Dr.med. Ursula Davatz betrachtet die Herkunftsfamilie als einen entscheidenden Faktor in der Entwicklung eines Menschen. Sie prägt unsere Wertvorstellungen, Verhaltensmuster und unsere Fähigkeit zur Anpassung an neue Situationen.
Verinnerlichte Regeln und Normen: Die Basis unserer sozialen Interaktion
Innerhalb unserer Herkunftsfamilie lernen wir die Regeln und Normen unseres sozialen Umfelds kennen. Wir übernehmen die Wertvorstellungen unserer Eltern und lernen, was sich gehört und was nicht. Diese Prägung findet sowohl bewusst durch explizite Erziehung als auch unbewusst durch die Beobachtung und Nachahmung von Verhaltensmustern statt.
Wertvorstellungen, Verhaltensmuster und Durchsetzungsmuster: Die drei Säulen der familiären Prägung
Dr.med. Ursula Davatz unterscheidet drei zentrale Aspekte der familiären Prägung:
Wertvorstellungen: Sie definieren, was im Leben wichtig ist, was richtig und falsch ist und welche Ziele wir verfolgen sollten.
Verhaltensmuster: Sie bestimmen, wie wir in Stresssituationen reagieren, mit Konflikten umgehen und unsere Emotionen zeigen.
Durchsetzungsmuster: Sie beschreiben, wie wir unsere Bedürfnisse und Interessen durchsetzen. Beherrschen wir andere, verhandeln wir oder passen wir uns an?
Diese Muster prägen unseren Umgang mit anderen Menschen und unsere Fähigkeit, uns in sozialen Situationen zurechtzufinden.
Soziale Vererbung: Weitergabe von Erfahrungen über das Grosshirn
Dr.med. Ursula Davatz verwendet den Begriff „soziale Vererbung“ um die Weitergabe von Wertvorstellungen und Verhaltensmustern über das Grosshirn zu beschreiben. Im Gegensatz zur genetischen Vererbung, die über das emotionale Hirn (Mittelhirn) und das Stammhirn abläuft, basiert die soziale Vererbung auf gelernten und gespeicherten Erfahrungen. Das Grosshirn besitzt die Fähigkeit, diese Erfahrungen zu verarbeiten, abzulegen und zu speichern. In neuen Situationen werden diese gespeicherten Muster und Erfahrungen abgerufen und angewendet, was zu einer „Vererbung“ von Verhaltensweisen und Denkmustern führt.
Herausforderungen und Chancen der Ablösung
Die gelernte Prägung aus der Herkunftsfamilie kann uns in neuen Situationen sowohl behindern als auch unterstützen. Stossen wir auf andere Wertvorstellungen oder Verhaltensweisen, die unseren eigenen widersprechen, kann dies zu Konflikten und innerem Widerstand führen. Gleichzeitig geben uns die in der Herkunftsfamilie erlernten Muster Sicherheit und Orientierung.
Um ein selbstbestimmtes und authentisches Leben führen zu können, ist es wichtig, sich von den prägenden Einflüssen der Herkunftsfamilie zu lösen. Das bedeutet nicht, die Eltern abzulehnen oder den Kontakt abzubrechen, sondern sich bewusst mit den eigenen Wertvorstellungen und Verhaltensmustern auseinanderzusetzen und diese gegebenenfalls zu verändern.
Differenzierung der Ursprungsfamilie: Ein Weg zur Selbstbestimmung
Murray Bowen, ein bekannter Familientherapeut, entwickelte das Konzept der „Differenzierung der Ursprungsfamilie„. Es beschreibt den Prozess der Ablösung von den prägenden Einflüssen der Herkunftsfamilie und der Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit.
Dr.med. Ursula Davatz empfiehlt ihren Patienten, sich mit ihren Eltern auseinanderzusetzen und sich von deren Regeln und Erwartungen zu distanzieren. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse und Wertvorstellungen zu erkennen und diese selbstbewusst zu vertreten, auch wenn dies zu Konflikten mit den Eltern führt. Wichtig ist dabei, die Eltern so zu akzeptieren, wie sie sind, auch wenn wir ihr Verhalten nicht gutheißen oder verstehen.
Umgang mit unveränderbaren Situationen: Loslassen und Akzeptieren
Manchmal ist es nicht möglich, die Beziehung zu den Eltern zu verändern. Sind die Eltern beispielsweise nicht bereit, sich auf einen Dialog einzulassen oder ihre eigenen Fehler zu erkennen, müssen wir lernen, damit umzugehen.
In solchen Fällen empfiehlt Dr. Davatz, die eigenen Erwartungen loszulassen und sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wir selbst beeinflussen können. Es geht darum, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und sich nicht von den negativen Einflüssen der Vergangenheit bestimmen zu lassen. Hilfreich kann es sein, die eigenen Gefühle und Gedanken in einem Brief an die Eltern auszudrücken, um negative Emotionen zu verarbeiten und loszulassen.
Fazit: Die Herkunftsfamilie als prägendes Element und Chance zur persönlichen Entwicklung
Die Herkunftsfamilie ist ein prägendes Element in unserem Leben, das unsere Wertvorstellungen, Verhaltensmuster und unsere Fähigkeit zur Anpassung beeinflusst. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunftsfamilie und das bewusste Hinterfragen der erlernten Muster können uns helfen, uns selbst besser zu verstehen und unsere eigenen Wege zu gehen. Es ist ein Prozess, der Zeit und Geduld erfordert, aber der uns letztendlich zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung führen kann.
Die Herkunftsfamilie spielt eine entscheidende Rolle in unserer Entwicklung und prägt uns auf vielfältige Weise. Dr.med. Ursula Davatz betont in ihren Ausführungen den Einfluss der Herkunftsfamilie auf unsere Wertvorstellungen, Verhaltensmuster und unsere Fähigkeit zur Anpassung.
Die Herkunftsfamilie als prägendes Umfeld
In unserer Herkunftsfamilie lernen wir die Regeln und Normen unseres sozialen Umfelds kennen. Wir übernehmen die Wertvorstellungen unserer Eltern und lernen, was sich gehört und was nicht. Diese Prägung geschieht sowohl bewusst als auch unbewusst:
Explizite Erziehung: Eltern vermitteln ihren Kindern bewusst Werte und Normen, z.B. durch Verbote, Gebote oder moralische Belehrungen.
Implizite Erziehung: Kinder lernen durch Beobachtung und ahmen die Verhaltensmuster ihrer Bezugspersonen nach. Dies geschieht oft unbewusst und prägt uns dennoch tiefgreifend.
Werte, Verhaltensmuster und Durchsetzungsmuster
Dr.med. Ursula Davatz unterscheidet drei wichtige Aspekte der familiären Prägung:
Wertvorstellungen: Was ist wichtig im Leben? Was ist richtig und falsch? Welche Ziele sollten wir verfolgen?
Verhaltensmuster: Wie reagieren wir in Stresssituationen? Wie gehen wir mit Konflikten um? Wie zeigen wir unsere Gefühle?
Durchsetzungsmuster: Wie setzen wir unsere Bedürfnisse und Interessen durch? Beherrschen wir andere, verhandeln wir oder passen wir uns an?
Diese Muster prägen unseren Umgang mit anderen Menschen und unsere Fähigkeit, uns in sozialen Situationen zurechtzufinden.
Herausforderungen der Anpassung an neue Situationen
Die gelernten Muster aus der Herkunftsfamilie können uns in neuen Situationen behindern. Wenn wir auf andere Wertvorstellungen oder Verhaltensweisen stossen, die unseren eigenen widersprechen, kann dies zu Konflikten und innerem Widerstand führen.
Beispiel: Ein Mensch, der in einer autoritären Familie aufgewachsen ist, in der Gehorsam und Anpassung erwartet wurden, kann Schwierigkeiten haben, sich in einem partnerschaftlichen Umfeld zu behaupten.
Die Bedeutung der Ablösung von der Herkunftsfamilie
Um ein selbstbestimmtes und authentisches Leben führen zu können, ist es wichtig, sich von den prägenden Einflüssen der Herkunftsfamilie zu lösen. Dies bedeutet nicht, die Eltern abzulehnen oder den Kontakt abzubrechen, sondern sich bewusst mit den eigenen Wertvorstellungen und Verhaltensmustern auseinanderzusetzen und diese gegebenenfalls zu verändern.
Differenzierung der Ursprungsfamilie: Ein Konzept von Murray Bowen
Murray Bowen, ein bekannter Familientherapeut, hat das Konzept der „Differenzierung der Ursprungsfamilie“ entwickelt.Es beschreibt den Prozess der Ablösung von den prägenden Einflüssen der Herkunftsfamilie und der Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit.
Dr.med. Ursula Davatz empfiehlt ihren Patienten, sich mit ihren Eltern auseinanderzusetzen und sich von deren Regeln und Erwartungen zu distanzieren. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse und Wertvorstellungen zu erkennen und diese selbstbewusst zu vertreten, auch wenn dies zu Konflikten mit den Eltern führt.
Die Bedeutung der Akzeptanz
Akzeptanz spielt eine wichtige Rolle in der Ablösung von der Herkunftsfamilie.Wir müssen lernen, unsere Eltern so zu akzeptieren, wie sie sind, auch wenn wir ihr Verhalten nicht gutheißen oder verstehen.Genauso wichtig ist es, uns selbst zu akzeptieren, mit all unseren Stärken und Schwächen.
Kontaktabbruch als vorübergehende Lösung
In manchen Fällen kann ein Kontaktabbruch zu den Eltern notwendig sein, um sich von deren negativen Einflüssen zu schützen.Dr. Davatz sieht dies jedoch nur als vorübergehende Lösung.Ihr Ziel ist es, ihren Patienten zu helfen, wieder eine Beziehung zu ihren Eltern aufzubauen, die auf Respekt und Akzeptanz basiert.
Umgang mit unveränderbaren Situationen
Manchmal ist es nicht möglich, die Beziehung zu den Eltern zu verändern.Wenn die Eltern beispielsweise nicht bereit sind, sich auf einen Dialog einzulassen oder ihre eigenen Fehler zu erkennen, müssen wir lernen, damit umzugehen.
Dr.med. Ursula Davatz empfiehlt in solchen Fällen, die eigenen Erwartungen loszulassen und sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wir selbst beeinflussen können.Es geht darum, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und sich nicht von den negativen Einflüssen der Vergangenheit bestimmen zu lassen.
Fazit: Die Herkunftsfamilie als Chance und Herausforderung
Die Herkunftsfamilie prägt uns auf vielfältige Weise und beeinflusst unser Denken, Fühlen und Handeln. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunftsfamilie kann uns helfen, uns selbst besser zu verstehen und unsere eigenen Wege zu gehen. Es ist ein Prozess, der Zeit und Geduld erfordert, aber der uns letztendlich zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung führen kann.
Psychische Erkrankungen in der Herkunftsfamilie
Audio
[00:00:02.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes ist das Thema psychische Erkrankungen in der Herkunftsfamilie. Wann eine Mutter oder ein
Vater eine psychische Krankheit hat, sei es jetzt bei einem normalen Kind, also das nicht platziert ist bei
irgendjemandem, dann läuft sofort Angst ab: Oh bekomme ich das auch, unbewusst. Oder wenn Eltern
ein Kind adoptieren und sie wissen vom Kind seiner Eltern, dass diese eine Krankheit gehabt haben,
dann haben sie auch die Haltung. Ich muss das unbedingt verhindern und wenn sie daran denken, wenn
sie Skifahren oder Velofahren, und sie denken, ich darf nicht in den Baum hineinfahren, da fährt man
sicher gerade hinein. Also diese Idee ich muss irgendetwas verhindern, ist keine gute Haltung. Woher das
kommt, dass man denkt: oh ich muss das verhindern, da ist auch die Medizin etwas Schuld. Also seit wir
die Gene analysieren können also das Genom, den menschlichen Gencode ist die Ärzteschaft wie
verrückt auf der Suche die Gen zu finden, welche die Krankheit machen. Und wo man anfangen hat, die
Gene dekodieren zu können, ist auch die Psychiatrie sofort auf die Suche gegangen. Wo ist jetzt das
schizophrene Gen, und wo ist das Gen für Depression, manisch-depressiv etc. Sie haben alles gesucht.
Sie haben eine riesige Studie gemacht, denen sagt man Genome Wide Association Studies (GWAS). Sie
haben ganz viele Genom durch untersucht auf Pathologien. Einer solchen Suche liegt zu Grund der
Gedanke, ich finde ein Gen und da ist dann die andere Krankheit. Das ist nicht so. All diese
Untersuchungen wo da gemacht worden sind, haben zu nichts geführt und noch vor Jahren hat der
Genetik Professor in Zürich gesagt, die Genkonstellation, wo man bei den kranken Leuten findet, ist an
sich eine unglückliche Kombination von eigentlich normalen Genen. Also bis jetzt hat man überhaupt
nichts gefunden, wo da hinweisen kann vom Gen zur Krankheit. Aber das Denken ist stark in unseren
Köpfen. Und warum ist das so stark in unseren Köpfen? Also wir sind alle sehr intellektuell und von der
Sprache her sind wir ausgebildet oder denken stark in der Sprache und die Sprache ist linear.
[00:03:20.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man als Systemtherapeut ausgebildet wird, dann weiss man die Sachen sind nicht so linear, die
Abläufe sind nicht so linear, sondern es ist immer vernetzt und komplex. Da man die Naturwissenschaft
halt sehr bewundert, hat man trotzdem jetzt auf die lineare Art und Weise gesucht. Ich bin eine sehr eine
grosse Vertreterin die sagt ja, Gene spielen eine Rolle und beim ADHS spielen die Gene eine Rolle und
ADHS ist an sich diese psychische – ich sage jetzt nicht Krankheit sondern die genetische Konstellation.
Das wird vererbt, wo am meisten vererbt ist und alle anderen Krankheiten, psychiatrischen Krankheiten
kann man nicht so auf die Gene zurückführen und ich sage einerseits sind Gene und die geben etwas
gewisses weiter, aber nicht eine Krankheit sondern nur einen Persönlichkeitszug. Auf der anderen Seite
ist das Umfeld. Und sie sind natürlich das Umfeld wo reinkommt, wenn das natürliche Umfeld von einem
Kind, von einem Jugendlichen versagt hat, wenn das entsprechende Umfeld dem Menschen nicht
angeboten werden konnte. In dem Sinne ist für sie trotzdem wichtig zu wissen, was bringt das Kind an
genetischer Eigenschaft mit, an Persönlichkeitseigenschaft, an Charakter, an Temperament. Das ist
hilfreich, aber nicht welche Krankheit. In dem Sinn sage ich psychische Krankheiten sind immer
multifaktorielle Interaktions-Prozess-Krankheiten.
[00:05:16.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Es klingt komisch, also auf Englisch sagte mein systemischer Lehrer Murray Bowen in Amerika: Multi
Factorial Multi Step Process Disease. Es sind immer viele Faktoren. Ein Faktor oder Faktoren sind Gene.
Die anderen Faktoren sind das Umfeld. Aber auch das Umfeld macht nicht gerade zusammen mit diesen
Genen eine Krankheit. Also die Menschheit hätte nicht überlebt, wenn wir Menschen nicht eine riesige
Anpassungsfähigkeit hätten an alle möglichen schwierigen Umstände. In dem Sinn, die genetische
Veranlagung, das Umfeld und dann die ständige Interaktion und der Prozess, der sich in mehreren Stufen
entwickelt. Unter den wissenschaftlichen Philosophen gab es immer Krach.
[00:06:23.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Einerseit sagte man die Natur macht keine Sprünge und andererseits sagte man ganz klar die Natur
macht Sprünge. Also ein biologisches System kann so und solange sich anpassen, anpassen, anpassen
und auf einmal wird es zu viel, das Fass überläuft und dann gibt es einen Wechsel. Ein bisschen so
passiert es auch bei den psychischen Krankheiten, dass ein Individuum in widerlichen Umständen lebt
und sich immer noch anpassen kann, leben und irgendwann wird es zu viel, dann bricht es zusammen
und dann bricht die sogenannte psychische Krankheit aus. Das ein bisschen ein theoretischer Vorlauf
aber ich denke, wir müssen immer bei unserem Denken beginnen, dann zuerst ist das Denken und dann
kommt das Handeln.
[00:07:13.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt Kinder, die bei psychisch kranken Eltern aufwachsen, die haben die Tendenz, sich diesen
Krankeneltern anzupassen und die haben die Tendenz, Funktionen für die kranken Eltern zu übernehmen
und da hat man Untersuchungen gemacht, wo eine depressive Mutter und ein kleines Baby mit einem
halben Jahr schon beretis versucht, die Mutter aufzuhellen und dieser zu helfen, dass die doch endlich
ein bisschen wieder ins Leben kommt. Also die strengen sich sehr an und man kann dann dort
zuschauen, wie sie sich anstrengen und irgendeinmal wenn die Mutter einfach gar nicht reagiert, dann
geben sie auf und werden selber depressiv. Aber ich denke, sie probieren es immer wieder. Wenn ein
Kind ein Schulkind ist und ich habe viel mit Schulverweigern zu tun, dann verweigert das Kind die Schule,
dann bestraft man das Kind, dass es die Schule verweigert oder es macht irgendetwas falsch. Es wird
bestraft. Dabei denkt, dass Kind, wenn es in der Schule ist, ständig an die Mutter zuhause. Ich müsste
doch eigentlich daheim bleiben. Und einige Kinder bleiben auch zuhause um für die Mutter schauen. Also
wir Menschen sind soziale Wesen und die Kinder übernehmen eine therapeutische Funktion im
Familiensystem. Wenn der Vater oder Mutter ausfällt, dann übernimmt der älteste Sohn die Führung oder
das älteste Mädchen übernimmt dann die Verantwortung im Haushalt und macht das alles bis es
vielleicht einmal zusammenbricht.
[00:08:51.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Also in dem Sinn sind die Kinder, wo dann aus dem System herausgenommen werden, sind alles Kinder,
wo eigentlich lange probiert haben, sich anzupassen. Aber am Schluss sieht man nur noch das
Endresultat, dass sie entweder die Schule verweigern, delinquent werden und lauter falsche Sachen
machen und wenn man dann nur ihre Symptome bestraft, also ihr Fehlverhalten bestraft, dann fühlen
sich die Kinder zweimal bestraft. Denn sie haben ja probiert etwas zu machen für das Familiensystem. Es
ist nicht gut herausgekommen, es ist zu viel gewesen und dann haben sie ein komisches Verhalten und
dann werden sie für das bestraft. In dem Sinn muss man immer daran denken, was die Kinder alles
schon für Anpassungsleistung gemacht haben in ihrem Herkunftssystem. Ich habe zum Beispiel einen
gehabt, wo mit einer alleinerziehenden Mutter gewohnt hat und die Mutter hat müssen Putzen und die
haben kein Geld gehabt und der hat dann überlegt, wie kann ich zusätzlich Geld beschaffen. Und was hat
er gemacht, schlussendlich, sie hat in einem reichen Haushalte geputzt und dann hat er gesehen, dass
es schöne Bücher hat und dann hat er angefangen Bücher stehlen und die dann auf dem Markt verkauft.
Eigentlich ein Unternehmer. Aber er ist 8 Jahre ist das Gefängnis gekommen für sein Unternehmertum.
[00:10:18.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man etwas weiter schaut, es gibt es viele Unternehmer, wo auch so Zeugs machen, aber die
machen es ein bisschen gescheiter und sind schon älter. Also in dem Sinn können Kinder, wo mit Eltern
aufwachsen, wo psychisch krank sind und ich sage psychische Krankheit ist eigentlich immer ein Defizit,
also Kinder, wo mit Eltern aufwachsen, wo psychisch krank sind, die tun eigentlich probieren diese
Defizite auszugleichen und sie haben dann natürlich für sich selber Defizit. Und das sieht man spätestens
in der Pubertät, dass die ganz viele Defizite haben, weil sie sich immer an das pathologische, nicht
funktionierende System sich angepasst haben und dann reicht ihre seelische Energie nicht mehr zum
sich selber entwickeln. Und in der Pubertät sollte man eigentlich seine Persönlichkeit entwickeln. Man
sollte die Energie für sich Verwenden dürfen, herausfinden, ausprobieren. Die Eltern sollten eigentlich
standhaft sein, aber das sind sie ja nicht und in dem Sinn haben die Kinder alle Defizite. Also sie haben
Defizite, aber sie haben nicht eine bestimmte psychische Krankheit. Wenn ich mit solchen Menschen aus
so defizitären Systemen dann arbeite, dann muss ich als Therapeutin dann alles das mit denen
nachholen, wo die verpasst haben, wo die nicht haben dürfen machen. Zum Teil wird dann mir gegenüber
schwerstens pubertiert und Auseinandersetzungen passieren und ich darf das nicht persönlich nehmen.
[00:11:55.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Also ich muss das aushalten und das gleiche passiert natürlich ihnen. Jetzt was vererbt wird und ich habe
es ja immer mit dem ADHS. Was vererbt wird, ist sicher eine Sensibilität. Das wird genetisch vererbt. Eine
Impulsivität. Das wird ebenfalls genetisch vererbt. Und wenn die Eltern das natürlich gehabt haben, dann
haben die Kinder zum Teil unter dem gelitten. Und je nachdem und die Mädchen sind besser, die können
sich besser anpassen, von unseren Hormonen her, von unserer Konstellation her. Wir unterdrücken dann
unser Temperament und können uns trotzdem anpassen. Aber der Ausbruch kommt dann eben später.
Die Buben, die tun schneller auf die Defizite mit Aggressionen reagieren also die machen eigentlich
aufmerksam.
[00:12:50.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Also die Sensitivität Impulsivität. Ich sage jetzt nicht Aggressivität, sondern einfach starke emotionale
Impulsivität und auch etwas eine Schüchternheit, also Scheuheit. Es gibt Menschen, die von Natur her
scheu sind. Da hat man auch bei Untersuchungen sehen können. Gewisse Kinder, wenn die ins Zimmer
reinkommen, die übernehmen gleich alles, schauen alles an sind neugierig und andere Kinder die stehen
so still an der Tür. Bei einer Versuchsanordnung da hat die Mutter ihren Sohn hinein gezerrt, anstatt dass
sie ihm Zeit gelassen hat, dass er sich zuerst orientiert. Und die Menschen die eher scheu sind, die
brauchen eine relativ lange starke Orientierungsreaktion wo sie alles absuchen und schauen und ist da
keine Gefahr und was ist da und erst dann können sie hineingehen. Wenn man sie übergeht in dieser
Orientierungsreaktion, dann tut man ihnen unrecht und dann tut man sie verunsichern denn sie können
nicht nach ihrem Modus alles beschnüffeln.
[00:14:01.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Hund in ein Zimmer hineinkommt, geht er zuerst alles beschnüffeln und erst dann entscheidet
er da liege ich jetzt ab und wir sind auch bisschen so, das nenne ich Orientierung wahrnehmen. Man
muss zuerst sein Umfeld abschnüffeln. Die ähnlichen Charakterzüge, die können sie suchen gehen bei
der Herkunftsfamilie. Es lohnt sich nicht Krankheit anzuschauen sondern gewisse Charakterzüge.
Heutzutage sagt man auch, früher hat man gesagt, ADHS wächst sich aus, wenn man erwachsen wird
und jetzt redet man von ADHS im Erwachsenenalter. Für mich ist es klar, dass es sich nicht auswächst,
man lernt nur besser damit umgehen und heutzutage wird ADHS bei den Erwachsenen sehr viel
diagnostiziert und an der letzten Weiterbildung von SFG/ADHS haben sie gesagt, dass 90-95% der
Erwachsenen die ADHS haben, haben eine psychiatrische Diagnose. Das heisst ADHS ist wirklich ein
vulnerabler Genotyp, der zum allem möglichen führen kann. Wird in der Psychiatrie noch nicht so
angeschaut, aber ich sehe täglich. In dem Sinne soll man nicht die Krankheit anschauen bei der
Herkunftsfamilie, sondern Charakterzüge wie Sensitivität, Impulsivität, Scheuheit, Kreativität, etc.
[00:15:52.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Also unter den ADHSlern findet man viele kreative Menschen. Es gibt auch schon wieder statistische
Untersuchungen, wo man sagt, psychische Krankheit und Kreativität kommt in der gleichen Familie vor.
Und das ist aus meiner Sicht ADHS. Also es kann zu einem erfolgreichen Künstler führen oder man
erfolgreichen Unternehmer aber es kann halt auch zu einer psychischen Krankheit führen. Also hier sieht
man das. Und von dort her lohnt es sich zurückzuschauen damit die Kinder nicht Angst haben vor
irgendeiner Krankheit. Ja meine Mutter ist depressiv gewesen, da werde ich wahrscheinlich auch
depressiv. Also so läuft es nicht. Man muss immer Interaktion mit den persönlichen Eigenschaften
anschauen mit dem Umfeld. Wenn man kann die Geschichte der Mutter oder vom Vater ein bisschen
beleuchten, dann kann man sehen, warum ist das ein bissiger Hund geworden oder warum ist der
Mensch depressiv geworden. Also dass man die Entstehung ein bisschen erklären kann und sobald man
die Entstehung vom Fehlverhalten erklären kann, ist das weniger schlimm und dann können auch sie als
jetzt Stellvertreter Eltern können helfen anders mit diesen Eigenschaften von diesen Menschen wo ihnen
anvertraut sind, umgehen. Also wichtig ist, dass man nicht nur die Spitze vom Eisberg anschaut, also das
Fehlverhalten wo am Schluss kommt, das Endprodukt, sondern dass man ein bisschen schaut, wie ist es
entstande? Wie ist dann entstanden bei ben Eltern?
[00:17:34.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie schauen wir jetzt, dass es bei dir, wo du bei mir bist, nicht entsteht. Also dass man nicht gegen das
Fehlverhalten vorgeht, also nicht rein nur erzieherisch vorgeht, sondern immer verständnisvoll und
entwicklungsfördernd. Wo ich aus Amerika zurückgekommen bin, 1980 in die Schweiz, habe ich das
Gefühl gehabt, ich bin in einem Land von Erzieher. Überall wo ich hin gestanden bin habe ich
irgendetwas falsch gemacht. Ich dachte ich gehe gerade wieder weg. Ja unser Land wird auch gelobt für
unsere gut funktionierende Infrastruktur etc. aber manchmal funktioniert das so gut, dass der Mensch fast
nicht überleben kann. Das erlebe ich wenn ich zum Beispiel, das habe ich gerade letztens erlebt, wenn
ich ein Kind Herausnehmen muss aus einem System und es so will schnell wie möglich platzieren will,
denn bei Kinder läuft die Entwicklung noch schnell und ich können uns davonlaufen. Dann stosse ich an
eine Barrage von bürokratischen Behinderungsmechanismen. Es ist natürlich immer das Geld, so dass
wenn dann das Kind bereit wäre. Also nein, ich will es natürlich möglichst schnell irgendwohin tun und
das Kind wäre auch bereit, ich habe es überzeugt und dann muss ich durch so einen langen Apparat von
bürokratischen Sachen durchgehen, bürokratischen Regeln durchgehen, dass am Schluss das Kind über
alle Berge ist und alles nicht mehr funktioniert.
[00:19:11.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Also in dem Sinn, ja wir Schweizer sind Erzieher wir haben auch den Pestalozzi gehabt, der hat zwar
gesagt mit Herz, Kopf und Hand. Also das Herz ist dabei gewesen. Aber manchmal und wenn ich mit
Schulbehörden zu tun habe, stosse ich sehr an die bürokratischen Regelungen an, sodass das
Menschenleben fast ein bisschen zu kurz kommt. Wenn ich in der Psychiatrie wieder schaue, also es wird
ja heutzutage alles evaluiert in Bezug auf die Effizienz, ja Effizienz und Effektivität. Dann wird an erster
Stelle die Verhaltenstherapie honoriert von der Krankenkasse, weil man die besser kann, kontrollieren
oder besser untersuchen kann also wissenschaftlich beweisen, dass jetzt das etwas gebracht hat. Hinter
der Verhaltenstherapie liegt ja wieder die Erziehung und dann sage ich Gene kann man nicht zum
Funktionieren erziehen.
[00:20:25.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Gene sind eine grundlegende Angelegenheit. Man muss das Wesen des Menschens erfassen. Erst wenn
man das Wesen erfasst, kann man auch mit dem Menschen besser umgehen und ihn dann besser
sozialisieren. Ich wechsle dann immer zu den Tieren. Alle Tierdompteure hätten nie Erfolg mit ihren
Tieren, wenn sie nicht das Wesen vom Tier zuerst erfassen würden. Und weil ja alles immer so schnell
gehen muss und weil wir so schnell zum Resultat kommen wollen, haben auch wir Menschen schnell die
Tendenz das Kind unserem System anzupassen, unseren Bedürfnissen anzupassen der Situation
anzupassen und wir nehmen uns nicht Zeit zu schauen wegen was funktioniert eigentlich nicht und was
sind die Bedürfnisse dieses Menschleins. In dem Sinn, darf man nicht so schnell zur Anpassung gehen
nicht so schnell einfach nur Symptome weg machen wollen wie wir Ärzte das machen, sondern zuerst
sich fragen wie ist das eigentlich entstanden? Woher kommt das? Wie muss ich darauf eingehen und wie
kann ich es dann besser zu mir führen.
[00:21:42.540] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Alterspsychiatrie hat man das Konzept, dass man zuerst der Patienten validieren muss, man muss
ihn dort abholen, wo er ist und erst dann kann man anpassen. Alte Menschen tun ein bisschen langsamer
prozessieren, die brauchen ein bisschen länger für ihre Orientierungsreaktion und man wenn man sie
nicht richtig führt, also wenn man sie nicht zuerst validiert, dort abholt, wo sie sind, dann kann man nichts
machen, dann können sie aggressiv sein. Sie schlagen einem, sie beissen einem und alles mögliche.
Wenn man sie aber abholt, dann läuft es. Das gleiche ist beim Pferd. Die Pferde können mit ihren Hufen
schlagen. Wenn man von einem Pferd das hintere Huf aufnehmen will, fängt man beim Hals an, geht
langsam runter. Also man tut es an einem angewöhnen und dann sagt man gib mir dein Huf.
[00:22:37.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das Pferd schon sehr gut kennt und dann kann man direkt zum Huf gehen. Aber wenn man es
nicht kennt, muss man zuerst Kontakt aufnehmen und zeigen also aufzeigen, dass man nichts böses
macht. Und das müssten wir auch bei den unseren gestörten Kindern, gestörten Jugendlichen, dass wir
wirklich zuerst den Kontakt herstellen können und herausfinden, woher das kommt. Wenn immer jemand
aggressiv ist, dann hat man auch die Tendenz, das geht nicht, das darf man nicht, Aggression ist etwas
schlechtes.
[00:23:12.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt werden ja Workshops angeboten zum Thema gewaltfreie Kommunikation. Wenn man das genauer
hinterfragt, müsste man eigentlich sagen Bedürfniss orientierte Kommunikation. Also wenn man die
Bedürfnisse des Menschen erkennt, wenn der seine Bedürfnisse sagen darf, wenn der sie formulieren
kann, viele Leute können das eben nicht, sie haben es gar nicht gelernt, weil sie nie durften. Also man
muss ihnen helfen dazu dass sie Bedürfnisse formulieren können und wenn sie Bedürfnisse formulieren
können, dann müssen sie nicht mehr aggressiv sein.
[00:23:47.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Also alles Fehlverhalten ist eigentlich ein aufmerksam machen, es stimmt etwas nicht, mir geht es nicht
gut, es läuft irgendetwas schief und das ist in der Schulklasse so. Das ist zuhause so. Und wir müssen
nicht einfach gerade wollen das Fehlverhalten korrigieren also eben dressieren, sondern zuerst
herausfinden, woher kommt denn das Fehlverhalten. Sobald wir verstehen, woher das Fehlverhalten
kommt, dann können wir auch anders mit dem Menschen umgehen. Und da gibt es dann auch wieder
solch Schlagwörter: keine Erziehung ohne Beziehung. Das stimmt, wenn man versteht, woher das
kommt, dann kann man Beziehung zu dem Menschen herstellen, dann fühlt er auch, dass man sich auf
ihn bezieht, dass man ihn versteht. Dann können gerade junge Menschen also Kinder und auch
Erwachsene können einem dann folgen wie Hündchen.
[00:24:49.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Also weil sie einem dann Vertrauen. Aber wenn sie sich nicht verstanden fühlen, dann sind sie ständig am
Kämpfen am sich wehren und wie sie sich verstanden machen wollen, ist natürlich dann oft ein bisschen
komisch und man muss viel viel Übersetzungsarbeit machen, bis man draus kommt, was eigentlich los
ist.
[00:25:12.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären so ein paar Gedanken, also dass sie nie auf Symptome losgehen, nie denken, sie müssen
Symptome verhindern, sondern eher Probieren herauszufinden, wie sind die Symptome bei ihren Eltern
entstanden und wie entstehen sie jetzt hier bei dem Kind, wo bei ihnen ist. Vielleicht noch ein weiterer
menschlicher Fehler, der oft gemacht wird. Also ich habe mal eine Patientin gehabt, der erste Mann der
Mutter, das ist zuerst einmal eine grosse Liebe gewesen, aber nachher ist das alles schief gelaufen. Die
Mutter hat dann bei allen ihren Kindern probiert, das Wesen vom Vater auszurotten, also sie wollte
dagegen vorgehen, dass die Kinder ja nicht Taugenichts weren, wie der Mann gewesen ist. Das ist
weitergegangen auf die Mutter von diesen anderen vier Kindern, bis in die dritte Generation, ist das
gespürt worden, da arbeitet man gegen etwas.
[00:26:30.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe andere Familien gehabt, die haben das Kind adoptiert. Das ist ein Kind gewesen von zwei
Drogensüchtigen und die hat von Anfang an wo das Kind in der Wiege gelegen ist, gedacht, ich muss
verhindern, dass das Kind drogensüchtig wird, ja nicht das. Ich darf nicht in den Baum hineinfahren, da
fährt man sicher in den Baum hinein. Ja sage und schreibe die Tochter ist dann schlussendlich auch
drogensüchtig geworden und kämpft jetzt noch, sie ist ein ADHS, kämpft jetzt noch mit loskommen von
Medikamenten. Sie ist jetzt nicht drogensüchtig, aber Medikamenten abhängig und hat viele Geschichten
durchgemacht. Also man darf nie gegen etwas arbeiten. Also wenn sie ein Kind erhalten von einem
Kriminellen sage ich jetzt einmal, dürfen sie nicht gegen den kriminellen Vater arbeiten und ich muss ganz
fest schauen, dass das Kind nicht so verdorben wird der. Da macht man eher Self Fulfilling Prophecy, da
steuert man auf den Baum zu, wo man eigentlich verhindern will und in dem Sinne ist das nie eine gute
Methode. Das kann ich auch noch einem ganz einfachen Beispiel sagen, wenn sie einen Schirm
mitbringen, sie stellen einen Schirmständer und sie programmieren sich und sagen, ich darf den Schirm
nicht vergessen nein, man kann sich nie falsch negativ programmieren. Das funktioniert nicht, man muss
sagen, ich will dann den wieder mitnehmen.
[00:28:03.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben so viele negative Programme in unserem Kopf. Ich muss verhindern, dass das passiert. Geht
nicht. Ein negatives Programm ist nie gut. Und wenn ich zum Beispiel mit Süchtigen arbeite, ist nicht mein
Ziel: Ich muss verhindern, dass dieser Droge nimmt, sondern ich muss ihm helfen, dass er sich so
entwickeln kann, dass er Freude hat am Leben, dass er natürliche Befriedigung hat, sodass er auf
Drogen verzichten kann. Denn die Symptome sind ja immer Zeichen von das etwas nicht gut läuft. Also
ich muss am positiven Sinn am positiven Ziel anfangen. Da gibt es heutzutage auch ressourcenorientiert,
gesundheitsorientiert ist alles einfach gesagt, aber wir sind oft im Kopf unterwegs mit einer
Verhinderungstaktik. Verhinderungstaktik, da ist mir schon am Anschlag, das ist man schon gegen die
Wand.
[00:29:06.660] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn kann ich sie nur immer wieder dazu aufmuntern, nicht eine Verhinderungstaktik
anzuwenden, sondern ein im weiterer Blick sich besser orientieren und schauen, wie kann ich den
Menschen fördern, dass er sich und ich sage jetzt extra intrinsisch, also von sich heraus gut entwickelt.
Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir gehören zu den sozialen Spezies. Wir haben soziale Gene und
wir haben in uns Bedürfnis nach Sozialverhalten und wenn das Sozialverhalten schief gelaufen ist, ist halt
etwas ganz schief gewesen und man muss eigentlich schauen, dass das natürliche Sozialverhalten
wieder zum Vorschein kommt, dass das natürlich sich entfalten kann. Das wären so ein paar Gedanken
und jetzt brauche ich eigentlich schon Fragen von ihnen.
[00:30:06.750] – Bemerkung 1
Sind ADHSler gefährdeter auf psychische Krankheiten?
[00:30:06.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, auf jeden Fall ADHSler sind gefährdeter auf psychische Krankheiten, darum sage ich ja 90%, es gibt
Zahlen, die sagen, dass 75% eine psychiatrische Diagnose haben und an dieser letzten Weiterbildung
und ich nehme das jetzt als Referenz haben sie gesagt nur 5% bis 10% haben keine Diagnose. Es sind
ganz verschiedene psychiatrische Diagnosen. Es ist nicht eine.
[00:30:49.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja doch die sind anfällig und es gibt ja sogar Studien, wo sie in diesen Genom Wide Association Studies
(GWAS), also wo sie riesige Kohorten durchsucht haben auf Gene. Dann sind fünf psychiatrische
Diagnosen hervor gekommen: das ist schwere Depression, Autismus und das ist ADHS gewesen. Ich
sage dann immer sind ADHS Gene, die zu all diesen Krankheiten geführt haben. In der Psychiatrie redet
man von Komorbidität. Das sind zwei verschiedene Krankheiten und ich sage d ADHS ist keine
Krankheit. Das ADHS ist nur eine genetische Disposition eine vulnerable Disposition mit diesen
Eigenschaften: hohe Sensibilität, hohe Impulsivität und von dort her ein bisschen schwieriger zum
Erziehen. Aber wenn man es erlickt hat, dann folgen sie einem wie Hündchen.
[00:32:19.500] – Bemerkung 2
Meinen sie bei ADHS und ADS immer beides?
[00:32:21.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja. Heutzutage wird immer noch beides also es wird immer zusammen angeschaut. Im
Diagnosenschlüssel heisst es ADHS, also Aufmerksamkeitsstörung-Hyper-Aktivitätssyndrom. Dann heisst
ADHS ohne Hyperaktivität ist natürlich blöd, man müsste eigentlich das H herausnehmen. Ich kann es
nicht genau sagen, aber wenn ich an Veranstaltungen bin, wo das ADHSler drunter hat, dann sagen die
zum Teil ich bin als Kind ADHS gewesen und jetzt bin ich eher ADS oder umgekehrt. Ich bin ADS
gewesen und jetzt bin ich eher das ADHS also aktiv. Es kann wechseln und was sie beide gleich haben,
ist die Sensitivität und die Impulsivität. Beim ADHS geht es nach aussen, aktiv, beim ADS geht es nach
innen, also die werden gedanklich dann aktiv. Aber auch ADHSler wenn man sie genügend in die Ecke
drängt, ist die Aktivität nur noch nach innen. Nach innen ist dann ganz viele Gedanken und das extrem ist
dann die Schizophrenie.
[00:33:41.640] – Bemerkung 2
Wir haben eine junge Mutter bei uns die hat eine ADS Abklärung gemacht. Aber es war dann nicht klar.
Sollen wir nochmals eine Abklärung machen?
[00:34:04.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nochmal abklären. Ich persönlich ich kläre sowieso nicht. Ich als Psychiaterin mache die Diagnose
aus der Anamnese und von der Beobachtung her stellen. Ich muss da nicht lange Neuro psychologische
Abklärungen machen. Um mit diesen Leuten zu arbeiten, brauche ich keine Abklärung. Ich sehe ja, wie
sie funktionieren und ich muss lernen mit ihnen umzugehen. Ich muss dem Umfeld beibringen, wie mit
diesen umgehen muss. Es ist das Umfeld, das lernen muss mit diesen umzugehen. Die Diagnosen hilft
noch lange nicht mit den Leuten umzugehen. Das ist wieder das medizinische Modell, die tun abklären
und da hat man da die klare Diagnose und was macht man dann? Medikamente. Immer die gleichen
Medikamente. Aber wegen dem hat das Umfeld noch nicht gelernt damit umzugehen. Und heutzutage
gibt man schon den Kindern, also ADHSler können ja eher auch psychotisch werden, schizophrene
Episoden machen, schon in der Pubertät oder auch später und dann gibt man Neuroleptika. Den Kindern
gibt man Stimulanzien. Und schon den Kindern geben sie dann Stimulanzien und zusätzlich Neuroleptika.
Was man eigentlich dann bei Schizophrenen gibt. Denn die Neuroleptika tun die Hyperaktivität natürlich
so bisschen oben runter dämpfen und man gibt schon beides den Kinder. Eigentlich müssen wir vom
Umfeld lernen mit diesen Kindern besser umzugehen.
[00:36:01.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Familientherapeuten haben gesagt, wenn eine Familie nicht umgehen kann mit einem Kind. Also das sind
so ein bisschen extreme Situationen der Familientherapeuten. Dann hat es geheissen, dem geben wir
jetzt Medikamente. Wenn die Mutter verzweifelt ist, kann sie Medikamente nehmen, nicht das Kind. Aber
unsere Tendenz ist natürlich das Kind muss sich uns anpassen. Wir sind schliesslich die Erwachsenen,
wir geben den Ton an, wir bestimmen und du hast dich gefälligst mir anzupassen. Das ist eine falsche
Haltung. Wir sollten lernen und schon das sokratische Lernen ist gewesen: Ich lerne von meinem
Schüler. Wir müssen vielmehr von unseren Kindern lernen. Alle die Kinder gehabt haben oder noch
haben, wissen, Kinder sind gute Lehrer, wir müssen lernen und wenn wir nicht lernen, dann kommen wir
nicht durch. Jedes Kind ist anders und mit jedem Kind muss man lernen wieder ein bisschen anders
umzugehen. Eben dann gehe ich immer zu den Tieren. Eine Kuh kann man nicht gleich behandeln wie
ein Rennpferd. Dann hat man keinen Erfolg. Dann hat man höchstens kaputtes Pferd. Wir haben so die
Idee, dass man alle gleich behandeln muss. Wir wollen ja sozialisieren. Sozialisieren heisst: Anpassen
aber dann gehe ich wieder in die Biologie und sage, eine heterogene Gesellschaft, und mit Gen meint
man verschiedene Gene, eine heterogene Gesellschaft ist viel überlebensfähiger als eine homogene, wo
alle gleich sind. Wenn alle gleich erzogen sind, dann laufen wir wie die Lemmingen gerade in die nächste
Katastrophe rein, wenn einer den richtigen Knopf drückt.
[00:37:49.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Hingegen wenn wir so ein bisschen Ausscheren und heterogen sind, hat jeder wieder eine neue Idee und
dann überleben wir besser. Also wir dürfen nicht so normiert unsere Menschen erziehen. Und klar mit den
mit Computern und all diesen Algorithmen, da denkt man schlussendlich kann man dann den Mensch mit
einer Maschine erziehen und dann kommt er am besten heraus, aber nein, dann gibt es eine
Katastrophe.
[00:38:17.290] – Bemerkung 3
Die Kinder müssen sich immer an das Schulsystem anpassen.
[00:38:17.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss, ich weiss, ich weiss. Also, da bin ich natürlich immer am Kämpfen auch mit den Schulsystemen
und ich habe Schulsysteme gehabt, eine BEZ die mich ständig gefragt haben, als sie Probleme gehabt
haben, mit einem Kind, sind sie zu mir gekommen, haben die Mütter zu mir geschickt, Kinder zum Teil
und ich habe die Lehrer beraten. Da muss man dann eine Beziehung zum Schulsystem herstellen und
dort gilt natürlich wieder das gleiche.
[00:39:00.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss die dort abholen, wo sie sind und da muss ich sagen, ja ich weiss sie haben den Auftrag zu
sozialisieren. Sie haben so viele Kinder und sie wollen nicht auf jedes extra achtgeben. Dann sage ich
aber auch das ist ein solches Kind und das ein solches und da ist es wichtig, dass wir auf das eingehen.
Sie werden weniger Arbeit haben, wenn sie das Kind nicht gewaltsam wollen in die Norm hineinbringen.
Die Schule ist heute schon ein bisschen flexibler, aber es hängt immer vom Lehrer ab, also wie flexibel
der ist wie gut der ein bisschen unterschiedliche Dinge ertragen kann. Also wir probieren es jetzt auch
von der Hota her probieren wir Schulen zu beraten. Von ADHS20+ probieren wir Prävention zu machen
über Schulen.
[00:39:54.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Seit 1980 als ich in den Aargau zurückgekommen bin, habe ich mit Schulen probiert,
zusammenzuarbeiten und denen zu helfen, wie umgehen. Manchmal geht es und manchmal geht es
nicht.
[00:40:08.240] – Bemerkung 4
Ja manchmal kommt man in die Situation, soll man jetzt das Kind herausnehmen?
[00:40:08.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist immer ein schwieriger Entscheid und man muss ein bisschen schauen und das ist ein
gefühlsmässiger Entscheid. Wenn die Lehrer das Kind schon aufgegeben haben und nicht mehr mögen,
dann muss man manchmal das Kind herausnehmen und ich habe solche Geschichten, wo man Kinder
herausgenommen hat und in der neuen Schule hat es bestens funktioniert. Aber Kinder wollen oft bei
ihren Peers also bei ihren Kollegen bleiben. Dann reisst man sie aus dem heraus. Das ist immer ein
Abwägen ist schwierig. Also ich habe ja in Königsfelden gearbeitet in der Rehabilitation und da habe ich
dann jeweils meine Pfleger gefragt, also ich habe probiert herauszufinden mögen die noch mit dem
Patienten oder nicht? Einmal hat mir einer gesagt entweder ich oder der. Also wenn du den nicht heraus
tust, dann gehe ich. Dann geht es natürlich nicht. Also ich habe herausfinden müssen, mögen die noch
beziehungsmässig und wenn die Lehrer nicht mehr mögen, dann hat es keinen Sinn, Kinder drinnen zu
haben und wenn die noch so fest sagen, doch ich will es und ich probiere, da muss man darauf hören auf
das Gespür, ob es wirklich noch funktioniert, wenn keine Beziehung mehr da ist, kann man es vergessen.
Und das ist immer ein schwieriger Entscheid, aber es lohnt sich.
[00:41:34.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage Eltern, sie sollen zur Schule gehen. Ich sage ihnen, gehen sie zur Schule und probieren einen
Dialog hinzukriegen und bringen ihre Erfahrungen, was läuft mit dem Kind und was nicht. Da habe ich
letzthin ein junges Pärchen von einem zehnjährigen ADHSler beraten wie sie es machen müssen und die
haben dann das gemacht und dann ist das viel besser gelaufen und dann hat der Vater auch mit dem
Lehrer geredet oder mit den Lehrerin und die hat dann sogar gefragt, was muss ich machen, das besser
geht und hat dann sogar gesagt, ich habe jetzt das ausprobiert und es geht jetzt besser. Es gelingt aber
nicht immer. Ich kann sie nur Aufmuntern, gehen sie fragen. Probieren sie die Beziehung herzustellen.
Manchmal bin ich auch zu ungeduldig.
[00:42:28.370] – Bemerkung 5
Bei einem Kind war es wirklich klar, dass er sehr hyperaktiv gewesen ist und er hat dann Ritalin erhalten.
[00:43:10.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja Ritalin bekämpft natürlich nur ein Symptom und die Aufmerksamkeitsstörung, da sage ich, das ist
eigentlich eine breite Aufmerksamkeit, aber in der Schule sollte man eine fokussierte Aufmerksamkeit
haben. Was der Lehrer möchte. Wenn der Lehrer sehr interessant ist, dann kann das Kind sich sogar
fokussieren, wenn er aber nur so bisschen durchschnittlich ist, dann ist der schon über alle Berge. Es gibt
so viel interessantere Sachen als das. Und wenn man dann Ritalin bekommt, dann kann man sich auch
vielleicht auf den langweiligen Lehrer konzentrieren. Aber alles Sozialverhalten ist nicht unbedingt anders
und wenn der bei seinen Kollegen aneckt da wäre jetzt Sozialkompetenz vom Lehrer gefragt, da muss
man Klassenstunde machen, da muss man die Sozialarbeiter hineinholen und diesen Kindern helfen wie
umgehen mit so einem. Da darf man eben nicht gerade den bestrafen wollen, damit er sich anpasst,
sondern den anderen sagen, wie könnte man mit ihm umgehen und eigentlich muss man immer den
ganzen Prozess ein bisschen verlangsamen und wenn man sagt, der spürt sich nicht, dann ist das schon
eine Fehlinterpretation. Der spürt sehr wohl, aber der geht sofort auf Abwehr. Also der ist hochsensibel
und wenn man nur ein falsches Augenzwinkern hat oder irgendein blödes Wort sagt, macht es Boom. Der
spürt sich schon der kann das nicht benennen.
[00:44:52.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber er geht immer auf Abwehr und man sagt ja manchmal: Angriff ist die beste Verteidigung und genau
das macht er. Angriff ist die Beste Verteidigung und dann sagt man, er spürt sich nicht. Also ich meine,
wie viele Erwachsene und alle solche wo süchtig sind, kann man sagen, die spüren sich nicht, aber die
sind so schnell verletzt und tun sich dann sofort mit Substanzen beruhigen. Und dann vornedran wissen
sie nicht mehr was sie eigentlich verletzt hat. Und denen muss ich dann immer sagen. Sie müssen
schauen, was vorher gewesen ist, bevor sie getrunken haben oder Drogen genommen haben. Was hat
sie eigentlich verletzt?
[00:45:42.600] – Bemerkung 6
Ja, das heisst man muss eigentlich nüchtern bei den echten Emotionen beginnen.
[00:45:44.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Also wenn ich mit erwachsenen Alkoholikern arbeite, ist nicht mein Prinzip den Alkohol loszuwerden. Den
werde ich dann irgendeinmal los, sondern immer die eigenen Emotionen wahrnehmen und die
Benennen, die bei sich behalten und nicht gerade die weg machen wollen mit Suchtmitteln. Das ist das
Prinzip.
[00:46:25.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einen, das hat wunderbar funktioniert über mehrere Jahre hinweg und der spürt sich jetzt.
[00:46:33.580] – Bemerkung 7
Wenn sie Medikamente haben, spüren sie sich ja nicht mehr.
[00:46:33.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Medikamente tun natürlich immer Symptome bekämpfen. Medikamente sind nie Entwicklungsförderer. Es
sind Leistungsförderer, aber keine Entwicklungsförderer. Nicht Entwicklung fördern, sondern nur
Symptome bekämpfen und Leistung erhöhen. Ritalin macht Leistungserhöhung das ist schon so. Früher
haben die Medizinstudenten auch wenn sie die Prüfung schreiben mussten, haben sie Ritalin genommen.
Die ganze Nacht durchgearbeitet. Ja kann man leisten. Viele Sportler nehmen so Zeug und dann sagt
man ist ein ADHS und dann darf man es. Dann ist es ein Medikament.
[00:47:16.410] – Bemerkung 8
Was muss man tun, damit man das Kind nicht aus dem System nehmen muss?
[00:47:40.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Also als Familientherapeutin ist meine erste Intervention immer, das System unterstützen, das System
verändern so dass das Klima verändert wird, dass das Kind drinnen bleiben kann. Aber manchmal ist die
Situation so, dass das System nicht in nützlicher Frist verändert werden kann oder vielleicht gar nicht
verändert werden kann, weil alles schon so verfahren ist, weil alles schon so extrem ist, dann muss ich es
herausnehmen.
[00:48:17.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein primärer Versuch ist immer das System zu verändern aber manchmal muss ich auch aufgeben und
sagen nein, das geht nicht, da muss ich jetzt das Kind herausnehmen.
[00:48:28.430] – Bemerkung 9
Die vielen Faktoren der Umgebung spielen eine Rolle?
[00:48:29.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Die vielen Faktoren müssen besser miteinander spielen, sodass das Kind in einer Atmosphäre ist, welche
Gedeihender wirkt also die dem Kind hilft, sich gesund zu entwickeln. Aber Kinder die sind natürlich in
eine Entwicklungsphase und von dort her kann man nicht ewig warten. Also man muss dann immer
schauen, wann geht es zu lange und ist zu viel und wann muss man herausnehmen. Wenn das System
sagt, ich kann nicht mehr, dann ist mir ist lieber das System, die Mutter sagt ich kann es nicht mehr mit
dem Kind, ich kann es einfach nicht, dass sie dann sagt, das akzeptiere ich und dann suche ich etwas für
das Kind. Wenn eine Mutter sagt, ich kann zwar nicht mehr, aber ich will können, dann ist sie in einem
ständigen hin und her und das ist wirklich schrecklich. Also mir ist lieber, also so wie mein Personal
gesagt hat mit dem Patienten kann ich es nicht mehr, mir ist lieber, wenn die Bezugsperson sagt, es ist
mir zu viel.
[00:49:53.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Drogensüchtigen, da hat man dann manchmal gesagt, ihr müsst das Kind hinauswerfen, dann
merkt es dann was es verliert. Das ist Blödsinn. Nie Beziehung abbrechen als Erziehungsmethode!
Sondern die Mutter darf sagen, ich kann nicht mehr, es ist mir zu viel, ich bringe das nicht hin, ich gehe
kaputt und wenn eine Mutter kaputt geht, dann bringt das dem Kind gar nichts. Dann muss das Kind
wieder für die Mutter schauen und dann haben wir wieder das, dass das Kind für die Mutter
verantwortlich ist und das kann es nicht sein. Und da bringe ich immer das Beispiel vom Flugzeug. Man
muss zuerst die eigene Maske anziehen, Sauerstoffmaske und erst dann dem Kind helfen. Wenn man
zuerst dem Kind hilft, vielleicht ist man schon lange ohne Sauerstoff und kann nicht mehr recht helfen.
Und das sage ich dann jeweils den Müttern. Also es ist wichtig, dass man selber für sich schaut und wenn
man nicht mehr kann, lieber das sagen. Da sind manchmal gerade die Mütter unehrlich.
[00:50:55.400] – Bemerkung 10
Man muss das Umfeld ändern um dem Kind zu helfen?
[00:51:21.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man systemisch denkt, sagt man zuerst dem Umfeld helfen, dann kommt das Problem vom Kind
selber in den Gang. Das ist immer mein primärer Ansatz. Ich kann den Eltern beibringen, dem Kind zu
helfen. Also ich kann der Eltern Methoden beibringen, wie können sie mit dem Kind in dem Moment
umgehen. Klar ich kann auch noch mit dem Kind arbeiten und dem Dinge zeigen. Je kleiner die Kinder
sind, umso mehr will ich eigentlich nur dem System helfen. Wenn sie in der Pubertät sind, dann kann man
sehr wohl schon auch dem Jugendlichen helfen. Das Problem ist, wenn ich nur dem Jugendlichen helfe
und den Eltern nicht, dann sage ich indirekt: deine Eltern taugen nichts. Ich muss jetzt das machen. Also
ich komme hier in eine Konkurrenz mit den weiblichen Eltern. Ich will natürlich nicht dem Kind sagen,
deine Eltern taugen nichts. Ich sage jeweils jedes Kind hat Anrecht auf starke Eltern, die mit ihm
umgehen können. Wenn das Kind weiss, die Eltern können nicht mit mir umgehen, dann hat das Kind ein
schlechtes Gewissen. Dann sagt es, ich bin so ein schlechter Mensch, dass ich meine Mutter depressiv
mache. Das hört man. Also die Kinder haben dann ein schlechtes Gewissen, wenn es der Mutter schlecht
geht. Ich muss jetzt zum Psychiater gehen, denn ich bin falsch.
[00:53:24.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her probiere ich natürlich immer zuerst dem natürlichen System zu helfen, das zu unterstützen.
Aber es gibt Situationen, wo es nicht reicht und es nicht geht. An erster Stelle probieren, dem natürlichen
System zu helfen, dass das das Kind unterstützen kann in anderen Strategien.
[00:53:42.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich dem ganzen System helfe, dann sage ich ihr könnt auch Rollenspiele machen also ihr könnt
auch: du spielst mal das Kind und das Kind spielt dich. Also in der Familientherapie muss man viel
solcher Rollenspiele machen, wo man dann Psychiater spielt oder halt Familie spielt und dann tut man
den Platz wechseln und das ist oft sehr hilfreich. Ich habe zum Beispiel ein Kind gehabt, das ist ein
scheues Kind gewesen in der BEZ, das ist immer davon gerannt und dann haben wir dann eine
Konferenz gemacht mit den Eltern und der Klassenlehrerin. Dann habe ich die Idee gehabt, ich habe das
vorher noch nie gehabt, dass ich gesagt habe, das Kind ist scheu, das braucht immer einen Tutor. Also in
Amerika macht man es so, man bekommt einen Tutor neben sich gestellt, wenn man neu lernt. Und dann
habe ich gesagt, alle Kinder der Klasse müssen das Tutoriat, also müssen eine Woche lang neben dem
sein und ihm helfen und ihn beschützen. Sie dürfen aber auch sagen, jetzt hast du dich ein bisschen
extrem benommen, vielleicht wäre es besser wenn so und so. Also sie dürfen ihn auch ein bisschen
beraten, aber sie müssen ihn beschützen.
[00:55:11.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat mit dem Mädchen angefangen, die können das ein bisschen besser oder das sind natürliche
Mütterchen. Ja die haben das gemacht. Die helfen auch dem Lehrer wenn der der nicht durchkommt.
Und Mädchen und dann Buben und so hat der scheue Knabe, hat mit jedem Klassenkollegen,
Klassenkollegin eine nähere Beziehung entwickeln müssen, respektive alle haben müssen zu ihm eine
Beziehung entwickeln. So hat man das durch die ganze Klasse durchgemacht und einmal ist er dann
wieder davongerannt und das ist im Turnen gewesen. Dort hat das Mädchen nicht mitgehen dürfen, wo
daran gewesen wäre.
[00:56:07.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Den haben wir durch die Schule gebracht. Der hat später auch die Lehrerin besucht und es hat gut
funktioniert. Ich habe mit der natürlichen Situation gearbeitet und mit seinen Kollegen gearbeitet. Der
Klassenlehrer ist bereit gewesen, das zu machen. Die Eltern sind bereits gewesen, da mitzumachen und
es hat funktioniert. So muss man immer wieder neue Sachen herausfinden. Es ist nie gleich, aber als
erstes probiere ich immer, das natürliche System zu unterstützen. Sie gehören dann auch zum
natürlichen System, wenn das Kind bei ihnen wohnt.
[00:56:38.160] – Bemerkung 11
Bei einem fünfjährigen Kindergartenkind das verweigert immer alles, es kooperiert nicht. Druck erzeugt
immer Gegendruck. Was soll ich tun?
[00:57:16.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist jetzt Orientierungsreaktion. Also Kinder, die so reagieren die haben Mühe von einer Situation zur
anderen zu gehen. Wir sind das gewohnt und ja kannst du nicht ein bisschen auf die Seite ja ich gehe
gleich. Bei den meisten geht es bei dem Kind geht es nicht. Da muss man dann auch hingehen. Das ist
wieder das Pferd, wo man beim Kopf beginnt und dann beim Fuss endet. Man muss das Kind
anschwatzen. Dem sage ich Appell. Wie heisst das Kind? Mira, ich habe ein Problem. Du Sitz sitzt hier,
ich sollte jetzt hier das hier hinrücken, wie machen wir das? Langsam und erst dann am Schluss sagen:
Wärst du bereit bitte ein bisschen weiter weg zu gehen. Aber zuerst die Situations schildern, zuerst das
Problem schildern und sagen, ich habe ein Problem, ich sollte jetzt hierhin aber ich will dich nicht einfach
wegschicken.
[00:58:22.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Also das Kind zu einer Kooperation bei dem Problem bringen. Nicht Zack-Boom, weg und ich mache
weiter. Das ganze zu Verlangsamen lohnt sich! Wir können auch das Kind fragen, wie viel vorher muss
ich dir ankündigen, dass ich dann dort hin will und du den Platz dann freigibst.
[00:58:48.040] – Bemerkung 11
Die Frage ist wieviel versteht das Kind und ist das Kind soweit?
[00:58:48.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das stimmt aber gerade dann, muss man noch langsamer kommunizieren noch langsamer. Aber ja,
du bist da, ich bin hier, also das könnte man auch non verbal machen.
[00:59:17.500] – Bemerkung 11
Sie übt sehr gerne.
[00:59:17.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Eben und da muss man sagen, ich brauche jetzt deine Hilfe. Ich sollte eigentlich dorthin aber dort sitzt Du
noch. Wie machen wir das? Also wirklich verlangsamen, Schritt für Schritt.
[00:59:39.000] – Bemerkung 11
Ihr geht es wohl oft zu schnell, es ist zu viel auf einmal.
[00:59:42.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Eben das ist das und die wird ständig überfahren und wenn sie überfahren wird, macht sie so und das ist
so eine Orientierungsreaktion. Wenn man mit dem Kind zum Zahnarzt geht, dann sagt man, also morgen
gehen wir dann zum Zahnarzt oder in zehn Minuten müssen wir dann gehen also die
Vorbereitungsphase, dass wir nicht so Zack-Boom vom einen ist das andere wechselt. Das ist ganz
wichtig.
[01:00:17.110] – Bemerkung 12
Vielleicht habe ich es jetzt auch falsch verstanden, aber ich habe heraus gehört, sie haben gesagt, das
Kind ist ADHS, es geht zum Psychiater, dann ist das ein Zeichen, deine Eltern haben versagt. Ich
verstehe es aber auch so, dass es heisst: Du bist das Problem.
[01:01:18.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt, alles von dem stimmt und man kann eben Situationen verschieden anschauen und das
stimmt also wenn die Eltern nie Zeit für sie haben. Und dann geht sie zum Psychiater, dann hat sie dort
uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Aber es ist nicht die Realität, also je nachdem ist das gut und es tut
ihr auch gut und sie kann sich vielleicht weiterentwickeln. Und wenn sie es geniesst, dann ist recht, aber
ich habe viele Kinder, wo zum Psychiater geschickt worden sind, wo ich dann als Erwachsen habe und
wo sagen ich bin immer der Problemfall gewesen, die haben mich zum Psychiater geschickt. Ich hätte
sollen etwas ändern und zuhause war die Hölle los. Es kann von vielen verschiedenen Seiten her
angeschaut werden. Beides ist möglich. Ich sehe eben oft bei Teenagern, die sich ganz schlecht
benehmen und wo man dann denkt, die haben überhaupt keinen Moral und nichts. Im Innersten leiden
die, dass sie es nicht besser können und dass die Mutter Leiden muss unter ihnen. Klar meine Aussage,
du musst in die Therapie gehen, ja Teil Kinder geniessen es aber wenn sie dann nachher ins Leben
kommen, haben sie nicht ständig einen Psychiater neben sich der alles abhört. Dem sagt man dann
Therapie verwöhnt.
[01:02:43.620] – Bemerkung 12
Ich bin der Meinung jedes Kind sollte so eine Bezugsperson haben, es muss ja nicht gleich ein Psychiater
sein.
[01:02:44.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich eben eher sagen nein, sie sind die bessere Bezugsperson, denn das andere ist ein
künstliches System. Und dann kommt man in die Welt hinaus und denkt, der Chef muss so sein oder
irgendein Mitarbeiter, den hängt man sich immer an irgendjemand und ich habe einige von diesen
sogenannt Therapieverwöhnten, dann als Erwachsene gehabt und die sind dann auch nicht so
lebenstauglich.
[01:03:21.330] – Bemerkung 13
Eben wenn es dann gerade ein Therapeut ist, der dann auch noch in Therapeutensprache spricht.
[01:03:25.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja genau eben die erwarten dann von allen Therapeutensprache. Das geht nicht.
[01:03:29.560] – Bemerkung 13
Wenn eine 14-jährige mir sagt, ich kann schon sehr gut reflektieren, dann frage ich mich woher sie das
hat.
[01:03:29.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht Umgangssprache nein und von dort her würde ich lieber sie dann unterstützen und das Kind
innerhalb vom natürlichen System lernt sich zu bewegen. Und nicht in irgendeinem künstlichen System.
[01:04:12.440] – Bemerkung 14
Wenn wir zu spät verlangsamen ist es auch nicht gut oder wenn wir zuviel verlangsamen.
[01:04:13.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist schon so. Also man geht auf das Kind ein, man tut Verlangsamen. Übrigens die Marte Meo
Methode, die Macht das ja sehr stark. Wenn man Marte Meo lernt, dann lernt man immer verlangsamen
jedes Schrittchen verlangsamen, jedes zweimal benennen, sehe ich richtig, dass du jetzt das so und so.
[01:05:23.180] – Bemerkung 14
Bei der Marte Meo Methode geht es darum das Positive herauszuschälen. Man schaut jedes Detail an.
[01:05:23.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich zugeschaut habe, läuft alles sehr langsam sehr sorgfältig genau genau und das ist eine
Verlangsamung. Ja klar unsere Kinder müssen dann auch Lernen halt mit solchen Situationen
umzugehen, wo es nicht so schnell geht und wenn sie dann einmal überrannt worden sind, kann man
sagen: jawohl, da bist du überrannt worden, da habe ich pressieren müssen da ist das und das gewesen,
dass man dann das wieder anschaut und stimmt schon Kinder müssen das auch lernen. Im Augenblick,
wo sie es noch gar nicht können wie das Kind da, das kann es einfach nicht, hat es keinen Sinn etwas zu
verlangen, das nicht geht. Das ist wie wenn man ein zwei Monate altes Kind auf die Beine stellt. Es kann
einfach noch nicht laufen, es kann es nicht und etwas verlangen von einem Menschen das er nicht kann,
bringt unheimliche Nöte. Das ist wenn wir ein mathematisches Problem lösen sollten. Wir können es
einfach nicht, dann könnte man stiefelsinnig werden also ja da kann man durchdrehen. Dann muss man
sagen nein, ich kann es nicht, ich kann es jetzt nicht, ich brauche Hilfe.
[01:07:05.560] – Bemerkung 15
Ich habe noch ein Beispiel also etwas erlebt eine Situation, wo gerade das Gegenteil der Fall war, wo ich
noch nie erlebt habe in meiner Karriere. Eine Mutter hat angerufen. Es geht gar nicht mehr wir müssen
unseren Sohn platzieren, 15 Jahre alt. Der Sohn hat dann gesagt, es ginge überall gut, nur zu Hause
nicht. Er hat ein ADHS. Beim ersten Gespräch ist mir schon aufgefallen, dass die Eltern sehr gebildet
sind, sehr hohe Ansprüche haben, Leistung. Er wollte nicht in die Pflegefamilie. Dann hatte ich noch ein
Gespräch mit der Mutter und die sagt noch einen Satz: Jawohl es braucht Veränderung, aber nicht so.
Dann habe ich gesagt, dort müsst ihr ansetzen, dort ist etwas. Die Eltern waren überperfektionistisch. In
der Ehe war auch noch etwas.
[01:10:02.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja also eigentlich selber ganz allgemein, wenn immer ein Kind so Probleme macht, es braucht irgendeine
Veränderung im System. Intellektuelle Eltern, die sind oft sehr gewillt, alles Mögliche zu machen, aber es
passiert alles nur intellektuell. Das emotionale ist oft irgendwo hintendrein, wird unterdrückt kann man ja
auch gut also mit dem Intellekt kann man alles überspielen.
[01:10:31.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin gerade daran, einen Workshop zu geben bei der LIKA, wo ich sage: Wann lässt die Seele den
Körper sprechen? Wir intellektuell orientierten Leuten können unseren Körper verdrängen. Wenn wir aber
an eine Grenze kommen, dann redet auf einmal der Körper. Ich sage der Intellekt kann Lügen der kann
Fake News produzieren, der kann alles, das ist der Mephisto. Aber der Körper der kann nicht lügen, der
redet eine direkte Sprache. Und Teenager reden auch eine direkte Sprache und der hat ganz klar gesagt
ja, es braucht eine Veränderung aber nicht so. Die Eltern haben natürlich die Veränderung nur beim Sohn
sehen wollen und nicht bei sich und das ist häufig so das hintendran ein Paarproblem ist, versteckt, ein
emotionales Bedürfnis, wo nicht befriedigt wird. Die Kinder spüren das. Sie können es zwar nicht
benennen und sie agieren es irgendwie aus.
[01:11:35.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Also bei allen Familien, ich habe ja viele Schizophrenie-Familien gehabt, wo der Sohn oder die Tochter
einen schizophrenen Schub hat, ist hinten dran immer auch ein Paar Problem. Intellektuelle können das
sehr gut verstecken und die Kinder spüren und benennen es auch. In dem Sinn kann man, wenn man
Familientherapie macht, das Kind immer verwenden als Detektiv zum Herausfinden. Aber es ist auch ein
Missbrauch. Man muss es auch selber herausfinden, aber man muss so sanft daran gehen und das Kind
hat ja nichts böses gesagt. Also die Eltern haben da irgendwie Probleme miteinander. Es hat nur gesagt,
es braucht eine Veränderung aber nicht so. Da könnte man dann weiter fragen, was für eine
Veränderung, wo Veränderung, wo harzt es? Ich gehe ja dann jeweils so weit, ich spiele dann immer mit
dem Wort verrückt. Also wenn einer schizophren wird, dann ist der verrückt, dann spinnt er. Also ja er ist
verrückt in seinem intellektuellen System. Er ist verrückt, er ist wütend häufig und ich sage es wird ein
Kind verrückt, im Sinn von Durchdrehen in einem System, wenn man eigentlich im System etwas müsste
Verrücken, sprich ändern und das hat er genau gesagt, es muss etwas geändert werden. Ja und man
redet ja dann immer so, man muss seine Komfortzone verlassen und die verlässt man nicht gern und
wenn man intellektuell ist, kann man die sehr gut verdecken, beschützen weiss ich nicht was. Psychiater
also die Analytiker sagen dann der intellektualisiert, aber er ist nicht hier bei sich angelangt. Ich verwende
manchmal so Bilder vom Antoine de Saint-Exupéry, also der sagt ja: On ne voit bien qu’avec le coeur.
Also man muss mit dem Herzen schauen und nicht mit den Augen also nicht mit dem Intellekt sondern
mit der gefühlsmässigen Empfindung. Ich sage dann: If faut consulter votre coeur, also man muss sein
Herz konsultieren. Wenn ich herausfinden will, ob jemand nicht mehr mag, sei es ein Therapeut, Pfleger
oder eine Mutter oder ein Vater.
[01:14:02.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss ich das spüren, der kann mir sagen nein, nein, ich kann noch alles. Aber ich muss spüren, ob
der am Anschlag ist und er kann mir etwas anderes erzählen, aber ich muss es spüren. Und wenn
jemand am Anschlag ist, dann ja, da muss ich eine Veränderung machen, wenn das Kind am Anschlag
ist, wenn es einfach gar nicht mehr aushält, dann mache ich auch eine Veränderung. Also ich muss auch
von meinen Prinzipien wegkommen je nach Situation. Aber das ist typisch, dass die Kinder eigentlich
alles sehen, spüren und irgendwie aus agieren. Wenn es gut läuft, wenn man dann mit denen arbeitet,
dann sagen hinterher die Eltern, dank meinem Sohn habe ich etwas gelernt. Ich habe sehr viel gelernt
von meinem Kind. Also wenn die Therapie gut läuft, dann tun sie das sogar eingestehen, dass das Kind
sie vorwärtsgebracht hat. Wenn sie nicht lernen wollen, geht es irgendwie auseinander. Sind, die denn
bereit gewesen zum Lernen, die Eltern?
[01:15:11.070] – Bemerkung 15
Ja, die Beziehung war kurz vor dem aus.
[01:15:11.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, wo liegt der Hase im Pfeffer? Wo ist der Hund begraben? Da gibt es ja dann lauter Sprüche. Der
Hund lieg begraben in irgendeinem Beziehungsproblem, das die Kinder sehr gut spüren, die sind noch
viel sensibler. Wir sind schon etwas abgebrüht.
[01:15:45.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Als nächstes habe ich zum Thema erhalten: Was sind Symptome von traumatisierten Kindern? Das ist
natürlich schwierig zum Sagen, da gibt es X Symptome, aber ich tue alles jetzt rückführen auf primitive
Verhaltensmaster. Unter Stress kann der Mensch und das Tier reagieren mit Kampf, also
Aggressionsverhalten und das wären eben die ADHS-Kinder, Männer, die dann aggressiv werden alles
zerschlagen usw. Mit Aggression, mit Kampf, mit Flucht das wäre Rückzugsverhalten und
Verweigerungsverhalten und noch grösseres Verweigerungsverhalten ist der Todstellerreflex. Das sind
Verhaltensmuster, die man in der Tierwelt anschauen kann und die man natürlich auch beim Menschen
anschauen kann. Das ist sehr vereinfacht aber eigentlich kann man sämtliche Verhaltensmuster ein
bisschen Rückführen auf die drei: Kampf, Flucht und Todstellreflex. Nachher kann man noch sagen
ausweichen und der Mensch das Tier kann das nicht so gut, mit unserem Grosshirn, alternative Realität
zu erfinden, die sogenannten Fake News, Alternative Reality.
[01:17:13.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist jetzt gerade grosse Mode und viele flüchten in die alternative Welt. Wenn ich das
psychopathologisch benenne, Schizophrene flüchten eigentlich immer in die alternative Welt. Also in einer
Pseudo-Welt auf eine Metaebene. Nicht nur die Schizophrenen machen es auch Politiker machen es und
alle Menschen können es machen und das ist der Vorteil vom Menschen, der kann eine ganze Welt
kreieren in seinem Hirn, eine vorgestellte Welt und dann nach dieser interagieren. Es gibt ja schon
Beziehungen über das Internet, wo man sich nie sieht, aber man führt eine Ehe, etc. Also die alternative
Welt ist heute zu gross im Gang und die treibt auch ihr Unwesen. Gerade Jugendliche können auch auf
die alternative Welt einsteigen und dann dort nach der Regeln sich benehmen, was nicht sehr tauglich
macht im Leben.
[01:18:21.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Also ich stehe natürlich immer noch für das richtige Leben.
[01:18:23.940] – Bemerkung 16
Die Alternative Welt, ist das auch eine Scheinwelt?
[01:18:24.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, die alternative Welt ist immer auch eine Scheinwelt. Ja, da gibt es verschiedene Scheinwelten. Wenn
man aggressives Verhalten hat, übertrieben aggressives Verhalten und das tritt in der Regel auf, also ich
habe ja vorher gesagt hochsensibel und Kinder wo dann sehr aggressiv werden, sie sind hochsensibel,
man hat ihre Sensibilität gar nicht gemerkt. Man hat nicht gemerkt, wo man ihre Grenzen überschritten
hat und dann auf einmal rasten sie aus, machen alles kaputt, etc. Dann darf man nicht einfach nur das
aggressive Verhalten bestrafen und sie wollen sozialisieren in die Norm, sondern man muss
herausfinden, wo ist die Verletzung gewesen. Das braucht ein bisschen Geduld. Das braucht ein
genaueres Hinschauen und wenn man ein Kind fragt, was ist denn eigentlich gewesen? "Eigentlich" ist
schon eine Verurteilung. Häufig können die Kinder ja nicht sagen, was sie verletzt hat. Also man muss
anfangen beobachten, man muss überlegen, was ist vorne dran gewesen und dann kann man vielleicht
sagen, ist das es das gewesen oder ist das gewesen?
[01:19:45.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal braucht man auch mehrere aggressive Ausbrüche bis man ein bisschen hinter das Muster
kommt und dann muss man das Muster versuchen zu benennen. Denn häufig können es die Kinder
selber nicht benennen. Aber man kann beobachten, man kann sehen, was das Kind nicht gerne gehabt
hat. Ich habe ja vorher gesagt, man muss sich Verlangsamen. Man muss lernen und in dem Sinn wird es
so wie fast eine wissenschaftliche Angelegenheit. Also wenn wieder ein Ausbruch ist, dann können sie,
also nicht dann auf das Kind los, sondern einfach selber ruhig bleiben und dann vielleicht auch
miteinander austauschen. Was hätte es auch gewesen sein können. Der eine hat das gesehen und der
andere das und dann muss man so ein bisschen raten. Ich habe zum Teil eine Supervision gemacht für
Personal in geistig Behinderten Werkstätten hat und die können ja nicht so gut sprechen. Die können
nicht sagen, was sie gestört hat und am Anfang hat man die geistige Behinderten nur wollen dann wie
soll ich sagen zurückbinden und ich habe dann probiert zu beobachten, zu fragen, was es ist. Sobald das
Personal gelernt hatte, zu beobachten und zu sehen was ist dann auf einmal haben sie mit ihnen
umgehen können. Während sie vorher den schon erwachsenen Mann eingesperrt haben, mit
Medikamenten heruntergeholt und so weiter, in die Klinik getan, etc.
[01:21:17.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Also man muss sich verlangsamen, muss beobachten, muss herausfinden was es hätte sein können
sein, was hätte können verletzen. Bei einem Pferd, Pferde sind ja Fluchttiere und die können ein
Papierstreifen sehen der ein bisschen zu weiss ist, also der heraussticht, dann hauen sie ab. Dann muss
man herausfinden, was es gewesen ist. Dann steigt man ab und führt es an dem Papierstreifen vorbei.
So müssen sie es eigentlich auch bei den Kindern machen. Da ist sehr hilfreich. Das ist auch interessant.
Eine Mutter, also eine Frau beobachtet vielleicht etwas anderes oder hat eine andere Hypothese und der
Mann eine andere und dass man dann das Beobachtungsmaterial etwas zusammenführt und schaut was
hat es können sein.
[01:22:05.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick wo man lernen will, ist das auch spannend. Also ja, es ist ein Prozess wo man macht. Also
immer die Ursache der Verletzung probieren herauszufinden. Es kann auch sein, also was wir vorher
gehabt haben, man hat zu schnell von einer Situation in die andere gewechselt, dann gibt es auch die
aggressiven Abwehr Verhaltensweisen, also dass wenn man wechselt, von einer Situation zur anderen
dass man sich dort verlangsamt, dass man ein wenig vorbereitet, dass man sagt, jetzt tun wir dann das
machen oder dann ist das. Aber nicht so um 10 Uhr ist dann das und das und dann musst Du bereit sein.
Nicht so, sondern ruhig. Nicht die Haltung haben, ich bringe es ja sowieso nicht hin und das Kind macht
nicht mit. Also nicht schon in einer Abwehrhaltung sein. Das wäre das eine.
[01:23:05.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Flucht wäre, die Hauen ab. Also wo ich auf der Aarburg gearbeitet habe, sind sie immer auf die Kurve
gegangen.
[01:23:14.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Und man darf natürlich nicht weggehen, dann tut sich ja das Menschlein aus dem Einflussbereich von
einem weg bewegen. Da kann man bestrafen, dass er abgehauen ist oder man schauen kann, was ist
vorher gewesen warum hat er müssen abhauen. Von dort her müsste man dann immer schauen vor was
ist er geflüchtet. Manchmal flüchten sie nicht vor ihnen aber sie lösen es vielleicht einen Trigger aus, dass
Eltern immer das und das gemacht haben und wenn sie nur in die Nähe des Triggers kommen und so
etwas ähnliches machen, dann weg, geflüchtet. Also dass sie herausfinden, was ist der Trigger gewesen
und nicht bestrafen dafür, dass das Kind abgehauen ist. Das wird viel verwendet, also auch eher Knaben,
die flüchten aber auch Mädchen flüchten. Da müsste man immer Fragen vor was ist geflüchtet? Aber oft
kann man es nicht sagen, also kann es die Person selber nicht sagen, auch dort muss man wieder
beobachten, miteinander reden vor was ist es geflüchtet. Dann schauen, inwiefern hat das eigene
Verhalten erinnert an frühere Situationen, sodass es geflüchtet ist? Unser Hirn ist so konstruiert, das ist
an sich effizient konstruiert und man muss nicht das ganze Verhaltensmuster ablaufen lassen, damit dann
wieder die Reaktion kommt. Es kann nur eben ein sogenannter Trigger sein und dann kommt schon
wieder die Reaktion. Das ist an sich Effizienz, aber für uns, die dem Menschen helfen wollen, ist es
natürlich nicht geeignet.
[01:25:04.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind sich wehrt über Rückzug, also in der Pubertät, tun ja alle Kinder eher mit Rückzug
reagieren, sie gehen ins Zimmer, sie sagen, ich will nichts mit dir zu tun haben. Also sie ziehen sich
einfach zurück. Wenn ein Kind sich wehrt mit Flucht nach innen, ist es wichtig, dass man es nicht zu fest
zum Sozialkontakt forciert. Und da bringe ich auch wieder Antoine de Saint-Exupéry, wo der kleine Prinz,
das Füchslein zähmen tut: Il faut apprivoiser. Man nähert sich ein bisschen, geht wieder weg, nähert sich
ein bisschen und Teil Kinder brauchen lange bis sie sich angewöhnt haben, lange bis sie Vertrauen haben
und man kann nicht sagen, du kannst Vertrauen in mich haben. Du kannst mir alles sagen. Das ist nicht
auf der intellektuellen Ebene. Die die Kinder müssen das zuerst spüren. Es gibt solche, wo ganz schnell
Vertrauen haben und es gibt solche wo ewig lange brauchen, also eben hochsensible, hochscheue, die
Brauchen länger. Und dass sie dann Geduld haben zu warten und nicht den jungen Menschen
überlaufen, überrennen, mit guten Ideen, mit reden etc., sondern auch dass man wartet.
[01:26:30.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich sagt man Körperkontakt ist etwas Gutes. Streicheleinheiten sind gut, aber wenn die Kinder
sehr scheu sind, dann muss man schauen, wie viel Nähe vertragen sie, wie viel Distanz brauchen sie und
dass man kann Bezug machen, auch ohne dass man reden muss und ohne dass man halten muss. Also
dass man da herausfindet, welche Distanz braucht das Kind. Wenn das Kind genau das Gegenteil hat, es
gibt auch solche Kinder, die hängen sich einem an, oh und ich muss und Nähe und so. Je nachdem wir
Schweizer sind nicht sehr mit Nähe und dann vielleicht sucht das Kind das wahnsinnig. Dann kann das
einem fast ein bisschen unangenehm sein, und wir finden uh, das ist zu viel. Das kommt mir jetzt zu
nahe. Da ist ganz wichtig wenn das Kind so sehr Körperkontakt sucht, dass man nicht abweisend
reagiert, denn das merkt es natürlich sofort. Das Kind kann nicht verstehen, ich bin da halt nicht so. Ich
bin da etwas anders, sondern es fühlt sich dann selber wieder zurück gestossen. Also von dort her
zulassen, den Körperkontakt und erst mit der Zeit schauen, was ist das richtige Mass für einem. Also
dass man das aushält. Ich habe diesbezüglich müssen Patienten übernehmen, wo in einer Institution
gewesen sind, wo wir mit Körperkontakt die behandelt hat. Das ist eine Zeitlang gemacht worden bei den
Borderline Patienten. Es hat Institutionen gegeben, wo mit nacktem Oberkörper ihre Patienten umarmt
haben. Und die sind das gewohnt gewesen, die Patienten. Ich habe natürlich nicht einen nackten
Oberkörper gehabt, das ist klar. Ich bin angelegt gewesen, aber ich habe die müssen mich umarmen
lassen. Ich war das sonst nicht gewohnt von meinen Patienten. Ich habe das auch müssen lernen. Und
das ist sehr interessant gewesen, wenn die mich dann gehalten haben oder die haben wollen von mir
gehalten sein. Das ist fast wie eine Meditation gewesen. Also ich habe ganz ruhig müssen bleiben, gut
bei mir, ganz bei mir und einfach halten. Wenn ich so gegenüber sitze, dann kann da meinem Patient
irgendetwas sagen. Ich kann etwas anderes denken. Ich kann irgendwo hingehen und es passiert nichts.
Aber sobald ich Körperkontakt habe, darf ich das nicht. Da muss ich wirklich ruhig sein, meditieren und
einfach da sein. Und in dem Sinn ist es eine interessante Übung gewesen für mich. Ich habe gelernt,
einfach halten und ruhig sein. Man sagt ja, bei kleinen Babys, bei denen macht man das, die nimmt man
in den Arm, die hält man. Wenn man die Babys im Arm hat, dann löst das bei einem das Kuschelhormon
aus, also das Oxytocin.
[01:29:33.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst man wird ruhig, ja sie kennen das, es ist so schön und darum hat man auch so gerne so
kleine Babys. Die sind immer ein Valium oder ich weiss auch nicht was. Man ist einfach. Man sagt, es löst
bei den Frauen Oxytocin aus und Frauen haben es sowieso mehr. Wenn sie Stillen und so weiter. Man
sagt ja Stillen man wird still, man wird ruhig, man kommt oben runter. Es kann es auch bei den Männern
auslösen, also auch Männer, wenn sie so diese Babys halten, kann das Oxytocin auslösen. In dem Sinn
hat man von diesen Borderline Patienten gesagt, die haben keine gute Bindung und die müssen wieder
eine Bindungserfahrung haben und darum muss man die halten.
[01:30:26.250] – Dr.med. Ursula Davatz
So habe ich dann die Leute auch gehalten mit den Kleidern an und habe mich selber beruhigt dabei. In
dem Sinn, wenn sie jemand der ihnen anvertraut ist, haben, der zu viel Beziehung will oder für sie zu viel,
dass sie es halt aushalten und einfach ruhig sind.
[01:30:49.700] – Dr.med. Ursula Davatz
[01:32:47.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gleiche kann man auch machen, wenn ein Kind schwierig daran ist, wir sind ja, wir wollen immer, wir
sind oft Handlungstypen und wenn ein Problem ist, wollen wir gerade etwas helfen oder etwas verändern.
Und manchmal wenn mich eine Mutter fragt ja was muss ich dann machen? Ich weiss nicht was machen
und das Kind ist verzweifelt, weiss ich nicht was. Dann sage ich als erstes sich selber beruhigen. Und ich
sage dann manchmal auch in der Anwesenheit von ihrer Tochter und ihrem Sohn, Meditieren. Also nicht
sagen ich halte es nicht mehr aus und ich muss weg, nicht sagen, ich muss dir unbedingt helfen und
irgendetwas machen, sondern einfach da sein. Das ist etwas vom schwieriges, wo wir nicht mehr so gut
können. Jeden Moment, muss immer benutzt sein und irgendein Rendement bringen, irgendeine
Effizienz. Und einfach nur dabei sein, das können wir nicht mehr so gut. Aber gerade in der Psychiatrie
wird jetzt da auch viel sogenanntes Achtsamkeitstraining gemacht. Und viele Erwachsene lernen das.
Das besteht eigentlich aus nichts anderem als sich selber zu spüren, vielleicht den anderen spüren, die
Luft spüren, aber nichts müssen machen. Das fällt uns oft schwer, nichts können, nichts machen zu
dürfen. Gerade wir Ärzte, wir sind sehr Handlungstypen uns fällt es sehr schwer einfach nichts machen
zu können. Aber da sein, spüren, nichts machen, keine Idee haben, ist eine Leistung. Ist eine Leistung
und hilft dem anderen auch zur Ruhe zu kommen. Denn wir kommunizieren ja miteinander und wenn das
gegenüber merkt, die will jetzt irgendetwas von mir, ich sollte da irgendetwas machen, dann gibt es
Unruhe, dann schaukelt man sich gegenseitig hinauf und es bringt gerade einmal gar nichts.Dr.med.
Ursula Davatz (01:32:47)
[01:32:47.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her anwesend sein, nichts tun. Die Beziehung nicht abbrechen. Die Distanz überhaupt nicht
verändern, nicht näher nicht weiter, sondern einfach diese Distanz aushalten. Ich denke, das ist auch
wieder etwas. Und dann natürlich immer schauen, was ist vorne dran gewesen. Was hat zur Unruhe
geführt.
[01:33:13.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Weitere Verhaltensweisen, die auftreten bei Menschen die ein Bedürfnis haben und gerade Jugendliche,
ist zum Beispiel stehlen. Ich habe ja heute am morgen gesagt, der ist Bücher stehlen gegangen zum
Geld verdienen für die Mutter. Ich hatte einen Jungen der, der hat beim Vater eine 1000er Note gestohlen
damit er mit der Mutter in die Ferien gehen kann. Denn der Vater wollte die Alimente nicht bezahlen. So
Kinder helfen ihnen. Also wenn gestohlen wird, dann ist das eigentlich immer ein Zeichen, es fehlt mir
etwas, ich brauche irgendetwas, aber die Kinder können natürlich nicht sagen, was sie brauchen. Sie
machen über soziales Fehlverhalten machen sie darauf aufmerksam, es fehlt etwas. Es läuft etwas nicht
recht. Sie können auch stehlen zum aufmerksam machen auf ihr Herkunftsfamiliensystem, also wie der
Bub, wo hier gesagt hat, ja es muss etwas ändern, aber nicht so.
[01:34:15.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Also wenn Jugendliche oder Kinder ein Fehlverhalten zeigen, ist das nicht einfach das Kind, wo falsch ist
oder schlecht ist, sondern es will eigentlich immer aufmerksam machen auf etwas. Und dass man da
auch wieder nicht gerade Symptome bekämpft, das Fehlverhalten bestraft, sondern schaut auf was will
es aufmerksam machen. Wir sehen das auch wieder in der Natur. Also wenn eine Vogelmutter kleine
Vögel hat im Nest und eine Katz kommt in die Nähe, dann geht die Mutter, die Vogelmutter etwas weiter
weg Nest und macht so und tut die Katze ablenken auf sich. Da ist es die Mutter die ablenkt von den
Jungen. Bei den Menschenkindern sind es oft Kinder, die zeigen es fehlt etwas, etwas läuft etwas nicht
recht und von dort her nicht das Verhalten einfach bestrafen und korrigieren wollen und normieren,
sondern immer schauen was fehlt wo fehlt etwas? Also dass das Symptom immer eine Bedeutung hat
innerhalb vom grösseren System. Das ist auch wieder systemische Denken, familientherapeutisches
Denken, dass man sagt jedes Symptom sei das jetzt Fehlverhalten oder auch ein somatisches Symptom,
also ein Krankheitssymptom, zeigt auf im System stimmt etwas nicht. Also jedes Symptom wo Auftritt
muss man eigentlich interpretieren innerhalb vom grösseren Kontext. Also in dem Sinn hat alles
Fehlverhalten einen kommunikativen Wert.
[01:35:58.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt, wenn man ärztlich da rangeht, wird das Fehlverhalten einfach korrigiert und weggemacht. Da sagt
man dann, wenn man ein Symptom weg macht, gibt es eine Symptomverschiebung und es wird irgendwo
anders wieder ein Fehlverhalten gemacht. Also von dort her, nicht mit dem medizinischen Modell
hingehen und das Fellverhalten unterdrücken wollen, sondern schauen, was hat das Fehlverhalten für
eine Bedeutung im weiteren Kontext, also immer das weitere Blickfeld anschauen.
[01:36:30.420] – Bemerkung 17
Das mit der Ruhe, das löst ganz vieles aus. Das halten nicht alle aus. Sprechen sie über diese Ruhe?
[01:36:59.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage der Mutter, wenn sie sagt, ich halte das nicht aus. Also meistens, wenn es Eltern ja nicht mehr
aushalten, dann schicken sie das Kind ist das Zimmer dann wird eine Auszeit gemacht. Du gehst jetzt ins
Zimmer bist du wieder normal bist. Da tut man auch wieder das Kind wollen beeinflussen, dass es sich
verändert. Heutzutage sagen gewisse Mütter auch, ich halte es nicht mehr aus ich ich muss jetzt in mein
Zimmer gehen, sonst explodiere ich. Dann läuft wenn es ein kleines Kind ist, wo die Beziehung noch
braucht, läuft das Kind hinten nach. Dann sagt die Mutter aber das Kind kommt mir hinten nach. Dann
muss ich der Mutter sagen nicht davon laufen, nicht ins Zimmer schicken, sondern hier bleiben und jetzt
sage ich meditieren. Ich könnte das auch sagen, eine Atemübung machen, also die Hände auf den Bauch
und Bauchatmung machen und einfach nur sich beruhigen. Also nichts an der Distanznähe der
Beziehung ändern, dort bleiben und nur sich beruhen.
[01:38:11.100] – Bemerkung 17
Das ist jetzt mit dem Kleinkind oder?
[01:38:12.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem bei den Teenagern wäre das auch eine Möglichkeit. Einfach nichts mehr sagen.
[01:38:23.650] – Bemerkung 17
Ja, das ist dann aber unüblich.
[01:38:23.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das stimmt, es ist unüblich. Vielleicht dann so etwas sagen wie jetzt muss ich kurz überlegen, jetzt
weiss ich auch nicht mehr weiter. Also nicht am Kind irgendetwas machen wollen. Jetzt muss ich
überlegen, jetzt weiss ich auch nicht mehr weiter, ja jetzt brauche ich Ruhezeit zum Nachdenken, also ein
paar unwichtige Worte sagen. Ja wirklich unwichtige Worte. Also ich sage manchmal also wir haben hier
ein Problem und hier ist die Spitze vom Problem. Ich mache jetzt einen Kreis und ich sage dann
tangential, das Problem berühren, aber nicht konfrontativ. Hör auf mit dem oder irgend soetwas oder ich
kann jetzt nicht mehr, sondern etwas unwichtiges. Nichts schuldauslösendes sagen.
[01:39:25.030] – Bemerkung 17
Das ist Tricky, das es nicht gleich wieder eine Handlung ist. Bei sich bleiben, Pause machen.
[01:39:28.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum sage ich, etwas unwichtiges sagen zum Symptom. Also ich habe eine Patientin gehabt und
dessen Mann ist immer Velofahren gegangen, wenn er Alkohol trinken wollten. Dann ist er nicht mit dem
Auto gegangen, dann hat er gewusst jetzt will er Alkohol trinken gehen. Das ist ja für den Co-Alkoholiker
und den Alkoholiker ist das immer ein Problem. Also man will die Stoppen am Alkohol trinken und man
macht alles falsch. Man wird zum Co-Alkoholiker. Da habe ich dieser Frau auch beibringen müssen, dass
sie wenn sie sieht, jetzt nimmt er das Velo, jetzt geht er wieder Trinken; ich habe ihr gesagt, dass sie
sagen muss: Geht du Velofahren oder gehst du Velofahren?
[01:40:44.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Also die Zweideutigkeit von dieser Situation benennen. Ich sage auf das Symptom Bezug nehmen auf
eine lockere Art. Indem sie gesagt hat, gehst du Velofahren oder Velofahren? Bezug nehmen auf die
Situation auf eine lockere Art. Darum sage ich, etwas unwichtiges sagen. Also nicht sagen: Hör doch auf
mit dem, sondern: ich habe zwar gemerkt, dass du jetzt das und das machst, aber ich kann es nicht
ändern, ich muss es auch nicht ändern, aber ich signalisiere, ich nehme die Situation wahr. Und in dem
Sinne die Situation wahrnehmen, dem Kind nicht wollen etwas auftragen, sich nicht unter Druck setzen,
sondern einfach, ich nehme es wahr.
[01:41:36.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist hohe Schule, man kann es nicht immer. Ich komme manchmal auch Anschlag, wenn mir Leute
gegenüber sind, die auf mich einhämmern. Ich sage dem dann immer die Bezug nehmen auf die
Symptome auf eine lockere Art.
[01:41:50.810] – Bemerkung 18
Soll ich mich rausnehmen um eine Machtkampf zu verhindern?
[01:42:28.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Also wenn man sich herausnimmt, ist es gut, dass man sich fein verabschiedet. Das ist alles hohe
Schule. Also der andere macht irgendetwas verrücktes und sie wollen sich dann auch herausnehmen. Es
ist hilfreich, wenn man sagen kann, ich sehe, du bist jetzt weiss auch nicht was, wahnsinnig verrückt, ich
brauche jetzt das und das und darum mache ich jetzt das und das. Wichtig ist, dass sie das was sie
machen, noch ein bisschen benennen. Nich lange erklären. Relativ knapp aber doch benennen. In dem
sie es benennen, gibt es wie eine kleine Verankerung in der Realität. Wenn sie nur einfach weggehen,
dann ist es mehr eine Bestrafung. Hingegen wenn sie es noch leicht benennen und dann weggehen,
dann ist nicht einfach eine Bestrafung, sondern dann ist eine Äusserung von ihrer Situation. Eine
Beschreibung von ihrer Situation. Sie als erwachsene Person können das natürlich besser als das Kind.
Das ist klar. Und es hilft dem Kind also es dient dem Kind dann auch als Vorlage, dass es später das
auch mal kann. In der Regel hat man die Tendenz einfach dann halt davon rennen. Ich kann jetzt nicht
mehr. Ich kann jetzt nicht mehr das ist ich bin verzweifelt, ich habe es auch nicht mehr im Griff besser
wäre: es wird kritisch, ich sehe dir geht es so und mir so und darum mache ich jetzt das.
[01:44:04.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Also dass man nicht einfach nur eine Verzweiflung signalisiert dann dann fühlt sich das Kind wieder
verantwortlich für ihre Verzweiflung. Das ist nicht so gut. Aber das ist hohe Schule.
[01:44:16.370] – Bemerkung 19
Sie haben heute noch etwas gesagt bezüglich der Validierung. Können sie dazu noch etwas sagen?
[01:44:16.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie validieren dem Kind seine Situation, sie validieren ihre eigene Situation und sagen dann und jetzt
mache ich das. Und indem sie das Kinder validiert haben, sich validiert haben, haben sie die Situation
schon ein bisschen mehr im Griff, nur über das Benennen. Man sagt ja wenn man in einer riesigen
Problemsituation ist also emotional in einem Engpass, indem man benennt, was die Situation ist also in
Worten ausdrückt, geht 50% vom Stress weg. Das ist das wo sie sich den Stress nehmen, dem Kind den
Stress nehmen. Es ist immer noch stressig, aber eben 50% kann man beruhigen und für das ist natürlich
unsere Sprache super. Es kommt einem nicht immer in den Sinn. Man denkt nicht immer daran,
manchmal tut man auch impulsiv reagieren.
Bemerkung 20 (00:23)
Geht das auch unter den Aspekt Gedanken schieben?
Dr.med. Ursula Davatz (00:27)
Ja, doch das ist auch so eine Technik. Kinder können ja ihre Situation noch nicht so gut
benennen und sie können dann sagen, ich sehe so und so und so und so, das sehe ich
bei dir, das wäre spiegeln und dann noch sich selber spiegeln. Und bei mir ist das und
das und darum mache ich jetzt das und das. Aber es soll eine eigene Handhabung sein
und nicht eine Bestrafungshandhabung. Kinder sind natürlich sehr sensibel und können
schnell etwas als Bestrafung anschauen, aber wenn sie Gut bei sich sind merken und
respektieren sie auch, dass sie von sich aus gehen. Dann sehen sie auch die Grenzen.
Also wir haben alle Grenzen und die Mutter hat auch Grenzen und das ist auch wieder
eine Realität.
Dr.med. Ursula Davatz (01:32)
Ich frage vielleicht noch: haben sie Kinder die Fehlverhalten haben, die Stehlen oder
Prügeln oder Zerstören, Vandalisieren oder haben sie das nicht ja?
Bemerkung 21 (01:57)
Ich habe ein Kind, das hat ein Sugus geklaut. Ist das schon ein Fehlverhalten? Sie
haben sich selber bedient. Er hat es aber danach auch gesagt.
Dr.med. Ursula Davatz (02:32)
Nein, hier würde ich sagen, das ist noch nicht Fehlverhalten, aber es hat doch schon
verstanden, ich habe eines geklaut. Wir haben manchmal gesagt, wenn jemand etwas
gestohlen hat, hat man gesagt, ich habe etwas gefunden, das nicht verloren gegangen
ist. Wenn das Kind schon sagt, ich habe ein Sugus geklaut, dann kann man sagen ja
das kann man so sagen, denn du hast eines mitgenommen, weil niemand dort gewesen
ist. Du hast einfach die Handlung, die du gewöhnt gewesen bist, hast du durchgeführt,
auch wenn dir niemand die Erlaubnis gegeben hat. Dann könnte man eigentlich über
das Reden. Das ist hochinteressant. Ja das stimmt dem sagt man dann stehlen. Wie
machst du es ein nächstes Mal? Hier geht es jetzt um Impulskontrolle. Das Kind ist
gewohnt, wenn ich dort vorbeigehe, bekomme ich ein Sugus. Jetzt ist niemand dort
gewesen, dann nehme ich mir es halt selber. Das wäre dann Impulskontrolle.
Dr.med. Ursula Davatz (03:44)
Kannst du daran vorbeilaufen, wenn Kassiererin nicht dort ist und halt sagen okay,
heute ist sie nicht dort oder dann musst du halt warten bis sie kommt und dann
bekommst Du es. Das wäre alles wieder Impulskontrolle. Da ist ja diese berühmte
Versuchsanordnung mit den Marshmellows. Wenn du jetzt gerade eines nimmst, dann
bekommst du eines, wenn du drei Minuten warten kannst, dann kannst du zwei haben.
Kinder die keine gute Impulskontrolle haben, die nehmen dann einfach das eine, lieber
eines als nichts. Die können nicht warten. Das ist etwas, das wir alle lernen müssen,
wenn wir Erwachsen werden und das könnte man mit dem Kind dann schon üben, oder
sagen, könntest du ein nächstes Mal, du sagst es ist geklaut, könntest du daran
vorbeilaufen, wenn die Kassiererin nicht dabei ist und dann keines nehmen? Dann sagt
es: nein, das kann ich nicht oder doch ich probiere es. Das wäre dann schon Lernen
den Impuls zu kontrollieren. Der Hund kann das auch nicht gut, aber man kann es dem
Hund auch ein bisschen beibringen. Man kann sagen: dort ist der Futternapf und erst
wenn ich sage, du darfst jetzt Fressen gehen dann geht er. Aber wenn der Herr weg ist,
dann geht er einfach so. Da kann man sagen, ein Hund kann das nicht, aber du kannst
das. Das ist der Unterschied.
Bemerkung 22 (05:20)
Wir haben eine Jugendliche, die macht Schulverweigerung seit fast einem Jahr. Da geht
gar nichts mehr. Sie wussten nicht mehr was machen. Sie ist 14 Jahre alt. Sie mag
Pferde. Dann haben wir eine Familie gefunden, die Pferde hat und die damit umgehen
könnte. Dann war sie genau eine Nacht dort und ist abgehauen nach Zürich auf die
Kurve. Dort hat sie die Polizei abgeholt und zurückgebracht. Gemäss KESB Verordnung
muss sie platziert sein. Wir mussten ihr das Handy wegnehmen, weil sie zu vernetzt
war, sie war Medien süchtig und hatte mit den Dealern Kontakt. Sie könnte abhauen,
aber sie tut es nicht. Die Pflegemutter ist am Anschlag weil sie non-stop an der Seite
der Jugendlichen ist. Sie ist auch unselbstständig. Über 24 Stunden hat sie die gleichen
Kleider an. Sie hat noch nie am Tisch gegessen. Sie ist verwildert. Sie sagt sie kann
reiten, aber ist dann vom Pferd gefallen. Alles nur im Kopf. 90% ist alles in der
Scheinwelt. In dem Prozess sind wir jetzt und das ist bald zwei Monate.
Dr.med. Ursula Davatz (08:40)
Ich denke, es ist das einzig wichtige gewesen, dass man ihr Handy weggenommen hat,
denn das Handy erlaubt natürlich viele Fake-Beziehungen oder halt Internet-
Beziehungen, die ja nicht wirkliche Beziehungen sind. Indem man das weggenommen
hat, hat sie sich müssen auf die Frau einlassen. Jetzt muss man schauen, dass die
Frau nicht überfordert wird und vielleicht muss man sie auch wieder abhauen lassen
und wenn sie 24 Stunden, nein 12 Stunden oder acht Stunde mit dieser einfach
zusammen ist, ist das einfach zuviel. Was würde passieren, wenn sie zwischendrin eine
Pause macht, haut sie dann einfach wieder ab?
Bemerkung 22 (09:54)
Das Mädchen ist wie ein trockener Schwamm. Sie saugt die Bindung richtig auf. Sie hat
mit einer Begleiterin fünf Stunden ununterbrochen geredet. Ich habe noch nie etwas so
intensives gesehen.
Dr.med. Ursula Davatz (10:02)
Also da würde ich sagen die Frau wo jetzt das junge Mädchen begleitet, die müsste
langsam immer wieder Pause einschalten, wo sie für sich braucht und das Kind darf,
weiss ich nicht was, im gleichen Zimmer sein, etwas für sich machen oder im eigenen
Zimmer und diese Frau macht etwas sich. Das Kind muss ja langsam lernen, dass sie
sich auch selber managen muss. Die hat noch gar nie gelernt, sich selber sein. Hier
muss man aufpassen, dass man nicht alles vorschreibt, sondern dass sie auch muss
selber etwas machen. Man sagt ja Langeweile macht erfinderisch. Man hat solche
Sachen gemacht, dass man den Kindern alle Spielsachen weggenommen hat und sie
haben müssen selber etwas erfinden und ja dann kommen sie selber auf die Idee was
sie eigentlich brauchen. Also Kinder, die zu fest von aussen her immer beeinflusst
worden sind, die wissen gar nicht wer sie sind. Und die Wissen gar nicht was sie
eigentlich wollen und die kommen nur mit sich in Kontakt, wenn sie in einem
geschützten Rahmen wie das jetzt ist, sich selber überlassen sind. Da könnte man
sagen, ich mache jetzt das, Du darfst von irgendetwas etwas auswählen aber du darfst
mich nicht ständig stören. Ich muss mich konzentrieren, aber vielleicht muss sie dann
ab und zu Fragen stellen, dann lässt man sie das. Dass man im gleichen Raum jeder
etwas macht. Das würde ich so ein bisschen üben. Tiere sind immer gut, also die
Reagieren spontan auf das was wir hinaus senden.
Bemerkung 22 (13:01)
Sie sagt Dinge, die nicht der Realität entsprechen, also wirklich 90%.
Dr.med. Ursula Davatz (13:26)
Glaube ich sofort. Das ist ein Phänomen vom Märchen von Christian Andersen, das
kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern. Es zündet immer ein Zündhölzchen an und
dann stellt es sich irgendetwas vor. Je ärmer man ist und so eher geht man dann in die
Scheinwelt.
Bemerkung 22 (13:43)
Sie ist einfach vom Pferd gefallen.
Dr.med. Ursula Davatz (13:55)
Haben die, die das Pferd gehabt haben, nicht gemerkt, dass die gar nichts kann? So
eine müsste zuerst das Pferd führen. Denn die Pferde, die reagieren auf Fake News.
Die merken, wenn jemand lügt, man macht ja mit Managern, macht man so
Pferdetraining, man stellt sie auf die Weide und dann müssen die die Pferde führen. Die
guten Manager, die natürliche Führungsfiguren sind, denen folgen die Pferde und
machen das was die wollen und die vorgespielte Manager, da folgt nichts, kein Pferd
folgt denen. Man muss sie eigentlich eher mit den Pferden Sachen machen lassen und
schauen, wie gut ihr Pferde folgen und anhand von den Pferden sieht man dann, also
die Pferde sind gute Lügendetektoren. Darum mehr mit Pferden machen als sofort
darauf sitzen und Reiten. Man darf nicht auf das Lügenverhalten zu fest eingehen,
sondern man muss zurückkommen in das Wunschverhalten. Also man spürt ja, mit der
Zeit hat man es so ein bisschen rausgespürt wo die Leute lügen und dann ja nicht
konfrontieren: Du lügst. Also da würde ich jetzt nicht zu viel spiegeln, denn da nimmt
man ihr das Pseudoich weg. Dann muss sie wieder ein neues Pseudoich erfinden und
das Pseudoich hätte sie ja nur erfunden, weil sie gar niemand ist. Das Pseudoich muss
man sanft in die Realität hinein holen, nicht zuviel therapeutisch. In Wünsche
formulieren und dann in die Realität kommen. Wenn sie Angst hat, merkt man ja, sie ist
gar nicht dort. Das ist nur pseudo, okay wie gehen wir langsam dorthin. Tiere sind gute
Lügendetektoren. Die Schule kann man vergessen. Lieber Homeschooling das andere
geht nicht. Sie ist clever. So viele tolle Fantasien, das braucht eine Intelligenz. Lügen,
ist intelligent. Intelligente Leute können sehr gut lügen und all das konstruieren aber
irgendwann kommen sie dann auch an den Anschlag. Lügen kostet natürlich sehr viel
RAM, also sehr viel Speicherkapazität im Hirn.
Bemerkung 22 (17:36)
Sie will eine Buch schreiben.
Dr.med. Ursula Davatz (17:36)
Ja, das ist gut. Indem sie ein Buch schreibt, tut sie ihre Geschichte in Worte verarbeiten
und ich meine, wenn man die Schriftsteller anschaut, die lügen alle. Die tun irgendeine
Geschichte erfinden sie nehmen es vielleicht aus der Realität und dann noch bisschen
etwas dazu erfinden. Von dort her ist es erlaubt, es muss ja möglichst gut rüber
kommen. Sie soll Schreiben das ist gut, aber nicht wollen in die normale Schule
schicken. Hat überhaupt keinen Sinn. Nicht wollen normieren.
Dr.med. Ursula Davatz (18:21)
Über das Wunschverhalten in die Realität kommen und schauen, was kann man dort
annähernd machen. Die hat ja hohe Ambitionen, die will alles Mögliche können, aber sie
kann es nicht in die Handlung umsetzen, die ist nur auf dieser Fantasieebene. In dem
Alter hat man sowieso oft tolle Ideen, was man alles will und kann. Da hat man
Grössenwahn Ideen. Wenn man immer nur die Ideen hat und nichts verwirklichen kann,
dann spaltet das, klafft und dann muss man depressiv werden. In dem Sinn muss man
sie zurückholen und in kleinen Schritten helfen. Nicht zu fest spiegeln. Das ist zu
psychologisch.
Bemerkung 23 (19:26)
Was ist denn bei einem Fünfjährigen, das immer Geschichten erzählt. Geschichten,
welche nicht selber dem Kind passiert sind. Wie gehe ich damit um?
Dr.med. Ursula Davatz (19:54)
Nicht zu schnell korrigieren, aber wenn sie merken, das ist eigentlich dem anderen Kind
passiert nicht dir, also sie dürfen sich ja auch nicht verleugnen, dann könnten sie sagen:
Ah, das ist aber eine interessante Geschichte, ist das dir passiert oder ist das dem
anderen Kind passiert?
Bemerkung 23 (20:15)
Das habe ich gemacht.
Dr.med. Ursula Davatz (20:15)
Und dann was hat sie gesagt?
Bemerkung 23 (20:16)
Dann wurde sie unsicher.
Dr.med. Ursula Davatz (20:17)
Sie können auch einfach weitergehen und sagen ja, das ist eine interessante
Geschichte. Es geht ihr ja um die interessante Geschichte. Das ist sie schon eine kleine
Schriftstellerin. Vielleicht wirst du ja mal Schriftstellerin. Wer weiss und die Erzählen
alles Mögliche, was den anderen passiert ist. In diesem Alter gehört das zu der
Fantasie. Ich frage dann die Kinder immer, hast du gerne Aufsätze geschrieben? Ja da
bin ich ganz gut gewesen und man schreibt gute Aufsätze wenn man gut lügen kann.
Also erfinden. Lügen ist immer Kontext abhängig.
Dr.med. Ursula Davatz (21:19)
Wenn man Schriftsteller ist, dann ist das nicht gelogen, sondern hoch fantasievoll und
interessant. Wenn es auf die Realität bezogen ist, oh je, dann ist es gelogen. Also nicht
so fest mit der Moral kommen. Nicht zu fest beschämen. Wenn wir dann zu viel auf der
Realität herumhacken und das Kind merkt uh, ich passe gar nicht in die Realität hinein,
dann kann das beschämend sein. Das wollen wir auch nicht. Die Beschämung ist etwas
vom schlimmsten wo man den Menschen antun kann. Früher ist das gemacht worden
zum Teil heute noch, dass wenn ein Kind eine Legasthenie gehabt hat, 40 Fehler auf
einer Seite, musste es nach vorne stehen und hier seine Schuld bekennen. Seine
Fehler. Katastrophe. Da tut man Aversionsverhalten auslösen, dass das Kind nie mehr
in die Schule gehen will. Also Beschämung ist etwas vom schlimmsten. Darum muss
man immer aufpassen. Also auch Kinder haben schon Wertvorstellung von sich und
wenn man sie zu fest beschämt mit der Realität, tut man in ihrem Selbstgefühl etwas ab
und das wollen wir nicht.
Bemerkung 24 (22:31)
Ich stelle zum Teil die Platzierungen in Frage, wenn man Kinder einer Mutter wegnimmt.
Das Kind hat schon fünf mal den Ort gewechselt. Sie haben vorher ADS erwähnt, als
Rückzug. Was ist ihre Meinung bezüglich wegnehmen des Kindes von der Mutter?
Dr.med. Ursula Davatz (24:32)
Also so hat es vom Schiff her geschaut, würde ich sagen, ist das Recht die Platzierung.
Sie geht ja regelmässig auch nach Hause. Die geht auch nach Hause um zur Mama zu
schauen. Die hat schon die Funktion übernommen, für die Mutter die Verantwortung zu
haben und für die zu schauen. Es kann sein, dass sie in der Schule so schlecht ist. Also
ja, okay, sie hat vielleicht auch ADS, aber die ist so beschäftigt mit der Mutter. Ja ich
denke in dem Sinn ist das Recht. Jetzt in der Schule, wenn sie dort so Dysfunktionen
hat, da wäre wahrscheinlich hilfreich, wenn sie noch etwas Einzelunterstützung hat,
also das sie mit einer Einzelperson lernen kann, damit sie nicht so abgelenkt ist und
dass man wirklich sieht, ja wo harzt es, an was liegt es und wie kann man sie fördern.
Denn im Klassenunterricht und schon fünfmal umplatziert da zeigt es, dass man es
nicht konnte mir ihr und ich denke die hätte das Anrecht auf eine Einzelbeschulung.
Bemerkung 24 (25:40)
Ich hinterfrage eben auch, dass das Kind jede Woche zur Mutter zieht.
Dr.med. Ursula Davatz (25:41)
Das ist sehr sehr schwierig. Da müsste ich auch das Kind spüren, aber wenn sie das
unbedingt will und so viel Heimweh hat, dann denke ich, muss man es passieren
lassen, auch wenn es hinterher noch verstörter zurückkommt.
Bemerkung 24 (26:07)
Das ist dann immer das Problem.
Dr.med. Ursula Davatz (26:09)
Ja ich weiss, aber das ist schon so fest dort eingebunden, das muss schauen wie es
dieser Mutter geht. Das hintersinnt sich wenn es nicht schauen gehen kann. Was hat
die Mutter für ein Diagnose oder Probleme?
Bemerkung 25 (26:28)
Tourette-Syndrom und sie hat extrem perfektionistische Vorstellungen. Ihre
Vorstellungen entsprechen nicht der Realität.
Dr.med. Ursula Davatz (26:28)
Ich würde sagen, doch gehen lassen aber ich sehe es nicht genau genug. Mit dem Kind
halt auch besprechen, die Zwanghaftigkeit, die Genauigkeit, was macht das Kind, wie
fest übernimmt es denn das? Ich würde es so laufen lassen. Dann tut man
Vergewaltigen, wenn es nicht darf. Aber das ganze Begleiten. Hat die Mutter auch
irgendwie Unterstützung oder nicht?
Dr.med. Ursula Davatz (27:46)
Also mit dem Kind muss man auch immer wieder thematisieren, das ist toll, dass du da
für deine Mutter schaust. Aber es ist auch wichtig, dass du für dich schaust.
Erwachsenen Töchtern sage ich dann, es ist ein Grössenwahn, wenn man meint, man
könnte seiner Mutter helfen. Man muss auch wieder bescheiden werden und sagen, die
Mutter hat die Probleme und ja das ist tragisch, das ist schwierig, aber man übernimmt
sich, wenn man da das machen will. Aber ich weiss nicht, ob das beim Kind schon
möglich ist, dass man immer auch wieder trennt, da ist die Mutter und da bist du und die
grösste Verpflichtung ist, dass du dich gut entwickelst und wenn du dich gut entwickelst,
hat die Mutter so viel Freude und dann geht es ihr auch besser. Dass man eher dort
ansetzt.
Dr.med. Ursula Davatz (28:41)
Dem Platz da haben sehr schlechtes selbst hat aber auch die kann schon müsst, dann
habe ich einen Mann. Ja. Ich habe es nicht recht verstanden. Und bei alles so haben
ich meine Super wirklich keine Umefüsse und also der Film hat er gesagt, das kann ich
nicht wie angebracht hat, kann ich super.
Bemerkung 26 (29:29)
Ich habe jemand, der sagt immer er kann sehr gut Schwimmen oder er kann sehr gut
Fussball spielen, aber er kann es nicht.
Dr.med. Ursula Davatz (29:51)
Da sind wir wieder bei den Fake News. Da würde ich sagen, wenn ein Kind sagt, ich bin
super im Fussball und ich kann schwimmen, dabei kann es beides nicht, dass man
nicht sagt, nein, du kannst es nicht, sondern ah, willst du das gern können? Also dass
man in dieses Wunschdenken hinein geht. Okay verstehe ich. Ich möchte auch gern ein
Star sein und ich meine, die Fussballer sind ja hoch im Kurs, die werden für wahnsinnig
viel Geld gehandelt. Die sind reich und von dort her kann man sagen: ah, willst du
gerne ein guter Fussballer sein und da kann man mit dem Traum weitergehen und
sagen, bei welcher Mannschaft willst du Spielen, für wie viel Geld willst gehandelt
werden und vielleicht will es ja nur gut Fussball spielen können, weil es viel Geld will. Ja
ist möglich. Welches Kind in unserer kapitalistischen Gesellschaft will nicht irgendetwas
machen, wo es dann ganz viel Geld verdient. Mit dieser Fantasie mitgehen. Okay ja
weisst du, ich hätte auch gerne das und das aber ich kann es nicht aber träumen kann
ich ja davon. Also dass sie in die Traumwelt einsteigen und nicht gerade so moralisch
aber du kannst es gar nicht. Denn es braucht die Traumwelt, um sich gut zu fühlen. So
hat es für einen kurzen Moment ein gutes Selbstwertgefühl. Natürlich phantasievoll.
Aber ich meine wir haben das jetzt auch bei den Politikern, wo sich in eine Traumwelt
hinein steigern und denken oh Wunder was sie tolles wären und dabei sind sie es nicht.
Also ja, es gibt nicht nur Kinder, die das Machen, es gibt auch grosse Kinder die das
machen. Also in die Traumwelt hineingehen, also die Ursache vom Traum finden. Ja viel
Geld und was würdest Du machen mit dem Geld. Also jetzt könnte man alles, die ganze
Fantasiewelt könnte man verfolgen. Nicht so schnell herunterfahren. Boom, du kannst
es nicht. Wir sind da so realitätsbezogen aber wie viele Leute gehen Fantasiefilme
anschauen und verlieren sich in dem? Die Kinder haben das Recht das zu machen
dann die sind noch mehr auf dieser Stufe.
Dr.med. Ursula Davatz (32:13)
Das ist ein Wunschdenken. Es hat doch eine amerikanische Frau gegeben, die immer
hat wollen in der Oper singen. Die hat immer davon geträumt, sie kann in der Carnegie
Hall in New York singen. Dann hat sie tatsächlich "König der Nacht" dort gesungen. Sie
war reich, sie hat alle Plätze gekauft, sie hat dann die Soldaten alle kommen lassen,
damit sie nicht eine leere Bühne hat und hat völlig falsch gesungen. Meryl Streep hat
die gespielt in einem Film. Am Schluss liegt sie dann auf ihrem Bett und sagt: They all
told me that I can't sing, but I did sing. Es ist bewundernswert, wie die falsch gesungen
hat, Königin der Nacht, und einfach durchgezogen. Obwohl sie es überhaupt nicht
konnte. Wir haben den Film angeschaut und neben uns ist jemand gesessen und dann
sein Vater ist in dem Konzert gewesen von dieser Frau. Er hat gesagt, es gibt eine CD
davon. Falsch singen können ist auch mutig. Ich bin an Weiterbildungen gegangen von
den Lehrern und dann haben wir jeden morgen singen dürfen. Dann mussten wir atonal
singen. Da hat man sich wahnsinnig Mühe geben so quer zu singen und es ist
wahnsinnig gewesen, wie schnell man wieder in die Harmonie eingestimmt hat. Es ist
schwierig falsch zu singen. Für das ist sie Bewundernswert.
Bemerkung 27 (34:24)
Noch einen Frage zur Scheinwelt, Wunschdenken. Kennen sie Sigmar Willi? Er ist
Glücksforscher. Er hat auch ein bisschen eine schwierige Kindheit gehabt und er hat
gesagt er sie am Abend immer abgedriftet. Das sei sein Überleben gewesen, die
schönste Freundin, die beste Note. Irgendwann ist dann das heikel geworden in der
Pubertät. Dann musste er einen andere Strategie finden. Dann frag ihn die
Interviewerin: Sie machen Glücksforschung und haben so eine schwierige Kindheit
gehabt. Das ist noch spannend. Meine Frage ist eigentlich dort, das Bestärken und das
Eingehen, das kann ja dann auch heikel werden.
Dr.med. Ursula Davatz (35:56)
Das ist wieder validieren, Menschen dort abholen, wo sie sind. Wenn sie sich über ihre
Glücksvorstellungen, ihre Romane ihre Geschichten glücklich machen, dort hingehen
und dann probiere ich sie natürlich langsam zurück in die Realität zu holen. Und was
könnten wir jetzt da in der Realität machen? Also ich probiere natürlich wieder eine
Verbindung zur Realität herzustellen. Darum sage ich auch allen diesen Kindern, die da
abfahren auf ihre Games wo sie ja dann toll sind, schnell sind, Sieger sind. Da sage ich
ja, das ist in dem Spiel und was machen wir jetzt in der Realität. So wie man dieser
Frau das Handy weggenommen hat, dass man sie wegholt von diesen Glücksfantasien
und hin zur Realität. Was von diesen Vorstellungen kann man in der Realität in einer
kleinen Form angehen?
Dr.med. Ursula Davatz (37:05)
Ich kann jetzt zum Beispiel ins Alter gehen. Ich habe lange Psychiatrie-Spitex und
andere Spitex Krankenschwestern supervidiert. Die haben dann jeweils alte Leute
gehabt, die völlig unzufrieden gewesen sind und schwierig zum Handhaben. Da habe
ich immer gesagt, sie sollen die Fragen, was für Träume haben sie gehabt? Was hätten
sie gerne werden wollen. Was für ein Beruf? Was hätten sie gerne für einen Mann
geheiratet oder was für eine Frau? In die ganze Fantasiewelt gehen und dann ja das ist
jetzt nicht mehr möglich, aber indem wir ihnen doch erlaubt zu sagen, was sie mal für
tolle Ideen gehabt haben, was für ein toller Fussballer oder was auch immer sie hätten
werden können, indem man das angeht und dann zurückgeht und das sogar validiert,
die tollen Vorstellungen, holt man sich ein bisschen zurück in die Realität und dann geht
es besser. Also schon immer dann die Verbindung herstellen zur Realität. Das ist ganz
wichtig. Dieser Übergang von dieser Fantasie, nicht die Fantasie sofort zerstören,
sondern mit der Fantasie langsam überleiten in die Realität. Das ist wichtig. Ich vertrete
natürlich die Realität. Also ja, ich muss die Leute immer zurückhalten in das
bescheidene Leben. Ja da kommt dann eine gewisse Bescheidenheit und ein
Akzeptieren, dass man halt jetzt nicht der tolle Forscher geworden ist. Aber doch dass
man an kleineren Sachen Freude hat.
Bemerkung 27 (38:48)
Eben gerade die Vermeidung oder das mit den traumatisierten Kindern. Die bekannten
Fluchttrauma, die nachher draus entstehen. Die sind zwei Jahren alleine unterwegs, auf
sich gestellt haben noch Kinder, kommen in die Schweiz und sollen sich dann in einer
Familie integrieren.
Dr.med. Ursula Davatz (39:23)
Die langsame Zusammenführung von der Fantasie zur Realität. Nicht gerade Fantasie
zerstören, sondern langsam überführen. Ich denke, das ist ganz wichtig. Das sind
eigentlich alles hoch interessante Prozesse ja doch in dem Fall genau.
Dr.med. Ursula Davatz
15.10.2021
Wie unsere Herkunftsfamilie uns prägt
Audio
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüßen zu diesem Vortrag. Das Thema heißt: "Wie unsere
Herkunftsfamilie uns prägt". Ich sage, einerseits werden wir durch unsere Gene geprägt. Die Gene sind
immer eine Mischung von verschiedenen Eigenschaften etc. Das ist nie linear und speziell die
psychiatrischen Krankheiten werden nie, nie über ein Gen vererbt. In der Somatik, da gibt es
Krankheiten, die über ein einziges Gen oder einen ganz klaren Genlokus, aber wenn wir so konstruiert
werden, würden wir wahrscheinlich nicht überleben. Also einerseits sind es die Gene, die Gene sind
heutzutage hoch im Kurs, seit man das Genom entschlüsseln kann, wird viel Forschung betrieben im
Bereich der Gene. Es wird hauptsächlich im Bereich der Gene und Krebsforschung, also die
Krebsforschung ist hoch im Kurs, und da sucht man dann nach sogenannter personalisierter Medizin. Ich
sage, eigentlich gehört die personalisierte Medizin zu uns Psychiatern, denn wir müssen viel mehr auf die
Person eingehen. Gene sind an sich nichts Persönliches. Aber die haben nun mal diesen Begriff
gekappert und ich habe mal mit Professor Daniel Hell geredet, der hat sich auch darüber geärgert, dass
die dieses Wort "personalisierte Medizin" verwenden. Ich verwende es jetzt auch in der Psychiatrie, aber
ich sage "personalisiert" auf die Person und die Geschichte.
[00:01:48.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Einerseits sind wir durch unsere Gene geprägt, andererseits, und ich nenne das so, durch die soziale
Vererbung. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Unser Hirn ist unser soziales Organ und wir lernen über
unser Gehirn sehr viele Dinge, also wir werden geprägt durch unser Umfeld. Dann sage ich weiter dazu,
wir sind sekundäre Nesthocker. Ich komme immer von der Evolutionstheorie. Primitive Tiere sind primäre
Nesthocker. Die Huftiere zum Beispiel, also Pferde, Kühe und so weiter, die sind keine Nesthocker mehr,
das sind Nestflüchter, die können schon in einer Stunde stehen und trinken gehen, also Milch trinken
gehen. Wir sind wieder zu den Nesthockern zurückgegangen. Wir sind zu den Nesthockern
zurückgegangen, unser Gehirn entwickelt sich sehr stark und wenn wir auf die Welt kommen, sind wir
immer noch abhängig. Unsere Abhängigkeitsphase, die ist sehr lange. Also juristisch wird man mit 18
Jahren volljährig, also erwachsen. Aber heute ist die Erwachsenenphase oder die Pubertätsphase, die
Entwicklungsphase viel länger. Es fängt an mit 13 und geht dann so bis 25. Oder es kann noch länger
gehen, wenn man lange eine Ausbildung macht. Das Gehirn kann sich entwickeln noch bis 25. Also
ändert sich noch in den Synapsen und wie es die Autobahnen im Gehirn macht, das spielt alles noch eine
Rolle.
[00:03:37.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn kann sich auch weiter ändern bis wir sterben. Also das Gehirn hat die plastische Fähigkeit,
dass es immer lernbereit ist. Das kann man auch noch im hohen Alter, nicht mehr gleich, wie wenn man
ein Kind ist, aber es ist immer noch eine gewisse Lernfähigkeit da. In diesem Sinne spielt aus meiner
Sicht die Interaktion mit dem Umfeld eine grössere Rolle als nur die Gene. Die Gene kann ich sowieso
nicht verändern, aber die Interaktion mit dem Umfeld, das ist eine Eingriffsmöglichkeit.
[00:04:12.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich sage, wir werden auch geprägt über unsere soziale Vererbung. Das spielt das Vorbild, das Role
Modelling, spielt eine Rolle. Wir schauen Dinge ab von unseren Eltern. Das ist eine implizite Weitergabe
von Wertvorstellungen etc. Das ist relativ indirekt, man schaut es ab und macht es einfach nach. Merkt
gar nicht, was man eigentlich macht. Dann gibt es noch die explizite Beeinflussung durch die Erziehung.
Da werden die Wertvorstellungen ausgesprochen über Befehle, über Regeln etc.
[00:04:58.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt diese soziale Vererbung, die geht nicht nur von einer Generation zur anderen, sondern über viele
Generationen hinweg. Die kann über vier Generationen oder weiter gehen. Ich nehme immer
Familiendiagramme auf und dann kann ich sehen, wie Themen über vier Generationen auf irgendeine Art
weitergegeben werden und wie das System versucht, die Probleme zu lösen.
[00:05:31.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Also wenn Konfliktsituationen im System auftreten, ganz unterschiedlicher Art, hat das einen Einfluss auf
die nächste Generation, die nächste und die nächste. Das ist hochinteressant, das zu entschlüsseln. Man
hat es nicht immer so schnell, aber es lohnt sich. In dem Sinne, wenn man dann solche
Konfliktsituationen entschlüsseln kann, dann gibt es eine große Möglichkeit, da zu verändern. Man redet
von Wiederholungszwang, also quasi die nächste Generation muss unbedingt wiederholen, was die
vorhergehende sogenannt falsch gemacht hat. Ich sage, es ist nicht einfach nur ein
Wiederholungszwang, sondern es ist immer wieder eine Chance, etwas zu ändern. Es kann in Richtung
schlechter gehen, es kann auch in Richtung besser gehen. Als Therapeutin, als Familientherapeutin
versuche ich natürlich diese Konflikte oder wie ich es immer nennen will, diese Probleme zu verändern.
[00:06:37.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt noch etwas weiteres, ein Begriff, die Erwartungshaltung. Also wenn wir als Kinder unsere
Bedürfnisse nicht richtig gestillt bekommen haben, wenn die Eltern nicht auf unseren Charakter, dass der
auch genetisch bestimmt ist, eingehen konnten, so wie wir es gebraucht hätten, dann gehen wir durch die
Welt mit einer gewissen Erwartungshaltung. Die Erwartungshaltung ist, ich habe noch Recht auf das zu
bekommen, was mir eigentlich zusteht.
[00:07:12.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich immer, jedes Kind hat das Anrecht, perfekte Eltern zu haben, also die alles genau wissen,
die genau das machen, was das Kind braucht. Aber natürlich stimmt das nicht, also das trifft nicht immer
ein. So werden wir dann ins Leben ins Erwachsenenleben entlassen mit bestimmten
Erwartungshaltungen. Diese Erwartungshaltungen, die geben wir als erstes dann an unseren Partner
weiter und wir können sie auch an unsere Kinder weitergeben.
[00:07:46.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue jetzt zuerst an, wie wir die Erwartungshaltungen an unsere Partner weitergeben. Ich rede
dann von der enttäuschten Erwartungshaltung. Also wenn wir mit einem anderen Menschen
kommunizieren, in der Kommunikation an sich steckt schon eine Erwartungshaltung. Man kann nicht
kommunizieren, ohne nicht etwas vom anderen zu wollen. Also das liegt in der Kommunikation. Wenn wir
da etwas erwarten, dann mobilisieren wir Emotionen. Das heißt, mit Emotionen versuchen wir beim
Gegenüber das auszulösen, was wir brauchen. Das machen die Kinder und das machen auch wir als
Erwachsene. Wenn das dann nicht eintrifft, wenn die Erwartungshaltung nicht erfüllt wird, dann versuchen
wir noch mehr Emotionen zu mobilisieren. Der Partner ist natürlich nicht darauf ausgerichtet, uns diese
Erwartungshaltung zu erfüllen. Vielleicht am Anfang und in der Verliebtheitsphase macht er das noch,
aber wenn der Alltag einkehrt, macht er es nicht mehr, denn er hat noch andere Dinge zu tun.
[00:09:01.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben wir die enttäuschte Erwartungshaltung. Ich habe jahrelang für einen ungarisch
amerikanischen Familientherapeuten übersetzt von englisch in Deutsch und Deutsch ins Englisch, den
Iván Böszörményi-Nagy, der hat dann von Entitlement geredet. Das Wort wurde übersetzt in
Erwartungshaltung. Wenn wir eine enttäuschte Erwartungshaltung haben und wenn wir relativ emotional
sind, dann haben wir die Tendenz mit unserer Emotionalität gegen die Wand zu fahren. Also wir wollen
zuerst natürlich auslösen, dass der das macht, was wir wollen. Wenn er es nicht macht, dann passiert es,
dass wir gegen die Wand fahren. Also unsere Emotionen stauen sich auf und es gibt eine Aufregung.
Dann kann es Konflikte geben, es kann auch Krankheiten geben. Also die enttäuschte Erwartungshaltung
ist aus meiner Sicht ein ganz wichtiges Konzept, das bei vielen Menschen auftritt und hinter sowohl
psychischen Krankheiten steht und auch psychosomatischen bis zu körperlichen Krankheiten. Wenn wir
von Vater oder Mutter nicht das bekommen haben, was wir an sich brauchen, sagen wir Zuneigung,
Liebe, Anerkennung, Geborgenheit etc. Dann hegen wir eben diese Erwartungshaltung in uns und wollen
sie einfordern. Wir fordern sie bei unserem Partner ein, wir fordern sie zum Teil auch bei den Ärzten ein.
Die Ärzte sind dann immer sehr überfordert, wenn eine Patientin kommt, die etwas von ihm will.
[00:10:55.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo wir schon etwas krank sind, wir wollen etwas von einem Helfer, da rede ich dann von
appellativem Jammerverhalten. Also, man jammert, das machen mehr Frauen als Männer, die schimpfen
eher und sagen, wie der Arzt zu nichts fähig ist. Wir Frauen, wir jammern eher. Wir hoffen dann, dass,
wenn wir jammern, dass irgendwann mal diese Erwartungshaltung erfüllt wird. Aber die Ärzte sind dann
meistens überfordert und mit der Zeit wollen sie die Patienten gar nicht mehr sehen. Es geht auf die
Nerven und die Erwartungshaltung wird natürlich nicht erfüllt. Wir erwarten natürlich auch vom Partner,
dass er unsere Bedürfnisse erfüllt, die wir nicht gestillt bekommen haben. Meistens haben beide Partner
irgendwelche Bedürfnisse und dann passiert es, dass der Krieg der Bedürfnisse auftritt. Und jeder sagt,
wer ärmer ist oder wer mehr etwas braucht. Meistens dann auch gleichzeitig. Wenn ich dann diese
Ehepaare in der Therapiestunde habe, dann muss ich immer bremsen. Jetzt höre ich zuerst dem zu und
der andere darf reden und der andere muss ruhig sein. Aber meistens können die beiden Partner nicht
warten und jeder kommt mit seiner Bedürftigkeit. Das ist noch schwierig, man muss den einen
zurückbremsen und der andere darf reden und dann wechselt man.
[00:12:30.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das braucht eine gewisse Geduld. Also der Krieg der Bedürfnisse ist auch etwas, das man häufig antrifft
in Ehen. Je nachdem gibt einer der beiden auf und sucht einen neuen Partner und versucht dort wieder
seine Erwartungen erfüllt zu bekommen. Häufig geht es nicht, manchmal hat man Glück, aber häufig
kommt man wieder mit der gleichen Erwartungshaltung und so kann man wiederholen und wiederholen
und wiederholen. Das bringt es natürlich nicht. Wurden wir von unseren Eltern eher überversorgt? Also
ich sehe das manchmal bei Frauen, sie waren Vater und Töchter und der Vater hat sie sehr gestützt und
gelobt und alles für sie gemacht. Dann erwartet man wieder das Gleiche. Also da ist dann nicht eine
Lücke, sondern man will, dass es so weitergeht, wie es immer war. Natürlich, am Anfang kann der Partner
das vielleicht, und dann hat er genug und dann kommt wieder die enttäuschte Erwartungshaltung. Wenn
ich vom Mann her schaue, erwartet er vielleicht, dass die Frau alles gleich erfüllt, wie seine Mutter das
gemacht hat. Aber wenn sie dann auf die kritische Seite geht und irgendetwas kritisiert, dann fällt man in
die negative Erwartungshaltung. Also in dem Sinne kann man positive Erwartungshaltungen haben, dass
alles mögliche erfüllt wird, dass man alles möglich bekommt und man kann auch negative
Erwartungshaltungen haben.
[00:14:11.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Also wurde man ständig kritisiert von der Mutter oder auch vom Vater, wenn dann der Mann nur ein
bisschen kritisch ist oder die Frau irgendwie kritisch ist, dann läuft das Bild, dann läuft das Schema ab,
dann fällt der Partner in diese Schiene rein, dann hört man schon beim ersten: Ach, der will mich
kritisieren, der akzeptiert mich nicht, der gibt mir keine Anerkennung und so weiter und so weiter. Dann ist
natürlich der Partner, der falsch angeschaut wird oder falsch interpretiert wird, der ist dann enttäuscht.
Denn man unterschiebt ihm etwas, das er gar nicht so meint. Dann sagt der Partner, aber ich habe es ja
gar nicht so gemeint, du verstehst das falsch. Das ist nicht intellektuell, das läuft emotional ab. Man kann
das nicht bremsen. Es gibt einen kleinen Auslöser, einen Trigger und schon läuft das Ganze ab. Da ist es
dann immer schwierig, das alles aufzudröseln, aufzulösen und die verschiedenen Muster auf beiden
Seiten anzuschauen.
[00:15:26.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt eine weitere Prägung passiert über die Geschwisterrolle. Sind wir Älteste, erwarten wir, dass wir das
Sagen haben. Denn die Ältesten müssen Vorbilder sein. Das kann der älteste Sohn von Schwestern oder
die älteste Schwester von Brüdern oder auch die älteste Schwester von Schwestern. Da gibt es
verschiedene Konstellationen. Es hat einen Forscher gegeben, der hat ungefähr acht
Geschwisterpositionen angeschaut. Dann immer aufgelistet, wie die dann geprägt sind. Ich schaue jetzt
nur drei an. Also Älteste wollen immer das Sagen haben. Wenn dann zwei Älteste zusammenkommen,
dann streiten sie um die Führung. Wenn zwei Jüngste zusammenkommen, dann entscheiden beide nicht
und wollen immer auf den anderen eingehen. Wie möchtest du es gerne, denn die Jüngsten sind
gewohnt, emotionale Verantwortung zu übernehmen und zu schauen, dass das Klima in der Familie gut
ist. Ich sage, die Ältesten übernehmen eher strukturelle Verantwortung, die Jüngsten eher emotionale
Verantwortung. Wenn ein jüngstes Kind emotionale Verantwortung übernimmt und die Mutter ist
unglücklich, dann bleibt dieses Kind immer in diesem Auftrag, ich muss die Mutter glücklich machen.
Wenn die aber nicht glücklich wird, dann kann sich das jüngste Kind unglaublich anstrengen, und das
passiert immer noch nicht. Da müsste man dann lernen, sich von diesem Auftrag zu lösen. Die Ältesten
übernehmen immer alle Verantwortung und kommen dann ins Burnout, weil sie auch Verantwortung für
andere übernehmen, wo sie gar nicht müssten. Also die Geschwisterposition prägt auch. Die mittlere
Position ist relativ flexibel. Man kann sich mit den Oberen zusammentun und mit den Untern, aber man
redet ja auch von Sandwichkind, dass man von beiden Seiten verdrückt wird.
[00:17:34.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können Sie sich alle selber so etwas Überlegungen machen, wo Sie stecken und wie Sie geprägt
wurden. Es gibt es natürlich noch viele weitere Prägungen. Wenn man ein gesundes Kind ist, neben
einem handicapierten Geschwister, da redet man von Schattenkindern. Das heißt, das Schattenkind
muss dann immer sich zurückstellen und zuerst dem handicapierten Kind zur Verfügung stellen, der
Mutter zur Verfügung stehen, damit sie mit dem handicapierten Kind zurecht kommt. Ist ein Elternteil
krank, dann reagiert man auf all das und so weiter. Also da kann man viele Konstellationen anschauen,
wie man geprägt wird über seine Familie.
[00:18:25.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Eltern erwartet man von seinem Partner. Wenn der Partner da gewisse Dinge nicht erfüllt, dann kann
es auch weitergehen an die Kinder. Auch wenn der Partner vielleicht sogar gewisse Dinge erfüllt hat, man
hat als Eltern immer auch Erwartungshaltung an die Kinder.
[00:19:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe lange im Drogenbereich gearbeitet. Die Definition der Gesundheit, der WHO, die sagt, man ist
gesund, wenn man emotional zufrieden ist. Körperlich zufrieden und sozial zufrieden. Man kann dann
auch sagen glücklich. Wenn die Mutter sagt, ich will nur, dass mein Kind glücklich ist, das kann die
schlimmste Erwartungshaltung sein, die man haben kann. Denn dann könnte ja das Kind einfach Drogen
nehmen und dann ist es immer glücklich.
[00:19:34.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Also die Droge, die macht, also Heroin, macht seelisch zufrieden, ein Wohlgefühl. Sozial braucht man
nichts mehr und körperlich nimmt es alle Schmerzen weg. Gerade als ich hierher gefahren bin, hat man
von Medikamenten geredet und wie die Leute heutzutage Pillen essen, damit sie keine Schmerzen
haben, damit sie glücklich sind, damit sie alles mögliche machen können. Wenn eine Mutter will, dass ihr
Kind glücklich ist, wenn es dann durch die Pubertät hindurch geht und halt unglücklich ist und unzufrieden
und schimpft und weiß ich nicht was; und sie will, dass es glücklich ist, da lässt sie dem Kind gar keine
Möglichkeit, auch etwas anderes zu sein, sich auseinanderzusetzen. Man denkt natürlich, man wünscht
dem Kind etwas Schönes, aber wenn das Kind der Mutter zu Liebe glücklich sein muss, dann hat es gar
kein Experimentierfeld. Also wir haben als Eltern alle Erwartungshaltung an unsere Kinder. Oft sagen wir,
nein, nein, mein Kind darf machen, was es will. Ich rede da gar nicht mit. Aber die Kinder sind sehr
sensibel, sehr wahrnehmend und man muss gar nichts sagen. Die spüren, was man will. Die
interpretieren natürlich auch auch nach dem, was geredet wird, was sie dann da erfüllen sollten. Früher
war es klar, dass man einfach als Sohn das Geschäft des Vaters übernommen hat oder den
Bauernbetrieb, der älteste oder der jüngste.
[00:21:16.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage ist das nicht mehr so. Man darf selbst etwas wählen, aber die Erwartungshaltungen sind doch
immer noch da. Und da gibt es dann Kinder, die wollen ihre Eltern glücklich machen und die entscheiden
dann nach den Eltern. Wenn man nach den Eltern entscheidet und nicht nach sich, dann kommt später
bei dieser Person in der nächsten Generation wieder ein Problem hervor. Dann muss diese Person, die
ihre Wünsche, ihre Träume nicht erfüllen durfte, muss dann die übertragen an die nächste Generation
und so weiter und weiter. Also wir müssen ja nicht denken, die Kinder merken nicht, was wir denken und
was wir uns wünschen. Es ist gar nicht so einfach, keine Wünsche für seine Kinder zu haben. Ich würde
vielleicht so sagen, es ist wichtig, dass man sich mit seinen Kindern auseinandersetzt. Nicht, dass man
einfach nichts sagt. Aber es ist wichtig, dass man seine Erwartungshaltung erkennt. Es gibt Kinder, die
können klar sagen, nein, das will ich nicht, das mache ich nicht, ich mache, was ich will. Aber es gibt sehr
sensible Kinder, die sind dann wie gezwungen, diese Erwartung zu erfüllen.
[00:22:37.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man als Kind, Jugendlicher, Jugendliche nicht das lernen durfte, was man gern gehabt hätte, wenn
man als Mädchen vielleicht gerne studiert hätte, aber früher durften die Mädchen nicht, die haben ja
heiraten müssen und da braucht man kein Studium, dann hat man immer noch den Wunsch in sich, dass
die Kinder dann das erfüllen und das kann zu den Enkelkindern gehen, das muss nicht mal nur in der
nächsten Generation, das kann weitergehen.
[00:23:11.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird eben dann wahrgenommen und dann müssen die Kinder diese Erwartungshaltung erfüllen. Sie
wollen ja die Eltern glücklich machen. Solange Kinder Kinder sind, richten sie sich nach den Eltern und
wenn die Eltern nicht sehr gut funktionieren, dann müssen sie das auch. Also sie müssen quasi die
Lücken der Eltern auffüllen. Wenn man dann erwachsen ist, müsste man eigentlich nicht mehr den Eltern
gefallen. Dann dürfte man sein eigenes Ding verfolgen. Aber meistens wird man das gar nicht so leicht
los und man bleibt im gleichen Muster. Man ist geprägt und man bleibt in diesem Muster. Jetzt, wenn man
von den Kindern erwartet, dass sie den Beruf lernen, den man gerne gelernt hätte, aber nicht durfte und
das Kind hat diese Begabung, die man hat oder gehabt hätte, dann funktioniert das. Wenn das Kind aber
ganz andere Begabungen hat, dann funktioniert es nicht und dann kommt das Kind in den Klinsch. Dann
passiert beim Kind, dass es ambivalent ist zwischen was die Eltern wollen und was es selbst will. Je mehr
es das macht, was die Eltern wollen, umso weniger kann es seine Persönlichkeit entwickeln. Das läuft
alles ab während der Pubertät. Eine ganz wichtige Phase der Persönlichkeitsbildung.
[00:24:43.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Persönlichkeitsbildung kann behindert werden, dadurch dass man zu sehr sich auf die Eltern
ausrichtet. Wenn ich solche Leute dann in Therapie habe, dann muss ich sie wie befreien von diesem
Zwang, die Eltern glücklich zu machen. Das ist gar nicht so einfach.
[00:25:18.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Erziehungskonflikte. Vater und Mutter haben ihre Erwartungshaltung an das Kind und die Erwartung, was
die richtige Erziehung ist. Wenn man eine Erziehung erlebt hat, die man gut gefunden hat, man ist gut
rausgekommen, dann übt man diese Erziehung einfach weiter, ohne zu merken. Man reflektiert gar nicht
groß, man macht es einfach so, wie man es gewohnt ist. Wenn man eine Beziehung genossen hat, die
einen gestört hat, die einen zu sehr eingeengt hat, etc, dann hat man die Tendenz zu korrigieren. Häufig,
tut man Überkorrigieren. Also, wenn der Vater zu streng war, dann will man als Frau, als Mutter, dann viel
mehr Freiheit lassen. Oft geht man dann ins andere Extrem, dass man vielleicht zu nachgiebig wird, zu
wenig klar und überlässt dem Kind alles. Das war die Sommerhill Bewegung. Man hat die auch oft falsch
verstanden. Aber ja, dass man dem Kind alles übergibt. Wenn man dem Kind natürlich alles übergibt,
dann ist das überfordert, dann muss das selbst Strukturen setzen, das macht Unsicherheit und ist gar
nicht immer so gut.
[00:26:44.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zu eng macht, dann kann es auch nicht leben. Es kommt immer auf die Balance an. Da
kommt dann häufig auch der Konflikt zwischen Mann und Frau, zwischen Vater und Mutter. Allgemein
sagt man, die Mutter gibt unkonditionale Liebe, das heißt sie gibt, sie gibt, sie gibt, sie stellt keine
Bedingungen. Das stimmt für uns Mütter. Wir können aber trotzdem Grenzen haben, wenn das Kind uns
übernimmt und über uns bestimmt. Das ist natürlich nicht okay, das ist auch nicht unkonditionale Liebe.
Da lassen wir uns einfach überrennen. Die Väter sagen dann immer, du bist viel zu weich, das geht doch
nicht, du erziehst das Kind nicht richtig. Jetzt kommt es darauf an, was für ein Kind man hat. Es gibt
hochsensible Kinder und wenn man die zu eng erzieht und zu viel von ihnen verlangt, und das sind häufig
ADS und ADHS Kinder, dann sage ich ja, die kann man totschlagen und sie gehorchen immer noch nicht.
Also da funktioniert dann die patriarchale Erziehung, du musst, du solltest und jetzt wird es so gemacht
und ich sage es, die funktioniert nicht. Das spüren dann Mütter, nein, das geht nicht und sie versuchen,
wie soll ich sagen, mehr auf das Kind einzugehen. Das ist an sich auch richtig.
[00:28:08.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind in die Pubertät kommt, dann braucht es Auseinandersetzung. Wenn die Mutter dann
immer nur nachgibt und immer nur dem Kind Wohlbefinden ermöglichen will, dann hat das Kind auch
wieder keine Orientierung. Man redet immer davon, die Eltern müssen am gleichen Strick ziehen, das
höre ich nicht so gerne. Erstens ist es gar nicht so gut möglich, so leicht. Ich stelle mir dann immer vor,
man zieht den Strick enger und erwürgt das Kind. Erwachsene Menschen erzählen dann alles von ihrer
Erziehung und die sagen dann, Vater und Mutter haben immer so "they ganged up", also die haben sich
immer zusammengetan, ich habe immer gegen zwei kämpfen müssen. Das ist gar nicht so gut. Da habe
ich eher die Haltung, der Vater darf seine Richtlinien haben und sagen, wie er es will. Die Mutter darf
nach ihrem Stil erziehen. Was sie nicht sollen, ist, dass sie sich gegenseitig ins Handwerk pfuschen. Also
wenn man als Elternteil, sagen wir jetzt als Mutter, etwas abgemacht hat mit dem Kind, der Vater findet
das ganz falsch, dann darf er sich da nicht reinmischen. Er kann aber auch nicht der Mutter helfen, wenn
sie dann in Schwierigkeiten kommt.
[00:29:31.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Das passiert oft auch. Früher war das so, die Mutter hat gesagt, warte nur bis der Vater heimkommt, der
sagt dir dann schon, was durchgeht. Das geht heute nicht mehr, aber ich habe noch viele Familien, wo
ich das höre. Wenn die Mutter überfordert ist, hat sie die Tendenz, den Vater reinzuholen, aber sie will
dann, dass er es genauso macht wie sie, also dass der Vater der verlängerte Arm der Mutter ist, was
natürlich auch nicht geht. Dann ist man enttäuscht, dass der Mann nicht so funktioniert, wie man es gerne
hätte. Aber das geht nicht. Man muss sich alleine mit dem Kind auseinandersetzen und man darf den
anderen nicht reinpfuschen. Also eine Auseinandersetzung, eine Abhandlung muss bis zum Abschluss
abgeschlossen werden. Dann kann man schon miteinander reden. Wie hast du das gefunden? Was
meinst du dazu? Man kann sich austauschen, man kann je nachdem auch etwas verändern. Aber man
sollte sich nicht ins Handwerk pfuschen. Denn wenn man sich ins Handwerk pfuscht, dann streiten
schlussendlich die Eltern immer, was die richtige Erziehung ist. Das Kind hat überhaupt keine Direktive
mehr. Oder das Kind macht halt dann, was es will, also es optimiert. Dann sagt man, das Kind
manipuliert, aber wir sind die Verantwortlichen, die da versagt haben. Das Kind, ja, es optimiert seine
Situation, was ja eigentlich verständlich ist.
[00:31:03.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass jeder seinen Stil vertreten darf und den auch durchziehen darf und dass man nicht
wertet, der ist besser und der ist schlechter. Alle Erziehungsstile haben ihre Vor- und Nachteile und
wichtig ist, dass der Erziehungsstil, den man verwendet, dass man authentisch ist. Ich habe solche
Familien gehabt, da hat der Vater der Mutter gesagt, du musst dann so und so und so machen. Er ging
zur Arbeit, da hat es die Mutter nicht so gemacht, weil sie nicht dahinterstehen konnte. Am Abend kam
der Vater nach Hause und hat gesagt, warum hast du es nicht so gemacht? Ja, ich konnte nicht. Das geht
nicht. Man kann die Erziehung nicht delegieren an den anderen Partner. Man muss es selbst
durchführen. Aber früher wurde das noch viel so gemacht. Das wären die Erziehungsstile.
[00:32:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das ist ganz wichtig, wenn man sieht, man hat unterschiedliche Stile, unterschiedliche
Wertvorstellungen. Dann ist es wichtig, dass man etwas reflektiert und schaut, wie war es denn bei mir,
was ist für mich wichtig ist, für was stehe ich ein und dann vergleicht und sieht, aha, der andere sieht so,
ja, ist okay.
[00:32:25.750] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn muss man sich nicht einig sein und genau den gleichen Stil haben. Es ist eine große Kunst
in guter Beziehung zu sein, aber unterschiedliche Situationen, Meinungen bestehen zu lassen. Ich denke,
das gehört zum Erwachsen werden, dass man das lernt und auch kann. Kinder können sehr gut
unterschiedliche Meinungen und Stile; mit denen umgehen. Im Gegenteil, wenn nicht immer alles gleich
ist, sie werden eher flexibler. Sie sehen, beim Vater läuft es so, bei der Mutter läuft es so. Es ist gar nicht
so, dass die Kinder immer einen Monotyp von einer Erziehung bekommen müssen. Jetzt sage ich noch
etwas weiteres. Ich gehe wieder zurück zu unserer Erwachsenenbeziehung, zu unserem Elternhaus. Also
wir wurden geprägt vom Verhalten unserer Eltern. Wir wurden geprägt von den Wertvorstellungen
unserer Eltern, von den Regeln unserer Eltern. Wenn aber diese Regeln dann nicht mehr so gut in die
Zeit passen, dann müssten wir diese Regeln ja loswerden. Also okay, in Kriegszeiten hat man gelernt, du
musst deinen Teller ausessen. Jetzt in Überflusszeiten, wenn man so einen riesigen Teller bekommt und
man muss den ausessen, man bleibt bei der Regel, die man gelernt hat, dann wird man so dick. Also
man muss dagegen die Regeln der Eltern verstoßen.
[00:34:10.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist so loyal zu seinen Eltern, es ist gar nicht so einfach, sich von dieser Loyalität zu trennen. Im
Augenblick, wo man seinen Eltern disloyal werden muss, ist nicht alles so einfach mit Essen, es können
andere Regeln sein, im Augenblick, wo man seinen Eltern disloyal werden muss, kommt man unter
Bedrängnis. Man denkt jetzt erschlägt mich der Blitz oder die Welt geht unter. Also es ist wirklich eine
Aufruhr innerlich. Von dort her, wenn zum Beispiel der Partner eine Verhaltensweise hat, die ihm gar nicht
passt, aber die zeigt die Loyalität zu den Eltern des Partners und man verlangt da, dass er sich ändert,
muss man wissen, dass das nicht so einfach ist und dass das Zeit braucht.
[00:35:03.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim letzten Vortrag hat jemand gesagt, ich musste 40 werden, bis ich mich getraut habe, die Wäsche
draußen aufzuhängen. Denn sie hatte gelernt, Wäsche hängt man draussen nicht auf. Also man redet ja
auch von dreckiger Wäsche. Also bei der Wäsche könnte man irgendetwas, da könnte man in die Familie
hinein sehen. Das darf ja nicht sein. Die Fassade der Familie muss gewahrt werden. Das ist gar nicht so
ungewöhnlich, dass man große Mühe hat, gegen diese Loyalität, gegen diese Regeln, gegen diese
Dogmen, die man bestens gelernt hat, zu verstoßen.
[00:35:45.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Da, im Augenblick, wo man gegen Dogmen der eigenen Herkunftsfamilie verstößt, da können sogar
Krankheiten auftreten. Häufig treten psychosomatische Krankheiten auf. Also körperliche. Ich sag dann
immer, mit den Im Kopf, mit dem Intellekt können wir lügen, der Körper kann es nicht so gut. Der Körper
sagt einem da, jetzt bist du an eine Grenze gestoßen, du müsstest an sich etwas verändern, du machst
es nicht. Ja, da muss man in sich gehen und schauen, wie man die Veränderung machen könnte.
[00:36:23.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein erwachsener Mensch an diese Loyalitätsgrenzen stösst, müsste er seine Loyalität zu seinen
Eltern durchbrechen, sogenannt "dysloyal" werden. Das heisst nicht, dass man die Eltern verurteilt oder
schlecht findet oder böse auf sie ist. Man trennt sich nur. Es ist an sich eine Ablösung von den Eltern. Wir
sind alle nicht so ganz abgelöst und haben da noch Dinge, die für uns nicht ganz so gelöst sind.
Theoretisch müsste man in dem Augenblick, wo man an sich etwas verändern sollte bei sich, wo es
notwendig wäre, auch zeitgemäß wäre, wenn die Eltern noch leben, müsste man sich mit den Eltern über
dieses Thema noch mal auseinandersetzen, aber nicht indem man die Eltern missioniert und denen
beibringen will, dass die ganz falsch sind, sondern in dem man den Eltern die eigene Meinung sagen
kann, ihre Meinung bestehen lassen kann.
[00:37:36.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre wieder das, was ich vorher gesagt habe, zwischen den Partnern. Also man weiß, was die Eltern
wollen, aber man sagt, ich will so. Ich habe schon Situationen gehabt, die Mutter hat bei der Tochter
gefunden, es steht ihr nur blau, sage ich jetzt mal. Dann habe ich gesagt, gehen Sie mal mit einem roten
Kleid zur Mutter. Wenn die dann sagt, "Das steht dir doch gar nicht, du hast doch nie rot getragen, dann
darf sie sagen, doch, jetzt gefällt mir das, ich finde es schön, ich stehe dazu. Also dass man zur eigenen
Meinung stehen kann, in Anwesenheit der Eltern sich nicht schlecht fühlt und auch nicht die Eltern
missionieren will. Häufig, wenn ich Leute dazu anhalte, dass sie mit ihren Eltern reden sollen und sich
positionieren, dann ist im Hintergrund immer die Erwartung, die Mutter oder der Vater muss das
akzeptieren. Die müssen mehr Wertschätzung geben. Ich sage, nein, das ist die falsche Haltung. Sie
müssen sich Wertschätzung geben. Also sie müssen zu sich stehen. Nicht das Gegenüber, nicht die
Mutter oder der Vater muss verstehen, worum es geht, sondern ich muss für mich einstehen. Wieder, das
ist gar nicht so einfach, man muss manchmal üben.
[00:38:55.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man aber geübt hat bei seinen leiblichen Eltern, es kann auch bei den Geschwistern sein, denn da
hat man ja auch so feste Muster. Wenn man das dort dann kann, dann wird es mit allen anderen Leuten
leichter. Dann sagen viele, ja wieso soll ich da bei meinen Eltern, das ist doch nicht wichtig, ich will es ja
im Leben, aber ich sage, das ist der Königsweg, wenn man es dort kann, kann man es überall besser.
Überall wo man mit anderen Leuten übt, ist nie das gleiche wie bei den eigenen Eltern. Wenn die Eltern
nicht mehr leben, dann kann man sogar über Briefe schreiben, also dass man im Brief, den man an die
Mutter oder an den Vater wendet, schreibt, für sich einsteht, die Situation schildert und sagt, ich will dir
das halt jetzt noch sagen. Aber man darf die Eltern nicht anklagen, nicht verurteilen, man muss eigentlich
nur für sich einstehen. Ich habe das schon vielen Leuten aufgetragen und wenn die das gemacht haben,
hat es ihnen oft große Erleichterungen gegeben und ein besseres Selbstbewusstsein. Also man muss
sich das Selbstbewusstsein nicht holen, indem man endlich mal die Anerkennung von den Eltern
bekommt, sondern indem man sich die selbst gibt.
[00:40:21.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre so das Theoretische. Jetzt komme ich zur Unterstützung. Viele Familien funktionieren nicht
ideal, sie hatten schwierige Situationen, müssen mit dem fertig werden. Es wird über Generationen
weitergegeben. Heutzutage kann man viel eher Hilfe holen. Früher hat man eher in Großfamilien gelebt,
heutzutage lebt man in Kleinfamilien. Aber heutzutage gibt es professionelle Unterstützung. Die HOTA ist
so eine Einrichtung, die nach Hause geht, die den Eltern hilft, wenn sie schwierige Kinder haben, mit
denen umzugehen, vielleicht herauszufinden, was der gute, richtige Erziehungsstil für dieses Kind wäre.
Da sage ich, ADHS Kinder, sind häufig recht schwierige Kinder. Wenn man da nicht lernt, mit ihnen
umzugehen, hat man lebenslänglich Probleme. Sie haben nachher auch lebenslängliche Probleme.
Wenn man andere Menschen aus ihnen machen will, als dass sie sind, wenn man ihre Persönlichkeit
nicht erfasst und die Persönlichkeit, die wird da relativ stark genetisch weitergegeben, also das ADHS,
und ADS ist aus meiner Sicht ein Neurotyp, ein Persönlichkeitstyp, der genetisch vererbt wird. Wenn man
da gegen den Strich von diesen Kindern geht, also gegen ihre Persönlichkeit, dann läuft nichts. Man
muss sie wirklich kennenlernen und lernen, mit ihnen umzugehen.
[00:42:08.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage dann, ich gehe dann immer in die Tierwelt. In der Tierwelt redet man von artgerechter
Tierhaltung oder von artgerechter Dressur. Also man kann mit einem Araberpferd nicht genau gleich
umgehen wie mit einer Kuh. Das sind andere Wesen. Die sind anders von der Sensibilität her. So sage
ich dann, man muss persönlichkeitsgerecht mit seinen Kindern umgehen und man muss herausfinden,
was für jedes Kind das Beste ist. In dem Sinn muss man auch nicht alle genau gleich erziehen, sondern
jedes nach seinen Bedürfnissen. Die Gleichmacherei, die funktioniert gar nicht so gut. Ich denke, man hat
das Recht, nein, man hat sogar die Pflicht, mit den Kindern persönlichkeitsgerecht umzugehen. Man
stößt dann vielleicht, also die Temperamente passen dann nicht immer so gut zusammen. Wenn man da
zu viel zusammenstößt, vielleicht kann es der Vater dann besser mit dem Kind. Aber man ist als Mutter
mehr mit dem Kind zusammen und es lohnt sich da Hilfe zu holen. Hota hat da die Aufgabe, dass sie
nach Hause kommt, dass sie schaut, wo sind überall die Probleme und wie könnte man das ändern, wie
könnte man es verbessern. Natürlich auch wenn die Eltern im Kampf sind miteinander, punkto Erziehung,
dann kann auch da die Hota vermitteln, sie kann objektiv schauen, der Vater will so, die Mutter so, wo
müsste man Anpassungen machen.
[00:43:49.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, es lohnt sich unbedingt solche Hilfe zu holen, denn die Kinder sind noch sehr flexibel, die
können viel lernen, wir Erwachsene sollten auch noch lernen. Da rede ich vom sokratischen Lernen. Also
der hat ja gesagt, wir lernen über unsere Schüler und so können wir auch über unsere Kinder lernen.
Wenn ich Familien in Therapie hatte mit schwierigen Kindern jeglichen Alters, dann sagen die Eltern
häufig, am Anfang war es schwierig und ich war verzweifelt, aber jetzt muss ich sagen, Ich habe von
diesem Kind sehr viel gelernt. Ich habe dank dieses Kindes sehr viel gelernt. Also ich musste mich noch
entwickeln. Das ist natürlich schön.
[00:44:43.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Schlussbemerkung sage ich, wir machen alle Fehler, wir Eltern, das ist normal. Wir meinen es stets
gut. Da hat mal ein Jugendlicher zu mir gesagt, das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Ich musste lachen.
Es stimmt, wir meinen es immer gut. Aber das heißt nicht immer, dass es gut ankommt und dass es
passend ist für die Situation und dieses Kind. Jetzt, wenn es schiefläuft, dann lassen sich die Eltern
häufig, und speziell die Mütter, dann ergehen sich die in Schuldgefühlen und Sorgen. Oh, jetzt habe ich
wieder falsch gemacht. Ich habe alles falsch gemacht. Wird das Kind jetzt gestört sein auf Lebzeiten?"
Und so weiter und so weiter. Da sage ich, nein, die Kinder sind viel robuster als wir denken. Wenn wir
über Jahre hinweg die gleichen Fehler machen, wird es etwas schwierig. Aber wir dürfen Fehler machen.
Wenn wir uns zu sehr hintersinnen, was wir jetzt alles falsch gemacht haben, von Schuldgefühlen geplagt
werden, verpassen wir häufig die nächste Chance, es besser zu machen.
[00:45:55.660] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sage ich, man darf Fehler machen, man kann aus Fehlern lernen. Aber ich denke à la
Sokrates, man sollte stets lernbereit sein, dass man wirklich aus der Situation lernen kann. Was nicht
heisst, dass man ständig seine Parameter ändert und heute so und morgen so. Es braucht schon eine
gewisse Linie, die zu einem passt und hinter der man stehen kann. In dem Sinn möchte ich schliessen.
Also, Sie dürfen Fehler machen, Sie dürfen aus den Fehlern lernen. Es lohnt sich zu lernen. Holen Sie
sich Hilfe oder sagen Sie anderen, sich Hilfe zu holen. Es ist keine Schande, wenn man sich Hilfe holt,
um in der Familie etwas zu korrigieren.
[00:46:49.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Man holt sich ja sonst für alles Hilfe. Man hat einen Farbberater oder einen Interieurberater,
Steuerberater, weiß ich nicht was. Wieso nicht auch eine Beratung entgegennehmen für das Interne in
der Familie. Man muss sich überhaupt nicht schämen. Also man darf die dreckige Wäsche dem Helfer
zeigen, dass er beraten kann, wie man es vielleicht verbessern kann. Da bringe ich ein Beispiel zum
Schluss, das uns vielleicht positiv stimmt. Also ich hatte einen Patienten, der hatte mit ungefähr 21, hat er
eine psychotische Krise gemacht und ist dann aus seiner Arbeitsstelle herausgefallen. Er hat nie mehr an
einem Arbeitsplatz arbeiten können. Mein Oberarzt hat ihn begleitet, ich habe ihn schlussendlich
übernommen und begleitet. Wir haben die Familie über Jahre hinweg begleitet. Es hat viele
Schwierigkeiten gegeben zwischen Mann und Frau usw. Aber die Kinder, es war eine Ausländerfamilie,
die Kinder haben alle eine Lehre gemacht, sind alle verheiratet, haben Enkelkinder und es funktioniert
gut. Also das ist für mich ein sehr schönes Erlebnis, wie man durchaus ein Familiensystem unterstützen
kann und wie dann die nächste Generation sehr gut rauskommen kann, auch wenn ein Elternteil
lebenslänglich krank bleibt, immer wieder in die Klinik gehen muss etc.
[00:48:32.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Also man kann viel ausrichten, indem man sich Unterstützung holt, wenn das System etwas im
Schwanken oder Schwierigkeiten hat. Es lohnt sich. Es lohnt sich.
Schizophrenie ist die psychiatrische Krankheit, über welche am meisten geforscht wurde, die man aber von allen psychiatrischen Krankheiten dennoch am wenigsten versteht.
Schizophreniekrankheit kommt in allen Kulturen auf der ganzen Welt vor. Sie betrifft etwa 1% der Bevölkerung, d.h. bei einem von 100 Menschen wird im Laufe seines Lebens die Diagnose Schizophrenie gestellt. Männer wie Frauen sind etwa gleich häufig davon betroffen. Bei den Männern fällt jedoch die Erkrankung im Durchschnitt früher auf.
Systemisch betrachtet verkörpern Menschen mit Schizophreniekrankheit «Das Schwarze Schaf» der Familie. Im Volksmund verbindet man den Begriff Schizophrenie mit Bildern von verrücktem Verhalten, das extrem von der Norm abweicht. Der Ausruf «Das ist ja schizophren» dient in der Öffentlichkeit zur Abwertung von schwer nachvollziehbarem Verhalten und zugleich zum Aufrechterhalten sozialer Normen. «Schizophren» wird deshalb nicht selten auch als Schimpfwort verwendet. Dem Betroffenen droht dadurch der Verlust der sozialen Legitimation und als nächster Schritt die Ausgrenzung aus der Gesellschaft.
Aus medizinischer Sicht stellt die Schizophrenie eine gefürchtete Krankheit dar, deren Diagnose der Arzt ungern stellt und der Patient ungern erhält, weil das Damoklesschwert der Unheilbarkeit über ihr hängt. Trotz langjähriger Anstrengungen der Forschung über eine adäquate Behandlung gehen Fachleute wie Laien auch heute noch von der Annahme aus, dass Schizophrenie in der Mehrheit der Fälle nicht heilbar sei. Diese Haltung wird auch unterstützt durch den häufig zitierten statistischen Drittelverlauf, die sogenannte «Prognostische Daumenregel». Sie besagt, dass ein Drittel der Erkrankten spontan heilt, ein Drittel mit deutlichen Symptomen auf tieferem Funktionsniveau stagniert und ein Drittel schwer beeinträchtigt wird, ständig Rückfälle hat und deshalb immer wieder Klinikaufenthalte benötigt. Vom letzten Drittel bleiben gar 10% dauerhaft hospitalisiert. Diese statistische Aussage lässt tatsächlich keine optimistische Prognose zu für zwei Drittel der Betroffenen, was sowohl für Patienten wie Angehörige eine schwere Hypothek darstellt und der therapeutischen Kunst der Psychiatrie in Bezug auf diese Krankheit kein gutes Zeugnis ausstellt.
Wie bedrohlich die Krankheit eingeschätzt wird, zeigt sich auch in der weit verbreiteten Meinung, die Behandlung der Akutphase müsse unbedingt in einer Psychiatrischen Klinik, ausgeschlossen von der Gesellschaft, quasi in Quarantäne durchgeführt werden. Da der Patient die soziale Ausgrenzung als therapeutische Massnahme aber nicht akzeptiert, weil sie für ihn eine Demütigung darstellt, kann sie nicht durchgeführt werden – es sei denn gegen seinen Willen. Die Familie will aber eine psychiatrische Klinikeinweisung gegen den Willen ihres Patienten möglichst verhindern, weil sie dies für ihr Familienmitglied als Entwürdigung und für ihr Familiensystem zugleich als Schande betrachtet. Sie kommt sich durch eine solche Massnahme in der Öffentlichkeit als Versager abgestempelt vor. Deshalb wird eine Erstbehandlung oft lange hinausgeschoben.
Die Konsequenzen davon sind meistens, dass es nach langer Verzögerung schliesslich doch zu einer stationären Zwangsbehandlung kommt. Dieser verspätete Therapiebeginn wird nun zusätzlich erschwert durch das psychische Trauma der Zwangseinweisung und Zwangsbehandlung, alles schlechte Voraussetzungen für eine erfolgreiche Behandlung und eine günstige Prognose dieser Krankheit.
Die theoretischen Erklärungsmodelle der Schizophrenie, die verwendet werden, basieren ausschliesslich auf neurochemischem und neuropsychologischem Wissen. Der soziale Aspekt hat im Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen in den letzten dreissig Jahren bei dieser Krankheit kein nachhaltiges Interesse mehr gefunden. Fast alle Studien über die Interaktion zwischen Patient und Familie stammen aus den Jahren 1960 bis Ende 1980. Danach findet man fast keine wissenschaftlichen Arbeiten mehr auf diesem Gebiet. Die Forscher haben sich von einem interaktiven Erklärungsmodel der Schizophrenie abgewandt und befassen sich heutzutage vor allem mit psychopharmakologischen, neurochemischen und neurophysiologischen Aspekten. Bei diesem Forschungsansatz sind familieninterne Faktoren bei der Entstehung der Schizophrenieerkrankung vollkommen ausgeklammert.
Erweitern wir jedoch den Blickwinkel sowohl auf das Familiensystem und seine Interaktionen über Generationen hinweg als auch auf die lebensgeschichtlichen, individuellen Stressfaktoren wird ersichtlich, wie sich diese Krankheit allmählich emotional aufbaut und schlussendlich in einem Familienmitglied niederschlägt, welches die grösste Vulnerabilität mit sich bringt oder sich am vulnerabelsten Schnittpunkt im Familiensystem befindet.
Keine Krankheit wird in ihrer Entstehung so stark von den Biographien der Eltern des Betroffenen beeinflusst und bei keiner anderen Krankheit fühlt sich das familiale Umfeld derart befugt, auf den Patienten Einfluss nehmen zu müssen, um das eigene System zu schützen, wie bei der Schizophreniekrankheit.
Mit Absicht verlasse ich deshalb den gängigen Pfad der heutigen Klassischen Psychiatrie und betrachte die Schizophrenie mit diesem Buch aus systemischer Perspektive als eine «Biographische Krankheit», die über drei oder mehr Generationen entstanden ist.
An die Familienstudien der 80-er Jahre des letzten Jahrhunderts anschliessend, führe ich die Schizophrenieerkrankung erneut in den psycho-sozialen Kontext der Familie zurück und interpretiere sie aus systemischer Sicht als emotionale Blockade, die am Ende eines zum Stillstand gekommenen Entwicklungsprozesses eines Familiensystems in einer «Monsterwelle der Emotionen» zum Ausbruch kommt. Diese Blockade, die durch lang andauernde seelische Verletzungen im Familiensystem entstanden ist, wirkt sich entwicklungshemmend auf den Indexpatienten aus und schlägt sich schliesslich in seiner Schizophreniekrankheit nieder. Ist die Schwelle des Unaushaltbaren erreicht, erfolgt der Umschlag in die Psychose. Das betroffene Familienmitglied befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einem Zustand schwerer innerer Turbulenzen, die mit grossem seelischem Leiden einhergehen.
Von der Bedeutung innerhalb des familialen Kontextes her gesehen, stellt die Schizophrenieerkrankung stets ein Bestreben des Betroffenen dar, als funktionalisiertes Familienmitglied aus dem Knäuel der emotional verstrickten Lebensabläufe der Eltern und ihrer Herkunftsfamilien einen Ausweg zu finden. Diese Verstrickung des familialen Umfeldes kann, wie gesagt, bis in die dritte Generation oder noch weiter zurückverfolgt werden.
Wegen der dysfunktionalen Beziehungen erzwingt das System eine Reduktion des Spannungsfeldes innerhalb der Familienstrukturen über einen Projektionsvorgang auf den identifizierten Patienten. Dadurch wird dessen individueller Entwicklungsprozess zur eigenständigen Persönlichkeit blockiert und der Eintritt ins Erwachsenenleben verhindert. Als krankheitsbetroffenes Familienmitglied macht es sich diese Rollenvorlage der Familie zum Lebensinhalt.
Im weiteren Verlauf spielt sich dann sein Leben – abgetrennt von der äusseren Wirklichkeit – vornehmlich in Funktion der Familie und das Leben der Familie in Funktion von ihm ab. Der Wunsch nach «Regie» ist der unüberhörbare, aber unausgesprochene Ruf aus der Mitte des in Aufruhr geratenen Familiensystems. Der Schizophrene folgt ihm gleich dem Gesang der Sirenen und übernimmt als «Besessener Diplomat» die Führung.
Im Verlauf meiner 40-jährigen Erfahrung im Umgang mit unzähligen Schizophreniepatienten und ihren Familien bin ich zur festen Überzeugung gelangt, dass eine «Therapie mit systemischem Ansatz» für die frühzeitige ambulante Behandlung von Schizophreniekranken unter Einbezug der Familie bei mehr als zwei Dritteln zu einem positiven Verlauf, ja in manchen Fällen sogar zu einer Heilung führen kann.
Dies bedingt jedoch, dass die behandelnde Fachperson zusammen mit der Familie das irrationale Verhalten des Patienten als verschlüsselte Kommunikation angeht nach der systemischen Regel: «Jedes Krankheitssymptom hat einen kommunikativen Wert».
Den verborgenen auftrag, der dieser Krankheit zu Grunde liegt, gilt es also zu entschlüsseln, sodass der interessierte Leser die Schizophrenie nicht mehr nur als hoffnungslose, unheilbare Krankheit sieht, sondern vielmehr als «Ephemerie» betrachten kann, als Erscheinungsform von Generationen übergreifenden Verstrickungen im Familiensystem, die es in der Therapie aufzuschlüsseln und neu zu ordnen gilt.
Es ist mein Anliegen, Fachpersonen, betroffenen Angehörigen und einer breiteren Öffentlichkeit, Einblick in diese mysteriöse Krankheit zu geben, ihr den Zugang zum «ver-rückten Dasein» dieser Menschen zu erleichtern und anhand von Beispielen neue systemtherapeutische Wege aufzuzeigen, die aus dieser scheinbar unüberwindbaren Welt der Verrücktheit herausführen.
Ziel dieses Buches ist es, die Schizophreniekrankheit über diesen neuen Zugang verständlicher zu machen, dem Leser Rede und Antwort zu stehen und gleichzeitig das Vertrauen in die systemische Familientherapie sowohl bei den Fachpersonen als auch bei den um Hilfe suchenden Angehörigen und Patienten zu stärken. Die Antwort auf die häufig gestellte Frage: «Ist Schizophrenie überhaupt heilbar?» lautet dann: «Ja, wenn der Hilfsdiesel rechtzeitig anspringt», d.h. wenn die «Systemische Therapie» als «Hilfsdiesel bei Schiffbruch» zum Einsatz kommt.
Auszug II
Von Therapie-Fehlern zu Therapeuten-Regeln
Als Zusammenfassung der Systemtherapie von Familiensystemen mit Schizophrenieerkrankung führe ich als Essenz meiner Erfahrung einige wichtige Regeln auf, die im Umgang mit Therapiefehlern entstanden sind.
Therapie als Lernprozess
Die systemische Familientherapie besteht aus einem fortlaufenden Lernprozess, der nicht nur die Familie betrifft, sondern auch den Therapeuten einbezieht. Da jedes Familiensystem einzigartig ist, muss auch die therapeutische Kunst immer wieder neu gelernt bzw. neu erfunden werden nach dem Satz von Piaget «apprendre c’est réinventer», «lernen ist wiedererfinden».
Behält der Therapeut diese lernende Haltung bei, passt er die Interventionen im Verlauf der Therapie immer wieder von neuem dem Entwicklungsstand der Familie an und hält sich an die wichtigste aller Therapeuten-Regeln:
Der Therapeut hat die therapeutische Kunst anhand von Therapie-Fehlern laufend zu verbessern und dadurch auch seine Methode stetig weiter zu entwickeln.
Die erste Begegnung – der erste Eindruck
Bei der Behandlung von Schizophrenen und ihren Familien ist die erste Begegnung ausschlaggebend für den weiteren Verlauf der Therapie nach dem englischen Sprichwort: «you never have a second chance to make a first impression».
Schizophreniefamilien sind besonders schreckhafte Systeme. Werden sie schon bei der ersten Begegnung verunsichert oder gar erschreckt, ist dies so leicht nicht wieder gut zu machen.
Der erste Auftritt verlangt deshalb vom Therapeuten instinktsicheres Verhalten und gleichzeitig Sensibilität, denn nicht nur beim Patienten, auch bei den Angehörigen besteht eine niedrige Reizschwelle für die Fluchtreaktion, was zum sofortigen Abbruch der Therapie führt.
Der Therapeut muss also in der Lage sein, gleich zu Beginn der Therapie das Vertrauen der Familie zu gewinnen. Unsicherheit, Angespanntheit wie auch zögerliches Auftreten des Therapeuten wird sofort registriert und verstärkt die Angst im Familiensystem. Die Folge davon ist, dass der Patient der nächsten Sitzung meist ohne Abmeldung fernbleibt und die Angehörigen sich unter irgendeinem Vorwand für den nächsten Termin entschuldigen. Der wahre Grund bleibt dabei unausgesprochen.
Nehmen die Angehörigen dennoch weiterhin an der Therapie teil, kann es vorkommen, dass sie durch das zögerliche Auftreten des Therapeuten verunsichert werden, ihn deshalb mit Vorwürfen überhäufen und ihn wissen lassen, dass sie an seiner Kompetenz zweifeln. Dies führt in der Regel zu einer ambivalenten therapeutischen Haltung, da der enorme Leistungsdruck für den Therapeuten meist schwer auszuhalten ist. Die Familie nimmt diese Ambivalenz sofort wahr und das therapeutische Bündnis geht in Brüche, noch ehe es richtig begonnen hat. Manchmal kann in einer solch schwierigen Situation ein erfahrener Supervisor dem Therapeuten beratend zur Seite stehen, sodass die Therapie trotz zwiespältiger Gefühle auf beiden Seiten fortgesetzt werden kann.
Ärztliche Abkehr vom Krankheitssymptom
Die Ironie der ärztlichen Ausbildung in Bezug auf die Behandlung von Schizophreniepatienten liegt darin, dass der Arztberuf gezielt darauf ausgerichtet ist, bei der Behandlung der Patienten ausschliesslich auf Krankheitssymptome zu achten. Vom Beruf her sind Ärzte als «Symptomjäger» ausgebildet. Sie wollen Krankheitssymptome aufspüren, um diese dann zu bekämpfen.
Bei der Schizophrenie wird diese Strategie jedoch zum Hindernis, da die Symptome nur ein Ablenkungsmanöver von den systemischen Problemen im Hintergrund darstellen. Eine Schizophreniebehandlung, die sich ausschliesslich auf Symptombekämpfung ausrichtet, ist aus systemischer Sicht ein Kampf mit den Windmühlen. Eine hilfreiche systemische Faustregel lautet denn auch:
Interpretiere die Symptome des Patienten und sein Verhalten immer auf dem Hintergrund seines Familiensystems, wenn möglich über mehrere Generationen hinweg.
Aus diesem erweiterten Blickwinkel stellen sich dann die typischen systemischen Fragen wie:
Was soll das Verhalten des Patienten bewirken?
Was ist die geheime Botschaft, die das Familiensystem über die Krankheit zum Ausdruck bringt?
Worin liegt der kommunikative Wert des Symptoms?
Was ist die verschlüsselte Aussage, die im Wahn des Indexpatienten zum Ausdruck kommt?
Wie hält der Wahn das Familiensystem zusammen? und andere prozessorientierte Fragen.
Von der Symptombehandlung zur Systembetrachtung
Konsequentes Umlernen der ärztlichen Therapeuten – der lange Weg von der Symptombehandlung zur Systembetrachtung – ist also Voraussetzung für eine erfolgreiche systemische Schizophreniebehandlung. Nicht ärztlichen Individualtherapeuten wie Psychologen oder Fachpersonen aus der Pflege fällt dieses Umdenken oft etwas leichter, weil sie vermehrt beziehungsorientiert und weniger symptombezogen arbeiten. Wenn sie aber nicht systemtherapeutisch geschult sind, steht ihnen bei der beziehungsorientierten Arbeit häufig die beschützende fürsorgerische Haltung im Weg. Ihr therapeutisches Verhalten ist von der Vorstellung geprägt, den «armen Patienten» vor dem «bösen Umfeld» insbesondere seiner Familie schützen zu müssen. Mit dieser Einstellung üben sie aber das gleiche überbehütende Verhalten aus, wie es den Müttern von Schizophreniepatienten eigen ist.
Das Versagen der Logik
Selbst erfahrene Therapeuten stossen sich immer wieder am irrationalen Verhalten und Denken der Schizophrenen, ihrer verzerrten Wahrnehmung und ihrer befremdenden Interpretation der Realität. Dieses «Verrückt-Sein», so meint man, sollte doch durch vernünftiges Argumentieren wieder auf den Boden der Realität zurückgebracht werden können!
Das Appellieren an die Vernunft ist aber bei Schizophreniepatienten ein therapeutischer Kunstfehler. Mit den Mitteln der Vernunft ist bei Schizophrenen nichts zu erreichen, so einleuchtend dies auch immer für einen vernünftig denkenden Menschen erscheinen mag. Alle Überredungskünste tragen nur zur Erhöhung der emotionalen Stresssituation bei und somit zur Verstärkung der schizophrenen Symptome. Luc Ciompi hat dieses Phänomen mit dem Begriff der «Affektlogik» treffend umschrieben.
Es ist deshalb Aufgabe des Therapeuten, an erster Stelle die Emotionen zu beruhigen – aber nicht mit der Vernunft, sondern mit der eigenen ruhigen, empathischen Beziehungsaufnahme zum Patienten, denn es gilt auch für erfahrene Fachleute der Leitsatz:
Bei Schizophrenen sind es die Emotionen, die dem Verstand diktieren, was logisch zu sein hat, und nicht umgekehrt.
Absage an den Aktivismus
Ein bekannter Standartsatz von Eltern Schizophrener lautet meistens: «So kann es nicht weitergehen, jetzt muss unbedingt etwas geschehen – und zwar sofort.» Dieser Notruf verleitet Therapeuten immer wieder zu Aktivismus und zur sofortigen Verantwortungsübernahme für das Familiensystem. Diesem Drängen der Familie nach unmittelbarem Handeln muss der Therapeut aber unbedingt widerstehen können, sonst wird er zum verlängerten Arm der Familie, begeht unweigerlich therapeutische Fehler und macht mehr vom gleichen nach dem französischen Sprichwort: «plus ça change, plus c’est la même chose.»
Die Aufforderung der Eltern zu Sofortmassnahmen mag beim Therapeuten den Eindruck hinterlassen, dass das Familiensystem für eine Intervention bereit ist. Dem ist aber nicht so.
Der Therapeut muss die Bereitschaft für eine therapeutische Intervention zuerst durch gezielte Fragen überprüfen. Trifft er dabei auf Widerstand, ist dies ein Hinweis für eine behutsamere Gangart. In diesem Fall soll er sich lediglich für ein vertieftes empathisches Verständnis des Familiensystems einsetzen und auf jegliche Strategie verzichten, die auf eine vorschnelle Veränderung abzielt.
Das therapeutische Potential liegt bei den Gesunden
Die systemische Familientherapie geht von der Regel aus, dass eine therapeutische Intervention die grösste Nachhaltigkeit für den Heilungsprozess hat, wenn sie bei den hierarchisch höchsten Familienmitgliedern ansetzt und nicht beim kranken Patienten, dem schwächsten Mitglied der Familie.
Die wichtigsten therapeutischen Fortschritte finden deshalb zuerst bei den Eltern und erst als Folge davon beim Patienten statt.
Zu dieser Überzeugung, dass für die Heilung des Schizophrenen die Therapie vor allem bei den Eltern anzusetzen hat, muss aber zu allererst der Therapeut selbst gelangen. Nur wenn er dieses systemische Grundprinzip erkannt und wirklich verinnerlicht hat, kann er aus seiner Überzeugung heraus auch die Eltern erfolgreich anleiten. Erst dann können die Eltern über das therapeutische Handeln auch selber spüren, dass sie eine echte Chance haben, den weiteren Verlauf des Krankheitsgeschehens ihres Kindes aus eigener Kraft in eine positive Richtung zu lenken.
Dieses Vorgehen, das auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint, verlangt vom Therapeuten stets Geduld für die Lern-Zeit der Eltern. Sie müssen von ihm immer wieder freundlich davon abgehalten werden, das «Aktionsglied Patient» in erzieherischer Weise verändern zu wollen. Dieses Ansinnen ist ein elterlicher Reflex, quasi eine «déformation professionnelle» durch ihre Elternrolle.
Das hartnäckig persistierende Erziehungsverhalten der Eltern dem Patienten gegenüber ist jedoch auch eine Abwehr gegen jegliche Änderung ihrer eigenen Einstellung ihrer Herkunftsfamilie und ihres eigenen Verhaltens gegenüber. Eltern denken primär nie daran, dass sie bei sich etwas verändern sollten, wenn sie therapeutische Hilfe für ihr schizophrenes Kind aufsuchen.
Gelingt es dem Therapeuten jedoch, den Fokus vom Patienten weg auf die Eltern zu lenken, ohne dass die Eltern dadurch von ihren Schuldgefühlen blockiert werden, ergibt dies den Anstoss zu einer grundlegenden Systemveränderung. Haben die Eltern die Notwendigkeit einer eigenen Verhaltensänderung erst einmal erkannt, ist systemtherapeutisch gesehen ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung getan. Die scheinbar ausweglose Schizophreniekrankheit ihres Patientenkindes wird plötzlich zu einer von ihnen auf neue Art beeinflussbaren Grösse.
Elterliche Wertesysteme berücksichtigen
Beim therapeutischen Umgang mit den Eltern ist grundsätzlich darauf zu achten, dass man ihre Wertsysteme nicht verletzt und nach dem Prinzip handelt: «Begegne jedem Menschen in seinem eigenen Wertsystem.»
Eltern wollen für ihre Kinder immer nur das Beste. Die Eltern von Schizophrenen sind dabei keine Ausnahme, im Gegenteil. Sie geben sich häufig besonders Mühe und scheuen keinen Aufwand. Sie versuchen oft jahrelang angestrengt, ihre schwierige Familiensituation und ihr krankes Kind nach den ihnen bekannten Regeln zu meistern.
Kommen Eltern schliesslich dennoch zur Therapie, dann erwarten sie in der Regel vom Therapeuten in erster Linie Akzeptanz und Verständnis für ihre grossen Anstrengungen. Sie suchen Verständnis für ihre besonderen Problemgeschichten, für verborgene Traumata und Tabus sowie für ihre ganz speziellen Werte, die ihnen besonders am Herzen liegen. Verpasst es der Therapeut, empathisches Verständnis zu zeigen, dann verletzt er ihr Selbstwertgefühl, wenn er zu schnell Veränderungen einleitet, ohne ihr Wertsystemen berücksichtigt zu haben. Übergeht er ihre Anliegen, dann geraten Mütter wie Väter in Aufruhr. Sie leisten Widerstand gegen jegliche Veränderungsvorschläge und brechen die Therapie ab. Deshalb gilt die Faustregel:
Man soll das System immer dort abholen, wo es sich gerade befindet und nicht dort, wo man es gerne haben möchte.
Von manchen Systemtheoretikern wird das reaktive Verhalten der Familie auf Interventionen des Therapeuten auch mit dem Begriff des Zwangs zur «Homoeostase» umschrieben. Sie gehen davon aus, dass jedem Familiensystem von Natur her grundsätzlich ein Impuls innewohnt, gegen therapeutische Veränderungsversuche Widerstand zu leisten.
Das Konzept der Homoeostase erlaubt Therapeuten eine unkritische Einstellung sich selbst gegenüber und macht sie blind gegen ihre therapeutischen Fehler, mit welchen sie diese sogenannte Homoeostase-Reaktion im Familiensystem selbst ausgelöst haben.
Jedes Familiensystem hat seine eigenen Wertvorstellungen und Tabus aus der Herkunftsfamilie. Der Therapeut hat darauf Rücksicht zu nehmen, will er nicht schon gleich zu Beginn der Therapie eine Abwehrreaktion auslösen.
Chaotisches Aufschaukeln emotionaler Prozesse
Kleine Probleme können in Schizophreniefamilien innerhalb kürzester Zeit zu grossen Turbulenzen eskalieren, weil sowohl der Patient in seiner Psychose als auch die Familie selbst eine erhöhte emotionale Eskalationstendenz in sich tragen. Ich nenne dieses Phänomen «Das chaotische Aufschaukeln emotionaler Prozesse».
Aufkommende Angst im Auge zu behalten ist deshalb eine wichtige Grundregel im Umgang mit Schizophreniefamilien.
Nimmt sich der Therapeut nicht genügend Zeit zur Krisenintervention und überlässt die Familie in dieser Phase des emotionalen Sturms sich selbst, kann es leicht zu einer erneuten akuten Psychose mit entsprechend destruktiven Interaktionen kommen.
Der emotionale Sturm einer akuten Psychose ist an sich nicht gefährlich, wenn der Therapeut sofort stützend und ordnend zur Seite steht.
Es ist deshalb hilfreich, wenn der Therapeut in solchen Krisenmomenten telefonisch erreichbar ist. Durch den Präsenzdienst kann er eine weitere Eskalation häufig rechtzeitig verhindern. Schon nur das Angebot allein, im Notfall telefonieren zu dürfen, beruhigt die Familie oft hinreichend, sodass sie seine Hilfe gar nicht erst, oder zumindest nur sehr selten, in Anspruch nehmen muss.
Triangulierung des Therapeuten
Das Triangulationsverhalten der Eltern ist eine besondere Herausforderung für den Familientherapeuten. Beide Eltern versuchen in ihrem chronischen Partnerkonflikt, den Therapeuten immer wieder auf ihre Seite zu ziehen und ihn als Machtfaktor gegen ihren Partner zu instrumentalisieren. Der Therapeut muss deshalb besonders darauf achten, dass er von den Eltern nicht trianguliert wird. Er darf niemals die Advokatenrolle für den einen oder andern Elternteil übernehmen, sondern muss stets seine eigene unabhängige Position behalten. Er darf sich aber auch nicht vom Patienten gegen die Eltern – oder umgekehrt – von den Eltern gegen den Patienten triangulieren bzw. instrumentalisieren lassen.
Sein Ziel soll sein, zwischen den Eltern genügend gegenseitige Akzeptanz zu schaffen, sodass sie den entwicklungshemmenden Zwang zur gegenseitigen Negation aufgeben können. Um dies zu erreichen, muss keine Einigung zwischen den Eltern angestrebt werden. Im Gegenteil, der Therapeut soll sogar gleich zu Beginn die nicht zu vereinbarenden Standpunkte von Mutter und Vater als Ansatz zur Differenzierung verwenden und ohne jegliche Wertung möglichst offen zur Sprache bringen und so die Eltern in ihrer gleichwertigen Bedeutung hervorheben.
Sinnloser Kampf gegen die Mutter-Kind Symbiose
Die Mutter-Kind-Beziehung hat eine arterhaltende Funktion. Sie steht für die Frau an erster Stelle und kommt noch vor der Paarbeziehung, sobald sie Mutter geworden ist.
Die enge Mutter-Kind-Beziehung lockert sich normalerweise während der Pubertät in der Ablösungsphase. Bei Familien mit einem schizophreniekranken Kind bleibt diese enge symbiotische Beziehung jedoch über das Pubertätsalter hinaus bestehen. Der Therapeut muss sich deshalb dieser Beziehung mit besonderer Sorgfalt annehmen.
Sowohl die Mutter als auch das Patientenkind wehren sich vehement gegen jegliche therapeutische Intervention, die darauf hinausläuft, die symbiotische Mutter-Kind Beziehung – einer Nabelschnur vergleichbar – abrupt zu trennen. Therapeuten verfallen aber immer wieder diesem Irrtum. Die Therapie artet dann in einen Machtkampf aus, den die Therapeuten regelmässig verlieren.
Die symbiotische Mutter-Kind Beziehung stellt ein geschlossenes System der Gefühle und Bedürfnisse dar. Sowohl die Mutter als auch das Patientenkind nehmen jeweils beim andern die feinste Gefühlsregung und Unstimmigkeit wahr und versuchen, diese sofort auszugleichen.
Über diese intensive emotionale Bindung fühlt sich nicht nur die Mutter für das Kind, sondern auch das Kind für die Mutter verantwortlich. Dies kann soweit gehen, dass nicht nur die Mutter das Kind, sondern auch das Kind seine Mutter vor dem «Bösen» dieser Welt» meint beschützen zu müssen. Beide benutzen so ihre Angst und Sorge um den andern, um die eigene Selbstunsicherheit zu verbergen. Autonomie und Eigenverantwortung empfinden sowohl Mutter wie Kind als bedrohlich.
Mütter erlauben dem Therapeuten keinen Zugang zu dieser engen Mutter-Kind Beziehung, solange sie kein Vertrauen in den Therapeuten haben. Sie beharren unter diesen Umständen auf der festen Überzeugung, dass nur sie in der Lage sind, ihrem Kind wirklich helfen zu können. Ihre Sorge um das kranke Kind ist ihre wichtigste Beschäftigung, von der sie nicht ablassen können, solange der Therapeut eine gewaltsame Trennung zwischen ihnen und ihrem Kind verlangt.
In dieser Situation ist es oft hilfreich, eine prozesshafte Beziehungsanamnese über die Symbiose zwischen Mutter und Kind aufzunehmen. Der Therapeut lässt sich dabei von der Mutter ausführlich schildern, wie die Interaktion zwischen ihr und dem Patientenkind im Detail abläuft, ohne jedoch die interaktiven Verhaltensmuster in irgendeiner Weise zu werten oder gar verändern zu wollen.
Gelingt es dem Therapeuten, sich von der Mutter die Interaktion präzise schildern zu lassen und ihren Ausführungen eine wertfreie Akzeptanz entgegenzubringen, dann fühlt sie sich seiner Unterstützung sicher. Sie hat dann oft selbst ein «Aha-Erlebnis» und sieht plötzlich die emotionale Negativspirale zwischen sich und ihrem Patientenkind. Dies versetzt sie dann aber in die Lage, eine entsprechende Veränderung bei sich vorzunehmen und dem Therapeuten die Führung zu überlassen.
Zu diesem Zeitpunkt kann der Therapeut auch die Zusage der Mutter erwirken, den Vater ins Beziehungsumfeld des Patientenkindes einzulassen, sodass er seine väterliche Führungsaufgabe ihm gegenüber übernehmen kann.
Therapeutischer Machtkampf – ein Kunstfehler
Ärztliche Therapeuten reagieren oft erstaunt, manchmal sogar irritiert, wenn sich Patient oder Angehörige aktiv gegen ihre Strategie zur Wehr setzten. Als Vertreter der medizinischen Autorität mit entsprechendem Fachwissen können sie es nur schlecht akzeptieren, wenn ihre Anweisungen von Patienten- oder Angehörigenseite her in Frage gestellt werden. Sie sind es gewohnt, dass sie das Wissen und das Sagen haben und sich jederzeit unangefochten durchsetzen können.
Autoritäres Verhalten dieser Art motiviert die Patientenfamilie jedoch nicht, sich auf einen Lernprozess einzulassen. Vielmehr stösst eine solche Einstellung des Arztes die Patientenfamilie vor den Kopf, ja beleidigt sie womöglich, wenn er, sichtlich irritiert, seiner Autorität Nachdruck zu verschaffen versucht.
Kommt es zum Machtkampf, gewinnt immer der Patient mit seinem Kranksein. Auch die Patientenfamilie kann auf diese Weise ihren Status quo erhalten. Der therapeutische Prozess steckt dann in einer Sackgasse.
Kritik und das Hinterfragen der ärztlichen Anweisungen von Seiten der Patientenfamilie sollten immer dahingehend interpretiert werden, dass die Familie zwar aktiv am therapeutischen Prozess mitmachen möchte, die Zielsetzung des Therapeuten aber mit der Realität der Familie nicht übereinstimmt.
Der Therapeut sollte den Widerstand der Familie deshalb als Aufforderung an sich selbst verstehen, seine Interventionsvorschläge noch einmal sorgfältig zu überprüfen, ob der Zeitpunkt für die vorgeschlagene Intervention noch zu früh oder nicht genügend systemgerecht war und dann sein therapeutisches Vorgehen zu optimieren versuchen.
Der erfahrene Therapeut betrachtet die Therapie, wie schon zu Beginn dieses Kapitels erwähnt, immer auch als Lernprozess für sich selbst und als Feinschliff für sein Therapie-Instrumentarium. Er korrigiert seine therapeutischen Interventionen fortlaufend, wenn es die Familiensituation erfordert. Er vertritt seinen Standpunkt zwar selbstsicher und ruhig, vermeidet es aber tunlichst, die Familie davon überzeugen zu wollen, dass er im Recht ist, wenn sie Widerstand leistet – auch wenn er sogar theoretisch Recht haben mag.
Der erfahrene Therapeut gibt nur die allgemeine Richtung vor. Er überlässt es der Familie, selbst den richtigen Zeitpunkt, das «Timing» zu bestimmen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Mit dieser Haltung erleichtert er der Familie den Therapieprozess und befreit sich selbst vom Erfolgsdruck, sodass die Therapie auch unter erschwerten Umständen und bei wiederholten Rückschlägen fortgesetzt werden kann nach dem Motto: «Der Weg ist das Ziel.»
Unerfüllte Wünsche der Eltern
Hinter den Kulissen der Kernfamilie verbergen sich stets Probleme aus der Herkunftsfamilie. Es lohnt sich deshalb, hinter die Kulissen zu schauen.
Sowohl Väter wie Mütter können oft unerfüllte Ambitionen im Stillen mit sich tragen, heimliche Wünsche, die sich in der Folge behindernd auf die Entwicklung ihres Patientenkindes auswirken. Deswegen ist es aus therapeutischen Gründen sinnvoll, Eltern nach ihren unerfüllten Ambitionen oder anderen nicht ausgesprochenen Träumen zu fragen.
Nicht erfüllte, über Jahre im Verborgenen gehegte Wünsche sollten deshalb mit jedem Elternteil einzeln ernsthaft auf eine noch mögliche Realisierung hin geprüft werden im Sinne einer Interessenspflege, einer Freizeitbeschäftigung oder gar einer Weiterbildung. Auch wenn die zurückgehaltenen elterlichen Wünsche noch so unbedeutend und nebensächlich erscheinen mögen – unerfüllte Wünsche sind stumme Störfaktoren. Offene Gespräche über verdeckte Aspirationen und geheime Träume wirken klärend. In der Folge entlasten sie den Patienten.
Die Entwicklung des Patienten zur Selbständigkeit ist oft erst dann möglich, wenn die Eltern – unabhängig von ihrer Vater- und Mutterrolle – sich ernsthaft ihrer eigenen Herzenswünsche annehmen.
Auszug III
Nachwort an die Eltern
Zum Abschluss dieses Buches möchte ich noch etwas zur Ermutigung verzweifelter Eltern sagen. Beim Lesen dieses Buches werden sie entdeckt haben, dass ich auf vielen Ebenen therapeutische Vorschläge mache. Gleichzeitig weise ich auf Fehlentwicklungen hin, die sich über Generationen hinweg aufbauen, an welchen Eltern als Kinder ihrer Eltern und Mitglieder ihrer Herkunftsfamilien meistens Anteil haben.
Ich will ihnen als Eltern keine Schuld zuweisen noch ihr Handeln verurteilen. Schuld und Verurteilung sind keine Ratgeber in der systemischen Familientherapie. Fehler aber schon. Anhand unserer Fehler lernen wir. Erkennen wir unsere Fehler nicht, sind wir ohnmächtig, uns beraten zu lassen. Den Entwicklungsstillstand zu überwinden und uns zu fragen, wie man aus den gegenwärtigen Schwierigkeiten herauskommt, soll unser Ziel sein.
Anzeichen der Entmutigung sind weit verbreitet. Wer liebt schon das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben? Sie sollen als Eltern deshalb ihre Aufmerksamkeit auf eine funktionelle Betrachtung und sachliche Beratung richten. Um dies zu erreichen, brauchen sie den Mut zur Unvollkommenheit. Das heisst aber nicht, dass sie auf Entmutigung, Schwäche und Verzweiflung bauen sollen. Genau so wenig wie es hilft, Vollkommenheit anzustreben.
Fehler machen wir alle als Eltern. Fehler zugeben können wir – wohl aus unserem Vollkommenheitswahn heraus – nicht oft genug. Denn besonders als Eltern glauben wir, dass wir etwas von unserem persönlichen Wert verlieren, wenn wir Fehler eingestehen. Das ist Schwäche. Mut zu bewahren angesichts begangener Fehler, das ist Stärke.
Ich kann die Bereitschaft zur Veränderung in der Familie von ihnen als Eltern nicht oft genug in ihrer Wichtigkeit hervorheben. Gelebte Verschiedenartigkeit von Mann und Frau sowie verschiedene Erziehungshaltungen bei der mütterlichen und väterlichen Rollenausübung sind nicht schizophrenogen, wenn sie als Eltern offen miteinander kommunizieren und ihre unterschiedliche Haltung gegenseitig respektieren. Klar kommunizierte Verschiedenartigkeit von ihnen als Eltern fördert die Wahrnehmung des Kindes und seine soziale Anpassungsfähigkeit. Es erhält dadurch eine flexible Grundstruktur für sein Denken und Handeln und wird robuster für die späteren Auseinandersetzungen im täglichen Leben mit seinen Mitmenschen.
Lassen sie sich helfen, dann können sie ihrem kranken Kind und auch sich selber helfen. Lernen sie nicht, sich helfen zu lassen, dann kann ihnen keiner helfen.
Doch denken sie auch daran, dass dieser Einsatz Zeit erfordert. Mehr Zeit als ihnen vielleicht lieb ist. Der Mut zu kleinen Schritten verkürzt aber diese Zeit und ermutigt sie zum nächsten Schritt.
Reife bedeutet nicht Vollkommenheit. Reife bedeutet Möglichkeitssinn, Verwirklichung des Möglichen. Machen sie es möglich, dass ihr Kind sich entwickeln kann.
Der Anfang liegt bei ihnen als Eltern – lassen sie dabei ihre Biographie nie aus den Augen und beherzigen sie meine Bitte, auf das emotionale Echo aus dem Umfeld Ihrer Herkunftsfamilie zu hören.
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