Umgang mit ADHS/ADS

Der Umgang mit ADHS/ADS wird in den Quellen als entscheidender Faktor für die gesunde Entwicklung und das Wohlbefinden dieser Menschen betrachtet, die als spezifischer Neurotyp gelten.

Da das Gehirn ein plastisches Organ ist und durch die Interaktion mit dem Umfeld beeinflusst wird, ist der richtige Umgang essenziell, um die Entwicklung von Folgekrankheiten zu verhindern.

1. Grundprinzipien des Umgangs und der Führung

Der Umgang mit ADHS/ADS-Betroffenen muss hochgradig angepasst sein, da sie einen sensiblen Neurotyp darstellen, der zur schwierigeren Stressverarbeitung neigt [2, 53:49.220].

Persönlichkeits- und Temperamentgerechte Behandlung

Es ist entscheidend, dass mit diesen Kindern artgerecht, persönlichkeitsgerecht und temperamentgerecht umgegangen wird. Geschieht dies nicht, werden sie krank und entwickeln Folgekrankheiten.

Wird das Potential jedoch nicht zerstört, kann der artgerechte Umgang Spitzenleistungen in Bereichen wie Sport oder Wissenschaft hervorbringen.

Führung und Begleitung

ADHS/ADS-Kinder benötigen Führung und Begleitung [58, 41:55.161]. Sie müssen lernen, mit ihrem Temperament umzugehen.

Man muss Geduld haben und ein Vorbild sein. Da sie sehr begeisterungsfähig sind, sich stark verausgaben und dann zusammenbrechen, müssen sie lernen, selbst „Stop“ zu sagen.

Beruhigung vor Erziehung

ADHS/ADS-Kinder sind sehr emotional und sehr impulsiv.

  • Im Augenblick, in dem sie hoch erregt sind, kann man sie nicht erziehen.
  • Man muss sie immer zuerst beruhigen, bevor man Regeln aufstellen kann.

2. Kritik an gängigen Erziehungsmethoden

Methoden, die in der Pädagogik oft verwendet werden, funktionieren bei diesem Neurotyp nicht und sind schädlich:

  • Belohnung und Bestrafung: Erziehungsmethoden wie das Smiley-System funktionieren bei ADHS/ADS-Kindern nicht. Bestrafung macht sie schlechter und gibt ihnen ein schlechtes Selbstwertgefühl.
  • Kein Argumentieren mit dem Reflex: Da ihre Verhaltensweisen oft reflexartig ablaufen, kann man nicht mit dem Reflex argumentieren.
  • Langeweile und Potentialzerstörung: Wenn hochintelligente ADHS/ADSler sich langweilen, stören sie und werden dafür bestraft, was zu dem Gefühl führt: „Ich bin nicht in Ordnung“. Man müsste sie stattdessen mit mehr Aufgaben füttern. Dadurch wird großes menschliches Potential zerstört.

3. Unterstützung des Umfelds und der sozialen Entwicklung

Der Fokus im Umgang muss auf dem ganzen System und der Persönlichkeitsentwicklung liegen.

Förderung des Selbst

Es ist wichtig, die Persönlichkeitsentwicklung der ADHS/ADS-Menschen zu fördern [30, 41:44.820]. Der Grundsatz sollte sein: „Das Beste, was ein Kind werden kann, ist sich selbst“.

  • Soziale Anpassung: Nur wenn ein Kind sich selber werden darf, kann es sich auch sozial anpassen.
  • Kritik: Wenn das Kind immer als falsch kritisiert wird, ist es nicht in der Lage, sich anzupassen.

Rolle des Umfelds und der Prävention

Das erzieherische Umfeld muss so früh wie möglich unterstützt werden, idealerweise bereits im Kindergarten. Wenn das Umfeld nicht frühzeitig beraten wird und Eltern keine Hilfe bekommen, entwickelt sich im Laufe der Zeit eine Krankheit.

Die Psychiatrie wird kritisiert, weil sie das Umfeld wenig bis gar nicht in die Behandlung einbezieht und nur das Individuum sowie die Symptome bekämpft.

Umgang mit Autismus (ADS)

Da autistische Kinder oft ADS-Kinder sind, die sich zurückziehen, wenn das Umfeld zu hyperaktiv ist, muss das Umfeld beruhigt und verlangsamt werden. Es muss lernen, besser zu beobachten und nicht „gleich drauf los zu schießen“.

4. Umgang im Berufsleben und bei Entscheidungen

ADHS/ADS-Menschen müssen ihren Fokus und ihr Leben finden.

  • Berufswahl: Bei der Berufswahl sollte man nicht nach dem Geld, sondern nach der Stimmigkeit gehen (ob das Klima passt). Wenn das Umfeld nicht stimmt, geht es gar nicht. Es ist besser, keine Stelle anzunehmen als eine falsche.
  • Kommunikation: Im Berufsleben können Betroffene kommunizieren, welche Bedingungen sie für gutes Funktionieren brauchen, ohne unbedingt die Diagnose nennen zu müssen: „Wenn sie mit mir so und so umgehen, dann funktioniere ich nicht. Sie wollen, dass ich gut funktioniere“.
  • Nachteilsausgleich: An Schulen und Universitäten kann ein Nachteilsausgleich verlangt werden, beispielsweise mehr Zeit für Prüfungen oder ein ruhiger Raum.
  • Selbstoffenbarung: Wenn man einen Chef hat, dem man es sagen kann, kann es hilfreich sein, das ADHS/ADS offenzulegen.

5. Therapie und Medikamente

Medikamente und Therapie ergänzen sich.

  • Medikamente: Sie sind enorm hilfreich in Akutsituationen und werden zur Stimmungsregulation (dämpfen/runterfahren oder hochfahren/motivieren) eingesetzt.
  • Lernprozess: Allerdings lernen die Menschen, die Medikamente nehmen, nicht besser mit ihrem Temperament umzugehen, da das Umfeld unverändert bleibt.
  • Therapeutisches Ziel: Das Ziel sollte sein, die Medikamente immer mehr zu reduzieren. Die systemische Therapie, welche das Umfeld einbezieht, ist in diesem Kontext sehr wichtig.

Hinweis zur Schule und Ritalin: Obwohl Ritalin für Kinder hilfreich sein kann, um die Handhabung zu erleichtern, dürfen Lehrer nicht verlangen, dass ein Kind Ritalin nehmen muss. Die Entscheidung liegt bei den Eltern.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/10/Rigi_Buchvorstellung_2.10.2025.m4a.pdf

Umgang mit ADHS/ADS

Dr. med. Ursula Davatz, die sich seit über 40 Jahren mit ADHS/ADS befasst, sieht ADHS/ADS nicht primär als Krankheit, sondern als genetischen Ursprung oder genetische Voraussetzung, einen sogenannten Genotyp oder Neurotyp. Das Gehirn von Menschen mit ADHS/ADS funktioniert ihrer Ansicht nach einfach „ein bisschen anders“, und dieses „Anders“ sei nicht krank. Ob sich aus dieser genetischen Veranlagung positive Fähigkeiten entwickeln oder negative Folgeerscheinungen auftreten, hängt massgeblich vom Umfeld ab. Der Umgang mit ADHS/ADS sollte daher persönlichkeitsgerecht oder artgerecht sein.

Einfluss des Umfelds und der Erziehung/Führung:

  • Ein zu rigides Umfeld, das versucht, die Person stark an Regeln zu gewöhnen, kann die Kreativität eher abklemmen. Wenn relativ viel Offenheit da ist und experimentieren erlaubt wird, kann sich die Person gesünder entwickeln.
  • Eine unklare Struktur oder eine bestrafende Erziehungsmethode können bei Jungen eher zu Delinquenz führen.
  • Sowohl rein autoritäre als auch anti-autoritäre bzw. Laissez-faire-Erziehung sind nicht gut für ADHS/ADSler. Sie brauchen einen gewissen Halt, Regeln und Strukturen, die aber nicht zu eng sein dürfen.
  • Eine autoritative Erziehung/Führung wird empfohlen: Man hat Regeln und sagt diese klar, aber man sagt nicht „du musst“ oder „du sollst“. Stattdessen drückt man seinen eigenen Willen aus: „ich will“.
  • Beschämung („warum hast du nicht…?“) ist bei ADHS/ADSlern besonders schädlich und sollte vermieden werden, da darunter generell nicht gelernt wird. Es kann zu Rückzug, Abschotten oder Aggression führen.

Kommunikation als zentrales Werkzeug:

  • Die Energie sollte bei der Person bleiben, die etwas will, und nicht gegen das Kind/die Person gerichtet sein, da dies Abwehr oder Aggression auslöst.
  • Validierung ist entscheidend: Man muss zuerst herausfinden, aus welchem Grund die Person etwas so gemacht hat, indem man fragt: „Was hast du dir dabei überlegt?“. Das geschieht nicht degradierend, sondern wertschätzend. Erst danach sagt man, wie man es gerne möchte.
  • Bei ADHS/ADSlern, die sehr sensibel sind und sofort spüren, wie man auf sie eingestellt ist, ist der emotionale Ton wichtiger als der Inhalt. Um sicherzustellen, dass der Inhalt ankommt, muss die Kommunikation ruhig und ohne verurteilenden Ton sein.
  • Wenn ADHS/ADSler kritisiert oder „zusammen geschissen“ werden, schaltet ihr Gehirn ab. Man muss sie „zurückholen in die Beziehung“. Es gibt keine Erziehung/Führung ohne Beziehung.
  • Offene Kommunikation im Team, auch über die eigenen Eigenschaften, ist wichtig für den Lernprozess. Man kann seine Reaktionen erklären, ohne unbedingt die Diagnose zu nennen.

Umgang mit spezifischen ADHS/ADS-Eigenschaften:

  • Breite Aufmerksamkeit und Ablenkbarkeit: Erkennen, dass alles interessiert. Die leichte Ablenkbarkeit liegt an einer weniger guten Filterfunktion im Gehirn. Bei uninteressanten Themen entsteht ein Defizit. Wenn sich die Person für etwas interessiert, kann sie Hyperfokus entwickeln und Hyperperformance zeigen.
  • Impulsivität: Bei spontanen Entscheidungen (z.B. sich für zu viele Aufgaben melden) muss die Person angehalten werden, innezuhalten, zu warten und nachzudenken. Bei Unterbrechungen die Person validieren und dann umlenken.
  • Prokrastination (Aufschieberitis): Im Erwachsenenalter häufig. To-Do-Listen sind oft ineffektiv. Wichtig ist eine genaue Fokussierung der Aufgabe: wann, welcher Tag, welche Zeit, welcher Ort. Es braucht Selbstdisziplin, um dies dann auch umzusetzen. Für langweilige Aufgaben kann die gezielte Einnahme von Medikamenten eine Option sein.
  • Struktur und Ordnung: ADHS/ADSler tun sich schwer, sich selbst zu strukturieren. Es ist wichtig, dass sie lernen, sich selbst zu strukturieren, anstatt dass andere die Strukturierung übernehmen. Das Entwickeln von Prinzipien und Gewohnheiten (durch mehrmaliges gleiches Handeln) integriert diese ins Gehirn und spart Energie. Klare Morgenrituale oder Rituale zum Herunterfahren vor dem Schlafengehen sind hilfreich. Im Arbeitsumfeld oder in der Familie ist bei Überforderung oder Chaos ein frühes, klares, „autoritäres“ Eingreifen zur Strukturierung notwendig, gefolgt von einem Rückzug, sobald die Ordnung hergestellt ist. Dies ist ein Einordnen der Situation, nicht eine Bewertung der Person.
  • Sensibilität und Umgang mit Kritik/Fehlern: Hohe Sensibilität auf Verletzungen und Kränkungen. Fehler passieren häufig. Fehler dürfen nicht bestraft werden. Stattdessen sollte man sie gemeinsam anschauen und nach den Überlegungen fragen. Fehler können viel Kreativität enthalten. Man lernt aus Fehlern. Einmal „ausrutschen“ und daraus lernen ist besser als zwanghaftes Vermeiden von Fehlern, was zu Unnatürlichkeit führt.
  • System Overload: In reizüberfluteten Umgebungen (wie einem Spital) kann es schnell zum Zusammenbruch kommen. Multitasking funktioniert gut, wenn es Spass macht, wird aber zur Überforderung, wenn es zu viel wird. Wie bei fehlender Struktur ist hier ein frühes, klares Eingreifen der Führungsperson wichtig.
  • Rechtfertigung: Wenn jemand sich rechtfertigt, sollte diese Diskussion auf später verschoben werden. Zuerst die Handlung validieren, dann die Rechtfertigung separat besprechen.
  • Helfen (Über-Helfen): Wenn jemand zu sehr versucht, allen gleichzeitig zu helfen, sollte dies anerkannt („du bist ein Helfertyp, das ist gut“) und dann begrenzt werden („du kannst nicht allen gleichzeitig helfen und deine eigene Arbeit machen“).

Stärken erkennen und fördern:

  • ADHS/ADSler haben oft eine primäre Gabe der Empathie und ein gutes Gespür für Menschen. Diese Gabe sollte wahrgenommen und gepflegt werden.
  • Sie sind in der Regel kreativer und können besser Denk-Grenzen überschreiten.
  • Sie können sich für Themen, die sie interessieren, intensiv begeistern und einen Hyperfokus entwickeln.
  • Es ist entscheidend, die Stärken des ADHS/ADS-Mitarbeiters zu erkennen und ihn dort einzusetzen, wo er seine Stärken hat. Die Führungskraft agiert hier wie ein „Zirkusdirektor“. Reine Kritik an Schwächen ist nicht hilfreich.

Medikamente:

  • Medikamente wie Ritalin wirken auf das Dopaminsystem und sind stimulierend („Uppers“). Sie können helfen, den Fokus bei langweiligen oder mühsamen Aufgaben zu finden.
  • Allerdings können sie auch negative Auswirkungen haben: die breite Wahrnehmung geht verloren, die emotionale Wahrnehmung geht verloren, und man ist nicht mehr so kreativ. Architekturstudenten berichten beispielsweise, dass sie mit Ritalin weniger kreativ sind.
  • Zu viel Dopamin kann Psychosen auslösen. Bei Erwachsenen kann die Einnahme von zu viel Amphetamin-ähnlichen Medikamenten zu psychotischen oder schizophrenen Zuständen führen.
  • Medikamente dürfen nie ohne Begleitung eingenommen werden.
  • Sie müssen nicht immer genommen werden, sondern können gezielt eingesetzt werden. Jeder muss selbst herausfinden, was für ihn passt. Die Entscheidung über die Gabe von Medikamenten bei Kindern liegt bei den Eltern.

Coaching und Begleitung:

  • Coaching oder eine entsprechende Begleitung ist essenziell und sollte Medikamente immer begleiten. Nur mit Medikamenten korrigieren zu wollen, wird als „Verleugnungstaktik“ oder „Grössenwahn der Mediziner“ gesehen.
  • Es muss ein Coach gefunden werden, der sich im ADHS/ADS auskennt. Therapeuten, die ADHS/ADS nicht verstehen, versuchen oft, es zu „korrigieren“, was nicht getan werden darf.
  • ADHS/ADS kann nicht weg therapiert oder erzogen werden. Am Ende muss sich der ADHS/ADSler immer selber erziehen, und dabei kann ein Coach helfen.
  • Coaching hilft, den eigenen Typ kennenzulernen und Selbstreflexion zu üben. Es geht darum zu lernen, mit sich selbst umzugehen.
  • Eine gute Begleitperson versteht etwas von ADHS/ADS, hat Selbstironie und Reflexionsfähigkeit. Sie kann dem Betroffenen helfen, indem sie normalisiert („das passiert mir auch“) und zum Lernen ermutigt („wir müssen es eben lernen“).

Weitere Aspekte des Umgangs:

  • Digitalisierung: Die Digitalisierung birgt die Gefahr, dass durch übermässigen Konsum (Handy) Vernetzungen im Gehirn (insbesondere für soziale Kompetenz und Mimiklesen) weniger stark ausgebildet werden. Sie fördert eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und kann zur Abkapselung beitragen. Eltern sollten menschliche Interaktion fördern. Die Medien sind darauf ausgelegt, über Sensation und Angst Aufmerksamkeit zu erregen.
  • HR-Rolle: HR-Abteilungen sollten Anpassungen nicht missbrauchen. Sie sollten der Person zuhören, validieren, wie sie sich fühlt, und dann erklären, dass es im System Regeln gibt, die eine Anpassung erfordern, wenn man im System bleiben möchte.
  • Sucht: Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen ADHS/ADS und Sucht. Suchtmittel bieten eine schnelle, gefährliche Lösung für unangenehme Gefühle. Der Umgang mit Sucht erfordert die Begleitung des Betroffenen, um mit seinen Gefühlen umgehen zu lernen, anstatt nur Abstinenz anzustreben.

Zusammenfassend ist der Umgang mit ADHS/ADS stark vom Umfeld geprägt. Eine unterstützende, verstehende Umgebung mit klaren, aber flexiblen Strukturen und einer validierenden Kommunikation ist entscheidend. Medikamente können unterstützend eingesetzt werden, sind aber kein alleiniges Mittel und sollten immer von einer fachkundigen Begleitung (Coaching) begleitet werden. Das Wichtigste ist, dass der Betroffene lernt, sich selbst zu verstehen, zu reflektieren und mit seinen Eigenschaften umzugehen.

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In der Psychiatrie werden ja auch viele Verträge gemacht. Bei ADHS Kinder funktionieren Verträge nicht.

Zielpublikum: Fachpersonen im Bildungs- und Therapiebereich (Logopädie, Psychomotorik), Eltern, und alle, die am Thema ADHS/ADS interessiert sind.

1. Einleitung: ADHS/ADS – Mehr als eine Krankheit

Dr. med. Ursula Davatz, mit über 40 Jahren Erfahrung, betont zu Beginn, dass ADHS/ADS keine Krankheit ist, sondern ein „Neurotyp“, eine genetisch bedingte Variante der Hirnstruktur. Sie sagt ganz klar: „Als Psychiaterin sage ich ganz klar: es ist keine Krankheit. Es ist nur ein Neurotyp.“ Sie erklärt, dass diese Neurotypen durch eine Kombination von 30 bis 100 Genen vererbt werden. Früher sprach man von „POS-Kindern“ (frühkindliches Psychosomatisches Syndrom), was auf eine Hirnstörung hinwies.

2. ADHS vs. ADS: Zwei Persönlichkeitstypen

Dr.med. Davatz unterscheidet zwischen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) als zwei unterschiedliche Persönlichkeitstypen:

  • ADHS: Der extrovertierte Typ, der bei Einschränkungen aggressiv wird und eine hohe Sensibilität besitzt. Sie reagieren stark auf „Nein“ und haben eine breite Aufmerksamkeit.
  • Zitat: „Der extrovertierte Typ, der aggressiv wird, wenn man ihn behindert in seiner Aktivität, der verrückt wird, wenn man nein sagt, der alles gerade übernimmt, der hat hinten dran eine hohe Sensibilität.“
  • ADS: Der introvertierte Typ, der eher nach innen flüchtet, mental hyperaktiv ist und dazu neigt, sich Geschichten auszudenken. Sie brauchen mehr Zeit zur Orientierung und reagieren sensibel auf Zwang. Sie tendieren eher zu negativen Gedankenspiralen.
  • Zitat: „ADsler, die werden nicht aggressiv, die flüchten eher nach innen. Die gehen in eine mentale Hyperaktivität hinein.“

3. Kernmerkmale von ADHS/ADS

  • Breite Aufmerksamkeit: Sowohl ADHS- als auch ADS-Betroffene haben eine breite, nicht-selektive Aufmerksamkeit, was in der Schule als „Aufmerksamkeitsstörung“ gesehen wird, aber in anderen Kontexten eine Stärke sein kann. Sie haben Schwierigkeiten zu unterscheiden, was wichtig ist.
  • Zitat: „Wenn man das Kind in die Natur raus schickt, dann ist es nicht eine Störung, sondern dann ist es eine breite Aufmerksamkeit.“
  • Teasing und Spielreflex: ADHSler nutzen Teasing, um Reaktionen zu testen. Dieses Verhalten kann in einem gut erzogenen Umfeld als frech oder unpassend wahrgenommen werden.
  • Zitat: „ADHSler sind viel mehr unterwegs mit Teasing, um herauszufinden, wie der andere reagiert.“
  • Impulsivität: ADHSler reagieren spontan und können ihre Impulse nicht sofort stoppen. Bestrafung ist in solchen Momenten ineffektiv.
  • Zitat: „Im Augenblick, wo die Impulsivität losgeht, kann der das nicht stören und da kann man sie nicht bestrafen. Da bringt das überhaupt nichts.“
  • Sensibilität: Menschen mit ADHS/ADS nehmen oft Dinge wahr, die anderen entgehen. Sie können auch hypersensibel auf Berührungen (z.B. Wolle), Geschmack und auditive Reize reagieren.

4. Regionale Unterschiede und kulturelle Wahrnehmung

Dr.med. Davatz deutet an, dass ADHS/ADS im Mittelmeerraum häufiger vorkommt und dort besser akzeptiert wird. Es wird oft als „südländisches Temperament“ betrachtet. In der Deutschschweiz hingegen werden diese Verhaltensweisen eher als problematisch angesehen. * Zitat: „In dem Sinn, weil das zum mittelmeerländischen Temperament gehört, sagen wir dann, wenn jemand so ist, das ist einfach das südländische Temperament.“

5. Die Rolle des Umfelds

  • Falscher Umgang führt zu Folgeerkrankungen: Eine zentrale Aussage ist, dass ADHS/ADS selbst keine Krankheit ist, aber ein falscher Umgang damit zu psychischen Erkrankungen (Depressionen, Sucht, Essstörungen, Delinquenz) führen kann.
  • Zitat: „Wenn man auf der anderen Seite ist, also ich sage, es ist keine Krankheit, aber viele werden dann krank, weil man nicht geschickt mit ihnen umgeht.“
  • Umfeld muss lernen, besser damit umzugehen: Das Umfeld (Eltern, Lehrpersonen, Therapeuten) muss lernen, ADHS/ADS-Kinder besser zu verstehen und zu unterstützen, anstatt sie zu „reparieren“. Hier in der Schweiz gibt es grossen Nachholbedarf.
  • Zitat: „Eigentlich müsste das Umfeld lernen mit diesen Kinder besser umzugehen.“

6. Verbindung zu anderen Entwicklungsstörungen

  • Kontinuum ADS-Autismus: Dr.med. Davatz sieht ADS als ein Kontinuum, das bis zum Autismus reichen kann. Sie vermutet, dass viele Autismusdiagnosen eigentlich ADS-Fälle sind.
  • Zitat: „Das Kontinuum ist ADS und das kann Richtung Autismus gehen. Das ist dann extrem.“
  • Komorbiditäten sind Folgeerkrankungen: Sie lehnt den Begriff „Komorbidität“ ab und betont, dass Depressionen, Sucht etc. Folgeerkrankungen des ADHS/ADS-Neurotyps sind, wenn dieser falsch behandelt wird.
  • Zitat: „Die Psychiatrie sagt Komorbidität, die reden dann immer von Komorbidität. Ich sage nein, es ist der Neurotyp, der zu dem und zu dem führen kann.“
  • Lernschwierigkeiten: ADHS/ADS kann mit Lernschwierigkeiten (LRS, Dyskalkulie) einhergehen. Sie betont, dass die emotionale Verfassung des Kindes einen Einfluss auf den Lernprozess hat und die Schwierigkeiten nicht nur kognitiv bedingt sind.

7. Bedeutung der Selbstwahrnehmung

  • Schamgefühle: Sie betont die Bedeutung von Schamgefühlen bei Kindern mit ADHS/ADS. Sie schlagen oft den Weg des Ausweichens ein, statt sich den Schwierigkeiten zu stellen. Dies ist ein wichtiger Punkt, an dem es anzusetzen gilt.
  • Zitat: „Es ist eigentlich immer die Scham.“
  • Fehlende Selbstwirksamkeit: Negative Erfahrungen können zu einem „Hamsterrad im Kopf“ führen, in dem sie ihre Misserfolge wiederholen.
  • Zitat: „Sie erzählen sich dann eigentlich ihre eigenen Misserfolge. Das dreht dann im Hirn. Das ist das Hamsterrad im Kopf. Da kommen sie fast nicht heraus.“

8. Umgangstipps und Strategien

Dr.med. Davatz gibt zahlreiche praktische Ratschläge:

  • Kein „Nein“ sagen: Anstatt „Nein“ zu sagen, sollte man sagen, was man will und die Kinder in die Lösungsfindung einbeziehen.
  • Zitat: „Man darf ihnen nie Nein sagen. Man muss sagen: Bei mir läuft es so, ich will es so.“
  • Validierung und Wertschätzung: Das Kind in seiner Wahrnehmung und seinen Fehlern ernst nehmen und diese validieren.
  • Zitat: „Man muss das ADHS Kind sogar wertschätzen in dem, wie es die Sache macht, indem wie das ADHS Kind es falsch macht und dann sagen: Aha, du hast das so gemacht.“
  • Kooperation statt Gehorsam: Die Kinder zur Kooperation auffordern, anstatt Gehorsam zu verlangen.
  • Zitat: „Man muss sie zur Kooperation auffordern und nicht zum Gehorsam.“
  • Appell und Kontakt: Sicherstellen, dass man die Aufmerksamkeit des Kindes hat, bevor man etwas sagt oder verlangt. Blickkontakt suchen und nachfragen, was in ihrem Kopf vorgeht.
  • Zitat: „Man muss vom ADHS/ADS Kind die Aufmerksamkeit haben. Man muss sehen, ist das Kind da?“
  • Flexibilität und Kreativität: Bei Problemen kreative Lösungen suchen und nicht auf starre Regeln bestehen.
  • Zitat: „Man muss dann immer kreative Lösungen finden.“
  • Distanz, aber nicht vergessen: Sich zurückziehen können (räumlich und mental), aber präsent bleiben.
  • Intrinsische Motivation: Das Kind in die Problemlösung einbeziehen, um die intrinsische Motivation zu stärken.
  • Zitat: „Sobald man das ADHS Kind miteinbezieht in Problemlösung, sind sie intrinsisch motiviert und man lernt sie auch besser kennen.“
  • Scham ansprechen und überwinden: Das Gefühl der Scham thematisieren und als Chance zur Überwindung und zum Wachstum nutzen.
  • Zitat: „Ich könnte mir vorstellen, dass du dich schämst. Aber weisst du, wenn du das überwindest, weisst du wie toll, weisst du wie stolz du dann bist?“

9. Bedeutung für Fachpersonen (Logopädie, Psychomotorik)

  • Weichenstellerrolle: Fachpersonen sollten sich ihrer Rolle als „Weichensteller“ bewusst sein und die Eltern für ADHS/ADS sensibilisieren.
  • ADHS/ADS-Abklärung bei LRS: Bei Lernschwierigkeiten (z.B. LRS) sollte auch eine Abklärung auf ADHS/ADS erfolgen.
  • Zitat: „Die Logopädinnen müssen dann sagen, dass man hinter dem LRS auch noch nach einem ADHS, ADS suchen muss, also abklären lassen.“
  • Zusammenarbeit: Vernetzung mit anderen Fachpersonen (Ärzte, Psychiater, Coaches) ist wichtig.
  • Zitat: „Man muss ein bisschen suchen gehen.“

10. Umgang mit Widerstand

  • Nicht stossen: Wenn das Kind blockiert, nicht stossen wollen, sondern sich selbst beruhigen und eine neue Idee entwickeln.
  • Zitat: „Wenn das Kind blockiert, nicht stossen wollen. Das ertragen sie überhaupt nicht.“
  • Nicht in Machtkämpfe geraten: Wenn das Kind sich dem Aufräumen verweigert, keine Konsequenzen androhen, sondern die Zeit so einteilen, dass zum Aufräumen genügend Zeit bleibt, oder die Aktivität in ein „Aufräumspiel“ umwandeln.
  • Zitat: „In der Psychiatrie werden ja auch viele Verträge gemacht. Bei ADHS Kinder funktionieren Verträge nicht.“

11. Fazit

ADHS/ADS ist ein Neurotyp und keine Krankheit. Der Schlüssel zum Erfolg im Umgang mit Betroffenen liegt in einem besseren Verständnis, einer wertschätzenden und validierenden Haltung, sowie einer positiven und kreativen Herangehensweise. Die Integration in die Lösungsfindung ist eine weitere Schlüsselkomponente. Die Psychiatrie und die Schule sollten weniger diagnostizieren und mehr auf den einzelnen Neurotyp eingehen.

Nächste Schritte:

  • Weiterbildung für Lehrpersonen und Eltern.
  • Frühzeitige Abklärung bei Verdacht auf ADHS/ADS.
  • Vernetzung von Fachpersonen.
  • Sensibilisierung der Öffentlichkeit.
  • Förderung einer persönlichkeitsgerechten Pädagogik und Therapie.

Umgang mit hochsensiblen Kindern: Tipps für Eltern und Lehrer

Die Quellen, insbesondere der Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz, bieten wertvolle Einsichten für Eltern und Lehrer im Umgang mit hochsensiblen Kindern.

Grundlegendes Verständnis:

  • Hochsensibilität als Wesensmerkmal: Es ist wichtig zu verstehen, dass Hochsensibilität kein Defizit oder eine Krankheit ist, sondern ein Wesensmerkmal. Hochsensible Kinder nehmen ihre Umgebung intensiver wahr und verarbeiten Reize tiefer, was sowohl zu besonderen Stärken als auch zu Herausforderungen führen kann.
  • System-Overload vermeiden: Die intensive Wahrnehmung hochsensibler Kinder führt schneller zu Überforderung und einem sogenannten System-Overload, der sich in verschiedenen Symptomen wie Rückzug, Aggression, Konzentrationsproblemen oder emotionalen Ausbrüchen äußern kann. Das Ziel im Umgang mit hochsensiblen Kindern ist es daher, Überforderung zu vermeiden und ihnen ein Umfeld zu bieten, in dem sie sich sicher und geborgen fühlen.

Konkrete Empfehlungen für Eltern:

  • Wahrnehmung und Bedürfnisse respektieren: Anstatt zu versuchen, das Kind an die Norm anzupassen, sollten Eltern seine individuelle Wahrnehmung und Bedürfnisse respektieren. Jedes Kind ist anders und was für das eine Kind angenehm ist, kann für das andere Kind eine Überforderung darstellen.
  • Ruhe und Geduld bewahren: Gerade in Situationen, in denen das Kind emotional wird, ist es wichtig, dass Eltern Ruhe und Geduld bewahren. Hektik und laute Reaktionen verstärken den Stress des Kindes nur.
  • Kommunikation anpassen: Statt zu belehren oder zu kritisieren, sollten Eltern ruhig und verständnisvoll mit dem Kind kommunizieren und ihm aktives Zuhören signalisieren.
  • Reize reduzieren: Eltern können versuchen, Reize im Alltag zu reduzieren, die das Kind zusätzlich belasten. Dies kann z.B. bedeuten, feste Ruhezeiten einzuplanen, laute Umgebungen zu meiden oder dem Kind Rückzugsmöglichkeiten zu bieten.
  • Beziehung aufrechterhalten: Beziehungsabbrüche, wie z.B. das Kind zu ignorieren, es in sein Zimmer zu schicken oder ihm die Liebe zu entziehen, sind besonders schädlich. Stattdessen sollten Eltern präsent bleiben und dem Kind verbale Angebote machen, auch wenn es im Moment nicht darauf reagieren kann. Dr. Davatz empfiehlt, im gleichen Raum zu bleiben und seine eigenen Tätigkeiten fortzusetzen, während das Kind sich beruhigt.
  • Grenzen setzen: Auch wenn es wichtig ist, die Bedürfnisse des Kindes zu respektieren, müssen Eltern trotzdem klare Grenzen setzen. Ein Kind, das keine Grenzen kennt, kann sich schnell überfordert fühlen und tyrannisch werden. Dr. Davatz betont, dass antiautoritäre Erziehung nicht bedeutet, dass das Kind immer das Sagen hat.
  • Professionelle Unterstützung suchen: Wenn Eltern sich unsicher fühlen oder das Gefühl haben, dass sie mit der Situation alleine nicht zurechtkommen, sollten sie professionelle Unterstützung suchen.

Konkrete Empfehlungen für Lehrer:

  • Individuelle Bedürfnisse erkennen: In einer Schulklasse mit vielen Kindern ist es eine Herausforderung, auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes einzugehen. Dennoch sollten Lehrer versuchen, die besonderen Bedürfnisse hochsensibler Kinder zu erkennen und bestmöglich zu berücksichtigen.
  • Gerechtigkeit und Fairness: Hochsensible Kinder reagieren besonders empfindlich auf Ungerechtigkeiten. Lehrer sollten daher im Umgang mit allen Kindern auf Gerechtigkeit und Fairness achten.
  • Spannungen vermeiden: Spannungen und Konflikte im Klassenzimmer können hochsensible Kinder stark belasten. Lehrer sollten versuchen, ein positives und respektvolles Klassenklima zu schaffen.
  • Kommunikation und Kooperation: Offene Kommunikation mit den Eltern ist besonders wichtig. Lehrer sollten die Eltern über die Bedürfnisse des Kindes informieren und gemeinsam Strategien entwickeln, wie sie das Kind bestmöglich unterstützen können. Dr. Davatz schlägt vor, Eltern zu einem Schulbesuch einzuladen, bei dem sie die Situation des Kindes im Unterricht beobachten können.
  • Fortbildungen nutzen: Es gibt spezielle Fortbildungen für Lehrer zum Thema Hochsensibilität, die wertvolle Informationen und praktische Tipps für den Umgang mit hochsensiblen Kindern im Schulalltag bieten.

Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern:

  • Gemeinsames Ziel: Eltern und Lehrer haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen das Kind bestmöglich unterstützen und ihm helfen, seine Potenziale zu entfalten.
  • Verständnis und Respekt: Gegenseitiges Verständnis und Respekt sind die Grundlage für eine gelingende Zusammenarbeit.
  • Offene Kommunikation: Regelmäßiger Austausch und offene Kommunikation über die Bedürfnisse und Fortschritte des Kindes sind wichtig.
  • Konfliktlösung: Wenn es zu Konflikten zwischen Eltern und Lehrern kommt, sollten diese konstruktiv und lösungsorientiert angegangen werden.

Zusammenfassung: Der Umgang mit hochsensiblen Kindern stellt sowohl für Eltern als auch für Lehrer eine Herausforderung dar. Durch Verständnis, Respekt, Geduld und die Bereitschaft zur Kooperation können sie jedoch ein Umfeld schaffen, in dem sich hochsensible Kinder wohlfühlen und ihre Potenziale voll entfalten können.

https://ganglion.ch/pdf/Autismus.pdf

Umgang mit Schulverweigerung bei Kindern

Dr.med. Ursula Davatz betrachtet Schulverweigerung bei Kindern nicht als isoliertes Symptom, sondern als ein Zeichen dafür, dass etwas im System des Kindes, meist im Familiensystem, nicht stimmt. Sie betont, dass es wichtig ist, die zugrundeliegenden Ursachen zu verstehen, anstatt das Kind für sein Verhalten zu bestrafen.

Mögliche Ursachen für Schulverweigerung:

  • Überforderung im Familiensystem: Oft übernehmen Kinder von psychisch kranken oder überforderten Eltern Verantwortungen und Funktionen, die sie überfordern.
  • Angst um die Eltern: Kinder, deren Eltern psychisch krank sind, machen sich oft Sorgen um deren Wohlergehen und bleiben deshalb zuhause, um für sie zu sorgen.
  • Mangelnde Unterstützung: Kinder, die in ihrem familiären Umfeld nicht genügend Unterstützung und Stabilität erfahren, können sich in der Schule unsicher und überfordert fühlen und deshalb die Schule verweigern.
  • Eigene psychische Belastung: Schulverweigerung kann auch ein Zeichen für eine eigene psychische Belastung des Kindes sein, beispielsweise Angststörungen, Depressionen oder ADHS.
  • Probleme im Schulsystem: Manchmal liegen die Ursachen für Schulverweigerung auch im Schulsystem selbst, beispielsweise Mobbing, Überforderung oder Konflikte mit Lehrpersonen.

Umgang mit Schulverweigerung:

  • Systemische Betrachtung: Dr. Davatz plädiert für eine systemische Betrachtungsweise. Das bedeutet, dass nicht nur das Kind, sondern auch das Familiensystem, das soziale Umfeld und das Schulsystem in den Blick genommen werden müssen.
  • Ursachenforschung: Anstatt das Kind für sein Verhalten zu bestrafen, sollten die zugrundeliegenden Ursachen erforscht werden.
  • Unterstützung des Systems: Dr. Davatz betont, dass es in erster Linie darum geht, das System des Kindes zu unterstützen und zu verändern, um die Bedingungen zu schaffen, die es dem Kind ermöglichen, wieder zur Schule zu gehen.
  • Verständnis und Validierung: Es ist wichtig, dem Kind Verständnis und Validierung entgegenzubringen. Das bedeutet, seine Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen und ihm zu vermitteln, dass man es versteht, warum es die Schule verweigert.
  • Zusammenarbeit mit der Schule: Eine enge Zusammenarbeit mit der Schule ist unerlässlich. Es geht darum, gemeinsam mit den Lehrpersonen Lösungen zu finden, die dem Kind helfen, wieder in den Schulalltag zurückzufinden.
  • Eventuell Herausnahme aus dem System: In manchen Fällen kann es notwendig sein, das Kind vorübergehend aus dem System zu nehmen, beispielsweise durch eine Platzierung in einer Pflegefamilie oder einer therapeutischen Einrichtung. Dies sollte jedoch nur als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden, wenn alle anderen Massnahmen ausgeschöpft sind.

Konkrete Beispiele aus den Quellen:

  • Dr.med. Ursula Davatz beschreibt den Fall eines Kindes, das die Schule verweigert, weil es sich ständig Sorgen um seine depressive Mutter macht und deshalb zuhause bleiben möchte.
  • Sie erzählt auch von einem Kind, das aus einem dysfunktionalen Familiensystem herausgenommen und in einer neuen Schule platziert wurde, wo es gut zurechtkam.
  • Dr.med. Ursula Davatz betont jedoch auch, dass es wichtig ist, die Bedürfnisse des Kindes zu respektieren und es nicht zu einer Trennung von seinen Eltern zu zwingen, wenn es dies nicht möchte.

Zusammenfassung:

Dr.med. Ursula Davatz sieht Schulverweigerung als ein Symptom für ein tieferliegendes Problem im System des Kindes. Sie empfiehlt einen systemischen Ansatz, der die Ursachenforschung, die Unterstützung des Familiensystems und die Zusammenarbeit mit der Schule in den Vordergrund stellt. Das Kind soll verstanden und validiert werden, ohne dass sein Verhalten bagatellisiert wird. Eine Herausnahme aus dem System sollte nur als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden.

https://ganglion.ch/pdf/krankheiten_herkunftsfamilie.pdf

Die Bedeutung von Authentizität im Umgang mit Kindern

Authentizität spielt im Umgang mit Kindern, insbesondere mit Kindern aus schwierigem Umfeld oder mit ADHS/ADS, eine entscheidende Rolle. Gemäss Dr. med. Ursula Davatz in ihren Ausführungen zum Umgang mit Kindern aus schwierigem privatem Umfeld, sind Kinder, besonders in jungen Jahren, hochsensibel und nehmen die emotionale Stimmung ihrer Umgebung sehr stark wahr. Sie spüren intuitiv, ob eine Bezugsperson authentisch ist oder nicht. Eine authentische Autorität, die auf emotionaler Integrität, Vertrauen und Respekt basiert, ist daher unerlässlich für eine positive Entwicklung des Kindes.

Warum ist Authentizität so wichtig?

  • Vertrauensbasis: Kinder entwickeln Vertrauen zu Bezugspersonen, die authentisch sind, d.h. deren Worte und Taten übereinstimmen. Dieses Vertrauen bildet die Grundlage für eine sichere Bindung und eine positive Beziehung.
  • Emotionale Sicherheit: Authentizität schafft eine Atmosphäre der emotionalen Sicherheit, in der sich Kinder angenommen und verstanden fühlen. Dies ist besonders wichtig für Kinder aus schwierigem Umfeld, die möglicherweise bereits negative Erfahrungen gemacht haben.
  • Wirksamkeit von Regeln: Kinder akzeptieren Regeln und Grenzen eher, wenn sie von einer Bezugsperson vertreten werden, die authentisch hinter diesen Regeln steht. Dr. Davatz betont, dass Kinder sofort merken, wenn eine Regel nur halbherzig oder ohne Überzeugung vertreten wird. Authentizität verleiht den Regeln Glaubwürdigkeit und fördert die Kooperation des Kindes.
  • Positive Vorbildfunktion: Authentische Bezugspersonen dienen Kindern als positive Vorbilder. Sie zeigen dem Kind, wie man mit Gefühlen umgeht, Konflikte löst und Verantwortung übernimmt.
  • Förderung der emotionalen Entwicklung: Authentizität im Umgang mit Gefühlen unterstützt die emotionale Entwicklung des Kindes. Wenn Bezugspersonen offen über ihre Gefühle sprechen und diese benennen, lernen Kinder, ihre eigenen Emotionen wahrzunehmen, zu verstehen und auszudrücken.

Authentizität im Alltag:

  • Klare, überlegte Regeln: Regeln sollten wohlüberlegt und in Übereinstimmung mit den eigenen Wertvorstellungen aufgestellt werden. Nur dann kann man authentisch hinter ihnen stehen und sie dem Kind glaubwürdig vermitteln.
  • Ehrlicher Umgang mit Gefühlen: Authentizität bedeutet, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken, ohne sie zu unterdrücken oder zu verfälschen. Dies bedeutet nicht, dass man Emotionen ungefiltert ausagieren sollte. Vielmehr geht es darum, Gefühle benennen und kontrollieren zu können.
  • Respektvoller Umgang mit dem Kind: Authentizität im Umgang mit Kindern bedeutet, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, ihre Gefühle ernst zu nehmen und ihnen respektvoll zuzuhören.
  • Vorleben von Werten: Authentizität zeigt sich im alltäglichen Handeln. Kinder lernen am meisten durch Beobachtung und Nachahmung. Daher ist es wichtig, die Werte, die man dem Kind vermitteln möchte, selbst vorzuleben.

Kontrast zur Pseudoautorität:

Dr.med. Ursula Davatz unterscheidet zwischen authentischer Autorität und Pseudoautorität. Letztere basiert auf Machtdemonstration, Manipulation und Oberflächlichkeit. Pseudoautorität erzeugt Misstrauen, Angst und Widerstand und schadet der Beziehung zwischen Bezugsperson und Kind. Kinder spüren die Unechtheit und reagieren darauf mit Ablehnung. Authentische Autorität hingegen schafft Vertrauen, fördert die Kooperation und stärkt die Beziehung.

Beispiel im Umgang mit Tieren:

Dr.med. Ursula Davatz verwendet das Beispiel von Managern, die mit Pferden arbeiten, um die Bedeutung von Authentizität zu verdeutlichen. Pferde, so Dr. Davatz, folgen nur Menschen, die eine echte, authentische Autorität ausstrahlen. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass Authentizität nicht nur im Umgang mit Kindern, sondern auch im Umgang mit Tieren eine wichtige Rolle spielt.

https://ganglion.ch/pdf/Umgang_Kindern_schwierigem_privatem_Umfeld.pdf

ADHS/ADS-Kinder: Sensibilität, Herausforderungen und Umgang

Die Quellen, insbesondere der Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz, bieten wertvolle Einblicke in die Besonderheiten von ADHS/ADS-Kindern und wie man am besten mit ihnen umgeht.

Hochsensibilität als Kernmerkmal

Dr.med. Ursula Davatz beschreibt ADHS/ADS als „Neurotyp“, also eine Normvariante der Persönlichkeit, die genetisch bedingt ist. Das zentrale Merkmal dieser Kinder ist ihre erhöhte Sensibilität:

  • Wahrnehmung von Emotionen: ADHS/ADS-Kinder sind besonders empfänglich für emotionale Signale und Stimmungen in ihrer Umgebung.
  • Reaktion auf Kritik und Verletzungen: Sie reagieren oft sehr empfindlich auf Kritik, Zurückweisungen oder Verletzungen und können dann aggressives Verhalten zeigen.
  • Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation: Es fällt ihnen schwerer, ihre Emotionen zu kontrollieren und angemessen auszudrücken.

Die zwei Typen: ADS und ADHS

Dr.med. Ursula Davatz unterscheidet zwischen zwei Typen:

  • ADS-Kinder: Eher introvertiert, nach innen gerichtet, verträumt und mit einer großen Fantasie ausgestattet.
  • ADHS-Kinder: Extrovertierter, impulsiver und oft mit Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren.

Mädchen mit ADHS sind möglicherweise weniger auffällig, da sie ihr Temperament besser unterdrücken können. Dies kann jedoch zu einem schlechten Selbstwertgefühl und Depressionen führen.

Bedeutung des Umfelds für die Entwicklung

Das Umfeld spielt eine entscheidende Rolle für die Entwicklung von ADHS/ADS-Kindern.

  • Akzeptanz und Unterstützung: Sie brauchen ein Umfeld, das ihre Sensibilität akzeptiert und ihnen hilft, mit ihren Emotionen umzugehen.
  • Konsequente und authentische Bezugspersonen: Klare Regeln, die konsequent und mit emotionaler Überzeugung durchgesetzt werden, geben ihnen Orientierung und Sicherheit.
  • Verständnis für die Ursachen von Aggressionen: Anstatt aggressives Verhalten sofort zu bestrafen, sollten Bezugspersonen versuchen, die dahinterliegende Verletzung zu erkennen und dem Kind alternative Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Umgang mit ADHS/ADS-Kindern im Alltag

Dr.med. Ursula Davatz gibt konkrete Empfehlungen für den Umgang mit ADHS/ADS-Kindern:

  • Geduld und Zeit: Es braucht Zeit und Geduld, bis diese Kinder lernen, ihre Emotionen zu regulieren und angemessene Verhaltensweisen zu entwickeln.
  • Über Gefühle sprechen: Ermutigen Sie das Kind, seine Gefühle zu benennen und darüber zu sprechen. Dies hilft, den emotionalen Druck zu reduzieren und die Situation zu reflektieren.
  • Alternative Konfliktlösungsstrategien aufzeigen: Zeigen Sie dem Kind alternative Möglichkeiten, mit Konflikten und Frustrationen umzugehen.
  • Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen: Vermitteln Sie dem Kind Ruhe und Gelassenheit, besonders in Situationen, in denen es seine Bedürfnisse nicht sofort befriedigen kann.
  • Führungsrolle übernehmen: In chaotischen Situationen sollten Sie die Führung übernehmen und klare Anweisungen geben.
  • Authentisch sein: Kinder spüren, ob Erwachsene hinter ihren Regeln stehen. Setzen Sie nur Regeln durch, die Sie selbst vertreten und mit denen Sie sich identifizieren können.

Zusammenfassung

ADHS/ADS-Kinder sind hochsensibel und brauchen ein verständnisvolles und unterstützendes Umfeld, um ihre Stärken zu entfalten und ihre Herausforderungen zu meistern. Geduld, Empathie, klare Regeln und authentische Bezugspersonen sind wichtige Schlüssel für einen erfolgreichen Umgang mit diesen Kindern.

https://ganglion.ch/pdf/Umgang_Kindern_schwierigem_privatem_Umfeld.pdf

Umgang mit Impulsivität bei ADHS/ADS

Die Quellen betonen, dass impulsives Verhalten bei Menschen mit ADHS/ADS reflexgesteuert ist und nicht einfach durch kognitive Kontrolle unterdrückt werden kann. Es ist wichtig, diese Tatsache zu verstehen, um adäquat mit impulsiven Ausbrüchen umzugehen.

Anstatt mit Gegenimpulsivität zu reagieren, was die Situation nur verschlimmern würde, sollte man sich zuerst selbst beruhigen und in einen Zustand niedriger Erregung (Low Arousal State) versetzen. Erst dann sollte man mit der Person interagieren.

Dr.med. Ursula Davatz rät von Befehlen und dem Wort „Nein“ ab, da diese als Übergriff auf die Persönlichkeitssphäre empfunden werden. Stattdessen sollten Zusammenarbeit und intrinsische Motivation gefördert werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Vermeidung von Beschämung. Beschämung führt zu Aversionsverhalten und verhindert positive Entwicklung. Stattdessen sollten Sensibilität und Verletzungen validiert werden, bevor man nach Lösungen sucht.

Eltern von ADHS/ADS Kindern sollten nicht zu schnell in Streitsituationen eingreifen, damit die Kinder lernen, sich selbst zu behaupten. Nur bei drohender Eskalation sollte man als Mediator eingreifen, ohne Täter- und Opferrollen zuzuweisen. Stattdessen sollte man das Problem aus beiden Perspektiven beleuchten und die Kinder in die Lösungsfindung einbeziehen.

https://ganglion.ch/pdf/50_Jahre_ADHS_ADS_6.12.2024.m4a.pdf

Der Umgang mit „Uneigenschaften“

Dr.med. Ursula Davatz spricht in ihrem Vortrag über die Bedeutung der Akzeptanz der eigenen „Uneigenschaften“, insbesondere im Kontext von ADHS. Sie verwendet den Begriff „Uneigenschaften“ für Persönlichkeitsmerkmale, die im gesellschaftlichen Leben als schwierig oder störend empfunden werden können.

Anstatt diese „Uneigenschaften“ zu bekämpfen, plädiert Dr. Davatz dafür, zuerst Freundschaft mit ihnen zu schliessen. Das bedeutet, sie als Teil der eigenen Persönlichkeit anzunehmen und zu verstehen, wie sie sich im Alltag auswirken. Erst wenn man seine „Uneigenschaften“ akzeptiert hat, kann man lernen, besser mit ihnen umzugehen und sie gegebenenfalls zu verändern.

Dr. Davatz vergleicht diesen Prozess mit der Behandlung von Symptomen in der Medizin: „Man kann ein Symptom nur verändern, wenn man das Symptom akzeptiert.“ Dieser Ansatz lässt sich auch auf die „Uneigenschaften“ übertragen. Anstatt sie zu verleugnen oder zu bekämpfen, sollte man sie zunächst anerkennen und ihre Auswirkungen auf das eigene Leben verstehen.

Dr. Davatz betont, dass es oft viel Zeit und Energie kostet, wenn man versucht, zuerst seine „Uneigenschaften“ zu verändern. Vielmehr sollte man sich zunächst auf seine Stärken und positiven Eigenschaften konzentrieren. Wenn man mit sich selbst im Reinen ist und seine Persönlichkeit akzeptiert hat, fällt es leichter, an den Aspekten zu arbeiten, die Schwierigkeiten bereiten.

Sie verwendet das Beispiel einer Mutter, die sich ständig um ihre Familie und ihr Umfeld kümmert. Diese fürsorgliche Haltung mag zwar positiv erscheinen, kann aber dazu führen, dass die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt werden. Dr. Davatz verweist in diesem Zusammenhang auf die Anweisung im Flugzeug, zuerst die eigene Sauerstoffmaske aufzusetzen, bevor man dem Kind hilft. Genauso wichtig ist es, sich zuerst um die eigene „Sauerstoffversorgung“ zu kümmern, also die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, bevor man sich um die Bedürfnisse anderer kümmert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dr.med. Ursula Davatz für einen achtsamen und wertschätzenden Umgang mit den eigenen „Uneigenschaften“ plädiert. Anstatt sie als Makel zu betrachten, sollte man sie als Teil der eigenen Persönlichkeit akzeptieren und lernen, mit ihnen umzugehen. Erst wenn man mit sich selbst im Reinen ist, kann man seine „Uneigenschaften“ gezielt angehen und positive Veränderungen bewirken.

https://ganglion.ch/pdf/selbsterz.m4a.pdf