Die auf ADHS und Schizophrenie spezialisierte Psychiaterin und Familientherapeutin
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Schweiz am Wochenende, Samstag, 7. Mai 2022, Seite 31, Bund Baden-Wettingen. Von Claudia Laube.
Die auf ADHS und Schizophrenie spezialisierte Psychiaterin und Familientherapeutin Ursula Davatz gibt ihre Praxis in Baden auf.
Nach über 40 Jahren ist für die Psychiaterin und Familientherapeutin Ursula Davatz die Zeit gekommen, sich aus dem Aargau zu verabschieden und nach 23 Jahren auch ihre Praxistätigkeit in Baden aufzugeben. «Ich finde 80 eine gute Richtlinie für diesen Schritt», sagt sie mit einem Augenzwinkern auf dem Stuhl sitzend, auf dem sie sonst mit ihren Patientinnen und Patienten spricht. Diese müssen sich nun selbst um eine Nachfolgelösung bemühen, denn Davatz konnte ihnen keine präsentieren: Sie hat die Suche aufgegeben. Die in Koblenz aufgewachsene Davatz hat die Praxis an der Mäderstrasse aufgebaut, in der inzwischen auch zwei Berufskollegen arbeiten. Sie bleiben hier, sind aber selbst sehr gut ausgelastet. In einem der Räume führt Ursula Davatz auch eine Selbsthilfegruppe für Eltern von Schizophrenie-Kranken, deren Fortführung aktuell noch unsicher ist.
Schizophrenie und die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ADHS sind die beiden Themen, in denen sie sich spezialisiert hat. Obwohl sie als junge Frau zuerst Tierärztin werden wollte, packte sie schon bald die Faszination für die menschliche Psychologie, insbesondere die Schizophrenie. Symptome dieser Krankheit sind unter anderem Realitätsverlust und Halluzinationen. Davatz sagt: «Schizophrenie ist die grösste Herausforderung in der Psychiatrie und die faszinierendste und komplexeste Krankheit, vor der viele Angst haben.» Nach ihrem Medizinstudium ging sie für das Psychiatrie-Studium nach Lausanne, da sie dort von einer der Koryphäen auf dem Gebiet lernen konnte, Christian Müller, einst ein Schüler von Eugen Bleuler. Der Zürcher Psychiater hat der Krankheit 1908 den Namen gegeben: Schizophrenie leitet sich vom Altgriechischen ab und bedeutet gespaltener Geist.
Weil Menschen mit dieser Diagnose ähnliche, aber verstärkte Symptome wie Menschen mit ADHS aufweisen, wie zum Beispiel leichte Ablenkbarkeit und Reizüberflutung sowie eine hohe Sensibilität, besteht laut Davatz bei ADHS und Schizophrenie eine genetische Verbindung. Eine These, die sie nach ihrer jahrzehntelangen Arbeit mit Betroffenen ausformuliert hat – und die bis heute umstritten ist. Davon lässt sich Davatz nicht abbringen: Sie hat 2014 auch ein Buch dazu veröffentlicht.
ADHS müsse nicht zwingend zu einer Schizophrenie führen, sagt sie. Zusätzliche Faktoren seien dafür ausschlaggebend: Darunter falle der Erziehungsstil und das Zusammenspiel mit dem schulischen Umfeld, «da die Gene nicht verändert werden können, aber das Umfeld schon». Für Davatz ist eine intensive Beratung des Umfelds mit Kindern mit ADHS unabdingbar. Welche Wirkung das hat, lernte sie in den USA, wo die inzwischen fünffache Grossmutter Ende der 70er-Jahre mit ihrem Mann und drei Kindern lebte, um ein Nachdiplomstudium in Familientherapie zu absolvieren. Als die Familie zurückkehrte, begann sie ihre Tätigkeit in der psychiatrischen Klinik Königsfelden in Windisch. 1983 übernahm sie die Leitung des sozialpsychiatrischen Dienstes, eine Stelle, die sie sich erkämpfen musste, wie sie sagt. Eine ihrer ersten Handlungen war die Gründung der Elternvereinigung psychisch Kranker (heute Verein Angehöriger Schizophreniekranker, kurz VASK). Dies mündete in der Stiftung therapeutisches Wohnheim psychisch Kranker. 1985 wurde die erste Wohngemeinschaft für Schizophreniekranke in Aarau eröffnet, die erste WG dieser Art im Aargau. Sie besteht bis heute. Ähnliches wollte Ursula Davatz auch für Jugendliche etablieren, doch diesmal legten Kanton und Klinik ein Veto ein. «Ich habe die Idee dann einfach anders aufgegleist», sagt Davatz mit einem verschmitzten Lächeln. Einmal ein Ziel vor Augen, verfolge sie dieses stets so lange, bis es umgesetzt sei. Auch die daraus hervorgegangene therapeutische Wohngemeinschaft für psychisch kranke Menschen zwischen 18 und 24 Jahren in Wettingen gibt es nun seit bereits über 30 Jahren.
Beides sind Beispiele der Überzeugungen von Davatz, dass nicht Medikamente der heilige Gral sind, sondern die Arbeit in Familiensystemen. Die WGs entstanden in den 80er-Jahren in einer Zeit, die Davatz als «Aufbruchstimmung» bezeichnet. Davon sei inzwischen aber nichts mehr zu spüren. «Sozialpsychiatrie ist nicht mehr sehr erfolgreich», findet sie.
«Man passt das Kind der Gesellschaft an statt das Erziehungssystem dem Kind.»
Ursula Davatz, Psychiaterin
Enttäuscht vom Fokus auf Medikamente
Inzwischen herrsche wieder ein Modell vor, in dem der Fokus nur noch auf dem Patienten liege. Doch laut Davatz hilft nur, wenn auch die Familie oder das nächste Umfeld in den ganzen Prozess miteinbezogen werden. Sie helfe dabei, die Familiensysteme zu verändern, damit der Patient gesund werden könne. Das wird sie künftig aber nur noch in der Stadt Zürich machen, wo sie mit ihrem Mann lebt und ebenfalls eine Praxis hat. Sie würde diesen familientherapeutischen Ansatz gerne viel öfters auch bei anderen sehen, aber es sei ihr schon bewusst: «Das ist ein grosser Aufwand und verlangt sehr viel persönliches Engagement der Therapeuten und Fachleute.» Dennoch ist Davatz davon überzeugt, dass man so viel mehr Zeit sparen würde.
Ganz allgemein ist sie vor allem wegen des Fokus auf Medikamente enttäuscht von der Psychiatrie. «Inzwischen gibt man zum Beispiel Kindern, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, nicht mehr nur noch Ritalin, sondern auch Neuroleptika. Das eine stimuliert, das andere sediert», so die Vizepräsidentin von ADHS 20+. Man passe das Kind der Gesellschaft an anstatt das Erziehungssystem dem Kind, so ihr Fazit.
Und auch wenn ihre Ausführungen nicht sehr zuversichtlich klingen, sieht sie nicht gänzlich schwarz für die Psychiatrie: «Es braucht dazu einfach Menschen, die sich trauen, etwas anders zu machen», ist sie überzeugt.
Ursula Davatz ist auch mit 80 noch voller Elan und schreibt am nächsten Buch. Bild: Alex Spichale
«Psychiatrie wohin?» im Trafo in Baden am Donnerstag, 2. Juni, organisiert von Ursula Davatz zur Feier ihres 80. Geburtstags – mit renommierten Fachpersonen aus Psychiatrie und Politik.

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