Die Quellen, insbesondere die Ausführungen von Dr.med. Ursula Davatz, betonen die enge Verknüpfung zwischen Prävention und Gesundheit, insbesondere im Kontext der kindlichen Entwicklung. Dabei wird deutlich, dass ein rein medizinisches Verständnis von Gesundheit unzureichend ist und ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich ist, der die Bedeutung von Beziehungen, Interaktionen und dem sozialen Umfeld berücksichtigt.
Prävention: Mehr als nur Wissen
Dr.med. Ursula Davatz stellt klar, dass Prävention nicht allein auf Wissensvermittlung beruht. „Viel Wissen um Gesundheit macht noch nicht gesund“, so ihr prägnanter Ausspruch. Sie kritisiert die starke Fokussierung des Gesundheitssystems auf das Individuum und die Krankheit, während die Entstehung von Gesundheit oft vernachlässigt wird.
Beziehungen als Schlüsselfaktor für Gesundheit
Stattdessen hebt sie die zentrale Bedeutung von Beziehungen und Interaktionen für die Gesundheit hervor. Eine gute Beziehung zwischen Eltern und Kind sowie positive soziale Beziehungen im Allgemeinen fördern die Resilienz, stärken das Immunsystem und tragen massgeblich zur Gesundheit bei.
Frühzeitige Intervention und Unterstützung
Besonders wichtig ist die frühzeitige Intervention, um Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen. Dr. Davatz plädiert dafür, dass Eltern sich frühzeitig Hilfe holen, wenn sie Schwierigkeiten im Umgang mit ihrem Kind haben. Sie betont, dass es keine Schande ist, Unterstützung zu suchen und dass dies im Gegenteil ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein ist.
HOTA als präventives Angebot
Die HOTA wird in den Quellen als ein wichtiges präventives Angebot dargestellt. Durch Erziehungsmediation, Familientherapie und Kulturvermittlung trägt sie dazu bei, Beziehungen zu verbessern, Konflikte zu lösen und ein unterstützendes Umfeld für Kinder zu schaffen.
ADHS: Ein Beispiel für die Bedeutung von Prävention
Am Beispiel von ADHS-Kindern wird die Relevanz von Prävention besonders deutlich. Diese Kinder sind aufgrund ihrer Hochsensibilität und Hochreaktivität besonders vulnerabel und haben ein erhöhtes Risiko, psychische oder somatische Krankheiten zu entwickeln.
Spezifische Präventionsmassnahmen bei ADHS:
Frühzeitige Erkennung und Diagnose: Je früher ADHS erkannt wird, desto besser können die Kinder und ihre Familien unterstützt werden.
Beziehungsorientierte Erziehung: Anstatt zu versuchen, ADHS-Kinder in die Norm zu pressen, sollten Eltern und Lehrpersonen auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehen und ihnen positive Führung bieten.
Schaffung eines unterstützenden Umfelds: Ein strukturierter Alltag, klare Regeln und liebevolle Zuwendung geben ADHS-Kindern Sicherheit und Orientierung.
Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule: Ein regelmässiger Austausch und eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule sind essenziell, um ADHS-Kinder optimal zu fördern.
Fazit: Prävention im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes, der die Bedeutung von Beziehungen, Interaktionen und dem sozialen Umfeld berücksichtigt, spielt eine entscheidende Rolle für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Die HOTA bietet in diesem Zusammenhang wertvolle Unterstützung für Familien, Lehrpersonen und Kinder, insbesondere auch für ADHS-Betroffene.
Prävention durch richtig Handeln im kritischen Augenblick
Audio
[00:00:02.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte Sie ganz herzlich begrüssen zu dem heutigen Tag. Wie sie gehört haben, das Leitthema ist:
"Richtig Handeln im kritischen Augenblick". Ich sage: "Prävention durch richtig Handeln im kritischen
Augenblick".
[00:00:17.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich werde am Anfang versuchen, ein paar allgemeine Sachen zu sagen. Also eine Art eine Einleitung zu
machen ein paar allgemeine übergeordnete Gedanken. Im Lauf vom Tag tun wir uns auf verschiedene
Themen noch ein bisschen mehr konzentrieren. Wir machen es so, dass sie nach meinen theoretischen
Einleitungen sofort Fragen stellen dürfen, damit sie nicht lange warten müssen damit. Sie dürfen Fragen
auch über den Chat eingeben und dann bekomme ich dann die Zettel und kann die Fragen ablesen.
[00:00:54.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Leben des Menschen geht durch verschiedene natürliche Krisen durch. Es gibt ein Chinesisches
Schriftzeichen, das sagt: Krisen gleich Gefahr oder Chancen für Entwicklung.
[00:01:08.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Zeitlang ist das an ganz vielen Tagungen gehandelt worden. In der letzten Zeit höre ich es nicht
mehr so viel und ich kann es auch nicht selber zeichnen. Natürliche Krisen sind immer kritische
Augenblicke. Der Lebenszyklus einer Familie geht durch eine natürliche Krise, wenn man eine
Partnerschaft schliesst. Also heiratet oder auch nicht heiratet und beschliesst zusammenzuziehen. Da
gibt es ja den Film "Runaway Bride". Da sieht man wie die Braut Angst hat vor dieser festen Bindung. Die
Geburt von einem Kind ist natürlich eine natürliche Krise.
[00:01:52.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Einschulung im Kindergarten und dann in die Schule. Der Umzug oder der Schulwechsel,
Schulübertritt. Natürlich der Tod innerhalb von einer Familie, das heisst, wenn ein Geschwister stirbt, das
ist auch eine Krise. Wenn ein Elternteil ums Leben kommt, ist eine sehr eine starke Krise und noch vieles
mehr. Solche kritischen Augenblicke sind immer störanfällig. Das heisst, das System kann aus der Bahn
kommen und einzelne Individuen innerhalb vom System können krank werden.
[00:02:29.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann sich eine Krankheit oder ich sage eine Dysfunktion entwickeln aus einer natürlichen Krise. Es
gibt dann noch schlimmere Krise, also wie eine Naturkatastrophe, ein Autounfall. Das ist nicht mehr
natürlich. Solche Sachen können selbstverständlich auch zu Krisen führen. Aus dem Grund, weil aus
diesen Krisen sich können Fehlentwicklungen ergeben, ist es ganz wichtig, dass Fachpersonen, sie als
Pflegefamilie, dass sie als Pflegefamilie, die im Gesundheitsbereich tätig sind. Sie nehmen Kinder auf,
dann wenn es natürliche Familiensystem nicht mehr standhält, wenn es nicht mehr trägt, wenn es eines
oder mehrere Kinder nicht mehr adäquat versorgen kann, wenn das Kindeswohl gefährdet ist.
[00:03:24.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kommen eigentlich immer in ein System hinein, wenn es in einem sehr ein kritischen Augenblick ist. In
dem Moment ist das System verunsichert und das Familienmitglied, das herausgenommen wird aus dem
natürlichen System und zu ihnen kommt, ist ebenfalls verunsichert. Sie müssen dem, dürfen dem
Unterstützung anbieten.
[00:03:49.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die präventive Unterstützung, die sie da anbieten, muss immer ganzheitlich sein. Sie kann nie nur auf
das Individuum bezogen sein, also nur auf das Familienmitglied, das sich in ihrem System dann aufhält,
sondern man muss eigentlich immer das ganze System im Auge behalten.
[00:04:10.870] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn gehört das Familiensystem. Also die Eltern gehören dazu und auch das Schulsystem oder
ein weiteres Bezugssystem, wie Kollegen oder Göttis. Man darf nicht nur individuell denken. Im
Augenblick, wo ein System gestört wird, oder eben nicht mehr recht funktioniert, wo die Dysfunktion
auftritt in einem System, dann verbreitet sich die Dysfunktion so wie eine Schockwelle durch das ganze
System durch. An Teil Orten kommt es mehr zum Ausdruck an anderen weniger. Es ist wichtig, dass man
das ganze Bild im Auge hat. Es ist wichtig, dass man nicht nur beim Individuum aufhört.
[00:05:12.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Institutions übergreifend muss man schauen können. Nicht beim einzelnen Individuum Halt machen. Die
Problematik ist, dass das medizinische und auch das juristisches Versorgungssystem sich nur immer auf
das Individuum ausrichtet. Das ist ein riesiger Mangel und eine grosse Kurzsichtigkeit.
[00:05:50.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Dysfunktion kann nicht erfasst werden und der Dysfunktion kann nicht gerecht entgegengestanden
werden, sie kann nicht richtig korrigiert werden, wenn man nur das Individuum anschaut. Das Individuum
wäre das Kind oder der Jugendliche, der bei ihnen in der Familie.
[00:06:16.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man nur das Individuum anschaut, kann man nicht gut Entwicklungs fördernd eingreifen und in
eine gesunde Richtung diese Entwicklung wieder zur Normalität führen. Denn es geht nicht einfach ums
Korrigieren, sondern es geht darum, dass der Fluss im System, die Energie, die Beziehungen, dass die
wieder besser laufen.
[00:06:43.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben hier eine wichtige Steuerungsfunktion. Es ist vorher erwähnt worden, dass ich ein Buch
geschrieben habe, über ADHS und Schizophrenie.
[00:06:53.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verwende dort den Begriff der Monsterwelle. Das ist eine emotionale Monsterwelle. Immer dann,
wenn ein Mensch, ein System in die Dysfunktion hineinkommt, dann können sich so emotionale
Monsterwellen entwickeln und die können dann viel Zerstörung und viele Krankheitsbilder verursachen.
[00:07:15.930] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sage ich, es braucht einen systemischen Ansatz, um wirklich einen präventiven Eingriff
machen zu können. Das ist dann eben die präventive Unterstützung, das richtig Handeln. Richtig ist nicht
eine allgemeine Regel, das ist in jeder Situation etwas anders. Das Richtig, das muss man immer wieder
herausfinden.
[00:07:42.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man sogenannt, adäquat, situationsgerecht handelt, in dem kritischen Augenblick, kann man
Prävention ausüben.
[00:07:54.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Wort Prävention kommt ja eigentlich von praevenire. Das ist ein lateinisches Wort. Das heisst etwas
zuvorkommen. Die Ärzte haben dann die Haltung, man muss in einem Krankheitsbild zuvorkommen. Das
Krankheitsbild ist in der Regel erst ein Endprodukt. Ein pathologisches Verhaltensmuster ist ein
Endprodukt und ist nicht die Ursache. Von dort her darf man sich eigentlich nicht auf die Symptome
beziehen, nicht auf das Krankheitsbild, nicht auf das Fehlverhalten und das korrigieren wollen. Man muss
immer den breiten Überblick haben und schauen, was läuft eigentlich ab.
[00:08:39.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo man systemisch denkt und das lernen alle Systemiker, fragt man nicht: Warum hast du
das gemacht? Warum ist das Symptom passiert? Sondern die Fragen sind immer, eben das System ist
zirkulär, man sagt, was ist passiert, wann ist es passiert? Wie ist es passiert und wo hat etwas
stattgefunden?
[00:09:01.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Fragen sind nie warum, sondern: Was, wann, wie und wo?
[00:09:06.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man "warum" fragt und das können sie bei allen Kinder feststellen, wenn ein Kind etwas falsch
gemacht hat und man fragt das Kind: "warum hast du das gemacht"? Das induziert immer Schuldgefühle.
Sobald man Schuldgefühle induziert, hat man keine gute Beziehung mehr, dann kommt entweder
aggressives Verhalten oder Rückzugsverhalten oder Ausweichsverhalten. Dann kommt man der
Problematik nicht auf den Grund. Das ist eine Regel, die man lernt, wenn man eine systemische
Ausbildung hat.
[00:09:43.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sehe, hier sind viele Päärchen, von dort her nehmen sie auch Teil als System, also als
Familiensystem, als Paarsystem an dieser Weiterbildung und in dem Sinn sind sie da schon ein
natürliches System.
[00:09:58.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt möchte ich ihnen die Möglichkeit geben, dass sie Fragen stellen dürfen zu diesen allgemeinen
Ausführungen.
[00:10:07.240] – Bemerkung 1
Also beim Pflegeverhältnis ist es so, dass man das Kind bekommt. Häufig werden dort die richtigen Eltern
gar nicht gross behandelt oder angeschaut. Wir haben nur einen kleinen Teil von einem ursprünglichen
Familiensystem.
[00:11:09.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Pflegeverhältnis ist etwas ganz spezielles. Das Kind wird aus seinem Familiensystem
herausgenommen und wird in ein anderes Familiensystem hineingetan. Es ist eigentlich eine
Zusammenführung von zwei Systemen. In dem Sinn würde es sich lohnen, wenn sie das
Herkunftsfamiliensystem versuchen, ein bisschen ins Auge zu fassen, zu analysieren und dann ihr
eigenes System dem Kind vorstellen.
[00:11:41.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wie wenn fremde Kulturen, also Leute aus fremden Kulturen, die in die Schweiz kommen. Wir
denken oft, die passen sich einfach an und das funktioniert ohne weiteres, ohne dass wir uns
Auseinandersetzen mit der Herkunftskultur und ohne dass wir unsere Kultur ihnen erklären.
[00:11:59.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es wäre ein ganz wichtiger Vorgang, also der Übertritt von der eigenen Familie in ihre
Pflegefamilie ist ein ganz ein wichtiger Übertritt. Da wäre es sehr sinnvoll, wenn sie sich ein bisschen
Angaben geben lassen. Sie können auch das Kind fragen, wie es denn zuhause gewesen ist. Dann das
eigene System vorstellen. Das ist so wie die Zusammenführung von zwei Flüssen oder zwei Materien.
Das ist immer krisenanfällig. Ja von dort her denke ich, würde sich das lohnen, dass sie dort reinschauen.
[00:12:37.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich als Therapeutin, wenn ich einen Patienten übernehme oder eine Patientin, die vorher bei einem
anderen Therapeuten gewesen ist und wechselt, dann muss ich auch ein bisschen Fragen, was ist vorne
dran gewesen? Was hast du gelernt? Was hast du nicht so gut gefunden? Damit ich nicht genau die
gleichen Fehler mache, die der vorhergehende Therapeut gemacht hat. Klar der vorhergehende
Therapeut ist weniger wichtig als die Herkunftsfamilie. Die Herkunftfamilie wäre wichtiger.
[00:13:08.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sich ein bisschen mit dieser vertraut machen können, wäre das hilfreich. Das Kind ist ja auch in
einem Loyalitätskonflikt. Es wird herausgenommen aus seiner Familie. Vom juristischen System wird
seine Familie als nicht so tauglich dargestellt. Als schädlich, aber das Kind behält seine Loyalität zu
seiner Familie. Es ist ganz schwierig, wenn es da in einen Loyalitätskonflikt hineinkommt.
[00:13:41.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ein paar Weiterbildungen von Bert Hellinger mitgemacht, zugeschaut. Er hat zum Beispiel auch
immer gesagt, man muss die Herkunftsfamilie ehren. Man darf nicht die Haltung haben, ich bin besser,
die haben alles falsch gemacht. Auch wenn die viele Fehler gemacht haben, muss man sie dennoch als
Erzeuger des Kindes als leibliche Eltern ehren.
[00:14:08.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Adoptivfamilie begleitet, zum Teil Kinder, die aus anderen Ländern gekommen sind, von Sri
Lanka, von Mexiko etc. Immer in der Pubertät wollen die Wissen wer ihre Eltern sind. Verdingkinder, also
auch wenn man die Eltern nicht einmal gekannt hat oder nicht mehr bewusst daran denkt, dann bezieht
man sich auf seine Herkunftsfamilie auf seine leiblichen Eltern.
[00:14:40.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wäre das möglich, dass sie ein bisschen Informationen bekommen?
[00:14:45.590] – Bemerkung 1
Ja also das haben wir schon ein Jahr lang gemacht. Einfach so gut wir konnten.
[00:14:56.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Was auch eine Möglichkeit ist und das ist ein psychologischer Test, wo viel verwendet wird. Man kann die
Kinder, ich sage jetzt extra, ihre Herkunftsfamilie als Tier zeichnen lassen. Die Tiere haben eine stärkere
Aussage. Die haben eine bildliche Aussage. Man sieht dann auch ein bisschen wo das Kind in seiner
Familie, also was für einen Platz, dass es hat. Da könnte man sogar die Herkunftsfamilie als Tier
zeichnen lassen. Dann nach einer gewissen Weile, wenn es eine zeitlang bei ihnen ist, könnte man dann
die Gastfamilie, also Pflegefamilie vom Kind zeichnen lassen.
[00:15:35.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man zeichnet, ist das bildliche Kommunizieren ist ein bisschen weniger verletzend oder nicht ganz
so offen. Man kann sich ein bisschen verstecken, aber es kommt doch einiges heraus. Wäre das eine
Möglichkeit aus ihrer Sicht?
[00:15:54.450] – Bemerkung 1
Ja danke, das ist eine guter Hinweis.
[00:15:59.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie reagieren sie zum Teil gefühlsmässig auf die Herkunftsfamilie, wenn die sehr dramatische oder
pathologische Muster haben? Was was machen sie mit dem?
[00:16:25.270] – Bemerkung 2
Ich habe eine Bemerkung zu ihren Äusserungen, dass man nicht eine Warum-Frage stellen soll.
Manchmal kann die Frage auch wichtig sein. Ist das in der modernen Psychologie so, dass niemand
Schuld ist?
[00:17:02.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Warum-Frage haben sie sicher immer im Hinterkopf. Müssen sie haben, hat jeder Wissenschaftler im
Hinterkopf und dürfen sie auch haben. Wenn sie die warum Frage direkt dem Kind stellen, dann löst das
einfach Schuldgefühle aus. Schlussendlich landen sie bei einem Warum?
[00:17:23.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie fragen: was ist denn gewesen? Was hat dich verletzt, wo ist es passiert, wer ist noch dort
gewesen? Also die ganzen Umstände. Man kreist die Situation von verschiedenen Richtungen her ein.
[00:17:43.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht darum zu sagen ja es ist egal, Schwamm drüber, wir gehen weiter, überhaupt nicht. Es
muss einem interessieren, was die verschiedenen Gründe sind, dass irgendetwas passiert ist. Aber aus
meiner Sicht und ich arbeite natürlich mit vielen schwierigen Familien und mit vielen Eltern und
schwierigen Kinder. Ich habe erlebt, wenn man direkt einem Kind sagt, warum hast du das gemacht?
Dann dann sagen sie in der Regel, ich weiss es nicht keine Ahnung. Ich weiss es auch nicht. Dann ist
man steckengeblieben. Hingegen wenn man sagt, was ist dann dort gewesen, was ist die Situation
gewesen? Wer ist dabei gewesen, was hat der andere gemacht? Welche Tageszeit ist es gewesen und
so weiter also wenn man das Umfeld so bisschen abfragt, dann kommt man einfach viel besser auf den
Grund.
[00:18:42.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man direkt Warum fragt, löst man in der Regel viel Abwehrreaktionen aus. Es gibt ganz offene
Kinder, die ertragen die Frage und die sagen es auch einfach. Viele Kinder sind schon recht, wie soll ich
sagen, raffiniert oder haben viele Abwehrstrategien, haben die wahrscheinlich auch in der Familie gelernt
und dann läuft man in eine Sackgasse hinein und in Schuldgefühle vom Gegenüber und dort kommt man
einfach nicht weiter.
[00:19:12.890] – Bemerkung 3
Wahrscheinlich auch eine Überforderung.
[00:19:13.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau man überfordert. Wenn man ein kleines Kind fragt: Warum? Das hat noch keine
Movivationspsychologie studiert, das erschrickt dann einfach und sagt: ich weiss es nicht. Keine Ahnung.
[00:19:13.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist mir noch eine Frage gegeben worden, ab welchem Alter kann man Tierzeichnungen machen? Da
würde ich sagen schon sehr früh. Ein dreijähriges Kind kann noch nicht viel zeichnen. Bei kleineren
Kindern kann man und das wird auch schon gemacht, da kann man verschiedene Tiere wählen und dann
kann man sagen, wen wählst Du für den Vater, wer für die Mutter, wen für deine Geschwister? Jetzt in der
Pflegefamilie, wen wählst Du für mich? Man kann genügend Tiere haben und dann können sie es so
machen. Dann kann man die im Raum platzieren oder auf einem Tisch platzieren, dann können ich auch
miteinander reden. Dann kann man in ein Spiel übergehen. Wer sagt was?
[00:20:20.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher kann man das schon mit Vierjährigen gut machen. Sobald sie in die Schule gehen, ich muss
überlegen, ich bin nicht Lehrerin, wenn sie ein bisschen zeichnen können zweite, dritte Klasse. Gewisse
Kinder können schon früh gut zeichnen, andere nicht, dann kann man sie die Tiere zeichnen lassen. Sie
können ja die Tiere auch ungeschickt zeichnen und sagen, das ist jetzt ein Löwe oder eine Ameisen. Das
ist ein Huhn oder was auch immer.
[00:20:51.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es ist immer sinnvoll und wenn sie kleiner sind, kann man es mit Plüschtieren machen oder
Plastiktieren.
[00:21:04.050] – Bemerkung 4
Ab welchem Alter spürt denn das Kind den Konflikt jetzt zum Beispiel von der Herkunftsfamilie und der
Pflegefamilie, das es da herausgerissen wird?
[00:21:22.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ab welchem Alter spürt das Kind? Da würde ich sagen schon im Uterus, also bereits in der
Schwangerschaft. Kinder sind sehr sensibel auf emotionale Stimmungen, sensibler als wir Erwachsene.
Wir können das unterdrücken. Die Kinder haben als Kommunikationsmittel eigentlich nur die Emotionen.
Wenn sie auf die Welt kommen, wenn die Mutter nervös ist, spürt es das. Wenn Spannungen zwischen
den wichtigen Bezugspersonen sind, spürt es das, wenn man es herausnimmt aus der Familie spürt es
das auch. Je nachdem kann es sich schnell an jemand Neues binden oder es ist noch zurückgebunden
an die Eltern und hat das Gefühl, es lässt die Eltern im Stich.
[00:22:10.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Es spürt ja auch, dass dort etwas nicht gut läuft. Ein 1/2 jähriges Kind, wenn das einer depressiven
Mutter gegenüber sitzt, dann fängt das schon an irgendwelche Faxen, Bewegungen, Sachen zu machen
um die Mutter zu animieren. Das ist schon sehr früh vorhanden. Wir sind eben soziale Wesen. Wir
brauchen die Interaktion und da gibt es ja die Untersuchung von René A. Spitz, wo die Kinder gestorben
wären, wenn man nicht emotional mit ihnen interagiert hätte. In dem Sinn fangen Kinder schon früh, ich
sage jetzt Familientherapeuten zu werden und wollen diesen armen Eltern die überfordert sind, helfen.
[00:22:58.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie spüren alles und das kann man vergleichen mit den Tieren. Pferde haben nicht so viele verschiedene
Laute und wir können wahrscheinlich auch nicht alle interpretieren. Berührungen, die können sie
interpretieren. Da kann das Pferd spüren, was der Reiter will, durch sein Gewicht. So sensibel sind auch
die kleinen Kinder. Von dort her spüren sie es schon sehr früh. Vielleicht muss man bei sehr sensiblen
Kindern auch irgendein Ritual haben, wo es noch Bezug nehmen kann, zu seiner Herkunftsfamilie. Es
geht nie um besser oder schlechter. Es geht einfach um zwei Systeme.
[00:23:44.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Also so wie ein Kind, wo aus einer anderen Kultur kommt, lernen muss in zwei Kulturen sich bewegen.
Daheim hat es die Kultur vom Herkunftsland, in der Schule hat es die Kultur von der Schweiz.
[00:23:59.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, sie müssen sich auf eine Art bewusst sein oder ab und zu wieder vor Augen halten: das Kind
muss Bezug haben zu zwei Systemen.
[00:24:11.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Zur Warum-Frage: in dem man systemisch die Frage stellt, also was, wann, wie unter welchen
Umständen, zu welchem Zeitpunkt. Das stellt eine Beziehung her. Hingegen wenn man Warum fragt, das
ist so eine Kausalfrage und das kann das Kind schnell unter Druck setzen und macht die
Partnerbeziehung, also die Zweierbeziehung fast ein bisschen zu einem Kampf, zu einer Kampfsituation.
Das ist ungünstig. Im Hinterkopf hat man natürlich: was ist eigentlich der Grund, dass das sich so verhält.
Das ist eine wissenschaftliche Frage, wo wir immer im Kopf haben. Wir denken natürlich sehr analytisch.
Wenn wir auf das Kind zugehen, dürfen wir nicht ganz so direkt kausal analytisch sein, sondern eben
Beziehung herstellen.
[00:25:46.060] – Bemerkung 5
Sie haben so ein Ritual erwähnt, um mit der Herkunftsfamilie eine Verbindung zu machen. Können sie da
ein Beispiel nennen, wie man das machen könnte.
[00:26:35.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie ein bisschen Bezug haben zu jemandem in der Herkunftsfamilie, sei es ein Geschwister, sei es
Mutter, sei es der Vater, sei es der Hund, den sie nicht hat mitnehmen können, dann könnte man einen
Gegenstand ein Plüschtier oder eine Puppe nehmen.
[00:26:54.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann könnte man dem zum Beispiel gute Nacht sagen, schlaf gut. Oder man könnte es am Morgen
begrüssen, wenn man das will. Man muss es nicht forcieren. Es muss natürlich kommen. Ich habe eine
Familie gehabt, die haben ein Kind aus Marokko adoptiert und die sind ganz gut vorbereitet gewesen
darauf, dass die Adoptiveltern auch immer zu dieser marokkanischer Mutter irgendwie Kontakt herstellen
und die haben das fast zu viel gemacht.
[00:27:31.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist sehr gut gemeint gewesen, aber das Kind kann ja nicht ständig hin und her in zwei Welten leben.
Man muss ein bisschen Intuition walten lassen. Wenn man sieht, es hat eine starke Beziehung oder es tut
ihm Leid, dass das die arme Mutter jetzt alleine ist und leiden muss, dass man dann eine Figur nimmt,
also eine Symbolfigur. Das könnte auch eine Puppe sein, dass man ab und zu diesem Kontakt aufnimmt.
[00:28:01.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Es muss immer Kinder gerecht gemacht sein. Wenn es schon grösser ist, kann man einen Brief
schreiben oder wie es die Anne Frank gemacht hat, in ihr Tagebuch schreiben. Irgendwie ein bisschen
Bezug nehmen. Die andere Welt und Beziehung zu dieser anderen Welt ein bisschen mit reinnehmen.
[00:28:21.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann immer wieder anders sein? Man kann auch eine Zeichnung machen, die man schickt, um zu
sagen, so geht es mir. Man muss so ein bisschen herausfinden wie stark oder wie wenig das Kind
Kontakt haben will, zu seinem Herkunftssystem. Es gibt auch Kinder, wo einfach loslassen und ganz da
sind, wo sie jetzt halt sind und das ist auch okay.
[00:28:53.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf dann nicht dem Kind wo eigentlich gut eingebettet ist bei ihnen, sagen jetzt solltest Du noch
deiner Mutter schreiben oder jetzt noch anrufen oder Du solltest das machen. Es muss natürlich
kommen. Man darf es nicht dem Kind überstülpen.
[00:29:07.400] – Bemerkung 6
Wegen dieser Idee mit dem Tier zeichnen. Kann man da immer darauf gehen, so wie die Eigenschaften
von diesen Tieren, dass das Kind irgendwie die Eigenschaften der Familienmitglieder mit den
Eigenschaften von diesen Tieren verbreiten? Oder kann es auch sein, dass das eigentlich ein bisschen
willkürlich ist und man dann da fast zu viel hinein liest?
[00:29:42.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Willkürlich ist es in der Regel nicht. Das Kind wählt ein Tier, das einer Eigenschaft, dieser Person
entspricht. Das Tier, das es wählt, zeigt eigentlich, wie das Kind die Person sieht oder wahrnimmt, erfahrt.
Es heisst nicht, dass diese Person durch und durch so ist. Es hat nur eine Eigenschaft heraus gewählt. In
dem Sinn sagt da die Wahl des Tieres, sagt etwas aus zur Beziehung, die das Kind zu dieser Person hat.
Wenn es die Person als schwach empfindet, dann wählt es irgendetwas kleines.
[00:30:21.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Grösse spielt auch noch eine Rolle. Wenn sie die als über stark empfinden und erdrückend, dann
wählt es irgendein aggressives Tier. Die Person muss gar nicht unbedingt so sein, aber es erfährt sie so.
[00:30:36.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sagt eigentlich mehr über sich und seine Beziehung zu dieser Person aus als wie die Person wirklich
ist. Es geht ja nicht darum wie was ist, sondern wie das Kind die Situation erfährt. In dem Sinn hat man
schon etwas. Also man sieht etwas. Man kann dann das Tier noch sprechen lassen. Also man kann dann
sagen, was sagt das jetzt und was sagt das andere zu ihm. Dort könnte man ja dann die Stofftiere
nehmen, die beweglichen.
[00:31:06.590] – Bemerkung 7
Wir sind ja alles Pflegeeltern und mich würde es noch interessieren, ob sie etwas sagen können zu ADHS
und Erziehung. Wichtige Grundsätzen. Einen haben sie gesagt mit den "Warum" Fragen. Das ist sehr ein
wichtiger. Gibt es noch andere Grundsätze, in der Erziehung wo sie jetzt sagen das ist wichtig, da sollte
man besonders darauf Wert legen?
[00:31:58.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe natürlich auch etwas vorbereitet zu den ADHS Kindern und wenn sie wollen, könnte ich jetzt
gerade mit dem weiterfahren?
[00:32:16.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wer hat ADHS Kinder in der Familie, also Pflegekinder. Könnten sie aufstrecken?
[00:32:39.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke es gibt sehr viel mehr ADHS-Kinder unter den Kindern, die in die Pflegefamilie kommen. ADHS
Kinder sind schwieriger.
[00:32:50.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme in meiner Therapieform immer ein drei Generationen Familienschema auf. Ein Genogramm.
Da hat es unter anderem auch immer Verdingkinder darunter. Es hat Verdingkinder drunter und es hat
auch Politiker darunter, die Nationalräte und Ständeräte werden also die High-Achievers und die
Versager.
[00:33:22.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache natürlich in meinem Kopf meine Statistik. Ich ich schaue hier immer auf das Muster. Ich denke
ADHS Kinder sind schwieriger zum Erziehen. Die sind wahrscheinlich auch mehr als Verdingkinder
weggegeben worden.
[00:33:39.800] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Päärchen, Eltern ziehen sich gegenseitig an, wenn der eine ein ADHS hat, sucht er einen Partner,
der auch eines hat. Die sind viel, viel Konflikt anfälliger. Dort gibt es natürlich dann Probleme bei der
Erziehung. Es gibt Probleme in der Ehe und viele Eskalationen.
[00:34:02.500] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinne werden sie wahrscheinlich überdurchschnittlich viele ADHS Kinder als Pflegekinder
bekommen. Sowohl die Familie ist ein bisschen schneller dysfunktional, als auch das Kind ist schwieriger
zum Erziehen.
[00:34:18.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor Jahren hat man POS-Kind gesagt. Fachleute haben noch gesagt, das gibt es gar nicht, das ist
unwichtig. Die ELPOS war die Gesellschaft, die sich schon lange damit befasst.
[00:34:34.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage ist ADHS in aller Munde. Es ist aber leider von der Psychiatrie als Krankheitsbild genommen
worden. Dann kann man sobald man die Diagnose macht von einem ADHS-Kind, kann man sofort an die
Psychiatrie oder auch die Ärzte abdelegieren. Man kann Medikamente verschreiben und dann sollte das
Problem gelöst sein. Das ist aber bei weitem nicht so.
[00:34:59.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum möchte ich ihnen ein paar Begriffe beibringen paar Eckpunkte zum Thema ADHS. Ich kann
natürlich nicht alles bringen, aber sie können mir ja dann noch weiter Fragen stellen.
[00:35:13.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder mit der Persönlichkeit ADHS und ADS, die Verursachen innerhalb vom Familiensystem vermehrt
kritische Augenblicke. Wir sagen ja, die Prävention ist richtig Handeln im kritischen Augenblick.
[00:35:28.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Einerseits verursachen sie mehr kritische Augenblicke durch ihre hohe Sensitivität. Sie sind sehr
sensibel.
[00:35:37.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich eine Mutter mit einem ADHS-Kind und noch anderen Kindern Frage: wer merkt zuerst wenn es
ihnen schlecht geht? Dann zeigt die Mutter immer auf das ADHS-Kind.
[00:35:48.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die hohe Sensitivität, die man auch mit Empathie bezeichnen kann.
[00:35:54.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Durch die hohe Sensitivität, die leichte Verletzlichkeit, sie haben feine Fühler, wenn man sie etwas hart
anpackt, dann werden sie verletzt.
[00:36:11.750] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Kinder haben eine starke Impulsivität. Da redet man dann von mangelnder Impulskontrolle. Sie
haben eine starke Reaktivität, wenn sie verletzt werden.
[00:36:25.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ADHS Kinder reaktiv reagieren auf eine Verletzung, dann gibt es zwei Möglichkeiten: unter Stress
gibt es Flucht oder Kampf. Die Flucht kann sein, sie laufen einem davon, sie hören nicht, sie rennen
einfach weg. Oder sie werden aggressiv und sie kämpfen, sie geben einem zurück. Sie schimpfen einem
an. Sie spucken einem an, die kleinen beissen einem sogar, alles möglich.
[00:36:55.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Flucht kann davonlaufen sein, aber die Flucht kann auch eine Flucht nach innen sein. Das heisst, sie
gehen in eine Traumwelt, man erreicht sie nicht mehr. Dann kann man sie auch nicht erziehen oder man
kann nicht mehr recht Beziehung zu ihnen herstellen.
[00:37:15.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe wieder zu den Pferden. Wir Menschen versuchen die Pferden über eine Trense und ein Zügel
zu steuern. Wenn man ein Pferd zu fest am Zügel zieht, dann beisst es einfach auf die Trense und bricht
aus. Man hat keine Beziehung mehr zum Pferd, man kann es nicht mehr leiten. Darum sagt man, man
muss immer da locker im Kontakt sein, in Berührung sein. Man darf nicht am Zügel reissen.
[00:37:41.680] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Erziehung haben wir oft die Tendenz am Zügel zu reissen. ADHS Kinder beissen dann drauf,
ziehen sich zurück, werden verstockt und man kann nichts mehr machen.
[00:37:58.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Keine Erziehung ohne Beziehung. Das stimmt, man muss immer Beziehung zu seinem Gegenüber
haben, sonst kann man es nicht leiten. Sonst kann man es nicht führen.
[00:38:11.280] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sind Kinder mit ADHS für Eltern und auch für sie als Pflegefamilie schwierig wegen ihrem
ungehorsam.
[00:38:22.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS Kinder haben ein schlechtes Benehmen, d.h. sie schiessen über das Ziel daraus hinaus. Sie
haben ihre Aggressionen nicht im Griff, sie haben ihre Impulsivität nicht im Griff und das macht es
schwierig.
[00:38:34.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit man ADHS Kinder gut führen kann, also sie haben einen Dickkopf auf Schweizerdeutsch gesagt,
muss man Kontakt zu ihnen herstellen können. Sie sind sehr stark von innen gesteuert und das ist der
Dickkopf. Das ist die Eigenwilligkeit. Wenn man ein schönes Wort dafür verwendet kann man sagen
intrinsisch also von ihnen her gesteuert.
[00:39:05.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht lustig, wenn die Kinder klein sind. Wenn sie erwachsen sind, macht sie das natürlich
erfolgreich, aber wir müssen zuerst bis zum Erwachsenen sein kommen.
[00:39:15.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit diesen Kindern in einen Machtkampf geht, dann verliert man den eigentlich immer. Sie
gehorchen einem nicht.
[00:39:24.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Paraphrasierung sage ich dann, Eltern von ADHS Kinder können das oft nachvollziehen, ich sage,
man kann sie tot schlagen und sie folgen immer noch nicht. Das ist natürlich absurd. Es ist klar, dass sie
dann nicht folgen. Man kann zum äussersten der Bestrafung oder vom Weh machen gehen, sie Folgen
einem trotzdem nicht, denn ihr Dickkopf ist stärker, ihre intrinsische Kraft ist stärker.
[00:39:55.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim einem kleinen Kind kann man es vielleicht noch aber spätestens in der Pubertät geht das überhaupt
nicht mehr.
[00:40:04.750] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn kann man sie nur zur Kooperation bringen. Also man muss sie locken. Wenn man sie
überfällt und falsch anpackt, dann sind sie nur störrisch und widerwillig. Von dort her muss man eher
zurücktreten von seiner Absicht.
[00:40:26.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wegen ihrer hohen Sensitivität, neigen sie auch sehr schnell zum sogenannten System Overload.
[00:40:39.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja Aufmerksamkeitsstörung. Umformuliert heisst das: sie haben eine breite Aufmerksamkeit. Sie
hören nicht nur auf das, was sie sagen. Sie schalten nicht ein, wenn sie keine Beziehung zu ihnen
herstellen können.
[00:41:09.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommt wieder etwas aus der Hundeerziehung. Man muss zuerst ihren Appell haben, man muss
zuerst Augenkontakt haben oder Körperkontakt. Das heisst man kann die Schulter berühren das ist
Körperkontakt.
[00:41:27.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sieht das auch bei den Affen, die machen das auch. Man muss zuerst ihr Appell haben ihre
Aufmerksamkeit. Den Kanal hergestellt haben. Erst dann kann man kommunizieren. Man kann auch nicht
durch das ganze Zimmer oder durch das ganze Haus irgendeinen Befehl durchgeben.
[00:41:44.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Hund geht das auch nicht. Man muss zuerst Beziehung herstellen, der sogenannten Appell. Dann
kann man sagen, ich will es so. Dann darf man nicht sagen, ich will das nicht. Nicht nein sagen, das ist
falsch sondern gerade sagen, wie man es gerne hätte.
[00:42:05.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte sogar zuerst sagen: aha, du hast das so gemacht, man kann sogar noch Fragen: was ist
deine Überlegung, dass du es so gemacht hast? Aha, man müsste das dann eigentlich validieren.
[00:42:22.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Erst dann, wenn man validiert hat, darf man zu seiner Erziehungsmethode gehen und sagen, ich möchte
es so.
[00:42:30.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht, du musst es so machen, sondern ich will es so.
[00:42:35.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss zwei Personen stehen lassen. Das ist ein grosser Unterschied. Du musst jetzt, mach endlich,
zu ich will, mir ist wichtig, dass es so gemacht wird aus dem und dem Grund.
[00:42:49.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kraft muss bei sich bleiben und dann muss man ein bisschen warten können, damit das Kind das
internalisieren kann und dann selber übernehmen und sich selber den Befehl geben. Das wäre dann der
intrinsische Befehl.
[00:43:06.770] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS und Hochsensibilität: Die Ärzte haben es an sich, dass sie aus jedem Symptom wieder eine neue
Diagnose machen. Da bin ich kritisch.
[00:43:23.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss dann zum Teil auch die Namen auswendig lernen. Man redet heute von ADHS, man redet von
ADS und man redet auch von Hochsensibilität. Ich sage jawohl, Hochsensibilität ist eine Eigenschaft, die
bei den ADS Kindern und den ADHS Kindern auftritt.
[00:43:45.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Diejenigen, welche sehr hoch sensibel sind, also wo man es merkt, dass sie hochsensibel sind. Das sind
meistens eher ADS-Kinder also ohne das H.
[00:43:58.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Respektive sie Agieren das H nicht aus. Ich setze es gleich. Ich setze es absolut gleich.
[00:44:06.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Man weiss ja heute, dass ADHS und ADS vererbt wird. Oft findet man in der Familie ein Kind ist ein
ADHS Kind, das andere ist ein ADS-Kind. Die tun sich dann auch gegenseitig so ein bisschen
aufschaukeln. Der eine wird über aktiv und der andere zieht sich immer mehr zurück. Ich habe einige
Familien, wo ich solche Päärchen finde.
[00:44:29.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Hochsensibilität noch weitergeht, in ein totales Rückzugsverhalten, dann redet man dann von
Autismus. Dann redet man von Autismus Spektrum Krankheit, weil es auch wieder ein breites Spektrum
ist. Dann redet man auch von Asperger.
[00:44:51.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man bei einem Kind oder auch bei einem Erwachsenen eine starke Sensibilität wahrnimmt und
der auf Rückzug schaltet, also er sich zurückzieht, dann redet man dann von Asperger. Aber für mich ist
alles das gleiche und es ist genetisch weitergegeben. Man sagt bis 70% ist genetisch weitergegeben.
[00:45:19.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es ist voll genetisch weitergegeben, aber es gibt natürlich viele verschiedene
Ausformulierungen. Es ist nicht ein Gen, das zu einer Eigenschaft führt. Die verschiedenen Gene tun
miteinander interagieren. Dann gibt es verschiedene Persönlichkeitsbilder.
[00:45:38.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage ADHS Persönlichkeit, ADS-Persönlichkeit. Ich sage nicht Störung sondern einfach
Persönlichkeit. Es ist eigentlich eine Persönlichkeitsdiagnose.
[00:45:49.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man natürlich eine Persönlichkeit festlegen und wahrnehmen kann, dann versteht man ein
bisschen schneller um was geht es.
[00:45:59.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man seine Warum Frage schneller beantworten.
[00:46:04.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Aha, ja klar es ist ein ADS. Dann ist das typisch, dass es so und so und so reagiert, dann muss man nicht
immer wieder von vorne beginnen.
[00:46:12.260] – Bemerkung 8
Ich habe noch eine Frage zum POS. Ist es das gleiche wie ADHS?
[00:46:21.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja! POS heisst ja Psycho Organisches Syndrom. Psycho Organisches Syndrom ist eine Diagnose aus
der Erwachsenenwelt.
[00:46:39.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat man gesagt frühkindliches Psycho Organisches Syndrom.
[00:46:43.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem Begriff zeigt man auf, dass irgendetwas im Hirn ein bisschen anders ist. Psycho Organisch,
organo psychisch müsste man eigentlich. Das Hirn ist ein bisschen anders strukturiert und darum reagiert
das Kind ein bisschen anders.
[00:47:00.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher wo man noch keine Bildgebenden Verfahren hatte um das Hirn darzustellen, konnte man es noch
nicht aufzeigen. Heute kann man es aufzeigen. Die Hirne sind zum Teil ein wenig anders und die
funktionieren auch ein bisschen anders.
[00:47:13.420] – Bemerkung 9
Sie haben gesagt, sie tun so reagieren, dass sie entweder davon rennen oder sie gehen in ihre
Traumwelt zurück.
[00:47:27.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das sind mit ADSler.
[00:47:29.380] – Bemerkung 9
Macht die Person immer das gleiche? Kann es auch sein, dass die Person einmal davon rennt und
einmal in die Traumwelt geht?
[00:47:39.390] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Regel ist ein Verhalten vorherrschend. Davon rennen und aggressiv werden natürlich sich
aggressiv verteidigen. Also davon rennen ist ein bisschen weniger aggressiv. Man geht einfach weg, also
man gehorcht nicht.
[00:47:59.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind, dass die Tendenz hat in die Traumwelt zu gehen, wenn man das und jetzt komme ich
wieder mit einem Begriff, wenn man dem seine Fluchtdistanz überschreitet, wenn man das zu fest in eine
Ecke drückt auch bei den Erwachsenen. Das haben wir, wenn Patienten in Königsfelden aufgenommen
worden sind und man hat sie zu sehr in eine Ecke gedrückt, jetzt nicht unbedingt physisch aber mental
mit Fragen, mit gescheit sein, dann können sie auch ausrasten und sehr aggressiv werden.
[00:48:36.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann denkt man, was die brave Person, die doch immer so ruhig und zurückgezogen gewesen ist, kann
so aggressiv sein. Das ist natürlich dann eine letzte Verteidigung.
[00:48:50.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja unter Stress Fight or Flight. Kampf oder Flucht.
[00:48:54.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage noch Totstellreflex. Wenn man eine Person in der zweier Beziehung, in der Interaktion so fest in
die Ecke drückt, und man kann sie sehr gut intellektuell in die Ecke drücken, dann kämpfen sie dann
gehen sie auf einen los.
[00:49:11.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum darf man wenn jemand so erregt ist, darf man nie die Fluchtdistanz überschreiten. Dort muss man
dann eher aus Distanz Bezug nehmen.
[00:49:20.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich die mit Schizophrenen arbeite, darf sie nicht mit den Augen zu fest fixieren. Wie beim Hund. Wenn ich
mit den Augen fixiere, das macht Angst. Ich muss einen schweifenden Blick haben, damit ich die nicht zu
fest durchbohre.
[00:49:45.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Vorträge gebe vor Erwachsenen mit ADHS, ich bin ja Mitglied von ADHS20+, ich bin dort
Vizepräsidentin, dann sagen sie zum Teil als Kind bin ich ein ADHS gewesen und jetzt als Erwachsener
habe ich gekehrt zu einem ADS. Sie können auch drehen im Lauf der Entwicklung.
[00:50:15.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke das hängt ab von den Erfahrungen, die sie gemacht haben. Wenn sie mit ihrem ADHS nicht
durchgekommen sind und immer angestossen und immer runtergemacht worden sind, dann irgendeinmal
ermüden sie. Dann wechseln sie auf innere Flucht. Das ist noch einleuchtend. Ein Teil die ADS Kinder
waren, die nicht getraut haben sich zu positionieren, wenn sie dann das nötige Umfeld haben, wo sie
Zuhörer haben, dann können auch die ohne Punkt und Komma sprechen, was man ihnen früher als
scheue Kinder gar nicht zugetraut hätte.
[00:50:44.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch ist ein sehr ein flexibles Individuum. Das Hirn ist sehr plastisch, anpassungsfähig. Je
nachdem kommt ein anderes Muster hervor.
[00:51:09.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man noch weiter dazu sagen. Das Organ Hirn ist am meisten gesteuert. Heutzutage redet man
auch von Epigenetik. Epigenetik heisst, dass nicht Gene zu einem Symptom also zu einer Krankheit oder
zu einem Charakteristikum führen, zum Teil schon. Die Gene, die können auch beeinflusst werden durch
Steuergene. Das menschliche Hirn ist am meisten durch Steuergene beeinflusst.
[00:51:37.000] – Bemerkung 10
Sind Pflegekinder aufgrund ihrer Vergangenheit feinfühliger, sensibler als andere Kinder ohne Diagnose
ADHS?
[00:51:56.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja ich denke schon. Unter den Pflegekinder hat es viele ADHS Kinder. Wenn die viel schlechte
Erfahrungen gemacht haben, dann wenn man nur ein bisschen ähnlich wie die leiblichen Eltern negativ
auf sie reagiert, nur ein Hauch von ähnlich, dann schlägt das in die gleiche Kerbe. Dann kann passieren,
dass wenn sie nur schon irgendetwas denken, wo sie jetzt könnten machen oder sagen, dass sie das
schon merken und sich abwehren.
[00:52:32.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist ein gewisses Abwehrsystem dann vorhanden, dass man durchbrechen muss. Ich weiss nicht
vielleicht haben ein Teil von ihnen den Film "Horse Whisperer" gesehen, Pferdeflüsterer. Da hat ein Pferd
einen Unfall gehabt. Das Pferd ist absolut verängstigt gewesen. Pferde sind Fluchttiere. Menschen
können sich auch wie Fluchttiere Verhalten.
[00:52:59.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man in eine gleiche Kerbe hineinkommt wie die leiblichen Eltern gemacht haben, dann ist man
verloren. Darum lohnt es sich eben herauszufinden, was ist denn jeweils zu Hause gelaufen. Ja sie sind
sensibler.
[00:53:11.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wie ein Trigger. Man spricht von Triggers. Also wenn man ein paar Mal etwas Negatives in einer
gewissen Situation erlebt hat, wenn dann nur schon das Ähnliche kommt, dann wird man wieder
getriggert.
[00:53:28.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Nervensystem ist eben lernfähig. Es lernt dann solche Situationen von Anfang an abzuwehren.
[00:53:40.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum ist ganz wichtig, dass wir eben fragen: Was, Wann, Wie, Wo und unter welchen Umständen fragt.
[00:53:42.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Man müsste dann abgleichen, was hast du gedacht was ich habe sagen oder machen wollen? Dann, aha
nein, weisst du, ich habe das und das wollen.
[00:53:54.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist dann wichtig, dass eine sehr sorgfältige Kommunikation gemacht wird. Nicht nur einfach nein, ich
habe das nicht so gemeint, du hast das falsch verstanden.
[00:54:05.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Das falsch Verstehen ist ein erlerntes Falschverstehen. Es ist ein Verstehen, das auf der Vergangenheit
basiert.
[00:54:18.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man selber die Nerven verliert und das darf ja auch passieren und das passiert ab und zu. Also
wenn man selber impulsiv wird, die Kontrolle verliert, dann soll man ja nicht mehr in eine erzieherische
Aktivität einsteigen, denn die bringt gar nichts. Dann soll man eher das Schiffchen seiner Selbsteuerung
überlassen. Im Notfall steuert sich das Kind selber besser als wenn wir eingreifen und übersteuern.
[00:55:17.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bringe ich immer ein Beispiel. In dem Sinn soll man in der Kommunikation nie "nein" sagen. Wenn
man nein sagt, dann fahren die Emotionen, die Emotionen sind so wie eine Welle auf dem Meer, nicht so
eine hohe Amplitude, aber eine lange Wellenlänge. Wenn man hier am Rand, wo die Welle ans Land
kommt, wenn man dort eine Mauer baut, dann gibt es eine Springflut. Wenn sie nein sagen, dann macht
ihr Kind eine Springflut. Dann können sie gar nichts mehr steuern. Sie eskalieren miteinander. Darum
eben eher der Selbststeuerung überlassen.
[00:56:02.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich einmal zwei Piloten zugehört, als ich angestanden bin, im Flughafen Zürich. Die haben
zueinander gesagt, im Notfall soll man ein Flugzeug am ehesten sich selber überlassen, dann steuert
sich selber. Denn es ist aerodynamisch konstruiert und steuert sich selber. Da ist das ADHS Kind dann
wie ein Flugzeug, also lieber sich selber überlassen. Es beruhigt sich wahrscheinlich schneller, als wenn
man noch reinsteuert.
[00:56:33.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Stört man, übersteuert man, tut man wie Öl ins Feuer giessen. Wenn man ja selber die Nerven verliert,
dann ist man ein Feuerballon. Dann kann man eigentlich nur Öl in das Feuer giessen. Das bringt nichts.
[00:56:46.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dennoch seinem Impuls Ausdruck geben möchte, dann sage ich immer, man muss an die
Decke schiessen und nicht auf das Kind. Jetzt platze ich, jetzt bin ich verrückt und man darf an die Decke
schiessen.
[00:56:55.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Nie "Nein" sagen, das wäre eine Mauer.
[00:57:08.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das von den Diskussionen und die "Warum" Frage, habe ich schon gesagt eben immer wieder die
systemische Frage, das habe ich alles erklärt.
[00:57:16.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Um in Konfliktsituationen gut umgehen zu können, mit Kindern und natürlich auch mit Erwachsenen, mit
ADHS, darf man nie Veränderungsvorschläge machen, bevor man nicht die Situation besser verstanden
hat.
[00:57:39.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Therapeuten sind oft auch ungeduldig. Wir sehen das Symptom, das muss korrigiert werden. Wir
gehen nicht auf die Geschichte ein, wie ist das Symptom entstanden. Ich denke, man darf nie etwas
korrigieren, bevor man nicht verstanden hat, bevor man nicht die Geschichte, bevor man nicht die
Entwicklung, also wie ist es zu dem Symptom gekommen oder zu dem Verhalten, bevor wir das nicht
verstanden haben.
[00:58:05.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss es validieren. Aha, so hast Du gedacht. Aha wegen dem. Aha, ich kann das nachvollziehen.
Erst dann darf man sagen, ja, ich verstehe das – kleine Pause – und man sagt ja, man darf nie "aber"
sagen sondern man muss "und" sagen.
[00:58:29.070] – Dr.med. Ursula Davatz
In dieser Situation und aus meiner Sicht möchte ich es gern so und handhaben aus dem und diesem
Grund möchte ich dass man einen Konflikt so handhabt.
[00:58:38.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Beispiel wenn ein Kind einfach dreinschlägt oder einem das Zeugs aus der Hand reisst, dass man
sagt, wenn du gerne das haben möchtest, das ich jetzt in der Hand habe, oder dein Geschwister in der
Hand hat, dann bringe ihm doch etwas anderes, dann könnt ihr tauschen.
[00:58:55.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der erwachsenen Person, sprich mich an. Sage, was du brauchst.
[00:59:00.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich etwas mache, das du nicht gerne hast oder was dich wütend macht oder verletzt, sag es mir
[00:59:06.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Kleine Kinder können das natürlich noch nicht. Die Schlagen drein oder schreien. Die grösseren Kinder
können es langsam lernen. Es ist erstaunlich wie Kinder zum Teil auch schon gut sagen können was
eigentlich mit ihnen abgeht.
[00:59:20.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können das sagen, wenn man das Ohr dafür hat, also wenn man zuhört.
[00:59:25.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bin ich wieder bei der Vorgehensweise. Man muss Lernen einen sorgfältigen Umgang mit diesen
ADHS Menschen zu praktizieren.
[00:59:40.220] – Bemerkung 11
Stellt sich eine ADHS/ADS Persönlichkeit vermehrt die Frage, welchen Zweck beziehungsweise welchen
Vorteil hat eine erzieherische Massnahme für mich?
[00:59:59.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein. Das ist eine komplizierte Frage. Ganz einfach beantwortet sage ich: das ist schon eine Erwachsene
Person, die sich die Frage stellt und das ist schon, ich könnte jetzt sagen, schon fast ein bisschen im
Psychopath. Es ist vielleicht ein bisschen negativ gesagt. Es ist auch ein sehr ein Rationaler. Soweit
voraus denkt es nicht. Da braucht es schon ein entwickeltes Hirn ein sehr ein berechnendes Hirn, das
sagt, wenn ich das mache, habe ich den und den Vorteil.
[01:00:42.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen ja alle eine Berufswahl treffen und wenn man eine Berufswahl trifft nach: wenn ich das
mache, kann ich einmal viel Geld verdienen oder dann werde ich ein toller CEO oder ich werde Politiker
oder weiss ich nicht was. Das ist eigentlich nicht eine gute Art und Weise wie man seinen Beruf wählt.
[01:01:04.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Beruf ist verwandt mit Berufung. Gerade bei ADHS-Kindern, wenn man den aufschwatzt, was sie machen
sollten und was gut wäre. Früher ist man zum Berufsberater gegangen und der hat gesagt nein mit dem
hast du keine Chance, musst du das machen mit dem hast du mehr Chancen. Das ist heute nicht mehr
so.
[01:01:23.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die falsche Berufswahl. Man muss wirklich seinen Fokus finden und vielleicht ist der ein bisschen
ausserordentlich.
[01:01:33.000] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Menschen, das habe ich nicht gesagt, sind eigentlich immer auch sehr kreativ und wählen dann
vielleicht Berufe, die gar nicht so gängig sind. Sie müssen eine intrinsische Berufswahl treffen. Dann
funktioniert es am besten.
[01:01:52.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch Leute, die irgendetwas studieren, das ihnen sehr am Herzen liegt. Nachher arbeiten sie
etwas ganz anderes. Aber das ist okay.
[01:02:01.500] – Dr.med. Ursula Davatz
So berechnend sind ADHS Kinder nicht. Im Gegenteil. Wenn jemand so berechnend ist, dann ist es ein
ADHS Kind auf einem Fehlpfad.
[01:02:24.110] – Bemerkung 11
Sie nehmen immer wieder Bezug auf die Tierpsychologie, Pferd und Hund Bei den Pferden kommt es
doch auch vor, dass sich das Pferd fragt: Was liegt drinnen für mich? Wenn ich das und das mache, was
der Mensch mir sagt, dann gibt er mir dafür Sicherheit. Die Frage ist so gemeint gewesen.
[01:02:58.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt verstehe ich die Frage besser. Also das Pferd ist natürlich ein ganz ein starkes Herdentier. Es geht
nach dem Chef. Pferde sind auch Individuen, aber der Mensch ist noch vielmehr individuell geprägt. Er ist
ein soziales Wesen, er muss sich der Herde anpassen. Er muss auch auch individuell vorgehen.
[01:03:28.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sich ein ADHS so, ich sage jetzt einmal opportunistisch den Regeln anpasst, dann tut es sich nicht
selber verwirklichen.
[01:03:46.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auf der Aarburg delinquente Jugendliche beraten und der Dr. Sachs ist mein Nachfolger
gewesen. Ich habe auch ein Video mit ihm gemacht. Da hat man die beiden Methoden von erzieherisch
und therapeutisch.
[01:04:07.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Therapeutisch wollen wir immer das Individuum fördern. Erzieherisch geht man immer auf Anpassung.
[01:04:13.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann die Leute im Erziehungsheim haben. Man sagt ja auch Erziehungsheim. Sie werden erzogen,
sie passen sich an. Sie wissen genau, wenn ich das und das mache, dann habe ich Freiheit, bekomme
ich das und das. Sie holen sich das alles. Wenn sie draussen sind, ist alles weg.
[01:04:31.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das was ich sage es ist berechnend. So weit kann das Pferd nicht vorausdenken. Das ist in dieser
Gruppe funktioniert in dieser Gruppe.
[01:04:42.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der ADHSler ständig in der Erziehungsanstalt bleiben würde, vielleicht würde es dann gehen. Je
nachdem drückt dann sein Wesen wieder durch und dann explodiert alles.
[01:04:54.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Jawohl, ADHS ist angeboren. Man kann nicht 50% oder 60% ADHS haben. Es wird über die Gene
übertragen. Ich sage, das ist eine ADHS Familie. In dieser Familie hat es ADHS Gen und auch ADS
Gene. Es wird genetisch weitergegeben.
[01:05:27.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sogar so weit gehen. Man hat Untersuchungen gemacht rund um das Mittelmeer herum. Dort
sind ADHS Gene präferiert, evolutionär bevorzugt worden. Die Evolution hat dafür gesorgt, dass dort
mehr solche Gene sich ansammeln. Warum? Die haben einen Vorteil gehabt.
[01:05:53.710] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHSler haben eine breite Aufmerksamkeit. Sie haben in der Regel eine schnelle Auffassungsgabe.
Rund um das Mittelmeer herum ist Handel getrieben worden. Man hat schnell einen guten Deal machen
müssen, wissen wie, wo, was ist. Das hat natürlich die Leute eher gefördert. Wir sagen ja, ja das ist ein
südländisches Temperament. In Italien wird ADHS nicht so viel diagnostiziert. Schon im Tessin wird es
nicht so viel diagnostiziert. Da sagt man einfach südländisches Temperament. Das ist normal. In der
Deutschschweiz, uuhh, der benimmt sich schlecht der ist zu laut. Der kann sich nicht gut verhalten etc.
[01:06:34.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus meiner Sicht ist es ganz klar genetisch vererbt. Es kommt darum in Familien vor. Oft tun sie sich halt
dann auch noch zusammen.
[01:06:48.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ein Paper geschrieben: "Die Gene legenden Grundstein, das ist Umfeld bestimmt die Krankheit".
[01:06:56.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem was man macht mit diesen Genen, wie man mit diesen umgeht, geschickt,
persönlichkeitsgerecht oder ungerecht? Man wird dieser Persönlichkeit nicht gerecht, dann kommt
irgendein Zworgel raus. Dann kommt halt eine verzogene Persönlichkeit heraus, in anderen Worten eine
kranke Persönlichkeit.
[01:07:18.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann psychisch krank sein. Das kann Delinquent sein und das kann auch körperliche Krankheiten
geben. Das Hirn ist ja vernetzt mit dem Körper. Heute redet man auch von den Darmbakterien, die das
Hirn wieder beeinflussen. Ich denke das Hirn beeinflusst mehr das Verhalten als Darmbakterien das
Verhalten beeinflussen. Vernetzt ist man.
[01:07:42.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Körperliche Krankheiten kann es geben. Frustrierte ADHSler werden auch mehr körperlich krank. Da gibt
es noch gar keine Untersuchungen. Das sehe ich einfach in meinem Klientel.
[01:08:01.000] – Bemerkung 12
Wie kann man dem ADHS Kind helfen mit seiner Persönlichkeit so umzugehen, dass es nicht flucht?
[01:08:21.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Schweizer haben eine hohe Moral. Wir haben ein gut funktionierendes politisches System. Man
mitreden darf, man darf abstimmen etc.
[01:08:59.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Eltern frage, was ist ihnen wichtig gewesen, was haben sie ihren Kindern beibringen wollen,
dann kommt oft auch: ehrlich sein nicht Lügen. Wenn das Kind dann trotzdem lügt, dann sind die Eltern
unglaublich enttäuscht und verletzt und sie können es einfach nicht verstehen, dass das Kind lügt.
[01:09:19.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich, als ich acht Jahre lang auf die Aarburg gegangen bin, als Konsiliarärztin habe ich mich
immer gefragt, was ist die Psychologie des Lügens? Da wäre wieder die Warum Frage, die darf ich mir
natürlich stellen.
[01:09:34.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist eigentlich die Psychologie vom Lügen? Ich muss sagen, wenn man Lügen probiert,
psychologisch zu erklären, dann sage ich: Lügen ist Sozialverhalten also man lügt etwas vor, man täuscht
etwas vor, um einen besseren Eindruck machen. Tiere haben das zum Teil auch schon. Wir Mensch sind
natürlich noch viel besser. Also in dem Sinn ist Lügen Anpassungsverhalten.
[01:10:02.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Sozialverhalten besteht aus Anpassungsverhalten an das Kollektiv, denn wir sind soziale Wesen. Wir
wollen zum Kollektiv gehören. Wir wollen eine Zugehörigkeit. Wir passen uns an, damit wir nicht
ausgestossen werden aus dem Kollektiv. Bestrafung, wenn man etwas falsch macht, ist Ausstoss aus
dem Kollektiv. Also wenn man ins Gefängnis gesteckt wird, wird man aus dem Kollektiv ausgestossen.
Man kommt in ein anderes Kollektiv. Wenn man in der Schule nicht so funktioniert, bekommt man ein
Time-Out.
[01:10:33.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ausgestossen werden aus dem Kollektiv ist eine schlimme Strafe. Wir wollen sehr gerne, wir brauchen
das Kollektiv. Wir brauchen eine Zugehörigkeit. Darum passen wir uns an. Das ist Anpassung an das
Kollektiv.
[01:10:53.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Andererseits besteht Sozialverhalten aus sich durchsetzen als Individuum. Also Dominanzverhalten. Man
sagt Anpassungsverhalten und Dominanzverhalten.
[01:11:05.750] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn wird Lügen verwendet zum Überleben innerhalb von dem Kollektiv. Man redet ja in der
Darwinistischen Entwicklungs Evolutionstheorie von Survival Of The Fittest.
[01:11:24.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst aber nicht überleben vom Stärksten, sondern das heisst Überleben vom dem, der sich am
besten anpassen und je nachdem natürlich auch Durchsetzen kann.
[01:11:35.350] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn ist Lügen ein Anpassungsverhalten. Wenn Kinder lügen, jetzt kann man wieder fragen,
warum lügen Kinder?
[01:11:46.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder lügen in der Regel, weil sie es den Eltern Recht machen wollen. Also es ist genau das
Umgekehrte, was man denkt, das sind böse Kinder, die folgen mir nicht. Eigentlich lügen sie immer,
indem sie den Eltern nach dem Mund Reden wollen.
[01:12:01.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Hast Du deine Aufgaben gemacht? Man will, dass man die Aufgaben gemacht hat. Ja ich habe sie
gemacht, aber man hat sie nicht gemacht, weil man sie nicht gerne macht, weil man nicht weiss wie und
dann lügt man halt einfach.
[01:12:13.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Man will es eigentlich den Eltern Recht machen, aber man ist nicht in der Lage dazu. Man weiss die
Eltern erwarten eine gute Schulleistung, aber bringt das nicht hin. Vielleicht hat man eine Lernstörung.
Lernstörungen gehen sehr oft einher mit ADHS, nicht immer, aber es ist oft kombiniert. Wie genau weiss
ich nicht, aber es ist oft kombiniert.
[01:12:37.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Erwartung der Eltern nicht erfüllen kann, dann lügt man sie halt daher.
[01:12:47.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird auch gelogen, also einerseits weil man die Ziele der Eltern nicht erreichen kann. Andererseits
weil die Grenzen, die Erziehungsgrenzen zu eng gesteckt sind. Das heisst, man darf nicht laut sein oder
man darf irgendwelche Sachen nicht machen.
[01:13:04.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat man doch Lust, man will über den Zaun gehen, man will Explorieren. ADHS Kinder sind sehr
explorativ, neugierig. Dann macht man etwas, wo man weiss, man hat es eigentlich nicht dürfen.
[01:13:20.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Grenzen so eng gesteckt sind, man hat aber sehr ein exploratives Temperament, dann geht
man über die Grenze hinaus. Wenn man dann gefragt wird, sagt man nein nein, ich habe es nicht
gemacht.
[01:13:32.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder lügen natürlich weil sie wissen, die Eltern wollen es nicht. Sie wissen, sie werden bestraft.
Man lügt aus Angst vor Bestrafung.
[01:13:46.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann fragen die Eltern, du musst doch nicht lügen, warum hast du gelogen? Wenn das Kind dann aber
sagt, was passiert ist, dann werden die Eltern wütend.
[01:13:58.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Dir die Wahrheit sage, wirst Du wütend und das habe ich nicht gern. Ich ertrageg nicht wenn Du
verrückt wirst.
[01:14:03.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben Angst vor Bestrafung bei Grenzüberschreitung.
[01:14:09.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Lügen als Anpassungsverhalten ökonomisch anschaut. Gewisse Kinder haben auch sehr viel
Fantasie. Die können nicht einmal so gut unterscheiden zwischen Wahrheit und Fantasie.
[01:14:32.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nenne das berühmte Märchen von Hans Christian Andersen: "Das kleine Mädchen mit den
Schwefelhölzern". Das Mädchen zündet ein Zündhölzchen an und stellt sich dann einen Christbaum vor,
viele Geschenke, eine warme Stube, etc.
[01:14:43.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Also man kann sich mit selber belügen auch in ein besseres Gefühl hinein katapultieren. Die Extremform
von Lügen, aber dort bezeichnet man es nicht mehr Lügen, ist die paranoide, also schizophrene
Verarbeitung der Realität.
[01:15:02.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ein Video gemacht mit dem Professor Luc Ciompi. Er ist auch ein Schizophreniespezialist.
[01:15:11.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat den Begriff die Affektlogik geprägt. Das heisst, die Logik wird geprägt von den emotionalen
Bedürfnissen.
[01:15:22.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schizophrenen haben starke emotionale Bedürfnisse. Können die aber nicht sagen, weil sie so eng
erzogen sind. Dann erfinden sie Sachen. Der Intellekt wird dann verwendet zum irgendwelche Ideen
erfinden.
[01:15:39.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Menschen können der Affektlogik unterliegen. Das sieht man jetzt heutzutage auch bei den Fake
News in den Medien.
[01:15:50.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird so lange etwas erzählt, bis man es selber glaubt und bis die anderen es auch Glauben. Glauben,
das wäre eigentlich ein Lügen.
[01:15:59.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann viele mitmachen, dann ist es eine Alternative Wahrheit. Da werden alle möglichen Begriffe
heutzutage verwendet zum das erklären.
[01:16:11.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit Schizophrenen umgeht, von denen sagt man nicht sie lügen, sie haben einfach paranoide
Ideen, also falsche Ideen.
[01:16:11.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie soll man umgehen mit lügen? Als erstes muss man natürlich schauen, ist man zu streng für das
Temperament des Kindes? Ist man zu eng mit seinen Erziehungsvorstellungen? Tut man bestrafen, wenn
das Kind etwas anderes macht? Man muss sich eigentlich zuerst selber reflektieren.
[01:16:46.630] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn frage ich in der Regel, wenn ich die Familie anschaue, frage ich Vater und Mutter, was sind
euch wichtige Werte gewesen und wie haben sie sie durchgesetzt?
[01:16:58.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind lügt, kann man das nicht Ausradieren mit Bestrafen. Das geht nicht.
[01:17:06.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss zuerst wieder die Motivation herausfinden. Aus welchem Grund hat es das gemacht? Ist es
Neugier gewesen?
[01:17:15.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf gar nicht moralisch verurteilen, sonst findet man nichts heraus.
[01:17:22.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die grosse Kunst auch von uns Psychiater. Wenn wir hinter ein Symptom schauen wollen, dürfen
wir nicht schon von vornherein eine moralische Verurteilung haben. Man sagt dann, wir müssen eine
amoralische Haltung. Eine nicht wertende, nicht unmoralisch, denn unmoralisch ist wieder auf Moral
bezogen.
[01:17:42.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht immer so einfach. Man hat ja seine Wertvorstellungen. Die muss man auch haben, denn
ohne Wertvorstellungen kommt man nicht durch das Leben.
[01:17:53.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Wirklich wieder explorieren, wie ist zu dem Anpassungsverhalten von Lügen gekommen?
[01:18:03.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viel mit Suchtpatienten gearbeitet. Die sind chronische Lügner, sagt man. Die wollen einem
immer das Servieren was man hören will. Nein nein, ich habe kein Alkohol getrunken. Selbst wenn sie
eine Fahne haben und man es riecht. Sie wollen es einem recht machen.
[01:18:22.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage dann: Sie lügen nicht mich an, das stört mich nicht. Ich bin nicht wichtig in ihrem Leben. Sie
lügen sich selber an. Das ist das Problem.
[01:18:35.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Lügenverhalten als Anpassungsverhalten ins das Erwachsenenleben hinein nimmt, dann
kostet einem das sehr viel Intellektuelle und auch emotionale Energie, die dann dem Individuum nicht zur
Verfügung steht.
[01:18:51.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Lügen als Anpassungsverhalten ist langfristig, ökonomisch gesehen, keine gute Anpassungsstrategie.
Man lernt auch nichts und man passt sich ja nur Schein an.
[01:19:04.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Langfristig ist es besser, wenn man in eine Auseinandersetzung geht und die beiden Parteien anschaut,
wie ich vorher auch gesagt habe, die beiden Systeme und die Differenzierung dann macht.
[01:19:18.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann schlussendlich mit beidem umgehen. Man kann miteinander kommunizieren, auch wenn man
unterschiedlicher Meinung ist.
[01:19:26.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Kind hat halt noch nicht alles so intus. Also man muss dem Kind wohlwollend gegenüber treten. Ihm
aufzeigen, wenn es lügt, dann tut es eigentlich sich selber unter Druck setzen.
[01:19:41.610] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinne sagt man auch, man muss intelligent sein zum Lügen. Ja es stimmt, die Tiere können nicht
ganz so gut lügen wie wir. Es gibt sehr intelligente Leute, die sehr gut lügen können.
[01:19:52.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch bei denen ist es nicht eine sehr erfolgreiche, also keine ökonomische Strategie.
[01:19:59.190] – Dr.med. Ursula Davatz
In The Economist ("Detecting Deceptive Discussions in Conference Calls") ist aufgezeichnet gewesen an
was merkt man, dass jemand lügt? Man reagiert schematisch, man hat schematische Bewegungen, man
betont extra, was die Wahrheit ist. Man ist nicht sehr locker.
[01:20:18.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich probiere manchmal wenn ich Fernseh schaue, bei all diesen Politikern, die Lügen zu schauen,
entdecke ich jetzt ob der lügt? Ja der lügt, anhand von dem sehe, das der lügt.
[01:20:32.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, sie müssen nicht zu Lügendetektoren werden bei ihren Kindern.
[01:20:41.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Umgang mit den Kindern merken sie, sie haben das Gefühl. Es macht auch nichts, wenn ein
Teenager, Kind auch mal durchkommt mit seiner Lüge und dann das Gefühl hat, es sei erfolgreich. Das
ist auch okay.
[01:20:59.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es immer durchkommt, dann wird es so Gewohnheit. Das ist dann nicht so gut. Das wäre dann
schon bei dem, man lügt, dass man später bessere Chancen hat. Also die Frage, wo mir vor vor der
Pause gestellt worden ist vom Pferd.
[01:21:17.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Man tut mit Lügen den Profit auf später sich holen.
[01:21:23.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ökonomisch, seelisch-ökonomisch, psychisch-ökonomisch ist lügen keine gute Idee.
[01:21:29.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt erkläre ich das Wort "delinquent".
[01:21:39.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe vorher das Wort delinquent verwendet. Delinquere. Wenn man neben den Normen sich verhält.
[01:21:51.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Jugendliche, die ins Erziehungsheim kommen, sind Delinquente. Erwachsene, die ins Gefängnis
kommen, sind Delinquente. Sie Verhalten sich neben der Norm. Die Gefängnisse und die
Jugenderziehungsanstalten sind dafür gedacht, die Menschen wieder zur Norm zu bringen.
[01:22:14.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach all dem, was sie gehört haben, 30 bis 40% in den Gefängnissen sind ADHS. Ich würde sagen noch
mehr.
[01:22:25.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Es nicht alle diagnostiziert. Wenn ich sage, man darf den ADHS Kinder nicht "nein" sagen, man darf sie
nicht bestrafen. Man muss sagen, wie man es will.
[01:22:38.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gefängnis und die erzieherische Anstalt und die Verhaltenstherapie mit Bestrafung und Belohnung
sind nicht die geeignete Methoden um ADHS Erwachsene und Kinder zu einer gesunden Entwicklung zu
bringen.
[01:22:51.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Gesellschaft macht das. Das hat sich so eingebürgert, obwohl es relativ wenig Erfolg bringt. Es wird
viel Geld verbraucht. Man fährt auf eine Art so wie die Titanic einfach weiter, einen geraden Kurs voll auf
den "unsichtbaren" Eisberg.
[01:23:11.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch schon Ansätze, wo man mehr pädagogisch, entwicklungsmässig arbeitet.
[01:23:23.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einem eine Geschichte im The Economist gelesen. Ein junger Schwarzer war delinquent.
Gestohlen oder geraubt. Dann wurde das Delikt vergessen. Man hat gar nichts gemacht. 10 Jahre später
ist der Juristin aufgefallen. Uh, das ist ja ein Fall, den haben wir vergessen, der ist im System Vergessen
gegangen. Dann ist sie in diesem Fall nachgegangen und hat geschaut, was mit dem geschehen ist.
Dann hat sie ihn gefunden. Er hatte geheiratet, hatte Kinder, einen Beruf, nichts mehr von Delinquenz.
[01:24:02.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre wieder das gleiche wie bei den Piloten, die sagen in der Turbulenzen überlässt man am besten
das Flugzeug sich selber. Dann findet es seine Steuerung. Der hat seine Steuerung gefunden ohne
jegliche Bestrafungsmassnahmen. Wahrscheinlich gerade wegen dem. Das ist ein Fall, der einen wieder
Hoffnung macht.
[01:24:29.710] – Bemerkung 13
Uns würde eine Einordnung der medikamentösen Behandlung von ADHS helfen.
[01:24:43.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Medikamente sind natürlich ein ganz wichtiges Thema. Man sagt ADHS Menschen können sich schlecht
konzentrieren. Man sagt ja Aufmerksamkeitsstörung. Sie können nicht so gut fokussieren. Sie können
nicht gut fokussieren, wenn es uninteressant ist, wenn sie das Thema nicht packt.
[01:25:11.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Lehrer langweilig ist, wenn die Eltern etwas von ihnen wollen, das ihnen zu wider geht. Auch
wenn man keine rechte Beziehung zu ihnen hergestellt hat.
[01:25:20.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Gehirn läuft die Fokussierung über die präfrontalen Bahnen vom emotionalen Hirn zum Grosshirn.
Diese Bahnen lassen sich nicht so leicht einschalten, bei den Menschen mit ADHS.
[01:25:32.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kann man sogenannte Weckamin geben. Das ist Ritalin, Medikinet, Concerta, Elvanse, Focalin. Das
sind alles Weckamin. Auf der Gasse nennt man die "Upper". Sie Stimulieren, es sind alles Stimulantien.
[01:26:04.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Stimulantien stimulieren die Bahnen, die vom emotionalen Hirn zum Vorderhirn gehen und helfen
einem fokussieren.
[01:26:14.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind in der Schule herum träumt und abgelenkt ist und nicht recht aufpasst. Wenn Ritalin
nimmt, dann kann es besser aufpassen. Es kann sich besser fokussieren, selbst wenn die Materie nicht
so interessant ist.
[01:26:31.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Fokussierungsfähigkeit, die kann man auch hinkriegen mit Sport.
[01:26:38.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat Untersuchungen gemacht, dass wenn die Kinder nach dem Sportunterricht wieder im
Deutschunterricht oder Matheunterricht gegangen sind, dass sie dann konzentrierter gewesen sind und
bessere Leistungen erbracht haben.
[01:26:51.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher musste man immer ruhig sitzen und das ist dann oft anstrengend gewesen. Heutzutage lassen die
Lehrerinnen von den kleinen Kindern auch immer wieder sich ein bisschen Bewegen. Bewegung hilft
auch schlussendlich dann wieder fokussieren. Bewegung hilft wach machen.
[01:27:09.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit all diesen Medikamenten tut man die Fokussierung chemisch hinbringen. Zum Teil gehen dann auch
die Noten um einen Punkt hoch.
[01:27:22.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sagen zuhause, dass die Kinder besser zu haben sind. Sie rasten nicht so schnell aus, sie
können sich besser beherrschen.
[01:27:33.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man den negativen Aspekt der Medikamente anschaut, dann sagen die Betroffenen oft, ich bin
nicht mehr recht mich selber. Ich spüre mich nicht so gut und je nachdem auch, ich bin nicht so kreativ,
also nicht so explorativ.
[01:27:52.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Fokussierung, die passiert, auch wenn man unter Stress ist. Wenn man gestresst ist, geht die
Lernfähigkeit hoch. Das ist so eine Glockenkurve und nachher wenn man ein hohes Mass an Stress
erreicht hat, fällt sie wieder runter und dann geht gar nichts mehr.
[01:28:13.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Amphetamine, die bewirken, dass das Hirn ein bisschen gestresst ist und dadurch dann besser
fokussiert. Was sie auch noch machen, sie tun den Appetit zügeln, man verwendet sie auch als
Appetitzügler. Sie dämpfen den den Appetit. Darum sollte man sie erst nach dem Essen nehmen.
[01:28:35.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man am morgen erst 10 Minuten vor dem aus dem Haus gehen die Medikamente nimmt, dann
kann man nicht mehr Essen, da muss man ein Brot mitnehmen und in der Pause Essen. Das sind dann
alles so Sachen. Also eigentlich sollte man sie eher nach dem Essen nehmen, damit man den Appetit
nicht verliert.
[01:28:50.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Kurzirksame. Das Ritalin gibt es kurzwirksam 10 Milligramm. Es gibt auch langwirksam. 20
Milligramm LA heisst dann long acting.
[01:29:04.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Concerta ist immer lang wirksam.
[01:29:06.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, das Medikament ist eingepackt in einer Kapsel, wo in verschiedenen Stufen dann das
Medikament abgibt.
[01:29:15.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie werden auch auf der Gasse gehandelt unter Speed. Also Amphetamine. sind Speed. Man kann sie
verkaufen. Zum Teil werden sie verschrieben und dann auch verkauft auf der Gasse.
[01:29:26.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich persönlich sage, man sollte es über das Wochenende abstellen. Man sollte sie in den Ferien
abstellen, wenn es die Eltern aushalten.
[01:29:36.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde nie sagen, Eltern müssen die Medikamente dem Kind geben, wenn sie dagegen sind. Da
passiert zum Teil, dass die Lehrer sagen, ich nehme das Kind nicht mehr, wenn es nicht Ritalin hat oder
ein anderes Medikament.
[01:29:51.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich finde das nicht in Ordnung.
[01:29:52.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Also ich akzeptiere, wenn die Eltern es nicht geben wollen. Ich schlage es je nachdem vor. Ich Richte
mich hier nach den Eltern.
[01:30:00.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche natürlich dann auch den Eltern zu helfen, das Kind zu strukturieren, also Punkto Aufgaben
machen.
[01:30:07.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man einen Stundenplan hat. Den visualisiert mit Zeichnungen. Dass man dann auf das hinweisen
kann, dass man immer zur gleichen Zeit Aufgaben macht und nicht: ich sollte dann noch Aufgaben
machen. Oh, ich habe sie immer noch nicht gemacht bis nachts um 12 Uhr.
[01:30:23.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Aufgabenzeit im Stundenplan festlegen.
[01:30:27.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es zuhause nicht geht, dann eher in der Schule, mit der Aufgabenhilfe, damit die Eltern nicht
ständig noch Lehrer sein müssen.
[01:30:37.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man das Aufgaben machen ausquartiert also outsourced.
[01:30:40.710] – Bemerkung 14
Wie wirken sich Medikamente längerfristig aus? Wie steht es um die emotionale Entwicklung des Kindes,
wird diese gebremst?
[01:31:09.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz langfristig weiss man es noch nicht. Ich gehe jetzt ganz weit. Mit dem Ritalin tut man die
Dopaminauswirkung verstärken. Dopamine werden auch verwendet im Kleinhirn, im motorischen Hirn. Da
gibt es zum Teil Leute die sagen wenn man es dauernd nimmt, dann ermüdet das Hirn schneller und
dann hat man eher Parkinson im Alter. Ich weiss jetzt keine Studie, die das beweist. Vielleicht ist auch
keine gemacht worden. Das ist einfach eine Vermutung. Parkinson kann man natürlich auch sonst
bekommen. Es kann auch in der Familie liegen.
[01:32:08.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wegen der emotionalen Auswirkung. Jawohl, die Kinder werden emotional eher eingeschränkt. Sie dürfen
ja dann nicht mehr so emotional sein, wenn es ganz schlimm ist, explodieren sie trotzdem. Man sieht oft
auch einen Rebound eine Gegenreaktion. Wenn die Wirkung vom Amphetamin weggeht, dann kommen
die Emotionen auf einmal hervor und dann sind sie schwer zum Aushalten. Was eben noch passiert. Ich
habe von Anpassungsverhalten geredet. Das Ritalin also die Amphetamine bewirken eigentlich nur, dass
sich das Kind mehr anpasst. Es passt sich natürlich den Anforderungen der Schule an. Es kann dann
besser lernen, hat bessere Noten. Emotional lernt es nicht so viel. Denn es muss sich ja mit seinen
Emotionen gar nicht auseinandersetzen. Die Umwelt muss sich auch nicht mit den Emotionen
auseinandersetzen. Ich gehe natürlich eher vom natürlichen Lernen aus. Ich finde, wenn ein Kind so
emotional ist, muss das Umfeld Lernen mit diesen Emotionen umzugehen. Das Kind muss auch Lernen
mit seinen emotionalen Reaktionen umzugehen. Über die Konflikte, die da immer wieder entstehen,
passiert eigentlich eine hohe Differenzierung auch im Hirn. Ich will die möglichst nicht ausschalten, kann
ich kann den Eltern nicht sagen nein, sie dürfen dem Kind kein Ritalin verschreiben. Ich muss es immer
den Eltern überlassen.
[01:33:49.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her gibt es schon Auswirkungen. Ich habe einen Lehrling gehabt, der hat bis 15 Ritalin
genommen und dann hat der beschlossen, ich nehme es jetzt nicht mehr. Ich will jetzt selber lernen mit
mir umzugehen.
[01:34:09.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man gesagt, das ADHS wächst sich aus. Wenn man erwachsen ist, das Erwachsene Gehirn
hat, dann ist man kein ADHS Kind mehr. Heute weiss man nein, es bleibt, es ist ja genetisch vererbt. Die
Anlage bleibt einem. Man lernt aber besser damit umzugehen. Ich gehe natürlich eher auf die natürliche
Art und Weise.
[01:34:31.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Menschen müssen lernen mit ihrer Impulsivität mit ihrer Ablenkbarkeit etc. besser umzugehen. Das
Mittel, das Amphetamin ist eine Krücke, ist eine Hilfe. Man kann sie eben auch verwenden zum spüren,
wie es ist, wenn man fokussiert ist und dann probieren die Fokussierung durch Rituale, durch
Regelmässigkeiten etc. durch Strukturierung sich anzueignen.
[01:35:02.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es sich mal angeeignet hat, die Strukturierung, dann funktioniert die eigentlich so gut wie
Ritalin und ist weniger schädlich. Das Kind wird gebremst und die Menschen sagen auch ich fühle mich
gebremst.
[01:35:41.500] – Bemerkung 15
Wir habe ein Pflegekind das lügt. Es ist vorher bei einer anderen Familie. Was wir ganz schnell gemerkt,
Lügen in vielen Bereichen, wie Fernseh schauen, am Laptop Schulaufgaben und nicht Surfen, die Tat
abgestritten. Ich habe dann schlussendlich auch müssen eine Kindersicherung installieren weil dann
überall herum gesurft wurde.
[01:36:53.670] – Bemerkung 15
Dann hat er damit begonnen Geld aus dem Portemonnaie heraus zu stehlen. Er ist es natürlich nie
gewesen. Ich habe es dann an einem konkreten Fall gemerkt. Dann muss man damit beginnen, sein
Portemonnaie zu verstecken. Man kann sie wie nicht packen, fassen.
[01:37:24.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie haben sie jeweils reagiert? Was haben sie dann jeweils gesagt zu dem Kind? Wie alt ist das Kind?
[01:37:31.020] – Bemerkung 15
Jetzt 17. Ich habe sie darauf angesprochen gehabt, wegen dem Fernsehen. Da haben wir damals einfach
gesagt, du darfst schauen, am Wochenende. Da schränken wir nichts ein. Unter der Woche nicht, damit
du dich auf die Schule gut konzentrieren kannst und nicht viel damit Zeit verlierst. Wir haben einfach die
Regel so ein bisschen gemacht. Unter der Woche nicht. Die Regel haben wir von Anfang an erklärt
gehabt, als sie gekommen ist, dass wir das so gerne wollen. Am Wochenende darfst sie ihre Serien und
alles schauen, aber einfach nicht unter der Woche. Falls wir eine Sitzung gehabt haben, auswärts
gewesen sind, dann ist geschaut worden. Wir haben sie ein paarmal erwischt. Ich habe sie dann auch
nochmal darauf angesprochen, schau wir haben doch das abgemacht. Sie hat sich dann einfach gar nicht
daran gehalten. Dann mussten wir das Kabel weg tun.
[01:38:40.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja sie dürfen das, man kann einfach das Kabel durchschneiden. Haben sie aber dem Kind gesagt. Ich
weiss, dass du lügst.
[01:38:53.050] – Bemerkung 15
Ich habe gesagt, ich weiss, dass es nicht wahr ist. Ich habe es im Verlauf vom Laptop gesehen. Bei Geld
konnte ich es nicht sagen, es war über einen längere Zeit. Ich habe einfach vertraut. Als das Kind alleine
zu Hause war, habe ich den Diebstahl bemerkt. Ich habe dann das Kind gefragt, hast Du fünf Franken
aus meinem Portemonnaie genommen. Ich habe dann nicht gesagt, bist Du es gewesen?
[01:40:43.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier ist das Lügen schon eine Gewohnheit, ein Lebensstil, der für das Kind funktioniert hat. Wenn ich mit
Delinquenten zu tun habe, die dann auch im Gefängnis landen, dann stelle ich auch wieder ein Verhalten
fest. Die, welche notorisch also regelmässig lügen, es ist ein Lebensstil. Wenn man dort anschaut, was
sie für eine Beziehung zu ihrem Umfeld haben, dann ist das immer das Gefühl, ich bin einerseits ein
Armer ein zu kurz Gekommener und auf der anderen Seite ich bin gescheiter, ich bin schlauer und ich
kann dich überrunden.
[01:41:34.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie fühlen sich intellektuell dominant. Das muss man brechen. Hier darf man dann sagen, hör ich weiss
das hat für dich funktioniert.
[01:41:51.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe so einen gehabt auf der Aarburg der hat angefangen zu Lügen, zuerst der Flötenlehrerin das
Geld zu gestohlen und dann überall immer Geld gestohlen. Es ist immer erfolgreich gewesen
schlussendlich auf der Aarburg gelandet. Ist viel zu eng erzogen worden. Am Schluss hat er sich dann mit
Heroin umgebracht, eine Überdosis genommen. Davor war noch ein Mord. Da muss man sagen: du das
hat für dich gestimmt. Das hast du dir angeeignet. Das ist aber eine schlechte Gewohnheit.
[01:42:27.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat dann immer Angst, man kann es nicht beweisen. Dann sagt man nichts. Da finde ich, da darf
man ganz klar sagen, wir tun ihn nicht zum Tod verurteilen. Mein Gefühl, das was ich nachgeprüft habe,
ich weiss es und ich vertraue meinem Gefühl mehr, als was du mir sagst. Das darf man sagen, das darf
man in die Waagschale legen. Darum, weil ich meinem Gefühl mehr vertraue als deinen Worten denn mit
Worten kann man alles sagen. Darum nehme ich jetzt das Weg oder ich stehe dabei und ich schaue. Ich
setze mich dominant über dich.
[01:43:11.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man den Schalter einstellt, dass sie nicht mehr kann und so weiter und so fort.
[01:43:16.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort ist es dann wirklich ein Dominanzkampf. In den muss man einsteigen, damit sich das Kind ändert,
sonst behält es das. Ja sonst behält es das und sonst geht das nicht. Also da muss es wirklich eine Stufe
tiefer gehen.
[01:43:34.880] – Bemerkung 16
Mit stehlen ist es ja auch ein Stück Vertrauen. Plötzlich verliert sie ganz viele Möglichkeiten, auch für ihre
Zukunft.
[01:43:50.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Richtig und sie dürfen auch wenn sie es nicht einmal beweisen können, aber ihr Gefühl sagt es ihnen, sie
dürfen sagen, hör ich spüre das ich bin nicht blöd. Du verkaufst mich für blöd, du meinst du seist
gescheiter als ich, nein, ich spüre das und ich weiss es. Sie kann es nicht beweisen, dass sie es nicht
gemacht hat. Da geht man wirklich auf einen Dominanzkampf anders geht das nicht.
[01:44:20.490] – Bemerkung 16
Sie hat auch ein gewisses dominantes Verhalten.
[01:44:23.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie meint sie sei schlauer, sie überhebt sich. Immer habe ich bei denen, die dann notorisch gelogen
haben oder notorisch kriminell gewesen sind, also Geld abzweigt haben und so weiter. Die haben sich
stärker gefühlt. Sie haben sich berechtigt gefühlt, sich das zu nehmen, was sie brauchen, weil sie ja
eigentlich vom Schicksal übervorteilt oder benachteiligt sind.
[01:44:54.440] – Bemerkung 16
Wir haben es auch ziemliche schnell bei den Keksen gemerkt. Die Box war plötzlich leer. Man hat sie nie
erwischt. Das ist auch bei einer anderen Pflegefamilie passiert. Die Dose war plötzlich leer.
Zweiter Teil
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie gehen dann auf die Schiene, dass man sie falsch beschuldigt. Nicht auf das eingehen. Auf das
eigene Gefühl, auf das eigene Wissen hören und sich nicht in die Defensive drängen lassen. Ja, sie
wissen natürlich wie sie argumentieren. Das ist eine Gewohnheit, aber die ist nicht gut. Man will, dass sie
sich diese ablernt. Man will das, sonst hat man sie nicht gut auf das Leben vorbereitet.
[00:01:55.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt einen berühmten Raubüberfall. Der Täter kam dann ins Gefängnis. Er konnte das Gefängnis
wählen. Er war dann mit einer Therapeutin konfrontiert. Er sagte ihr, er könne sie zusammenschlagen.
Sie war mutig und sagte, sie wissen genau, wenn sie das tun, dass sie dann lebenslänglich im Gefängnis
sind. Er lief dann davon. Er flüchtete von diesem Dominanzkampf.
[00:02:33.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sagte sie noch und davonlaufen tun sie auch noch. Dann war ein Pfarrer in diesem Gefängnis und
sagte ihm, dass er wieder zur Therapeutin gehen solle. Schlussendlich konnte der Pfarrer ihn motivieren.
Dann ging er wieder zur Therapeutin. Dann haben sie wirklich therapeutisch gearbeitet. Dann passierte
eine Auseinandersetzung. Dann kam er wirklich vorwärts.
[00:02:59.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man hinten dran geschaut hat, er hatte fünf Kinder gehabt, die haben geschieden. Er musste
zahlen und die Frau enthielt ihm die Kinder immer vor. Er war verrückt mit dieser Frau und dem Gesetz.
Er muss zahlen und durfte die Kinder nicht sehen. Darum habe ich das Recht, einen Raubüberfall zu
machen.
[00:03:20.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat sich legitimiert, etwas zu machen, das eigentlich neben der Norm ist. Dadurch, durch die Therapie,
ich kenne das Gefängnis auch, und ich kenne auch den Leiter von dem Gefängnis. Er hat dann an sich
gearbeitet und hat geschwitzt und an sich gearbeitet, also sich auseinandergesetzt, differenziert. Jetzt ist
er irgendein Berater für schwierig eingliederbare Kinder oder Jugendliche in Basel. Er ist aufgetreten an
einer Tagung über Delinquenz, also Kriminologie.
[00:03:57.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Hochinteressant. Am Schluss haben sie sogar eine Gegenüberstellung gemacht. Er hat sich dann mit der
Frau, die er beraubt hat, dieser Postangestellten, die sind gegenübergestanden. Ich konnte mit beiden
sprechen. Das ist das. Konfliktbewältigung bis ins letzte Detail auf persönlicher Ebene. Nicht über den
Staat und nicht über, weiss ich nicht was, nur Geldstrafen etc.
[00:04:25.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Konfrontieren sie die, arbeiten sie daran, aber es sollte es nur einer machen. Es ist ein Mädchen? Wer
möchte es lieber von ihnen machen? Nicht beide, man darf sie nicht einengen. Es wird einen Machkampf
geben.
[00:04:50.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich wieder zu den Tieren komme, man bedrängt Nashörner mit zwei oder drei Elefanten, dann
kehren die um. Sie müssen sie herausfordern. Sie müssen sich stärker fühlen. Sie meint, sie sei stärker
und sie schwächt sie über: was Du traust mir zu, dass ich lüge, das mach ich doch nicht. Sie spielt die
unschuldige Jungfrau, aber das ist sie nicht.
[00:05:20.450] – Bemerkung 17
Ich weiss nicht, wir haben sie jetzt noch drei Monate. Also nachher wird sie eine Lehre anfangen und
dann nicht mehr bei uns wohnen. Eben, wir haben sie jetzt gut drei Jahre gehabt. Ich weiss nicht, lohnt
sich das noch?
[00:05:40.290] – Dr.med. Ursula Davatz
100%, 100%, 100%. Du warst jetzt drei Jahr bei uns, wir haben jetzt miteinander genau noch drei Monate
Zeit, zum etwas verändern. Du hast dir ein Lügenverhalten angewöhnt als Anpassungsverhalten. Das ist
ein ganz ungesundes Verhalten. Das ist wie krumm durch die Welt laufen, bis du dann ganz gekrümmt
bist, einen Buckel hast. Ich will das mit dir noch angehen und verändern. Wie gehen wir vor? Fragen Sie
sie, wie gehen wir vor? Ich weiss das, ich habe es zu Dutzenden erfahren, du das machst. Ich will das
verändern. Sonst habe ich das Gefühl, ich habe keine gute Arbeit geleistet.
[00:06:26.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch, steigen Sie ein. Voll, voll, voll. Fragen Sie sie selber, wie Sie vorgehen möchte. Wenn sie es
leugnet, dann sagen sie, dass sie es schon wieder macht. Nein, ich akzeptiere es nicht. Ich weiss, dass
du lügst. Ich weiss, dass das ein Muster ist. Ich weiss, dass du mir ans Bein pinkelst. Du bist ja dann weg.
Mir kann das gleich sein. Aber für dich ist es mir nicht gleich. Zeigen sie ihre Betroffenheit. Ehrlich. Voll.
Da können sie jede Woche fragen, wie steht es mit deinem Lügenbarometer.
[00:07:07.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können sogar sagen, Du darfst es aufzeigen. Wie oft hast du gelogen? Wie oft hast du gemerkt, dass
du gelogen hast? Vielleicht merkst du das gar nicht. Es wurde so zur Gewohnheit. Also wirklich, machen
sie das. Das ist ein Kampf. Sie müssen den Kampf nicht gewinnen. Sie muss lernen. Sie stellen sich zur
Verfügung, zur Auseinandersetzung. Ihnen kann es egal sein. An der Lehrstelle ist sie draussen und zwar
null komma plötztlich.
[00:07:39.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie muss ja nicht meinen, sie sie gescheiter. Vielleicht kommt sie auch durch bei der ersten Lehrstelle.
Gehen Sie voll darauf.
[00:07:50.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ja den Amerikaner, der mit 18 Jahren begann, zu betrügen und dann schlussendlich seinen
Kindern gesagt hat, sie sollen ihn anzeigen. Die haben ihn dann wirklich angezeigt. Er kam ins
Gefängnis. Eine ganz tragische Geschichte. Es wurde zur Gewohnheit. Man lügt dann immer weiter.
[00:08:15.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Gehen sie volle Pulle. Chargen! Sie muss gar nicht meinen, sie sei so schlau.
[00:08:26.050] – Bemerkung 18
Wie wurde die multimodale Therapie von ADHS in der Festung Aarburg zum Beispiel organisiert? Das
weiss ich nicht mehr. Da müssen Sie Dr. Josef Sachs fragen. Damals haben wir noch nicht von ADHS
gesprochen. Das war von 1980 bis 1988. Das ist schon lange her. Ich habe zwar ADHS schon
angeschaut. Damals habe ich es noch POS genannt oder frühkindliches POS. Aber so, was mir Dr. Josef
Sachs gesagt hat, die Werkstattleiter und Erzieher haben den pädagogischen Ansatz: Belohnung und
Bestrafung.
[00:09:26.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage Belohnung und Bestrafung ist im Teenager Alter nicht gut. Auseinandersetzung ist gut. Man
muss sich mit dem Teenager auseinandersetzen und man muss ihm sagen, ich will, dass du das lernst.
Ich habe sonst keine gute Arbeit gemacht, aber es ist schlussendlich deine Sache.
[00:09:46.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich mit ihnen persönlich auseinandersetzen. Wenn man Belohnung und Bestrafung hat, muss
man sich gar nicht mehr recht mit ihnen auseinandersetzen. Dann müssen sich die nur mit den Regeln
auseinandersetzen. Bis zu einem gewissen Grad in einem Erziehungsheim ist das okay. Aber es ersetzt
nie die persönliche Auseinandersetzung.
[00:10:08.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum, die, die sich gut verhalten haben, nach den pädagogischen Grundsätzen, nach den Regeln, wenn
sie rausgekommen sind, sind diese Grundsätze wie Schokolade-Osterhasen in der Sonne verschmolzen.
[00:10:20.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ganze Regelung war nicht internalisiert, sondern es war einfach eine Anpassung. Die persönliche
Reifung eines Teenagers passiert nur über die persönliche Auseinandersetzung. Ich denke, wir kommen
nicht um rum. Wir dürfen Regeln haben, die sind sowieso okay, aber die Belohnung und Bestrafung, dort
wird es schon etwas schwierig.
[00:10:46.240] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHSler haben mehr Mühe, Regeln einzuhalten, wegen ihrer Impulsivität und wegen ihrer Sensibilität,
weil sie sich aggressiv verteidigen. In diesem Sinne brauchen sie mehr persönliche
Auseinandersetzungen. Hier zitiere ich Alain Guggenbühl, mit dem ich auch ein Interview gemacht habe.
Er hat gesagt, man muss seine Betroffenheit zeigen.
[00:11:15.820] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem sie jetzt zum Beispiel auf das Mädchen, ich sage jetzt losgehen, also ihm gegenüberstehen und
sagen: hör, das hast du noch nicht gelernt. Ich fühle mich als schlechten Stellvertreter Vater, wenn ich
dich so ins Leben rauslasse. Ich will, es ist mir ein Anliegen, dass ich das mit dir noch erarbeite.
[00:11:40.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Vater sagt man, ich möchte, dass du das lernst, das ist mir wichtig. Denn ich weiss aus dem Leben,
dass man das braucht.
[00:11:48.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf die persönliche Betroffenheit zeigen. Die persönliche Betroffenheit wirkt mehr als Belohnung
und Bestrafung.
[00:11:57.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Belohnung ist eigentlich die Auseinandersetzung, also dass man sich mit einem Kind abgibt, dass
man sich Zeit nimmt, sich mit ihm abzugeben. Diese persönliche Auseinandersetzung die wirkt viel mehr
als irgendeine Belohnung.
[00:12:16.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf der Aarburg gab es die Erzieher und die Therapeuten. Die Therapeuten haben gelernt, neutral zu
sein und amoralisch. Die lassen dann oft durch. Die scheuen über ihre Kuschelpädagogik, wie man dann
so sagt, die scheuchen jegliche Auseinandersetzung. Das geht auch nicht. Als Therapeut muss man sich
auch mit seinem Gegenüber auseinandersetzen. Man muss wissen, wann und wie.
[00:12:50.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die beiden zusammengearbeitet haben, wenn man den pädagogischen und therapeutischen
Ansatz gemischt hat und zusammengearbeitet hat, dann kam eigentlich das Beste heraus.
[00:13:02.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Problem war oft in dieser engen Führung in einem Erziehungsheim, da hat das noch funktioniert.
Danach kommen sie in die Wildnis und dann ist nichts mehr, keine Nachbetreuung. Dann zerfällt vieles
wieder.
[00:13:15.430] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich müsste man ja Nachbetreuung haben. Darum bin ich für ambulante Behandlung eigentlich von
fast allem. Nur im Notfall die stationäre Behandlung, denn ist die ambulante Behandlung natürlich näher
an der Realität.
[00:13:36.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie machen ja eigentlich eine ambulante Behandlung von diesen Kindern. sie sind ein natürliches Umfeld
und sind dann eigentlich vergleichbar mit ambulanten Therapeuten.
[00:13:48.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen immer beides haben. Sie dürfen, müssen auch pädagogisch vorgehen, aber ich würde
sagen, mit Auseinandersetzung und nicht Belohnung und Bestrafung.
[00:14:01.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Therapeutisch, wenn man nur immer tolerant ist und gar kein Gefühl zeigt, dann ist es auch nicht ganz
realistisch. Darum sage ich, ja, man darf auch seine Gefühle zeigen und das wäre dann Betroffenheit
oder wenn man Wut hat, darf man auch in die Luft schiessen. Das macht mich verrückt. Ich ertrage es
nicht. Das macht mich rasend.
[00:14:28.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen ihre eigene emotionale Betroffenheit auch leben. Aber nicht erzieherisch.
[00:14:44.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich z.B. mit Eltern von Drogensüchtigen gearbeitet habe, dann haben manchmal die
Drogenberatungsstellen gesagt, schiessen sie ihn auf die Gasse, dann kommt er zur Vernunft und dann
sieht er schon, dass das nicht geht.
[00:14:59.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Man macht einen Liebesentzug als erzieherische Massnahme. Ich sagte, nein, das dürfen Sie nie tun.
Kein Liebesentzug als erzieherische Massnahme. Das funktioniert nicht. Wenn Sie es aber selbst nicht
mehr aushalten, wenn sie darauf gehen, dann dürfen Sie sagen, ich ertrage es nicht mehr, ich kann nicht
mehr, ich gehe darauf, ich werde krank und ich bin auch mir gegenüber verpflichtet und darum musst du
jetzt gehen.
[00:15:30.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Also darum musst du dir in dieser Zeit eine Wohnung suchen oder irgendetwas anderes machen, aber ich
stelle dich vor die Tür. Zu meinem eigenen Selbstschutz. Das dürfen sie natürlich als Pflegeeltern
machen.
[00:15:44.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht mehr konstruktiv, wenn sie weiter machen mit dem Jugendlichen, wenn sie innerlich eine
emotionale Kündigungen gemacht haben. Wenn sie es nicht mehr ertragen.
[00:16:07.750] – Bemerkung 19
Unsere Pflegetochter ist sechs Jahre alt. Sie lügt auch viel aus den genannten Gründen, welche sie
gesagt haben. Wie lange soll man es tolerieren und ab wann fällt es in ein Muster?
[00:16:33.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, an sich ist es nicht gut. Wenn Lügen zur Gewohnheit wird, ist das schlechtes Sozialverhalten. Wir
wollen es beim Kind nicht zur Gewohnheit werden lassen. Alles kann zur Gewohnheit werden, auch
schon mit sechs Jahren. Das ist nicht gut. Aus welchem Verhältnis ist sie gekommen?
[00:16:58.630] – Bemerkung 19
Sie ist seit vier Jahren bei uns. Sie braucht sehr viel Aufmerksamkeit. Sie hat noch drei Schwestern. Sie
ist in der Mitte.
[00:17:17.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Pflegekinder oder auch Adoptivkinder schauen immer ganz genau, ob sie gleich behandelt werden, wie
die anderen Geschwister. Wenn die anderen Kinder einfacher sind, hat sie vielleicht das Gefühl, sie
werde nicht gleich behandelt. Dann holt sie sich auf eine andere Art eine Befriedigung.
[00:18:09.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle elektronischen Gadgets sind natürlich suchtbildend. Von dort her kann das Kind gar nicht so viel
dafür, dass es einfach anzieht etc. Von dort her würde ich versuchen, das Ganze zu beschränken auf
eine Zeit, sodass sie gar nicht lügen muss. In diesem Alter, das ganz sicher noch überwachen. Also
selber dann wegnehmen oder selber abstellen oder selber sagen, jetzt wird es weggelegt, jetzt wird
etwas anderes gemacht. Da kann sie es überhaupt noch nicht selber kontrollieren.
[00:18:47.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Was lügt sie genau?
[00:18:52.940] – Bemerkung 19
Sie hat im Kindergarten auch schon etwas von jemand anderem genommen und gesagt das ist meines.
[00:18:53.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie stiehlt?
[00:18:53.290] – Bemerkung 19
Ganz wenig. Sie hält sich nicht an die Abmachung z.B. auf dem Heimweg.
[00:18:53.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ja gesagt, man lügt, wenn man das Gefühl hat, man käme zu kurz. Ich weiss ungefähr, was wie
ist. Jetzt muss ich dich etwas fragen. Dann würde ich sie wirklich fragen. Hast du das Gefühl, du
bekämest zu wenig? Hast du das Gefühl, du bekämst weniger als der Grössere und der Kleinere? Hast
du das Gefühl, du bekommst weniger? Man muss vergleichen. Aha. Was willst du denn mehr? Was für
Spielsachen hast du gerne. Dass man auf ihre Bedürfnisse eingeht.
[00:20:08.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Gewaltprävention sage ich, eigentlich wäre das Bedürfnisprävention. Das heisst, man muss
Bedürfnisse melden können. Sie muss sagen können, inwiefern sie zu kurz kommt oder meint, sie käme
zu kurz. Dieses Thema muss man mit ihr angehen. Sie nimmt einfach, wenn sie etwas Schönes sieht,
das ihr gefällt und muss sich dann wieder anpassen. Aber ich denke, man muss auf ihre Bedürfisse
zurückgreifen.
[00:20:37.800] – Bemerkung 19
Sie braucht soviel Aufmerksamkeit, die kann ihr gar niemand geben. Sie kam mit 2 Jahren zu uns.
[00:21:01.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Was will sie in der Aufmerksamkeit? Kann sie nicht alleine spielen?
[00:21:20.820] – Bemerkung 17
Das ist mehr, wenn sie mit anderen in der Gruppe ist.
[00:21:26.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat sie immer Angst, sie käme in der Gruppe zu kurz? Okay, wenn sie in der Gruppe immer Angst
hat, dass sie zu kurz käme, und sie holt sich die Aufmerksamkeit, sagen wir mal, negativ.
[00:21:43.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist Verhaltenstherapie, dass man auf das Kind zugeht. Nicht, wenn es das gewaltsam einfordert,
sondern von selbst ab und zu. Und du, was machst du gerade?
[00:21:56.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sagen jetzt Aufmerksamkeit, und dann kommt dort schon ein negativer Beigeschmack rein. Sie
braucht mehr, als man ihr geben kann.
[00:22:07.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht will sie immer Touch Base machen. Sie will immer schauen, ob sie es recht macht. Sie will
immer ihre Anerkennung und ihre Akzeptanz.
[00:22:15.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Da es wäre hilfreich, wenn sie von sich aus, wenn eine Interaktion läuft, dass sie von sich aus
irgendetwas zu ihr sagen. Aber dann auch zu einem anderen Kind. Sie müssen ihre Aufmerksamkeit
gleichmässig verteilen.
[00:22:34.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bringe ich ein Beispiel von Google. Sie wollten schauen, welches Team am erfolgreichsten ist. Am
Anfang dachten man, es ist das Team, das möglichst viel die Gescheite, Studierte hat, wo die Überflieger
sind.
[00:22:49.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Man liess alle möglichen Algorithmen laufen. Das funktionierte überhaupt nicht. Man fand nichts heraus.
Am Schluss kamen zwei ganz banale Sachen heraus. Das Team ist am erfolgreichsten, bei dem jeder
gleich viel Zeit zum Reden hat.
[00:23:06.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie ihre Aufmerksamkeit holt, können sie sagen, sie kommen wieder zurück, aber jetzt will ich
zuerst das und das. Es verlangt von ihnen einen differenzierten Umgang mit dieser Gruppe.
[00:23:19.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Es darf gar nichts Negatives reinkommen. Man muss sie wahrnehmen, wenn sie die Aufmerksamkeit
holen will. Sie muss auch lernen, warten zu können.
[00:23:29.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich weiss, du willst etwas sagen oder etwas holen. Ich will aber ich möchte zuerst das hier fertig
machen.
[00:23:37.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass Sie als Leiterin eine breite Aufmerksamkeit der ganzen Gruppe geben und schauen, dass jedes
Kind ein bisschen an die Reihe kommt. Klar, nicht nur sie. Wenn sie stört oder etwas will, dass man dann
sagt, ja, ich sehe, du willst etwas. Also man bemerkt ihr Bedürfnis und sagt: aber ich möchte zuerst noch
mit diesem Kind etwas fertig behandeln.
[00:24:05.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss sie dann Frustrationstoleranz lernen. Sie geht immer schon davon aus, ich komme zu kurz.
Dann nimmt den anderen die Dinge weg. Schlussendlich hat man sie dann nicht gern, weil sie immer
stört oder alle Aufmerksamkeit nimmt.
[00:24:32.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist schwierig. Aber es lohnt sich. Das wäre wieder ein differenzierterer Umgang.
[00:24:46.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Noch kurz zu Google. Equal speaking time, also gleiche Redezeit, dann funktioniert es gut. Das Zweite
war, da sind wir wieder beim Autismus und dem Asperger und den ADS Kinder, wenn die verschiedenen
Leute wahrnehmen, wie es den anderen geht. Also wenn man sensibel eine soziale Wahrnehmung hat.
Und so könnten Sie auch sagen, wenn die Aufmerksamkeit will, ich sehe, dass du etwas von mir willst, du
hast ein Anliegen, ich möchte aber noch gerne bei diesem Kind darauf eingehen oder etwas fertig
machen. Dann weisst du, es wichtig, dass alle daran kommen. Also dass sie auf die gleiche
Aufmerksamkeit oder die gleiche Redezeit hinweisen.
[00:26:21.530] – Bemerkung 20
Ich habe einen Bruder dem wurde ADHS diagnostiziert. Er ist jetzt 50 Jahre alt. Wenn ich mit ihm eine
Diskussion führe, dann wiederholt er sich immer. Er erzählt mir eine Geschichte. Dann reden wir über
etwas anderes. Dann kommt die gleiche Geschichte wieder. Was ist die Ursache? Was ist die Wurzel?
[00:26:54.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Das erlebe ich oft auch bei Patienten von mir. Sie erklären mir nach und nach und wieder und wieder, wie
ihre Situation ist. Dann muss ich fragen, haben sie das Gefühl, ich verstehe sie nicht richtig. Haben sie
das Gefühl, ich höre sie nicht richtig? Dann sagen sie mir meistens, ja. Dann sage ich, doch, ich meine,
ich verstehe sie. Aber vielleicht muss ich mich auch fragen, ich habe doch nicht so gut zugehört und ich
muss noch tiefer zuhören. Oder ich frage, was genau, verstehe ich nicht recht. Dann kann ich sagen, ja
doch, ich verstehe sie. Aber wenn sie mir immer wieder die gleiche Situation erklären, verstehe ich es
nicht besser. Im Gegenteil, es geschieht ein Abstumpfungseffekt und dann kommen wir nicht weiter.
[00:27:58.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Also ich denke, warum diese Menschen das machen, die haben sich natürlich das Leben lang oft nicht
recht verstanden gefühlt. Wir hatten es vorher davon, das Kind reagiert, also man schlägt in die gleiche
Kerbe.
[00:28:12.780] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinn geht ihr Bruder davon aus, alle verstehen ihn nicht und verstehen ihn nie. Darum muss er
es nochmals und nochmals und nochmals erklären. Ich würde vorschlagen, dass sie ihn wirklich mal
fragen, du, jetzt muss ich dich etwas fragen, hast du das Gefühl, dass ich nicht richtig verstehe, um was
es dir geht?
[00:28:33.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann soll er es noch etwas genauer beschreiben. Dann dürfen sie sagen, dass sie es verstanden haben,
so gut wie ich das verstehen kann.
[00:28:41.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Mir haben auch viele Patienten gesagt, Sie verstehen mich nicht. Sie meinen, man müsse gleich
mitfühlen. Aber das kann man nie.
[00:28:53.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Mensch kann einen anderen Menschen nie 100% richtig verstehen. Das geht nie. Aber annähernd
verstehen. Dann dürfen sie sagen, doch jetzt habe ich dich verstanden. Von dort her bringt es mir nichts,
wenn Du mir nochmals das Gleiche und das Gleiche erzählst.
[00:29:14.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Menschen erzählen immer wieder dasselbe, wenn sie sich nicht angehört fühlen, nicht verstanden fühlen,
nicht wahrgenommen fühlen.
[00:29:27.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht angenommen fühlen in ihrer Andersartigkeit. Trifft das auf ihren Brüdern zu, dass er sich nicht
angenommen fühlt in seiner Andersartigkeit?
[00:29:37.010] – Bemerkung 20
Ja, das denke ich schon. Ich habe das nie verstanden. Das hilft mir jetzt sehr, was sie mir gesagt haben.
[00:30:09.550] – Bemerkung 21
Es geht um Empathie. Unsere zwölfjährige tochter hat eine gut entwickelte Empathie. Sie spürt den
Anderen sehr. Unser Pflegekind hat eine Tendenz, ADHS zu haben. Er ist erste drei Jahre alt. Manchmal
kommt sie nach Hause, schaut ihn an und regt sich schon auf. Kann das sein, dass wenn man ADHS hat,
dass es einem empathischen Menschen etwas übergibt?
[00:30:54.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein empathischer Mensch nimmt merkt sofort, was beim anderen abläuft. Sie reagiert auch. Das stört
mich. Sie nimmt viel mehr Signal auf sich. Ein empathischer Mensch hat Fühler draussen und nehmen
alles wahr, was um sie herum ist. Aber sie sind dann nicht mehr bei sich, also verlieren sich.
[00:31:25.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Bübchen ist ein aktives. Das kann sie stören. Da müsste man sie dann fragen, was macht es mit dir,
wenn der so ist, wie er halt ist. Dann schauen, was man machen könnte, damit sie sich nicht aufregen
muss. Das Aufregen ist ja der Energieverbrauch, der ihr nicht so gut tut.
[00:31:50.080] – Bemerkung 21
Ja, genau. Sie regt sich dann gleich auf über ihn. Obwohl er ja eigentlich gar nicht viel macht. Die ist
dann gleich gestört und genervt durch ihn.
[00:32:00.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Es macht sie nervös. Ja, genau. Dann kann man sie fragen, was sie nervös macht. Seine Laute, seine
Bewegung oder sein Gesicht. Dann muss man mit ihr schauen, was sie für sich machen kann, um sich zu
beruhigen, um nicht emotional auf ihn los zu gehen?
[00:32:24.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn sie nichts macht. Sie ist selbst in Unruhe. Das ist für sie auch nicht gut. Können Sie ihm
etwas zum Spielen geben? Kann sie die Interaktion ein wenig selbst gestalten? Dann wieder
beobachten? Dann ist sie nicht einfach so ausgeliefert. Wäre das eine Möglichkeit?
[00:32:51.650] – Bemerkung 21
Ja, das ist super. Danke vielmals.
[00:34:35.380] – Bemerkung 22
Macht es Sinn ADHS Kinder zu Hause zu schulen, Homeschooling? Oder besser in die normale Schule
zu senden. In unserem Kanton gibt es die Möglichkeit.
[00:35:20.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Homeschooling ist durchaus eine Möglichkeit. Kinder mit ADHS haben spezielle Anforderungen. Wenn
die Schule das nicht geschickt macht, dann muss man sie manchmal sogar rausnehmen.
[00:35:45.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte mal ein ADHS Kind, da kam die Mutter zu mir. Das ging in eine Privatschule. Es war ein Bub.
Das lief alles verkehrt. In dieser Privatschule sind sie zu viert auf das Kind gesessen, um ihn zum
Gehorsam zu bringen. Das geht natürlich nicht. Da habe ich gesagt, das Kind muss aus der Schule raus.
[00:36:05.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich dispensierte ihn von der Schule. Die Mutter konnte nicht den ganzen Tag zu Hause sein. Sie arbeitete
auch. Wir haben dann ein Programm gemacht. Er musste Esel ausführen, Hunde ausführen, Mittagessen
kochen, putzen usw. Wir haben ein Beschäftigungsprogramm gemacht.
[00:36:25.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Den haben wir wieder eingeschult. Ich nahm mit der Schule Kontakt auf. Er musste in die fünfte Klasse
wechseln. Ich fragte den Schulleiter, welcher Lehrer kommt für so ein Kind in Frage.
[00:36:38.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann machte ich eine Zusammenführung. Ich lud die Eltern mit dem Lehrer und dem Knaben ein. Ich
weiss nicht, ob der Schulleiter auch dabei war.
[00:36:48.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit das Kind den Lehrer kennenlernen konnte und sich die Schule anfreunden konnte. Er ging in die
Schule, das klappte, und er machte schlussendlich eine KV Lehre. Also, je nach Kind ist es
unterschiedlich, und ob man halt etwas anderes findet. Wenn man gar nichts Gescheites anders findet,
dann würde ich sagen, ja, von mir aus lieber Homeschooling, als weiter in diese Schule zu gehen und es
läuft alles schief.
[00:37:20.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann, glaube ich, Homeschooling machen, ja, je nach Kanton. Man muss einen gewissen Ausweis
dafür haben. Ich hatte ein anderes Kind, dort haben wir auch Homeschooling gemacht. Sie war sogar
Lehrerin, aber von Brasilien. Irgendwann war es dann auch zu viel für sie. Dann haben wir ihn wieder die
normale Schule gesendet.
[00:37:40.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Homeschooling ist durchaus eine Möglichkeit. Es ist natürlich eine Belastung, weil das Kind dann nur die
Eltern erlebt. Nur, wie soll ich sagen, ein Sozialsystem. Aber wenn alles andere nicht funktioniert hat, ist
das immer noch besser als das Kind innerhalb der Regelschule kaputt zu machen.
[00:38:05.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde wahrscheinlich sagen, man soll sich noch ein wenig Hilfe dazuholen. Auch, damit das Kind
nicht nur die Eltern kennenlernt, sondern auch lernt mit verschiedenen Erwachsenen Personen
umzugehen.
[00:38:19.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem, ein hochsensibles Kind erträgt noch gar nicht so viel und dann macht man das.
[00:38:27.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Also ich bin ganz sicher nicht dagegen. Ziehen sie es für ihr Kind in Erwägung?
[00:38:38.980] – Bemerkung 22
Wir haben uns schon Gedanken gemacht. Es ist erst 3 Jahre alt geworden. Sie ist sehr andersartig. Sie
ist manchmal wie ein Vulkan voller Emotionen. Es ist zum Teil schwierig, das zu handhaben.
[00:39:16.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es ein Vulkankind ist, also voller Emotionen, solche Kinder brauchen sehr viel Auslauf und sehr
viele Beschäftigungsmöglichkeiten. Sehr viele auch, ich würde sagen, eigentlich verschiedene
Möglichkeiten. Nur ein Umfeld reicht oft nicht.
[00:39:36.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Veränderung des Umfeldes ist bei diesen Kindern oft schwierig. Von einer Situation zur anderen. Das
ist auch typisch für ADHS und ADS Kinder, der Wechsel zu machen. Die Wechsel muss man oft recht gut
einleiten, vorbereiten.Man muss ein wenig früher sagen, dass man von hier nach dort wechselt. Man
muss beim Wechsel gut dabei sein.
[00:40:04.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ja von den natürlichen Krisen gesprochen. Wenn ein Kind von zu Hause zur Schule geht, ist das
eine Krise. Wenn ein Kind von seinem Spielort an den Tisch kommen muss, das ist auch schon eine
kleine Krise bei diesen Kindern. Diese Wechsel müssen sorgfältig gemacht werden.
[00:40:24.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sie nicht von einer Situation in die andere rupfen. Dann sperren sie, dann gibt es ein
Riesentheater und dann funktioniert gar nichts.
[00:40:34.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Übergänge müssen begleitet sein. Es gibt eine Regelung im afrikanischen Land, dass wenn ein
Machtwechsel ist, also wenn der Präsident wechselt, wenn neu gewählt wird oder wenn der
Machtwechsel ist, dann ist Ausgangsverbot, damit nicht Eskalationen passieren.
[00:40:58.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Machtwechsel in der Politik, beim kleinen Kind sind Wechsel, Ortswechsel, also
Situationsveränderungen. Da reagieren die ADHS Kinder oft recht stark darauf. Darum müssen wir dort
sehr sorgfältig sein. Sie haben ja noch ein wenig Zeit.
[00:41:18.770] – Bemerkung 22
Gibt es da eine gute und unterstützende Literatur zu diesem Thema ADHS? Also für uns ist Thema relativ
neu.
[00:41:34.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hole mir mein Wissen aus der praktischen Erfahrung. Von dort her bin ich nicht so gut im Bücher
angeben. Aber man kann in X Buchladen gehen und fragen. Es gibt heute schon viel Literatur.
[00:41:57.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Cordula Neuhaus ist nicht eine Psychiaterin, auch nicht eine Psychologin. Ich glaube, sie ist Pädagogin.
Sie hat sich schon lange mit ADHS Kinder befasst. Da gibt es Artikel von ihr und, glaube ich, auch ein
Buch. Man muss sich so ein bisschen durchlesen.
[00:42:16.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe keine Literaturliste dabei. Aber sie müssen sich ein bisschen durchlesen.
[00:42:38.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Paper, das ich erwähnt habe, das hat ja auch schon jemand gefunden und das geben wir auch an.
Es gibt auch englische Literatur.
[00:42:52.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Diebstahl, ich mache mir manchmal auch wieder so Hauptsätze. Ich sage, ein Kind stillt, wenn irgendwo
ein Mangel ist. Dieser Mangel kann im ganzen Familiensystem sein. Der kann natürlich auch beim Kind
selber sein.
[00:43:46.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her darf man das Stehlen nicht gerade bestrafen und sagen, das ist falsch. Klar,
sozialverhaltensmässig ist es falsch. Man muss zuerst den Mangel herausfinden.
[00:44:00.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich komme gleich mit einem Beispiel. Das war ein mittelalterlicher Mann, den habe ich angetroffen, der
hat sich voll auf mich eingeschossen. Ich habe etwas falsch gemacht in seinen Augen und dann hat er
mich als Feind gesehen.
[00:44:22.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann konnte ich ein Gespräch mit ihm machen. Dann habe ich seine Geschichte erfragt. Das waren drei
Kinder, ich glaube, er war der Älteste. Seine Mutter ging bei reichen Leuten putzen. Dort sah er schöne
Bücher gesehen. Dort hatte es eine Bibliothek und schöne Bücher. Dann kam er auf die gute Idee, er
könnte solche Bücher stehlen, also mitnehmen. Dann diese umsetzen in einem Antiquariat oder in einem
Buchladen.
Dritter Teil
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
und Geld daraus machen. Er hat natürlich miterlebt, wie Mutter die Geldsorgen hatte, wie sie arm war,
wie sie wahrscheinlich auch darüber klagte. Er wollte der Mutter helfen. Indem er die Bücher gestohlen
und umgesetzt hat, konnte er eine Zeit lang Geld verdienen. Aber irgendwann flog das auf.
[00:00:19.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss nicht, ob er noch andere Sachen gestohlen hat. Das weiss ich nicht mehr so genau. Auf jeden
Fall war er acht Jahre im Gefängnis. Als Erwachsener dann. Das gab eine Gewohnheit, ich muss stellen,
um das Leben meiner Mutter zu verbessern. Er ist dort rausgekommen, als er zu mir kam.
[00:00:48.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erklärte ihm, dass ich es verstehe, dass er die Bücher gestohlen hat. Er wollte ja eigentlich nur etwas
Gutes für die Mutter machen. Aber nach den Regeln der Gesellschaft ist das nicht tolerabel. Tragisch.
[00:01:05.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen anderen Fall. Das war ein Jugendlicher. Er war etwa zwölf, dreizehn. Die Eltern waren
geschieden. Der Vater zahlte seine Alimente nicht. Die Mutter wäre so gerne mit ihrem Sohn in die Ferien
gereist. Er hat beim Vater 1'000 Fr. gestohlen. Ich weiss nicht genau, wie er darauf kam, aber auf jeden
Fall hat er das gestohlen
[00:01:28.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann flog das auf. Die Polizei hat so gut reagiert, dass sie ihn zu uns in die Therapie geschickt haben. Ich
besprach das Ganze und deutete auch sein Verhalten. Er wollte auch etwas Gutes machen. Die arme
Mutter bekam nicht genug Geld vom Vater. Er half einfach nach. Das ist natürlich das Verhalten eines
Kindes.
[00:01:55.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir schlüsselten es auf, erklärten es und sagten natürlich auch, man müsste es anders machen, aber
man bestrafte ihn nicht einfach.
[00:02:03.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Häufig, wenn Kinder solche Sachen machen, schaut man nur das Fehlverhalten an, man bestraft sie. Sie
werden nie honoriert für die gute Absich. Sie machen weiter, denn sie wollen ja eigentlich eine Erkennung
bekommen für das, was sie machen.
[00:02:20.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe sie dann nach diesen paar Interventionen aus dem Auge verloren, aber ich denke, es war okay.
[00:02:30.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte mal eine Frau, die Kleider im Laden gestohlen hat. Dort war auch ein Polizist, der sie schnappte.
Ich weiss nicht mehr, wie, aber er kannte mich oder wusste von mir. Er schickte sie dann auch in die
Therapie, anstatt dass man sie bestraft.
[00:02:51.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann erfragte ich die Geschichte ein wenig. Es kam heraus, dass die Frau sehr restriktiv gelebt hat. Sie
hat sich ihrem Mann unterlegen gefühlt. Sie hatte wohl auch eine sehr strenge Erziehung zu Hause.
[00:03:07.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Psychologie von ihrem Stehlen genauer anschaute, hat sie gesagt, dass sie im
Augenblick, als sie gestohlen hat, hat sie die Grenzen überschritten und für einen kurzen Moment fühlt
sie sich dann frei, gut, toll, oh, ich habe etwas gewagt.
[00:03:21.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Natürlich kurz darauf, eine Viertelstunde später, kommen die Gewissensbisse, Schuldgefühle etc. und die
ganze gute Wirkung ist weg. Eigentlich so wie ein Flash von einer Droge.
[00:03:40.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei ihr habe ich auch versucht, Techniken beizubringen, wie sie sich besser behaupten kann, dem Mann
gegenüber, wie sie besser für sich eintreten kann, ihre Bedürfnisse benennen kann, dass sie nicht so
indirekt über etwas selbstschädigendes gehen muss.
[00:04:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Stehlen unter den Jugendlichen, kann auch als Heldentat angeschaut werden, eine Mutprobe. Wer traut
sich zu stehlen? Wer traut sich mehr zu stehlen? Wer jagt den grössten Hirsch? Das Stehlen ist wie ein
Jäger, der einen Hirsch jagt.
[00:04:23.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kann man sich gegenseitig hochspielen und es kann auch zur Gewohnheit werden. Dann hat man
schon die kriminellen Banden. Dort bringt es nichts, wenn man nur sagt, das sei falsch und verkehrt. Das
darfst du nicht, dann wirst du bestraft.
[00:04:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei solchen Jugendlichen, oft sind es mehr Junge. Denen muss man die Möglichkeit geben, dass sie auf
eine andere Art ihre Kräfte messen können. Nicht unbedingt auf eine Selbstständige.
[00:04:55.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche gilt auch bei den Drogen. Es werden alle möglichen Drogen ausprobiert. Man kommt sich als
Held vor, wenn man das erträgt.
[00:05:04.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Offensichtlich geben wir unseren Jugendlichen nicht genügend Möglichkeiten, Abenteuer zu suchen, ihre
Abenteuerlust und ihren Mut zu beweisen.
[00:05:15.540] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinne sagt man von den ADHS Kindern auch, sie sind Sensation Seeking, also sie wollen einen
Kribbeln. Das Kribbeln kann sein, was kann ich stehlen.
[00:05:27.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte letztens eine Mädchen, die hat seit sie klein war gestohlen. Sie hat es zu einer tollen Fähigkeit
entwickelt. Sie hat gesagt, sie habe alles gestohlen, was sie nur konnte. Alles, was irgendwie lose war.
[00:05:45.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dort das System angeschaut hat, hat es niemanden gehabt, also keine Autoritätsperson, die
sie respektiert hat und mit der sie sich hätte auseinandersetzen konnte.
[00:05:57.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus diesem Grund sage ich ja, auch ihr Mädchen, das noch drei Monate bei ihnen sind, unbedingt
auseinandersetzen und noch diesen Hörnerkampf miteinander haben.
[00:06:08.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Kinder, die sehr abenteuerlich sind, sehr temperamentvoll sind, wenn sie kein Gegenüber haben,
mit dem sie sich ihre Hörner reiben können, dann gehen sie weiter und weiter und weiter. Wenn kein
solcher Vater da ist, dann suchen sie die Grenzerfahrung beim Vater Staat. Sie müssen dann mit einer
Autorität zusammenkommen.
[00:06:32.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei dem anderen Mädchen, die alles gestohlen hat, der hat man schlussendlich die Polizei ins Haus
geschickt und dann hat sie aufgehört. Dann ist sie erschrocken.
[00:06:44.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie brauchen ein starkes Gegenüber. Es geht nicht nur mit Besänftigungstaktik, Kuschelpädagogik.
[00:06:54.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich auch mit ihnen auseinandersetzen. Das ist wieder das Charging. Wenn man nur
ausweicht, haben sie nie ein Gegenüber, wo sie ihre Hörner wetzen können.
[00:07:07.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre so ein bisschen das Stehlverhalten. Hier gilt wieder genau das Gleiche. Jetzt kann sich fragen,
wie man damit umgeht.
[00:07:18.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier geht es wieder darum, dass man den Hintergrund dieser Motivation sucht. Der ist nicht immer gleich.
Manchmal ist es Armut, manchmal fühlt man sich benachteiligt, machmal fühlt man sich vom Schicksal
vergessen. Das muss erarbeitet werden.
[00:07:39.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht gleich übergehen zu: nein, das macht man nicht. Das gehört sich nicht. Man muss herausfinden,
welche Motivation dahintersteckt.
[00:07:48.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nach Motivation muss entsprechend mit dem Kind gesprochen und trainiert werden. Wie kann es
seine Bedürfnisse adäquat anwenden, ohne selbstschädigend zu sein? Sowohl Diebstahl als auch
Drogen nehmen ist eigentlich ein selbstschädigendes Befreiungsverhalten.
[00:08:16.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann wieder in die Pathologie hineingehen: manisch-depressiv. ADHS Kinder können dann im
Erwachsenenleben auch manisch-depressive Krankheiten entwickeln.
[00:08:33.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Es können auch Buben oder Mädchen sein. Ich habe gerade mehr Erfahrung mit Frauen. Das waren oft
temperamentvolle Mädchen, haben sich als Frauen angepasst.
[00:08:48.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann, irgendwann, wenn etwas zu viel wird, wenn das Wasser ganz oben steht, dann sprengen sie alle
Grenzen, werden manisch.
[00:08:55.440] – Dr.med. Ursula Davatz
In der manischen Phase überschreiten sie dann alle Grenzen. Sie geben zu viel Geld aus, sind frech,
stehlen auch. Eine hat mal ein Auto genommen und ist damit weggefahren.
[00:09:09.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Die schwanken hin und her zwischen überangepasst sein und explodieren. Um auch so etwas zu
verhindern, dass sich eine solche psychiatrische Krankheit entwickelt, ist es ganz wichtig, dass man
diesen temperamentvollen Menschen einen Auslauf gibt, eine genügende Befreiung, damit sie ihre
Grenzen spüren können und auch Grenzen von aussen her spüren.
[00:09:35.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft hat man die Tendenz, eine Grenze theoretisch aufzuzeichnen, aber die müssen zum Teil auch
dreinlaufen. Natürlich, sie dürfen nicht die Gewohnheit entwickeln, dass sie immer gescheiter und besser
sind und immer damit wegkommen. Das ist nicht gut. Darum habe ich vorhin schon gesagt, dass man
sich mit ihnen konfrontieren muss.
[00:09:56.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald Diebstahl zur Gewohnheit wird, braucht es eine stärkere Korrektur. Dann braucht es eine stärkere
Auseinandersetzung.
[00:10:07.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wenn das Kind noch jünger ist und damit erst anfängt, dann muss man wachsam sein und sich
dieser Konfrontation stellen und sich mit ihnen auseinandersetzen. So viel zum Stehlen.
[00:10:25.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wer hat ein Beispiel oder eine Ergänzung von Ihnen?
[00:10:49.120] – Bemerkung 23
Beim Diebstahl ist es ja häufig so, wenn man ein Erfolgserlebnis hat, dann motiviert es wieder dieses
Erfolgserlebnis zu haben. Wie kann man dem Erfolgserlebnis den Wind aus den Segeln nehmen?
[00:11:12.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat mit dem Hirn nichts zu tun. Wenn man ein Erfolgserlebnis hat, gibt das Wohlgefühl. Dann
wiederholt man es natürlich. Dann ist man schon in einem Suchtmechanismus. Eigentlich muss das
Erfolgserlebnis toppen mit einem Besseren.
[00:11:36.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man etwas herausfindet, wie man sich etwas erarbeiten kann. Man sagt dann so schöne Sprüche:
ohne Fleiss kein Preis.
[00:11:43.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man einen Berggipfel erklimmt, ist man nachher stolz, dass man das Ganze geleistet hat. Man
muss mit dem Kind zusammen Strategien erarbeiten, die nachher ein schöneres Erfolgserlebnis geben.
[00:11:59.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe jetzt wieder zur Suchtproblematik. Ich hatte einen Patienten, der Heroin-, Kokainsüchtig war. Er
war im Methadonprogramm. Damals hatte ich noch alle Methadonprogramme im Kanton Aargau unter
mir.
[00:12:21.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er wieder gegen den Suchtmittelkonsum verstossen hat, fragte er mich, ob ich ihm jetzt das
Methadonprogramm wegnehmen werde.
[00:12:29.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sagte nein, das mache ich nicht. Ich bestrafe nicht. Solange ich das Gefühl habe, dass wir auf einem
Weg sind, mache ich weiter mit ihnen. Ich habe das Gefühl, dass wir auf einem Weg sind.
[00:12:41.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht bestrafen und belohnen, sondern man strebt ein Ziel an. Man ist unterwegs und man fällt x
Mal wieder vom Weg ab. Aber man spürt ja, ob man auf dem Weg ist oder ob nur getäuscht wird. Ich
glaube, so viel spürt man.
[00:12:58.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf jeden Fall habe ich ihn ungefähr zwölf Jahre lang begleitet. Am Schluss hat er das Methadon
entzogen, alle Drogen und Schlafmittel entzogen. Er hat 20 Kilo abgenommen und hat sich einen Hund
zugetan.
[00:13:16.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat dann gesagt, dass er ohne Drogen das Leben viel schöner, viel intensiver erlebt. Das ist eigentlich
toller als Drogen.
[00:13:28.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich schön, wenn man an so einem Punkt herankommt. Man muss mit ihnen etwas
erarbeiten, was mehr Befriedigung gibt.
[00:13:42.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese mehr Befriedigung, die ist Arbeit. Darum greift man schnell zu etwas, das einfach ist. Also, Instant,
Schnellbefriedigung.
[00:13:56.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Drogen sind schnelle Befriedigungen. Stehlen, wenn man geschickt ist, ist es auch eine schnelle
Befriedigung.
[00:14:03.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die erarbeitete Befriedigung ist viel nachhaltiger. Man spricht ja heute immer von Nachhaltigkeit. Die geht
tiefer, die erlebt man als schöner. Es lohnt sich.
[00:15:00.000] – Bemerkung 24
Ich habe noch einen Fall zum Einbringen, der passt zum heutigen Thema. Wir haben zwei Jünglinge, 16
und bald 18 Jahre alt. Sie lebten drei Jahre im Kosovo und vorher auch noch in der Schweiz. Sie sind
jetzt wieder zurückgekommen. Sie sind jetzt in einer Pflegefamilie. Den einen hat man eingeschult. Er ist
jetzt in der Schule. Es passiert das Typische, er kann machen, was er will. Es ist einfach falsch. Er wird
gemassregelt, er wird gestraft, er wird nach Hause geschickt. Das ist der Jüngere. Das ist der 16 Jährige.
[00:16:04.730] – Bemerkung 24
Klar, er hat eine provozierende Art, ich gebe ein Beispiel: der Lehrer sagt: Gib mir das Feuerzeug ab beim
Sportunterricht und er macht ein Spiel draus. Sie müssen den Tisch im Schulzimmer umstellen und er
spricht mit dem Kollegen. Sich nicht an die Regeln halten, nicht an die Abmachungen halten. Jetzt sind
noch mehr Dinge dazugekommen. Es ist ein Verdachtsmoment beim Älteren. Von Hanf, von
Cannabismissbrauch. Was sie eigentlich abstreiten. Also auch eine Art von Lügen. Es ist sogar so weit
gegangen, dass die Lehrer gesagt haben, dass es ein Schulausschluss Thema war.
[00:17:11.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Von beiden oder vom Älteren?
[00:17:15.090] – Bemerkung 24
Der ältere ist schon in einer Lehre, also in einem Praktikum.
[00:17:19.570] – Bemerkung 24
Der Jüngere. Dann hat man ihn abgeklärt. Also liegen hier hirnorganischen Fehlentwicklungen vor oder
auf was ist das Verhalten zurückzuführen?
[00:17:37.220] – Bemerkung 24
Wir hatten jetzt am Freitag die Auswertung mit der Schulpsychologin und sie hat gesagt, der Junge ist
völlig von den Tests her die man gemacht hat, D3 und so die bekannten Tests, der liegt völlig in der Norm.
[00:17:53.610] – Bemerkung 24
Da ist also nichts auffallendes. Interessant war nachher, die Psychologin merkte, der ist wirklich ein
Grenzgänger. Er provoziert, er überschreitet die Regeln, er hat ein respektloses Verhalten. Bei der
Pflegefamilie legt Zigarettenstümmel auf die Treppe, er legt Kaugummi auf die Treppe, er geht aufs WC
und spült nicht, er lüftet Zimmer nicht.
[00:18:25.110] – Bemerkung 24
Dann hat sie gefragt, ob es noch etwas gibt, was dieser gute Junge kann. Also habt ihr noch etwas
Positives? Dann waren dann alle einen Moment ruhig und dann kam einiges Positives, weil er von
seinem Typ her, also alle, die ihn sehen, sagen, ihn würden wir sofort adoptieren. Er hat so einen
Charme. Er ist total gemütlich und ist ein wenig ein Charmeur.
[00:18:54.040] – Bemerkung 24
Sie kamen mir dann in der Auswertungssitzung in den Sinn. Man hat dann nach Möglichkeiten gesucht,
wie man ihn bis zum Sommer noch durchziehen kann, bis zum Schulschluss. Dann habe ich den
Vorschlag gebracht, dass er einen guten Kollegen hat.
[00:19:28.440] – Bemerkung 24
Das ist auch ihr Prinzip. Beziehung, zu wem hat er die beste Beziehung und ihm den Jüngling zur Seite
stellen. Worauf der Lehrer sagt, das geht nicht. In unserer Klasse haben wir Streber und Versager. Die,
die provozieren. Das sagt der Lehrer.
[00:19:53.020] – Bemerkung 24
Ich weiss nicht, ob das wirklich so ist oder ob es eine Möglichkeit geben würde. Gestern kam schon
wieder eine Reklamation vom Lehrer und Schulschluss mit Ausrufezeichen und Fragezeichen. Also, wir
sind hier auf dünnem Eis. Wie würden Sie in dieser Situation umgehen?
[00:20:19.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wo sind die Eltern? Wohnen die bei den Eltern?
[00:20:24.200] – Bemerkung 24
Das sind zwei Adoptivsöhne. Die Adoptiveltern, der Vater ist schon jahrelang krank. Die Mutter ist auch
nicht in der Lage, die Söhne zu haben. Der Vater ist ein paar Jahre nach Bosnien gegangen mit den
Jungs bis sie in einem Heim waren. Sie sind sehr frei aufgewachsen und haben auch schon harte Drogen
konsumiert.
[00:21:04.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sind von Anfang an Adoptivkinder gewesen?
[00:21:06.910] – Bemerkung 24
Ich weiss nicht wie alt sie waren bei der Adoption.
[00:21:10.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Adoptiveltern sind auch aus dem Kosovo?
[00:21:16.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht um zwei Söhne, der eine 18, der andere 16. Die 16-jährige provoziert in der Schule. Der Lehrer
kommt nicht mit ihm zu Gang. Aber er hat sehr viel Charme. Darum kann er wahrscheinlich auch gut
provozieren. Er hat sich das lange leisten können.
[00:21:40.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche, etwas auszuholen. Die waren im Kosovo. Es gibt zum Teil Schweizer Schulklassen, in
denen auf Albanisch Schweizerdeutsch gesprochen wird. Sie haben eine dominante Art und Weise, sich
zu verhalten und reden auch auf eine gewisse Art. Sogar, dass die Schweizer Kinder sich daran
angepasst haben und auch so reden.
[00:22:10.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hört von ihm, er provoziert, er schwatzt rein, er ist respektlos. Er macht alles etwas falsch, er macht
ein Spiel. Die südlichen Kulturen sind oft spielerischer als wir mit der deutschschweizer Kultur. Ich denke,
da gilt es auch wieder, dass sich der Lehrer oder ein Schulassistent mit ihm einlässt. Er müsste mit ihm
auch spielerisch umgehen können, aber er müsste ihm dann auch wieder die Stirne bieten können. Der
hat kein Gegenüber. Der Vater ist überhaupt kein Gegenüber. Der ist krank und schwach und der sucht
seine Grenzen ausserhalb.
[00:22:54.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Man müsste irgendeine Kontaktperson finden, eine Bezugsperson, die sich mit dem auseinandersetzt.
Nicht moralisch verurteilend, nicht therapeutisch Kuschelpädagogik, sondern Kräfte messen. Wenn er
zum Beispiel das Spiel macht, dass er etwas abgegeben soll und er macht ein Spiel, dass man mitmacht.
[00:23:17.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, du willst spielen, dass man mitmacht. Gerade bei speziellen Kindern, und wenn Kinder noch kleiner
sind, muss man häufig mit dem Spiel mitmachen, bis man sie dann hinbringt zu dem was man will. Das
ist völlig fantasielos, die Umgebung die er jetzt hat. Er hat diesen Charme, man kann auf ihn eingehen,
man darf sich aber nicht auf die Schleimspur führen lassen. Man muss auf eine lustige Art, auf eine
überlegene, quasi mit einer natürlichen Autorität, muss man den führen. Der braucht eine natürliche
Autorität.
[00:23:56.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht geht das nicht mehr im Klassenverband, vielleicht muss man eher einen Lehrmeister suchen.
Wenn ich auch Schweizer Kinder in diesem Alter habe und sie nicht mehr in die Schule gehen wollen, sie
machen nur Blödsinn, sie tun nur dumm, sie stören nur den Unterricht, dann sage ich, Fertig, Schluss,
rausnehmen, einen Lehrmeister suchen.
[00:24:16.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher war das so. Man ging zu einem Lehrmeister. Der war ein Vorbild, mit dem man sich
auseinandergesetzt hat. Ich denke, er braucht einen Lehrmeister.
[00:24:25.900] – Bemerkung 24
Er hat eine Lehrstelle, das wollten wir machen. Beim Erne, eine Baufirma. Diese Riesenfirma. Aber die
nehmen ihn nicht, weil er alle Sicherheitsvorkehrungen durchlaufen muss, er muss eine Schule
durchlaufen. Das ist zu gefährlich auf dem Bau. Aus diesen Gründen können sie die Verantwortung nicht
übernehmen.
[00:24:46.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine solche grosse Baufirma ist anonym. Da geht alles wieder mit den Regeln. Man müsste eine kleine
Baufirma nehmen, in der er direkt von einem Chef betreut wird oder von einem Vorarbeiter. Er darf nur
eine Bezugsperson haben, die alles sagt.
[00:25:03.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen ADHSler. Der fiel dann aus der Schule heraus und blöd getan. Er hatte auch Charme. Er
hat sich dann bei einem Lehrmeister beworben. Die Mutter gab mir den Lehrmeister an. Ich rief ihn an
und er sagte, eigentlich würde ich den gerne nehmen, aber da ist etwas Komisches bei ihm. Es sei
irgendetwas komisch. Ich antwortete, dass er recht hätten, er habe ein ADHS. Dann sagte ich, dass er
ihn nahe zu sich nehmen müsse, er müsse ihn führen, er gebe ihm alle Befehle, etc. Also wirklich
Führung durch einen Chef, durch eine Vaterfigur. Das hat sehr gut funktioniert. Er war stolz, dass ihm der
Meister alles gibt. Er hat sich sogar präferiert behandelt gefühlt. Ein Jahr später hat man ihn an einen
Mitarbeiter weiter gegeben. Er konnte es nicht so gut. Dann alles zerfallen. Er fand dann wieder eine
neue Lehrstelle. Er machte den Abschluss und besuchte eine technische Hochschule. Er ist jetzt ein
guter Berufsmann.
[00:26:12.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss solchen Jungs, jungen Männern, muss man ein männliches Gegenüber finden, das mit ihnen
umgehen kann. Jemand der sich wieder persönlich mit ihm auseinandersetzt.
[00:26:23.090] – Bemerkung 24
Das hat er ja im Pflegevater.
[00:26:27.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber er gibt ihm keine Stelle. Dort kann er nicht arbeiten.
[00:26:33.480] – Bemerkung 24
Nein, aber ich meine schon rein persönlich. In der persönlichen Auseinandersetzung muss es im
Zusammenhang mit einer Arbeit sein?
[00:26:42.360] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Moment, weil der jetzt vorwärts gehen sollte. Der sollte sich beruflich eingliedern. Dann genügt
das andere nicht. Dann muss man sich ja auch von seinem Pflegevater absetzen, ablösen. Wenn man
etwas lernen möchte, muss man sich mit einem Meister auseinandersetzen.
[00:27:13.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte einen anderen, der zu einem ganz strengen Lehrmeister kam. Den haben wir aus dem Heim
rausgenommen. Der hat dann eine Lehre gemacht. Der Lehrmeister war sehr streng, hat alles Mögliche
von ihm verlangt. Er hat gar nichts geduldet.
[00:27:37.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Viel später sah ich ihn dann wieder gesehen. Dann hat er gesagt, es sei hart gewesen und ich bin
manchmal fast zu Grunde gegangen, aber ich habe viel gelernt bei ihm.
[00:27:50.620] – Dr.med. Ursula Davatz
In solchen Momenten ist es gut, einen persönlichen Lehrmeister zu haben, der ihn an die Hand nehmen
kann. Aber er muss gewisse Geduld haben. Er muss eine natürliche Autorität haben und sich so
durchsetzen können. Nicht mit Bestrafung und Belohnung, sondern persönlich. Dann reicht der
Pflegevater nicht. Was will er im Bau lernen?
[00:28:20.310] – Bemerkung 24
Er will Maurer werden.
[00:28:22.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, eher ein kleines Baugeschäft oder ein Baugeschäft, das gut geführt ist, wo man ihn einem Vorarbeiter
anhängen kann. Dieser Vorarbeiter muss dann supervidiert werden. Er muss vielleicht ein wenig begleitet
werden.
[00:28:54.700] – Bemerkung 24
Das Belohnen, Strafen, das sitzt so tief, das beschäftig mich. Sie haben heute Morgen gesagt, wir
werden reif durch die Auseinandersetzung mit unserem Gegenüber, mit unseren Autoritätspersonen. Ich
stelle fest, im Berufsumfeld, wie tief unsere Prägung ist, wir sind nur auf das Äussere, auf das Verhalten
fokussiert. Wie wenig Interesse da ist, an diesen Menschen ein Gegenüber zu sein, ein reifes Gegenüber
zu sein, sodass wir die Menschen dort abholen und sie in diesem Reifungsprozess begleiten. Das macht
mich betroffen.
[00:29:52.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das verstehe ich gut. Ich kenne Prof. Dr. Ursula Renold, die Bildungsbeauftragte ist und das
Lehrlingssystem auf der ganzen Welt versucht zu fördern. Wir haben ja unser Lehrlingssystem. Das ist
ein Ausbildungssystem, das recht gut ist, das es in anderen Ländern zum Teil nicht gibt.
[00:30:18.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die hat mich auch gefragt, einen Vortrag zu machen über den Umgang mit Adoleszenten. Ich denke, das
ist etwas vom Wichtigsten, dass man bei den Adoleszenten bereit ist, um sich mit denen
auseinanderzusetzen. Anhand dessen reifen sie.
[00:30:32.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es ein anonymer Betrieb ist, bei dem sie nicht recht begleitet sind, dann funktioniert das nicht gut.
Es gibt Kinder, die in so einem Betrieb funktionieren, aber die ADHSler in der Regel nicht. Dann muss
man suchen, bis man so einen Chef hat und allenfalls den noch unterstützen, dass der dann den
Jugendlichen durch die schwierige Adoleszentenphase durch begleiten kann.
[00:30:59.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es stimmt, es gibt nicht so viele. Wir wollen Kinder lieber durch Roboter erziehen lassen, aber die können
das nicht. An sich bewerten wir in der Schule heutzutage Social Skills, also Sozialkompetenz. Das muss
man bewerten. Damit man Sozialkompetenz bei den Schülern bewerten kann, muss man selbst
Sozialkompetenz haben und diese in der Auseinandersetzung mit dem Jugendlichen weitergeben. Das
wäre wieder die Betroffenheit, die Alain Guggenbühl sagt, man muss sich mit Leib und Seele mit diesen
jungen Menschen auseinandersetzen.
[00:31:43.580] – Bemerkung 24
Solche Leute sind Mangelware. Ich denke, hier sind die Pflegeeltern, hier seid ihr eine enorme Stütze.
Heute hat jemand gefragt, ob sich das lohnt? Ich habe in der Mittagspause gesagt, es lohnt sich eine
Sekunde. Ich erinnere mich, ich hatte Begegnungen und Erfahrungen in meinem Leben. Da haben
Bruchteile von Sekunden mein Leben total verändert. Es hat in mir eine Veränderung vollbracht. Also
denkt nie, es sei zu wenig oder es lohne sich nicht.
[00:32:24.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, stimmt. Die persönliche Auseinandersetzung, manchmal gehe ich sogar so weit, wenn es nicht die
Pflegeeltern sind, sondern die Leiblichen, denn die sind ja wahnsinnig engagiert für ihre Kinder. Sie
müssen sich mit dem Jugendlichen auseinandersetzen, ohne dass sie etwas wollen. Also ohne dass sie
ihn Stossen wollen. Sie müssen selber überzeugt sein von einer Idee und dass ihnen ist das ganz ganz
wichtig, dass sie das weitergeben wollen. Aber man darf nicht Druck aufsetzen auf die ADHS Kinder,
sonst machen sie Gegendruck. Aber selbst darf man sehr engagiert sein für etwas oder eine Idee.
[00:33:26.320] – Bemerkung 25
Wie kann ich reagieren, wenn ich bei einem erwachsenen Menschen deutliche Anzeichen von ADHS
feststelle? Kann man ADHS auch im Erwachsenenalter noch medikamentös behandeln? Oder was gibt
es da für Möglichkeiten?
[00:33:43.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Jawohl, klar, man kann ADHS auch im Erwachsenenalter behandeln. Es gibt einige Leute, die im
Erwachsenenalter kommen und sagen, sie hätten ADHS und sie wollen es mit Medikamenten probieren.
[00:34:02.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben vielleicht herausgehört, dass ich es nicht nur mit Medikamenten probiere, sondern auch
anders.
[00:34:10.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Sie als Laie bei einem anderen merken, er habe ein ADHS, auch wenn ich bei vielen merke, dass
sie das ADHS haben, ich sage ich es nicht immer gleich.
[00:34:23.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Teil finden, dass es ein Mangel, eine Demütigung, ein Krankheit sei. Ich bin doch nicht krank.
[00:34:33.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sagen, ob man sich schon damit auseinandergesetzt hat, ob man schon in Erwägung gezogen
hat, dass irgendetwas damit zu hat. Man kann es so heran führen.
[00:34:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Person sagt, ich glaube ich habe ADHS und ganz offen ist für eine solche Benennung, dann
kann man sagen, man kann in die Beratung gehen, man kann sich auch noch abklären lassen. Man
macht dann noch Tests und so weiter und kann das durchaus diagnostizieren. Ich persönlich mache
keinen Test.
[00:35:06.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme einfach die Anamnese und entscheide daraus.
[00:35:11.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt einige Erwachsene, die noch Medikamente nehmen wollen. Manche sagen, es habe ihnen
wahnsinnig viel gebracht. Stephan Rey hat ein Buch geschrieben: "Warum zum Teufel Ritalin", dort habe
ich ein Vorwort geschrieben. Für ihn ist das wie Tag und Nacht gewesen. Er hat das Leben neu erlebt, als
er wusste, dass er ADHS hat und Ritalin nehmen konnte.
[00:35:41.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Für einen Teil ist es eine grosse Erleichterung. Andere versuchen Ritalin einmal und finden dann nein,
dass sie es nicht brauchen, dass sie anders weitermachen. Andere nehmen es nur, wenn sie eine neue
Ausbildung machen und für eine Prüfung lernen.
[00:36:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird ganz individuell gemacht. Aber ganz sicher kann man als Erwachsener auch noch ADHS
Medikamente zu sich nehmen. Gewisse haben einen grossen Vorteil davon.
[00:36:13.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Was gibt es für andere Möglichkeiten? ADHSler können zu Messi Personen werden oder zu ewigen
Herausschiebern. Also Prokrastination sagt man da. Sie schieben immer alles raus. Die brauchen ein
Coaching, bei dem sie lernen, ihren Tag besser zu strukturieren, die Dinge anzugehen. Beim
Rausschieben, da sage ich man muss es sich im Hinterkopf vornehmen und sagen am nächsten
Donnerstag, am Morgen um 8 Uhr, mache ich das und das. Nicht sagen, ich sollte es dann einmal
machen. Nichts offen lassen, sondern klar sagen, dann.
[00:36:56.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich vergleiche das, wenn eine Katze einen Maus fangen will oder einen Vogel, dann sitzt sie ruhig da,
fixiert mit ihren Augen und wenn es so weit ist, springt sie zu.
[00:37:10.840] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne muss der ADHSler in seinem Hinterkopf sein Vorhaben fixieren, festlegen, auf wen und
dann anspringen. Ich vergleiche es mit dem. Wenn man nur sagt, man sollte schon lange, ich sollte
einmal, das gibt keine Struktur und das gibt auch kein erfolgreiches Vorhaben.
[00:37:33.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich erwachsene Menschen mit ADHS behandle, helfe ich meistens, sie zu strukturieren und gebe
ihnen Tipps. Dann besprechen wir, wo es gegangen ist und wo nicht.
[00:37:47.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen die Struktur zu einer Gewohnheit werden lassen und dann funktioniert es von selbst. Sie
müssen nicht jeden Tag neu überlegen: soll ich, soll ich nicht?
[00:37:58.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele landen auch in der Ambivalenz. Soll ich, soll ich nicht? Diese Ambivalenz ist oft auch, weil man nicht
für sich hinsteht, keine Eigenverantwortung übernimmt und keine falschen Entscheidungen machen will.
[00:38:16.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss ich dann sagen, es gibt keinen falschen Entscheide. Falsch ist nur, nicht zu entscheiden. Also,
auf lange Sicht natürlich. Manchmal kann man auch zu schnell und impulsiv entscheiden. Persönliche
Entscheidungen treffen ist wichtig. Der ist nie falsch. Denn jede Entscheidung bringt wieder eine andere
Konsequenz hinterher.
[00:39:04.350] – Bemerkung 26
Sie sagen ja immer, das ist auch eine Stärke von Ihnen, Sie sind jetzt lange Jahre in der Praxis und Sie
haben vorhin gesagt, Sie lernen aus der Praxis. Sie haben mir mal einen Satz gesagt, den Ihnen ein
Professor gesagt hat, wenn ich nicht mehr weiter weiss, kann ich etwas lernen. Es gibt ja oft Situationen
im Alltag an denen ich nicht mehr weiter weiss. Können Sie etwas dazu sagen, das Lernen? Wie können
wir in einer solchen Situation meistern oder darin etwas lernen?
[00:40:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir in einem Helferberuf sind, und Sie sind nicht im Helferberuf, aber doch in einer Helfersituation,
dann haben wir ja die Tendenz zu denken, wir wissen, was für den Menschen gut ist und wir müssen ihm
das beibringen. Das mache ich auch als Therapeutin. Dann stehen wir an, dann können wir nichts
beibringen. Das war mein Professor in Amerika. Also wenn man ganz schwierige Patientensituationen hat
und das Gefühl hat, ich bringe die nicht weiter, dann muss man umstellen.
[00:40:32.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt die Frage warum oder was läuft hier eigentlich ab? Dass man nicht mehr dem bedürftigen
Menschen etwas beibringen will, sondern dass man selber lernen will.
[00:40:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Sokratische Lernen. Der Lehrer, der mit dem Schüler zusammen selber etwas lernt, ist der
offene, flexible, lernbereite Lehrer.
[00:40:59.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem wir bereit sind, etwas zu lernen, öffnen wir unser Herz, öffnen wir unseren Horizont. Dann
verkrampfen wir uns nicht und rennen uns nicht fest in irgendeiner Theorie oder Vorstellung, was das
Kind, Partner oder Mensch jetzt machen müsste.
[00:41:21.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Es nimmt uns aus der Verkrampfung heraus. Wenn man eine lernende Haltung hat, man kann sagen, aus
den Fehlern lernt man, wenn man eine lernende Haltung hat den Fehlern gegenüber oder dem
Festgesteckten gegenüber, dann entlastet man sich auf eine Art, also entblockiert man sich.
[00:41:44.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann Ihnen einen Witz erzählen unter den Ärzten. Man sagt, die Chirurgen können alles, wissen aber
nichts. Die Mediziner wissen alles, können aber nichts und der Psychiater weiss nichts und kann nichts.
Er bringt ja nichts hin.
[00:42:03.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich zu einem Gesichtschirurg gesagt, dafür ist der Psychiater ständig am Lernen. Das macht
es so spannend. Wir müssen mit jedem Patient, mit jeder Patientenfamilie, müssen wir wieder neu lernen.
[00:42:17.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Lernverhalten ist Neugierverhalten und Suchverhalten. Also wir müssen nach neuen Wegen, nach neuen
Lösungen suchen und nicht meinen, wir wissen, wo die Autostrada durchgeht. Das behaltet natürlich jung
und flexibel.
[00:42:36.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Sokrates hat schon so Zeugs gesagt. Ich habe mit Schizophreniefamilien gearbeitet. Sie sind zum Teil
zum Verzweifeln. Aber dafür habe ich sehr viel gelernt.
[00:42:47.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Lernen ist es eine lebendige Interaktion. Man spricht heute auch in der Medizin von: auf Augenhöhe,
smart decision making, Patienten mit einbeziehen in die Entscheidung etc.
[00:43:00.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Ärzte müssen das auch lernen, auf Augenhöhe zu arbeiten. Man darf auch mit einem Kind auf
Augenhöhe arbeiten. Darum habe ich Ihnen vorhin auch in einer schwierigen Situation gesagt, fragen Sie
das Kind. Sagen sie: Ich will, dass du das noch lernst. Ich will, dass wir das noch miteinander
hinbekommen. Was ist dein Vorschlag?
[00:43:25.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man das Gegenüber in die Problemlösung einbezieht. Das machen die Mediziner auch etwas mehr,
dass sie den Patienten einbeziehen.
[00:43:35.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Gerade in der Psychiatrie ist das enorm wichtig.
[00:44:15.000] – Bemerkung 27
Unsere Pflegetochter hat damit begonnen, gezielt Unwahrheiten zu verbreiten, zum Nachteil von
unserem eigenen Sohn. Damit ihr Bruder angeschwärzt wird, darunter kommt und sie eine Befriedigung
hat davon. Wir wissen nicht genau, wie wir mit der Situation umgehen sollen. Der eigene Sohn ist sieben
Jahre alt. Sie ist acht Jahre alt.
[00:45:13.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, da ist hinten dran schon: Ich bin das Pflegekind, ich bin schon weniger wert. Der andere ist
mehr wert, das muss ich jetzt ausgleichen. Da meint das Pflegekind, es müsse das leibliche Kind etwas
runterstufen, damit es besser hochkommt. Da würde ich das Gleiche machen, wie ich vorher gesagt
habe, das Pflegekind fragen: "Hast du das Gefühl, dass Du schlechter dran bist als Dein Bruder? An
Hand von was siehst Du das"?
[00:45:50.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens sind da schon voreingenommene Dinge vorhanden. Dann kann man sagen, aha, ok, ich sehe,
ich achte darauf. Man kann sogar dem Pflegekind sagen, es dürfe einem darauf aufmerksam machen,
wenn es findet, man habe sein leibliches Kind bevorzugt. Eigentlich will ich das nicht, aber es kann sicher
sein, dass es mir mal passiert.
[00:46:21.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja, Blut ist dicker als Wasser. Die Blutverwandtschaft zählt mehr als Pflegeverwandtschaft,
Pflegesituation. Dass man das Thema wirklich thematisiert, also anschaut und aufmerksam auch schaut.
[00:46:42.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf aber auch nicht das Gegenteil machen, Lehrer machen das manchmal. Wenn das eigene Kind
zum eigenen Vater in die Schule geht, behandelt er sein eigenes Kind eher schlechter als die anderen,
weil er ja nicht will, dass man ihm das vorwerfen kann. Ich denke, das ist hier nicht der Fall.
[00:47:07.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss nicht, wie das Verhältnis zwischen den beiden Kindern ist. Lügen kann natürlich, wie Sie vorhin
gesagt haben, auch so ein Kampfverhalten sein. Äxi-Bäxi wer ist gescheiter im Lügen? Generell sagt
man ja, Frauen sind besser im hinter dem Rücken kämpfen, Intrigen machen. Männer sind besser im
direkten Faustkampf.
[00:47:38.040] – Bemerkung 27
Genauso ist es bei den beiden.
[00:47:48.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie weiss auch, dass wenn sie irgendetwas Blödes erzählt, rastet er aus und steht blöd da.
[00:47:54.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Er rastet dann schnell aus und sie hat wieder ihre Befriedung, ich habe ihn wieder zum Springen
gebracht. Das ist so wie Licht anzünden und das Licht geht an. Da könnten Sie mal ein Spielchen
machen. Einander gegenseitig Lügengeschichten erzählen, also überdoppeln. Dann schauen, was findet
man raus, was wahr ist und was nicht.
[00:48:23.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man eher ein Gesellschaftsspiel daraus macht. Wer kann besser lügen? Danach muss man
aufdecken. Das wäre eine Möglichkeit.
[00:48:30.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Knaben kann man beibringen: Weisst Du, die will dich nur hänseln. Du kannst lernen, dass wenn sie
dich hänselt, dass Du das dann ignorierst.
[00:48:30.180] – Bemerkung 27
Unser Sohn ist schon sehr genervt von ihrem Verhalten. Es gab am Anfang ne Zeit, wo sie sich wirklich
finden mussten beide. Es war recht streng, dann gab es ne Zeit, da konnten sie wieder mega gut
miteinander spielen und jetzt kommt die Zeit wieder, wo sie sich austesten. Wir haben 3 Jungs und ein
Pflegemädchen.
[00:49:30.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann das Lügen als Spiel miteinander machen und herausfinden, wie gelogen worden ist. Wir haben
als Kinder am Zoll bescheissen gemacht. Ich war an einer Grenze. Da haben wir Sachen in den Schuhen
versteckt, in den Haaren und weiss ich was. Das quasi praktiziert. So könnten sie auch mit
Lügenverhalten spielen. Dann könnte man mit dem Bub lernen, dass er nicht sofort explodiert. Wie alt ist
er?
[00:50:04.870] – Bemerkung 27
Sieben.
[00:50:09.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Rapper, die werfen einander ja die schlimmsten Dinge an den Kopf. Derjenige, welcher nicht ausflippt
oder aus der Rolle fällt, hat gewonnen. Dass man auch das wieder üben kann.
[00:50:35.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz generell, kann man aus allem, was man eigentlich als Fehlverhalten ansehen kann, kann man
versuchen, eine Art Spiel zu machen, um zu üben. Wenn man das irgendwie hinbekommt.
[00:50:54.490] – Bemerkung 27
Wenn die Kinder dann ständig rumlügen und sich daraus einen Spass machen?
[00:50:56.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man dazwischen gehen, aber nicht verurteilen, also nicht den Richter spielen und sagen, du
bist der Böse und du bist das Opfer, sondern irgendwie ablenken und stören.
[00:51:14.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann dazwischen gehen und eines vom anderen machen. Dann sind es drei und dann ist der hitzige
Kampf nicht mehr ganz so verbissen.
[00:51:27.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Robert Whitaker ein Therapeut in Amerika, der sich blöder benahm als der Schizophreniepatient. Er
benahm sich unmöglich. Dann hat der Schizophreniepatient gesagt, was macht denn du da und ist ganz
normal geworden.
[00:51:48.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Also Symptomverschreibung, Symptomverstärkung. Das Symptom ad Absurdum führen und dann macht
es eine Umkehr.
[00:51:59.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ja gesagt, wir Psychiater wissen und können nichts, aber wir können lernen. So können sie auch
lernen, indem sie mitmachen, in diesen Spielen können sie lernen.
[00:52:14.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hänseln unter den Geschwistern, seien das leibliche oder Adoptiv-Geschwister, ist eigentlich wie die
jungen Hündchen, die tun den anderen auch immer ein bisschen zwicken und ein bisschen ärgern. Also
miteinander zu streiten, ist an sich soziales Lernen. Sie können sich in diesen sozialen Lernprozess mit
einbegehen und auch ein bisschen herumblödeln.
[00:52:45.000] – Bemerkung 27
Dankeschön.
[00:52:47.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Gerne. Es wird auch lustiger dann.
[00:52:54.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe weiter zum nächsten Thema. Aggression und Gewalt.
[00:53:31.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Aggression kommt auch wieder vom latinischen "agredi" und das heisst eigentlich "angehen". Also aktiv
auf etwas zugehen. Aggression wird auch über die aktivierenden Hormone gesteuert, also über das
Dopamin.
[00:53:54.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Aggression und Gewalt im Kindesalter ist aus meiner Sicht immer eine aggressive Verteidigung auf
Verletzungen, bei einem Kind, das ein impulsives Temperament hat. Wenn man verletzt wird, kann man
sich entweder ganz zurückziehen oder man kann auf den anderen losgehen.
[00:54:18.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage manchmal, wir Frauen, wenn wir verletzt werden, vergiessen wir Tränen. Die Männer machen
Kriege. Davon haben wir in der Politik genügend Beispiele.
[00:54:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Hitler wurde verletzt, weil er die Kunstaufnahmeprüfung an die Kunstschule nicht geschafft hat. Er hat
einen Weltkrieg gemacht. Das ist natürlich sehr abgekürzt gezeigt.
[00:54:40.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das sind wieder die beiden Reaktionen.
[00:54:45.280] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Kinder gehören zu dem Persönlichkeitstyp, die auf Verletzungen eher mit Aggressionen reagieren,
also verrückt werden, etwas zusammenschlagen, wütend werden, schreien etc.
[00:54:59.200] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinn ist bei diesen Aggression eigentlich ein Zeichen, also wenn es nach Verletzung kommt,
ein Zeichen von Verzweiflung und Überforderung.
[00:55:11.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Eltern von ADHS Kindern, die erzählen oft, wenn ein ADHS Kind in einen Wutausbruch gerät, dann geht
es nachher in sein Zimmer und zerstört seinen liebsten Gegenstand.
[00:55:28.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Das zeigt, dass es eigentlich in einer Verzweiflung ist, dass es zurückhaltende Aggressionen auf eine
Verletzung sind.
[00:55:38.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ein Buch von Konrad Lorenz, er war Arzt und Begründer der Verhaltensforschung. Er schrieb das
Buch: So kam der Mensch auf den Hund.
[00:55:53.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Mensch ist nie von sich aus, von Grund her, von Geburt her, sogenannt böse. Er wird böse, wenn er
sich für etwas einsetzt. Er wird aggressiv, wenn er sich für etwas ganz Wichtiges einsetzt, das man ihm
wegnimmt oder wenn er ganz stark verletzt wurde, an einer verletzlichen Stelle.
[00:56:19.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Umgang mit Aggressionen ist wieder gleich. Man muss immer die Ursache der Verletzung suchen. In
der Regel verurteilt man die Aggression und sagt, das geht nicht. Ein Junge schlägt ein Mädchen nicht,
ein Mann darf eine Frau nicht schlagen. Das gehört sich nicht. Man schaut aber nicht, wie die Frau davor
einen "kleinen Messerstich" gemacht hat, wie verletzt worden ist.
[00:56:58.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz wichtig, dass man immer herausfindet, wo die Verletzung passiert ist, mit was sie passiert ist?
Was hat den Menschen so fest verletzt?
[00:57:11.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist manchmal gar nicht so einfach. Männer, Buben, männliche Wesen, werden ja nicht gerne als
verletzliche Wesen angeschaut. Darum wird dann geleugnet. Nein, es hat mir gar nichts gemacht. Sie
stehen nicht zu ihren Verletzungen.
[00:57:29.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Da bringe ich dann immer das Beispiel der Wölfe. Die Wölfe sind matriarchal organisiert. Wenn der
unterlegene Wolf merkt, dass er unterliegt, zeigt er seine schwache Stelle, seinen Hals und dann könnte
man reinbeissen und ihn zu Tode beissen. Aber das wird nicht gemacht.
[00:57:49.440] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne ist es ganz wichtig, dass Menschen auch Männer lernen, ihre Verwundbarkeit zu zeigen.
Dass sie diese nicht nur verteidigen mit aggressiv werden.
[00:58:04.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss die Verletzungen herausfinden und validieren. Also man muss Verständnis für diese
Verletzungen entgegenbringen. Man muss sie quasi anerkennen. Erst wenn man das Verständnis
gebracht und die Verletzung anerkannt hat, kann man schauen, wie man das in einer neuen Situation
ändern kann.
[00:58:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort gilt wieder das Gleiche. Der Verletzte muss lernen, seine Verletzungen wahrzunehmen. Er muss
lernen, sie zu kommunizieren. Dann kann man nachher einer andere Lösung suchen.
[00:58:47.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du verletzt wirst, wie kannst du es mir kundtun?
[00:58:52.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Judo ist es auch so, derjenige, der unterliegt, klopft zweimal auf den Boden. Dann weiss man, er geht
auf. Dann darf man nicht mehr weiter dreinschlagen.
[00:59:02.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her muss man dann nach einer besseren Konfliktlösung suchen. Man kann sie nur finden, wenn
man weiss, wegen was er verletzt worden ist.
[00:59:16.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Aggressionen sofort nur korrigiert werden, man darf seine Verletzung nicht zeigen, dann staut
sich sehr viel innerlich auf und dann kommen die Verletzungen irgendwann später auf eine ganz krumme
Art raus.
[00:59:32.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, alle diese ganz schwierigen, schrecklichen Mörder, die brave Nachbarn waren, dort sind in der
Kindheitsgeschichte immer Verletzungen vorgefallen, die nicht ernst genommen wurden.
[00:59:47.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn über lange Zeit Verletzungen nicht ernst genommen werden und über lange Zeit das nicht
kompensiert wird, dann kommt es dann als gut überlegte, geplante, Kriminaltat raus, also völlig
verzworgelt und überhaupt nicht gesund.
[01:00:08.780] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne darf man nie zur Korrektur gegen die Aggression fortschreiten, denn das ist ein
Ausdruck, bevor man herausgefunden hat, um was es ging, welche Gefühle verletzt wurden, welches
Ehrgefühl etc. Bevor man das nicht herausgefunden hat, darf man nicht korrigieren.
[01:00:34.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Kind, das aggressiv wird, das alles zusammenschlägt, das böse Sachen sagt, also böse
Schimpfwörter usw, das einem beleidigt, das sogenannt Unanständig ist; im Augenblick, wo diese
Emotionen so hoch schlagen, darf man nicht gleich korrigieren wollen.
[01:01:00.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Gefühle können nicht erzogen werden, in dem Moment, in dem sie aufflackern. Gefühle können sich nur
beruhigen.
[01:01:09.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein emotional aufgeregter Mensch, der diese Monsterwelle durchläuft, diese Monsterwelle kann man
nicht aberziehen oder wegreden. Man kann nur selber ruhig sein und dann flacht die mit der Zeit ab.
[01:01:26.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, in dem man in eine sehr aggressiven Auseinandersetzung gerät als Erzieher, ist das
Wichtigste, dass man sich selber ruhig verhält und nicht Öl ins Feuer giesst.
[01:01:35.760] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Moment kann man auch nicht erziehen. Da muss man das alles durchgehen lassen, einfach
abflachen lassen. Dann sagen viele Leute, ja, aber dann meint er, er darf das wieder und das sei in
Ordnung und ich muss ihm doch sagen, dass das falsch ist.
[01:01:53.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit diesen Kindern aber spricht und sie fragt, also auch das Mädchen, das da gestohlen hat,
dann sagen sie immer, sie hätten ein schlechtes Gewissen gehabt, ich hatte ein schlechtes Gefühl, ich
hatte ein Schuldgefühl. Aber ich konnte nicht anders.
[01:02:12.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder konnten nicht anders, weil sie so stark betroffen waren, in ihren Gefühlen, so verletzt worden
sind.
[01:02:21.660] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne muss man warten, bis der Sturm vorbei ist und dann vielleicht am nächsten Tag, man
muss einen ruhigen Moment, ein Timing planen und dann sagen, man wolle nochmals zurückkommen,
auf was gestern passiert ist.
[01:02:45.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann nicht, du hast das gemacht und das macht man nicht.
[01:02:47.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss die ganze Geschichte ein bisschen einleiten. Du hast das gemacht, ich habe das gemacht, es
war das. Man muss die Situation ein bisschen schildern. Das ganze Szenario muss man schildern.
[01:03:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich das gemacht und du hast das gemacht.
[01:03:05.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man fragen: mit was habe ich Dich so stark verletzt, dass Du so verrückt geworden bist?
[01:03:15.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind darf seine Verletzung sagen und man geht nicht gleich zum runterdrücken.
[01:03:22.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es das sagen kann, kann man das wieder validieren und sagen, aha, okay, ich habe das nicht
realisiert oder ich wollte das nicht, aber ja, das ist passiert, ich verstehe es, ich kann es nachvollziehen.
[01:03:35.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann, wenn ein nächstes Mal wieder so etwas ist, könntest du mir das sagen oder das Zeichen geben
oder so?
[01:03:45.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Erst dann zur neuen Problemlösung, zur neuen Konfliktlösung vorschreiten.
[01:03:51.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird immer der gleiche Fehler gemacht, dass man das schlechte Verhalten weghaben will, ohne dass
man die Ursache anschaut.
[01:04:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne kann die neue Problemlösung erst dann angegangen werden, wenn sich die Gemüter
wieder beruhigt haben. Die vom Gegenüber und natürlich auch das eigene Gemüt. Also selber ist man
auch nicht ruhig genug, wenn man gleich reinfährt.
[01:04:15.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Sonst passiert Verletzung über Verletzung und dann steigert sich alles hoch, bis es wahnsinnig eskaliert
und dann schlimme Sachen passieren. Das wollen wir ja nicht.
[01:04:28.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verwende dort manchmal noch den Ausdruck, die Kinder dürfen frecher oder aggressiver sein als wir.
Wir müssen uns mehr im Griff haben. Ich sage dann immer, die Teenager brauchen noch Welpenschutz.
Also die Kleinen dürfen die Hündin beissen und machen. Sie macht es nur ein bisschen so. Wir müssen
den heranwachsenden Jugendlichen noch Welpenschutz geben.
[01:04:52.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Gefühle einfach runtergedrückt werden, wegerzogen werden, was machen die dann? Dann
geht der Überdruck, entweder man dreht durch, oder der Überdruck geht in den Körper und dann
entwickeln sich alle möglichen Muskelverspannungen, Bauchweh, Züge und Sachen. Dann gibt es
psychosomatische Krankheiten, die sich schlussendlich auch als somatische Krankheit fixieren können.
[01:05:22.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum ist es so wichtig, dass man mit den Aggressionen sorgfältig umgeht und zum Ursprung der
Bedeutung dieses Wortes zurückzukommen, dass es eigentlich Energie ist. Ein Kind will einem etwas
zeigen. Es ist nicht primär einfach böse gemeint.
[01:05:47.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt dürfen Sie mir wieder Fragen stellen oder Korrekturen anbringen. Ich springe sie nicht an.
[01:05:55.920] – Bemerkung 28
Zu den psychosomatischen Krankheiten gehören z.B. was?
[01:06:30.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich als Psychiaterin sage natürlich, bei allen somatischen Krankheiten kann man immer psychische
Komponenten feststellen und über die psychische Beeinflussung, also über die Psyche Einfluss darauf
nehmen.
[01:06:51.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Asthma hat sicher einen psychosomatischen Faktor. Allgemeine Muskelverspannungen, das sogenannte
somatoforme Schmerzsyndrom. Allergien haben einen psychischen Schub hinten dran.
[01:07:10.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Infektionskrankheit wird über Bakterien von aussen her wird diese ausgelöst. Aber gerade jetzt bei
diesem Covid19, es gibt Leute, die wahnsinnig stark darauf reagieren. Das ist dann die Reaktion des
Körpers. Darum gibt man auch Cortison, weil die Abwehrreaktion zu stark ist. Allergische Reaktionen gibt
es.
[01:07:39.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann fast bei allen Krankheiten eine gewisse psychische Komponente, also Beeinflussung, haben.
[01:07:50.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einmal an einem Symposium mitgemacht. Da gab es drei verschiedene Medikamente. Man
verwendete ein altes Antibiotikum, ein neues, das man testen wollte, und Placebo, also Zuckerwasser.
[01:08:07.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann stellte man fest, dass an einem Tag nichts wirkte. Weder das alte Medikament noch das neue
Medikament, Zuckerwasser ohnehin nicht. Dann, als man im Research Center nachgeschaut hat, an dem
Tag hat immer eine schlecht gelaunte Krankenschwester das Medikament herausgeben. So viel zum
Psychosomatischen. Das ist nicht gerade eine Reklame für Krankenschwestern. Es könnte auch
umgekehrt sein, dass wenn eine gute Krankenschwester mit dem Patienten umgeht, er von dort aus
gesund wird.
[01:08:49.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich auch ein Beispiel aus der Spitex. Wissen Sie, was offene Beine sind, Venenentzündungen?
Venen die aufgehen, das nennt man offene Beine und man sagt manchmal auch böse Beine.
[01:09:06.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man jetzt auch wieder psychosomatische Faktoren anschauen. Man sagt, die Menschen haben
nicht genügend Liebe und können sich selber nicht genügend Liebe geben.
[01:09:18.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir hatten einen Mann, ein älterer natürlich. Er war Psychogeriatrie. Er hatte auch offene Beine. Die
Spitex Schwester, welche solche Leute besuchen, sagen immer, dass sie auch noch weiter zu ihnen
kommen, wenn ihre Beine wieder zu sind. Sie müssen nicht Angst haben, sie müssen keine offenen
Beine behalten, um eine offene Kommunikation mit mir zu behalten.
[01:09:44.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Der eine alte Mann, da haben sie alles probiert mit Wickeln und so weiter, das ist nie gut geworden. Dann
war eine Haushaltshilfe in diesem Haushalt. Eine junge, frische, lustige, fröhliche. In zwei Wochen sind
die Beine zugegangen. So viel zur Psychosomatik.
[01:10:08.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Ärzte nutzen das Psychosomatische viel zu wenig. Auch wir Psychiater, aber auch die anderen Ärzte.
[01:10:21.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte diesen Faktor noch viel mehr einsetzen.
[01:10:25.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es rein neuropsychologisch anschaut: Unser Hirn kann man in drei Teile einteilen. Das
Stammhirn, das ist das vegetative Hirn, das ist schon bei den Reptilien vorhanden. In das Mittelhirn, das
ist das limbische System. Das ist verantwortlich für die Emotionen und das Grosshirn, ist verantwortlich
für unsere Kognition.
[01:10:52.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir emotional überlaufen, können wir das Signal in den Körper schicken. Wir können das Signal ins
Grosshirn schicken. Wir können durchdrehen oder unser Körper kann irgendwelche Erscheinungsbilder
machen.
[01:11:06.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage immer, wir hatten es ja von Lügen. Mit dem Intellekt kann man lügen. Er kann alles mögliche
erzählen und es stimmt überhaupt nicht. Am besten, wir können uns selbst belügen.
[01:11:17.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Körper kann nicht lügen. Die Emotionen, die in den Körper gehen und dort Symptome machen,
zeigen einem dann, dass da etwas nicht stimmt.
[01:11:27.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Volksmund gibt es viele, viele Redewendungen, die einem das aufzeigen. Jetzt liegt mir etwas auf
dem Magen, es sitzt mir jemand im Genick. Die Galle kommt mir hoch, wenn ich verrückt bin. Es bereitet
mir etwas Kopfzerbrechen.
[01:11:47.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Volksmund hat es solche Redewendungen, die einem eigentlich auf das hinweisen. Habe ich so das
psychosomatische ein wenig erklärt.
[01:11:58.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage wird das auch erforscht. Dann sagt man, das Mittelhirn, das emotionale Hirn, das sich bei
den Säugetieren entwickelt hat, sei direkt verbunden mit der Hirnanhangsdrüse, mit der Hypophyse, mit
der Zirbeldrüse. Diese Zirbeldrüse, diese Hypophyse, ist die Königin. Sie herrscht über das ganze
Hormonsystem herrscht. So wird der Körper wieder reguliert.
[01:12:34.690] – Dr.med. Ursula Davatz
So wie es uns dann zu Mute ist, das geht in die Hypophyse, in unser Hormonsystem, und entsprechend
sind wir dann gesund oder nicht.
[01:12:42.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man Untersuchungen gemacht, man hat Studenten in einem Hotel lassen leben, und den einen
konnte man einfach so, die haben lustige Filme angeschaut, und so. Dann hat man sie geimpft mit
Grippeviren. Nicht gerade mit dem Covid, aber mit irgendeinem Grippevirus. Den anderen hat man Stress
verursacht, die hat man gestresst und dann geimpft mit dem Grippevirus. Die sind viel mehr krank
geworden, als die, die nicht gestresst wurden.
[01:13:13.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht kennen sie das auch von sich selber. Wenn man gestresst ist oder nicht genügend Erholung
hat, dann wird man eher krank. Man kann auch erst, wenn der Stress vorbei ist, krank werden. Also
Ferienanfangskrankheit, Man hält alles durch, man mag es gerade noch prästieren, dann brechen wir
zusammen und dann kommen diese bösen Viren und machen einem krank und sagen einem, Du
brauchste eine Erholung.
[01:13:49.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Dazu gibt es einen schönen Ausdruck. Hypothalamus, das wäre hier im Mittelhirn. Hypophyse,
Nebennierenrinde, Stressachse. Das wird aktiviert. Als Antistresshormon gibt man bei allem Cortison. Das
ist unser Antistresshormon, das wir selbst produzieren. Man kann es auch noch künstlich dazu tun.
[01:14:18.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sehe, wir müssen jetzt eine Turnübung machen. Es bewegen sich alle.
[01:15:01.480] – Bemerkung 29
Wie ging das mit der Hypophyse? Das, was Sie zuletzt gesagt haben?
[01:15:15.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist einfach die Stressachse vom Hirn zu den Körperorganen. HHNA Stressachse.
[01:15:20.975] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Zyklus wenn man gestresst wird. Gibt der Hypothalamus, das ist das emotionale Hirn, ein
Signal an die Hypophyse. Die sind direkt miteinander verbunden. Die Hypophyse schüttet Hormone aus
und reguliert so den ganzen Körper.
[01:15:52.110] – Bemerkung 29
So ist Stress beschrieben im Körper?
[01:15:56.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja genau.
[01:16:02.930] – Bemerkung 29
Unglaublich spannend. Wenn ich das alles höre, wegen der jungen, fröhlichen Krankenschwester,
Haushaltshilfe, das ist ja alles Beziehung. Man sagt ja auch, 80% ist das Zwischenmenschliche.
[01:16:46.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so.
[01:16:48.940] – Bemerkung 29
Da wären ja unsere Pflegeeltern, wenn die so einen hohen Einfluss auf die Kinder haben…
[01:16:54.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben einen hohen Einfluss, ja.
[01:16:58.930] – Bemerkung 29
Was macht das Cortison?
[01:17:05.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein Antistresshormon, das wir selber auch ausschütten. Es heisst Cortison, weil es in der
Nebennierenrinde produziert wird.
[01:17:13.450] – Bemerkung 30
Mein Bruder hat eine massive Arthrose. Er musste über mehrere Jahre Cortison nehmen. Er hatte sehr
starke Nebenwirkungen.
[01:17:24.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, der hat eine Glashaut, die Knochen werden zerbrechlich. Es ist nur eine Symptombekämpfung und
nicht eine Ursachebekämpfung.
[01:17:43.790] – Bemerkung 30
Er hat Arthrose, Gelenkschmerzen. Er hat tierische Schmerzen.
[01:17:46.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Gelenke müssen immer bewegt werden. Arthrose ist Gelenkabnutzung.
[01:18:07.550] – Bemerkung 30
Er hat einen handwerklichen Beruf, er hat immer gearbeitet.
[01:18:11.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt zum Teil eine Überforderung mit sich.
[01:18:15.250] – Bemerkung 30
Das ist so komplex. Der Körper kann nicht lügen.
[01:18:36.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lügendetektortest, der läuft ja über das, wenn man lügt, wird man gestresst, dann wird der
Hautwiderstand anders. Man scheidet anderen Schweiss aus. Die feinen Muskeln werden angespannt.
Das kann man alles messen und die Durchblutung wird zentralisiert.
[01:19:00.000] – Bemerkung 30
Das spüre ich in mir. Ich spüre das Herz, den Puls.
[01:19:04.860] – Dr.med. Ursula Davatz
So werden Lügendetektoren Tests verwendet, indem man am Finger die periphere Durchblutung misst,
indem man Muskeln und den Schweiss misst.
[01:19:24.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur Psychopathen die ganz gut gelernt haben zu lügen, die können das unterdrücken. Bei ihnen wird es
zur Gewohnheit, dann kommt der Reflex nicht mehr. Dann lügt der Körper mit.
[01:19:43.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche, die wirklich professionell gelernt haben zu lügen, bei denen reagiert der Körper nicht mehr.
[01:19:55.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Putin muss man keinen Lügendetektoren Test mehr machen, das funktioniert nicht bei ihm. Aber man
sieht es noch an seiner Gestik.
[01:20:09.600] – Bemerkung 30
Die Augen sind das Fenster der Seele.
[01:20:12.480] – Dr.med. Ursula Davatz
An denen sieht man es. Er hat auch noch eine Lähmung von einem Arm. Er hatte irgendeinen Unfall. Ich
glaube, es ist der rechte, der bewegt sich nicht normal.
[01:20:26.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Bill Clinton gelogen hat: I did not have Sex with Monica Lewinsky. Sex ist Geschlechtsverkehr. Aber
sexuelle Spiele hatte er. Wenn man die Wahrheit sagt, muss man das nicht so betonen. Das sind alles so
Symptome wo man sieht ob jemand lügt.
[01:21:40.200] – Bemerkung 31
Das fand ich sehr gut: Nicht ich will Dir etwas lehren sondern ich will etwas lernen.
[01:21:51.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, dann bin ich wieder offen.
[01:21:52.870] – Bemerkung 31
Das ist ja sehr gut.
[01:21:53.840] – Bemerkung 32
Das ist ja Verhaltenstherapie.
[01:21:54.240] – Bemerkung 31
Wenn ich sage, ich will etwas lernen vom Kind, dann übernehme ich keine Verantwortung. Ich bin völlig
out. Wollen wir etwas zusammen lernen? Ich will etwas lernen.
[01:22:08.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Einfach ein Gegenüber.
[01:22:19.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich mich mit dem Kind zehn Mal hinsetze, wegen dem Lügen oder dem Stehlen und dem Kind
sage, es kann ja auch etwas mit mir zu tun haben, kannst Du mir helfen? Wenn das Kind das zehn Mal
hört, dann merkt das Kind, dass man sich für das Kind interessiert. Das macht etwas mit dem Kind. Das
sagt Jesper Juul.
[01:22:58.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz genau.
[01:22:58.990] – Bemerkung 33
Wenn dein Plüschtier das genau gesehen hätte, was jetzt hier genau passiert ist, wie würde es uns das
erzählen?
[01:23:13.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Plüschtier kann den Bundesrat spielen.
[01:23:20.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Depressiven will man immer gute Ratschläge geben. "Machen sie das, machen sie das."
[01:23:31.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Spitexleute berate, sagte ich, wir müssen es umkehren. Der Depressive muss mich beraten,
nicht ich ihn. Wenn der Depressive mich berät, kommt er hoch in der Hierarchie und dann geht es ihm
besser.
[01:23:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dazu habe ich auch ein berühmtes Beispiel. Eine normale Spitexkrankenschwester hatte eine depressive
Frau. Ich fragte, was diese Frau Gutes oder Interessantes an sich hat. Sie sagte, die depressive Frau
sehe im hohen Alter noch sehr gut aus. Sie hat sich gut erhalten. Ich gab der Krankenschwester den
Auftrag zu depressiven Frau zu sagen: "Sie sehen noch so gut aus im Alter, wie haben Sie das gemacht?
Ich möchte das auch können." Dann hat es gekehrt. Dann ist die alte Frau noch auf Reisen gegangen
und weiss ich nicht was alles. Dann ging es ihr gut.
[01:24:27.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat aber eine andere ihre Rolle verloren, die ist dann depressiv geworden, die Helferin, die musste
dann nicht mehr helfen im Haushalt. Die war dann in einem Altersheim und dort konnte sie immer helfen.
Dort gab es genügend Leute, denen man helfen konnte. Dann hatte sie wieder den Job.
[01:24:58.030] – Bemerkung 34
Kennen sie die Sendung "Persönlich". Ich werde sie dort einmal anmelden. Der Glücksforscher Sigmar
Willi war dort in der letzten Sendung zu Gast.
[01:25:14.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich höre die Sendung wenn ich zum Schlittschulaufen fahre. Das dürfen sie gerne.
[01:25:45.540] – Bemerkung 34
Er hat gesagt, Du kannst das Glück trainieren. Er hat ein ganz schweres Schicksal erlebt. Vier Kinder,
jung verwitwet ist dann, nach 5 Jahren, als er seine Frau verloren hat, musste er selbst noch in die Klinik.
Er brachte gar nichts mehr auf die Reihe. Dann hat er über seinen Weg erzählt und hat gemerkt, halt: ich
kann das Glück trainieren. Wir brauchen die beiden Pole. Wir brauchen den Tod und das Leben, Glück
und Unglück, Krankheit, Gesundheit. Er war zuerst Wirtschaftsökonome.
[01:26:56.820] – Bemerkung 34
Die Wissenschaft sagt, es seien nicht die Umstände, die den Menschen glücklich machen. Er sagt, es ist
das höchste Ziel, wenn man glücklich sein kann. Egal, losgelöst.
[01:27:11.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus allem etwas machen.
[01:27:19.770] – Bemerkung 34
Stell Dir vor, was der durchgemacht hat.
[01:27:27.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Sterbebegleitungen mache, oder Verlustbegleitung gemacht habe, also wenn Leute ein Kind
oder einen Partner verloren haben. Da sage ich immer, der Tod ist die Stunde der Wahrheit. Man muss
wieder einen Sinn suchen. Wenn Leute Selbstmord machen, die haben dann für sich das gelöst, aber wir
bleiben noch zurück und müssen noch etwas aus unserem Leben machen. Ja, es ist eine Art
Verpflichtung, dass man noch etwas macht.
[01:28:04.140] – Bemerkung 34
Ein Leben ist so spannend. Man könnte so viel lernen. Wir wollen immer Veränderung aber eigentlich
geht es darum, etwas zu lernen.
[01:28:14.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann passiert eine Veränderung.
[01:28:15.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sich das Hirn mit der Umwelt auseinandersetzt und nicht verschliesst, wird es immer komplexer
und gleichzeitig immer anpassungsfähiger.
[01:29:02.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt die Begriffe Eudaimonic Happiness und Hedonic Happiness. Eudaimonische Glücklichkeit und
hedonistische Glücklichkeit. Hedonistische Glücklichkeit ist Einschaltquote, Bewunderung der anderen.
Eudaimonische Glücklichkeit ist, ich habe Freude an was ich mache.
[01:29:35.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss Freude haben an dem was ich mache. Das Resultat ist nur ein Beigemüse.
[01:29:42.210] – Bemerkung 35
Die Moderatorin hat dann gesagt, Heike Behrens, die Opernflüsterin ist ja unter dem Boden und das
Orchester kassiert den Applaus. Dann sagt Sigmar Willi, dass Heike Behrens ein gesundes
Selbstwertgefühl hat. Die braucht keinen Applaus, man hat Freude an dem was man macht. Sie ist eine
so erfüllte Frau. Sie sagt, ich bin am richtigen Platz. Freude an dem was man macht.
[01:29:56.020] – Bemerkung 35
Da sind wir wieder beim Viktor Frankl, dem Logotherapeuten.
[01:30:48.300] – Bemerkung 36
Ein Stück weit ist es ja natürlich, dass eigene Kinder eine andere Position haben und das Pflegekind das
auch nie einnehmen kann. Wie müssen wir damit umgehen? Das würde mich noch interessieren.
[01:31:13.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz wichtig, dass man das wahrnimmt, dass ein eigenes Kind ein anderes Kind ist als ein
Pflegekind und dass da auch Unterschiede bestehen. Ich denke, die Akzeptanz dieses Unterschiedes ist
schon der Anfang.
[01:31:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit einem Pflegekind darüber spricht, dann darf man das auch sagen. Ja, das ist mein
leibliches Kind und du bist ein Pflegekind. Das ist ein Unterschied. Also dass man das zugibt. Aber dass
man mit diesen Unterschieden lebt, also ein Unterschied heisst ja nicht, dass es schlechter sein muss.
Man darf ja auch nie den leiblichen Vater ersetzen, man kann es ja gar nicht. Man ist ein Stellvertreter,
aber ersetzen kann man ihn nicht.
[01:32:04.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sich das Kind zu fest an den Pflegevater bindet und dann keine Beziehung zum leiblichen Vater
hat, dann kommt es ja auch wieder in ein Loyalitätsproblem.
[01:32:15.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Es darf zu beiden eine andere Beziehung haben.
[01:32:19.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Wichtigste ist, dass man es anerkennt. Ich zitiere dann immer Gregory Bateson. Es geht immer um
Differenzierung. Er sagt: A difference is a difference which makes a difference (ein Unterschied ist ein
Unterschied, der einen Unterschied macht) und es macht einen Unterschied.
[01:32:37.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben oft die Tendenz zur Gleichmacherei und wollen den Unterschied nicht erlauben. Es gibt kein
Leben ohne Unterschied. Der Druckunterschied innerhalb einer Zelle und ausserhalb, das ist ein
Unterschied.
[01:32:54.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Durch den Unterschied fliesst das hin und her oder passieren gewisse Mechanismen. Das ganze Leben
ist voller Unterschiede. Dank Unterschied passiert eine Weiterentwicklung. Man muss diesen Unterschied
akzeptieren.
[01:33:10.190] – Bemerkung 37
Wir haben einen Flüchtling, der schon sechs Jahre bei uns ist, der uns sehr an das Herz gewachsen ist.
Auf der anderen Seite auch eine Pflegetochter, die diese Nähe zu der Familie nicht so sucht. Da erleben
wir ein Spannungsfeld. Sie merkt sie steht nicht so nahe, weil sie es selber auch nicht so sucht.
[01:34:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, hier muss man den Unterschied der Persönlichkeiten anschauen. Der eine sucht die Nähe,
der andere hat lieber mehr Distanz. Es gibt durchaus Kinder, die lieber mehr Distanz haben, die mehr
Raum brauchen, die das einfach brauchen.
[01:34:17.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man den Unterschied zwischen verschiedenen Individuen, den verschiedenen Individuen und
Kindern respektieren. Nicht alles gleich machen wollen.
[01:34:32.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begleitete zum Teil Adoptivkinder. Als die Erwachsen waren, wollten sie Kontakt zu ihrer leiblichen
Mutter aufnehmen. Das ging zum Teil und ergab sehr intensive Beziehungen. Zum Teil lehnte die leibliche
Mutter auch ab. Dann musste das Kind das aushalten.
[01:34:59.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann versuchte man, über die Tante an das System zu kommen. Von der Tante wurde sie sehr gut
aufgenommen. Die Adoptivmutter hatte Angst, das Kind hätte dann die leibliche Mutter lieber. Deshalb
wollten Adoptiveltern häufig nicht, dass die Kinder zu ihren leiblichen Eltern Kontakt aufnehmen.
[01:35:23.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man das verhindert. Heutzutage sagt man das nicht mehr. Man sagt, sie dürfen. Es gibt
durchaus solche, die sagen, sie haben sie kennengelernt oder auch ihren leiblichen Vater. Jetzt weiss ich,
wer sie sind aber meinem Ziehvater und meiner Ziehmutter bin ich näher, das sind meine Eltern. Für
beide ist es schwierig.
[01:35:44.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss die Unterschiede wirklich reflektieren, aushalten und nicht wegreden wollen. Den Unterschied
zulassen. Ich glaube, das ist ganz, ganz wichtig.
[01:35:56.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe alles Mögliche erlebt, wo uneheliche Kinder im Haushalt aufgewachsen sind mit den ehelichen
Kindern. Wer hat welche Rolle?
[01:36:08.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann der Erbprozess kommt, dann ist das Ganze wieder losgegangen. Also, ja, man muss, ich
glaube, wenn man systemisch schafft, muss man immer die Unterschiede respektieren, die wahrnehmen
und mit denen auch entsprechend umgehen. Nicht eine Gleichmacherei hinbringen wollen. Das bringt
nichts. Kein Brei. Keine Homogenisierung.
[01:36:31.480] – Bemerkung 37
Danke schön.
[01:37:30.000] – Bemerkung 38
Gewisse ADHS Kinder kommen in einen Redefluss rein. Wie geht man damit um? Manchmal hat man
das Gefühl alle anderen kommen nicht zu Wort. Haben Sie Ideen, wie man gut damit umgehen kann?
[01:38:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich musst das auch lernen. Als ich in den USA gearbeitet habe, mussten wir Videos machen mit
Patientenfamilien. Man hat mich kritisiert, ich könne nicht aufhören, ich getraue mich nicht abzuklemmen.
Das stimmt ich getraute mich nicht abzuklemmen, weil ich niemanden verletzen wollte. Ich musste noch
stundenlang zuhören. Das ist natürlich nicht geschickt. Man kann nicht ewig.
[01:38:18.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss das ein wenig üben. Ich kann es nur von mir sagen. Ich wusste, dass ich langsam aufhören
sollte. Ich nahm innerlich Anlauf, schaute wie eine Katze auf die Maus. Wann finde ich einen kleinen
Unterbruch, den ich unterbrechen, reinkommen kann kann?
[01:38:40.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal geht es gut, manchmal ist man ungeschickt dabei. Ich kann jetzt etwas sagen. Man könnte
noch lange darüber sprechen und ein ganzes Buch darüber schreiben. Wir haben aber nur so und so viel
Zeit oder es hat nur so und so viele Leute. Deshalb möchte ich jetzt aufhören und mich dem zuwenden.
[01:39:04.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss eine Überleitungsformel machen. Das wäre wieder validieren. Ich weiss, du hast noch viel zu
erzählen. Das ist quasi endlos. Ich muss dich aber leider unterbrechen. Ich möchte auch noch das und
das und das machen. Also, dass man auf eine Art ein wenig validiert, dieses Bedürfnis und nicht die
Haltung hat, jetzt ist genug, jetzt hast du genug gesprochen, ein anderer muss auch noch dran kommen.
Also, es wäre wieder das gleiche Prinzip, validieren: wessen Herz voll ist, läuft der Mund über. Du hättest
jetzt noch ganz viel zu sagen aber ich will jetzt noch etwas anderes angehen. Ich will jemand anderes
dran nehmen.
[01:39:48.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal gelingt es einem besser und manchmal weniger gut.
[01:39:54.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Patientinnen, die immer weiterreden und ich komme fast nicht rein. Da muss ich auch sagen, ja,
ich sehe, ich muss ein wenig reinkommen und dann sagen, jetzt will ich aber das sagen. Man muss es
selber üben.
[01:40:10.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder macht es vielleicht ein wenig anders. Man kann auch nicht umgehen, dass man je nachdem den
Menschen, den man abklemmen muss, ein bisschen verletzt. Man kann sagen, es ist nichts gegen dich.
Die Stunde ist nur so und so lange und ich will noch von den anderen hören.
[01:40:30.330] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Paartherapie mache ich das auch. Da habe ich es auch besser gelernt. Dann sage ich, ja, ich
weiss, sie wollen etwas sagen, warten Sie bitte noch, ich bin noch nicht fertig. Ich mache dann sogar die
Gestik. Ja, ich weiss, aber warten Sie bitte. Ich getraue mich immer ein bisschen mehr.
[01:40:50.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Es muss rein mechanisch sein, es darf nicht verurteilend sein. Du hast jetzt lange genug gesprochen,
jetzt kommt jemand anderes dran. Nicht bestrafend, sondern nur verkehrstechnisch.
[01:41:05.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse merken es dann auch und sagen, wenn sie mal in den Fluss kommen, kann man mich nicht
mehr stoppen. Wenn man sich gut kennt, geht es leichter.
[01:41:30.000] – Bemerkung 39
Ich hätte auch noch eine Frage zu dem Thema ADHS. Heute Morgen war die Sprache davon, oder Sie
haben gesagt, dass die Kinder haben einen sehr starken Willen, sie haben einen Dickkopf. Es fällt ihnen
ganz schwer zu folgen. Gibt es da eine Erklärung zu? Gibt es da irgendwie einen Hintergrund, dass man
das besser versteht? Zum Beispiel mangelndes Vertrauen oder so?
[01:42:08.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind intrinsisch von sich her stark gesteuret. Sie haben eine starke Impulsivität und diese Impulsivität
sagt ihnen auch, ich muss jetzt das machen, ich muss das machen. Also wie der Hund einen Instinkt hat
und der geht dann seiner Nase nach. Die können das fast nicht bremsen. Die innere Motivation ist stärker
als wenn man von außen kommt und sagt, nein, ich will das nicht, du musst es so machen. Man muss
diese intrinsische Motivation so wie holen können und verwenden und umleiten.
[01:42:47.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir schauen in den westlichen Dramen schauen, da wird umgebracht und der eine tötet den
anderen. Also man siegt, indem man den anderen tötet. Im asiatischen Kampfsport verwendet man den
Angriff des einen und nimmt diese Kraft und dreht sich um und er fällt auf den Boden. So muss man es
machen. Man muss ihre Kraft verwenden, um dann langsam umzuleiten. Man muss sie dort abholen wo
sind und nicht dagegen gehen wo sie nicht sind.
[01:43:32.500] – Bemerkung 39
In der Schule ist es einfach auch das Problem.
[01:43:35.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das stimmt.
[01:43:36.480] – Bemerkung 39
Wir haben das Gefühl, die haben nicht so viel Erfahrung mit ADHS Kindern. Ja, das ist ganz schwierig.
[01:43:43.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Leider ja. Da habe ich in der Schule meiner Tochter mit dem Lehrer gesprochen. Da haben wir geschaut,
welche Kinder stören. Die Kinder können stören aus drei Gründen. Einerseits, weil sie nicht mitkommen,
also nicht verstehen. Andererseits, weil sie zu schnell sind und es geht ihnen alles zu langsam. Drittens,
weil sie finden, der Lehrer macht es nicht richtig und sie könnten es besser. Wir haben es dann so
gemacht, dass wir die Kinder genommen haben, dass sie auch Schulunterricht geben dürfen etc.
[01:44:16.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Also bei den Kindern sind viele Ressourcen. Man könnte auch die Klasse fragen. Also man sagt, wir
haben jetzt das Problem mit dem und dem und der macht so und so. Was ist euer Vorschlag, wie man es
machen sollte? Der Lehrer könnte auch Vorschläge von den Kindern holen. Denn Kinder sind flexibler
und ideenreicher und vielleicht haben die noch gute Ideen die man gut verwenden kann.
[01:44:40.860] – Bemerkung 39
Ja, das stimmt.
[01:45:00.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat man wieder das Kollektiv mit einbezogen. Das ist so befriedigend wenn das ganze Kollektiv
mitmacht, das gibt ein Wir-Gefühl. Das haben alle gerne.
[01:45:05.900] – Bemerkung 39
Das stimmt. Danke.
[01:45:17.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt noch ein Schlusswort. Ich habe versucht, Ihnen meine Erfahrungen mitzugeben. Wir haben einen
breiten Tour d'Horizon gemacht. Ich habe medizinische Sachen reingebracht. Ich hoffe, es hat ihnen
einige Anregungen gegeben.
[01:46:24.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht als wichtige Botschaft ist, das haben wir in der Pause auch ein wenig besprochen, wenn Sie
anstehen mit einem Kind, wollen sie nicht mehr erziehen, wollen sie gar nichts mehr bewirken, wollen sie
nur noch lernen oder auch einfach sein.
[01:46:44.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf einmal kommt dann eine neue Idee. Also setzen Sie sich nicht zu fest unter Druck, in irgendeine
Richtung gehen zu wollen, sondern sind sie bereit, öffnen sie ihren Geist, ihre Mind und nehmen sie eine
Lernhaltung ein. Das ist eine Weisheit, die mir mein Lehrer in Amerika gegeben hat. Er arbeitete auch mit
Schizophreniefamilien. Das war Murray Bowen. Er sagte, wenn man nicht weiterkommt mit einer Familie
musst Du aufhören die Person vorwärtsbringen zu wollen. Dann nimm eine lernende Haltung ein. Lernen
kann man immer, in jeder Situation.
[01:47:24.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss nichts mehr bewirken, dann kann man lernen. Indem man miteinander lernt, fühlt sich auch
das Gegenüber wertgeschätzt, denn es kann einem etwas bringen.
[01:47:35.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Psychiater ist ständig am Lernen und sie dürfen auch ständig am Lernen sein. Das behält einem
lebendig. Das ist auch das sokratische Lernen. Sokrates hatte auch die Haltung, ich lerne von allen
Fragen meiner Schüler. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute Zeit mit ihren, zum Teil
schwierigen, aber auch sicher interessante Kinder.
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