Kompetition und Kooperation unter den Helfersystemen

Kompetition und Kooperation unter den Helfersystemen

Referat an der Fachtagung HotA

Dienstag, 21. Mai 2019, 13.30 – 17.00 Uhr Kultur- und Kongresshaus Aarau

«Viele Köche verderben den Brei» «Viele Helfer verderben den Patienten»

Der Sozialstaat Schweiz und somit auch der Kanton Aargau hat unzählige Helfersys- teme, die immer dann eingesetzt werden, wenn das natürliche Familiensystem ver- sagt hat und ein oder mehrere Individuen im System Schaden erleiden.

Helfersysteme können miteinander kooperieren, einander ergänzen und somit entwicklungsförderlich für das dysfunktionale Familiensystem sein. Sie können aber auch miteinander wettkämpfen um eine Vormachtstellung, das heisst darum streiten, wer den besseren Lösungsansatz hat für das jeweilige Familienproblem.

Die verschiedenen Helfersysteme

Alle Helfersysteme haben ihre Glaubensbekenntnisse, ihre Wertsysteme, nach wel- chen sie denken und auch handeln. Diese unterschiedlichen Wertsysteme gilt es als erstes zu erkennen und auch zu respektieren bei einer allfälligen Zusammenarbeit.

1. Das medizinische System ist hierarchisch behandelt aber individuell

  • –  Untersuchungen durchführen durch den Arzt.
  • –  Diagnose stellen beim einzelnen Individuum durch den Arzt.
  • –  Nach Anordnung des Arztes Intervention durchführen: Medikamente, Operation, therapeutische Massnahmen stationär oder ambulant.

2. Das juristische System wie KESB, Juga, Strafgericht ist ebenfalls hierarchisch behandelt aber möglichst alle gleich

  • –  Sachverhalt analysieren einer Einzelperson oder eines Familiensystems.
  • –  Urteil fällen anhand des Sachverhalts und der bestehenden Gesetzgebung.
  • –  Entscheide durchsetzen anhand der Rechtslage, keine individuellen Ausnahme möglich.

3. Sozialversicherungssysteme wie IV, Taggeldversicherung, Sozialdienste

Juristisch geregelte Systeme, die auf Gesetzesgrundlagen entscheiden, ob je- mand recht auf materielle Unterstützung hat, allenfalls holen sie über Experten- berichte wie Gutachten Informationen ein, welche ihnen beim Entscheid behilflich sein sollen.

  1. Psychosoziale, ambulante Helfermodelle staatlich oder privatIndividuelle Unterstützung im Alltag durch staatliche oder private Spitex,begleitetes Wohnen, Wendepunkt
  2. Das pädagogische und sozialpädagogische Helfermodell«Erziehung zur Gesundheit» oder zum sozialen Wohlverhalten über Erziehungs- heime, Spezialschulen.
  3. Das Angebot der HotA basiert auf einem systemisch familientherapeutisch orientierten Helfermodell, das aufsuchende Familienarbeit anbietet, was bedeutet, dass nicht nur ein Individuum sondern das Familiensystem als Ganzes angegangen und unterstützt wird.
  • –  Das Familiensystem wird analysiert auf dysfunktionale Beziehungen
  • –  Destruktive Beziehungen und Erziehungsmuster werden zu korrigieren versucht.
  • –  Bestehende Ressourcen im Familiensystem wie Grosseltern, Onkel, Tante etc.werden wahrgenommen, miteinbezogen und im therapeutischen Prozess genutzt.
  • –  Bereits involvierte professionelle Helfersysteme werden kontaktiert und nachMöglichkeit eine Kooperation mit Ihnen angestrebt.Kompetition unter den HelfersystemenDie Schweiz ist stark geprägt vom Gedanken der Feudalsysteme und somit will auch jedes Helfersystem seine Alleinherrschaft über den Patienten oder das Familiensys- tem möglichst behaupten und beibehalten. Es entsteht ein Feudalkrieg zwischen den Helfersystemen, das heisst zwischen Medizinern, Juristen, Sozialhelfern, Päda- gogen etc. und zwischen ambulant Tätigen und stationären Systemen. Alle meinen nur das Beste für den Patienten, das Kind und die Familie, aber es entfaltet sich ein Machtkampf unter den Helferpersonen und Helfersystemen ohne Ende, was sehr viel Geld kostet, viele Ressourcen vernichtet und dem Familiensystem und dem In- dex-Patienten zusätzlich noch schadet.Der Patient oder die Familie passt sich häufig den verschiedenen Systemen an, um nicht in Konflikt zu geraten, oder um das Maximum herauszuholen.
    Die Helfersysteme geben dann meist den Patienten die Schuld für das schlechte Funktionieren der geplanten Hilfeleistung und werfen diesen Manipulation vor.
    Doch es sind die Helfersysteme, die nicht optimal zusammenarbeiten und sich aus- spielen lassen. Aus Sicht der Hilfesuchenden ist ihre Verhaltensweise nur eine Opti- mierung.Voraussetzungen für eine nutzbringende, effiziente Kooperation unter den Helfersystemen
  • –  Als erstes Akzeptanz und Respekt gegenüber den anderen Helfern üben.
  • –  Die unterschiedlichen Denkmodelle erkennen und als solche respektieren und akzeptieren.
  • –  Die Situation immer wieder neu evaluieren und falls notwendig entsprechend an- passen, das eingeschlagenen Prozedere nicht stur durchsetzen.
  • –  Die eigene Einschätzung der Situation aus der eigenen fachlichen Perspektive den anderen Helfern und den Hilfesuchenden möglichst klar kundtun, d.h.
    eine eigenen Position beziehen, auch wenn diese Position unterschiedlich ist, ja sogar gegenläufig zu anderen Positionen.
  • –  Bereitschaft nachzugeben, wenn ein anderes Helfersystem «näher am Ball» ist oder bessere Lösungsangebote hat.
  • –  Nicht nur am selben Strick ziehen wollen und den Patienten oder die Familie da- bei «erwürgen» bzw. mit der Übermacht der Helfersysteme überfahren.
  • –  Nicht unbedingt auf Einigkeit ausgerichtet sein, diese zu erzwingen würde häufig eine unehrliche, gespielte Anpassung von manchen Playern verlangen, was nicht dienlich ist und von den Hilfesuchenden stets bemerkt wird.
  • –  Den Hilfesuchenden also keine harmonische Helferwelt, bzw. «Helfermacht» vorspielen, sie merken dies sofort, wenn wir nicht authentisch sind, denn sie be- obachten uns ganz genau.Was uns alle weiterbringt, ist eine faire Auseinandersetzung unter den Helfern und Helfersystemen. Sowohl wir Helfer als auch die Hilfe suchenden Familien können nur lernen voneinander.Ressourcen Stärken und Bündeln«what fires together wires together», d.h. wenn wir miteinander gemeinsam an einer Problemlösung arbeiten, bilden wir auch ein immer besser funktionierendes Helfernetzwerk, das effektiv und effizient ist.
    Der Mensch, sein Gehirn und auch die Familie sind ein funktionierendes Ganzes, das nicht aufgeteilt werden kann in voneinander klar abgegrenzte Bereiche und somit kann auch nicht mit klar voneinander abgetrennten «Helferfeudalsyste- men» gearbeitet werden.

Dr. med. Ursula Davatz

20. Mai 2019

 

ADHS und Familie Fachtagung mit Referat und Fallvignette

Die Videos zum Anlass. Die Folien zu den Referaten sind unter dem Video verlinkt.

Programm
Donnerstag, 24. Mai 2018
13.30 Uhr Eintreffen der Gäste, Kaffeebar ist geöffnet
14.00 – 14.15 Uhr Begrüssung
Herr Daniel Mosimann, Stadtammann Lenzburg
14.15 – 14.35 Uhr Einführung
Frau Dr. med. Ursula Davatz, ärztliche Leitung HotA
14.35 – 15.15 Uhr Referat «ADHS und Familie»
Frau PD Dr. med. Monika Ridinger, ärztliche Leitung HotA
15.15 – 15.45 Uhr Pause
15.45 – 16.10 Uhr Fallvignetten
Frau Isabel Grober, Oberärztin
Frau Brigitte Günthardt, Sozialpädagogin HFS
16.10 – 16.35 Uhr ADHS aus der Sicht eines Schulleiters
Herr Urs Bögli, Schulleiter Kreisschule Seengen
16.35 – 17.00 Uhr Interview mit «einer Mutter von zwei ADHS Jugendlichen»
Frau PD Dr. med. Monika Ridinger, ärztliche Leitung HotA
Ab 17.00 Uhr Schlusswort und Apéro
Regula Berchtold, Projektleiterin HotA
Moderation: Anna Bisig

PDF Flyer ADHS und Familie Fachtagung mit Referat und Fallvignette