ADHS-Kinder verstehen: Ein Einblick in ihre Welt

Die Quellen, insbesondere die Ausführungen von Dr.med. Ursula Davatz, bieten wertvolle Einsichten in die besondere Welt von Kindern mit ADHS und betonen die Wichtigkeit eines verständnisvollen und bedürfnisorientierten Umgangs mit ihnen.

Besondere Eigenschaften von ADHS-Kindern:

  • Hochsensibilität: ADHS-Kinder nehmen ihre Umgebung sehr intensiv wahr und reagieren oft empfindlicher auf Reize als andere Kinder. Sie „merken alles gerade“ und spüren emotionale Spannungen besonders deutlich.
  • Hochreaktivität und Impulsivität: ADHS-Kinder neigen zu schnellen, ungesteuerten Reaktionen und haben Schwierigkeiten, ihre Impulse zu kontrollieren. Sie können aggressiv werden, weglaufen, schreien oder Dinge zerstören, wenn sie mit Anforderungen konfrontiert werden, die sie nicht erfüllen wollen.
  • Schwierigkeiten mit Anpassung an die Norm: Es ist schwierig, ADHS-Kinder in vorgegebene Normen zu pressen. Ihre Individualität erfordert einen flexiblen Erziehungsstil, der auf ihre Bedürfnisse eingeht.

Herausforderungen im Umgang mit ADHS-Kindern:

  • Stress und Scham bei Eltern: Eltern von ADHS-Kindern stehen oft unter grossem Druck, da sie das Verhalten ihres Kindes nicht immer verstehen oder steuern können. Das kann zu Schamgefühlen führen, die sie davon abhalten, sich Hilfe zu suchen.
  • Konflikte zwischen Eltern und Schule: Unterschiedliche Erwartungen und Erziehungsstile können zu Konflikten zwischen Eltern und Lehrpersonen führen. ADHS-Kinder leiden unter diesen Spannungen und fühlen sich oft verantwortlich für das Wohlbefinden der Erwachsenen.
  • Mangelndes Verständnis im System: Das Gesundheitssystem und das Bildungssystem sind oft nicht ausreichend auf die Bedürfnisse von ADHS-Kindern ausgerichtet. Ein individueller, beziehungsorientierter Ansatz ist jedoch essenziell, um diese Kinder zu unterstützen.

Beziehungsorientierte Ansätze für ADHS-Kinder:

  • Führung statt Erziehung: Anstatt zu versuchen, ADHS-Kinder zu „erziehen“ und in die Norm zu zwingen, ist es wichtig, ihnen eine positive Orientierung und Führung zu bieten. Das bedeutet, ein Vorbild zu sein, klare Erwartungen zu kommunizieren und gleichzeitig Freiräume für Selbstentfaltung zu schaffen.
  • Intrinsische Motivation fördern: Druck und Zwang führen bei ADHS-Kindern oft zu Widerstand. Stattdessen sollte man versuchen, ihr Interesse zu wecken und ihre Stärken zu fördern, um sie intrinsisch zu motivieren.
  • Zeit und Geduld: ADHS-Kinder brauchen Zeit, um Entscheidungen zu treffen und sich auf neue Situationen einzustellen. Geduld und Verständnis sind wichtige Voraussetzungen für eine positive Beziehungsgestaltung.
  • Positive Verstärkung: Loben Sie die Fortschritte und Erfolge des Kindes, anstatt sich auf seine Schwächen zu konzentrieren. Positive Verstärkung stärkt sein Selbstvertrauen und seine Motivation.
  • Klare Strukturen und Rituale: Ein strukturierter Alltag mit klaren Regeln und Ritualen gibt ADHS-Kindern Sicherheit und Orientierung.

Vorteile eines verständnisvollen Umgangs:

  • Entfaltung von Potenzialen: ADHS-Kinder haben oft besondere Talente und Fähigkeiten, wie zum Beispiel Kreativität, Spontaneität und „Out-of-the-Box“-Denken. Ein unterstützendes Umfeld hilft ihnen, diese Potenziale zu entfalten.
  • Positive Entwicklung: Wenn die Bedürfnisse von ADHS-Kindern erkannt und respektiert werden, können sie sich zu sozial kompetenten und erfolgreichen Erwachsenen entwickeln.
  • Lernchance für Erwachsene: Der Umgang mit ADHS-Kindern kann auch für Eltern und Lehrpersonen eine wertvolle Lernerfahrung sein. Es fördert Empathie, Geduld und die Fähigkeit, über den Tellerrand zu schauen.

Die HOTA als Unterstützung:

Die HOTA kann Eltern, Lehrpersonen und Kindern mit ADHS wertvolle Unterstützung bieten:

  • Erziehungsmediation: Sie hilft bei der Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Schule und fördert eine konstruktive Zusammenarbeit.
  • Familientherapie: Sie unterstützt Familien bei der Bewältigung der Herausforderungen, die mit ADHS einhergehen, und stärkt die Beziehungsqualität innerhalb der Familie.
  • Beratung und Information: Sie bietet Eltern und Lehrpersonen Informationen über ADHS und vermittelt ihnen hilfreiche Strategien für den Umgang mit betroffenen Kindern.

Zusammenfassend lässt sich sagen: ADHS-Kinder sind keine „schwierigen“ Kinder, sondern Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Ein verständnisvoller, beziehungsorientierter Ansatz, der ihre Stärken fördert und ihnen Sicherheit und Orientierung bietet, ist der Schlüssel zu einer positiven Entwicklung und erfolgreichen Zukunft.

https://ganglion.ch/pdf/HotA_Erziehungsmediation_Kind_Eltern_Schule-kurz.pdf

Das System Kind-Eltern-Schule: Ein komplexes Zusammenspiel

Die Quellen betonen die enge Verflechtung zwischen Kind, Eltern und Schule. Sie zeigen, dass eine erfolgreiche Erziehung und Entwicklung des Kindes ein harmonisches Zusammenspiel aller drei Akteure erfordert. Besondere Herausforderungen ergeben sich, wenn ein Kind spezielle Bedürfnisse hat, wie zum Beispiel bei ADHS.

Die Bedeutung der Eltern:

  • Experten für ihr Kind: Eltern kennen ihr Kind am besten und sind die wichtigsten Bezugspersonen. Sie haben ein tiefes Verständnis für die individuellen Bedürfnisse, Stärken und Schwächen ihres Kindes.
  • Verantwortung für die Erziehung: Eltern tragen die Hauptverantwortung für die Erziehung ihres Kindes. Sie prägen seine Werte, Normen und sein Sozialverhalten.
  • Zusammenarbeit mit der Schule: Ein konstruktiver Austausch zwischen Eltern und Schule ist entscheidend für den Lernerfolg und das Wohlbefinden des Kindes.

Die Rolle der Schule:

  • Bildung und Wissensvermittlung: Die Schule hat den Auftrag, Kindern Wissen und Kompetenzen zu vermitteln, die sie für ihre Zukunft benötigen.
  • Förderung der individuellen Entwicklung: Die Schule sollte die individuellen Talente und Fähigkeiten jedes Kindes fördern und ihm helfen, sein volles Potenzial zu entfalten.
  • Soziales Lernen: Die Schule ist ein wichtiger Ort für soziales Lernen. Kinder lernen, mit anderen Menschen umzugehen, Konflikte zu lösen und Verantwortung zu übernehmen.
  • Zusammenarbeit mit den Eltern: Lehrpersonen sollten mit den Eltern zusammenarbeiten, um das Kind bestmöglich zu unterstützen und Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen.

Das Kind im Mittelpunkt:

  • Individuelle Bedürfnisse: Jedes Kind ist einzigartig und hat individuelle Bedürfnisse. Diese sollten von Eltern und Schule erkannt und respektiert werden.
  • Aktive Rolle in der Erziehung: Kinder sollten in Entscheidungen, die sie betreffen, einbezogen werden und die Möglichkeit haben, ihre Meinung zu äussern.
  • Rechte und Bedürfnisse: Kinder haben Rechte, die von Eltern und Schule geachtet werden müssen. Dazu gehören das Recht auf Bildung, auf Schutz vor Gewalt und auf freie Meinungsäusserung. [Dieser Punkt wird in den Quellen nicht explizit erwähnt, ist aber ein grundlegendes Prinzip der Kinderrechte.]

Herausforderungen im System Kind-Eltern-Schule:

  • Unterschiedliche Erwartungen: Eltern, Lehrpersonen und Kinder können unterschiedliche Erwartungen an die Schule und die Erziehung haben.
  • Kommunikationsprobleme: Oftmals mangelt es an einer offenen und wertschätzenden Kommunikation zwischen den Beteiligten. Missverständnisse und Konflikte können die Folge sein.
  • Mangelndes Verständnis für die Bedürfnisse von Kindern mit ADHS: ADHS-Kinder werden im Schulsystem oft nicht ausreichend verstanden und unterstützt. Ihre besonderen Bedürfnisse erfordern einen angepassten Erziehungsstil und eine enge Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule.

Lösungsansätze:

  • Verbesserte Kommunikation: Eine offene und transparente Kommunikation zwischen Eltern, Lehrpersonen und Kind ist die Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.
  • Erziehungsmediation: Professionelle Mediation kann helfen, Konflikte zu lösen und gemeinsame Lösungen im Sinne des Kindeswohls zu finden.
  • Fortbildungen für Lehrpersonen: Lehrpersonen sollten regelmässig Fortbildungen besuchen, um ihre Kompetenzen im Umgang mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen zu erweitern.
  • Unterstützung für Eltern: Eltern von Kindern mit ADHS benötigen Unterstützung und Beratung, um mit den Herausforderungen der Erziehung umgehen zu können.

Die HOTA als Unterstützung:

  • Erziehungsmediation und Familientherapie: Die HOTA bietet professionelle Unterstützung für Familien und Schulen an, die mit Konflikten oder Herausforderungen konfrontiert sind.
  • Kulturvermittlung: In multikulturellen Familien kann die HOTA als Kulturvermittler fungieren und helfen, Missverständnisse zu vermeiden.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das System Kind-Eltern-Schule ist ein komplexes Gefüge, in dem alle Beteiligten eine wichtige Rolle spielen. Eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule, die auf Vertrauen, Respekt und offener Kommunikation basiert, ist entscheidend für die positive Entwicklung des Kindes.

https://ganglion.ch/pdf/HotA_Erziehungsmediation_Kind_Eltern_Schule-kurz.pdf

ADHS-Kinder: Herausforderungen und Lösungsansätze

Die Quellen beleuchten die besonderen Herausforderungen, die sich im Umgang mit ADHS-Kindern im System Kind-Eltern-Schule ergeben. ADHS-Kinder haben spezielle Bedürfnisse, die oft zu Konflikten im schulischen Umfeld führen und eine enge Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrpersonen erfordern.

Besondere Bedürfnisse von ADHS-Kindern:

  • Hypersensibilität: ADHS-Kinder sind oft überempfindlich gegenüber Reizen, sowohl auf sensorischer als auch auf emotionaler Ebene. Sie nehmen Missstimmungen und Konflikte im Umfeld verstärkt wahr.
  • Impulsives Verhalten: ADHS-Kinder reagieren häufig impulsiv auf Reize und neigen zu aggressivem oder auch zurückziehendem Verhalten.
  • Spezielle Bedürfnisse im Unterricht: ADHS-Kinder benötigen im Unterricht spezielle Unterstützung und angepasste Lernmethoden, um erfolgreich zu sein.

Konflikte im Schulsystem:

  • Ablehnung durch Lehrpersonen: Die Quellen berichten von Fällen, in denen Lehrpersonen ADHS-Kinder ablehnen, weil sie sich von deren Verhalten überfordert fühlen.
  • Unverständnis und fehlende Unterstützung: Eltern von ADHS-Kindern berichten oft, dass sie sich von Lehrpersonen nicht ernst genommen fühlen und ihre Anliegen nicht gehört werden.
  • Schulverweigerung: ADHS-Kinder, die sich im schulischen Umfeld nicht wohlfühlen und keine Unterstützung erfahren, können Schulverweigerung entwickeln.

Die Rolle der Eltern:

  • Eltern als Experten: Eltern von ADHS-Kindern haben oft ein grosses Wissen über die Bedürfnisse ihres Kindes und können wertvolle Informationen an Lehrpersonen weitergeben.
  • Konflikte mit Lehrpersonen: Leider stossen Eltern mit ihrem Wissen und ihren Anliegen oft auf Widerstand bei Lehrpersonen, die sich in einer Konkurrenzsituation sehen.
  • Überforderung und Hilflosigkeit: Die Erziehung eines ADHS-Kindes kann für Eltern sehr belastend sein. Sie fühlen sich oft hilflos und überfordert.

Lösungsansätze:

  • Verbesserte Kommunikation: Eine offene und wertschätzende Kommunikation zwischen Eltern und Lehrpersonen ist entscheidend, um ADHS-Kinder optimal zu unterstützen.
  • Erziehungsmediation: Erziehungsmediation kann helfen, Konflikte zwischen Eltern und Schule zu lösen und gemeinsame Lösungen zu finden.
  • Fort- und Weiterbildung für Lehrpersonen: Lehrpersonen sollten Fort- und Weiterbildungen besuchen, um ihre Kompetenzen im Umgang mit ADHS-Kindern zu erweitern.
  • Unterstützung für Eltern: Eltern von ADHS-Kindern benötigen Unterstützung und Beratung, um mit den Herausforderungen der Erziehung umgehen zu können.
  • Frühzeitige Intervention: Je früher Probleme im Zusammenhang mit ADHS erkannt und behandelt werden, desto besser sind die Chancen auf eine positive Entwicklung des Kindes.

Die HOTA als Unterstützung:

  • Die Quellen nennen die HOTA als ein Beispiel für eine Organisation, die Erziehungsmediation und systemische Unterstützung für Familien und Schulen anbietet.
  • Die HOTA kann helfen, die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrpersonen zu verbessern und gemeinsame Lösungen im Sinne des Kindeswohls zu finden.

Fazit:

ADHS-Kinder stellen das System Kind-Eltern-Schule vor besondere Herausforderungen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrpersonen, die auf Verständnis, Wertschätzung und offener Kommunikation basiert, ist unerlässlich, um diesen Kindern die bestmögliche Unterstützung zu bieten. Erziehungsmediation und frühzeitige Intervention sind wichtige Instrumente, um Konflikte zu lösen und eine positive Entwicklung des Kindes zu fördern.

https://ganglion.ch/pdf/Erziehungsmediation_Kind_Eltern_Schule-lang.pdf

Das komplexe Zusammenspiel: Kind, Eltern und Schule

Die Quellen betonen die Wichtigkeit des sozialen Umfelds für die gesunde Entwicklung eines Kindes und beleuchten das komplexe Zusammenspiel zwischen Kind, Eltern und Schule. Dabei wird deutlich, dass alle drei Akteure zwar das Wohl des Kindes anstreben, ihre Perspektiven und Prioritäten jedoch oft zu Konflikten führen.

  • Die Schule sieht sich primär für die intellektuelle und soziale Entwicklung des Kindes zuständig. Das emotionale Wohlbefinden spielt zwar auch eine Rolle, steht aber nicht im Vordergrund.
  • Die Eltern sind in erster Linie an der sozialen und emotionalen Gesundheit ihres Kindes interessiert. Oftmals sind sie sehr ehrgeizig und setzen das Kind unter Druck, gute Schulleistungen zu erzielen.
  • Das Kind befindet sich in diesem Spannungsfeld und kann unter den Konflikten zwischen Eltern und Schule leiden.

Besonders problematisch wird die Situation, wenn ein Kind spezielle Bedürfnisse hat, wie z.B. ADHS. In solchen Fällen ist die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern besonders wichtig, um das Kind optimal zu fördern und zu unterstützen. Leider zeigt die Erfahrung, dass diese Zusammenarbeit oft nicht reibungslos funktioniert.

  • Eltern fühlen sich von Lehrern nicht ernst genommen und haben den Eindruck, dass ihre Anliegen nicht gehört werden.
  • Lehrer hingegen fühlen sich von Eltern oft unter Druck gesetzt und kritisiert. Sie sehen sich mit der Herausforderung konfrontiert, die Bedürfnisse des Einzelkindes mit den Anforderungen der gesamten Klasse in Einklang zu bringen.

Die Quellen zeigen deutlich, dass Konflikte zwischen Eltern und Schule negative Auswirkungen auf das Kind haben. Es kann sich abgelehnt, ausgeschlossen und gemobbt fühlen, was zu Schulverweigerung, psychischen Problemen und im schlimmsten Fall sogar zu Kindeswohlgefährdung führen kann.

Erziehungsmediation wird als ein vielversprechender Ansatz vorgestellt, um diese Konflikte zu lösen und ein positives Umfeld für das Kind zu schaffen. Dabei handelt es sich um einen systemischen Ansatz, der das Kind in seinem gesamten sozialen Umfeld betrachtet und alle Beteiligten in die Lösungssuche einbezieht. Ziel ist es, die Kommunikation zwischen Eltern und Schule zu verbessern, Missverständnisse zu klären und gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden.

Besonders hervorgehoben wird die Bedeutung der Prävention. Frühzeitiges Eingreifen kann dazu beitragen, dass Konflikte gar nicht erst eskalieren und Kinder die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, um sich gesund zu entwickeln. Hierbei kommt Lehrern, Erziehern und Eltern eine wichtige Rolle zu: Sie sollten in der Lage sein, Probleme frühzeitig zu erkennen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die HOTA wird in den Quellen als ein Beispiel für eine Organisation genannt, die Erziehungsmediation anbietet. Sie arbeitet eng mit Familien und Schulen zusammen, um systemische Veränderungen zu bewirken und so das Wohl des Kindes zu sichern.

https://ganglion.ch/pdf/Erziehungsmediation_Kind_Eltern_Schule-lang.pdf

HotA als Erziehungsmediation zwischen Kind, Eltern und Schule

Transkription

Transkript

Dr.med Ursula Davatz

21.10.2022

Hota als Erziehungsmediation zwischen Kind, Eltern und Schule.

Audio

Dr.med. Ursula Davatz (00:01)
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüssen zu diesem heutigen Abend. Ich habe mir
selber den Titel gegeben und ich könnte sagen "Hota als Erziehungsmediation zwischen
Kind, Eltern und Schule." Aber ich fange beim Kleinkind an. Ich sage, Erziehung zur
Gesundheit fängt schon beim Kleinkind an und zur Gesundheit kann man eigentlich nicht
erziehen. Erziehung ist immer Beziehungsarbeit. Und in diesem Sinne fängt Beziehung
natürlich schon, wenn das Kind geboren wird, nein, es fängt sogar schon in Utero, also
wenn das Kind noch im Bauch ist, läuft schon eine Interaktion zwischen Mutter und Kind
und natürlich auch zum Umfeld. Ich als Familientherapeutin bin sehr darauf ausgerichtet
Beziehungen anzuschauen und wie sie schon gesagt hat, HOTA hilft dann die
Beziehungen zu verbessern. In der Medizin sind die Gene sehr hoch gewertet, aber und
das als Gegensatz zum medizinischen Verständnis von Krankheiten und Gesundheit, und
es geht ja heutzutage um den Gesundheitstag heutzutage. Im Rahmen des
Gesundheitstages ist das organisiert. Der Mensch ist ein soziales Wesen und er überlebt
nur im Sozialverband. Das hat man schon untersucht mit dem berühmten Experiment von
René A. Spitz, wo man Kinder genährt, gefüttert, gewärmt hat und so weiter, gewickelt,
aber keine Beziehung hergestellt hat. Und die Kinder wären alle gestorben, wenn man
nicht aufgehört hätte damit, wenn man nicht mit denen wieder eine Beziehung hergestellt
hätte.

Dr.med. Ursula Davatz (01:53)
Jetzt, man kann denken, Beziehung ist an sich etwas Einfaches, das kann jeder, aber es
kommt immer darauf an, ob die beiden Personen zueinander passen. Und es gibt gute
Passungen zwischen Mutter, Vater und Kindern und später dann Lehrer und Kinder. Und
es gibt auch nicht so gute Passungen. Und im Augenblick, wo die Passung nicht so gut ist
zwischen Kind und Eltern, ich sage jetzt mal Mutter, dann kann es Schwierigkeiten geben.
Und als Eltern hat man den Auftrag an sich selber, dass das, was man macht, immer gut
sein muss. Und wenn es nicht klappt und das Kind nicht richtig funktioniert, dann kommt
man unter Stress. Je mehr Eltern unter Stress kommen, umso mehr kommt das Kind auch
unter Stress. Im Augenblick, wo man unter Stress kommt und nicht mit dem Kind in Gang
kommt, dann ist das in der Regel mit Scham besetzt, also dass die Eltern sich nicht
trauen, Hilfe zu holen, denn sie müssten ja das können. Das müsste man ja von Natur her
können. Aber da sage ich, für alles holt man sich Hilfe, für Innenarchitektur, Berater, für
das Auto Auto, für alle möglichen Sachen holt man sich Hilfe. Aber zum Kinder erfolgreich
erziehen, da ist oft eine lange Leidensperiode, bis Eltern sich Hilfe holen gehen.

Dr.med. Ursula Davatz (03:28)
Ich habe gerade bei der letzten Veranstaltung mit einer der Ärztinnen gesprochen, mit
Frau Dr. Grobauer. Sie hat gesagt, wenn Kinder noch… Sie hat es mit der Säuglinge, also
sie hat die kleinen Kinder sehr gerne, sie ist Kinderärztin, also ja, Kinderpsychiatrin. Und
sie hat gesagt, wenn man mit den Eltern arbeitet, schon wenn das Kind ganz klein ist und
sieht, was nicht gut läuft und dann den Eltern einen Tipp gibt, wie sie es vielleicht ein
bisschen anders machen könnten. Nicht weil sie es falsch machen, aber es passt halt
nicht so gut zusammen. Dann kann man oft mit kleinen Korrekturen ganz schnell etwas

hinbekommen. Und von dort her sage ich, es ist wichtig, dass man sich so früh wie
möglich Hilfe holt und nicht stolz ist und denkt, ich müsste doch das alles können. Ich bin
eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater, wenn ich es mit meinem Kind nicht auf die
Reihe bringe. Jetzt bin ich ein bisschen kritisch mit dem Gesundheitssystem. Das
Gesundheitssystem ist relativ stark oder ausschliesslich auf das Individuum ausgerichtet,
auf das Kind. Und wenn das Kind Probleme hat, dann macht man an dem Kind etwas
herum. Und als Familientherapeut, als Systemtherapeut, und so ist die HOTA ausgerichtet,
schaut man immer Beziehungen und Interaktionen an.

Dr.med. Ursula Davatz (04:55)
Und in dem Sinn geht man ja in die Familie und schaut, wo funktioniert es nicht und kann
dann helfen, Veränderungen zu machen. Sie hat vorhin gesagt, es ist nicht top down oder
patriarchal, wird befohlen so und so wird es gemacht, sondern es ist immer Consent
Decision Making. Das kommt jetzt langsam auch in der Medizin. Man findet mit den Eltern
zusammen heraus, was gut für das Kind ist. Es ist also nicht ein patriarchaler
Erziehungsstil, der sagt, das ist richtig und das ist falsch, sondern man erarbeitet es
miteinander. Und das ist etwas ganz, ganz Wichtiges. Eigentlich wollen ja die Eltern
Experten sein von ihrem Kind und sie mögen es nicht so, wenn man ihnen dreinredet.
Aber wenn man es eben partnerschaftlich macht, dann sind sie sehr wohl froh um einen
Tipp. Und wenn sie dann noch merken, dass es gut geht, dann lassen sie sich natürlich
mehr sagen. Sie hat auch das Wort Prävention genannt. Seit ich seit 1980 im Kanton
Aargau tätig bin, habe ich immer für Prävention plädiert. Und Prävention läuft eben nicht
über Wissen. Ich habe dann so den Spruch kreiert: "viel Wissen um Gesundheit macht
noch nicht gesund". Sonst wären wir Ärzte speziell gesund, aber das stimmt überhaupt
nicht. Wir sind eher eine Risikogruppe. Viel Wissen und Krankheit macht noch nicht
gesund. Wir wissen sehr viel um Krankheit, aber wissen nicht so viel wie Gesundheit
entsteht. Da lege ich den grössten Wert auf die Interaktion, auf die Beziehung. Eine gute
Beziehung hilft stark bei der Gesundheit. Es gibt immer mehr Forschungen. Es gibt ein
Buch von Joachim Bauer, das sagt klar, eine gute Beziehung zwischen Kind und Eltern
und eine gute Beziehung zwischen Mann und Frau, allgemein eine gute Beziehung,
fördert Resilienz, fördert das Immunsystem, fördert Gesundheit. Und aus diesem Grund
legen wir am meisten Wert auf Beziehungsarbeit.

Dr.med. Ursula Davatz (07:24)
Wenn eine schlechte Passung ist, braucht man ein wenig Unterstützung und dazu ist die
Hota hier, dass sie einem hilft, einen anderen Stil herauszufinden. Im Titel heisst es
"Erziehungsmediation". Ich gehe jetzt weg von den kleinen Kinder und gehe zu
öffentlichen Erziehungssystemen. Heutzutage sind viele Kinder schon von klein auf in
einer Krippe, in einer Kita, im Kindergarten und dann in der Schule. Gestern war gerade
eine Veranstaltung des Dachvereins "Mittagstisch" oder "Begleitete Familien". Es sind alle
Mitarbeiterinnen gekommen, die die Kinder stellvertretend für die Eltern begleiten und
erziehen und mit ihnen zusammenkommen mussten. Da mussten wir viele Möglichkeiten
erarbeiten, sobald man Kinder in einem Haufen hat, also in einem Kollektiv, wird alles
etwas schwieriger.

Dr.med. Ursula Davatz (08:38)
Man kann es nicht genau gleich machen, wie wenn das Kind als Einzelkind oder mit zwei
Geschwistern zu Hause ist. In diesem Sinne braucht es immer mehr Wissen um
geschickte Erziehungsarbeit auch bei den Ersatzeltern, bei den Stellvertreter-Erzieher. Die
Eltern können nicht alles machen, viele sind auch berufstätig. Dann muss man auf das
zurückgreifen. Dann sind zum Teil die Erziehungsvorstellungen der Eltern und der
professionellen Erzieher nicht immer gleich. Dort kommt die Mediation rein, wo die HOTA

vermitteln helfen könnte, weil sie Erfahrung mit vielen unterschiedlichen
Erziehungssystemen hat. Wenn ich schaue, was das Herzensanliegen der Eltern ist, sie
wollen sicher das Wohl des Kindes, das emotionale Wohl, die emotionale Entwicklung, ein
gutes Sozialverhalten. Viele Eltern sind auch sehr am intellektuellen Wohl der Kinder
interessiert. In unserer westlichen Gesellschaft, sind wir eine sehr stark intellektualisierte
Gesellschaft. Man kommt nur weiter, wenn man eine gute Ausbildung hat. Je nachdem fällt
das einem Kind leicht, je nachdem halt nicht so. Und wenn dann die Eltern etwas vom
Kind wollen, das nicht geht, dann passt es nicht mehr. Dann ist diese Passung nicht so
gut. Und von dort her ist es auch wieder wichtig, dass man als Eltern lernt, auf das Kind
einzugehen und nicht nur das Kind als Verwirklichung der eigenen Sachen zu sehen.
Entweder verpasste Dinge, die man nicht erreichen konnte, oder dass es mindestens so
gut herauskommen muss wie wir selber, oder ein bisschen besser.

Dr.med. Ursula Davatz (10:36)
Wir Menschen wollen ja immer vorwärts kommen, es muss immer ein bisschen besser
werden, und das kann je nachdem dann zur Überforderung kommen. Wenn das Kind dann
in die Schule geht, dann haben wir hier das Schulsystem, und unser Schweizer
Schulsystem, oder mindestens deutschschweizer Schulsystem ist zum Teil ziemlich im
Argen. Man hat riesigen Lehrermangel. Ich weiss das vom Kanton Zürich, ich denke, im
Aargau ist auch Lehrermangel. Man holt jetzt irgendwelche Fachkräfte rein, die nicht
einmal ausgebildet sind. Und da frage ich mich, warum kommen nicht genügend
Menschen, Erwachsene in den Lehrerberuf? Und ich denke, es ist nicht nur Geld, sondern
es ist auch weil man offensichtlich nicht so gut weiss, wie man mit den Kindern heutzutage
umgeht. Früher war die Erziehung autoritär, alle mussten einfach folgen. Man hat
eingeschüchtert, wenn das Kind nicht gefolgt hat. Heute geht das nicht mehr. Heute will
man eigentlich individuelle Erziehung und dann hat man noch ein integriertes
Schulsystem. Dann sollten alle Kinder gut bedient sein. Das kann schwierig werden. Dann
haben die Eltern noch Erwartungen an die Lehrer und die Lehrer haben Erwartungen an
die Eltern. Da kann es dann leicht passieren, dass Eltern und Lehrer hintereinander
kommen, anstatt dass sie ja zum Wohl des Kindes also am gleichen Strick ziehen, also
das gleiche Interesse haben.

Dr.med. Ursula Davatz (12:31)
Eigentlich haben beide die gleiche Absicht, sie wollen beide das Kind gut erziehen, sodass
es eine verantwortungsvolle, erwachsene Person wird, dass es möglichst viel lernt. Aber
sie wollen mit verschiedenen Methoden vorgehen. Im Augenblick wo Eltern und Schule
und Eltern miteinander kämpfen, geht es dem Kind nicht so gut. Ich erlebe das viel. Ich
berate viele Eltern, die klagen einem, wie sie nicht verstanden werden im Schulsystem.
Und wenn ich mit den Lehrern spreche, dann sagen sie, die Eltern haben viel zu viele
Ansprüche, die sind grenzenlos und ich habe 24 Kinder und nicht nur eins. Und die Eltern
haben zu Hause nur eins. Und das wäre ein Moment, in dem man dann die Mediation
machen müsste. Und sich quasi auf den kleinsten gemeinsamen Nenner treffen. Denn
beiden wollen wirklich nur das Beste für das Kind. Und das wäre ein Moment, in dem die
Hota reinkommen kann. Und in dem ich dann eben sage, da können sie Mediation
machen. Die Präsidentin des Schweizer Lehrverbandes hatte mal einen Artikel in der
Zeitung. Ich glaube, es war sogar die "NZZ am Sonntag", in dem sie sagte, die Eltern
kämen rein wie Kampfschiffe oder Flaggschiffe. Ich weiss nicht, ob es jemand gelesen hat.
Haben Sie es gelesen?

Dr.med. Ursula Davatz (14:03)
Und dann habe ich gedacht, hoppla, das ist auch nicht so eine gute Beziehung. Und ich
habe sie dann interviewt und habe das auch auf meiner Webseite publiziert. Und sie hatte

dann auf eine Art die Haltung, das läuft alles gut laufe und ich sei von gestern, es sei jetzt
alles wunderbar. Leider treffe ich immer wieder, und nicht wenig, Eltern, die verzweifelt
sind. Und wo man das Kind dann sogar rausnehmen muss. Ich hatte ein Kind, das ein
ganzes Jahr zu Hause war. Die Mutter war fast verzweifelt. Die Schulpflege auch. Aber ich
habe immer die Hand über das Kind gehalten und gesagt, nein, wir probieren, wir
schauen. Wir haben immer wieder neue Pläne entwickelt. Und schlussendlich konnten wir
das Kind in eine andere Schule wechseln. Und jetzt läuft es bestens. Also eben, nicht
jedes Kind passt zu seinen Eltern, nicht jedes Kind passt zu jeder Schule. Respektiv, nicht
jede Schule passt zu jedem Kind. Und ich denke, da ist es wichtig, dass wir lernen, diese
Passungen zu verbessern. Und ja, da sehe ich eine potenzielle Rolle für die HOTA. Wir
sind am Anfang davon, aber ich denke, da gibt es noch sehr viel zu machen. Eine meiner
Spezialitäten ist der Umgang mit ADHS.

Dr.med. Ursula Davatz (15:38)
ADHS Kinder sind schwierigere Kinder. Man sagt, sie seien vulnerabler. Sie haben zwei
Eigenschaften, die die Erziehungsaufgabe schwierig machen. Sie sind einerseits
hochsensibel, sie merken alles gerade. Und andererseits hochreaktiv, und impulsiv reaktiv.
ADHS Kinder, wenn man denen querkommt, wenn man von denen etwas verlangt, was sie
nicht wollen, dann werden sie aggressiv oder sie laufen davon, sie rufen aus, sie zerstören
etwas. ADS Kinder, die ziehen sich eher zurück. Und dann bis zum Punkt, dass man dann
sagt, das ist ein autistisches Kind oder das ist Asperger. Und Mediziner kommen dann
immer wieder mit neuen Begriffen, aber aus meiner Sicht ist es eigentlich immer das
Gleiche. Es ist ein hochsensibles Kind, das sich dann stark zurückzieht. Bis zum Punkt,
wo es nicht mehr kommuniziert. Und das ist der Moment, wo man dann schauen muss,
wenn das sich zurückziehende Kind eine Mutter oder ein Geschwister hat, das sehr
kommunikativ ist und immer den Platz einnimmt, dann muss man die zurücknehmen,
damit das sensible Kind, das sich zurückzieht, wieder Platz hat. Aber häufig hat man ja
keine Zeit und man will, dass das doch endlich vorwärts geht. Und je mehr man an dem
Kind herummacht, umso kränker wird es. Es geht quasi in einen Teufelskreis hinein.

Dr.med. Ursula Davatz (17:14)
Das das wäre der Moment, wo man verlangsamen muss, beobachten und dann vielleicht
wieder neu einsteigen. Und die, die den Film "Horse Whisperer" gesehen haben, dort hat
man gesehen, wie man nicht so viel sprechen darf. Die Mutter hat viel zu viel gesprochen
und der Horse Whisperer hat gesagt, jetzt seid mal ruhig. So kann sich das Pferd nicht
beruhigen, wenn du so viel sprichst. Anhand der Tiere kann man oft besser lernen, weil
man dort besser beobachten kann. Wenn es um den Menschen geht, meint man immer
schon, man weiss wie es sein muss, man kommt mit seinen Prinzipien rein, man hat mehr
Mühe objektiv zu sein. Bei der Erziehung, wir kommen alle aus einem Elternhaus, wir
haben gewisse Erziehungen erlebt, und da ist natürlich die Erziehung, die der Vater erlebt
hat, die Erziehung, die die Mutter erlebt hat, die Wertvorstellungen, die der Vater hatte und
die Mutter gelernt hat, nicht immer gleich. In einer multikulturellen Gesellschaft ist es
nochmals schwieriger. Als Liebespaar geht alles wunderbar. Und wenn dann die Kinder
kommen und man kommt aus einer albanischen Familie, sagen wir mal, der Vater kommt
aus einer albanischen Familie, die Mutter aus einer Schweizer Familie, dann sind die
Vorstellungen, wie man umgehen soll mit dem Kind, mit der Partnerschaft etc, sind recht
unterschiedlich.

Dr.med. Ursula Davatz (18:55)
Ich denke, dort müssen wir Systemtherapeuten, also auch wieder die HOTA, müssen wir
dann auch Kulturübersetzung machen. Und keine Kultur ist besser als die andere. Auch
wenn wir hier sind, können wir nicht sagen, unsere Kultur ist besser ist als die andere. So

funktioniert es, dann wird nur gekämpft. Man muss die Kulturen, die Unterschiede
zusammenführen und den Leuten helfen, dass sich gegenseitig wertschätzen. Das Kind
kann an sich beide Stile lernen, wenn die unterschiedlichen Stile nicht einander
reinsprechen. Es ist nicht immer möglich, dass man einen Konsensus heranbringt.
Manchmal muss ich den Eltern auch sagen, an dem Tag, an dem die Mutter zuständig ist,
hat sie die Führung und der Vater darf nur helfen, wenn die Mutter ihn reinholt. Und
umgekehrt, wenn der Vater zuständig ist, darf die Mutter nicht reinreden, dann darf der
Vater nur helfen, wenn die Mutter ihn holt. Und ich habe bei Ehepaaren, wo einer von
ihnen ADHS ist und das Kind ist auch ADHS, hat das wie ein Wunder gewirkt. Also indem
sie sich gegenseitig respektiert haben, wer die Zuständigkeit hat, hat sich das
Familienklima beruhigt und das Kind hat sich auch beruhigt. Also ADHS Kinder sind von
dort her Kinder, die kleine Probleme zum Eskalieren bringen.

Dr.med. Ursula Davatz (20:33)
Sie verlangen eine höhere Selbstkontrolle und eine bessere Kommunikation, eine bessere
Zusammenarbeit. Das Gleiche dann auch, wenn das Kind in der Schule ist, verlangt das
ADHS Kind auch eine bessere Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern. Und häufig
erzählen die Kinder nicht, was in der Schule läuft. Aber sie leiden zum Teil, weil sie Angst
haben, wenn sie zu Hause etwas erzählen, dann würde die Mutter oder der Vater in die
Schule gehen und dann würde das Kind nachher bestraft dafür, weil die Mutter in die
Schule gegangen ist. Da sieht man, wie da schon eine gewisse Feindschaft ist oder eine
Angst voreinander zwischen Eltern und Lehrer. Und das Kind merkt die. Und das Kind
steckt dann seine Bedürfnisse zurück, damit die zwei Parteien ja nicht Krach miteinander
bekommen. Und stellt sich vor, es wird dafür bestraft, wenn Eltern und Lehrer dann Krach
miteinander haben. Und das ist natürlich keine gute Voraussetzung. Also in dem Sinn ist
das ganz eine wichtige Sache, dass die beiden Erwachsenen Erziehungsbeauftragten,
Erziehungsverantwortlichen, dass sie eine gute Beziehung miteinander haben können. Da
gibt es heute auch schon Elternräte und alle möglichen Sachen. Ich habe zum Teil auch
Supervision gemacht bei solchen, aber irgendwo trennt sich das immer wieder.

Dr.med. Ursula Davatz (22:16)
Die Situation ist anders, wenn man ein oder drei Kinder zu Hause hat, als wenn man 24
Kinder hat. Es gelten ein wenig andere Regeln. Aber die unterschiedlichen Regeln kann
man durchaus anschauen und vertreten. Man muss die beiden Parteien nicht
gegeneinander aufhetzen, die Situation streitig machen sonder sie müssen Respekt
füreinander haben und das ist manchmal nicht so einfach. Eltern können Lehrer
aufmerksam machen auf Bedürfnisse der Kinder. Manchmal haben die Eltern viel Wissen
über ADHS. Aber die Lehrer lassen es sich oft nicht so gerne sagen, denn sie gehen
davon aus, dass die Eltern sich nur für das Kind einsetzen wollen.

Dr.med. Ursula Davatz (23:16)
Wenn aber eine fremde Fachperson, wie die Vertreterin der HOTA, etwas sagt, können es
die Eltern besser entgegennehmen. Darum sage ich eben, dass Mediation zwischen
Eltern, Schule und Kind. Wichtig ist, dass man das Kind als erstes gut erkennen lernt, das
Kind gut verstehen lernt, in seinen Reaktionsmustern, speziell jetzt beim ADHS Kind, und
nicht gleich von Anfang an das Kind der Norm anpassen will. ADHS Kinder lassen sich
schlecht erziehen. Man kann sie nicht gut der Norm anpassen. Man kann sie gar nicht der
Norm anpassen. Und ich gehe sogar so weit, dass ich sage, ADHS Kinder darf man gar
nicht erziehen. Mit ADHS Kindern darf man nur Beziehung pflegen, ein gutes Vorbild sein
und führen.

Dr.med. Ursula Davatz (24:19)

Und führen ist etwas anderes als erziehen. Wenn man erzieht, dann sagt man, du musst
das machen und ich will das und dies und jenes. Hingegen, wenn nur eine Beziehung
pflegt und führt, dann sagt man, mir ist es wichtig in dieser Situation, dass man das so und
so macht. Und ich mache das so und so. Man ist ein Vorbild. Oder man spricht gar nicht
so viel, man macht es. Ich unterscheide, man darf nicht das Kind stossen, man darf es
ziehen. Man kann es führen und es folgt dann. Wenn man mit dem Kind rausgehen soll,
dann muss man ein bisschen vorher sagen, jetzt ist die Zeit zum Anlegen, wir wollen dann
und dann rausgehen. Und wenn man selber noch etwas macht und sagt, mach dich schon
bereit, ich komme dann, dann geht das meistens nicht. Man muss sagen, ich mache mich
schon bereit, ich bin bereit, ich gehe schon mal zur Tür. Das wäre dann die Führung.
Eigentlich will das Kind die Beziehung behalten und es kommt dann gerne mit. Vielleicht
braucht es ein wenig Zeit, bis es selber entschieden hat und dann läuft es mit. Hingegen
wenn man sagt, mach jetzt bereit, du musst, dann macht es Widerstand und hat man eine
riesigen Krach.

Dr.med. Ursula Davatz (25:53)
Das wäre so ein ganz kleines Beispiel. In diesem Sinne ist es wichtig, dass man weiss,
wie das Kind funktioniert. Und wenn ich sage, ADHS Kinder darf man gar nicht erziehen,
man kann sie nur führen, man kann nur Beziehungen mit ihnen aufbauen und aus der
Beziehung heraus folgen sie einem dann. Wenn man eine gute Beziehung hat, sind sie
fast wie Lämmchen. Sie fressen einem aus der Hand, könnte ich sagen. Wenn man eine
schlechte hat, machen sie nur Widerstand. Und das kann auch bei den Lehrern passieren,
das kann auch bei den Krippen passieren. Ich versuche den professionellen Erziehern
immer wieder Methoden beizubringen, wie sie das Kind führen können, wie sie in eine
Interaktion mit dem Kind kommen können und wie sie ihr Selbstvertrauen auch behalten
können. Man ist stärker. Je nachdem muss man sich auch durchsetzen. Aber durchsetzen
heisst nicht, du musst mir jetzt folgen, du musst das machen, sondern man setzt sich
durch. Also vielleicht müssen wir anhand von einem Beispiel das anschauen. In diesem
Sinne sage ich, ADHS Kinder müssen intrinsisch, also von sich aus motiviert sein und man
muss ihnen immer ein bisschen Zeit lassen, dass sie selber zu dieser Situation kommen
können, dass sie sagen, okay, ich mache das so.

Dr.med. Ursula Davatz (27:17)
Wenn man sie sofort drängt, dann hat man Widerstand. Das wären so ein paar Gedanken.
Und was ich vorher versucht habe zu sagen, wenn man Konflikte zwischen Eltern und
Lehrern hat, dann ist das Kind wie zwischen einem streitenden Ehepaar und dann
übernimmt das Kind die Verantwortung für das Wohlbefinden, sowohl von den Eltern als
auch des Lehrers. Viele Eltern, die miteinander Erziehungskonflikte haben, sagen, sie
hätten keinen Streit, sie hätte nur wegen dem Kind Streit. Das ist überhaupt nicht gültig.
Und dasselbe passiert dann zwischen Eltern und Lehrer. Ab und zu höre ich dann von
Eltern, wenn das Kind schon erwachsen ist, dann sagen die Eltern, das Kind habe mir gar
nie etwas gesagt. Und es hat eben nichts gesagt, weil es Angst hatte vor einem
potenziellen Konflikt. Und Kinder sind so wahrnehmend, also die nehmen emotionale
Gewitter oder potenzielle Gewitter besser wahr, respektive tun sie vorher schauen besser
als wir Erwachsene. Wir können uns immer so ein bisschen auf die Sprache zurückziehen.
Und argumentieren und intellektualisieren. Die Kinder können das noch nicht so gut. Aber
die merken sehr gut, was für ein Glitter in der Luft ist. Und ADHS Kinder ganz speziell.
Und wenn ich z.B. Mütter frage, welches Kind am ehesten merkt, wenn es ihnen nicht gut
geht, dann sagt sie immer, das ADHS Kind.

Dr.med. Ursula Davatz (29:05)
Die haben feine Antennen, die spüren alles. Ich komme wieder zur Kritik von unserem

Gesundheitssystem. Wie gesagt, unser Gesundheitssystem und auch das psychiatrische
Gesundheitssystem ist hauptsächlich medizinisch orientiert, individuell orientiert. Und
wenn man dann mit dem Kind nicht mehr zu Gang kommt, wenn man völlig verzweifelt ist,
dann gibt man es der Psychiatrie ab. Und die Psychiatrie sollte dann das Kind zu einem
Normkind zu einem gesunden, normalen Kind bringen. Und das ist natürlich schwierig.
Erstens mal ist es dort ein Haufen von gestörten, psychisch kranken Kindern, und dann
kommt man dort häufig auch mit irgendeinem Erziehungsstil. Und wie gesagt, man kann
eigentlich nicht zur Gesundheit erziehen, sondern die Gesundheit kann sich nur
entwickeln. Und aus diesem Grund läuft ja heute der Slogan "Ambulanz vor Stationär" und
die HOTA vertritt das. Wir versuchen eigentlich, indem wir nach Hause ins System gehen,
indem wir die Eltern beraten, indem wir sie möglichst früh beraten, versuchen wir zu
verhindern, dass das Kind ausgegliedert werden muss und ins Krankensystem reinkommt.
Frau Aljana hat vorhin gesagt, dass wir eine Diagnose stellen müssen. Offiziell läuft ADHS
unter der Diagnose. Ich bin so frech und sage, für mich ist es keine Diagnose. Es ist ein
Genotyp, also ein genetisch vererbter Neurotyp, Hirntyp, Persönlichkeitstyp, der etwas
schwieriger und vulnerabler ist.

Dr.med. Ursula Davatz (31:03)
In meiner Erfahrung sehe ich dann immer mehr, wie so vulnerable ADHS Kinder in eine
Krankheit schlittern. Sie können in eine psychische oder somatische Krankheit schlittern.
Sie sind ein Gesundheitsrisiko. Da hat man heute immer mehr Statistiken. Darum liegt es
mir am Herzen, dass man bei ADHS Kindern möglichst früh präventiv und hilfreich eingreift
und das System unterstützt, damit es lernt, mit den Kindern umzugehen. Und wenn man
lernt, mit den Kindern umzugehen, Lehrer wie auch Eltern, dann ist es ein Gewinn. Also
dann hat man einen Vorteil. Und wenn man Familientherapie macht mit einer Familie, mit
den Eltern, und wenn es gut verläuft, dann sagen sie immer, dank dem Kind habe ich so
viel gelernt. Also dann wird der Störfaktor wieder zu einem Lernfaktor. Das chinesische
Zeichen heisst "Krise" und bedeutet einerseits "Gefahr" und "Chance für Entwicklung". In
diesem Sinne werden ADHS Kinder zum Teil, auch in Büchern, sogar hausiert, also
verkauft, als "Das sind unsere grossen Entwickler". ADHS Kinder können über Grenzen
hinausdenken, sie halten sich nicht so gut an Regeln. Sie können nicht so gut fokussieren,
aber sie haben eine ganz breite Aufmerksamkeit. Und dadurch können sie Out of the Box,
also können sie über Grenzen hinausdenken und dadurch sind sie kreativ. Und viele
gehen auch in kreative Jobs oder machen ihr eigenes Business auf.

Dr.med. Ursula Davatz (33:22)
Und es ist schade, wenn man diese Kreativität zerstört, nur weil der Erziehungsstil nicht
passt zu dem Kind. In diesem Sinne sollte sich nicht nur das Kind der Gesellschaft
anpassen, sondern das Erziehungssystem sollte sich auch dem Bedürfnis des Kindes
anpassen. Das heisst nicht, dass das ADHS Kind dann später völlig quer drinnen liegt,
sich über alles hinwegsetzt, im Gegenteil. Wenn man, solange das Kind noch in
Entwicklung ist, wenn man auf das Kind Eingehen kann, ihm entsprechend entgegnen
kann, seinem Temperament entsprechend erziehen kann, ist es nachher viel besser in der
Lage, sozial zu sein und sich den Situationen anzupassen. Denn die starke Sensibilität
und die Fühler, die sie alle draussen haben, befähigen das ADHS Kind sehr gut auf die
Situation einzugehen. Aber wenn man ihre Bedürfnisse übergeht, dann sind Sie nur noch
auf Abwehr und das Leben lang auf Abwehr. Und das wollen wir sicher nicht. Und der
Carlos, der in allen Medien gehandelt worden ist, war ein hundertprozentiges ADHS Kind,
auf seine Bedürfnisse ist man nicht eingegangen und entsprechend schlecht ist es
herausgekommen. Und solche Fälle möchte ich natürlich nicht provozieren. Man weiss
heute auch, dass auch ungefähr 30 bis 40 Prozent in den Gefängnissen ADHS sind. Damit
will ich Ihnen nicht Angst machen, sondern damit will ich Ihnen Mut machen, dass Sie sich

getrauen, falls Sie ein ADHS Kind haben oder von einem hören, getrauen sie sich, auf die
speziellen Bedürfnisse dieses Kindes einzugehen.

Dr.med. Ursula Davatz (35:15)
Wenn Lehrer und Eltern auf diese speziellen Bedürfnisse des Kindes eingehen, haben sie
einen Profit. Ich lande hier auch wieder beim sokratischen Lernen. Sokrates sagte, er
lerne von seinem Schülern am meisten. Und wenn ich nicht von meinem Schüler lerne, bin
ich kein guter Lehrer. In diesem Sinne sind wir soziale Wesen, die immer wieder etwas
lernen können. Die Auseinandersetzung mit schwierigen Kindern bringt uns weiter. Das
wären ein paar Ideen. Jetzt möchte ich Ihnen die Möglichkeit geben, Fragen zu stellen,
Ergänzungen zu machen, zu kritisieren, die Dinge einbringen.

Geschichte der Sozialpsychiatrie bezogen auf die aufsuchende Familienarbeit

Vortrag bei Hota zum Thema „Geschichte der Sozialpsychiatrie bezogen auf die aufsuchende Familienarbeit“

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz
13.6.2022
Die Geschichte der Sozialpsychiatrie
Audio

Dr.med. Ursula Davatz (00:01)
Mein Referat lautet: "Geschichte der Sozialpsychiatrie, bezogen auf die aufsuchende
Familienarbeit". Ich bin 1980 aus Amerika zurückgekommen, nach fünf Jahren Aufenthalt in
Amerika. Am letzten Ort bei Professor Murray Bowen in Washington DC am Family Center. Und
habe am 1. April angefangen im sozialpsychiatrischen Dienst von Kanton Aargau. Damals unter
Dr. Sameli. Ich habe dort eine grosse Aufbruchsstimmung wahrgenommen. Man wollte viel
machen in Deutschland und der Schweiz. Alle sind sehr engagiert gewesen. In Deutschland gab
es die grosse Psychiatrie-Enquête. In der Deutschschweiz gab es die Ausbildung in
Sozialpsychiatrie, also die Zusatzausbildung in Sozialpsychiatrie, haben wir auf die Beine gestellt.
Zusammen mit dem Professor Uchtenhagen und ich war auch in diesem Komitee. Der Dienst, den
ich geschafft habe, der hiess damals noch Sozialpsychiatrischer Dienst. Heute heisst es, dann
nachher hat man gesagt, externer Psychiatrischer Dienst. Und die Leute, also die Ärzte, die nicht
im Sozialpsychiatrischen Dienst gearbeitet haben, haben gefunden, wir machen doch alle
Sozialpsychiatrie. Ihr müsst euch nicht extra noch benennen. Aber es war schon ein Unterschied.
Dann hat man gesagt, die Psychiatrie Krankenschwestern, die in der Klinik gelernt haben, die sind
nicht genügend ausgebildet gewesen, also nicht genügend gewaffnet gewesen um im
ambulanten Sektor zu arbeiten. In der Klinik ist man immer eingebunden in ein grosses Team.
Wenn man nicht mehr weiter weiss, kann man jemand anderes fragen.

Dr.med. Ursula Davatz (01:54)
Hingegen, wenn man nach Hause geht zu der Familie, dann ist man der Situation ausgesetzt und
man muss selber wissen, was man machen muss. Darum haben wir dann auch die
Zusatzausbildung in Sozialpsychiatrie auf die Beine gestellt. Abgekürzt hat es geheissen
"ZASCHP". Von diesen Weiterbildungs Tagungen habe ich damals auch in Königsfelden gemacht.
Und ich weiss nicht mehr genau, was genau der Titel war. Es hat so ungefähr gelautet
"Sozialpsychiatrie als Netz zwischen den Institutionen". Also wir haben die Sozialpsychiatrie als
eine Funktionstüchtigkeit, die sich mit verschiedenen anderen Institutionen vernetzt. Mit anderen
Gesundheits- und sozialen Institutionen. Wir haben vorher eine Philosophin gehört. In diesem
Sinne sage ich, was ist die Philosophie der Sozialpsychiatrie ist. Es ist schon eine Philosophie und
eine Haltung dahinter. Es ist nicht einfach nur ein Wort. Die Idee der Sozialpsychiatrie war, dass
man Patienten im natürlichen Umfeld behandelt. Das heisst, dass man nach Hause geht, dass
man auf Augenhöhe arbeitet, dass man sie nicht einfach in grossen Institutionen unterbringt,
sondern dass man sie zu Hause lässt und mit seiner professionellen Intervention in die Familie
oder ins natürliche Umfeld geht. So dass sie nicht in eine fremde Umgebung kommen müssen,
wo alles neu ist. Wenn man sich einen Psychotiker vorstellt, der ohnehin schon verwirrt ist, und
dann muss er noch in eine fremde Umgebung kommen mit noch ganz vielen andere schwierige
Leute, die ein bisschen gestört sind, also sich komisch verhalten, dann gibt das eine riesige
Intensität und ist nicht unbedingt sehr gesundend.

Dr.med. Ursula Davatz (03:58)
Wir hatten weiter zum Ziel, Patienten zu entlassen, d.h. Patienten, die 40 Jahre hospitalisiert
waren, die einen schweren Hospitalismus hatten, hat man versucht heraus zubegleiten. D.h. Man
hat Wohngruppen gemacht, innerhalb der Klinik hat man sie ein halbes oder ein Jahr oder länger
begleitet, also sie vorbereitet aufs Leben draussen in der freien Gesellschaft. Zum Teil ist das sehr
gut gegangen, zum Teil gab es auch Unfälle, bei denen es nicht so gut ging, aber das war ein sehr
ambitiöses Ziel. Weiter hatten wir das Ziel, die psychiatrischen Patienten wieder in das Arbeitsfeld
zu integrieren. Da gab es das berühmte Möbelpfisterprojekt, welches immer noch läuft. Der
Möbelpfister hat 10 Plätze zur Verfügung gestellt, wo Psychiatriepatienten arbeiten konnten. Man
hat nicht fixe Plätze gewählt, sondern man hat mit dem Patienten zusammen ein
Motivationsschreiben gemacht und dann hat der Möbelfester innerhalb seiner Institution einen
Platz gesucht. Als letztes hatte ich eine Patientin, die eine bipolare Störung hatte, so mit 21, 22
Jahren. Die kam dann auch ins Möbel Pfister Projekt. Sie hat Marketing gemacht und ist jetzt voll
integriert in ihrem Beruf als Marketingfachfrau. Ich habe natürlich längst nicht alle verfolgt, das ist

jetzt ein erfolgreiches Beispiel, aber es hat funktioniert. Das Projekt kam auch im Fernsehen
gekommen und es gab sogar einen Film darüber gegeben.

Dr.med. Ursula Davatz (05:53)
Frau Dr. Riedinger hat vorhin gesagt, ich sei auch am Dingleton Hospital gewesen. Das stimmt.
Ich habe 9 Monate lang am Dingleton Hospital in Melrose gearbeitet. Das war eine therapeutische
Gemeinschaft von Maxwell Jones. In Schottland hatte man Maxwell Jones als grossen Initiator
von neuen Bewegungen. In Italien war es Franco Basaglia. Die Idee in diesen therapeutischen
Gemeinschaften war, dass man mit den Patienten auf Augenhöhe arbeitet. Wir hatten alle
Rapporte mit den Patienten zusammen. Jeden ersten oder zweiten Tag hatten wir eine Sitzung mit
Patienten und Personal. Das hat man "CC", Community Council genannt. Da ging es hoch zu und
her. Sehr emotional, viel diskutiert etc. Weiter, die Idee hintendran war, also die Philosophie,
therapeutische Administration. Sie haben uns geholfen zu administrieren. Wenn jemand
eingesperrt war oder keinen Ausgang hatte, haben alle miteinander diskutiert. Was findest du,
dürfte er jetzt rausgehen oder nicht? Ist er schon bereit oder nicht? Über solche Procedere hat
man zusammen diskutiert. Die Professionellen und die Patienten. Man ist auch immer zu zweit,
wie bei der Hota, da sind ja immer zwei Personen verantwortlich für eine Familie. Zuerst fand ich
das uneffizient. Jetzt finde ich es eine gute Sache. Am Dingleton Hospital sind wir immer zu zweit
ausgerückt. Wir sind in der Nacht zu zweit ausgerückt, damit wir uns hinterher besprechen und
kontrollieren konnten.

Dr.med. Ursula Davatz (07:50)
Wenn der eine sich verloren oder verrant hat, konnte der andere helfen, das zu korrigieren. Wir
waren alle per Du, also First Name. Sie nannten einen Ursula und nicht Dr. Davatz. An das konnte
man sich gewöhnen, aber deswegen war man nicht weniger professionell. Gruppentherapie kam
in zu dieser Zeit auch stark in Mode und wurde in vielen Spitäler und auch ambulant mehr
verwendet. Ursprünglich natürlich, um mit einer Sitzung mehr Leute zur erreichen. Das was
Monika Riedinger jetzt vielleicht macht für ADHS Patienten. Dann der grosse Slogan, als ich eben
aus Amerika gekommen bin, hatte ich die Haltung "Ambulant vor Stationär". Also schon in den
1980er Jahren war das mein Slogan. Und die Idee war, dass man zum Beispiel bei schizophrenen
Patienten sofort die Familie dazu bestellt, mit denen beratet, sie unterstützt. Und das kranke
Individuum gleich wieder nach Hause lässt. Ich hatte ein paar, bei denen das funktioniert hat. Es
hat nicht bei allen funktioniert, aber "Ambulant vor Stationär" ist unsere Philosophie in der
Sozialpsychiatrie gewesen. Die Idee war auch die Bettenreduktion. In Amerika habe ich noch mit
dem Community Mental Health Act erlebt, ich habe in einem Spital mit 3000 Betten gearbeitet. Da
haben wir den Auftrag der Politik erhalten, dass man die Bettenzahl auf ein Drittel reduzieren
sollte.

Dr.med. Ursula Davatz (09:41)
Also auf 1000 Betten. Das war natürlich schwierig. In diesem Sinne hat man extra Triage
gemacht. Man hat Notfälle entgegengenommen. Und man wurde geschimpft, wenn man
jemanden hospitalisiert hat und nicht wieder ins ambulante Setting zurückgehen konnte. Auch das
ging nicht immer, aber das war die Philosophie. Hier in der Schweiz hatte ich das Gefühl, dass
sehr viel Enthusiasmus da ist. Es ist eine grosse Begeisterung, ein grosser Einsatz. Aber der
tragende therapeutische Hintergrund, das therapeutische Konzept, der konzeptionelle Unterbau,
der hat ein wenig gefehlt. Viele von diesen engagierten Psychiatern sind Analytiker gewesen, denn
das war die therapeutische Methode, vielleicht noch ein paar Verhaltenstherapeuten. Und ich, die
drei Jahre als Familientherapeutin ausgebildet wurde in Amerika, beim beim Ackermann Institut
und beim Murray Bowen, habe gefunden, das wäre eine bessere Theorie, um die Sozialpsychiatrie
zum Leben und zum Erfolg zu bringen. Und in dem Sinn habe ich dann die Familientherapie,
heute sagt man auch systemische Therapie oder Systemtherapie, habe ich allen meinen
Assistenzärzten beigebracht, also die mussten sich dem alle unterziehen. Ich habe zweimal in der
Woche mit Assistenzärzten, Sozialarbeitern und Krankenschwestern Supervision gemacht. Wer
konnte, kam in diese Supervisions-Sitzung und ich versuchte, ihnen mein Wissen weiterzugeben.
Die Haltung war, dass auch die Krankenschwestern die sogenannte Therapie machen durften, das
durfte man der Krankenkasse nicht sagen.

Dr.med. Ursula Davatz (11:33)
Die Ärzte reagierten auch sehr vehement, die Krankenschwestern können doch keine Therapie
machen, sie können nur begleiten. Aber hier habe ich keinen Unterschied gemacht. In diesem

Sinne habe ich auch Mütterberaterinnen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in der Gemeinde,
einen Polizisten in der Ausbildung, allen habe ich versucht, die Systemtherapie beizubringen. Also
Arbeit mit dem ganzen System. Wenn ich heute schaue, wie die Assistenzärzte ausgebildet
werden, da gibt es eine neue Richtung, und alles Moderne ist auf Englisch, und das heisst
"Entrustable Professional Activities". Das heisst, der Assistenzarzt, die Assistenzärztin, muss nicht
eine Prüfung ablegen und erhält eine Note durchgekommen oder nicht, sondern man begleitet die
Lernenden und schaut, wie weit sie sind. Entrustable Professional Activities, EPA, heisst, man
beobachtet den jungen lernenden Menschen, wie weit ist er und wie gut kann er schon die und
die Situation beherrschen. Wie kann er damit umgehen? Ich denke, das ist etwas, das auch in der
HOTA praktiziert wird. Mitarbeiter, die noch nicht so erfahren sind, dass sie schon praktisch
arbeiten dürfen, aber dass sie immer jemanden im Hintergrund haben und dass sie jederzeit den
Supervisor oder die Supervisorin hinzuziehen können, um Hilfe zu holen, wenn sie nicht mehr
weiter wissen. Das ist ein learning in progress, also ein vorzu lernen und nicht, man hat ausgelernt
und jetzt kann man alles machen.

Dr.med. Ursula Davatz (13:30)
Zu dieser Zeit war auch ein Assistenzarzt bei mir, das war Philipp Hauser. Er war ein Jahr bei mir
und hat natürlich auch an meinen Supervisionen mitgemacht. Er hat vorher schon eine Ausbildung
in Familientherapie gemacht beim Gunthern im Wallis, ein Studienkollege von mir. In dem Sinn
habe ich ihn natürlich weiter unterstützt, dass er die Idee von Familie unterstützen und nicht nur
das Kind therapieren, er ist ja Kinderpsychiater, das habe ich weiter gefördert und er hat das auch
beibehalten. Er war dann der Gründer, zusammen mit den anderen Personen, mit der Regula
Berchthold, der Hota. Er hat mich damals angefragt, ob ich in das Patronatskomitee komme. Ich
habe natürlich sofort gesagt ja. Denn das hat genau meine Haltung wieder verkörpert und bin
dann ins Patronatskomitee gegangen. Jetzt kann ich weiter die Frage stellen, warum braucht es
eine aufsuchende Familienarbeit und was ist das eigentlich? In meiner Ausbildung als
Familientherapeutin beim Ackermann Institut und bei Murray Bowen am Georgetown Family
Center haben wir gelernt, die Familie möglichst objektiv anzuschauen. Wenn man eine Familie zu
sich ins Büro bestellt, dann ist das die eigene Domäne, das eigene Territorium. Sie sind Gäste, sie
sind zugezogene Leute. Dann können sie sich relativ gut an einem anpassen und vielleicht auch
verstellen.

Dr.med. Ursula Davatz (15:16)
Also sie wollen ja einen guten Eindruck machen, wenn man zum Arzt geht, will man einen guten
Eindruck machen und dann sieht man nicht unbedingt die wirkliche Realität. Hingegen, wenn man
zu einer Familie nach Hause geht zu einer Familie, dann wird man ins System genommen, es wird
einem etwas angeboten etc. Dann kann man schnell eingesaugt werden vom System und
verwendet werden vom System, ohne dass man es merkt. Und in dem Sinn hat man allen Ärzten,
die gelernt haben, Familientherapie zu machen, geraten, sie müssten mindestens einmal einen
Hausbesuch machen, also nach Hause gehen zur Familie, um zu sehen, wie sich das anfühlt,
wenn man in der Familie steckt. Die Hota macht das nicht nur einmal, sondern das ist ihr
Handwerk. Sie geht immer zu der Familie nach Hause. Ich denke, das ist etwas sehr, sehr
Effizientes. Es ist wichtig, wenn man als systemische Therapeutin, dass man zuerst das
Familiensystem kennenlernt, gut beobachtet, sich ein Bild macht, bevor man gleich zur
Intervention schreitet. Wir Ärzte sind in der Regel Handlungstypen. Es ist vorher schon gesagt
worden, es ist alles auf Effizienz angelegt und es pressiert. Man muss möglichst schnell ein
Resultat haben. Dann macht man sich nur schnell einen Eindruck, also eine Diagnose und dann
wird gehandelt. Das geht in der systemischen Therapie nicht.

Dr.med. Ursula Davatz (17:04)
Man muss wirklich das System kennenlernen. Jedes Individuum ist einzigartig und jede Familie ist
einzigartig. Und da muss man sich genügend Zeit lassen, um zu schauen, was eigentlich hier
läuft, was die Abläufe sind, etc. Bevor man zu einer therapeutischen Massnahme und einer
Handlung schreitet. Wie gesagt, im Büro ist man so ein bisschen in einer Allmachtsstellung und
dann ist es einfacher, Dinge zu verordnen. Manchmal sagen die Patienten "Ja, ja, mache ich" und
gehen nach Hause und denkste, sie machen gar nichts davon. Sie wollten es ihnen einfach recht
machen. Sie haben einem nach dem Maul gesprochen, aber das bringt natürlich nicht so viel. Die
Familie hat auch die Tendenz, ihre bestehenden pathologischen Prozesse einerseits zu verstecken
und andererseits einen reinzuziehen, sodass man blind wird. Aber dann sind die Interventionen,
die man macht, nicht mehr wirksam. Dann ist mehr vom Gleichen. Dann macht man das Gleiche

weiter, wie man es in der Familie schon macht. Es braucht also eine grosse Standfestigkeit bei der
aufsuchenden Familienarbeit, bei der Systemtherapie, wenn man ins natürliche Umfeld geht. Aber
ich denke, wir haben in der HOTA viele erfahrene Berufsfrauen und Männer mit der Zeit, die sich
sich nicht mehr einfach nur reinziehen lassen und dann auch wirksam sein können.

Dr.med. Ursula Davatz (18:45)
Was der Vorteil ist, wenn man als Fachperson in die Familie geht, man sieht, wie die Leute
miteinander interagieren, wie sie am Tisch sitzen. Man sieht, wie die Zimmer verteilt sind. Dadurch
hat man einen schnelleren Einblick in die Funktionstüchtigkeit der Familie.

Dr.med. Ursula Davatz (19:15)
Als Schlussbemerkung und dann haben wir noch Zeit für Fragen: In der HOTA arbeiten zum Glück
alle erfahrene Systemfachfrauen und Systemfachmänner, die sich nicht so in den Prozess ziehen
lassen und dann mehr Pathologie vom Gleichen mit der Familie zusammen machen. Und sie
haben die Situation, dass sie zu zweit einander beraten können, oder wenn sie nicht
weiterkommen noch die anderen Fachpersonen reinholen, also die Ärztinnen, sodass die
Objektivität viel eher gewahrt ist, als wenn man alleine mit einem Patienten mit der Zeit in eine Art
Symbiose gerät. Die Idee der Therapie ist nicht eine Bekämpfung der Krankheitssymptome, wie
das in der Medizin der Fall ist. Die Idee ist, Eltern zu unterstützen in ihrer Kompetenz, in ihrer
Erziehungskompetenz, in ihrer Interaktion mit dem Kind. Und was auch von Frau Bleisch gesagt
wurde, nicht alle Kinder passen gleich gut zu allen Eltern. Und wenn ein Mismatch zwischen den
Kindern und den Eltern besteht, dann muss man versuchen, diesen Mismatch zu korrigieren, und
zwar nicht einfach das Kind korrigieren. Wir erwachsenen Menschen meinen, dass das Kind
korrigiert werden muss. Wir erwachsene Menschen meinen immer, das Kind sei noch jung und es
muss sich anpassen. Wir wissen alles, wie es geht. Aber wenn man Kinder hat, die sehr
eigenwillig sind, dann geht das überhaupt nicht. Wenn man solche hat, die sehr anpassungsfähig
sind, das sind meistens Mädchen, aber auch nicht alle. Dann passen die sich an und nachher,
wenn sie erwachsen sind, wissen sie nicht, wer sie sind. Denn sie haben es nur immer ihrem
Umfeld recht gemacht und das bringt ihnen gar nichts. Frau Bleisch wurde schon gefragt, was die
beste Erziehung ist. Die Erziehung, die das Kind sich grösstenteils sich selbst sein lassen lässt.
Aber doch präsent ist und führt, wenn Not am Mann, Not an der Frau ist. Das ist ein grosser
Balanceakt, eine Kunst, dass man das Kind genügend sich selber sein lässt und aber doch auch
die nötige Führung geben kann, dort wo es wichtig ist. So gehöre ich zum Teil zu einem jungen
ADHS Mann, der gesagt hat, er habe zu wenig Führung von seinen Eltern bekommen, sie hatten
eine Wirtschaft und die hatten natürlich nicht viel Zeit, also er war ein Restaurantkind. Andere
erzählen einem, wie sie viel zu eng gehalten wurden, sodass sie dann rebellieren mussten, als sie
ins Erwachsenenalter gekommen sind. Und zum Teil Rebellieren bis zum Punkt einer Krankheit.

Dr.med. Ursula Davatz (22:23)
Was gibt es Besseres oder Wichtigeres als die aufsuchende Familienarbeit im Sinne von
Prävention? Und immer seit ich hier in den Kanton Aargau zurückgekommen bin, habe ich mich
im Bereich der Drogenarbeit für Prävention interessiert, aber auch allgemein für Prävention. Und in
dem Sinne sage ich, dass die aufsuchende Familienarbeit die wichtigste, effizienteste und
effektivste Prävention ist, die man einer Familie und einem Individuum zukommen lassen kann. In
diesem Sinne habe ich auch die Mütterberaterinnen, die in die Familie hineingehen, die machen
auch aufsuchende Familienarbeit. Die habe ich die jahrelang supervidiert und auch jahrelang
Weiterbildung gemacht für sie. Die aufsuchende Familienarbeit ist eine ganz effiziente, effektive
Präventionsarbeit. Das heisst, man unterstützt ein anfälliges oder ein schwaches System, bevor
die Kinder schon krank werden oder die Eltern auch noch zusätzlich krank werden, sodass sich
die Familie besser weiterentwickeln kann und die Kinder gesund aufwachsen können. In diesem
Sinne sage ich, und es ist auch das Wort "Investition" gefallen. Ich habe ein paar Vorträge
gehalten über "Investition Erziehung" und Kind als Projekt. Also in diesem Sinne sage ich,
Investition in ein gesundes Aufwachsen von unseren Kindern ist die wertvollste, die kostbarste
Investition in unsere lebendige Zukunft. Also nicht die technische Zukunft, sondern die Zukunft
der Menschen.

Dr.med. Ursula Davatz (24:15)
Und in dem Sinn möchte ich der HOTA ganz herzlich gratulieren zu ihrem 10. Geburtstag und sie
fest dazu aufmuntern, dass sie weiter die wertvolle Präventionsarbeit machen.

Bemerkung 1 (24:40)
Herzlichen Dank, für diesen überzeugenden Vortrag über die Zeitgeschichte. Ich habe in den 90er
Jahren Familientherapie gelernt und ich bin immer wieder beeindruckt, dass du das in den 80er
Jahren sehr strukturiert hast lernen dürfen. Bei uns in den 90er Jahren war das nicht der Fall.
Sondern wir haben uns sozusagen von Idee zu Idee gehangen.

Selektiver Mutismus und Schulverweigerung

Selektiver Mutismus und Schulverweigerung

Transkription

 

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

25.3.2022
Selektiver Mutismus und Schulverweigerung
Audio

[00:00:00.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Also, ich möchte euch alle ganz herzlich begrüssen zu unserer Weiterbildung, Fortbildung, Fachberatung.
Es ist mir gesagt worden, ihr wollt nochmals etwas über Mutismus, und zwar selektiver Mutismus. Hab ich
das richtig verstanden? Gut. Mutismus heisst ja eigentlich Schweigsamkeit. Also es spricht jemand nicht.
Man kann das Reden auf zwei Arten betrachten. Einerseits mit reden können und dem würde ich dann
sagen, das ist ein primärer Mutismus und andererseits nicht sprechen wollen, also Kommunikation
verweigern. Ich denke der primäre Mutismus, ich habe nicht gross Fachbücher konfrontiert, aber so wie
ich das sehe, entsteht der primäre Mutismus dadurch, dass die Kinder im Sprachhirn, und wir haben zwei
Sprachhirne, dass sie dort nicht gleich funktionieren wie so der Normotyp. Das heisst, dass sie Mühe
haben in der Sprachfindung oder Sprachformulierung. Wir haben zwei Sprachhirne und das eine ist das
Gehör, also da wird das Gehör prozessiert und dann in Symbol und Gedanken umgewandelt und das
andere ist das Hirn, das mehr das Gedankliche beinhaltet. Und die beiden sind natürlich gut miteinander
vernetzt. Sie müssen auch miteinander vernetzt sein, dass dann das Verständnis kommt. Und zum Teil ist
zwischen den beiden Zentren, ich bin nicht Neurologin, aber funktioniert es da nicht recht. Und in dem
Sinn gibt es Kinder, die geboren werden mit dysfunktionalen Sprachzentren und die können nicht so gut
sprechen.

[00:02:02.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, die können die ganze Prozessierung, die sie im Hirn machen müssen, können sie nicht
zeitgemäss, nicht schnell und auch nicht gut machen. Ich hatte zum Beispiel eine Patientin, die sogar
Lehrerin wurde. Sie konnte alles gut lesen. Sie kannte die Buchstaben, sie konnte sich zusammensetzen.
Sie hat null verstanden, was sie gelesen hat. Und da ist die lautliche Wahrnehmung der Sprache und die
verständnismässige Wahrnehmung der Sprache nicht richtig gekoppelt gewesen. Sie hat das mit der Zeit
dann schon gelernt. Aber das hat einfach nicht funktioniert. Und das ist angeboren, das ist ein Hirn, ich
sage jetzt mal Defekt, oder das Hirn funktioniert hier ein bisschen anders. Zum Teil ist der Mutismus dann
auch kombiniert mit Intelligenzminderung. Und zum Teil mit genau dem Gegenteil. Also mit höherer
Intelligenz und isolierter Intelligenz, also ein sehr unausgeglichenes Leistungsprofil. So sagt man ja von
Einstein, er habe nicht geredet, bis er fünf Jahre alt war. Und da würde man schon sagen, das ist ein
mutistisches oder autistisches Kind. Er hat nur beobachtet. Und im Augenblick, wo eine Verarbeitung,
eine Sinnesverarbeitung ausfällt, werden die anderen verstärkt. Das heisst, er hat dann nur beobachtet,
schon als Kind wahrscheinlich, die Zusammenhänge gesehen. Wenn man nicht redet und mehr
beobachten kann, kann man auch gescheiter werden, weil man ja ständig diese Sachen ganz speziell
verarbeitet.

[00:03:55.440] – Dr.med. Ursula Davatz

Der angeborene Mutismus, der kann mit ganz verschiedenen Sachen zusammenkommen. Man sagt
dann Asperger, heutzutage sagt man ja nicht mehr Autismus, sondern man redet immer von Autismus
Spektrumkrankheit. Die Ärzte wollen immer eine genaue Diagnose stellen, aber mit dem Hirn geht das
gar nicht. Denn das Hirn funktioniert ja immer interaktiv und die interaktiven Sachen funktionieren zum
Teil nicht. Und das kann man gar nicht so recht beschreiben, das heisst, wir kennen es auch noch gar
nicht recht. Und man macht sich nur Bilder davon, wie das nicht funktioniert und da kommt immer wieder
ein neues Krankheitsbild raus. Der Asperger hat das auch beschrieben von diesen Kindern. Das ist das
Angeborene, wo das Hirn nicht richtig funktioniert. Und wenn das Hirn nicht richtig funktioniert, dann
muss man das, was nicht so gut funktioniert, trainieren. Denn das Hirn hat unglaubliche plastische
Fähigkeiten. Es kann ganz viel erlernen. Ich habe mal ein ganzes Buch über lauter Hirnschäden gelesen.
Da hat jemand nur die Hälfte von einem Hirn gehabt. Oder jemand hat die Hälfte von seinem Hirn
verloren. Und die andere Hälfte hat alles gelernt. Aber natürlich mit Training. Üben, üben, üben, üben.
Und es gibt so Leute, die so Ausfälle haben, jetzt auch nach einem Hirnschlag, die dann noch sehr viel
lernen können, wieder lernen. Und andere Hirnteile können übernehmen. Nicht bei allen Menschen
passiert das so. Nicht alle werden auch so trainiert. Nicht alle haben selber diesen Durchhaltewillen. Aber
das Hirn ist enorm anpassungsfähig. Und das muss man sich immer wieder vor Augen halten. Die
Störungen, die dann dazu genannt werden, sind natürlich Legasthenie, Dykalkulie, aber auch in der
Sinneswahrnehmung. Oft auch feinere Wahrnehmung. Ich denke, die den meisten Autisten, die haben
eine hochsensible Wahrnehmung. Die kann im Tastbereich sein, im Gehörbereich, im Augenbereich sein.
Sie sehen viel mehr als andere sehen. Sie sehen visuell. Gestern stellten sie mir eine Patientin vor, die
als kognitiv stark beeinträchtigend diagnostiziert. Aber wenn man ihr ein Puzzle mit 1000 Stückchen gibt,
dann kann die innert Kürze alles zusammensetzen. Und nicht so systematisch wie wir das machen, rot
gehört zu rot. Sondern sie schaut so ein bisschen und dann weiss sie es gleich. Das ist eine hohe
Intelligenz auf diesem Bereich. Aber emotional kann sie sich nicht ausdrücken, hat sie nicht die
differenzierte Sprache. Und da wir natürlich sehr nach der Sprache gehen, tun wir dann solche Menschen
sofort als minderwertig einstufen. Früher ist noch mehr passiert, aber auch heute passiert es noch, dass
Leute, die keine Sprachfähigkeit haben, sich nicht gut ausdrücken können aber andersherum eine
Intelligenz haben, dass man diese sofort runterstuft. Also wenn jemand nicht so normal reden kann wie
wir, sich nicht so ausdrücken kann, dann stufen wir sofort runter. Und dann tun wir diesen Menschen
natürlich Unrecht. Die nehmen alles wahr, prozessieren es vielleicht sogar, aber können es nicht wieder
ausdrücken. Ich habe auch einen geistig behinderten Patienten, wo ich die Mutter beraten habe. Er
konnte nicht gut sprechen, er konnte sich nicht gut ausdrücken und er hatte dann manchmal
Tobsuchtsanfälle, sodass sie ihn in der Nacht angebunden haben und ihm x Medikamente gegeben
haben. Es war fürchterlich. Dann habe ich mit der Mutter zusammen geschaut, wo übergeht sie ihn, wo
fragt sie ihn nicht, wo sie nicht auf ihn schaut. Er hatte immer die Anfälle, wenn man ihn übergegangen
hat. Wir haben dann eingeführt, dass er sich mit Piktogrammen am Abend ausdrücken kann, also quasi
seine Gefühlswelt ausdrücken kann, kommunizieren, einfach über diese Bildchen, und man muss sich
diese Zeit nehmen. Und jetzt ist nichts mehr von dem. Er muss nicht ganz viele Medikamente haben und
es läuft gut. Aber man musste zuerst lernen, den wahrzunehmen und ihm ein Hilfsmittel zur Verfügung zu
stellen, dass er sich ausdrücken konnte.

[00:08:48.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, so übergehen wir oft so Leute, die in der Sprache nicht so gewandt sind. Und das Gleiche
passiert ja dann mit Ausländern, die zum Teil hochgebildet sind. Aber unsere Sprache nicht können und

sich nicht ausdrücken können. Und dann stuft man sie einfach auf einem tiefen Niveau ein und dann
fühlen sie sich natürlich falsch behandelt. Das ein bisschen so zum primären Mutismus. Jetzt, ich sage
der sekundäre Mutismus und dem sagt man wahrscheinlich selektiver Mutismus. Den erkläre ich immer
über die Interaktion. Also beim anderen spielt ja die Interaktion auch eine Rolle. Aber den erkläre ich über
die Interaktion. Da habe ich zum Beispiel jetzt einen Patienten, der war als Bub hochverbal. Ganz viel
gesprochen, Geschichten gemacht, Erfindungen, alles mögliche. Also sehr kommunikativ, sodass die
Mutter gesagt hat, es sei ihr manchmal zur Last gefallen, dass er so viel gesprochen hat. Und sie hat
gehofft, er würde mal endlich aufhören zu sprechen. Dann ist etwas passiert in der Klasse, dass er sich
sozial ungerecht behandelt gefühlt hat, ungerecht verurteilt. Dann ist seine Moral, und in der Pubertät
entwickelt man seine ethischen Gedanken, seine persönliche Moral entwickelt, dann hat er sich da
verkehrt behandelt gefühlt. Dann ist er in einem autistischen, mutistischen Zustand verfallen. Er kam auf
Königsfelden, man hat nicht recht realisiert, er hat einfach alles verweigert und das ist jetzt
Kommunikationsverweigerung. Er hat alles verweigert, man kam nicht an ihn ran. Man hat ihn dann in
eine andere Klinik getan und dort hat man dann gefunden, ja das ist ein schizophrener Zustand. Man gab
ihm dann Neuroleptika und dann ist er ein bisschen besser geworden. Aber er ist immer noch in diesem
Verweigerungszustand. Er spricht nicht. Man hat dann eingeführt, dass er den Daumen hoch für ja und
Daumen runter für nein machen kann. Ich habe ihn noch einmal dazu gebracht, dass er sogar ein
Gedicht geschrieben hat. Und das war ein sehr aussagekräftiges Gedicht, in dem alle Leute Angst
bekamen. Er hat seine Situation als schrecklich dargestellt und niemand merkt es. Es wird eigentlich
getötet, also Seelen werden getötet und sie haben dann nur Angst bekommen. Bis zum heutigen Tag
verweigert er. Er hat Medikamente, aber wir kommen wie nicht aus dem heraus. Bei solchen Zuständen,
ursprünglich wurde das Wort Autismus für die Schizophrenen verwendet, für einen extremen
schizophrenen Zustand. Das ist ein höherer Wachsamkeitszustand, man hört alles, man nimmt alles
wahr, aber das Reden ist blockiert.

[00:12:03.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist einfach blockiert. In so extremen Zuständen hat man früher, und jetzt machen wir es auch wieder,
wenn das Hirn blockiert ist, von der Haltung her, dass man Elektroschock macht. Das heisst, dass man
den Stecker zieht, das ganze Hirn depolarisiert, sodass es wieder neu aufgebaut werden kann. Denn die
Blokade entsteht natürlich über ein psychologisches, über ein emotionales Dilemma. Ich wurde ungerecht
behandelt. Ich kann das nicht korrigieren. Niemand sieht es. Niemand kann etwas dazu sagen und das
kommt dann zu einer Eigendynamik im emotionalen Hirn, die dann alles andere blockiert.

[00:13:00.000] – Bemerkung 1
Elektroschock, wie funktioniert das?

[00:13:00.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich in Schottland gearbeitet habe, am Dingleton Hospital, das eigentlich ein therapeutisches Spital
war, haben sie auch noch Elektroschocks gemacht. Man versetzt die Leute in eine Kurznarkose, und
dann setzt man links und rechts eine Elektrode am Hirn an, und dann gibt man einen Stromstoss. Das
Hirn hat ja lauter elektrische Potentiale und elektrische Reizleitungen. Dann gibt man einen Stromstoss
von links nach rechts oder umgekehrt. Und dann werden alle Nervenzellen depolarisiert, also entladen.

Nach der Entladung, also es löscht eben auch das Gedächtnis. Damit wir uns immer wieder auf die
Ungerechtigkeit besinnen können, dazu brauchen wir ein Gedächtnis. Man löscht dann das Gedächtnis
und dann hoffen wir, dass er das negative, die dramatische Erfahrung nicht mehr aufbaut.

[00:14:04.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist schrecklich zum anschauen, weil dann der ganze Körper, der zuckt natürlich auch, also alle
Muskeln. Früher hat man keine Narkose gemacht, das war natürlich schrecklich. Heutzutage macht man
Narkose, von dorther schlafen die Leute einfach und wachen dann hinterher auf. Dann ist so ein bisschen
die Erfahrung von einer Neugeburt. Also ich wache jetzt auf. Also die, die schon eine Narkose hatten,
wenn man nach einer Narkose, in der Narkose ist man ganz versenkt und dann kommt man wieder so
raus, heute Morgen kam am Radio das Lied "Die Morgenstimmung" von Edvard Grieg. Man kommt
langsam wieder aus diesem Dämmerzustand heraus. Ich hatte eine Patientin, die noch Elektroschocks
bekam. Sie wollte es immer wieder, und zwar als Orgasmus. Sie war verliebt in den Arzt, der das
gemacht hat. Dann wollte sie immer wieder Elektroschock. Das schöne Aufwachen hat Sie genossen.

[00:15:22.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Für kurz werden die Erinnerungen unterbrochen. Aber die kommen dann wieder. Sonst wäre man ja dann
verblödet. Man macht eben auch bei schweren Depressionen, und bei den schweren Depressionen sind
hinten dran auch immer negative Gedanken. Aber die werden nicht gesagt, die geht man nicht rausholen.
Es sind immer sehr frustrierte, negative Gedanken. Die werden dann durchbrochen mit dem
Elektroschock. Man sagt, man macht vier oder zehn. Man hofft natürlich, dass bevor die zu fest wieder
nach vorne kommen, dass man einen neuen Bezug zum Umfeld aufbaut. In dem Sinn geht es ihnen
besser, aber manchmal holen sie auch die negativen Gedanken wieder nach vorne. Aber es ist ein
Revival jetzt von Elektroschocks. In Königsfelden, Basel, Zürich machen sie es.

[00:16:44.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss einfach die Entladung hinbringen von allen Nervenzellen. Ohne die geht es nicht. Alleine der
Elektroschock reicht natürlich nicht. Man muss dann auch mit denen das Leben wieder aufbauen. In
Amerika hatte ich einen indischen Assistenzarzt Kollegen. Der meinte, in Indien seien sie mit dem
Elektroschock Instrument herumgereist. Das war natürlich das billigste, viel billiger als Medikamente.
Dann haben die alle mit dem Elektroschock behandelt. Und man behandelt schwere Schizophrenien,
denn dort steckt hinterher auch immer ein negatives Gedankengut, welches den schlechten Zustand
immer wieder aufbaut. Und auch bei einer schweren Depression steckt ein solches Gedankengut hinten
dran. Das wäre ein bisschen eine Ausweitung, aber habt ihr noch mehr Fragen dazu?

[00:17:47.020] – Bemerkung 2
Ich verstehe den Unterschied zwischen Mutismus und Autismus nicht.

[00:17:56.050] – Dr.med. Ursula Davatz

Beim primären Mutismus ist das Hirn etwas anders. Beim sekundären Mutismus verweigert ein Mensch
die Kommunikation und verweigert die Kommunikation, ich sage jetzt mal, wegen einem Trauma. Und
dieses Trauma kann man mittels Elektroschock etwas verscheuchen.

[00:18:23.330] – Bemerkung 2
Mutismus und Autismus hängen nicht direkt zusammen?

[00:18:23.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch. Ich verwende den Begriff analog. Mutismus heisst nicht reden. Autisten sind auch solche, die nicht
reden. Den Begriff Autismus verwendet man heute noch mehr. Die haben eine eigene Welt. Die wollen
nicht abweichen von der, die sind etwas stur. Es muss immer so gehen, wie sie es sehen. Sonst verlieren
sie ihre Sicherheit. Da sind alles interaktive Elemente dabei. Wenn ich jetzt zum selektiven Mutismus
gehe, ich sage jetzt bewusst sekundärer Mutismus, wenn man dort schaut wie diese Leute aufwachsen
oder wie sie leben. Wenn es über längere Zeit geht, dann ist einerseits der Mensch, das Kind, das nicht
redet oder halt selektiv, also die Kommunikation verweigert. Und nebenan ist jemand, das ist immer so
wie ein Pärchen, etwas, das sich ergänzt, ist ein Mensch, der sehr viel redet. Und das kann die Mutter
sein, und das kann aber auch ein Geschwister sein. Also, dass jemand in diesem sozialen Umfeld ganz,
ganz viel redet und immer für das Kind redet, sodass das Kind gar nicht mehr reden muss und dass das
Kind auch immer Zweiter macht. Also, der andere hat ja schon alles gesagt. Häufig ist es die Mutter,
wenn ja das Kind nicht redet, die Mutter will ja mit dem Kind kommunizieren, dann probiert sie immer,
willst du das, willst du das, ist es das, ist es das, ok, also gut. Dann gewöhnt die sich an, dass sie
kommuniziert für das Kind und das Kind kommuniziert überhaupt nicht mehr. Und je nachdem kann man
sagen, aus Faulheit kommuniziert es nicht mehr, aber wenn es die Mutter nicht richtig trifft, kommuniziert
es auch aus Opposition nicht mehr. Denn die spricht ja immer für mich, sie macht alles falsch. Dann kann
es sich eigentlich nur noch über die Verweigerung positionieren. Und ich meine, die
Verweigerungshaltung als Positionsbezug eines Kindes, das sieht man schon bei drei, das ist die erste
Pubertät, die Trotzphase, ist die erste Selbstbehauptung. Wenn dort herum eine Mutter ist, die zu viel
redet und immer nur redet, dann kann das Kind diese Verweigerungshaltung, diese Trotzphase immer
stärker ausleben oder mehr in diese hineinkommen. In so eine Trotzphase können auch Erwachsene
reinkommen, wenn sie in den verletzten, gekränkten, mutistischen Zustand reinkommen.

[00:21:28.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ein Kind, das die Schule verweigerte, hat auch nicht mehr gesprochen, ging dann immer zur
Grossmutter und sprach nicht mit den Eltern. Dort war hinten dran ein riesiger Konflikt zwischen den
Eltern. Das ist ein weiterer Grund, dass ein Kind wahrnimmt, was hier an Spannung in der Luft ist, selber
nichts dazu sagen kann. Die Eltern sagen auch nichts dazu. Dann erdrückt die Stimmung, die emotionale
Spannung, erdrückt die Kommunikation. Dann passiert wieder der selektive Mutismus. Bei diesem Kind,
das war er im Kantonsspital Aarau, hat man sagte, es habe selektiven Mutismus. Und die hat einfach
verweigert. Da musste die Mutter mit ihr im Spitalzimmer übernachten und sie dann in die Schule
zwingen, hat alles nicht funktioniert. Also sobald man eine Verweigerungshaltung hat von einem Kind,
darf man ja nicht zwingen, sonst läuft alles schief. Denn da sind sie stärker. Das geht jetzt über zu der
Schule. Die Schule hat natürlich den Auftrag, dass unsere Kinder eingeschult werden müssen. Wir haben

einen Schulungsauftrag, man kann nicht nicht schulen. Und im Augenblick, wenn ein Kind die Schule
verweigert und man bringt es nicht hin, dass es in die Schule geht, dann kommt die Behörde, dann
kommt die Instanz und die haben dann immer die Haltung, das Kind muss gezwungen werden, um in die
Schule zu gehen. Und so wird es auch den Eltern gesagt, dass sie keine Schulverweigerung zulassen,
sonst bringt man das Kind dann nie mehr in die Schule. Dann passiert ein Machtkampf. Gegen ein
mutistisches Kind oder eine mutistische Person mit Gewalt vorzugehen, funktioniert nicht.

[00:23:39.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind sie immer stärker. Ich hatte eine Klientin, die später dann Krankenschwester wurde. Die ging in
die Schule, in einem Heim, wo ihr Vater Heimleiter war. Aber er war körperlich handikapiert. Und die hat in
der Schule nicht geredet. Dann hatte der Lehrer die kluge Idee gehabt, wenn du nicht redest, musst du
stehen. Die ist sage und schreiben durch die ganze Schule durch gestanden. So viel zum Machtkampf
mit dem selektiven Mutismus. Das funktioniert nicht.

[00:24:19.870] – Bemerkung 3
Aber es gibt doch auch den genetischen selektiven Mutismus, wo es die Kinder ab Geburt haben und
Eltern haben es schon gehabt.

[00:24:27.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Dem sage ich eben nicht selektiv. Dem sage ich primärer Mutismus.

[00:24:31.230] – Bemerkung 3
Diese Kinder können ja ganz normal reden, aber einfach in der Öffentlichkeit sprechen sie nicht.

[00:24:36.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, und da reden die in der Öffentlichkeit nicht aus Schüchternheit. Das ist Schüchternheit. Der
mutistische Zustand ist in der Regel kombiniert mit hochsensibler Nervosität, also mit sensiblen Nerven.
Und in der Bekanntschaft, also zu Hause, reden sie. Wenn es fremd ist, sprechen sie nicht. Und das ist
das, sie haben Angst vor neuen Situationen. Man muss sie sehr sanft angewöhnen. Und wenn man sie
dort dann zwingt, dann kommen sie in den oppositionellen Zustand hinein und dann wird überhaupt nicht
mehr gesprochen. Also nie in einen Machtkampf gehen mit einem mutistischen Kind. Nie. Das bringt es
nie.

[00:25:23.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe letztens auch eine Geschichte gehört, der hat zu Hause nicht gesprochen, in der Schule nicht
gesprochen hat. Er hatte aber portugiesische Nachbarn. Und dann hat die Mutter gesehen, dass er ganz
normal mit ihnen gesprochen haben. Dort war es dann gerade umgekehrt. Sie haben nicht gross Druck
auf ihn aufgesetzt und dann hat er einfach nachgesprochen. Zuhause hat man Druck aufgesetzt und
dann wurde nicht gesprochen. Also darum mache ich den Unterschied zwischen nicht reden können,
mutistisch, und Kommunikationsverweigerung. Und wenn man zu fest unter Druck kommt mit so einem

sensiblen Wesen, dann rutscht man in die Verteidigungshaltung von Verweigerung. Es ist eigentlich eine
Flucht nach innen.

[00:26:16.260] – Bemerkung 4
Mit dem Essen kann man doch das gleiche machen. Essen verweigern, da kann man Druck auch nichts
erreichen.

[00:26:22.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist genau das gleiche. Beim Essen verweigern, kann man auch nicht mit Druck heran bringen.
Reden kann man nicht mit Druck heranbringen, Essen kann man nicht mit Druck heranbringen. Das sind
alles natürliche Funktionen, wenn man hier gewaltsam eingreift, macht man alles kaputt.

[00:26:38.350] – Bemerkung 5
Ich hatte auch ein Mädchen, das nicht sprechen wollte. Der Grossvater hat zu viel geschwatzt mit dem
Kind.

[00:27:02.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch so ein Kind, das die Schule verweigert hat, ist in ein Heim gekommen, hat dann dort auch
wieder die Schule verweigert, war die Hälfte der Zeit draussen, man hat alles mögliche gemacht, mit hin
chauffieren usw. Wir mussten es abbrechen. Wenn wir mit dieser eine Sitzung haben, mit mir spricht sie
nicht, und letztens hatten wir gerade eine, aber ich muss dann weiter kommunizieren. Also ich darf die
Kommunikation nicht abbrechen, auch wenn nichts zurückkommt. Ich musste einfach weiter
kommunizieren, möglichst ohne Druck, was mir dann in den Sinn kommt. Dann konnte ich ihr das
Lächeln entlocken. Okay, ich sehe an deinem Gesicht Ausdruck, dass du nicht willst." Also dass man die
Kommunikation nicht auch abbricht, nur weil sie nicht redet. Kommunikation brauchen wir ja. Und der
andere Mensch braucht es auch. Der ist gefangen, in seinem nicht sprechen können.

[00:28:11.350] – Bemerkung 6
Das ist manchmal schon herausfordernd. Die Mutter hatte es auch. Das eine Mädchen hat nicht mal mit
dem Kopf ein Zeichen gegeben. Mit der anderen geht es gut. Es ist dann auch eine Herausforderung für
die Schule. Die eine ist Lernziel befreit, die andere kann präsentieren. Wir haben jetzt mit den
Heilpädagogen gearbeitet.

[00:29:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Und redet sie dort?

[00:29:01.940] – Bemerkung 6
Nein, aber die eine liest dann vor. Es sind dann nur vier Kinder. Und dort schafft sie es dann zum
Vorlesen, einfach ein wenig leise. Bei den anderen geht es auch nicht. Sie sagt, sie kann besser und

konzentrierter arbeiten. Beide Mädchen sagen, wenn sie in einer Klasse sind, können sie sich fast nicht
konzentrieren.

[00:29:22.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist dann wieder die Situation vom System Overload. Wenn zu viele Impulse reinkommen, dann
können sie sich nicht konzentrieren, können sich auch nicht auf das Verständnis konzentrieren. Da ist
sicher eine gewisse Störung im Hirn. Die muss mehr üben. Da ist dann Heilpädagogik gut. Von uns im
Umfeld, wenn wir nicht Heilpädagogen sind, es ist wichtig, dass man kommuniziert, dass man sie
teilnehmen lässt, dass man ab und zu Kontakt mit ihnen aufnimmt, ohne dass sie unter Druck sind, dass
sie etwas sagen müssen. Selber darf man nicht unter dem Erfolgszwang sein, ich muss erreichen, dass
das Kind mit mir spricht. Sobald man unter den Erfolgszwang kommt, hat man verloren. Dann geht es
nicht. Es gibt dann so Ehrgeiz unter den Helfern. Ich bringe sie zum Reden. Das muss man sofort
wegtun.

[00:30:26.480] – Bemerkung 6
Das war schon eine Herausforderung am Anfang. Man hat immer das Gefühl, man möchte mit den
Kindern kommunizieren. Und wenn gar nichts kommt, ist es schon schwierig. Man muss auch lernen, die
Fragen anders zu stellen. Keine offenen Fragen, sondern willst du lieber das oder das? Einfach nur eine
Frage, die sie mit Ja oder Nein beantworten kann.

[00:30:36.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz genau. Das ist absolut richtig. Entweder das oder das. Ist dir eher so oder so zu Mut. Dann kann es
wählen. Man muss helfen bei der Kommunikation. Man darf selber aber nicht frustriert sein. Sonst bremst
man alles runter. Das ist noch schwierig. Aber das gleiche läuft, wenn ich mit depressiven Leuten
kommunizieren muss. Ich muss auch schauen, dass ich irgendwie etwas im Fluss behalte, ohne dass ich
darauf angewiesen bin, dass der andere hoch kooperativ ist. Und das ist noch schwierig. Man wird auf
sich zurückgeworfen.

[00:31:20.650] – Bemerkung 6
Es ist dann immer so ruhig.

[00:31:23.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, die Ruhe aushalten.

[00:31:26.520] – Bemerkung 6
Dann denkt man, ist überhaupt das Kind da?

[00:31:30.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist schon da. Solche Kinder müssen zuerst ganz viel Vertrauen in die Atmosphäre haben, damit sie
dann auch kommunizieren. Und sie brauchen eine lange Angewöhnungszeit. Da bringe ich immer wieder

den Horse Whisperer. Das Pferd musste sich angewöhnen, dass da draussen ein Mann steht und ihm
nichts macht. Wir müssen nicht traumatisch in der Nähe sein, nicht traumatisierend, dass sie sich an
einem angewöhnen können. Man muss sich immer ein wenig selber beschäftigen können.

[00:32:06.930] – Bemerkung 6
Ich finde Marte Meo hilft schon auch.

[00:32:09.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort lernt man das.

[00:32:22.360] – Bemerkung 7
Du hast gerade gesagt, dass oft auch jemand extrem viel spricht und für das Kind redet, wenn so etwas
entsteht. Aber ist es dann nicht so, dass eigentlich der Teufelskreis darin besteht, wenn ein Kind
mutistisch wird, dass man das dann ja eigentlich weiterhin macht? Das stelle ich mir wahnsinning
schwierig vor. Was ist denn der Weg?

[00:32:57.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch schwierig. Ich wechsle dann immer zu den Tieren. Also mit einem Elefanten kann man 56
Signale austauschen, mit einem Hund auch ein paar. Wenn man sieht, dass Hundebesitzer mit Hunden
sprechen, ist das erstaunlich. Die hören es an der Stimme: C'est lo ton qui fait la musique. Wenn man so
ein Kind hat und immer reden und kommunizieren möchte, muss man sich verlangsamen und anfangen
zu beobachten. Man muss das Kind und sich beobachten. Nicht einfach gar nicht sprechen, aber
weniger. Zuerst beobachten und denken, was ist jetzt hier abgelaufen? Aha, könnte es das sein oder
das? Also man muss sich verlangsamen. Wir sind ja alle auf Effizienz ausgerichtet und so schnell wie
möglich und so viel wie möglich. Unsere Produktionsgesellschaft ist alles auf Effizienz ausgerichtet und
das bringt hier gar nichts. Man muss sich wirklich verlangsamen. Ganz fest verlangsamen.

[00:34:06.030] – Bemerkung 8
Ich habe jetzt gerade so eine Familie, wo die Mutter ganz viel spricht. Jetzt habe ich hier gerade so ein
Aha Erlebnis.

[00:34:09.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss aufpassen, dass man nicht mit der Mutter in einen Schwatzkampf kommt, sondern dass man
sich zuerst selber beruhigt. Denn sie versucht langsam zu beruhigen. Wenn man ihr am Anfang das
Schwatzen verbietet, dann fühlt sie sich abgestossen, nicht ernst genommen. Man muss bei ihr langsam
runterfahren. Aber schlussendlich muss man zu dem kommen. Das sieht man auch beim Horse
Whisperer. Da ist die Mutter des Kindes nebenan und die schwatzt immer. Und er sagt dann "Shut up",
sei endlich mal ruhig. Schwatz nicht so viel. So darfst du es nicht machen. Der Horse Whisperer hat das
dürfen. Aber es geht in diese Richtung. Man muss sie herunterholen. Denn sonst kommt das Kind nicht
dazu. Und die Bilder von Antoine de Saint-Exupéry sind auch hilfreich. Der kleine Prinz stellt immer

wieder die Milchschüssel heraus, damit das Füchslein kommen kann. Apprivoiser. Man muss die Situation
zähmen. Man muss sich zähmen und man muss die Mutter runterzähmen, dass sie ihr Kind nicht zu Tode
schwatzt.

[00:35:37.430] – Bemerkung 9
Ich habe es schon mehrmals erlebt, dass mich die Eltern anrufen und sagen, mein Kind will nicht in die
Schule. Dann sage ich: Lassen Sie es zu Hause. Was ist denn unsere Rolle? Das kommt nicht so gut an
bei den Behörden. Wir hatten eine Situation, wo die Behörden finden, das Kind muss in die Schule. Ich
habe dann gefunden, dass man das Kind nicht Gewalt in die Schule bringen kann. Dann sage ich lieber
zu Hause und nach Lösungen suchen und dann wieder für die Schule motivieren.

[00:36:15.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind wir jetzt bei der Schulverweigerung. Und die Schulverweigerung ist ja auch eine Art Mutismus.
Also ich kommuniziere nicht mehr. Ich gehe nicht mehr in die Schule, ich kommuniziere nicht mehr. Ja, da
kommen wir in einen Clinch mit den Behörden, das stimmt. Behörden, das ist das offizielle System, es
gibt eine Schulpflicht. Ich hatte ja ein Kind, das sie dann per Polizei geholt haben und dann ins Heim
gesteckt. Oder ja, nicht in die Schule, sondern ins Heim. Da müsst ihr als Fachpersonen absolut stark
auftreten und sagen, ich weiss, wir sind in einem Land, wir haben ein Schulgesetz und es gibt eine
Schulpflicht. Aber wenn es sich um ein mutistisches Kind handelt, oder wie wir es dann benennen wollen,
wenn es sich um so ein trotziges Kind handelt, wenn man hier in einen Machtkampf geht, hat man 100%
verloren. Man muss zuerst, wie du sagst, den Druck rausnehmen und dann wird neu verhandelt und dann
wird angefangen, wie könnte man vorgehen. Denn wenn man x Versuche macht, und das Kind lernt
immer zu verweigern, dann hat man verloren. Und so eines habe ich jetzt. Da haben sie alle möglichen
Versuche gemacht, mit Heilpädagogin und Zeug und Sachen, und es darf hin gehen und es darf zu ihr
gehen. Also es hat einen völligen Sonderstatus in diesem Schulsystem bekommen. Und immer Druck von
hinten. Die hat nur noch gelernt Widerstand zu machen. Also man bringt dann dem Kind nur den
Widerstand bei, und man hat keinen Erfolg. Also wenn man dann wieder ein Kind in die Schule bringen
möchte, muss man relativ sicher sein, dass man es hinbringt. Und vorher überhaupt nicht versuchen. Alle
diese Versuche, die verstärken das mutistische Verhalten. Das ist fürchterlich.

[00:38:16.540] – Bemerkung 10
Was jetzt am Laufen ist, mit der Autismussfachstelle in Königsfelden, habe ich den Eindruck, dass die
Schulen ein wenig zusammenarbeiten. Ich habe jetzt ein Mädchen, das plus minus in einem sicheren
Rahmen sich bewegt. Die Mutter hat sich getrennt, gezügelt und eine neue Schule. Es ging nichts mehr.
Jetzt ist das Thema Platzierung, da sind sie dran. Was ist dann, wenn das Kind das nachher verweigert?
Das Mädchen ist top in der Schule. Sehr intelligent, sehr kreativ. Ich sage im Moment nur Druck
herausnehmen bei der Mutter. Zu nichts zwingen. Die Schule hat jetzt das Programm heruntergefahren.
Das Mädchen ist nachher gewisse Tage nicht in die Schule und dann habe ich gesagt, fragen sie sie
warum. Weil sie in die Hosen gemacht hat. Das Mädchen hat sich geschämt. Einfach sein lassen, nicht
sagen Du musst jetzt. Jetzt ist der Übergang sehr wichtig. Dort stütze ich die Familie. Es sieht so aus als
würde sie eine Platz erhalten. Das Mädchen ist dort schnuppern gegangen. Das Mädchen wird das
schaffen. Die zwei, drei Wochen Schulstoff holt das Mädchen sofort wieder auf. Die Mutter muss arbeiten.

Ich finde es sehr gut, dass die Schule dort mitmacht. Die Schule sagt nicht, nein sie muss kommen.
Wenn die Schule sagt, nein sie muss kommen, haben wir alles auch schon erlebt. Dann ist der Schuss
hinten raus. Manchmal habe ich von Eltern auch gehört, nein mein Kind kann nicht zu Hause bleiben, ich
muss arbeiten. Dort habe ich keine Lösung.

[00:42:27.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Deshalb sage ich ja bei den ADHS Kindern, man kann sie zu Tod schlagen und sie folgen immer noch
nicht. Man kann das Kind zu Tod schlagen und es geht trotzdem nicht in die Schule. Mit Gewalt geht da
gar nichts. Und an sich sind ja alle Kinder lernbegierig. Sie wollen ja etwas lernen. Und man muss den
intrinsischen Neugierfaktor wieder anregen können. Und wenn man mit Gewalt reinkommt, dann regt
man nur die Opposition an. Und dann gibt es wieder eine neue Diagnose, das Oppositionelle Verhalten.
Das ist dann wieder eine Diagnose.

[00:43:09.380] – Bemerkung 10
Bei dem einen Jungen der platziert worden ist, wusste man nicht so klar, ist es ein ADHS, er hat
schlechte Erfahrungen gemacht, weil er in der Sprache Schwierigkeiten hatte. Er ist einfach
untergegangen. Ich finde es zum heulen. Dann habe ich gesagt sein lassen, und der ist jetzt mega
glücklich.

[00:43:39.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke wenn ihr Schulverweigerungskinder habt und ihr müsst mit dem Staat, also mit der Schule
zusammenarbeiten, ist es wichtig, dass man als erstes immer sagt, ich weiss, wir stehen unter diesem
Gesetz, in der Schweiz sind wir in einem Land, wo Schulpflicht ist und ihr habt den Zwang, also nein, ihr
müsst das quasi durchsetzen können. Dann kommt ABER da haben wir jetzt die und die Situation und
wenn man da Druck aufsetzt, bewirkt man genau das Gegenteil. Darum müssen wir vorsichtig vorgehen,
zuerst mal Druck wegnehmen und dann schauen, was am besten funktionieren könnte. Ja, nicht zu
schnell irgendwie etwas heran wurschteln und Druck aufsetzen, denn dann hat man es verdorben mit
dem Kind. Und dann ist es schwierig, um das wieder heranzubringen. Im guten Fall spanne ich ja immer
die Väter ein, dass die dann mit dem Kind in die Schule gehen müssen. Wenn das geht, ist das super.
Aber bei dem einen, den ich jetzt hier habe, ist das nicht mehr gegangen. Das ist alles schon verbraucht
gewesen. Dann muss man wirklich die Zeit wegnehmen. Es gibt ja auch so Geschichten, ein Afrikaner,
der gar nie in die Schule ist, und dann zwei Jahre in die Schule gegangen ist, und dann hat er alles
nachgeholt, Matur und alles.

[00:45:10.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich ein Hochbegabter gewesen. Aber man sagt, man könnte den Schulstoff theoretisch in
zwei Jahren nachholen.

[00:45:33.620] – Bemerkung 11
Ich hatte einen Knaben, der nicht in die Schule gegangen ist, weil die Mutter Bauchschmerzen hatte und
der Knabe immer Angst hatte, dass die Mutter jederzeit sterben könnte.

[00:45:33.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau, du bringst einen ganz wichtigen Punkt. Kinder können nicht in die Schule gehen, weil in der
Schule irgendetwas nicht richtig ist. Da habe ich mir auch ein paar Dinge aufgeschrieben. Die Schule
kann verweigert werden, weil eine schlechte Gruppendynamik ist, weil ein Kind gemobbt wird oder auch,
weil eine schlechte Gruppendynamik ist und das Kind hat einen hohen Gerechtigkeitssinn und der Lehrer
entspricht nicht dem Gerechtigkeitssinn. Und dann will es das eigentlich korrigieren, kann es natürlich
nicht. Und es korrigiert den Lehrer mit dem schlechten Gerechtigkeitssinn mit Verweigerung.

[00:46:47.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann auch sich selber schlecht behandelt fühlen. Es kann mit einem Lehrer in einen Clinch kommen
und deswegen dann verweigern. Es kann zu Hause eine Problematik bestehen und es trägt die
Verantwortung für zu Hause und dann darf es die Mutter, die schwer depressiv ist, nicht alleine lassen. Es
hat zu Hause die Funktion einer Spitexschwester, oder einer Krankenschwester und sie muss zuhause
bleiben. Ich hatte einen Patienten, der später schizophren wurde, und der hat gesagt, er hätte sich nicht
getraut, in die Schule zu gehen, weil er Angst hatte, seine Mutter würde sonst zu Hause Selbstmord
begehen. Wenn er doch in die Schule gegangen ist, konnte er überhaupt nicht aufpassen. Er hat nur
immer an zuhause gedacht, was passiert wohl dort? Und das schaut man oft auch nicht an. Man muss
das Umfeld anschauen, das Kind geht nicht in die Schule, verweigert die Schule, aus protektiver Absicht
seiner Mutter oder seinem Vater oder einem Geschwister gegenüber. Wenn man das nicht anschaut, tut
man dem Kind Unrecht. Es tut ja etwas gutes, es will ja sorgen für sein System. Man bestraft es dafür,
dass es nicht in die Schule geht. Das ist natürlich zweimal falsch.

[00:48:11.140] – Bemerkung 12
Das ist ein totales Dilemma.

[00:48:14.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihr, die in die Familie gehen, sehen das natürlich. Und dann muss man das auch dem Schulsystem
füttern und sagen, dass das Kind nicht in die Schule gehen kann, weil es zum Rechten muss. Und dann
muss man das System zu Hause entlasten. So rede ich mit den Kindern. Manchmal sind sie auch schon
ein bisschen älter und dann sage ich, dass ich für ihre Mutter sorge. Das ist jetzt meine Aufgabe. Sie
dürfen es mir abgeben. Aber das ist nicht so einfach. Und wenn dann die Eltern auch nicht sich in den
Fadenkorb schauen lassen wollen, man geniert sich ja dafür, dass man Probleme hat, und darum kann
man auch keine Hilfe annehmen, hingegen vom Kind nimmt man die Hilfe an, dann hat man wieder eine
Schwierigkeit. Dann muss man den Eltern sagen, dass sie dem Kind zuliebe Hilfe annehmen müssen.
Denn das Kind ist durch das belastet und wir wollen das Kind ja entlasten. Und dann hat man wieder das
gleiche Ziel. Dann hat man den kleinsten gemeinsamen Nenner. Wir wollen, dass das Kind in die Schule
gehen und lernen kann. Und damit es das kann, muss man ihnen helfen dürfen.

[00:49:38.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hast Du dort gemacht bei der Familie?

[00:49:46.010] – Bemerkung 13
Es war auch noch eine andere grosse Geschichte. Das Kind ist nachher in die Schule, nachdem wir die
Familie zu Hause besucht haben.

[00:50:06.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Also schon nur, dass du in die Familie gegangen bist, Stabilität gegeben hast.

[00:50:26.960] – Bemerkung 13
Es bewegt sich etwas, wenn man etwas anstosst.

[00:50:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist toll, und das ist systemisch intervenieren. Schönes Beispiel.

[00:50:41.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gut kommt ihr an die Lehrer oder an die Schulbehörden ran? Arbeitet ihr mit den Lehrern oder mit
den Schulleitern? Die Schule hat ja dann auch wieder eine Hierarchie und die Schulleiterin fühlt sich
verpflichtet das Gesetz durchzusetzen und der Lehrer ist unten dran. Mit wem arbeiten Sie? Mit den
Schulleitern oder mit den Lehrern? Mit beidem?

[00:51:30.000] – Bemerkung 14
Wir haben gute Erfahrung gemacht.

[00:51:31.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Super. Es ist einfach wichtig, dass man ihnen zuerst die Anerkennung gibt, die Validierung, dass sie diese
Funktion haben, dass man das sehr gut versteht. Aber das in diesem Fall, man vorsichtig vorgehen muss.
Gewisse denken ja dann, man muss dem KESB eine Gefährdungsmeldung machen und das KESB regelt
dann alles. Aber das KESB kann das überhaupt nicht regeln. Das ist reiner Formalismus. Die sind noch
weiter weg vom ganzen Geschehen. Und in dem Sinne muss man es wirklich mit dem Lehrer, mit der
Familie und mit der Schulleiterin oder dem Schulleiter regeln.

[00:52:16.140] – Bemerkung 15
Das SPD, Schulpsychologischer Dienst ist ja auch noch oft drinnen. Der ist in der Rolle zwischen Schule
und Eltern um zu vermitteln. Die sind oft schon drinnen.

[00:52:30.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, der SPD ist meistens schon drin, der hat die Schule schon reingeholt. Und ich als Fachperson erlebe
dann, dass die SPD mich als Konkurrenz erlebt. Und dass sie eigentlich die Hoheit haben. Offiziell haben

sie die zur verfügen, wie es gehen muss. Immer wenn Gelder gesprochen werden müssen, muss es über
die gehen. Aber manchmal pressiert es irgendwie, dass man schnell Entlastung haben muss. Wenn ich
dann irgendetwas beschliessen oder so, dann fühlen sich die zum Teil übergangen. Bei euch ist das
vielleicht ein wenig weniger, weil ihr nicht Psychologen seid. Oder ihr habt auch Psychologen?

[00:53:27.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber vielleicht, wenn wir als Nichtpsychologen schon ein wenig mehr von aussen kommen, so ein
bisschen naiv unbedarft, und dann seit ihr weniger eine Bedrohung und dann hört man Euch wieder. Ich
würde auch sagen, nehmt diese Rolle ein, unbedarft, aber doch überzeugt, und immer systemisch. Nicht
alle SPD Psychologen sind systemisch ausgebildet. Ihr könnt dann immer das Wort systemisch in die
Waagschale werfen.

[00:54:21.150] – Bemerkung 16
Was ich auch immer wieder erlebe ist, dass die Lehrer und die Schulleitung keine Ahnung von Autismus
haben. Manchmal muss man sie ein bisschen aufklären. Die Lehrer haben nur über die Leistung des
Kindes gesprochen. Seelisch ging es dem Mädchen aber nicht gut. Dann müssen wir nicht über die
Leistung sprechen. Ich hatte eine Schulleitern, ich habe mir an den Kopf gefasst, die hatte keine Ahnung
von Autismus.

[00:55:15.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin immer noch dran. Da haben wir die Idee gehabt, an dieser Schule geht es nicht mehr. Es wurde
viel zu viel probiert. Wir müssen aufhören. Entweder fremd platzieren oder in eine andere Schule. Ich
habe zwei Schulen geschrieben, ob sie bereit wären, ihre eine Schnupperwoche anzubieten. Ich habe
den Fehler gemacht, dass ich zuerst nicht die Schulleiterin der alten Schule gefragt habe, ich habe sie
zwar informiert und das gesagt. Dann hat es geheißen nein, es geht nicht. Zuerst muss die Schulleiterin
erlauben, dass das Kind an einem anderen Ort schnuppern darf. Am Montag haben sie eine
Gemeindeversammlung, wo das besprochen wird, ob das erlaubt wird. Die Eltern sind schon wieder so
frustriert, die Kinder bekommen natürlich alles mit und dann ist so der ganze Versuch wieder kaputt.

[00:56:16.190] – Bemerkung 16
Es geht um das Geld.

[00:56:16.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, es geht ums Geld. Die Eltern sagen, sie würden es sogar selber zahlen, wenn das sein muss. Ich
habe dann von der Schulleiterin einen zurechtweisenden Brief bekommen und auch von der neuen
Schule, wir geben dem Kind gerne die Chance, aber zuerst muss die Erlaubnis der Schulleiterin kommen.
Also es geht um die Hierarchie und nicht um das Wohl des Kindes. Man kann sagen, ich habe
systemische Fehler gemacht innerhalb des bürokratischen Systems, aber es war gerade vor meinen
Ferien. Ich dachte, das muss jetzt noch schnell raus, damit wir dann weiterfahren können. Aber die Eltern
fühlen sich doch gestützt. Sie sind ein wenig ruhiger. Sie wollen natürlich endlich mal eine Lösung. Das
ist schon lange. Ja, ich weiss. Anderthalb Jahre. Und jetzt bald zwei Jahre.

[00:57:47.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat zwar an vielen Schulen so Elternrat und alles mögliche. Aber die Schulen arbeiten oft nicht so
gut mit den Eltern zusammen. Ich erlebe immer wieder, dass Lehrer, das Schulsystem und Eltern in einer
Konkurrenzsituation sind. Auch wenn ich an die Elternabende von meinen Kindern gegangen bin, kam es
mir immer so vor, dass sie Angst vor uns haben. Da gibt es auch noch viel Arbeit zu machen. Dass man
zwischen Lehrerschaft und Elternschaft vermittelt. Das wäre wieder eure systemische Therapie. Dass ihr
zum Mediator werdet.

[00:58:39.680] – Bemerkung 17
Ich habe das auch letztens mit der Familie erlebt. Es war ein Kampf zwischen der Schule und der Mutter.
Die Lehrerin hat der Mutter geradeaus direkte Vorwürfe gemacht. Die Lehrerin hat gesagt, dass das
Verhalten, dass das Mädchen in der Schule zeigt, der Mutter ihre Schuld ist, da hat die Familie eigentlich
gar keine Chance gehabt.

[00:59:36.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Problematik, in die ursprünglich die systemische Therapie hineingerannt ist. Frieda Fromm-
Reichmann, die die hyperaktive Mutter beschrieben hat, Bowen hat gesagt "an anxious mother with a
loud mouth" ängstliche Mutter mit einem lauten Organ das viel spricht und vor dem haben Lehrer Angst
und vor dem haben auch Psychiater Angst. Dann schiebt man den Müttern quasi die Schuld zu, dass das
Kind krank ist. Und so wurde dann die schizophrenogene Mutter, der Begriff geprägt. Das war von Frieda
Fromm-Reichmann glaube ich. Und dann, alle nicht systemisch denkenden Therapeuten haben dann
gesagt, dass sie nur die Schuld den Eltern zu schieben, aber eigentlich ist ja auch das Kind krank und an
dem Kind muss man rummachen. Und ich plädiere jetzt immer dafür, dass es beides ist. Also das Kind
hat gewisse Eigenschaften, also es sind seine Gen, die es da mit sich bringt, es bringt eine gewisse
Persönlichkeit mit und das Umfeld reagiert auf diese Persönlichkeit nicht sehr geschickt. Aber es geht
nicht um Schuld, sondern es geht um Interaktion und wie können wir diese Interaktion verändern? Jetzt
kommt das Denkmodell. Wir als Systemiker wollen das ganze System verändern, sodass das Kind einen
besseren Boden hat, eine bessere Umgebung und sich gut entwickeln kann.

[01:01:12.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Sowohl das medizinische System, also die Psychiatrie und die Schule, die kommen mit der Haltung, dass
das Kind sich anpassen muss. Ich muss das sozialisieren. Aber wenn es in diesem
Sozialisierungsprozess kaputt gemacht wird, kann man alles vergessen. Da hat man keine
Sozialisierung. Da sind die Lehrer ungeduldig. Selbst in der Psychiatrie ist man da zum Teil ungeduldig.
Man will, dass andersartige Kind möglichst schnell normieren. Und wir leben in einer
Normierungsgesellschaft und wenn man ein anderesartiges Kind zu schnell normieren will, dann läuft das
schief. Und dann hat man am Schluss ein krankes Kind, dann braucht es viel mehr Geld, um das kranke
Kind wieder irgendwie funktionstüchtig zu machen. Vielleicht wird es sogar nie mehr funktionstüchtig und
dann hat man ein Problem.

[01:02:12.580] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Medizin ist es auch so, dass wir das Kind normieren. Die Lehrer wollen das Kind normieren. Die
sagen, es ist mein Auftrag, aus diesem Kind einen normalen Bürger zu machen. Dann sagen sie, was
Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Aber da muss man sagen, was Hänschen zu früh lernen
muss, wenn er es noch nicht kann, dann ist er kaputt. Dann ist er krank. Und dann haben wir mehr
Krankheiten.

[01:02:44.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben ja immer mehr psychiatrische Krankheiten. Da müssen wir viel sorgfältiger mit diesen
andersartigen Kindern umgehen lernen. Das müssen wir den Lehrern beibringen. Da sage ich eben
wieder, man kann die Kinder zwingen zum gehorsam, man kann sie tot schlagen, aber sie folgen
trotzdem nicht, sie lernen es nicht. Da müssen wir grundsätzlich umdenken. Im Systemischen schaut man
immer das Ganze an. Aber die schauen nur individuell, das Kind benimmt sich abnormal, das muss
bestraft werden. Das muss normiert werden.

[01:03:18.320] – Dr.med. Ursula Davatz
In Ostländern hat man die Leute dann in die Psychiatrie eingesperrt, die nicht nach den Regeln
funktioniert haben. Wir sind nicht ganz so schlimm, aber die Tendenz ist da, dass man immer das
Individuum anpassen will an die Gesellschaft. Wenn ich dann wieder zu den Tieren wechsle, wenn man
ein Tier dressieren will, dann kann man das nie dressieren, wenn man es nicht kennt, wenn man seine
Eigenschaften nicht kennt, wenn man nicht auf diese Eigenschaften eingeht. Dann hat man keinen Erfolg.
Aber bei den Menschen denken wir, man könnte alle nach dem gleichen Stil dressieren. Und das
funktioniert einfach nicht.

[01:04:02.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man das wieder erwecken, in diesem Schulumfeld. Ich weiss ihre Absicht, und ja, sie müssen
sozialisieren, aber gewisse Menschen, gewisse Kinder, gewisse Individuen, die brauchen eine
sorgfältigere Sozialisierung. Und da muss man lieber ein bisschen länger machen, sodass man es nicht
kaputt macht und nachher kann man es dann sehr wohl, ich sage jetzt dressieren, also sozialisieren. Und
das läuft ja nur über Beziehung, also man muss den Eltern helfen, Beziehung zu dem Kindern
herzustellen, man muss den Lehrern helfen, Beziehung zu dem Kind herzustellen. Wenn die Beziehung
mal funktioniert, dann fressen sie einem aus der Hand. Dann machen sie alles. Ohne Beziehung keine
Erziehung. Wenn man zu schnell ein Kind sozialisieren und anpassen will an die Gesellschaft, dann
verlieren wir es einfach. Alle autistischen Kinder sind hochsensibel auf Beziehungen, auf Fehler, die man
macht in der Beziehung, wo man sie übergeht, unterdrückt und nicht beachtet. Da muss man zuerst zwei
Stufen zurück und dann sorgfältig die Beziehung herstellen, wie der Petit Prince das macht und dann
kann man beginnen zu sozialisieren. Die gehen ja dann so weit, dass sie wahnsinnig aggressiv werden,
alles zerschlagen und so, dann sagt man, das ist böse. Da hat es, also ich habe mal ein Buch gelesen,
alles über Autismus, da hat es am Anfang oder Mitte vom letzten Jahrhundert hat man schlimme Dinge
mit den Autisten gemacht, man wollte sie dressieren mit elektrischen Drähten und so. Wie man es mit den
Tieren macht. Auch dort ist es nicht immer so schön. Das ist eine primitive Methode, wo man wirklich
nicht weiterkommt.

[01:06:16.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe jetzt auch einen, ich weiss gar nicht mehr, wer das ist. Der muss jeden Mittwoch Nachmittag
nachsitzen, weil er irgendetwas vergessen hat. Dabei kann er das einfach nicht so gut. Also, der hat als
ADHSler die Vergesslichkeit, also das nicht konzentrieren können, das ist schon ein genügendes
Problem, dann wird er noch bestraft dafür. Mit Bestrafung bringt man den sicher nicht voran. Die
Bestrafung, Belohnungsstrategie ist natürlich noch sehr stark da. Wenn man in der psychiatrischen
Behandlung schaut, die Behandlungen, die offiziell anerkannt werden, ist immer Verhaltenstherapie.
Verhaltenstherapie ist eigentlich Dressur. Also es ist so stark in unserem Denken drin.

[01:07:05.110] – Bemerkung 18
Das kann man ja auch von den Eltern übernehmen. Je mehr das Verhalten des Kindes abweicht, desto
mehr versucht man das Kind zu bestrafen.

[01:07:20.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss man auch den Eltern zeigen, dass diese Methode bei diesem Kind nicht funktioniert. Es ist
eigentlich eine militärische Methode.

Wozu Störefriede und Eigenbrötler?

Audio:

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz, Allan Guggenbühl

2.12.2020

Wozu Störefriede und Eigenbrötler?
Audio

[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich als Familientherapeutin und Psychiaterin bin sehr interessiert an der Jugend. Ich habe auch immer
gerne mit Jugendlichen gearbeitet. Die andere Spezialität ist ADHS. Ich erlebe, dass ADHS Jugendliche
häufig Probleme haben mit ihrem schulischen Umfeld und mit dem elterlichen Umfeld.

[00:00:31.790] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät spitzt sich das oft noch mehr zu. Es gibt einen Machtkampf zwischen den Eltern und dem
Jugendlichen, zwischen den Lehrern und dem Jugendlichen oder Lehrmeister und Jugendlichen.

[00:00:45.700] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät entwickelt der Jugendliche sehr viel Energie.

[00:00:51.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS Kinder sind noch speziell dickköpfig. Die geben nicht nach, sondern kämpfen dann bis aufs
Blut mit ihren Vorgesetzten oder mit ihren Erziehern.

[00:01:07.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind oft ganz schlimme Kämpfe und nicht sehr gewinnbringend, nicht sehr hilfreich für die
Persönlichkeitsentwicklung.

[00:01:16.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Des Weiteren kann man sagen, die Persönlichkeit entwickelt sich in der Adoleszenz, also in der Pubertät,
und über die Auseinandersetzung mit der Erwachsenenwelt müssen sie ihre Persönlichkeit bilden.

[00:01:30.260] – Dr.med. Ursula Davatz
In dieser Zeit treten auch die meisten psychischen Krankheiten auf.

[00:01:34.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Krankengeschichten in Königsfelden angeschaut hat, war oft die erste Hospitalisation, die
Pubertätskrise, die zweite hiess schizoide Dekompensation und am Schluss hat man dann die chronische
Schizophrenie.

[00:01:51.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre nur eine Krankheit, die sich entwickeln kann.

[00:01:55.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr viele Krankheiten, Essstörungen, Suchtkrankheiten, Depression entwickeln sich, haben sie ihren
Anfang in der Pubertät.

[00:02:05.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich behaupte und erfahre es auch so, wenn man das Umfeld besser instruieren könnte, dass es lernt,
geschickter mit den Jugendlichen, und speziell ADHS Jugendlichen umzugehen, dann könnte man viele
Krankheiten verhindern.

[00:02:23.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Du, Alain Guggenbühl, bist ein Experte im Umgang mit Jugendlichen und du hast mit vielen gesprochen.
Ich möchte dich jetzt gerne fragen, was du als Experte im Umgang mit Jugendlichen den Eltern sagen
möchtest, die ich dann wieder an die Eltern weiter transportieren kann.

[00:02:45.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf was soll man achten, was ist aus deiner Sicht am wichtigsten, was muss man wissen, woran müssen
sich die Erwachsenen Bezugspersonen von den widerspenstigen Jugendlichen halten?

[00:03:01.280] – Allan Guggenbühl
Was wichtig ist, ist der letzte Ausdruck, den du gebraucht hast, die Bezugspersonen.

[00:03:05.930] – Allan Guggenbühl
Wenn wir mit Jugendlichen zu tun haben, die ADHS haben oder in der Pubertät, haben sie an vielen
verschiedenen Stellen Problemen.

[00:03:14.640] – Allan Guggenbühl
Mit der Schulleitung, mit Kollegen, etwas läuft immer. Es gibt riesige Szenen.

[00:03:21.920] – Allan Guggenbühl
Ganz wichtig ist, dass man Bezugspersonen identifiziert. Welches sind die Bezugspersonen?

[00:03:30.820] – Allan Guggenbühl
Nicht nur solche, die sich deklarieren als solche, sondern auch solche die mitgehen, mitfühlen, sich
aufregen, ärgern, besorgen und eine gegenseitige Akzeptanz vorhanden ist. Das ist ganz wichtig.

[00:03:44.420] – Allan Guggenbühl
Man muss das soziale Umfeld in der Arbeit reduzieren. Ich erlebe oft, dass viel zu viele Leute beteiligt
sind, viel zu viele Leute involviert sind, viel zu viele Leute aufgeregt sind. Das ist einmal das eine.

[00:04:00.000] – Allan Guggenbühl
Der erste Schritt ist, eine Szene abzuklären, was es für ein Setting ist.

[00:04:05.660] – Allan Guggenbühl
Was kann man den Eltern raten? Was natürlich immer wichtig ist, man muss zuerst einmal zuhören.

[00:04:11.670] – Allan Guggenbühl
Wenn ich einen Jugendlichen zugesendet bekomme oder er kommt von den Eltern, höre ich das erste
Mal nur zu.

[00:04:17.950] – Allan Guggenbühl
So viel hängt von der Szenerie ab, so viel hängt von der Persönlichkeit ab, es gibt an sich ganz viele
verschiedene Formen.

[00:04:26.580] – Allan Guggenbühl
Es ist ganz wichtig, dass man nicht gleich mit einer Antwort kommt.

[00:04:30.440] – Allan Guggenbühl
Wenn ich so mal höre, habe ich das Gefühl, dass es gewisse Dinge gibt, die man machen sollte, man
machen könnte.

[00:04:38.340] – Allan Guggenbühl
Zum Beispiel, dass Jugendliche ein Statement haben.

[00:04:42.100] – Allan Guggenbühl
Die Schwierigkeit ist, wie du gesagt hast, sie lassen sich nicht erziehen, sie lassen sich nicht belehren,
sie gehen mit dem Kopf in die Wand und noch verrückter.

[00:04:53.580] – Allan Guggenbühl
Sie wollen trotzdem eine gewisse Orientierung. Diese Orientierung muss man ihnen auf eine andere Art
geben.

[00:05:00.470] – Allan Guggenbühl
In diesem Szenario sage ich, ja nicht den Jugendlichen erziehen wollen. Das bringt überhaupt nichts.

[00:05:09.870] – Allan Guggenbühl
Belehren sie ihn nicht, bringt nichts.

[00:05:11.410] – Allan Guggenbühl
Moralisieren sie nicht, bringt auch nichts.

[00:05:15.260] – Allan Guggenbühl
Sie sollten ihre Betroffenheit zeigen. Was sie besorgt. Dafür müssen sie aber auch einen Ort und einen
richtigen Zeitpunkt finden. Es darf nicht abends um 23 Uhr zu Hause vor dem Computer sein.

[00:05:33.680] – Allan Guggenbühl
Sie müssen dem wirklich Bedeutung geben. Sie müssen sich überlegen, wo man mit dem Sohn oder der
Tochter sprechen kann.

[00:05:42.200] – Allan Guggenbühl
Es kann sein, dass es an einen anderen Ort ist, eine andere Stadt.

[00:05:45.740] – Allan Guggenbühl
Ich hatte mal einen Vater, der ist sogar mit dem Sohn in eine andere Stadt geflogen.

[00:05:54.260] – Allan Guggenbühl
Einfach reden und dann sagen, das ist aber nur eine Variante, was du findest, deine Schlussfolgerungen,
das überlasse ich dir.

[00:06:04.780] – Allan Guggenbühl
Ich sage dir jetzt einfach mal, wie ich es empfinde.

[00:06:08.050] – Allan Guggenbühl
Ich empfinde das und das, man teilt sein Empfinden mit.

[00:06:08.230] – Allan Guggenbühl
Es ist ganz wichtig, dass da auch eine Betroffenheit mitschwingt und es auch auf eine gewisse liebevolle
Art ist. Das ist manchmal schwierig, das erkläre ich dann den Eltern.

[00:06:22.490] – Allan Guggenbühl

Auch wenn sie saudoof tun und das Gefühl haben, sie seien die miserabelsten, schlechtesten Eltern, die
es überhaupt in der westlichen Hemisphäre gibt.

[00:06:32.470] – Allan Guggenbühl
Sie müssen Bezogenheit zeigen.

[00:06:37.490] – Allan Guggenbühl
Nicht im kitschigen Sinn, keine Rhetorik.

[00:06:43.400] – Allan Guggenbühl
Man kann einfach sagen, das betrifft mich, das ist wichtig. Aber, das ist nur eine Möglichkeit. Aber ich will
eigentlich gar nicht wissen, was du findest. Das musst du selber wissen.

[00:06:55.780] – Allan Guggenbühl
Das ist eine Taktik, die den Jugendlichen helfen kann, selber daraus heraus zu finden.

[00:07:02.040] – Allan Guggenbühl
Die Schwierigkeit ist in der Pubertät, dass es der Gegensatz ist, der gelebt werden muss.

[00:07:10.960] – Allan Guggenbühl
Die Polarität, die aufbricht.

[00:07:13.670] – Allan Guggenbühl
Sie sind in dieser Polarität oftmals gefangen. Sie kommen wie nicht daraus heraus, obwohl sie es an sich
möchten.

[00:07:21.200] – Allan Guggenbühl
Man muss man einen Weg finden, aus dem Gefängnis oder aus dem Gefangen sein herauszukommen
um dann sich und die Eltern auf eine andere Art erleben zu können.

[00:07:35.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr schön. Das kann ich nur unterstützen. Ich erlebe das auch so. Ich finde es super, wie du sagst, sie
müssen eine Betroffenheit zeigen.

[00:07:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Bezugspersonen, ja. Ich denke, wenn die medizinischen Bezugspersonen reinkommen, gibt es oft viel
Turbulenz und der Jugendliche geht völlig verloren.

[00:07:55.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite dann mit den Familien zusammen, also der Jugendliche und die Familie. Dann lote ich das
Problem ein wenig aus.

[00:08:06.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann frage ich immer, was ist dein Vorschlag zur Lösung? Aber du gehst da noch ein wenig vorsichtiger
vor und du sagst, die Erwachsenen müssen ihre Betroffenheit zeigen. Das stimmt. Das kann ich nur
unterstützen.

[00:08:27.150] – Allan Guggenbühl
Ich gehen immer von den Jugendlichen aus und dann spreche ich immer als erstes mit den
Jugendlichen. Ich ignoriere die Erwachsenen.

[00:08:27.340] – Allan Guggenbühl
Das erkläre ich auch den Eltern. Ich rede mit ihm und führe mit ihm ein Gespräch, versuche irgendeine
Form von Kontakt zu finden.

[00:08:43.080] – Allan Guggenbühl
Sie haben zum Teil ihre wilden Theorien und Vorstellungen, wie sie das Leben machen wollen. Ich muss
sowieso nicht in die Schule. Ich werde im Aktienmarkt mal Millionär. Ich werde Game Designer.

[00:08:56.280] – Allan Guggenbühl
Ich versuche, das einfach mal reinzugehen. Das ist immer der allererste Schritt.

[00:09:05.330] – Allan Guggenbühl
Danach gehe ich zu den Eltern und höre ihnen zu und sage auch meinen Eindruck. Das hilft vielen Eltern.

[00:09:13.680] – Allan Guggenbühl
Das mache ich relativ unverblümt.

[00:09:16.030] – Allan Guggenbühl
Hören sie, ich weiss nicht ob ich Recht habe, wenn ich mit ihrem Sohn, meistens ist es ein Sohn, eine
halbe Stunde spreche, hinterlässt er mir diesen Eindruck.

[00:09:30.630] – Allan Guggenbühl
Ja, dann kann man von dort weitermachen.

[00:09:33.350] – Allan Guggenbühl

Du bringst deine empathische Aussensicht in die Familie. Das ist wie ein Heilmittel.

[00:09:42.450] – Allan Guggenbühl
Ich weiss nicht, ob es empathisch ist. Es ist vielmals auch eine Irritation. Ich nenne das mehr einen
Mental Mover.

[00:09:49.600] – Allan Guggenbühl
Ich meine, es ist in der Familientherapie wichtig, dass wie noch etwas anderes hinein kommt, das
vielleicht ein ganz bisschen aufbricht. Das dann das Ganze durcheinander bringt. Das ist wichtig. Sie sind
oft erstarrt in einem Muster, das sich dann eskaliert und dann wird es immer problematischer.

[00:10:11.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht meine ich empathisch nicht für eine Person, sondern für das ganze System. Du bist wach, du
bist offen, du hörst genau zu und du kommst nicht gleich mit der Lösung. Was du vorhin gesagt hast, man
darf ja nicht gleich mit einem Lösungsansatz kommen.

[00:10:29.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Im medizinischen Modell kommt man oft von dem Lösungsansatz und der macht alles kaputt.

[00:10:34.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt einfach nichts, da versteht man den Jugendlichen nicht.

[00:10:38.500] – Allan Guggenbühl
Ja, das ist etwas, was auch in der Schule sehr stark verbreitet ist. Sie sind sich das wie gewohnt. Man
sagt alles, man muss das machen, das machen. Alles diese furchtbaren Verträge, die man
unterschreiben muss. Das ist etwas, das gesamtgesellschaftlich problematisch ist. Dann muss man
einfach mal einen anderen Weg probieren.

[00:11:15.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Bezüglich Bezugspersonen ich habe letztens einen Jugendlichen, einen 17 Jährigen, gefragt, wer
erwachsene Personen in seinem Umfeld sind, in die er Vertrauen hat.

[00:11:11.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er geantwortet, meine Lernbegleiterin, meine Berufsbegleiterin.

[00:11:20.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich gesagt, ah das ist gut. Dann habe ich gefragt, darf ich ihr anrufen?

[00:11:25.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er sie zuerst gefragt, ob sie das will. Ich habe sie dann angerufen. Sie hat wirklich eine sehr
gute Beziehung zu ihm.

[00:11:33.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern sind schon lange verbraucht. Die funktionieren nicht so gut. Jetzt arbeiten wir mit ihr
zusammen. Es ist so wichtig, dass man diese Bezugspersonen reinholt.

[00:11:43.720] – Allan Guggenbühl
Was auch wichtig ist, Jugendliche wählen ihre Bezugspersonen wie selber. Diejenigen die
Bezugspersonen sein sollten, sind es oftmals nicht. Dann muss man, wie du gesagt hast, schauen, wo
wirklich jemand ist.

[00:11:58.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann ich nur bestätigen. Laut meiner Beobachtung, ich als Familientherapeutin war immer für
ambulant vor stationär.

[00:12:10.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss keine Kliniken für Jugendliche haben.

[00:12:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Jugendpsychiatrie baut sich jetzt stark aus. In Zürich hat man eine Klinik gemacht, vor mehreren
Jahren in Königsfelden hat man eine Klinik gebaut.

[00:12:25.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird auf eine Art alle Energie investiert in die stationäre Behandlung von den Jugendlichen.

[00:12:35.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte dich zurück zum Prinzip "Ambulanz vor Stationär".

[00:12:39.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt frage ich dich, was schlägst du vor, dass man das der Fachwelt mundgerecht oder schmackhaft
machen, plausibel machen, dass das gesehen wird.

[00:12:53.410] – Dr.med. Ursula Davatz
In dieser Fachwelt sind dann alles wieder Fachpersonen, die oft den Jugendlichen erziehen wollen, fast
erdrücken, nicht richtig leben lassen und er kann alles andere als dort seine Persönlichkeit entwickeln.

[00:13:12.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht ist es eine momentane Krisenintervention, aber da kommt dann so viel auf ihn rein, was ihn
eigentlich eher stört an der Persönlichkeitsentwicklung, aus meiner Sicht.

[00:13:30.000] – Allan Guggenbühl
Ich sehe das wie Du. Es gibt ganz viele Dinge dazu zu sagen. Das eine ist, die Klinik wird zu einer
Vorstellung. Das kennst du auch von den Eltern. Man geht in die Klinik, in die Klinik, in die Klinik. Es ist
quasi wie so etwas Erzieherisches, sanktionenhaftes für die Jugendlichen selber – in die Klinik.

[00:13:49.480] – Allan Guggenbühl
Ich finde das problematisch. Es gibt natürlich Jugendliche, die in die Klinik müssen. Das ist ganz klar.

[00:13:56.300] – Allan Guggenbühl
Vielmals ist es eine grosse Enttäuschung.

[00:13:57.970] – Allan Guggenbühl
Ich erlebe bei vielen Jugendlichen, die durch die medizinischen Normen, Standards, Abläufe, Hierarchie
und so an sich gar nicht abgeholt wurden.

[00:14:09.900] – Allan Guggenbühl
Was sie brauchen, ist etwas anderes.

[00:14:12.970] – Allan Guggenbühl
Die Jugendlichen brauchen eine Verrückt-Heit, ein Verrücken, also Verrücktheit, im ursprünglichen Sinn
des Wortes.

[00:14:21.350] – Allan Guggenbühl
Sie brauchen etwas, das nicht ganz so konform ist.

[00:14:25.180] – Allan Guggenbühl
lSie brauchen Personen, die etwas aussergewöhnlich sind. Sie brauchen ein Environment.

[00:14:30.320] – Allan Guggenbühl
Das könnte man viel mehr in diversen, temporären, nicht Kliniken, aber Aufenthaltsräumen, wie ich das
jetzt fantasiere, machen.

[00:14:42.450] – Allan Guggenbühl

Das Problem ist, die Klinik kennt natürlich die Gesundheit, das sind bestimmte Formen von Abläufen. Das
widerspricht diametral dem, was die Jugendlichen brauchen.

[00:14:55.260] – Allan Guggenbühl
Die Jugendlichen sind in einem Unruhestand. Dann kommt auch dazu, dass sehr viel dann einfach so
Programme ablaufen. Die Leute setzen sich ein, da ist nichts einzuwenden.

[00:15:06.910] – Allan Guggenbühl
Der Assistenzarzt, Oberarzt, Chefarzt und so weiter.

[00:15:13.150] – Allan Guggenbühl
Vielmals ist es so, dass sie einfach ein bisschen spielen. Ich habe X Jugendliche, die schon in der Klinik
waren und das hat ganz selten etwas gebracht. Sie haben es zum Teil sogar genossen.

[00:15:24.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, die einen geniessen es auch. Sie gehen in die Ferien.

[00:15:27.940] – Allan Guggenbühl
Ich gehe ein bisschen in die Ferien, niemand schreit rum, alle nicken ein bisschen. Das ist ja gut. Sie
brauchen Anregung. Sie brauchen Personen, die sie in die Tiefe der Seele führen.

[00:15:43.040] – Allan Guggenbühl
Was sind die Paradoxien des Lebens. Sie sind auf der Suche in diesem Alter. Sie projizieren wild umher.

[00:15:51.780] – Allan Guggenbühl
Da muss man ein Gefäss finden, um sich abzuholen.

[00:16:00.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wären hier die Kliniken bereit, das zu machen, oder ist das gar nicht möglich in so einem stationären
Raum, weil viel Normierungstendenzen vorhanden sind.

[00:16:07.490] – Allan Guggenbühl
Normierungstendenzen sind einfach ein grosses Problem.

[00:16:11.630] – Allan Guggenbühl
Es ist teilweise genau vorgeschrieben, wie man es macht. Also von der Person her in der Klinik. Es gab
mal lange her eine Klinik am Zürichberg.

[00:16:19.620] – Allan Guggenbühl
Der wollte dann alles so ein bisschen edel machen, so gediegen.

[00:16:26.280] – Allan Guggenbühl
Er machte so Dancing Aperos. Ich will nicht sagen, dass das die Lösung ist.

[00:16:31.940] – Allan Guggenbühl
Er eine ganz andere Metaphorik reingebracht, eine ganz andere Assoziation erweckt durch die Art, wie er
es gemacht hat.

[00:16:42.620] – Allan Guggenbühl
Man hatte nicht das Gefühl, es geht um Gesundheit und Krankheit.

[00:16:46.160] – Allan Guggenbühl
Nicht immer das Medizinische, sondern das Verspielte.

[00:16:49.420] – Allan Guggenbühl
Es brauchte vielleicht so einen Weg.

[00:16:52.600] – Allan Guggenbühl
Eine Klinik, in der Leute kommen und Sachen erzählen, die nicht tadellos aufgeräumt sind.

[00:16:58.960] – Allan Guggenbühl
Das ist ja auch wichtig. Das merke ich auch. Jugendliche fühlen sich vielmals wohler in Räumen, in
denen sie nicht ganz verstehen, worum es eigentlich geht und wie sie eigentlich eingerichtet sind.

[00:17:12.420] – Allan Guggenbühl
Also eine leichte Unordnung. Ich habe auch einmal mit einer Kollegin zusammen gearbeitet. Sie hatte
eigentlich ein Chaos im Zimmer.

[00:17:20.760] – Allan Guggenbühl
Das hat den Jugendlichen irgendwie gefallen. Dann wurden sie abgeholt.

[00:17:26.560] – Allan Guggenbühl
Der ganz klinische Raum ist etwas, das wie signalisiert, dass alles in Ordnung ist, wir sind perfekt, wir
sind gesund, Du bist das Problem.

[00:17:36.630] – Allan Guggenbühl
Wenn sie in die Umgebung kommen, wo sie sagen, es sei eine kalte Kaffeetasse oder jemand raucht
sogar, dann kommen sie plötzlich in etwas anderes rein. Sie sehen, dass es andere Leute gibt, die
unruhige Momente haben, die anderes suchen. Das bin nicht nur ich.

[00:17:54.110] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Suchtarbeit hat man eine Zeit lang stark mit Erlebnispädagogik gearbeitet. Jetzt hört man es
wieder nicht mehr so fest. Wäre das auch etwas, das mehr verwendet werden müsste?

[00:18:05.350] – Allan Guggenbühl
Erlebnispädagogik allein bringt nichts. Es muss kombiniert sein. Das wäre einfach wichtig. Es muss
kombiniert sein mit Personen, die die Kriterien als Therapeut erfüllen können, die sich dem widmen, sich
aufregen und die die Problematik sehen.

[00:18:27.600] – Allan Guggenbühl
Ich habe einmal zusammen gerarbeitet mit jemandem in Schweden, und habe einen Jugendlichen
dorthin geschickt. Das hat aber gar nichts gebracht, weil ich gemerkt habe, dass er das Problem von
Grenzüberschreitungen hatte. Er hat immer die Grenze überschreitet, das ist ja klassisch. Er wurde in
den Norden von Schweden geschickt.

[00:18:45.380] – Allan Guggenbühl
Er sagte, er arbeite sehr gut mit Jugendlichen. Dann ist er aber in ihr Zimmer eingebrochen und hat den
Fernseher eingeschaltet.

[00:18:56.490] – Allan Guggenbühl
Sie hat das als eine fatale Grenzüberschreitung erlebt. Etwas, was nicht geht. Null Toleranz. Das erlebt
man dann eben. Es braucht Leute, die verstehen, dass das das Problem ist.

[00:19:14.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau.

[00:19:14.780] – Allan Guggenbühl
Dass man genau dann anfangen muss, wenn es Konflikte gibt. Das heisst, dass Erlebnispädagogik
alleine, im Sinne von das Erlebnis, bei mir war es im Wald zu sein. Das Erlebnis alleine bringt noch
nichts.

[00:19:29.380] – Allan Guggenbühl
Man muss eine Umgebung setzen. Dann konstelliert sich das, was sein Thema ist. Meistens sind es
grenzüberschreitende Konflikte. Wenn der Konflikt da ist, fängt die Arbeit an.

[00:19:43.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt, das sehe ich auch so.

[00:19:45.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich denke, die Personen, die sich mit den Jugendlichen im Wald oder in der Wildnis oder wo auch
immer auseinandersetzen, müssen sich auch zu Hause mit ihnen auseinandersetzen. Also, die
Bezugsperson darf nicht wechseln.

[00:20:03.640] – Allan Guggenbühl
Absolut. Die wechselnde Bezugsperson ist ganz fatal. Das ist einfach so.

[00:20:08.240] – Allan Guggenbühl
Man kann sagen, ich verstehe, dass es nicht geht und wer hat so viel Zeit. Aber rein faktisch ist es so,
dass wechselnde Bezugspersonen zu einer Detachierung führen und dann kippen sie raus.

[00:20:21.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe acht Jahre auf der Aarburg gearbeitet als Konsiliarärztin.

[00:20:26.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles schwer erziehbare Jungs. Ich setzte mich in diesem Sinne auch immer mit der Delinquenz
auseinander. Was sagst du zu den Jugendheimen, die es in der Schweiz gibt?

[00:20:38.660] – Allan Guggenbühl
Erziehungsheime sind ja sehr unterschiedlich.

[00:20:44.460] – Allan Guggenbühl
Erziehungsheimen machen es auf eine unterschiedliche Art.

[00:20:47.570] – Allan Guggenbühl
Sie machen schwere Arbeiten.

[00:20:51.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, sicher.

[00:20:51.700] – Allan Guggenbühl
Das, muss man sehen, es ist wirklich nicht einfach mit diesen Jugendlichen.

[00:20:56.180] – Allan Guggenbühl
Die Schwierigkeit und die Herausforderung ist, nicht nur in Regeln zu denken. Ich sehe es manchmal,
dass gewisse Erzieher fast wie zu Polizisten werden.

[00:21:11.330] – Allan Guggenbühl
Es geht um Regeln, Regeln, Regeln, Regeln und Regeln. Ich bin da gar nicht dagegen. Es braucht
Regeln. Es braucht auch einen anderen Aspekt.

[00:21:19.840] – Allan Guggenbühl
Es braucht auch eine tiefere Reflexion, was passiert.

[00:21:23.480] – Allan Guggenbühl
Es werden manchmal zu viele Regeln.

[00:21:27.930] – Allan Guggenbühl
Es hängt auch von den Personen ab. Ich hatte schon Jugendliche, die sich in einem Erziehungsheim
wohlgefühlt haben, weil sie sich jemandem angeklickt haben.

[00:21:39.960] – Allan Guggenbühl
Die Personen haben sich oft ausgezeichnet, weil sie verschiedene Wege gesucht haben. Etwas
unkonventionell waren.

[00:21:48.920] – Allan Guggenbühl
Sie sind nicht dem ganzen professionellen Ablauf gefolgt, sondern haben zwischendurch etwas gesagt
oder einen Spaziergang gemacht oder mal eine Tätigkeit gefunden zum Teilen. Das muss Platz haben,
natürlich.

[00:22:05.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, es geht nicht nur um die Regeln, sondern es geht um die Auseinandersetzung mit den Regeln.
Dann gibt es eine persönliche Berührung, ein Auseinandersetzen und aus dem kommt etwas Neues
heraus, für beide.

[00:22:18.960] – Allan Guggenbühl
Was man vielmals vergisst und dann vergessen wird, Auseinandersetzungen sind ja auch ein
Anschlussakt. Viele Jugendliche wollen über Konflikte, über Auseinandersetzungen an sich mit anderen
Personen in Beziehung kommen, nicht ein Trennungsakt.

[00:22:32.320] – Allan Guggenbühl
Es kann aber zum Trennungsakt werden. Wenn jemand in einem Heim arbeitet, arbeitet er eigentlich über
Auseinandersetzungen mit mit Jugendlichen. Das ist das Zentrale.

[00:22:45.970] – Allan Guggenbühl
Die Regelkonformität zu einhalten, ist ein Nebeneffekt. Oder die Regel braucht es, um gegen sie zu
verstossen und so merkt man wo sie ist.

[00:22:57.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich beziehe ich mich auf deinen Vortrag. Du hast in deinem Vortrag zum Thema «Unangepasstheit»,
"Freude am Anderssein" zu verschiedenen Dingen gesprochen.

[00:23:16.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hattest eine ganz feine Kritik an der Schule.

[00:23:21.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast deine Kritik sehr subtil immer in Form von Fragen gestellt.

[00:23:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sind die Kinder für die Schule da oder ist die Schule für die Kinder da?

[00:23:30.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ganz klar, eigentlich muss die Schule für die Kinder da sein und nicht umgekehrt. Oft läuft es
anders.

[00:23:30.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich setze mich viel auseinander mit der Schule. Ich habe früher auch mehr zusammen mit Schulen
gearbeitet. Ich habe auch zum Teil mit Lehrern, also Lehrersupervisionen gemacht.

[00:23:59.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sind deine ganz direkten, konkreten Vorschläge an unser Schulsystem? Das Schulsystem ist ja
ständig in Veränderung.

[00:24:10.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sprechen jetzt von integrierter Schulgebung, und es gibt dann aber sehr viele Überforderungen
seitens der Lehrer.

[00:24:22.420] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Kinder haben alle möglichen Zusatzpersonen, die ihnen helfen müssen.

[00:24:28.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Dadurch fühlen sich die Kinder oft etwas ausgegliedert oder als Sonderperson, Sonderfigur. Es ist oft
stigmatisierend.

[00:24:36.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage dich jetzt, was sind von dir aus Worte an das Schulsystem, wie man nach welcher Richtung
oder Art und Weise man das weitergestalten müsste?

[00:24:53.390] – Allan Guggenbühl
Ganz eine schwierige Frage. Darüber müsste ich jetzt für eine Stunde. Das ist ein riesiges Thema.

[00:25:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber sag ein paar Dinge.

[00:25:00.620] – Allan Guggenbühl
Bei uns sind die Kinder für die Schule da. Die Schule ist nicht für die Kinder da. Das ist ein Leitsatz.

[00:25:09.100] – Allan Guggenbühl
Ich empfinde es wirklich so.

[00:25:12.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich auch.

[00:25:13.480] – Allan Guggenbühl
Es gibt viele Aspekte, das eine ist, dass man die Kinder abholt, wo sie sind.

[00:25:22.530] – Allan Guggenbühl
Wenn eine Lehrperson die Klasse übernimmt, soll sie die ersten zwei Wochen zuerst schauen, wer sie
vor sich hat. Was für Geschichten, Erwartungen, Hoffnungen, Probleme sind vorhanden. Das ist ganz
wichtig.

[00:25:33.880] – Allan Guggenbühl
Das müsste zwei Wochen dauern. Einfach mal schauen, wer man hat. Nach zwei Wochen müsste man
dann entscheiden, wie man mit dieser Klasse umgeht. Was für eine Pädagogik muss ich haben? Was für
einen Führungsstil muss ich haben? Das muss man sich überlegen.

[00:25:50.660] – Allan Guggenbühl
Da gibt es ganz viele verschiedene Möglichkeiten. Die Klassen sind so verschieden wie die Menschen.

[00:25:56.400] – Allan Guggenbühl
Dann ist aber auch wichtig, dass man eine Klasse hat. Wenn man schaut, Schulklassen können
Gemeinschaften werden. Nicht immer.

[00:26:05.440] – Allan Guggenbühl
Die Kinder fangen an sich mit sich auseinanderzusetzen, sich gegenseitig zu identifizieren, sich kennen
zu lernen. Sie werden so geträgt, sie gehen in die Schule, weil es Kollegen und Kolleginnen hat.

[00:26:17.180] – Allan Guggenbühl
Das muss man ein bisschen fördern und anschauen und begleiten. Das ist wichtig. Das ist etwas, das
weggekippt ist.

[00:26:25.470] – Allan Guggenbühl
Was heute passiert ist, ist, dass die Anfangsphase nicht so gestaltet wird. Die Lehrer machen das schon
für sich. "Die Klasse ist mühsam." "Das ist eine ganz brave Klasse."

[00:26:34.610] – Allan Guggenbühl
Aber es ist nicht im System als Schritt drin. Es ist wichtig, dass sich die Lehrpersonen der Schulklassen
stellen.

[00:26:46.170] – Allan Guggenbühl
Hier geschieht etwas fatales. Ich höre das von Kindern.

[00:26:53.520] – Allan Guggenbühl
Wenn zwei Lehrpersonen im Schulzimmer sind, dann richten sich die Lehrpersonen gegenseitig
aneinander.

[00:27:01.500] – Allan Guggenbühl
Ah du machst das. Das ist völlig verständlich. Es geht mir auch so.

[00:27:09.210] – Allan Guggenbühl
Ich habe auch unterrichtet. Wenn ich zu zweit etwas gemacht habe, habe ich mich auch auf meinen
Kollegen ausgerichtet.

[00:27:13.950] – Allan Guggenbühl

Der ganze Fokus ist anders. Man ist der Gruppe von Kindern nicht ausgeliefert.

[00:27:20.620] – Allan Guggenbühl
Wenn man der Gruppe von Kindern ausgeliefert ist, ist das schwierig. Es ist aber auch sehr befriedigend,
so kommt man in Kontakt.

[00:27:29.800] – Allan Guggenbühl
Ich finde, es sollten nicht so viele Erwachsene mit dieser Gruppe, sich auseinandersetzen müssen. Das
ist fatal.

[00:27:43.190] – Allan Guggenbühl
Es wird ja dann noch fataler, dass Kinder rausgenommen werden, hin und her, aber dann zerfleddert
eigentlich alles.

[00:27:49.640] – Allan Guggenbühl
Dann wird es auch viel schwieriger.

[00:27:51.420] – Allan Guggenbühl
Viele ADHS Kinder, die doof tun, weil sie sich einfach völlig fremd fühlen. Sie werden rein und raus
genommen, es gibt Unruhe. Die Kohesion fehlt. Wir sind das 5b, wir sind die Schlimmsten, die beste
Schulklasse oder was auch immer. Das fehlt.

[00:28:08.830] – Allan Guggenbühl
Das heisst, es braucht zwingend weniger.

[00:28:15.000] – Allan Guggenbühl
Extra Formen von Unterricht muss man nachher machen.

[00:28:16.720] – Allan Guggenbühl
Kinder wollen mental in interessantem Stoff abgeholt werden. Was wir aber jetzt sehen, ist, dass die
Schule zum Objekt der Political Correctness wird.

[00:28:31.360] – Allan Guggenbühl
Genau diese Sachen gefordert, gehört werden, die man überall hört.

[00:28:35.400] – Allan Guggenbühl
Mit anderen Worten, todlangweilig.

[00:28:37.110] – Allan Guggenbühl
Das beginnt eigentlich schon in der 5./6. Klasse. Nicht in der Unterstufe.

[00:28:41.500] – Allan Guggenbühl
Es geht um Gendergerechtigkeit, es geht um das Klima.

[00:28:47.370] – Allan Guggenbühl
Das sind wichtige Themen. Aber wenn Sie da in der Schule sind und das immer wieder hören wird es
problematisch.

[00:28:53.940] – Allan Guggenbühl
Jetzt, wieso ist das problematisch? Das Problematische ist, weil ja auch in der Schule die Persönlichkeit
zählt.

[00:29:00.260] – Allan Guggenbühl
Der Lehrer macht einen Individuationsprozess mit der Klasse.

[00:29:09.030] – Allan Guggenbühl
Er sollte auch von dem erzählen, von dem Berichten, was ihn wirklich beschäftigt.

[00:29:14.430] – Allan Guggenbühl
Ich habe das bei jemandem erlebt, der erzählt hat, dass der Lehrer, der im Meisten geblieben ist und
irgendwie auch überzogen hat, dass es sich lohnt, sich zu interessieren, war einer, der immer nur von
verschiedenen Stilen von Bauernhäusern in der Schweiz gesprochen hat. Das ist dann überkommen.

[00:29:32.300] – Allan Guggenbühl
Was wir jetzt haben, ist eine Normierung, wo alles korrekt sein muss. Das ist total langweilig. Da macht
sich die Schule selber ein Grab.

[00:29:43.590] – Allan Guggenbühl
Die Kinder wollen nicht in der Schule das hören, was sie überall vernehmen. Das gemeinsame Credo.

[00:29:51.900] – Allan Guggenbühl
Hier habe ich das Gefühl, dass man nicht darauf eingeht.

[00:29:52.080] – Allan Guggenbühl
Ich merke das in der Einzelarbeit mit den Kinder. Man erreicht Kinder gut, Jugendliche erreicht man gut,
wenn man einfach etwas mit anderen Dingen kommt.

[00:30:07.640] – Allan Guggenbühl
Es gibt ja ein gutes Buch, das rausgekommen ist: "Bullshit" von Harry G. Frankfurt. Wo man die gleiche
Rhetorik braucht, die überall ist.

[00:30:17.050] – Allan Guggenbühl
Es ist schwierig, weil Lehrpersonen das machen müssen. Es ist nicht so einfach.

[00:30:25.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ganz wichtig, das habe ich noch nie gehört, dass, wenn zwei Lehrer sind, dass sie sich mehr
aufeinander beziehen als auf die Klasse und dadurch sich dann nicht so fest auseinandersetzen müssen
mit den Kindern und auch nicht so eine Einheit formieren.

[00:30:40.120] – Allan Guggenbühl
Der Moment von der leichten Überforderung, wenn man alleine vor einer Gruppe steht. Der Moment von
der leichten Angst, die man hat. Das ist auch wichtig für eine Beziehungssitzung. Das gehört eben dazu.

[00:30:54.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du so etwas sagst, wirst du gehört von den Verantwortlichen für das Schulsystem?

[00:31:01.750] – Allan Guggenbühl
Ja, das ist eine eigene Welt. Ich war lange an der pädagogischen Hochschule. Es ist eine eigene Welt,
die ein Ritual hat, die ziemlich abgeschlossen ist.

[00:31:13.730] – Allan Guggenbühl
Ich finde das problematisch, weil die Kinder keine eigene Lobby haben. Wir haben immer nur Leute, die
es interpretieren.

[00:31:23.490] – Allan Guggenbühl
Es gibt eine riesige Schicht von Leuten, von Bildung, die das interpretieren und auch funktionalisieren.

[00:31:34.400] – Allan Guggenbühl
Ist noch schwierig. Ich kann das eigentlich nicht sagen, ich weiss das auch nicht. Ich habe schon Leute,
die reagieren. Ich habe schon sehr viele Leute, die zustimmen.

[00:31:44.090] – Allan Guggenbühl
Ich habe auch Kontakt mit verschiedenen Menschen in der Schweiz, die gleicher Meinung sind. Früher
mit Remo Largo, Roland Reichenbach und Walter Herzog, die eigentlich auch sehr ähnlich denken.

[00:31:56.880] – Allan Guggenbühl
Ich glaube, wir alle werden nicht wirklich gehört. Es haben sogenannte Erziehungswissenschaftler
übernommen und Erziehungsdirektionen mit «Evidence Based Forschungen» untermauert, plausibel
gemacht.

[00:32:12.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass es weit weg ist von der Realität, also von der Realität des Kindes.

[00:32:18.660] – Allan Guggenbühl
Ja, und das klingt jetzt ein bisschen harsch, aber ich habe das Gefühl, die Schule hat ihre Aufgabe
verloren. Ich weiss gar nicht, ob die Schule eine grosse Zukunft hat.

[00:32:27.060] – Allan Guggenbühl
Es wurde wie vergessen um was es eigentlich geht.

[00:32:31.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ein Kind, das Schulverweigerung gemacht hat. Ich habe die Eltern beraten.

[00:32:38.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben es nach den Sportferien wieder eingeschult. Das hat dann auch geklappt. Wir haben den
Lehrer nach Hause geholt, damit sich das Kind an den Lehrer angewöhnen kann. Es ging. Am Montag
ging es nie in die Schule. Ich fragte, was dort speziell war. Dort war die Sozialpädagogin.

[00:33:00.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollte nicht mit dieser Sozialpädagogin sprechen und ist ausgewichen.

[00:33:07.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das, was du am Anfang gesagt hast. Man muss zuerst hören, schauen, sich informieren und nicht
meinen, man weiss schon, was gut ist. Das finde ich sehr, sehr wichtig.

[00:33:20.100] – Allan Guggenbühl
Es ist wichtig.

[00:33:23.940] – Allan Guggenbühl
Die Schwierigkeit ist einfach, das machen wir alle, wir haben eine Rhetorik, eine Vorstellung entwickelt
und man kann dann vielmals nicht mehr genau unterscheiden, was ist das, was man wirklich lebt und wo
stimmt es nicht.

[00:33:37.950] – Allan Guggenbühl
Dieser Prozess ist nicht einfach. Sagen wir mal, die Schule ist für das Kind da, dann würden alle sagen,
ja, ja, ist klar. Viele würden zustimmen.

[00:33:48.650] – Allan Guggenbühl
Die Realität ist dann etwas anderes. Das heisst, mir fehlt manchmal der Skeptizismus, sich selber
gegenüber, was man macht, dass man sich nicht in Frage stellt, dass man einfach ausführt.

[00:34:03.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, dass man sich immer wieder in Frage stellt und mit den Kindern zusammen wächst und sich
entwickelt.

[00:34:08.780] – Allan Guggenbühl
Wenn man mit Kindern zu tun hat, begleitet man sie auf einem Weg, wo man das Ziel noch nicht so
genau weiss. Die Zielorientiertheit ist etwas Problematisches. Viele Ziele weiss man gar noch nicht so
genau.

[00:34:23.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Entwicklungsprozess kann nicht vorgeplant werden wie ein Fliessbandprozess.

[00:34:32.600] – Allan Guggenbühl
Da braucht es auch eine Ehrlichkeit. Es gibt gewisse Dinge, die die Schule vermitteln muss. Man muss
einfach lesen und schreiben. Das ist ein Zwang, eine Macht. Das verstehen dann auch die Jugendliche.
Es ist eine Unterwerfung, die du jetzt machst.

[00:34:46.940] – Allan Guggenbühl
Es wird viel Schaumsprache verwendet.

[00:34:54.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Hast Du Lehrer via Supervision viele Jahre begleitet?

[00:35:00.310] – Allan Guggenbühl
Ja, das haben wir.

[00:35:02.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Die haben natürlich dann dich gehört?

[00:35:05.420] – Allan Guggenbühl
Es gibt ja vor allem in der Primarschule, Gott sei Dank, gibt es für die Lehrer doch noch Freiraum. Sie
können viel gestalten. Sie nutzen es aber nicht immer. Das ist interessant.

[00:35:18.960] – Allan Guggenbühl
Sie kommen dann in so eine Haltung rein, dass sie das und das machen müssen.

[00:35:22.060] – Allan Guggenbühl
Ich finde eigentlich, Schulen werden gerettet durch eine anarchische Tendenz, die viele Lehrpersonen
haben.

[00:35:31.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, das hast du gut gesagt.

[00:35:35.490] – Allan Guggenbühl
Es gibt einige die sagen, nein, ich mache das anders. Wenn sie das getreu aufführen würden, würden
viele merken, dass es gar nicht geht.

[00:35:45.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Beispiel, das du gebracht hast, war so schön. Der Lehrer, der einfach in diese verrückte Klasse
gesessen ist und Zeitung und Buch gelesen hat, und irgendwann sind die Schüler gekommen und haben
gefragt: Wann beginnen wir mit der Schule?

[00:35:59.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist genau richtig.

[00:36:00.010] – Allan Guggenbühl
Das ist auch nicht als Methode richtig.

[00:36:03.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, nein, das ist Sympathie.

[00:36:04.710] – Allan Guggenbühl
Der hat einfach gemerkt, ich komme nicht an. Der hat das einfach gespürt.

[00:36:09.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Der hat gespürt was es braucht.

[00:36:11.680] – Allan Guggenbühl
Genau. Aber es gibt eben hundert verschiedene Formeln.

[00:36:14.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ja, klar.

[00:36:14.620] – Allan Guggenbühl
Wenn jetzt etwas standardisiert wird, wie es heutzutage ist.

[00:36:19.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, es gibt eben gerade keine standardisierten Lösungen.

[00:36:23.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Als letztes habe ich noch eine Frage. Ich habe lange in der Sucht gearbeitet und habe auch viele
Süchtige beraten, haben Sucht WGs supervisiert.

[00:36:36.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein riesiges Problem der Eltern heutzutage, dass sie Angst haben, dass ihre Kinder süchtig
werden.

[00:36:42.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute ist es nicht nur auf Substanzen, sondern auch Medien süchtig, also iPhone süchtig.

[00:36:49.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich genauer hinschaue, verwenden Jugendliche das häufig, um sich zu distanzieren, also Drogen
werden verwendet, um sich zu distanzieren von den Eltern und der Erwachsenenwelt und die
elektronischen Medien desgleichen. Die Spielsucht auch.

[00:37:09.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort kennen sie alles, dort wissen sie, wie es geht, sie können immer besser werden.

[00:37:13.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, dass sie hier nur eine Art von Interaktion leben und nicht die Vielfalt des Lebens.

[00:37:23.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Was würdest du hier sagen, was Eltern, Lehrer, wir Erwachsenen den Jugendlichen mehr anbieten
müssen, damit sie nicht nur auf diese Games abfahren?

[00:37:35.900] – Allan Guggenbühl
Ich sehe das genau, wie du das auch sagst. Es ist ein einkerkern, das sie haben in den Games.

[00:37:44.340] – Allan Guggenbühl
Es spricht die Ambivalenz an. Sie wollen ja in die Aussenwelt, aber gleichzeitig nicht.

[00:37:51.170] – Allan Guggenbühl
Das Game gibt ihnen die Illusion, dass sie überall Kontakt haben.

[00:37:54.790] – Allan Guggenbühl
Effektiv nehmen sie sich aber heraus. Das ist eine grosse Schwierigkeit.

[00:38:00.180] – Allan Guggenbühl
Ich versuche es so zu sagen, dass sie etwas anderes offerieren sollen.

[00:38:08.680] – Allan Guggenbühl
Die Jugendliche sollten früher eingeführt werden in die Konfrontation mit den zentralen Lebensfragen
eingeführt werden.

[00:38:17.700] – Allan Guggenbühl
Das ist jetzt wieder Kritik an der Schule.

[00:38:22.930] – Allan Guggenbühl
Man hat einen Absturz, ein Dilemma, das ist die Einführung ins Leben.

[00:38:33.500] – Allan Guggenbühl
Es gibt auch religiöse Fragen. Grundsätzlich sollten diese Fragen mehr angetönt werden.

[00:38:40.360] – Allan Guggenbühl
Ich habe aber das Gefühl, die Eltern oder Erwachsene wagen nicht, das mit den Jugendlichen zu teilen.

[00:38:48.800] – Allan Guggenbühl
Das ist ein riesiges Problem, das mit der Sucht. Ich habe hier keine Lösung.

[00:38:53.230] – Allan Guggenbühl
Ich finde auch, dass die Jugendlichen sich unter sich finden müssen.

[00:38:58.830] – Allan Guggenbühl
In vielen dieser Games, gamen die Jugendlichen untereinander.

[00:39:02.420] – Allan Guggenbühl
Das ist dann ein Ersatz für Peerkontakt.

[00:39:06.930] – Allan Guggenbühl
Dann muss man den Peerkontakt dort ansetzen, damit sie zusammen als Gruppe noch etwas anderes
erfahren können.

[00:39:17.530] – Allan Guggenbühl
Ich habe jetzt ein Projekt, wo ich Jugendliche einsetze, damit sie anderen Jugendlichen, kleineren,
helfen.

[00:39:23.430] – Allan Guggenbühl
Für mich ist es interessant zu sehen, zu erleben, und das sind sehr viele Ausländer, wie da plötzlich
Kräfte geweckt werden.

[00:39:35.660] – Allan Guggenbühl
Ich glaube, es braucht viel mehr solche Dinge. Jugendliche sollten mehr integriert werden in ganz
konkrete Sachen, Aufgaben, Verantwortungen. Das wäre wichtig.

[00:39:45.070] – Allan Guggenbühl
Ich habe das Gefühl, sie werden hier auch infantilisiert.

[00:39:48.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt.

[00:39:49.330] – Allan Guggenbühl
Das ist das Gefühl, das ich habe. Es ist sonst unerträglich. Man will in die Welt, will etwas machen, kann
es aber nicht, hat nur Schule. Dann geht man Gamen. Wenn man wirklich eine Verantwortung hat.

[00:40:01.510] – Allan Guggenbühl
Ich wollte mal in einer anderen Stadt ein Projekt machen, wo es ein Problem war mit Vandalismus und
Störungen, in so einer kleiner Stadt.

[00:40:10.770] – Allan Guggenbühl

Dann haben wir das Projekt aufgegleist, interessanterweise ist der Stadtrat dafür gewesen, das war die
Exekutive, die das unterstützte. Ich fand das super. Die war noch SVP dominiert. Wir haben sie
überzeugt.

[00:40:26.480] – Allan Guggenbühl
Dass die Jugendlichen die Stadt übernehmen. Es war eine kleinere Stadt. Überall gehen sie in
Restaurants und servieren. Im Park schauen, wer Parksünder das Ganze, was es gibt. Effektiv haben
viele Betriebe mitgemacht, ausser die SBB nicht, die hat verständlicherweise gesagt, das sei die
Sicherheit, das geht nicht.

[00:40:52.560] – Allan Guggenbühl
Das Sozialdepartement hat es abgelehnt.

[00:41:00.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Oh nein. So schade.

[00:41:03.660] – Allan Guggenbühl
Ja, das war wirklich schade. Für mich war das so komisch.

[00:41:06.660] – Allan Guggenbühl
Die Idee wäre gewesen, Jugendliche in wirkliche Arbeit einzuführen und nicht in künstliche Arbeit.

[00:41:16.620] – Allan Guggenbühl
Man darf nicht vergessen, dass die Jugendlichen das ganz schnell verstehen, wenn sie so etwas haben,
wo sie ein bisschen mitmachen dürfen.

[00:41:20.550] – Allan Guggenbühl
Ich finde zum Beispiel auch, wenn man von Mensas oder Essen in der Schule spricht. Ich habe das in
einer japanischen Schule erlebt, wo das die Jugendlichen gemacht haben. Und zwar alles. Man hat ihnen
einfach Geld gegeben und jetzt schaut ihr. Dann war es zwei, drei Wochen eine Katastrophe. Dann hat
sich das entwickelt. Sie waren stolz. Das ist das, was wir verpassen. Jugendliche ab 12, 13, 14 sollten
Aufgaben bekommen. Nicht arbeiten müssen, aber Aufgaben bekommen, so dass sie sich integrieren.

[00:41:54.900] – Allan Guggenbühl
Dann kommt das andere wie z.B. Gamen weniger grosse Bedeutung.

[00:41:59.120] – Dr.med. Ursula Davatz

Da kann ich nur zustimmen, dass man den Jugendlichen viel früher Verantwortung übergibt, dass sie
mitarbeiten, mitdenken und mithandeln können, dass man sie nicht unten behält und wir wissen alles,
was gut ist für sie.

[00:42:14.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dasselbe in einer japanischen Schule erlebt.

[00:42:16.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir waren zu Besuch beim NHK, der Fernsehstation.

[00:42:23.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben wir einen Platz bekommen. Dann wurde das Essen serviert. Es lief alles perfekt.

[00:42:29.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir waren so unanständig und begannen zu essen.

[00:42:32.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat ein Jugendlicher gesagt, nein wir dürfen noch nicht essen. Zuerst sagte die Lehrerin "Guten
Appetit", dann darf man essen.

[00:42:40.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sassen wir brav zurück und folgten. Das ist super gelaufen. Die haben das super gemacht. Wir
unterschätzen die Jugendlichen.

[00:42:50.970] – Allan Guggenbühl
Die Schulhäuser sollten auch von den Jugendlichen geputzt werden. Sie könnten dafür auch bezahlt
werden. Hier muss man anders denken. Umdenken.

[00:42:51.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt noch viel zu tun. Danke für die Beantwortung meiner Fragen.

[00:43:01.620] – Allan Guggenbühl
Gern geschehen.

Autismus und ADHS

Weiterbildung der Hota zum Thema Autismus und ADHS

Teil 1:

Teil 2:

Teil 3:

Teil 4:

 

Kompetition und Kooperation unter den Helfersystemen

Kompetition und Kooperation unter den Helfersystemen

Referat an der Fachtagung HotA

Dienstag, 21. Mai 2019, 13.30 – 17.00 Uhr Kultur- und Kongresshaus Aarau

«Viele Köche verderben den Brei» «Viele Helfer verderben den Patienten»

Der Sozialstaat Schweiz und somit auch der Kanton Aargau hat unzählige Helfersys- teme, die immer dann eingesetzt werden, wenn das natürliche Familiensystem ver- sagt hat und ein oder mehrere Individuen im System Schaden erleiden.

Helfersysteme können miteinander kooperieren, einander ergänzen und somit entwicklungsförderlich für das dysfunktionale Familiensystem sein. Sie können aber auch miteinander wettkämpfen um eine Vormachtstellung, das heisst darum streiten, wer den besseren Lösungsansatz hat für das jeweilige Familienproblem.

Die verschiedenen Helfersysteme

Alle Helfersysteme haben ihre Glaubensbekenntnisse, ihre Wertsysteme, nach wel- chen sie denken und auch handeln. Diese unterschiedlichen Wertsysteme gilt es als erstes zu erkennen und auch zu respektieren bei einer allfälligen Zusammenarbeit.

1. Das medizinische System ist hierarchisch behandelt aber individuell

  • –  Untersuchungen durchführen durch den Arzt.
  • –  Diagnose stellen beim einzelnen Individuum durch den Arzt.
  • –  Nach Anordnung des Arztes Intervention durchführen: Medikamente, Operation, therapeutische Massnahmen stationär oder ambulant.

2. Das juristische System wie KESB, Juga, Strafgericht ist ebenfalls hierarchisch behandelt aber möglichst alle gleich

  • –  Sachverhalt analysieren einer Einzelperson oder eines Familiensystems.
  • –  Urteil fällen anhand des Sachverhalts und der bestehenden Gesetzgebung.
  • –  Entscheide durchsetzen anhand der Rechtslage, keine individuellen Ausnahme möglich.

3. Sozialversicherungssysteme wie IV, Taggeldversicherung, Sozialdienste

Juristisch geregelte Systeme, die auf Gesetzesgrundlagen entscheiden, ob je- mand recht auf materielle Unterstützung hat, allenfalls holen sie über Experten- berichte wie Gutachten Informationen ein, welche ihnen beim Entscheid behilflich sein sollen.

  1. Psychosoziale, ambulante Helfermodelle staatlich oder privatIndividuelle Unterstützung im Alltag durch staatliche oder private Spitex,begleitetes Wohnen, Wendepunkt
  2. Das pädagogische und sozialpädagogische Helfermodell«Erziehung zur Gesundheit» oder zum sozialen Wohlverhalten über Erziehungs- heime, Spezialschulen.
  3. Das Angebot der HotA basiert auf einem systemisch familientherapeutisch orientierten Helfermodell, das aufsuchende Familienarbeit anbietet, was bedeutet, dass nicht nur ein Individuum sondern das Familiensystem als Ganzes angegangen und unterstützt wird.
  • –  Das Familiensystem wird analysiert auf dysfunktionale Beziehungen
  • –  Destruktive Beziehungen und Erziehungsmuster werden zu korrigieren versucht.
  • –  Bestehende Ressourcen im Familiensystem wie Grosseltern, Onkel, Tante etc.werden wahrgenommen, miteinbezogen und im therapeutischen Prozess genutzt.
  • –  Bereits involvierte professionelle Helfersysteme werden kontaktiert und nachMöglichkeit eine Kooperation mit Ihnen angestrebt.Kompetition unter den HelfersystemenDie Schweiz ist stark geprägt vom Gedanken der Feudalsysteme und somit will auch jedes Helfersystem seine Alleinherrschaft über den Patienten oder das Familiensys- tem möglichst behaupten und beibehalten. Es entsteht ein Feudalkrieg zwischen den Helfersystemen, das heisst zwischen Medizinern, Juristen, Sozialhelfern, Päda- gogen etc. und zwischen ambulant Tätigen und stationären Systemen. Alle meinen nur das Beste für den Patienten, das Kind und die Familie, aber es entfaltet sich ein Machtkampf unter den Helferpersonen und Helfersystemen ohne Ende, was sehr viel Geld kostet, viele Ressourcen vernichtet und dem Familiensystem und dem In- dex-Patienten zusätzlich noch schadet.Der Patient oder die Familie passt sich häufig den verschiedenen Systemen an, um nicht in Konflikt zu geraten, oder um das Maximum herauszuholen.
    Die Helfersysteme geben dann meist den Patienten die Schuld für das schlechte Funktionieren der geplanten Hilfeleistung und werfen diesen Manipulation vor.
    Doch es sind die Helfersysteme, die nicht optimal zusammenarbeiten und sich aus- spielen lassen. Aus Sicht der Hilfesuchenden ist ihre Verhaltensweise nur eine Opti- mierung.Voraussetzungen für eine nutzbringende, effiziente Kooperation unter den Helfersystemen
  • –  Als erstes Akzeptanz und Respekt gegenüber den anderen Helfern üben.
  • –  Die unterschiedlichen Denkmodelle erkennen und als solche respektieren und akzeptieren.
  • –  Die Situation immer wieder neu evaluieren und falls notwendig entsprechend an- passen, das eingeschlagenen Prozedere nicht stur durchsetzen.
  • –  Die eigene Einschätzung der Situation aus der eigenen fachlichen Perspektive den anderen Helfern und den Hilfesuchenden möglichst klar kundtun, d.h.
    eine eigenen Position beziehen, auch wenn diese Position unterschiedlich ist, ja sogar gegenläufig zu anderen Positionen.
  • –  Bereitschaft nachzugeben, wenn ein anderes Helfersystem «näher am Ball» ist oder bessere Lösungsangebote hat.
  • –  Nicht nur am selben Strick ziehen wollen und den Patienten oder die Familie da- bei «erwürgen» bzw. mit der Übermacht der Helfersysteme überfahren.
  • –  Nicht unbedingt auf Einigkeit ausgerichtet sein, diese zu erzwingen würde häufig eine unehrliche, gespielte Anpassung von manchen Playern verlangen, was nicht dienlich ist und von den Hilfesuchenden stets bemerkt wird.
  • –  Den Hilfesuchenden also keine harmonische Helferwelt, bzw. «Helfermacht» vorspielen, sie merken dies sofort, wenn wir nicht authentisch sind, denn sie be- obachten uns ganz genau.Was uns alle weiterbringt, ist eine faire Auseinandersetzung unter den Helfern und Helfersystemen. Sowohl wir Helfer als auch die Hilfe suchenden Familien können nur lernen voneinander.Ressourcen Stärken und Bündeln«what fires together wires together», d.h. wenn wir miteinander gemeinsam an einer Problemlösung arbeiten, bilden wir auch ein immer besser funktionierendes Helfernetzwerk, das effektiv und effizient ist.
    Der Mensch, sein Gehirn und auch die Familie sind ein funktionierendes Ganzes, das nicht aufgeteilt werden kann in voneinander klar abgegrenzte Bereiche und somit kann auch nicht mit klar voneinander abgetrennten «Helferfeudalsyste- men» gearbeitet werden.

Dr. med. Ursula Davatz

20. Mai 2019