnen. Dann konnte das Mädchen nicht mitgehen.

[00:33:46.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat seine Bez fertig gemacht, er hat etwas gelernt und er ist ab und zu noch zu dieser Lehrerin
zurückgekommen, um zu sagen, wie es ihm geht.

[00:33:56.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat mich dann der Schulleiter gefragt, ob ich das schon manchmal so gemacht habe. Ich habe gesagt,
nein, das ist mir einfach hier in den Sinn gekommen.

[00:34:04.000] – Dr.med. Ursula Davatz

Bei jedem Kind muss man es wieder anders machen, in jeder Situation. Es gibt keine Grenze für die
Kreativität, die man miteinander herausfinden muss.

[00:34:14.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein anderes Kind hatte ich in der vierten Klasse. Ein sehr wildes ADHS Kind. In der Privatschule sind sie
zu viert oder das fünft auf ihn drauf gesessen und es hat immer noch nicht geklappt.

[00:34:28.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich gesagt, aus der Schule rausnehmen, Schuldispens. Als Ärztin konnte ich das.

[00:34:38.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann mit der Mutter ein Programm gemacht. Er musste Esel führen, Hunde spazieren führen,
das Mittagessen kochen.

[00:34:45.010] – Dr.med. Ursula Davatz
In den Sommerferien haben wir ein Meeting gemacht, ich habe der Schulpflege angerufen und gefragt,
welcher Lehrer für diesen Jungen in Frage kommen könnte.

[00:34:54.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat mir einen Lehrer angegeben, ich habe mit ihm Kontakt aufgenommen, ich habe mit dem Lehrer
und der Familie, Vater und Mutter waren geschieden, haben aber zusammengearbeitet, eine Sitzung
abgemacht und dort war der Junge natürlich dabei.

[00:35:10.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann konnte der Junge den Lehrer kennenlernen und die haben dann ein bisschen abgemacht.

[00:35:13.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Junge kam in die zweite Klasse zu diesem Lehrer, er hat die Schule durchgemacht, hat eine Lehre
gemacht, im KV und ist wieder in die Schule gegangen.

[00:35:22.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir mussten ein individuelles Programm ausarbeiten, damit das funktioniert.

[00:35:30.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo man Schulverweigerung hat, nicht einfach das Kind wieder in die Schule
zurückzustoßen, nicht bestrafen, nicht die Eltern bestrafen, sondern herausfinden, warum das Kind die
Schule verweigert.

[00:35:48.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das Gefühl hat, man hat herausgefunden, warum das Kind die Schule verweigert, dann muss
man schauen, ob man das beseitigen kann oder wie man das überführen kann.

[00:35:59.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal verweigern die Kinder auch die Schule weg Mobbing.

[00:36:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich beraten, wer das Kind als Freundin nehmen könnte, sodass es immer einen Begleiter hat
und mit der Zeit dann wieder andere Mädchen dazu nehmen kann.

[00:36:16.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer das Umfeld anschauen und schauen, wie man das verändern kann, sodass das Kind
wieder in der Lage ist, in die Schule zu gehen.

[00:36:29.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht einfach auf das Kind loszugehen.

[00:36:32.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit Druck funktioniert gar nichts. Man muss es eher locken.

[00:36:37.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele Psychiatriepatienten beruflich wieder rehabilitiert.

[00:36:45.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe immer gesagt, man muss locken und nicht stossen.

[00:36:49.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit Stossen geht gar nichts.

[00:36:52.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einige Schulverweigerer in der Kantonsschule Baden gehabt, die schon älter waren.

[00:37:03.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Einer der Lehrer hat das herausgefunden und mir immer wieder jemanden geschickt, wenn etwas nicht
gegangen ist.

[00:37:11.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe die Eltern eingeladen.

[00:37:14.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein Prinzip war immer, dass der Vater das Kind zwei Wochen lang in der Schule begleiten muss.

[00:37:25.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine ganz sensible, intelligente Schülerin wurde vom Vater begleitet.

[00:37:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gesagt, er müsse sie begleiten, danach kann er wieder gehen und muss nicht in der Schule
bleiben.

[00:37:36.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie es nicht aushält, darf sie sogar wieder davonlaufen.

[00:37:39.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie war so sensibel, sie hat zum Teil die Klasse nicht ausgehalten.

[00:37:45.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie das bei den ADS Kindern oder auch ADHS Kindern ist, wenn sie es nicht mehr aushalten, müssen
sie flüchten.

[00:37:54.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Mädchen hat dann eine Matur gemacht, die hat Mathematik studiert und doktoriert jetzt.

[00:38:02.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hätte auch falsch laufen können, man hätte das Mädchen auf Königsfelden tun können und
psychiatrisch behandeln und sie wäre vielleicht nie mehr daraus herausgekommen.

[00:38:11.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht darum, dass man das Umfeld so gestaltet, die Ressourcen heraus holt, die dem Kind am besten
helfen, damit es wieder in die Schule gehen kann.

[00:38:24.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Da man ADHS immer noch als Krankheit anschaut und an erster Stelle nur die Aufmerksamkeitsstörung
behandelt, aber nicht so fest Sensibilität und alles andere.

[00:38:39.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt man Ritalin und andere Amphetamine.

[00:38:43.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese bewirken schon, dass sie sich in diesem Moment besser fokussieren können.

[00:38:49.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle ADHS und ADS Kinder sagen, ich bin dann auch nicht mehr so kreativ.

[00:38:55.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Die weit schweifende Aufmerksamkeit, die Allan Guggenbühl als intelligent oder sensibel angeschaut hat,
geht weg.

[00:39:08.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Man macht die Kinder mit diesen Medikamenten stromlinienförmig, damit sie in unser System passen.

[00:39:13.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Man macht ihre Persönlichkeit kaputt oder mindestens schränkt man sie ein.

[00:39:22.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage als Spruch zu Eltern von ADHS Kindern und auch Lehrern: man kann ADHS Kinder totschlagen
und sie folgen immer noch nicht.

[00:39:30.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem möchte ich zeigen, wie verzweifelt man mit diesen Kindern werden kann. Das bringt es nicht.

[00:39:37.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Bestrafen, damit sie dann das machen, was man will, funktioniert nicht.

[00:39:46.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sie eher mit Vorbildern, mit Ziehen, mit Führen, mit interessanten Ideen ändern.

[00:39:54.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss Kreativität haben, um sie mitnehmen zu können.

[00:39:59.280] – Dr.med. Ursula Davatz

Prof. Margrit Stamm sagt, 20% der Schüler fallen raus und das Schulsystem kommt mit denen nicht zu
Gange.

[00:40:19.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Allan Guggenbühl sagt 30%.

[00:40:19.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Menschen mit ihrer speziellen Persönlichkeit nicht richtig gehandhabt werden, nicht
persönlichkeitsgerecht gehandhabt werden, dann kosten sie unheimlich Reparaturkosten.

[00:40:45.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nur psychiatrische, medizinische Reparaturkosten, auch somatische.

[00:40:50.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe sehr viele ADHSler im Erwachsenenalter, die dann alle möglichen Krankheiten haben und auch
viele von diesen landen schlussendlich in Gefängnis.

[00:41:00.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her lohnt es sich natürlich, früher einzugreifen und wirklich zu investieren.

[00:41:08.170] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn, dass man versucht, diese Kinder persönlichkeitsgerecht zu behandeln.

[00:41:15.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Lieber mal nichts machen, als etwas falsch zu machen.

[00:41:19.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie der Lehrer das gemacht hat, der pensionierte, ist einfach hingesessen und hat es sich nicht beirren
lassen.

[00:41:25.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sind die Kinder runtergekommen.

[00:41:26.880] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne würde es sich lohnen, früh das Umfeld zu beraten, sodass es besser umgehen kann mit
den ADHS Kindern.

[00:41:37.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Die HOTA, die Institution, die wir heute hier vertreten, das heisst ja Home Treatment Aargau.

[00:41:44.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mitarbeiter der Hota gehen zu den Familien nach Hause.

[00:41:47.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie helfen die Eltern zu beraten, wie umgehen mit den Kindern und sie sind auch bereit in die Schule zu
gehen oder vielleicht einmal zu beobachten.

[00:41:57.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Dem Umfeld ein Know-How mitgeben, dass das Kind eine bessere Entwicklung machen kann, dass es
überhaupt eine Entwicklung machen kann und nicht einen Entwicklungsstillstand macht.

[00:42:10.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man zu den Kindern nach Hause geht, oftmals haben die Mütter keine Zeit, um ins Büro zum
Psychiater zu gehen etc. kommt man diesen Familien entgegen.

[00:42:28.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem Hometreatment werden sie auch nicht unbedingt unter einem medizinischen Modell behandelt.

[00:42:36.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss das Kind nicht als krank darstellen und jetzt muss das Kind repariert werden, sondern das
System ist einfach leidend.

[00:42:43.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind ist leidend, die Eltern sind leidend, es leiden alle, da kann man dann helfen, wie man das
System umstrukturieren kann.

[00:42:52.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nach Hause geht, sieht man viel schneller, wie die Sache läuft, als wenn die Leute zu einem
ins Büro kommen.

[00:43:02.660] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne kann nur dafür plädieren, dass man das Umfeld unterstützt.

[00:43:09.740] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn Fälle passieren, sowohl bei Eltern als auch bei Lehrern, ist das nicht Bösartigkeit von den Eltern
und den Lehrern.

[00:43:18.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist das Nichtwissen.

[00:43:19.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es ist ganz, ganz wichtig, dass man im Umfeld ein Know-How gibt und nicht nur das Kind
diagnostiziert und isoliert behandelt.

[00:43:32.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage: Die Gene legen den Grundstein, das Umfeld bestimmt die Krankheit.

[00:43:51.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin gerade dran, ein Buch zu lesen über Epigenetik.

[00:43:56.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mikrobiologen, die lachen heute selber darüber, was sie für eine lineare Vorstellungen hatten.

[00:44:03.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier haben wir Gene und dort haben wir Krankheiten.

[00:44:06.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Genforschung ist heute gross im Trend, aber es herrscht immer noch die eindimensionale
Vorstellung.

[00:44:13.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben hier die und die Aminosäuren und die Genen und man könnte bei den Genen gleich die
Krankheit feststellen.

[00:44:19.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dazwischen ist ganz viel Steuerung von der Natur und da gehört das Umfeld natürlich dazu.

[00:44:29.860] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Evolutionstheorie hat man es von der Vererbung gehabt und LJean-Baptiste de Lamarck hat
gesagt, erfahrene Eigenschaften können sich auch in den Genen niederschlagen.

[00:44:50.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Darüber hat man gelacht.

[00:44:52.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute kommt man wieder zurück zu dem, dass gelernte Sachen sogar bis vier Generationen weitergehen
können.

[00:45:01.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich, mit diesem Umfeld zu arbeiten und an diesem Umfeld umzustrukturieren, sodass die Kinder
heil durch ihre Entwicklung durchkommen und dann der Gesellschaft zur Verfügung stehen.

[00:45:18.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann am Schluss noch auf Albert Einstein zurückkommen.

[00:45:21.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Albert Einstein ist auch hier in die Kantonsschule gegangen. Er hatte eine Legasthenie und hat bis fünf
Jahre nicht gesprochen.

[00:45:28.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat gesagt, dass er den offenen Geist dieser Schule sehr geliebt hat.

[00:45:34.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat ihn beinahe rausgeschissen aus der Kantonsschule, weil er im Deutsch und wahrscheinlich auch
in Französisch, also in den Sprachen schlecht war.

[00:45:42.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Französisch kann man so viele Fehler machen, speziell als Legastheniker.

[00:45:47.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat ihn beinahe rausgeschmissen, hat dann aber ein Auge zugedrückt und behalten.

[00:45:51.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt ist man stolz, dass man ihn behalten hat und es heisst jetzt Einstein Haus.

[00:45:55.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich nicht alles zu normieren. Es lohnt sich, die kreativen und ein bisschen andersartigen ADHS
und ADS Kinder zu unterstützen und heil durch ihre Entwicklung zu bringen.

[00:46:12.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Gerade unter den Erfindern hat es einige, unter den Businessleuten hat es einige, die haben Glück
gehabt, aber man könnte noch mehr gut durchbringen.

[00:46:21.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein bisschen mein Credo dazu.

[00:46:26.620] – Bemerkung 1
Die ADHS können sich ja gar nicht konzentrieren in der Schule. Was raten sie, ausser Medikamente?

[00:46:26.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch noch andere Methoden.

[00:47:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse ADHS Kinder können nur lernen, wenn sie im Trubel am Esstisch sitzen und alle darum herum
sprechen. Dann können sie sich konzentrieren.

[00:47:10.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse müssen auch das Radio laufen lassen und dann können sie sich konzentrieren.

[00:47:13.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es still ist, schweift alles ab.

[00:47:15.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Für andere ist es genau umgekehrt. Die müssen es ganz ruhig haben.

[00:47:19.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen, der immer zeichnen musste.

[00:47:21.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er zeichnete, konnte er aufpassen.

[00:47:25.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehren hat ihm das verboten.

[00:47:26.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann gesagt, lassen sie ihn zeichnen.

[00:47:29.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Über das Zeichnen stimuliert er sich.

[00:47:33.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann über die Sitzordnung etwas machen.

[00:47:40.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht ans Fenster setzen, damit er nicht raus schauen kann.

[00:47:44.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht der Unruhigste nebenan, eher ein braves, ruhiges Mädchen als Sitznachbar.

[00:47:48.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Allenfalls ein Stuhl dazwischen.

[00:47:56.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der Sitzordnung kann man etwas machen.

[00:48:00.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse sitzen nicht so gerne vorne, die wären lieber hinten, dann haben sie alles im Blick.

[00:48:00.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Experimentieren, herausfinden.

[00:48:04.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem Sitzen kann man auch etwas machen.

[00:48:12.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt gibt es keine Löwenshow mehr im Zirkus Knie.

[00:48:17.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort sieht man, wenn das Tier ein wenig abgelenkt ist, nimmt der Dompteur wieder Bezug auf das Tier.

[00:48:26.920] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne muss der Lehrer und die Lehrerin immer ein bisschen die Augen offen haben.

[00:48:33.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht bestrafen.

[00:48:33.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn geschwatzt wird: Was hast Du noch dazu zu sagen?

[00:48:33.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Miteinbeziehen.

[00:48:40.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, man kann Ritalin geben und dann kann je nach dem die Konzentration sehr viel besser werden.

[00:48:48.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Noten gehen sicher um einen Punkt hoch.

[00:48:50.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin nicht gegen Ritalin. Man darf das sehr wohl geben.

[00:48:53.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht das Einzige. Mit Ritalin ist das Problem nicht gelöst.

[00:48:59.260] – Bemerkung 2
Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es für die Kinder sehr anstrengend ist, sich die ganze Zeit zu
konzentrieren.

[00:49:07.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt. Was man auch machen kann, also die Hyperaktiven, wenn es gar nicht mehr geht, oder ja oft
sind es Buben, wenn die es gar nicht mehr aushalten auf dem Stuhl, sagen, ich sehe, du hältst es nicht
mehr aus, geh drei Runden um das Schulhaus springen und dann kommst du wieder.

[00:49:26.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat Untersuchungen gemacht, dass nach dem Turnunterricht die Kinder, also alle Kinder, sich
besser konzentrieren können und ganz sicher die ADHSler.

[00:49:36.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen genügend Auslauf haben.

[00:49:41.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann auch sagen, würdest du das bitte in ein anderes Schulzimmer bringen? Also irgendein
Botengang.

[00:49:47.080] – Bemerkung 3
Das sind die ADHSler. Die ADSler sind oft erschöpft, müde.

[00:49:55.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADSler muss man immer wieder holen. Die darf man nicht aus dem Auge lassen. Die vergisst man ja
leicht. Wahrscheinlich muss man die sogar fragen, ob für sie alles klar ist. Oder soll ich etwas nochmals
erklären? Dann, wenn sie es nicht verstehen, dann sagen sie nicht, dass sie es nicht verstanden haben.
Sie gehen einfach runter.

[00:50:22.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, in der Schweiz ist es die Kultur, man meldet sich nicht, wenn man etwas nicht versteht.

[00:50:31.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den ADSlern, die können sie auch eine lange Leitung haben.

[00:50:34.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die dann als Erwachsene in eine Stelle kommen, brauchen sie länger, bis sie die Routine haben.

[00:50:46.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage ihnen, sie müssen das ihrem Chef oder ihrer Chefin sagen. Ich brauche etwas länger, ich muss
das alles in mein Hirn speichern. Aber wenn ich es dann mal habe, dann funktioniert es. Also geben sie
mir die Geduld.

[00:51:00.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, als Lehrerin müsste man ab und zu so schnell antippen und fragen, ob es klar ist oder ob man
dazu eine Frage hat. Dann könnte man sogar ein anderes Kind verwenden, um nochmal etwas zu
erklären.

[00:51:15.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Über das Erklären können sie es auch wieder besser internalisieren.

[00:51:24.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse sagen auch: bei dieser Lehrerin habe ich gar nichts verstanden und bei dem verstehe ich alles.

[00:51:24.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Der erklärt das so kompliziert und das mögen sie dann gar nicht.

[00:51:40.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADSler, bevor sie den Entscheid treffen, der Entscheidungsbaum hat viele Verzweigungen. Die
schauen alles durch.

[00:52:07.660] – Bemerkung 4
Machen die Medikamente nicht kreativer?

[00:53:14.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die meisten sagen, dass ihre Kreativität weg ist, wenn sie das Medikament nehmen.

[00:53:49.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Konzentrieren können sie sich.

[00:53:53.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wo das Medikament helfen kann, ist, dass sie realisieren, dass es auch ein Zustand ist und ah so kann
man auch noch sein.

[00:54:03.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen Jugendlichen, der sagte, er habe über das Medikament gelernt, zu empfinden, in welchem
Zustand man sein kann.

[00:54:14.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat dann mit 14 oder 15 das Medikament abgesetzt und gesagt, er wolle das auch selber können.

[00:54:20.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt. Man ist ja dann in einem anderen Zustand und dann merkt man, so kann es auch noch sein.

[00:54:28.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sich selbst in diesen Zustand bringen, dann ist das wunderbar.

[00:54:34.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse machen es mit regelmässig Sport machen, andere machen es mit regelmässig ein Instrument
spielen, mit Handwerk etc.

[00:54:42.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage oft, in den Ferien können sie das Medikament weglassen, aber sie müssen genügend Anregung
haben.

[00:55:12.420] – Bemerkung 4
Mein Sohn, wenn er die Medikamente nimmt, dann kann er sich in etwas vertiefen, dann kommen
interessante Dinge heraus. Das finde ich super cool. Wenn die Wirkung der Medikamente aber zu Ende
geht, bringt er keinen Schritt vor den anderen.

[00:55:35.330] – Bemerkung 4
Ich habe im Gegenteil das Gefühl, dass es hilft, die Ideen zu kanalisieren und sich vielleicht sogar zwei
Minuten nach der Idee noch an die Idee erinnern mag und die Idee dann auch umsetzen kann. Wo ist die
negative Beeinträchtigung dieser Kreativität?

[00:55:54.480] – Bemerkung 4
Mir geht es auch so. Ich kann die Aussage nicht nachvollziehen.

[00:56:16.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt alles, das ist durchaus möglich. Das sagen auch gewisse Personen. Wenn sie Ritalin, Concerta,
etc. erhalten haben, das war wie eine neue Welt.

[00:56:29.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt, wenn das Hirn zu sehr überall verstreut ist und dann fokussieren kann, dann kann es etwas
zu Ende bringen und dann kann es auch etwas kreatives zu Ende bringen.

[00:56:34.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut, solche Situationen gibt es und die sollen ruhig das nehmen.

[00:56:43.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind auch die anderen, die finden, es geht nicht.

[00:56:48.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will da gar nicht Nein sagen.

[00:56:53.610] – Bemerkung 5

Sie haben mir meine Tochter gezeigt mit dem was sie über ADS und Schulverweigerung gesagt haben.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wie kann man herausfinden was die Ursache ist? Wir verstehen
nicht warum.

[00:57:34.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ursache ist genetisch. Die genetische Ursache führt zu einem anderen Hirn, das anders verarbeitet,
anders prozessiert, es ist ein anderer Wahrnehmungstyp.

[00:57:55.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz viele Dinge können anders sein.

[00:57:59.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist man mit der Neuropsychologie erst so ein bisschen dran, herauszufinden, wie das Hirn anders
funktioniert.

[00:58:06.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Es funktioniert natürlich bei jedem ein wenig anders.

[00:58:08.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt nicht das ADHS Hirn.

[00:58:13.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn kann nicht anders. Es reagiert so, wie es reagiert.

[00:58:20.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, man kann die Reaktionen abdämmen oder mehr im Zaum behalten.

[00:58:29.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Es bleibt immer etwas von dem da. Das ist die Hardware.

[00:58:38.460] – Bemerkung 5
Das bedeutet, dass es gar keinen spezifischen Vorfall in der Schule geben muss, dass ein Kind einfach
plötzlich sagt "Aus", ich gehe nicht mehr in die Schule?

[00:59:10.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch, es hat schon immer irgendetwas gegeben. Es muss nicht unbedingt in der Schule sein. Es könnte
auch zu Hause sein.

[00:59:17.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim nächsten Vortrag schaue ich dann, was zu Hause läuft und was an emotionalen Belastungen läuft.
Da kann es auch wegen dem nach Hause gehen.

[00:59:28.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens waren es kleine Dinge, die sich aufgehäuft haben und dann im Hirn summieren. Irgendeinmal
reicht es.

[00:59:35.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt das Fass zum Überlaufen und dann ist fertig.

[00:59:42.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man alles so zurückverfolgen. Das ist nicht so einfach.

[00:59:44.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder, die nicht sprechen können, oder geistig behinderte Kinder, die sind oft auch sehr sensibel.

[00:59:56.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann benehmen sie sich komisch und man versteht nicht, warum.

[01:00:00.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind gewohnt, zu reden. Wenn ich mit geistig Behinderten arbeite, muss ich immer das Umfeld
fragen. Was war da? Was war dort? Mit der Zeit kann man konstruieren, was es ist. Es ist immer etwas
da.

[01:00:15.360] – Bemerkung 5
Das ist dort, wo es die psychiatrische Hilfe braucht.

[01:00:17.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, nur, wir Psychiater haben manchmal das Problem, dass wir dann nur die Symptome anschauen und
versuchen die Symptome wegzubringen und nicht die Ursache anschauen.

[01:00:29.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus meiner Sicht muss man immer die Ursache anschauen.

[01:00:29.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht fachliche Hilfe, wer immer das ist.

[01:00:36.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn selber ist man ja auch systemblind, man merkt gar nichts.

[01:00:40.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand von aussen reinschaut, der sieht dann schneller, wenn es nicht gut läuft, schaut dann
breiter.

[01:00:48.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat natürlich Freude, es ist wie eine Detektivarbeit.

[01:00:57.200] – Bemerkung 6
Als Kinderarzt bin ich ja der primäre Ansprechpartner, das Kind geht nicht mehr in die Schule. Ich muss
den Druck wegnehmen. Zeit gewinnen.

[01:01:05.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Es drängt nicht, man muss warten. Ein Arzt hat gesagt, jetzt ist es ganz dringend, jetzt müssen wir ganz
langsam machen.

[01:02:07.100] – Dr.med. Ursula Davatz
In einer solchen Situation muss man zuerst mal den Druck rausnehmen, genauer schauen und nichts
überstürzen, sonst macht man das Kind nur kaputt.

[01:02:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich könnte man dann auch der HOTA anrufen, wenn jemand frei ist und um einen Hausbesuch bitten
um herauszufinden was hier nicht funktioniert.

[01:02:31.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht einfach das Kind herausreissen und in die Schule drücken.

[01:02:47.420] – Bemerkung 6
Das sicher nicht.

[01:02:48.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte so ein Kind, das hat die Schule verweigert, die hat sich nicht wohl gefühlt. Was hat sie gemacht?
Jeden Morgen war es ihr schlecht. Sie ging nicht in die Schule.

[01:02:58.270] – Dr.med. Ursula Davatz

Man hat gesagt, dass man sie raussperren muss, sie wurde hospitalisiert und heute hat sie eine sehr
schwere Essstörung.

[01:03:07.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt es nicht.

[01:03:08.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Zeit lassen, es gibt keine Dringlichkeit.

[01:03:10.760] – Bemerkung 7
Nicht alle Lehrer können mit ADHS und ADS umgehen.

[01:03:18.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse Lehrer sind Naturtalente und andere können es nicht so gut.

[01:03:30.840] – Bemerkung 7
Was soll man dann tun? Klasse wechseln, Schule wechseln?

[01:03:33.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Der erste Versuch wäre, auch wieder eine Fachperson reinzuholen, die Mediation zwischen Kind, Familie
und Lehrer macht.

[01:03:45.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müssen wir natürlich aufpassen. Ich sage immer "Never teach a teacher". Lehrer lassen sich nicht
gerne belehren.

[01:03:51.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Helfer lassen uns nicht gerne helfen. Wir sind ja immer die Helfer.

[01:03:57.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss man vorsichtig angehen und dem Lehrer zuerst mal Verständnis geben, dann die Interaktion
anschauen und dann vielleicht Vorschläge machen, wie man das machen könnte.

[01:04:09.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer sagen oft, ich kann doch nicht alle so speziell behandeln.

[01:04:13.300] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Mütter sagen das auch.

[01:04:15.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch, sie haben das Recht, ganz individuell zu behandeln. Jedes Kind ist ein anderes Kind und jedes
Kind braucht etwas anderes.

[01:04:24.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die anderen Kinder reklamieren, dann kann der Lehrer sagen, du kannst das schon. Der kann es
noch nicht. Sei doch froh, dass du es kannst.

[01:04:33.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man den Lehrer unterstützt.

[01:04:40.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es gar nicht geht, manchmal geht es gar nicht, dann nehmen die Eltern das Kind raus. Dann gehen
sie in eine Privatschule.

[01:04:47.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die, die es nicht zahlen können, haben sie diese Möglichkeit nicht.

[01:04:50.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal kann man auch die Klasse innerhalb des gleichen Schulhauses wechseln.

[01:04:53.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist manchmal auch eine Möglichkeit.

[01:04:56.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müsste man dann schon wieder mit der Schule, mit dem Schulleiter sprechen, welcher Lehrer in
Frage kommt.

[01:05:14.680] – Bemerkung 8
Was löst das beim Kind aus, wenn das Kind täglich die rote Karte kriegt?

[01:05:22.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Demotivation.

[01:05:22.350] – Dr.med. Ursula Davatz

Es ist nicht mehr motiviert. Ja, es empfindet eine Zurückweisung. Es empfindet, ich bin nicht gut so, wie
ich bin. Ich bin falsch.

[01:05:37.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Später kommt das heraus. Ich wurde immer kritisiert in der Schule, ich konnte es nie Recht machen. Ich
wurde immer angeklagt. Das gibt ein ganz schlechtes Selbstwertgefühl.

[01:05:48.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wollen wir natürlich nicht. Das bringt es nicht.

[01:05:52.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum fragt Allan Guggenbühl: machen wir Kinder kaputt oder fördern wir sie?

[01:05:57.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Das löst mit Sicherheit ein schlechtes Selbstwertgefühl aus. Aber es motiviert es nicht, besser zu lernen.

[01:06:09.400] – Bemerkung 8
Wieso kann man es dann im Sport machen? Wird es dort auch ausgelöst? Dort kann man auch die gelbe
Karte erhalten.

[01:06:18.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht das Leben, das ist ein Spiel.

[01:06:20.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Spiel in einer Mannschaft. In dieser Mannschaft hat es fixe Regeln. Wenn man gegen diese
Regeln verstösst, dann gibt es diese Karte. Das ist innerhalb des Spiels.

[01:06:33.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn gewisse zuviele gelbe und rote Karten bekommen, dann gibt es zum Teil auch Wutausbrüche und
zum Teil wird auch geschumpfen.

[01:06:45.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es der Schiedsrichter gesehen hat, dann gibt es eine Strafe und sonst halt nicht.

[01:06:51.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine andere Situation.

[01:06:53.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind in der Schule ist ein Individuum, das als Individuum lernen muss. Das ist nicht eine fixe
Mannschaft mit fixen Regeln.

[01:07:05.460] – Bemerkung 9
Darf ich zu Hause als Mutter in der Familie die rote Karte geben?

[01:07:10.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein.

[01:07:10.320] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Familie sollte man flexibler sein.

[01:07:15.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss herausfinden, warum das Kind immer das macht.

[01:07:20.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann schauen, wie man umstrukturieren kann.

[01:07:22.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache dann zum Teil eine andere Sitzordnung. Die Mutter sitzt neben das Kind, der Vater neben das
Kind.

[01:07:31.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Die, die sich immer streiten, nicht gegenüber, sondern schräg gegenüber.

[01:07:34.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder man macht Spiele aus dem ganzen Zeugs.

[01:07:42.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss das Ganze re-inszenieren und ändert dann immer wieder.

[01:07:49.320] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Familie sollte man nicht mit gelber und roter Karte funktionieren. Das ist zu stark.

[01:07:55.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Fussball spielen ist toll und alle sind begeistert, aber das ist nicht das Leben.

[01:08:05.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Für gewisse ist es das Leben, die dürfen das auch machen.

[01:08:09.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nicht die Regeln des Fussballspiels auf alle Situationen übertragen.

[01:08:17.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Ziel ist ja nur, den Ball in das Tor zu bringen und als Mannschaft zusammen zu arbeiten.

[01:08:21.860] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Schule ist das Ziel, dass jedes Individuum nach seinen Fähigkeiten gefördert wird und sich gut
entwickeln kann.

[01:08:31.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, es braucht gewisse Anpassungen.

[01:08:36.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand allzu viel stört, dann muss man den, so wie ein fauler Apfel, rausnehmen und mit etwas
anderem beschäftigen.

[01:08:47.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss nicht sagen, du bist ein Böser und deshalb wirst Du jetzt bestraft mit herausgenommen
werden.

[01:08:52.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Du kannst es momentan nicht aushalten in der Gruppe, du bist zu zappelig oder musst zu viel stören,
aber ich will das nicht und darum gebe ich dir jetzt diese Aufgabe.

[01:09:04.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Differenziert die Kinder behandeln und nicht alle nach der gleichen Regel.

[01:09:09.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Fussball ist es so. Wir sind stark vom Fussball geprägt.

[01:09:15.360] – Bemerkung 10
Was mache ich mit einem Kind, dass nicht merkt, dass es anderen weh tut?

[01:10:10.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind anderen weh macht und man beginnt gleich beim weh machen, dann fängt man am Ende
an.

[01:10:22.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Kinder aggressiv werden und anderen weh machen, die Kleinen beißen einem auch, wie Hunde.

[01:10:31.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss ich zuerst wieder schauen, was eigentlich los ist.

[01:10:37.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Was will das Kind mit dem sagen?

[01:10:40.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Beispiel kleine Kinder, die beißen, dort muss man zuerst herausfinden, was das Kind eigentlich will.

[01:10:52.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Kleine Hunde zwicken einander und fordern einander auf.

[01:10:55.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal ist das Beissen auch einfach eine Kontaktaufnahme.

[01:10:59.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Das weh machen kann auch eine Verteidigung sein, weil das Kind wegen irgendwem verletzt worden ist.
Dann muss man das anschauen.

[01:11:10.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss eigentlich immer versuchen herauszufinden, was das Kind mit dem kommunizieren will.

[01:11:14.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der Kommunikation nicht als erstes gleich in die Norm stellen: Du machst weh.

[01:11:22.520] – Bemerkung 10
Manchmal habe ich das Gefühl, es passiert einfach, das Kind will es gar nicht, aber es geschieht einfach.

[01:11:44.660] – Bemerkung 11

Der Junge hat eine hyperkinetische Störung im Sozialverhalten.

[01:11:51.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier würde ich ein Rollenspiel machen und sagen, wie man es anders machen könnte.

[01:11:57.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Situation wiederholen.

[01:12:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur mit sprechen und sagen: "Das tut weh", das funktioniert nicht.

[01:12:06.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Nähe/Distanz Problem.

[01:12:10.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer herausfinden, was hinten dran steckt.

[01:12:22.700] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich können wir auch ein Rollenspiel machen und das inszenieren.

[01:12:28.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Du willst etwas von dem oder du willst mit ihm spielen.

[01:12:30.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Tauschhandel einführen.

[01:12:32.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann einfache Handlungsabläufe mit den Kindern spielen.

[01:12:47.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht einfach nur das sogenannte schlechte Verhalten bestrafen und sagen, das darfst du nicht.

[01:12:53.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind hat keine Kontrolle darüber. Das kommt einfach. Das Kind merkt es gar nicht.

[01:12:57.280] – Dr.med. Ursula Davatz

Immer herausfinden.

[01:13:06.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viel gelernt an den geistig Behinderten, denn die konnte ich nicht fragen, was los ist.

[01:13:11.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Da musste ich immer überlegen, was die Situation ist, was er ausdrücken wollte.

[01:13:19.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Die halten einem zum Teil auch ganz stark aus Freude.

[01:13:25.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer herausfinden, was es bedeutet.

[01:14:04.460] – Bemerkung 12
Ich arbeite als Therapeutin und kann das nur bestätigen, was sie sagen. Den Hintergrund herausfinden,
was ist mit dem Kind los?

[01:14:04.660] – Bemerkung 12
Ein kleiner Junge, hat alle Kinder gestossen. Wir haben schnell rausgefunden, dass das Kind gar nicht
Deutsch kann. Der Kinderarzt hat zur Mutter gesagt, dass das Kind die Muttersprache lernen soll. So ein
Quatsch! Ich habe gesagt, dass das Kind schnell Deutsch lernen muss.

[01:14:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Der wollte Interaktion, er konnte nichts anders als schupsen. Das war seine Kontaktaufnahme, weil das
andere ihm gefehlt hat.

[01:14:39.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Das trifft man noch häufig an. Super, schön, freut mich. Gutes Beispiel.

[01:14:45.520] – Bemerkung 13
Ein Kind in der Klasse ist immer abgehauen, er hält es nicht aus und will nach Hause in die Sicherheit.
Die Eltern wollen das Kind aber nicht zu Hause haben. Ich renne dem Kind nicht hinterher, wenn es
abhaut aus der Schule.

[01:16:45.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erfahrung mit der Kindergärtnerin zeigt, dass Kinder, die wegrennen von selber wieder zurück
kommen.

[01:17:02.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind am davon rennen ist, könnte man ihm auf den Weg geben und sagen, wenn du dich
erholt hast, wenn du dich beruhigt hast, darfst du gerne wieder kommen.

[01:17:12.781] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehung zu ihm herstellen. Nicht sagen, nein Du darfst das nicht, denn das geht gar nicht, man
kann es ja nicht verhindern, sondern: Komm wieder, wenn es okay ist für dich.

[01:17:25.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier ist die Schule, die Behörde und das Rechtssystem immer unter Druck.

[01:17:32.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sagen, wenn das Kind nach Hause geht, sind wir verantwortlich.

[01:17:35.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn niemand zuhause ist, sind wir verantwortlich.

[01:17:39.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme es hier nicht so genau.

[01:17:44.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das lässt null Flexibilität zu, um mit dem Kind umzugehen.

[01:17:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Immer wissen zu müssen, was ist und was passiert, da sagt man oft, die Kinder können überhaupt nicht
für sich schauen. Das stimmt nicht.

[01:17:56.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder sind oft viel, eigenständiger, intelligenter und verantwortungsvoller.

[01:18:04.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man immer sagt, pass auf, pass auf, dann machen sie alle Fehler.

[01:18:08.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie machen lässt, machen sie es besser.

[01:18:12.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir stören sie oft mit unseren Eingriffen.

[01:18:14.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wahrscheinlich würde ich mit dem Jungen vereinbaren: ich sehe, du musst immer wieder davon rennen.

[01:18:21.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Haben Sie eine Ahnung, warum er immer davon rennt?

[01:18:41.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hätte eher gesagt, es gibt immer wieder Momente, in denen du das Gefühl hast, du musst davon
rennen.

[01:19:03.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, machen wir miteinander eine Abmachung. Wenn du dich wieder beruhigt hast, dann darfst du
zurückkommen.

[01:19:09.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde es einem eher offen lassen, als "du musst" sagen.

[01:19:14.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man ihn zur Kooperation bringen.

[01:19:17.220] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Kinder bringt man nicht zum Gehorsam, aber zur Kooperation.

[01:19:22.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie zur Kooperation auffordert, dann hat man sie viel besser im Boot.

[01:19:27.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man von ihnen Gehorsam verlangt, mobilisieren sie alle Kraft, um dagegen vorzugehen. Alle.

[01:19:34.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier muss man ein wenig Vertrauen haben, dass man eine Beziehung hat und dass er wieder kommt.

[01:19:41.080] – Dr.med. Ursula Davatz

Dann kann man auch sagen, meinst du, das geht? Du kannst wieder kommen. Er soll sich für das
Davonrennen nicht schämen müssen.

[01:19:54.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie erzählen es dann später, wenn sie erwachsen sind.

[01:20:01.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendeine andere Interaktion erreichen, als davon rennen und hinterher zu rennen oder zu sagen, das
geht nicht.

[01:20:14.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe zu einem Erwachsenen ADHSler, wenn er Probleme an der Arbeit hatte, habe ich gesagt, wenn
sie es nicht mehr aushalten und den Impuls spüren, dass sie ihrem Chef Schimpfwörter anhängen
müssen oder eine Ohrfeige geben, dann laufen sie besser davon.

[01:20:29.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat er dann gemacht.

[01:20:32.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wurde er natürlich kritisiert, dass er davonläuft.

[01:20:36.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gesagt, es ist immer noch besser als eine Verzeigung am Hals zu haben.

[01:20:43.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, man muss immer wieder Methoden herausfinden.

[01:20:49.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue Kinder nicht ganz so unmündig an.

[01:20:49.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher wurden Kinder lange nicht so stark überbewacht.

[01:21:00.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute sind die Kinder dauernd unter Kontrolle.

[01:21:09.490] – Dr.med. Ursula Davatz

Rechtlich sagt man, das muss so sein. Ich nehme es nicht immer so genau. Ich möchte noch etwas mehr
Freiheit geben.

[01:21:20.790] – Bemerkung 14
Ich habe festgestellt, dass ADHS Kinder keine Freunde finden.

[01:22:07.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ADHS Kinder aus der Gruppe ausgeschlossen werden, oder halt einfach keine Freunde haben,
das ist dann ein Gruppenproblem, ein Sozialproblem.

[01:22:21.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lehrer oder die Lehrerin müsste etwas machen, damit die Dynamik anders läuft.

[01:22:30.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie ich es mit meinem Kind hier gemacht habe.

[01:22:34.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann immer ein paar wenige finden, die bereit sind, mit dem Kind etwas zu machen.

[01:22:43.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das passiert, dann wird es oft wieder integriert.

[01:22:47.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lehrer muss dort etwas machen.

[01:22:50.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch solche Kinder, die nicht integriert sein wollen, die wirklich nur ihren isolierten Platz wollen.

[01:22:59.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss man auch wieder herausfinden. Wenn man die Kinder dann gewaltsam integriert, dann ist das
auch nicht recht.

[01:23:06.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber ich denke, da sollte der Lehrer etwas machen im Sinne von einem Gruppenspiel.

[01:23:13.000] – Dr.med. Ursula Davatz

Sicher nicht der Sport, in dem die Kinder dann am Ende ausgewählt werden, bei der
Mannschafteinteilung.

[01:23:17.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man die Sozialkompetenz der Kinder etwas fördern.

[01:23:24.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf dem Pausenplatz müsste man auch wachsamer sein und schauen, wie das läuft. Das funktioniert oft
nicht.

[01:23:30.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrpersonen müssen daran Interesse haben, dass die Gruppen funktionieren.

[01:23:38.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bringe ein Beispiel von Google. Sie haben versucht herauszufinden, was ein gutes Team ist. Eine
Klasse ist wie Team.

[01:23:50.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Am Schluss kam Google auf zwei Punkte.

[01:24:01.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder Erwachsene hat gleich viel Zeit zum Reden.

[01:24:10.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eigentlich Demokratie. Man schaut, dass alle zum Reden kommen. Das ist ein funktionierendes
Team.

[01:24:15.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Es redet nicht nur einer und die anderen folgen.

[01:24:20.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das andere ist gewesen, dass man wahr nimmt, wie es den anderen Gruppenmitgliedern geht.

[01:24:25.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Man nimmt am Augenkontakt wahr, wie es dem anderen zu Mute ist.

[01:24:34.980] – Dr.med. Ursula Davatz

Gewisse Lehrer machen Befindlichkeitsspiele: Was für eine Farbe habe ich heute?

[01:24:40.100] – Dr.med. Ursula Davatz
In allen Gruppentherapien werden solche Sachen gemacht.

[01:24:46.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird dann auch kritisiert, dass das so ein bisschen allzu viel Wohlfühlklima ist. Wenn das Kind so
ausgeschlossen wird, dann müsste man vielleicht solche Dinge tun.

[01:25:01.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles Intellektuelle kann man auch noch später lernen. Aber wenn Sozialkompetenz und
Persönlichkeitsentwicklung kaputt gemacht wird, das ist dann schwierig zu reparieren.

[01:25:16.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Weniger intellektuelle Leistung und mehr EQ, also emotionale Intelligenz und soziale Intelligenz.

[01:25:26.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Noten dafür gibt man jetzt aber fördern tut man es nicht so. Man erwartet einfach, dass sie es haben,
dass sie es von zu Hause mitbringen und das ist nicht immer möglich.

[01:25:39.940] – Bemerkung 15
Bei Zwillingen, wenn der eine viele Freunde hat und diese mit nach Hause nimmt und der andere keine
oder nur einen Freund hat und dann immer mitspielen möchte mit den anderen, was soll dann die Mutter
machen?

[01:25:44.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Eineiige Zwillinge?

[01:25:44.460] – Bemerkung 15
Ja.

[01:25:44.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Zwillinge haben eine ganz spezielle Dynamik. Die entwickeln sich auch aneinander. Der eine nimmt diese
Rolle und der andere nimmt die andere Rolle.

[01:26:03.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, da muss die Mutter auch versuchen, ein Gesellschaftsspiel zu machen.

[01:26:25.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem Zwilling, der weniger Freunde hat, beraten, wen er einladen könnte.

[01:26:34.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass die Mutter ihm hilft, die Initiative zu ergreifen, dass er auch einladet und der Zwillingsbruder kann
auch helfen. Er kann Vorschläge machen.

[01:26:47.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Derjenige, der keine Freunde hat, muss selber einladen.

[01:26:52.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht eine gewisse Unterstützung dabei.

[01:26:52.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat sich schon so ausdifferenziert. Der eine ist sozial, der andere hängt sich an.

[01:26:58.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Zwillinge haben eine ganz spezielle Dynamik. Manchmal wechselt es dann. Ich habe ein paar Zwillinge
begleitet. Ja, es ist nicht so einfach.

[01:27:08.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, die Mutter muss eingreifen und dem ein wenig helfen und vielleicht den anderen dazu
nehmen.

[01:27:14.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn möchtest Du dazu nehmen, wie ladest Du ihn ein?

[01:27:15.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Derjenige, der keine Freunde hat, muss selber einladen.

[01:27:15.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man schauen, man kann mit solchen Ideen einsteigen und dann muss man schauen wie es
läuft.

[01:28:03.580] – Bemerkung 16
ADHS ist genetisch vorprogrammiert. Sollen sich Erwachsene auch testen lassen?

[01:28:08.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele machen das. Die Menschen, welche jetzt 50 Jahre alt sind, die sind noch nicht getestet worden.

[01:28:15.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird das Kind getestet und dann hat das Kind ein ADHS und dann beginnt man damit, sich zu
beobachten. So kommen einige Erwachsene Leute zum testen.

[01:28:18.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich persönlich teste nicht. Ich nehme nur die Anamnesen auf und lasse mir beschreiben und sehe
natürlich auch eine Interaktion.

[01:28:39.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es zum Beispiel heisst, der Grossvater war jähzornig, dann denke ich, ah, wahrscheinlich ADHS.

[01:28:45.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er dann noch Alkohol trinkt, ist das dann noch die Selbstbehandlung.

[01:28:45.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann zum Testen gehen, weil man das dann so schwarz auf weiss auf dem Test hat.

[01:28:58.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft lassen sich Erwachsene dann testen, weil ihre Kinder die Diagnose ADHS erhalten haben.

[01:29:03.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht Sinn.

[01:29:05.850] – Dr.med. Ursula Davatz
An dem Abend haben drei Erwachsene ADHS Personen gesprochen. Die haben dann alle gesagt, die
haben als Kind ihre Diagnose nicht gewusst und die haben gesagt, für sie ist es eine Entlastung.

[01:29:23.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf einmal hat das Verhalten einen Namen. Ah, jetzt verstehe ich es und kann es einordnen.

[01:29:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst natürlich nicht, man muss trotzdem damit leben oder damit arbeiten. Aber man kann es ein
bisschen einordnen und viele entlastet das.

[01:29:40.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele gehen testen. Manchmal werden die Kinder auch getestet und in der Einzelsituation funktioniert es
dann gut. Dann können sie sich konzentrieren. Dann sagt man sie haben kein ADHS.

[01:29:55.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Von der Anamnese her sieht man, dass es in der Gruppensituation herauskommt.

[01:30:15.570] – Bemerkung 17
Das Hirn ist in der Entwicklung.

[01:30:27.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so, ja.

[01:30:36.540] – Bemerkung 17
Von Sieben- oder Achtjährigen verlangt man Dinge, welche sie gar nicht können. Wenn man von aussen
kommt mit Druck, blockiert das ganze Hirn.

[01:30:55.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Votum absolut in meinem Sinn.

[01:31:00.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn ist in der Entwicklung. Man kann das positiv fördern oder man kann es auch verzwergen. Das
wollen wir nicht.

[01:31:11.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen Zeit lassen. Wir verpassen nichts. Im Gegenteil. Es soll sich in Ruhe entwickeln.

[01:31:30.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend und hoffe, Sie können etwas Gutes mit nach Hause nehmen
und haben von diesem Abend profitiert.

NERVENPROBE PUBERTÄT – ADHS im Spannungsfeld zwischen Schule und Beruf

Vortrag zum Anhören:

ELPOS – Familie+Begegnung Lenzburg, Walkenweg 19, 5600 Lenzburg, Donnerstag, 26.April 2012 / 19.30 – 21.00 Uhr

Der Übergang vom Kindesalter ins Erwachsenenalter ist für Eltern und Jugendliche stets eine nervliche Zerreissprobe. Kommt dann noch die Berufswahl dazu, wird es noch schwieriger. Eltern wie Lehrer, aber vor allem die jungen Menschen mit oder ohne ADHS können dabei fachliches Coaching gut gebrauchen in der heutigen Zeit, damit die Weichen nicht falsch gestellt werden. Die Pubertätsphase ist ohnehin eine Zerreissprobe, nicht nur für die Nerven der Eltern, sondern auch für die Eltern-Kind Beziehung. Besteht beim Kind zusätzlich ein ADHS, haben Eltern häufig besondere Angst, denn alles ist extremer bei diesen Kindern, inklusive die Pubertät. Sie können aber plötzlich auch ganz vernünftig sein, dies zum grossen Erstaunen der Eltern.

Einige Grundregeln für das elterliche Verhalten von ADHS-Kindern in der Pubertät

–  Man darf die Kinder in dieser Entwicklungsphase nicht mehr erziehen wollen, Eltern sollen die Beziehung pflegen.

– Die eigene Emotionalität muss gut unter Kontrolle gehalten werden.

– ADHS-Kinder haben ohnehin Probleme mit Ihrer Impulskontrolle.

– Während der Pubertät sollten sie sich eine bessere Kontrolle über ihre Emotionen erarbeiten.

– In der Pubertät ist die Emotionalität aber ohnehin aufgewühlt, auch bei Jugendlichen ohne ADHS.

– Versuchen die Eltern nun, ihre pubertierenden Kinder mit starker eigener Emotionalität auf den richtigen Weg zu bringen, giessen sie Öl ins Feuer, die Situation eskaliert und das Eltern-Kind Verhältnis geht in Brüche, die Beziehung reisst oder das Kind wird krank.

– Im Zweifelsfalle sollen die Eltern das Steuer eher loslassen und dem Kind das Steuer überlassen anstatt zu übersteuern und über einen vernichtenden Machtkampf in einen Schleuderkurs zu geraten.

– Eltern sollen im Machtkampf mit ihrem pubertierenden Kind nicht unbedingt gewinnen wollen. Eltern sollen auch verlieren können. Sie tragen dadurch zum Selbstwertgefühl ihres Kindes bei.

– In der Pubertät geht es um die Übernahme der eigenen Verantwortung, um Selbstkontrolle und Eigenverantwortung und nicht um Fremdkontrolle durch die Eltern.

– Eigenverantwortung muss aber gelernt und geübt werden, sie kann nicht befohlen werden.

Die Berufsfindung

 – Berufs- und Partnerwahl sind zwei wichtige Entscheidungen im Leben eines Menschen.

– Die Berufsfindung beginnt meistens in der Pubertät, die Partnerwahl sollte eher später stattfinden.

– Bei der Berufswahl spielt die schulische Leistung, sprich die Noten, eine nicht unwesentliche Rolle.

– Noch wichtiger ist aber die Persönlichkeitsentwicklung des pubertierenden Kindes.

– Setzen die Eltern zu sehr nur auf schulische Leistungen – bei ADHS-Kindern bestehen ohnehin häufig Lernstörungen – kommt die Persönlichkeitsentwicklung zu kurz.

– Bei ADHS-Kindern sollte deshalb ganz besonders vermehrt auf die Persönlichkeitsentwicklung geachtet werden und weniger auf die schulische Leistung.

– Die Persönlichkeitswicklung findet nur während der Pubertätsphase statt. Lernen kann hingegen noch das ganze Leben lang nachgeholt werden.

– Noten sind in dieser Phase also weniger wichtig, als Eigenverantwortung und Persönlichkeitsentwicklung.

– ADHS-Kinder sind häufig eigensinnig und speziell. Sie haben oft auch besondere Berufswünsche.

– Diese Berufswünsche sollten unbedingt ernst genommen werden und, falls ADHS-Kinder noch nicht wissen was sie wollen, muss man auch zuwarten können bis sie fündig geworden sind.

– Drängen macht sich nicht bezahlt bei ADHS-Kindern, es lohnt sich warten zu können, bis die Entwicklung soweit ist. Ein Zwischenjahr, eine sinnvolle neue Erfahrung ohne bestimmte Berufsabsicht, kann helfen.

Probleme in und mit der Schule

– Viele Lehrer haben Probleme mit pubertierenden Schülern, ganz besonders auch mit ADHS-Pubertierenden.

– Sie neigen dann zum Erziehen durch strafen und ziehen die Eltern mit hinein in diese “negative Motivation“.

– Eltern sollten sich nicht durch die strafende Haltung der Lehrer anstecken lassen.

– Eltern sollen aber auch nicht unablässig gegen die “bösen Lehrer“ kämpfen, um ihr armes Kind zu beschützen, auch dieses Verhalten ist nicht hilfreich für das Kind.

– Die Lehrer sind für die Kinder ein Teil des Lebens, mit dem Eltern wie Kinder umzugehen lernen müssen. Eltern sollen das Gespräch mit dem Lehrer suchen, aber nicht mit der Einstellung, ihn verändern zu wollen.

Schlussbemerkung

Lassen sie sich viel Zeit für die Persönlichkeitsentwicklung mit ihrem pubertierenden ADHS-Kind, auch für die Berufsfindung. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht und auch nicht höher. Nehmen Sie sich auch immer wieder viel Zeit für sich selbst und tragen Sie ihrem Nervenkostüm Sorge, damit Sie für ihr Kind ein Fels in der Brandung sein können.

Alle Vorträge in einem Überblick findet man hier:

https://docs.google.com/leaf?id=0B5IKCk-WPk46NWVkZGM0MTUtMDk3My00YjE3LWJhZDQtOTdmZjM1YWIxMzRi&hl

Einladung zum Frühlingsapéro am 9. Mai 2012 um 19.00 Uhr

Praxisgemeinschaft Im Grünen Haus  Winterthurerstr. 52, 8006 Zürich

Vortrag Dr.med. Ursula Davatz                                                                              “Partnerschaft und Pensionierung“

Anmeldung bis 7. Mai an franziska.knapp@gmx.ch oder Telefon 076 474 98 08

Unsere Praxis erreichen Sie mit Tram 9/10 bis Haltestelle Kinkelstrasse. Dort erblicken Sie Das Grüne Haus an der Winterthurerstrasse 52 und finden uns im 3. Stock

Einladung zum Frühlingsapéro
am 9. Mai 2012 um 19.00 Uhr
Winterthurerstrasse 52, 8006 Zürich, Haltestelle Kinkelstrasse mit Tram 9/10

Ursula Davatz, Dr. med., Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH

Claudia Lutz-Campell, lic.phil., Fachpsychologin, für Psychotherapie FSP

Franziska Knapp, dipl. psych. FH, Psychotherapeutin SBAP

Barbara Frey, dipl. psych. FH, Fachpsychologin für Kinder und Jugendliche SBAP

Ursula Davatz heisst Sie / Euch mit einem Referat zum ThemaPartnerschaft und Pensionierungherzlich willkommen. Anschliessend freuen wir uns beim Apéro auf einen angeregten Austausch.



		

Demokratie in der Familie, Erziehungsprobleme

VORTRAG – EBL – Elternbildung rechts der Limmat, Oetwil – Geroldswil
Flyer Vortrag DEMOKRATIE IN DER FAMILIE – Erziehungsprobleme – 26.01.2012

Der Vortrag wird von der Referentin Frau Dr. med. Ursual Davatz gehalten. Sie ist Psychiaterin, Psychotherapeutin und Familientherapeutin.

Vortrag zum Anhören:

ADHS-Kinder – eine erzieherische Herausforderung

ADHS-Kinder – eine erzieherische Herausforderung – ELPOS
Aargau-Solothurn Vortrag vom 24.02.2011

Einleitung:

Das ADHS-Kind ist eine Normvariante des menschlichen Wahrnehmungs- und Reaktionstyps, die unseren Erziehungsstrukturen, die trotz aller individualisierter Erziehung in der heutigen Zeit sehr normiert und auf Normen ausgerichtet sind, zu schaffen macht, ja eine echte Herausforderung ist.

Unsere Gesellschaft ist einem Normierungsdruck des Messbaren, qualitativ Erfassbaren und sonstig Vergleichbarem ausgesetzt, welcher dem ADHS-Kind absolut zuwider läuft, sodass es zum Sand im Getriebe unserer Regelgesellschaft wird. Randständige und arbeitslose, psychisch gefährdete Jugendliche werden durch diesen Normierungszwang von unserer Gesellschaft produziert. ADHS-Kinder sind die ersten, die aus unserem System herausfallen. 75% aller ADHS-Kinder haben im Erwachsenenalter eine sekundäre psychiatrische Störung. Das müsste nicht so sein, wenn wir adäquater mit ADHS-Kindern umgehen könnten.

Merke

  • Wenn Eltern kein Geschrei oder gar einen Tobsuchtsanfall wollen, müssen sie einen Szenenwechsel ca. 10 Minuten vorher ankünden und das Kind darauf vorbereiten.
  • Ein traumatischer Eingriff wie Arztbesuch oder Zahnarztbesuch muss auch ein bis zwei Tage vorher angekündigt werden, nicht zwei Wochen vorher.
  • Eine Trennung der Eltern muss Wochen vorher klar angekündigt werden.
  • Man darf ADHS-Kinder nicht einfach mit einer neuen Situation überfallen.

Der gesamte Vortrag zum Download:

https://docs.google.com/document/pub?id=1Cda-hGN1rXjF6RiGsfBvMtBVW_KnnoMTF_e2wirwLmo