Umgang mit hochsensiblen Kindern: Tipps für Eltern und Lehrer

Die Quellen, insbesondere der Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz, bieten wertvolle Einsichten für Eltern und Lehrer im Umgang mit hochsensiblen Kindern.

Grundlegendes Verständnis:

  • Hochsensibilität als Wesensmerkmal: Es ist wichtig zu verstehen, dass Hochsensibilität kein Defizit oder eine Krankheit ist, sondern ein Wesensmerkmal. Hochsensible Kinder nehmen ihre Umgebung intensiver wahr und verarbeiten Reize tiefer, was sowohl zu besonderen Stärken als auch zu Herausforderungen führen kann.
  • System-Overload vermeiden: Die intensive Wahrnehmung hochsensibler Kinder führt schneller zu Überforderung und einem sogenannten System-Overload, der sich in verschiedenen Symptomen wie Rückzug, Aggression, Konzentrationsproblemen oder emotionalen Ausbrüchen äußern kann. Das Ziel im Umgang mit hochsensiblen Kindern ist es daher, Überforderung zu vermeiden und ihnen ein Umfeld zu bieten, in dem sie sich sicher und geborgen fühlen.

Konkrete Empfehlungen für Eltern:

  • Wahrnehmung und Bedürfnisse respektieren: Anstatt zu versuchen, das Kind an die Norm anzupassen, sollten Eltern seine individuelle Wahrnehmung und Bedürfnisse respektieren. Jedes Kind ist anders und was für das eine Kind angenehm ist, kann für das andere Kind eine Überforderung darstellen.
  • Ruhe und Geduld bewahren: Gerade in Situationen, in denen das Kind emotional wird, ist es wichtig, dass Eltern Ruhe und Geduld bewahren. Hektik und laute Reaktionen verstärken den Stress des Kindes nur.
  • Kommunikation anpassen: Statt zu belehren oder zu kritisieren, sollten Eltern ruhig und verständnisvoll mit dem Kind kommunizieren und ihm aktives Zuhören signalisieren.
  • Reize reduzieren: Eltern können versuchen, Reize im Alltag zu reduzieren, die das Kind zusätzlich belasten. Dies kann z.B. bedeuten, feste Ruhezeiten einzuplanen, laute Umgebungen zu meiden oder dem Kind Rückzugsmöglichkeiten zu bieten.
  • Beziehung aufrechterhalten: Beziehungsabbrüche, wie z.B. das Kind zu ignorieren, es in sein Zimmer zu schicken oder ihm die Liebe zu entziehen, sind besonders schädlich. Stattdessen sollten Eltern präsent bleiben und dem Kind verbale Angebote machen, auch wenn es im Moment nicht darauf reagieren kann. Dr. Davatz empfiehlt, im gleichen Raum zu bleiben und seine eigenen Tätigkeiten fortzusetzen, während das Kind sich beruhigt.
  • Grenzen setzen: Auch wenn es wichtig ist, die Bedürfnisse des Kindes zu respektieren, müssen Eltern trotzdem klare Grenzen setzen. Ein Kind, das keine Grenzen kennt, kann sich schnell überfordert fühlen und tyrannisch werden. Dr. Davatz betont, dass antiautoritäre Erziehung nicht bedeutet, dass das Kind immer das Sagen hat.
  • Professionelle Unterstützung suchen: Wenn Eltern sich unsicher fühlen oder das Gefühl haben, dass sie mit der Situation alleine nicht zurechtkommen, sollten sie professionelle Unterstützung suchen.

Konkrete Empfehlungen für Lehrer:

  • Individuelle Bedürfnisse erkennen: In einer Schulklasse mit vielen Kindern ist es eine Herausforderung, auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes einzugehen. Dennoch sollten Lehrer versuchen, die besonderen Bedürfnisse hochsensibler Kinder zu erkennen und bestmöglich zu berücksichtigen.
  • Gerechtigkeit und Fairness: Hochsensible Kinder reagieren besonders empfindlich auf Ungerechtigkeiten. Lehrer sollten daher im Umgang mit allen Kindern auf Gerechtigkeit und Fairness achten.
  • Spannungen vermeiden: Spannungen und Konflikte im Klassenzimmer können hochsensible Kinder stark belasten. Lehrer sollten versuchen, ein positives und respektvolles Klassenklima zu schaffen.
  • Kommunikation und Kooperation: Offene Kommunikation mit den Eltern ist besonders wichtig. Lehrer sollten die Eltern über die Bedürfnisse des Kindes informieren und gemeinsam Strategien entwickeln, wie sie das Kind bestmöglich unterstützen können. Dr. Davatz schlägt vor, Eltern zu einem Schulbesuch einzuladen, bei dem sie die Situation des Kindes im Unterricht beobachten können.
  • Fortbildungen nutzen: Es gibt spezielle Fortbildungen für Lehrer zum Thema Hochsensibilität, die wertvolle Informationen und praktische Tipps für den Umgang mit hochsensiblen Kindern im Schulalltag bieten.

Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern:

  • Gemeinsames Ziel: Eltern und Lehrer haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen das Kind bestmöglich unterstützen und ihm helfen, seine Potenziale zu entfalten.
  • Verständnis und Respekt: Gegenseitiges Verständnis und Respekt sind die Grundlage für eine gelingende Zusammenarbeit.
  • Offene Kommunikation: Regelmäßiger Austausch und offene Kommunikation über die Bedürfnisse und Fortschritte des Kindes sind wichtig.
  • Konfliktlösung: Wenn es zu Konflikten zwischen Eltern und Lehrern kommt, sollten diese konstruktiv und lösungsorientiert angegangen werden.

Zusammenfassung: Der Umgang mit hochsensiblen Kindern stellt sowohl für Eltern als auch für Lehrer eine Herausforderung dar. Durch Verständnis, Respekt, Geduld und die Bereitschaft zur Kooperation können sie jedoch ein Umfeld schaffen, in dem sich hochsensible Kinder wohlfühlen und ihre Potenziale voll entfalten können.

https://ganglion.ch/pdf/Autismus.pdf

Erfolgreiche Eltern-Lehrer-Kommunikation: Herausforderungen und Lösungsansätze

Die Quellen, insbesondere der Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz, beleuchten die Komplexität der Eltern-Lehrer-Kommunikation, insbesondere wenn es um hochsensible Kinder geht. Oftmals entstehen Missverständnisse und Spannungen, die das Kind zusätzlich belasten. Umso wichtiger ist es, konstruktive Kommunikationswege zu finden, die allen Beteiligten dienen.

Herausforderungen:

  • Verschiedene Perspektiven und Prioritäten: Eltern konzentrieren sich naturgemäss auf das Wohl ihres eigenen Kindes, während Lehrer die Bedürfnisse einer ganzen Klasse im Blick haben müssen.
  • Angst und Misstrauen: Lehrer haben oft Angst vor Beschwerden von Eltern, die nur die Perspektive ihres Kindes sehen. Eltern wiederum erleben Lehrer manchmal als unzugänglich und wenig verständnisvoll.
  • Mangelnde Wertschätzung: Oftmals fehlt es an gegenseitiger Wertschätzung zwischen Eltern und Lehrern.
  • Kommunikationsdefizite: Es mangelt an Gelegenheiten für einen offenen und respektvollen Austausch zwischen Eltern und Lehrern.

Konsequenzen für das Kind:

  • Loyalitätskonflikte: Spannungen zwischen Eltern und Lehrern führen dazu, dass sich das Kind in einem Loyalitätskonflikt befindet.
  • Emotionale Belastung: Das Kind spürt den Konflikt zwischen seinen Bezugspersonen und leidet unter der angespannten Atmosphäre.
  • Beeinträchtigung des Lernprozesses: Die emotionale Belastung und der Loyalitätskonflikt wirken sich negativ auf die Konzentration und Lernfähigkeit des Kindes aus.

Lösungsansätze:

  • Schaffung von Verständnis und Perspektivenwechsel:
    • Validierung aller Beteiligten: Sowohl die Eltern als auch der Lehrer sollten in ihren Wahrnehmungen und Bedürfnissen ernst genommen werden.
    • Schulbesuche: Eltern können durch Schulbesuche die Situation im Klassenzimmer aus der Perspektive des Lehrers besser verstehen.
  • Verbesserung der Kommunikation:
    • Regelmäßige Gesprächsmöglichkeiten: Elternsprechtage, Elternabende oder informelle Treffen bieten Raum für Austausch und Klärung von Missverständnissen.
    • Offene und respektvolle Kommunikation: Eltern und Lehrer sollten ihre Anliegen klar und wertschätzend formulieren.
    • Konstruktive Konfliktlösung: Statt in Schuldzuweisungen zu verharren, sollten gemeinsam Lösungen für Probleme gesucht werden.
  • Stärkung der Zusammenarbeit:
    • Gemeinsames Ziel: Eltern und Lehrer verfolgen das gleiche Ziel, nämlich das Wohl des Kindes. Dieses gemeinsame Ziel sollte im Mittelpunkt der Kommunikation stehen.
    • Ressourcenorientierte Herangehensweise: Statt sich auf Defizite zu fokussieren, sollten die Stärken des Kindes und die Ressourcen im System (Eltern, Lehrer, Fachpersonen) genutzt werden.
    • Transparenz und Information: Eltern und Lehrer sollten sich gegenseitig über wichtige Entwicklungen und Ereignisse informieren.

Beispiel aus den Quellen:

Dr. Davatz erzählt von einer Schule, in der ein Stammtisch für Eltern und Lehrer eingeführt wurde. Dort konnten Probleme und Konflikte in einer entspannten Atmosphäre besprochen werden. Dies führte zu einer deutlichen Verbesserung der Eltern-Lehrer-Kommunikation und einem Rückgang von Beschwerden.

Fazit:

Eine gelingende Eltern-Lehrer-Kommunikation ist entscheidend für das Wohlbefinden und den Lernerfolg von Kindern, insbesondere von hochsensiblen Kindern. Durch Verständnis, Wertschätzung und eine offene Kommunikation können Konflikte gelöst und eine konstruktive Zusammenarbeit zum Wohle des Kindes aufgebaut werden.

https://ganglion.ch/pdf/Autismus.pdf

Mehr Unterstützung für Lehrer im Umgang mit ADHS/ADS

Dr.med. Ursula Davatz betont in ihren Ausführungen die Notwendigkeit, Lehrkräfte im Umgang mit ADHS/ADS-Kindern stärker zu unterstützen. Sie zeigt auf, dass viele Lehrer im Schweizer Schulsystem unzureichend auf die Herausforderungen vorbereitet sind, die diese Kinder mit sich bringen.

Fortbildung und Schulung:

Lehrkräfte benötigen eine fundierte Ausbildung im Bereich ADHS/ADS, um die Besonderheiten dieser Kinder zu verstehen und adäquat auf ihre Bedürfnisse eingehen zu können.

  • Verständnis für die Wesensart: Es ist wichtig, dass Lehrer die neurobiologischen Grundlagen von ADHS/ADS verstehen und lernen, die Kinder in ihrer individuellen Wesensart zu erkennen und anzunehmen.
  • Abkehr von überholten Methoden: Die gängige Pädagogik der Bestrafung und Belohnung ist bei ADHS/ADS-Kindern wirkungslos und sollte durch alternative Ansätze ersetzt werden, die auf positive Verstärkung und individuelle Förderung setzen.
  • Umgang mit herausforderndem Verhalten: Lehrkräfte sollten Strategien erlernen, um mit dem oft herausfordernden Verhalten von ADHS/ADS-Kindern umzugehen, ohne dabei die Kinder zu beschämen oder zu bestrafen.

Kollegiale Beratung und Austausch:

Der Austausch mit Kollegen und Expertinnen ist unerlässlich, um Unsicherheiten zu überwinden und von den Erfahrungen anderer zu lernen.

  • Tutorensystem: Die Einführung eines Tutorensystems, bei dem erfahrene Lehrkräfte ihre jüngeren Kollegen im Umgang mit ADHS/ADS-Kindern unterstützen, kann wertvolle Hilfe leisten.
  • Schulbesuche: Gegenseitige Schulbesuche bieten die Möglichkeit, verschiedene Umgangsformen mit ADHS/ADS-Kindern kennenzulernen und sich neue Ideen zu holen.
  • Supervision: Regelmäßige Supervision durch Fachpersonen mit ADHS/ADS-Expertise kann Lehrkräften helfen, ihre eigene Arbeit zu reflektieren und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Strukturelle Veränderungen:

Neben Fortbildungen und Austauschmöglichkeiten sind auch strukturelle Veränderungen notwendig, um Lehrkräfte im Umgang mit ADHS/ADS-Kindern zu entlasten und ihnen mehr Zeit und Ressourcen für die individuelle Förderung der Kinder zur Verfügung zu stellen.

  • Zwei Lehrkräfte pro Klasse: Der Vorschlag von Dagmar Rösler, dass jede Klasse zwei Lehrkräfte haben sollte, würde den Lehrkräften mehr Raum für individuelle Betreuung und gegenseitige Unterstützung bieten.
  • Kleingruppen und Teamteaching: Durch die Arbeit in Kleingruppen und Teamteaching-Modellen können die Lehrkräfte individueller auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen und sich gegenseitig ergänzen.
  • Entlastung von administrativen Aufgaben: Durch die Reduktion von administrativen Aufgaben könnten Lehrkräfte mehr Zeit für die pädagogische Arbeit mit den Kindern gewinnen.

Zusammenarbeit mit Eltern und Fachpersonen:

Eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern und externen Fachpersonen wie Kinderpsychologen oder Heilpädagogen ist unerlässlich, um ADHS/ADS-Kinder optimal zu unterstützen.

  • Austausch von Informationen: Regelmäßiger Austausch über den Entwicklungsstand und die Bedürfnisse des Kindes ermöglicht ein gemeinsames Vorgehen aller Beteiligten.
  • Entwicklung individueller Förderpläne: Gemeinsam können Eltern, Lehrkräfte und Fachpersonen individuelle Förderpläne entwickeln, die auf die Stärken und Schwächen des Kindes abgestimmt sind.

Fazit:

Die Unterstützung von Lehrkräften im Umgang mit ADHS/ADS-Kindern ist eine zentrale Aufgabe, um diesen Kindern eine erfolgreiche Schulzeit zu ermöglichen. Durch Fortbildungen, Austauschmöglichkeiten, strukturelle Veränderungen und eine enge Zusammenarbeit mit Eltern und Fachpersonen können die Herausforderungen im Umgang mit ADHS/ADS gemeistert und die Potenziale dieser Kinder gefördert werden.

https://ganglion.ch/pdf/Dagmar%20Roesler%20Replik%2025.2.2024.pdf

Die Rolle von Eltern und Lehrern

Dr.med. Ursula Davatz sieht sowohl Eltern als auch Lehrer in einer wichtigen Rolle, wenn es um den Umgang mit ADHS/ADS geht. Sie betont die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen beiden Parteien, um den Kindern ein optimales Umfeld zu bieten.

Eltern

Eltern spielen eine entscheidende Rolle in der Entwicklung und Entfaltung von Kindern mit ADHS/ADS.

  • Verständnis und Akzeptanz: Dr. Davatz ermutigt Eltern, ADHS/ADS nicht als Krankheit, sondern als Neurotyp zu betrachten. Sie sollten ihr Kind mit seinen Stärken und Schwächen akzeptieren und lernen, mit den besonderen Herausforderungen umzugehen.
  • Beziehungsaufbau und emotionale Unterstützung: Eine starke und liebevolle Eltern-Kind-Beziehung ist die Grundlage für eine erfolgreiche Erziehung. Eltern sollten ihrem Kind emotionale Unterstützung bieten und ihm das Gefühl geben, verstanden und akzeptiert zu werden.
  • Klare Regeln und liebevolle Konsequenzen: ADHS/ADS-Kinder brauchen klare Regeln und Grenzen, um sich orientieren zu können. Eltern sollten diese Regeln konsequent, aber liebevoll durchsetzen und dabei auf Bestrafung verzichten.
  • Intrinsische Motivation fördern: Anstatt Befehle zu erteilen und Druck auszuüben, sollten Eltern die intrinsische Motivation ihres Kindes fördern. Sie sollten versuchen, die Neugier und den Entdeckergeist des Kindes zu wecken und ihm sinnvolle Aufgaben geben, die seinen Interessen entsprechen.
  • Beratung und Unterstützung: Dr. Davatz betont die Wichtigkeit der Elternberatung. Sie ermutigt Eltern, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, um zu lernen, wie sie am besten mit den Herausforderungen von ADHS/ADS umgehen können.

Lehrer

Auch Lehrern kommt eine entscheidende Rolle im Umgang mit ADHS/ADS-Kindern zu.

  • Fortbildung und Sensibilisierung: Dr. Davatz kritisiert das mangelnde Wissen und Verständnis vieler Lehrer für ADHS/ADS. Sie fordert eine bessere Ausbildung der Lehrkräfte, um sie für die besonderen Bedürfnisse dieser Kinder zu sensibilisieren.
  • Individuelle Förderung: Lehrer sollten von dem starren System der Belohnung und Bestrafung abrücken und stattdessen individuelle Lernmethoden entwickeln, die den Stärken und Bedürfnissen jedes Kindes gerecht werden.
  • Alternative Lernmethoden: Anstatt sich auf Frontalunterricht zu beschränken, sollten Lehrer abwechslungsreiche und interaktive Lernformen anbieten, die die Aufmerksamkeit und Motivation der ADHS/ADS-Kinder fördern.
  • Zusammenarbeit mit Eltern: Eine enge Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern ist essenziell, um den Kindern ein optimales Lernumfeld zu bieten. Lehrer sollten regelmäßig mit den Eltern kommunizieren, um sich über die Fortschritte des Kindes auszutauschen und gemeinsam Lösungsansätze für auftretende Probleme zu entwickeln.

Zusammenfassend erwartet Dr.med. Ursula Davatz von Eltern und Lehrern eine aktive Auseinandersetzung mit ADHS/ADS. Sie sollten die Diagnose nicht stigmatisieren, sondern als Chance begreifen, die individuellen Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und zu fördern. Verständnis, Geduld, Flexibilität und eine enge Zusammenarbeit sind die Schlüssel für eine erfolgreiche Begleitung von Kindern mit ADHS/ADS.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS_ADS_Apero.pdf

Umgang mit Kindern mit ADHS/ADS: Empfehlungen für Eltern und Lehrer

Dr.med. Ursula Davatz bietet wertvolle Einblicke, wie Eltern und Lehrer mit Kindern umgehen sollten, die ADHS/ADS haben. Dr.med. Ursula Davatz betont die Wichtigkeit eines verständnisvollen und unterstützenden Umfelds, um diesen Kindern zu helfen, ihre Herausforderungen zu meistern und ihr Potenzial zu entfalten.

Wichtige Punkte für Eltern und Lehrer:

  • Akzeptanz und Toleranz: Anstatt zu versuchen, das Kind zu verändern oder in eine Norm zu pressen, sollten Eltern und Lehrer den Neurotyp ADHS/ADS akzeptieren und das Kind so annehmen, wie es ist.
  • Verständnis für die besonderen Bedürfnisse: ADHS/ADS-Kinder haben besondere Bedürfnisse, die sich von denen anderer Kinder unterscheiden. Sie benötigen oft mehr Struktur, klare Regeln und Unterstützung bei der Organisation.
    • Eltern können zu Hause feste Routinen einführen und dem Kind helfen, seinen Alltag zu strukturieren.
    • Lehrer können klare Anweisungen geben, Aufgaben in kleinere Schritte unterteilen und visuelle Hilfen einsetzen.
  • Kommunikation und positive Verstärkung: Offene und ehrliche Kommunikation ist essentiell, um das Kind zu verstehen und ihm zu helfen, mit seinen Schwierigkeiten umzugehen.
    • Eltern und Lehrer sollten geduldig zuhören, auf die Gefühle des Kindes eingehen und Verständnis zeigen.
    • Positive Verstärkung ist wichtiger als Bestrafung. Loben Sie das Kind für seine Erfolge und konzentrieren Sie sich auf seine Stärken.
  • Stressreduktion: Die heutige Leistungsgesellschaft mit ihrem ständigen Stress und Druck ist für ADHS/ADS-Kinder besonders belastend.
    • Eltern und Lehrer sollten darauf achten, dass das Kind genügend Zeit zum Entspannen und Abschalten hat.
    • Ruhige Aktivitäten wie Lesen, Malen oder Zeit in der Natur können helfen, Stress abzubauen.
  • Förderung der individuellen Stärken: Jedes Kind mit ADHS/ADS hat einzigartige Talente und Stärken.
    • Eltern und Lehrer sollten diese erkennen und fördern.
    • Indem man dem Kind die Möglichkeit gibt, seine Stärken auszuleben, kann man sein Selbstwertgefühl stärken und ihm helfen, Erfolgserlebnisse zu sammeln.
  • Zusammenarbeit mit Experten: Bei Bedarf sollten Eltern und Lehrer professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
    • Kinderpsychiater, Psychologen und spezialisierte Therapeuten können wertvolle Unterstützung bieten und bei der Entwicklung individueller Strategien helfen.
    • Dr. Davatz empfiehlt auch die Beratung durch Laienorganisationen wie ADHS20+, die Erfahrung im Umgang mit ADHS/ADS haben und nicht-pathologisierende Ansätze verfolgen.

Zusätzliche Punkte:

  • Vermeiden Sie die Pathologisierung: Dr. Davatz kritisiert die Tendenz, ADHS/ADS als Krankheit zu betrachten.
    • Sie plädiert dafür, ADHS/ADS als „Neurotyp“ zu sehen und die individuellen Unterschiede zu respektieren.
  • Seien Sie geduldig: Der Umgang mit Kindern mit ADHS/ADS kann herausfordernd sein.
    • Eltern und Lehrer brauchen Geduld, Einfühlungsvermögen und Ausdauer, um dem Kind die bestmögliche Unterstützung zu bieten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Eltern und Lehrer eine entscheidende Rolle im Leben von Kindern mit ADHS/ADS spielen. Indem sie ein verständnisvolles, unterstützendes und förderndes Umfeld schaffen, können sie diesen Kindern helfen, ihre Herausforderungen zu bewältigen, ihre Stärken zu entwickeln und ein glückliches und erfülltes Leben zu führen.

https://ganglion.ch/pdf/nebelspalterinnen_ADHS_ADS_23.9.2024.mp3.pdf

Replik zum Interview mit Dagmar Rösler im Sonntagsblick

Replik zum Interview mit Dagmer Rösler im Sonntagsblick vom 25.2.2024

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

25.2.2024
Replik zum Interview mit Dagmar Rösler im Sonntagsblick
Audio

[00:00:02.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Kommentar zum Interview mit Dagmar Rösler im Sonntagsblick vom 25.2.2024.

[00:00:11.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald viele Fachpersonen aussteigen aus dem System, obwohl sie ihren Beruf lieben,
ist etwas mit dem Schulsystem falsch.

[00:00:40.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben das gleiche Problem bei den Ärztinnen.

[00:00:43.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch diese steigen häufig aus, aus ihrem Beruf, obwohl sie ihren Beruf lieben.

[00:00:51.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch dort ist etwas falsch mit dem Gesundheitssystem.

[00:00:58.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht dann von Kindern, die den Schulunterricht terrorisieren.

[00:01:08.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Dagmar Rössler sagt korrekterweise: es geht nicht ums Terrorisieren, sondern die
Kinder sind in Not und brauchen eine andere Behandlung.

[00:01:24.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Sämtliche besonderen Kinder, die Probleme machen im Schulunterricht, sind häufig
Kinder mit ADHS/ADS.

[00:01:37.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist also nicht die Quantität, das heißt die Zeit, die man nicht für diese Kinder hat.

[00:01:45.070] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder brauchen gar nicht so viel Zeit.

[00:01:48.370] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder brauchen einen korrekten Umgang.

[00:01:53.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die gängige Pädagogik von Bestrafung und Belohnung, funktioniert bei ADHS/ADS
Kindern in keiner Weise.

[00:02:06.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss die gängige Pädagogik von Bestrafung und Belohnung gar nicht erst
versuchen.

[00:02:10.340] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder müssen als erstes verstanden werden.

[00:02:14.570] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Kinder müssen abgeholt werden, damit man sie ihrem Temperament und
ihrem Wesen entsprechend führen und begleiten kann.

[00:02:28.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gleiche gilt für sämtliche Tierarten, die vom Menschen dressiert werden.

[00:02:35.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Kein Dompteur könnte ein Tier gut dressieren, das heißt ihm neue Verhaltensweisen
beibringen, ohne dass er das Wesen des entsprechenden Tieres kennt.

[00:02:53.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Kindern ist man offensichtlich noch nicht so weit, dass man ihre Wesensart
zuerst erkennt und dann sie führt.

[00:03:08.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schule verwendet noch häufig die Methode: one size fits all.

[00:03:12.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre die Einheitspädagogik mit Bestrafen und Belohnen.

[00:03:18.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begleite viele Familien, deren Kinder aus dem Schulsystem ausgeschieden sind
oder kurz davor sind, auszuscheiden.

[00:03:28.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald ich die Eltern entsprechend begleite und berate, dass sie lernen, mit ihren
schwierigen Kindern, ADHS/ADS Kindern besser umzugehen, tritt Ruhe ein und die
Entwicklung läuft besser ab.

[00:03:49.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Dagmar Rösler sagt auch, man soll sich früh Hilfe holen.

[00:03:53.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frage stellt sich aber Hilfe wohl holen bei welchem System?

[00:04:00.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das traditionelle medizinische Versorgungssystem, zu welchem auch die Psychiatrie
und die Kinderpsychiatrie gehört, ist leider noch viel zu stark nur auf
Symptombekämpfung und schliesslich soziale Anpassung des "Problem-Kindes"
ausgerichtet.

[00:04:23.930] – Dr.med. Ursula Davatz

Dies wird den Fähigkeiten des Kindes nicht gerecht.

[00:04:30.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sich von Fachpersonen beraten lässt als Lehrer und Lehrerin, dann wäre es
wichtig, dass man solche Fachpersonen aufsucht, die Erfahrung haben im Umgang mit
ADHS/ADS Kindern.

[00:04:51.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Dagmar Rösler erwähnt auch die Elternarbeit und wie wichtig die ist.

[00:04:58.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieser Aussage kann ich absolut zustimmen.

[00:05:04.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss jedoch aufpassen, dass die Eltern mit den Lehrern nicht in eine Rivalitäts-
Situation gelangen und dass eine gegenseitige Schuldzuweisung geschieht.

[00:05:17.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern schieben den Lehrern die Schuld zu, dass sie nicht korrekt oder nicht
adäquat mit ihrem Kind umgehen.

[00:05:29.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer schieben den Eltern die Schuld zu, dass sie das Kind zum Beispiel zu sehr
verwöhnen.

[00:05:36.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Beides hilft nicht weiter.

[00:05:40.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Eltern und Lehrer müssen einen kleinsten gemeinsamen Nenner finden.

[00:05:46.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles unter der Mithilfe einer Fachperson, welche sich wiederum auskennt im Umgang
mit ADHS Kindern.

[00:06:04.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird auch von der Sonderschule geredet.

[00:06:08.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Eltern nicht mehr zufrieden sind mit den Lehrern ihrer Kinder und die Kinder
ständig klagen oder nach Hause ausweichen und die Lehrer am Ende ihrer Strategie
angekommen sind, dann kommt nur noch eine Sonderschule oder Privatschule in
Frage.

[00:06:39.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wohlhabende Eltern suchen dann eine Privatschule auf.

[00:06:44.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Manche der Privatschulen sind sehr kreativ und können gut mit diesen ADHS/ADS
Kinder umgehen.

[00:06:58.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Andere haben aber auch nicht sehr viel Know-How im Umgang mit ADHS/ADS Kinder.

[00:07:04.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Eltern zahlen dann viel Geld und das Resultat ist nicht wesentlich besser.

[00:07:13.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch in den Privatschulen geht es darum, dass Eltern und Lehrer miteinander
zusammenarbeiten können, allenfalls unter der Mithilfe einer dritten Person, mit
Fachkenntnis und Erfahrung im Umgang mit ADHS/ADS Kindern.

[00:07:31.120] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich habe jedoch leider viel die Erfahrung gemacht, wenn ich als Fachperson, als
Psychiaterin und Familientherapeutin mit über 40-jähriger Erfahrung im Umgang mit
ADHS/ADS Kinder den Lehrern meine Hilfe anbieten will, dass man dann nicht sehr
offen ist für mein Know-How, sondern sich vielmehr schnell kritisiert fühlt und dann in
eine Abwehrhaltung gerät.

[00:08:14.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Thema integrative Schule, offensichtlich läuft dieses Projekt nun schon seit 20
Jahren.

[00:08:24.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch ich würde klar sagen integrative Schule: ja, aber die Lehrer brauchen bei diesem
Schulmodell viel mehr Unterstützung.

[00:08:39.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Dabei pflichte ich Dagmar Rößler auch bei, dass jede Klasse zwei Lehrer haben sollte,
wie ein Kind normalerweise auch zwei Elternteile hat, damit sich diese Lehrer dann
auch austauschen können, gegenseitig beraten und das Kind allenfalls, wenn es mit
einem Lehrer nicht richtig zurechtkommt, sich auf den anderen Lehrer beziehen kann
und so die Schulsituation wieder ins Gleichgewicht kommt.

[00:09:22.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche passiert nun zum Teil in der Medizin, dass man in der Medizin zwei
Ärztinnen zusammen anstellt, diese dann nur noch im Teilpensum arbeiten, aber sehr
gut miteinander zusammenarbeiten.

[00:09:44.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben diese Situation nun ja auch mit den Eltern, die beide berufstätig sind und sich
in der elterlichen Aufgabe aufteilen, ausgleichen, ergänzen und unterstützen.

[00:10:02.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesen Vorschlag von Dagmar Rösler würde ich unbedingt unterstützen.

[00:10:10.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Was die Heilpädagogen/Innen im Schulsystem anbetrifft, erlebe ich häufig auch wieder,
dass sie zu sehr medizinisch ausgebildet sind und zu wenig systemisch.

[00:10:25.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ein Kind, das eine Heilpädagogin an einem Tag an seine Seite gestellt
bekommen hat.

[00:10:32.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ausgerechnet an diesem Tag ist es nicht in die Schule gegangen, weil es sich gestört
fühlte durch seine Sonderstellung.

[00:10:43.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Dies muss unbedingt mit berücksichtigt werden.

[00:10:52.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Schulassistenten und Schulassistentinnen sind eine gute Sache. Selbst wenn diese
keine Lehrerausbildung haben.

[00:11:02.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einige Schulassistenten selbst begleitet und auch in Supervision gehabt, und
die können durchaus sehr gute Arbeit machen.

[00:11:17.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können individueller auf das Kind eingehen und vielleicht das Kind besser
beobachten und wahrnehmen in seiner Not oder seinen besonderen Bedürfnissen.

[00:11:29.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieses System würde ich durchaus ebenfalls unterstützen.

[00:11:37.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Der häufige Lehrerwechsel ist natürlich eine Katastrophe für die Kinder, insbesondere
auch für ADHS/ADS Kinder, die häufig nicht so gerne Wechsel haben und länger
brauchen, um sich an eine neue Situation anzupassen.

[00:11:53.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Kinder in meiner Praxis, die innerhalb eines Jahres oder zwei Jahren mehrere
Lehrerwechsel gehabt haben und völlig verzweifelt sind; auch die Eltern sind
verzweifelt.

[00:12:06.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal musste man dabei dann sogar auf Home-Schooling übergehen.

[00:12:15.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kann man wieder sagen, die Lehrer müssen viel mehr Unterstützung erhalten von
entsprechenden erfahren Personen.

[00:12:25.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte auch das Tutorensystem einführen, das ältere erfahrene Lehrer, jüngere
Lehrer begleiten und ihnen etwas Schulpraxis beibringen.

[00:12:44.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch gegenseitige Schulbesuche würde ich sehr unterstützen, damit Lehrer sehen, wie
andere Lehrpersonen mit schwierigen ADHS/ADS Kindern umgehen.

[00:12:56.530] – Dr.med. Ursula Davatz
So würde das Know-How im Umgang mit ADHS/ADS Kindern sich mehr verbreiten.

[00:13:06.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Noten als Motivation für eine gute Leistung ist nur beschränkt hilfreich, da gehe ich mit
Dagmar Rössler einig.

[00:13:15.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Noten sind an sich eine primitive Bewertung des Leistungseinsatzes für die Kinder,
insbesondere für ein lernbehindertes Kind, wie häufig ADHS/ADS Kinder auch sind,
indem sie zusätzlich eine LRS haben, Dyskalkulie oder andere neurologische
Spezialitäten.

[00:13:46.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Idealerweise sollte das Kind mit seinem eigenen Leistungsfortschritt konfrontiert
werden und gelobt werden für jeden kleinen Fortschritt, auch wenn er noch so klein ist.

[00:14:03.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Dies motiviert.

[00:14:06.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch Geld würde ich niemals für gute Noten geben.

[00:14:11.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder sind von sich aus neugierig, lernbereit.

[00:14:16.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf ihre Neugier und ihre Lernbereitschaft aber nicht abstumpfen, indem man wie
gesagt, ungeschickt mit ihnen umgeht.

[00:14:29.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier spielt das Thema Beschämung eine ganz wichtige Rolle.

[00:14:35.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele Lehrer verwenden auch heute noch die Beschämung eines Kindes als Motivation.

[00:14:43.490] – Dr.med. Ursula Davatz

Beschämung bewirkt nur Ausweichverhalten, Vermeidungsverhalten, aber niemals
Leistungsansporn.

[00:14:53.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Beschämung sollte also total vermieden werden.

[00:15:02.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird heutzutage viel davon gesprochen, dass die Jugend immer mehr Probleme hat,
dass die Kinderpsychiater überfordert und überlastet sind, dass mehr Selbstmordraten
auftreten, usw.

[00:15:23.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Dazu kann ich nur sagen, das medizinische Modell, das nur das einzelne Individuum
fokussiert behandelt, Symptome bekämpft, reicht niemals aus, ja ist geradezu tödlich für
Jugendliche.

[00:15:44.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Jugendliche stecken in einer Entwicklung und zwar in der Persönlichkeitsentwicklung.

[00:15:53.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das jugendliche Gehirn ist zu diesem Zeitpunkt auch in einer Umbauphase.

[00:15:59.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Man nennt es Synaptic Pruning.

[00:16:02.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das jugendliche Gehirn ist von dort her sehr störanfällig.

[00:16:07.440] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne sollten Lehrer von Jugendlichen und Eltern von Jugendlichen, die nicht
einfach problemlos durch das Schulsystem hindurch laufen, unbedingt gute

Unterstützung mit Know-How bekommen und nicht einfach Medikamente den Kindern
abgegeben werden.

[00:16:37.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch da mangelt es schließlich an entsprechend erfahrenen Fachpersonen.

[00:16:47.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Fachpersonen könnten sich alle herausbilden, indem sie um Hilfe gefragt werden
und sich dann überlegen müssen, wie man weiter vorgehen könnte.

[00:17:02.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin zu 100% einverstanden mit Dagmar Rössler, wenn sie sagt: eine Investition in
unsere Zukunft, unsere Nachkommenschaft, unsere Kinder lohnt sich unbedingt und
sollte viel sorgfältiger angegangen werden.

[00:17:28.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn immer wieder vorgebracht wird, wir hätten kein Geld, um unsere Kinder, unsere
Schulen, unsere Lehrer entsprechend zu unterstützen, muss ich sagen: Man spart am
falschen Ort.

[00:17:44.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Es könnten Millionen von Franken gespart werden, würde man sorgfältiger in unsere
Jugend, unsere Zukunft investieren und die Verführung der Jugend nicht nur dem
Internet überlassen.

[00:18:02.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Lehrer haben heutzutage viel mehr Konkurrenz durch das Internet, die sozialen Medien
etc.

[00:18:09.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald der Unterricht langweilig wird, schalten die Kinder um auf ihr Handy.

[00:18:17.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Man füttert die ADHS/ADS Kinder offensichtlich nicht mit dem Stoff, den sie brauchen
oder wollen.

[00:18:25.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist das Schulsystem der allgemeinen Entwicklung, der elektronischen Entwicklung
etwas hinterher geblieben, hinkt hinterher, ist zurückgeblieben und sollte sich unbedingt
neu formatieren, neu ausprobieren und neue Methoden wagen.

[00:19:02.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Präventionskosten wären wenig im Vergleich zu den Reparationskosten.

[00:19:09.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin täglich mit Reparationskosten an Kindern und auch Erwachsenen, die im
Schulsystem ungeschickt behandelt wurden, konfrontiert.

[00:19:23.990] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne müsste man auch die Industrie dazu verpflichten, dass sie nicht nur zu
ihren Gunsten in die Jugend investiert, um gute Arbeiter für sich zu bekommen, sondern
dass sie in neutraler Weise in unsere Nachkommenschaft investiert und nicht nur in
ihren eigenen Betrieb.

[00:19:49.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesbezüglich müsste politisch gesehen eine große Veränderung stattfinden und
politisch auch durchgesetzt werden.

[00:20:02.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Es werden von den Krankenkassen sogar Präventionsgelder auf die Seite gestellt, aber
wenige Leute wissen davon und nutzen sie dann auch.

[00:20:17.600] – Dr.med. Ursula Davatz

Vor Jahren waren 11 Millionen Schweizer Franken brachgelegen beim Bundesamt für
Prävention und niemand oder wenige Leute haben davon gewusst noch dies dann
genutzt.

[00:20:38.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Diesbezüglich wäre eine Umschaltung des Geldflusses, vermehrt in die Schule und die
Prävention – eben eine moderne Schule – absolut sinnvoll und würde unserer
Gesellschaft gut tun.

[00:21:00.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind meine Worte zum Interview mit Dagmar Röseler am Sonntag, 25.2.2024.

[00:21:05.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Schönen Sonntag!

Gruppe für AD(H)S-Betroffene und Bezugspersonen wie Eltern, Partner, Lehrer, Lehrmeister, Vorgesetzte

PDF: ADHS-Gruppe 2019

Transkript (OCR)

Ursula Davatz
Dr. med., Fachärztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie
KOMPETENZZENTRUM FÜR ADHS und SCHIZOPHRENIE

CH-5400 Baden, Mäderstrasse 13, Tel. 056/200 08 10, Fax 056/200 08 18,
sekretariat@ganglion.ch,
www.ganglion.ch,
http://schizo.li/

2019 – Gruppe für AD(H)S-Betroffene und Bezugspersonen wie Eltern, Partner, Lehrer, Lehrmeister, Vorgesetzte etc.

Leitung: Frau Dr. med. U. Davatz, Familientherapeutin und Psychiaterin –
www.ganglion.ch /
http://schizo.li

Ort: Konferenzzimmer Praxisgemeinschaft Mäderstrasse 13, Baden

Ziel: Menschen mit AD(H)S sind ganz spezielle Persönlichkeitstypen mit bestimmten Eigenschaften, die es für die Betroffenen selbst, wie auch für das soziale Umfeld, manchmal etwas schwierig macht in den zwischenmenschlichen Beziehungen. In dieser Gruppe werden Problemlösungsstrategien in Konflikten zusammen mit der Fachperson erarbeitet ohne dabei die Persönlichkeit der Betroffenen oder das Umfeld zur Anpassung zwingen zu müssen, über Unterdrückung der eigenen Emotionen.

Daten: Jeweils Donnerstag, 17.30 – 19.00 Uhr
24.01.2019, 21.02.2019, 28.03.2019, 18.04.2019, 23.05.2019, 27.06.2019, 05.09.2019, 10.10.2019, 14.11.2019, 12.12.2019

Kosten: Kosten werden von der Krankenkasse übernommen, ausser dem Selbstbehalt. Bitte Krankenkassen-Karte beim 1. Mal mitnehmen!

Eine Anmeldung ist nicht notwendig, da der Kurs punktuell oder regelmässig besucht werden kann.
Stand 29.10.2018

NERVENPROBE PUBERTÄT – ADHS im Spannungsfeld zwischen Schule und Beruf

Vortrag zum Anhören:

ELPOS – Familie+Begegnung Lenzburg, Walkenweg 19, 5600 Lenzburg, Donnerstag, 26.April 2012 / 19.30 – 21.00 Uhr

Der Übergang vom Kindesalter ins Erwachsenenalter ist für Eltern und Jugendliche stets eine nervliche Zerreissprobe. Kommt dann noch die Berufswahl dazu, wird es noch schwieriger. Eltern wie Lehrer, aber vor allem die jungen Menschen mit oder ohne ADHS können dabei fachliches Coaching gut gebrauchen in der heutigen Zeit, damit die Weichen nicht falsch gestellt werden. Die Pubertätsphase ist ohnehin eine Zerreissprobe, nicht nur für die Nerven der Eltern, sondern auch für die Eltern-Kind Beziehung. Besteht beim Kind zusätzlich ein ADHS, haben Eltern häufig besondere Angst, denn alles ist extremer bei diesen Kindern, inklusive die Pubertät. Sie können aber plötzlich auch ganz vernünftig sein, dies zum grossen Erstaunen der Eltern.

Einige Grundregeln für das elterliche Verhalten von ADHS-Kindern in der Pubertät

–  Man darf die Kinder in dieser Entwicklungsphase nicht mehr erziehen wollen, Eltern sollen die Beziehung pflegen.

– Die eigene Emotionalität muss gut unter Kontrolle gehalten werden.

– ADHS-Kinder haben ohnehin Probleme mit Ihrer Impulskontrolle.

– Während der Pubertät sollten sie sich eine bessere Kontrolle über ihre Emotionen erarbeiten.

– In der Pubertät ist die Emotionalität aber ohnehin aufgewühlt, auch bei Jugendlichen ohne ADHS.

– Versuchen die Eltern nun, ihre pubertierenden Kinder mit starker eigener Emotionalität auf den richtigen Weg zu bringen, giessen sie Öl ins Feuer, die Situation eskaliert und das Eltern-Kind Verhältnis geht in Brüche, die Beziehung reisst oder das Kind wird krank.

– Im Zweifelsfalle sollen die Eltern das Steuer eher loslassen und dem Kind das Steuer überlassen anstatt zu übersteuern und über einen vernichtenden Machtkampf in einen Schleuderkurs zu geraten.

– Eltern sollen im Machtkampf mit ihrem pubertierenden Kind nicht unbedingt gewinnen wollen. Eltern sollen auch verlieren können. Sie tragen dadurch zum Selbstwertgefühl ihres Kindes bei.

– In der Pubertät geht es um die Übernahme der eigenen Verantwortung, um Selbstkontrolle und Eigenverantwortung und nicht um Fremdkontrolle durch die Eltern.

– Eigenverantwortung muss aber gelernt und geübt werden, sie kann nicht befohlen werden.

Die Berufsfindung

 – Berufs- und Partnerwahl sind zwei wichtige Entscheidungen im Leben eines Menschen.

– Die Berufsfindung beginnt meistens in der Pubertät, die Partnerwahl sollte eher später stattfinden.

– Bei der Berufswahl spielt die schulische Leistung, sprich die Noten, eine nicht unwesentliche Rolle.

– Noch wichtiger ist aber die Persönlichkeitsentwicklung des pubertierenden Kindes.

– Setzen die Eltern zu sehr nur auf schulische Leistungen – bei ADHS-Kindern bestehen ohnehin häufig Lernstörungen – kommt die Persönlichkeitsentwicklung zu kurz.

– Bei ADHS-Kindern sollte deshalb ganz besonders vermehrt auf die Persönlichkeitsentwicklung geachtet werden und weniger auf die schulische Leistung.

– Die Persönlichkeitswicklung findet nur während der Pubertätsphase statt. Lernen kann hingegen noch das ganze Leben lang nachgeholt werden.

– Noten sind in dieser Phase also weniger wichtig, als Eigenverantwortung und Persönlichkeitsentwicklung.

– ADHS-Kinder sind häufig eigensinnig und speziell. Sie haben oft auch besondere Berufswünsche.

– Diese Berufswünsche sollten unbedingt ernst genommen werden und, falls ADHS-Kinder noch nicht wissen was sie wollen, muss man auch zuwarten können bis sie fündig geworden sind.

– Drängen macht sich nicht bezahlt bei ADHS-Kindern, es lohnt sich warten zu können, bis die Entwicklung soweit ist. Ein Zwischenjahr, eine sinnvolle neue Erfahrung ohne bestimmte Berufsabsicht, kann helfen.

Probleme in und mit der Schule

– Viele Lehrer haben Probleme mit pubertierenden Schülern, ganz besonders auch mit ADHS-Pubertierenden.

– Sie neigen dann zum Erziehen durch strafen und ziehen die Eltern mit hinein in diese “negative Motivation“.

– Eltern sollten sich nicht durch die strafende Haltung der Lehrer anstecken lassen.

– Eltern sollen aber auch nicht unablässig gegen die “bösen Lehrer“ kämpfen, um ihr armes Kind zu beschützen, auch dieses Verhalten ist nicht hilfreich für das Kind.

– Die Lehrer sind für die Kinder ein Teil des Lebens, mit dem Eltern wie Kinder umzugehen lernen müssen. Eltern sollen das Gespräch mit dem Lehrer suchen, aber nicht mit der Einstellung, ihn verändern zu wollen.

Schlussbemerkung

Lassen sie sich viel Zeit für die Persönlichkeitsentwicklung mit ihrem pubertierenden ADHS-Kind, auch für die Berufsfindung. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht und auch nicht höher. Nehmen Sie sich auch immer wieder viel Zeit für sich selbst und tragen Sie ihrem Nervenkostüm Sorge, damit Sie für ihr Kind ein Fels in der Brandung sein können.

Alle Vorträge in einem Überblick findet man hier:

https://docs.google.com/leaf?id=0B5IKCk-WPk46NWVkZGM0MTUtMDk3My00YjE3LWJhZDQtOTdmZjM1YWIxMzRi&hl