Substanzmissbrauch und Handling im Arbeitskontext

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Dr.med. Ursula Davatz

3.12.2023
Substanzmissbrauch und Handling im Arbeitskontext.
Audio

[00:00:00.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begrüsse sie alle ganz herzlich.

[00:00:04.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema heute heisst: Substanzmissbrauch und Handling im Arbeitskontext.

[00:00:15.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich probiere zuerst allgemeine Prinzipien zu sagen.

[00:00:20.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Sucht Substanzen sind alles chemische Substanzen, welche verwendet werden zur Emotionsregulation,
sie sind Emotionsregulatoren.

[00:00:30.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist gleich, ob man sie auf der Gasse kauft oder ob man sie von den Ärzten verschrieben bekommt.

[00:00:39.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben eigentlich alle die gleiche Funktion.

[00:00:43.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Sucht Substanzen haben auch an sich, dass es eine Gewöhnung gibt und dass man mit der Zeit immer
mehr erhöhen muss, also dass man abhängig davon wird.

[00:00:52.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Abhängigkeitsproblem.

[00:00:56.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie greifen ein im emotionalen Hirn und erbringen dort eine gewisse Beruhigung.

[00:01:06.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das emotionale Hirn aus dem Gleichgewicht geraten ist, sagt es an, dass irgendetwas nicht so
stimmt.

[00:01:15.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Normalerweise können wir uns gute Gefühle holen über verschiedene Handlungen, also über schönes
Essen, über gute Beziehungen, über uns mit etwas Interessentem beschäftigen oder auch indem man
Leistungen bringt.

[00:01:32.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Schweizer sind ja Bergsteiger, also wenn man einen Berg erklommen hat, wenn man ein Hindernis
überwunden hat, dann gibt das alles ein euphorisches Gefühl.

[00:01:43.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Sucht Substanzen machen, dass man sofort ein euphorisches Gefühl hat, also sofort sich belohnt fühlt.

[00:01:51.010] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sind sie schnelle Problemlöser, schnelle Gefühlsregulatoren.

[00:01:58.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser emotionales Hirn tut Einflüsse aus dem Umfeld schnell prozessieren und dann Handlungen
auslösen.

[00:02:09.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielen habe ich schon mein Hirnmodell gezeigt.

[00:02:14.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das emotionale Hirn wäre der Daumen, das in der Mitte vom Hirn ist, es ist das Mittelhirn.

[00:02:20.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das tut Einfluss von aussen schnell prozessieren und dann entweder zu Handlungen anregen oder auch
zu Denken anregen.

[00:02:33.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn aber keine Lösung möglich ist, also irgendwie kann es nichts auslesen, dann bleibt diese
Prozessierung stecken und dann fühlt sich das schlecht an, unangenehm.

[00:02:50.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo das Hirn keine Lösung findet, dann löst das Stress aus und dann kommen nicht mehr
so überlegte Handlungen zur Funktion, sondern eher reflexartige, schnelle Lösungen.

[00:03:07.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere primitiven Reflexe, und die Tiere haben die gleichen, sind: Kampf, Flucht, Totstellreflex und ich
sage jetzt Spielverhalten.

[00:03:19.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf Englisch kann man sagen: „Fight, Flight, Freeze (Totstellereflex) and Tease".

[00:03:28.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Also auf Englisch kann man das zum Reimen bringen und von dorther bringe ich es gerne auf diese Art
und Weise.

[00:03:36.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Die reflexartigen Problemlösungen, die werden nicht kontrolliert vom Grosshirn, können nicht kontrolliert
werden.

[00:03:46.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Reflexe sind reflexartig und laufen unkontrolliert ab.

[00:03:56.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Sucht Substanzen verwendet als Problemlösung, dann bewirken die ja, dass man sofort
wieder ein Wohlgefühl hat und nicht irgendetwas anderes machen muss.

[00:04:11.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her fühlt man sich dann gut.

[00:04:15.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Mensch süchtig geworden ist, also wenn sich der Suchtmechanismus eingespielt hat, dann
haben wir einen automatisierten Reflex, also einen neuen, also nicht einer von diesen vier

[00:04:30.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man sich schlecht fühlt, greift man zum Suchtmittel.

[00:04:34.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann geht es einem wieder gut und dann können wir wieder weitermachen.

[00:04:38.920] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn tun die Sucht Substanzen ganz schnell das Problem lösen.

[00:04:43.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Suchtmittel sind schnelle Problemlöser, so wie Fast Food oder Instant Suppe.

[00:04:53.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind schnelle Problemlöser.

[00:04:56.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das passt natürlich in unsere Gesellschaft, dass man alles schnell erledigen muss und dann kann man
wieder weiterfahren.

[00:05:04.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie vermitteln dann ein Wohlgefühl und sie vermittelt auf eine Art ein unnatürliches Selbstbewusstsein.

[00:05:15.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Man meint, man sei dann der starke Hengst, denn man ja das Wohlgefühl.

[00:05:20.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie täuschen einem eigentlich.

[00:05:22.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Schüterne Menschen, die sich nicht so unter die Leute getrauen oder vor Konflikten Angst haben, die
konsumieren vorher oder hinterher oder beide Male, konsumieren die Sucht Substanzen und dann fühlen
sie sich besser, mutiger.

[00:05:37.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einen Patienten gehabt, der hat immer Sucht Substanzen konsumiert, bevor er in den Ausgang
gegangen ist, weil er sich nicht getraut hat, unter Kollegen zu gehen.

[00:05:50.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Was aber passiert, indem man dann reflexartig Sucht Substanzen konsumiert, dass man nichts mehr
lernt.

[00:06:00.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man probiert nicht zu reflektieren, was ist eigentlich gewesen, was hat mich so belastet, was hat mich
geärgert, was hat mich verletzt, was hat mich beschämt?

[00:06:11.070] – Dr.med. Ursula Davatz
All die negativen Gefühle muss man dann nicht anschauen.

[00:06:14.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ertränkt sie sofort in der Sucht-Substanz.

[00:06:16.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist gleich, ob das Alkohol, Heroin, Kokain oder auch Cannabis ist.

[00:06:22.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die wirken zum Teil ein bisschen anders, aber alle wirken auf das Gehirn ein im Sinne von Euphorie.

[00:06:29.890] – Dr.med. Ursula Davatz
So bringen dann die Sucht Substanzen quasi das aus dem Gleichgewicht gebrachte emotionalen Hirn
wieder ins Gleichgewicht.

[00:06:41.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache mich dann auch etwas lustig.

[00:06:43.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Definition der Gesundheit von der WHO sagt ein körperliches Wohlbefinden, ein psychisches
Wohlbefinden und ein soziales Wohlbefinden, dann ist man gesund.

[00:06:57.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber all die drei Sachen kann man mit den Sucht Substanzen bewirken, herbeiführen.

[00:07:06.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat körperlich keine Schmerzen mehr, es sind ja auch Schmerzmittel, die Sucht Substanzen sind ja
auch Schmerzmittel.

[00:07:13.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychisch fühlt man sich auch gut. Man hat eine Euphorie und sozial braucht man nicht anders.

[00:07:19.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist dann zufrieden mit seinem Joint, mit seinem Schuss oder was auch immer.

[00:07:26.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn man es zusammen konsumiert, man kommt miteinander in schönes Gemeinschaftsgefühl,
aber man tauscht nicht gross aus.

[00:07:36.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind eigentlich alle so ein bisschen im gleichen Delir.

[00:07:46.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Ärzte wollen ja nicht, dass sich die Leute zu Grunde richten mit Sucht Substanzen.

[00:07:52.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat man die Tendenz, die Sucht Substanzen zu verbieten, also den Konsum zu verbieten.

[00:07:58.710] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn, sind die Betäubungsmittel auch gesetzlich verboten, damit sich die Gesellschaft nicht
schadet mit denen.

[00:08:07.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Haschisch wird jetzt langsam freigegeben und man macht sogar Untersuchungen.

[00:08:15.240] – Dr.med. Ursula Davatz
LSD wird jetzt sogar wieder als Therapie angeboten, im Sinn von psycholytischer Therapie.

[00:08:24.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her experimentiert die Psychiatrie wieder mit solchen Substanzen.

[00:08:31.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sucht Substanzen werden in der Heroin-Abgabe-Programmen abgegeben, damit man es nicht auf
den Gasse muss kaufen.

[00:08:40.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich persönlich sage, das ist alles eine billige Art und Weise, wie die Patienten behandelt werden.

[00:08:47.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich ist es eine Art Ausverkauf von der Psychiatrie, dass man sich nicht anders Mühe gibt, an das
Problem heranzukommen.

[00:08:57.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe vorhin gesagt, es gibt die vier Stressreflexe.

[00:09:01.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald jemand eine Sucht entwickelt hat, ist das auch ein Stressreflex, der nicht mehr unter der Kontrolle
vom Grosshirn ist.

[00:09:09.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum ist es auch so schwierig, das wieder loszuwerden.

[00:09:14.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man wirklich einen Süchtigen behandeln will, ich habe im Kanton Aargau seit 1980, seitdem ich in
den Aargau gekommen bin, bin ich in der Drogenkommission gewesen und habe immer Suchtpatienten
behandelt.

[00:09:28.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte auch das erste Drop-In/Kontakt unter mir.

[00:09:29.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe von dort jahrelang mit Therapeuten gearbeitet, die Süchtige behandelt haben und habe selber
Patienten in Behandlung gehabt.

[00:09:49.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Als eingefleischte Therapeutin sage ich natürlich Nein, nicht eine Substanz abgeben, auch nicht
erzieherisch verbieten wollen, dass man das nicht mehr macht.

[00:10:02.710] – Dr.med. Ursula Davatz
In den stationären Programmen wird meistens mit Bestrafung/Belohnung gearbeitet. Wenn man
konsumiert, wird der Ausgang verboten.

[00:10:10.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man auf der Abteilung konsumiert hat in Königsfelden, ist man dann rausgeflogen.

[00:10:14.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man natürlich auf der Drogenstation ist, kann man nicht einfach nur rausgeschmissen werden,
dann bekommt man vielleicht wieder ein bisschen mehr Freiheitsentzug.

[00:10:25.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Reflex, der verursacht wird durch nicht verarbeitete, traumatische oder unangenehme Erlebnisse,
kann man nicht mit Erziehung wegbringen.

[00:10:40.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte eigentlich immer herausfinden, woher kommt der Suchtmittelkonsum? Was muss der Patient
unterdrücken?

[00:10:53.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum ist er nicht in der Lage, das Leben anders zu bestreiten, ohne die schnellen Problemlöser?

[00:11:00.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage immer: was hat der Mensch aus dem Gleichgewicht gebracht?

[00:11:06.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat das Ungleichgewicht hergestellt?

[00:11:09.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie ich vorher gesagt habe, es können schüchterne Leute sein, die dann Sucht Substanzen nehmen, um
sich gut zu fühlen.

[00:11:16.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder es kann irgendetwas passiert sein, wo man sehr beleidigt worden ist, gekränkt worden ist,
beschämt worden ist.

[00:11:23.400] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn suche ich immer nach den psychosozialen Ursachen.

[00:11:30.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind nicht Therapeuten.

[00:11:32.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen auch nicht als Therapeuten arbeiten, aber sie könnten dennoch Fragen stellen.

[00:11:41.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn Fragen stellen kostet nichts und Fragen stellen löst aus, dass das Gegenüber ein bisschen
überlegen muss.

[00:11:49.970] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sage ich, das wäre der zweite Teil, wie handhaben wir das am Arbeitsplatz?

[00:11:57.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie merken, dass ihre Angestellten, die sie betreuen, dass die Sucht Substanzen konsumiert
haben. Dann können sie fragen: Was hat dich verletzt, dass du das runter dämpfen musstest?

[00:12:16.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können fragen: Was hat dich geärgert? Sie können auch ein bisschen zurückgehen. Wenn
konsumierst du meistens, wenn du verrückt bist oder wenn du traurig bist oder beides?

[00:12:29.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man auch umgekehrt fragen, also teleologisch, also zielgerichtet.

[00:12:35.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Was musst du bewirken mit deinen Sucht Substanzen?

[00:12:39.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele sagen dann: Nein, ich brauche es nicht.

[00:12:41.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche, die süchtig sind, sagen oft zwei Jahre lang: Ich könnte eigentlich schon darauf verzichten, aber
ich will es nicht.

[00:12:49.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach zwei Jahre, wo sie dann merken, sie sind wirklich abhängig, dann geben sie es dann zu.

[00:12:54.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Für was brauchst du das? Inwiefern verbesserst du dich? Inwiefern fühlst du dich dann besser?

[00:13:05.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wäre die Sucht Substanz als Enhancer, also positives Enhancing.

[00:13:11.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Enhancing heisst etwas, verstärken.

[00:13:14.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann fragt man nach dem, dann hat es ja so wie eine positive Wirkung.

[00:13:19.600] – Dr.med. Ursula Davatz

Man kann fragen, in welcher sozialen Situation konsumierst du?

[00:13:26.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie fragt, wann sind Momente, das habe ich meine Süchtigen meistens gefragt. Was sind die
Momente, wo sie konsumieren?

[00:13:35.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann heisst es meistens dann, wenn ich mich ganz schlecht fühle um mich besser zu fühlen. Oder wenn
ich etwas feiern will, also ich habe eine Prüfung bestanden oder einen schönen Tag gehabt, dann mache
ich es als Belohnung.

[00:13:49.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre dann der Enhancer.

[00:13:51.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Das reine Belohnungsgefühl reicht nicht.

[00:13:54.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss noch das hinterher schieben.

[00:13:56.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Meistens steckt hintendran eine Geschichte, wo sie wenig unterstützt worden sind in positiven Sachen,
wo sie wenig Lob bekommen haben.

[00:14:08.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum müssen sie sich dann selber noch chemisch ein bisschen nach doppeln mit einer Sucht Substanz.

[00:14:13.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Zustand ganz schlecht ist, sodass man nicht mehr arbeiten kann, dann dürfen sie natürlich den
Mitarbeiter auch heimschicken und sagen: Hörzu, in dem Zustand ist es gefährlich, wenn du hier bei uns
arbeitest. In dem Zustand ist es schwierig. Da verschwenden wir, glaube ich, Zeit miteinander. Du darfst
heimgehen. Ich würde nicht einmal sagen, du musst.

[00:14:42.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde es sogar positiv ausdrücken. Du darfst heimgehen.

[00:14:46.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber überleg dir wegen was du jetzt dieses Mal das Suchtmittel konsumieren musstest.

[00:14:59.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde eine Hausaufgabe mit nach Hause geben, dass sie ein bisschen an dem arbeiten.

[00:15:04.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen ihn nicht bestrafen, weil er konsumiert hat.

[00:15:07.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind keine Drogenstation aber sie können ihm die Hausaufgabe mitgeben, überlege es dir.

[00:15:14.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er dann wieder kommt oder sie, können sie wieder fragen: was ist Dir in den Sinn gekommen?

[00:15:16.970] – Dr.med. Ursula Davatz
So läuft eine Interaktion und die bringt etwas mit.

[00:15:27.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass wenn sie selber das Suchtverhalten thematisieren, dass sie überhaupt keine moralische
Haltung haben.

[00:15:36.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Suchttherapeuten, speziell im ambulanten Bereich, dort musste man lernen, dass man mit der
Suchtkrankheit auf eine neutrale, ruhige, amoralische Art und Weise umgehen kann, ohne die
Suchtpatienten irgendwie zu bestrafen oder moralisch verurteilen.

[00:16:03.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt gar nichts, wenn man sie moralisch verurteilt, tut man sie noch mehr runter stossen, dann
müssen sie noch mehr Sucht Substanzen konsumieren.

[00:16:13.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird im Petit Prince auch gebracht, wenn man den Buveur, also den Alkoholiker, fragt: Warum trinkst
du eigentlich?

[00:16:20.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sagt er: Je bois que j'oublie que je bois.

[00:16:21.380] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich trinke, damit ich vergessen kann, dass ich trinke.

[00:16:27.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe schon Jugendliche, Süchtige sagen gehört, wenn sie nach Hause kommen und die Mutter oder
Vater schimpft jetzt bist du schon wieder zu, das geht doch nicht, dann müssen sie gerade nochmals
Sucht Substanzen konsumieren, um nicht zu spüren, wie sich ihr Gegenüber, also ihre Bezugspersonen
ärgert.

[00:16:48.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja nicht ärgern über einen Rückfall, sondern ganz neutral das benennen.

[00:16:54.950] – Dr.med. Ursula Davatz
So können wir nicht arbeiten.

[00:16:57.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Überleg dir und wenn sie wieder kommen, was hast du dir überlegt?

[00:17:00.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich weggehen von der Symptomkontrolle, hin zur persönlichen Interaktion.

[00:17:10.480] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn wollen sie den Süchtigen dazu bringen, zu reflektieren innerhalb von seinem sozialen Umfeld
und sie wollen ihn dazu bringen zum sozialen Lernen.

[00:17:23.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das, was ich auch in der Therapie mache. Dort geht es natürlich über eine längere Zeit.

[00:17:29.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können das einfach anstossen. Sie müssen sich auch gar nicht verantwortlich fühlen, ob es dann
irgendwie funktioniert oder nicht.

[00:17:36.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich müssen sie natürlich schauen, dass es an ihrem Arbeitsumfeld einigermassen tragbar ist.

[00:17:47.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Das soziale Lernen ist eigentlich das Allerwichtigste.

[00:17:51.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus dem Grund gebe ich ihnen auch das in die Hand, dass sie diesen Menschen die Fragen stellen
können.

[00:18:03.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Reflektieren im sozialen Hirn.

[00:18:08.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem sie anfangen zu reflektieren, sie müssen im Grosshirn reflektieren, dann läuft zwischen Grosshirn
und emotionalem Hirn ein Prozess ab.

[00:18:22.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem sie reflektieren, können sie dann die Spannung, die im emotionalen Gehirn besteht, wegen diesen
ungelösten Emotionen, können sie die Spannung abbauen.

[00:18:34.900] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sagt man ja, und das ist wissenschaftlich untersucht, dass wenn ein Mensch seine
Emotionen genau zum Ausdruck bringt, wenn er darüber redet oder darüber schreibt, also wenn man es
in Wort fasst, wenn man seine Gefühle in Wort fasst, dann geht 50% vom Stress weg.

[00:18:56.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem sie ihre Leute dazu bringen, dass sie darüber reflektieren, dass sie die Situation in ihrem Grosshirn
hinterfragen, anschauen, überlegen, was hätte es sein können?

[00:19:10.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht ihnen dann sogar noch mitteilen, dann wird das emotionale Hirn, der Hippocampus, wird wieder
frei.

[00:19:22.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt heutzutage Untersuchungen, wo man schaut, wie der Hippocampus im limbischen System, wie
der funktioniert und wie gross der ist.

[00:19:33.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es sogar Untersuchungen, dass man sagt, der wird langsam kleiner.

[00:19:37.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann spricht man vom erschöpften Gehirn.

[00:19:40.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ein Buch darüber, das erschöpfte Gehirn von Michael Nehls.

[00:19:44.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird erschöpft, wenn man das Gehirn nicht lehrt.

[00:19:48.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sich nicht die Zeit und die Mühe nimmt, die Sachen raus zu transportieren, aus zu sortieren
und dann im Grosshirn ablegt, im Sinne von: Jetzt habe ich gelernt mit dem umzugehen.

[00:20:02.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Hippocampus ständig überfordert wird, dann funktioniert er nicht mehr so gut und er schrumpft
sogar.

[00:20:10.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man Messungen gemacht, dass der in der heutigen Zeit 0,4 oder ich weiss auch nicht mehr genau
wie viel, leicht schrumpft und das wollen wir eigentlich nicht. Das wollen wir nicht.

[00:20:21.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wollen, dass wir überlebensfähig sind, stark sind und neue Eindrücke wieder aufnehmen,
prozessieren und lösen können.

[00:20:36.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Von dort her ist es ganz wichtig, dass man die Leute anregt zum Lernen.

[00:20:44.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss noch, als ich mit Suchtherapeuten gearbeitet habe, die sind immer enttäuscht, wenn ihre
Klienten wieder einen Rückfall gemacht haben.

[00:20:54.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gesagt, das ist nicht schlimm. Anhand von jedem Rückfall kann man lernen. Man muss nicht
sofort Erfolg haben. Ich als Therapeutin lerne und der Patient kann lernen.

[00:21:05.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sage ich auch ja den Klienten.

[00:21:13.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Suchtmittel sind dann immer ein Ausweg aus dem Lernen.

[00:21:19.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz wichtig ist, dass wir so viel wie möglich lernen.

[00:21:24.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Leben ist komplex und die Anforderungen werden zum Teil immer grösser und wir können die
Lösungen nicht in den Games suchen, in der künstlichen Intelligenz.

[00:21:37.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir als Menschen müssen diese Intelligenz selber erreichen.

[00:21:46.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen nicht Therapie machen. Sie müssen schauen, dass wenn jemand zu fest zu ist, dass er dann
halt nicht am Arbeitsplatz bleiben kann.

[00:21:57.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können ihm eine Aufgabe nach Hause mitgeben. er kann lernen und sie können lernen.

[00:22:03.670] – Dr.med. Ursula Davatz
So lange man zusammen lernt, bleibt es auch interessant.

[00:22:07.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor Jahren hatte ich einen Heroinsüchtigen und hatte den in einem Methadon Programm.

[00:22:13.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Befehl vom Kantonsarzt ist gewesen, wenn der Methadon Patient einen Rückfall macht, also wenn er
andere Substanzen konsumiert, muss ich das Methadon abstellen.

[00:22:28.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, man hat auch mit der Bestrafungsmethode gearbeitet.

[00:22:33.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Das funktioniert für mich überhaupt nicht. Ich habe es auch nicht gemacht.

[00:22:36.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat der Patient dann gesagt, wenn er einen Rückfall gehabt hat und das auch erzählt hat, man konnte
es mit der Urinprobe natürlich auch sehen, hat er gefragt, stellen sie mir jetzt das Methadon das ab?

[00:22:48.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, mache ich nicht.

[00:22:50.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Solange ich sehe, dass sie einen Prozess durchmachen, dass sie sich entwickeln, solange ich den
Entwicklungsprozess sehe, stelle ich sicher nicht ab.

[00:22:59.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Rückfälle gehören zu jeder Suchtkrankheit.

[00:23:03.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bestrafe die nicht und ich bleibe weiter am Lernen.

[00:23:07.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach zwölf Jahren konnte er dann das Methadon abstellen.

[00:23:12.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat Schmerzmittel noch gehabt, die hat er abgestellt.

[00:23:16.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlafmittel hat er gehabt, die er abgestellt hat und er hat noch 20 Kilo an Gewicht verloren.

[00:23:23.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Er konnte alle seine Süchte in den Griff kriegen und wir konnten das Methadon Programm aufhören.

[00:23:24.040] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn geht es nicht darum, zur Gesundheit oder zur Abstinenz zu erziehen, sondern es geht
darum, zum Lernen, dass man das Suchtmittel nicht mehr braucht als Lebensbewältigungsstrategie.

[00:23:44.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären so meine Gedanken und jetzt brauche ich natürlich Fragen von Ihnen.

[00:23:54.590] – Bemerkung 1
Das Erkennen ist ja schwierig in dem Ganzen beim Klienten. Wie erkenne ich es? Wenn jemand ein
bisschen wenig geschlafen hat, Computer Spiele gespielt hat, dann hat er gläserne Augen? Wenn er ein
Suchtmittel genommen hat, dann hat er auch gläserne Augen. Wie erkenne ich das als Laie?

[00:24:41.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim Haschisch Konsum, da sind es die roten Augen.

[00:25:04.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse gehen dann in die Apotheke, Augentropfen kaufen und nehmen dann die, sodass man die roten
Augen nicht mehr sieht.

[00:25:14.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Heroinprodukten sind es eher die Stecknadelpupillen oder wenn sie auf Entzug gehen, dann sind
es die grossen Pupillen.

[00:25:25.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie spüren es auch.

[00:25:27.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie schwatzen oft auch ein bisschen anders so super überlegen, überspielen alles.

[00:25:36.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spürt es auch ein bisschen.

[00:25:38.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben immer alle Angst. Ich darf ihn doch nicht falsch verdächtigen.

[00:25:43.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Süchtigen haben die Tendenz zu leugnen.

[00:25:47.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Die sagen: Nein, ich habe gar nichts genommen.

[00:25:49.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Alkoholiker kann einem noch in das Gesicht hinein sagen und er hat er eine riesige Fahne. Nein,
nein, ich habe gar nichts getrunken.

[00:25:55.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müssen sie nicht Angst haben, dass sie falsch verdächtigen, wenn sie das Gefühl haben, da stimmt
irgendetwas nicht.

[00:26:02.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich höre es am Telefon, sie lallen manchmal so ein bisschen.

[00:26:05.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwie sind sie im Duktus von der Sprache ein bisschen anders und im Verhalten ein bisschen anders.

[00:26:12.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann dürfen sie sagen: Ich habe den Eindruck, du bist verändert. Hast du irgendetwas genommen?

[00:26:18.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, nein, nein, nein. Ja, okay. Ich habe einfach den Eindruck, lassen wir es stehen.

[00:26:23.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Also sie sind kein Polizist. Sie müssen es nicht beweisen. Aber sie dürfen sagen, wenn sie das Gefühl
haben, es stimmt irgendetwas nicht.

[00:26:32.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist das ein bisschen beantwortet?

[00:26:34.970] – Bemerkung 1
Ich glaube heikel ist dann auch damit umzugehen. Wie weit gehe ich aus dem Bereich heraus? Wie weit,
darf ich selber reagieren? Wie weit muss ich jemanden beziehen?

[00:26:50.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich immer reagieren. Wenn sie etwas merken, eigentlich immer reagieren, denn es geht um eine
menschliche Beziehung.

[00:27:00.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie einfach ignorieren, dann sind sie wurstig.

[00:27:04.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann nehmen sie eigentlich die Beziehung nicht recht ernst.

[00:27:07.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie spüren, ja, irgendetwas ist komisch, dann dürfen sie sagen, ja, ich spüre das. Ich habe das und
das Gefühl.

[00:27:16.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er sagt Nein nichts, dann sagen sie: Ja, ist einfach mein Gefühl und ich will ehrlich sein und ich
sage dir das.

[00:27:25.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann können sie sagen Okay, gehen wir weiter.

[00:27:28.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gesagt, sie müssen kein Detektiv sein, sie müssen es auch nicht beweisen.

[00:27:32.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist gut, wenn er merkt, dass sie etwas merken.

[00:27:35.770] – Bemerkung 1
Ok.

[00:27:37.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn sonst ist zwischen ihnen und dem Klienten oder ihrem Mitarbeiter ist so wie eine Barriere, also wie
eine Blockade und das ist schade.

[00:27:53.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage dann dem Bezug nehmen auf Symptome, also auf Sucht Symptome auf eine lockere Art, eben
nicht moralisierend, überhaupt nicht moralisierend.

[00:28:04.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Solange sie nicht mal moralisieren müssen, haben sie keinen Erziehungsauftrag, nichts.

[00:28:09.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen nur sagen, was sie empfinden. Das ist okay.

[00:28:15.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er sagt: Du tust mich verdächtigen und es stimmt gar nicht, du tust mir etwas unterschieben, sagen
sie, ich will dir gar nichts unterschieben.

[00:28:23.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich, spüre einfach etwas ein bisschen anders. Okay, lassen wir es stehen.

[00:28:28.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mal eine Frau gehabt, deren Mann hat immer Alkohol getrunken und wenn er Alkohol getrunken
hat, hat er das Velo genommen. Dann habe ich ihr gesagt, sie darf zu ihrem Mann nicht nichts sagen und
auch nicht, jetzt gehst du wieder Alkohol trinken, sondern sie hat gesagt, gehst du Fahrradfahren oder
Fahrradfahren?

[00:28:51.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Versteht man das?

[00:28:52.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt zwei Methoden von Fahrradfahren.

[00:28:56.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass wir in unserer Beziehung ehrlich sind miteinander und dass man das Gefühlsmässige
auch rüber gehen lässt.

[00:29:07.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Fahrradfahren oder das Fahrradfahren?

[00:29:09.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sagt sie indirekt, ich merke irgendetwas ohne ihn blosszustellen.

[00:29:16.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf eine Art ist das die vierte Art von Reflex, also das Teasing.

[00:29:24.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein bisschen Teasing, also so ein bisschen leicht, fein provozieren.

[00:29:29.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Teasing wird verwendet unter Jungtiere, die tun einander so ein bisschen stören oder ein bisschen
aggressiv angehen.

[00:29:40.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht auch einher mit Lernverhalten.

[00:29:43.720] – Dr.med. Ursula Davatz

Indem sie das können, ihrem Angestellten gegenüber, tun sie auf eine Art eine Lernatmosphäre ein
bisschen eröffnen.

[00:29:55.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass sie überhaupt nicht moralisch verurteilend sind.

[00:29:59.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Macht das Sinn?

[00:30:02.110] – Bemerkung 1
Ja, Danke.

[00:30:07.840] – Bemerkung 2
Ich habe drei Personen mit Suchtproblemen. Ich merke, es ist ein auf und ab auch und immer mit dem
Thema Klinik.

[00:30:27.550] – Bemerkung 2
Einer ist schon Jahre bei uns, er hat verstanden, dass ihm die Klink gut tut. Er hat auch dort Betreuung.

[00:30:27.700] – Bemerkung 2
Ein anderer ist seit er 16 Jahre alt ist in der Sucht drinnen. Er mag soziale Kontakte. Er will nicht auf
Entzug gehen. Er sagt er hätte schon fünf Mal Entzug gemacht und es bringe nichts. Er hatte auch ein
Thrombose im Gehirn und war länger im Spital.

[00:31:47.870] – Bemerkung 2
Was können wir machen, damit es ihm besser geht?

[00:32:26.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, der Entzug bringt es nicht, er muss ambulant entziehen.

[00:32:30.850] – Bemerkung 2
Das wäre ja schon mal etwas.

[00:32:35.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele gehabt, die viele Entzüge gemacht haben und es hat es nicht gebracht.

[00:32:42.970] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich konnte sie dann eigentlich besser ambulant entziehen.

[00:32:45.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, sie können ihn immer wieder fragen und jedes Mal für was hast du es das letzte Mal
gebraucht?

[00:32:53.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ist dein seelischer Zustand dort gewesen?

[00:32:57.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Was läuft davor ab? Denkst du, oh nein, heute mache ich es nicht? Oder denkst du, ich gehe jetzt wieder
das Bier kaufen?

[00:33:04.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man den ganzen Prozess relativ differenziert mit ihm durchgeht.

[00:33:10.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wo könntest du wieder abbiegen? Wenn er es eine Woche geschafft hat, nicht zu trinken, wie hast du es
gemacht?

[00:33:16.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie bist du abgebogen?

[00:33:18.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch einen mittelalterlichen Alkoholiker gehabt, der hat seit er 18 Jahre alt ist immer getrunken.

[00:33:25.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann auch, das ist natürlich therapeutisch, ich habe dann auch gefragt, für was braucht er es?

[00:33:32.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Er soll seine Gefühle besser anschauen, bevor er es macht.

[00:33:36.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Der hat, wie soll ich sagen, der hat nicht recht auf seine Gefühle geachtet.

[00:33:42.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu einem mittelalterlichen Alkoholiker müsste man sagen, was fühlst Du davor, was läuft in dir ab?

[00:33:51.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen eigentlich lernen, ihre Gefühle besser wahrzunehmen.

[00:33:55.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Männern ist das noch schwierig.

[00:33:57.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man natürlich fragen, wie ist das bei euch daheim gewesen?

[00:34:01.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat man überhaupt Gefühle gehabt?

[00:34:03.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist es ehrenhaft gewesen als Mann, wenn man Gefühle gehabt hat, oder eben nicht?

[00:34:05.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man aufzeigt, er darf das lernen.

[00:34:16.070] – Bemerkung 2
Seine Mutter ist auch Alkoholikerin.

[00:34:16.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat er das natürlich vorgelebt bekommen.

[00:34:19.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann könnte man fragen: Was für Gefühle hat die Mutter verdrängt?

[00:34:24.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat sie gestört?

[00:34:25.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann durch den ganzen Irrgarten der Gefühle durchgehen.

[00:34:30.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann ihnen alles mögliche in den Sinn kommen.

[00:34:33.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Einfach immer wieder fragen.

[00:34:36.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sagen helfen, dann ist man schon wieder dran am helfen wollen.

[00:34:41.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt man schnell in die Co-Alkoholiker Rolle.

[00:34:46.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe natürlich viele Paare erlebt und auch Eltern und Kinder, wo die Frauen helfen wollten.

[00:34:54.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben sich immer wieder eingelassen, moralisiert haben und so weiter.

[00:35:01.060] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich muss man als nicht Alkoholiker lernen, davon reden, ohne dass man helfen will.

[00:35:12.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn das Helfen ist schon ein kleines Bevormunden.

[00:35:16.060] – Bemerkung 2
Ja, das stimmt.

[00:35:17.370] – Bemerkung 2
Der Gruppenleiter, der darin involviert ist, ist ein sehr erfahrener, er wird auch pensioniert.

[00:35:23.330] – Bemerkung 2
Er tut auch nicht moralisieren, er spricht es einfach immer wieder an, ganz in Ruhe,.

[00:35:29.820] – Bemerkung 2
Spannend ist einfach, der Klient selber sagt, oh nein, ich habe es wieder nicht geschafft. Oh nein, ich
habe mir so Mühe gegeben.

[00:35:40.340] – Dr.med. Ursula Davatz

Er tut sich selber moralisieren.

[00:35:43.830] – Dr.med. Ursula Davatz
An dieser Stelle würde ich, wenn er wieder sagt: Oh, ich habe es wieder nicht geschafft.

[00:35:50.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht darum zu arbeiten. Da überspringt er ja eigentlich den Lernprozess.

[00:35:55.380] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem er sagt, ich habe es nicht geschafft, überspringt er den Lernprozess.

[00:35:55.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Lernprozess wäre, genauer wahr zu nehmen, was ist gewesen.

[00:36:04.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Er geht gerade zur Lösung.

[00:36:08.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man sagt: Am letzten Tag, im Vergleich zur letzten Woche, was ist ein bisschen anders gewesen?
Was ist ähnlich gewesen?

[00:36:16.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss eine sehr differenzierte Bestandsaufnahme von seinem Gefühlszustand machen.

[00:36:20.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Er sagt gleich, ich muss es schaffen.

[00:36:25.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei allen chronischen Krankheiten, nicht nur bei der Sucht, geht es oft darum, dass man feiner lernt
wahrzunehmen.

[00:36:34.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Er muss sich feiner wahrnehmen lernen.

[00:36:38.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Er will es schaffen für die anderen. Er entschuldigt sich und dann sage ich Nein, bei mir müssen sie sich
nicht entschuldigen, das ist nicht mein Problem.

[00:36:51.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie es einem zuliebe machen wollen, bringt es das nicht.

[00:36:55.410] – Bemerkung 2
Er sagt, er ist 40, 41 Jahre alt, jetzt muss es mal anders gehen.

[00:37:04.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Süchtigen sind in der Regel sehr sensibel. Er setzt sich da an unter Druck, es gerade zu können,
also weg zu bleiben von dem.

[00:37:18.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, er muss lernen, sich wahrzunehmen, seine Gefühle wahrzunehmen, die auszudrücken.

[00:37:23.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann jedes Mal fragen: Wie ist es gewesen? Was hast du gespürt? Was hast du gemerkt?

[00:37:29.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht wirklich darum, sich besser wahrzunehmen.

[00:37:33.400] – Bemerkung 2
Und nicht flüchten vor sich selbst.

[00:37:37.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist es häufig.

[00:37:42.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man fragen, was hat er für ein Menschenbild, wie sollte er sein?

[00:37:46.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Männern ist es natürlich oft so, ich muss stark sein und ich muss alle im Griff haben.

[00:37:51.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, er muss genau das Gegenteil, er muss den weichen Teil von sich ein bisschen kennenlernen und
mit dem besser umgehen.

[00:38:00.720] – Bemerkung 2

Seine Strategie ist jetzt heimgehen mit möglichst wenig Bier weil rausgehen und noch Neues kaufen
macht er nicht. Wenn er mit wenig Bier heimgeht dann kann er am anderen Tag arbeiten.

[00:38:10.680] – Bemerkung 2
Eigentlich müsste er ja auch im Sozialen Fortschritte machen können.

[00:38:14.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das stimmt und heimgehen mit wenig Bier bringt es eigentlich nicht.

[00:38:18.710] – Bemerkung 2
Es ist so, als würde er sich selber bestrafen.

[00:38:19.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, genau.

[00:38:22.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man fragen vor was hast du denn Angst, wenn Du sonst rausgehst?

[00:38:25.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Gehst du gerade in die nächste Bar, um dich zu treffen mit anderen?

[00:38:29.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man immer ein bisschen fragen.

[00:38:31.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können einfach neugierig sein, wie es läuft und alle Detail abfragen.

[00:38:38.360] – Bemerkung 2
Vielleicht ein bisschen mehr Details und technisch fragen.

[00:38:39.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, absolut. Ja, würde ich sagen.

[00:38:42.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist es auch spannend für sie.

[00:38:44.550] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn man nur das Endziel im Kopf hat, ist es nicht so spannend. Jetzt schon wieder nicht erreicht, schon
wieder nicht erreicht.

[00:38:51.940] – Bemerkung 2
Wir würden ihm gerne den Krampf wo er drinnen steckt erleichtern.

[00:38:59.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, er macht sich den Krampf, indem er gerade das Endziel hat.

[00:39:03.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man sagen: Nein, nein, wir müssen nicht das Endziel haben. Jetzt wollen wir zuerst wissen, was
vorab abläuft.

[00:39:08.660] – Bemerkung 2
Da ist er gut aufgestellt, auch vom Sozialdienst her. Ganz ein feiner Sozialdienst.

[00:39:12.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Super.

[00:39:14.080] – Bemerkung 2
Es ist ein Marathon.

[00:39:16.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ist es. Er sagt, er ist schon so alt und jetzt müsste er es endlich mal können.

[00:39:24.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben noch lange Zeit.

[00:39:25.870] – Bemerkung 2
Ich sage immer, er ist erst 40 Jahre alt. Die Thrombose im Hirn hat ihn sehr erschreckt.

[00:39:35.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er sagt, ich habe jetzt einen vor den Bug bekommen, eigentlich müsste ich es jetzt verstehen, dann
muss man ihn wieder verlangsamen.

[00:40:09.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht nicht um das Endprodukt, es geht um die kleinen Schritte.

[00:40:15.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht um seinen feinen Lernprozess.

[00:40:19.870] – Bemerkung 2
Ja, das, ist spannend, dieser feine Lernprozess.

[00:40:32.060] – Bemerkung 2
Ich beobachte alle und hoffe, dass sie sich gegenseitig befruchten können mit guten Lösungen.

[00:40:35.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Der andere ist was für einer?

[00:40:47.860] – Bemerkung 3
Den haben wir anstellen können und er hat mit 47 Jahren eine IV Rente erhalten. Er ist im Kindergarten
schon immer zu spät gekommen, sagt er. Er äussert viele Ängste. Er ist in ein Methadon Programm
gekommen und ich hatte das Gefühl, dass er parkiert war dort, weil er nicht gefragt hat.

[00:41:13.790] – Bemerkung 3
Dann ist es mal so schlimm geworden, dass er um Hilfe gefragt hat, dann ist er in die Klinik. Das ist ganz
schwierig gewesen für ihn.

[00:41:23.480] – Bemerkung 3
Jetzt hat er wie gemerkt, hey es ist gar nicht so schlimm gewesen, ich habe dort Hilfe bekommen. Dort
sehe ich jetzt ein lernen mit 47 Jahre. Er geht zu Abgabestelle und sagt, ja es geht mir nicht gut jetzt, was
kann ich machen?

[00:41:37.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Er muss lernen, zu reden über seine Gefühle.

[00:41:42.160] – Bemerkung 3
Er ist 15 Jahre schon bei uns mit Unterbrüchen.

[00:41:46.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ein Lernprozess.

[00:42:15.850] – Bemerkung 4

Wir haben jemanden, der zwei Pakete Zigaretten raucht pro Tag, wenn er arbeitet.

[00:42:21.970] – Bemerkung 4
Wenn er nicht arbeitet, raucht er nur ein Päckchen pro Tag.

[00:42:22.240] – Bemerkung 4
Die Person hat nie Geld um etwas zu essen. Er raucht immer dann, wenn wir sagen, jetzt rauchen wir
nicht, jetzt arbeiten wir.

[00:42:29.450] – Bemerkung 4
Er kann sich gar nicht an Regeln halten und ist deshalb auch verhaltensauffällig und findet dadurch auch
keinen Job.

[00:42:42.030] – Bemerkung 4
Das Rauchen ist halt so seine Freiheit, die er sich nehmen kann, wo er sagen kann, jetzt kann ich eins
rauchen, für was auch immer, er das jetzt braucht.

[00:42:54.940] – Bemerkung 4
Das ist bei uns auch das Thema. Schafft er es zwei Stunden nicht zu rauchen, vier Stunden nicht zu
rauchen? Damit umzugehen ist zum Teil schwierig. Die Person dreht sich im Kreis und kommt auch nicht
vom Fleck.

[00:43:24.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Den würde ich natürlich auch fragen, für was brauchst du Zigaretten?

[00:43:30.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Was bedeuten die für dich? Was bewirken sie für dich?

[00:43:34.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Zeit lang alle Zigaretten-Reklamen ein bisschen genauer angeschaut.

[00:43:37.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie sprechen die Zigaretten-Reklamen den Konsumenten an?

[00:43:45.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Geschmack bleibt eine Entdeckung, ist Camel gewesen.

[00:43:51.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Abenteurer gewesen, ein grosses Abenteuer, anstrengend, Stress und am Schluss als
Belohnung die Zigaretten.

[00:44:00.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Malboro ist eher so ein bisschen cool gewesen, so ein bisschen clean.

[00:44:06.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Gauloise, das sind so die Lässigen gewesen.

[00:44:15.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde ihn wirklich fragen, was bedeuten diese Zigaretten für ihn?

[00:44:20.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Was signalisiert sie? Was signifiziert sie für ihn?

[00:44:24.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich jetzt so höre, wie sie von ihm reden und sagen, wie er immer sofort auf ihre Vorschläge mit
einem "Nein" antwortet.

[00:44:28.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Er empfindet das Zigarettenrauchen als Freiheit und grenzt sich damit ab gegen sie. Sie sagen, jetzt
probiere es mal ohne.

[00:44:43.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Da läuft schon eine Interaktion, sie wollen ihn zu etwas bringen und er trotzt und sagt Nein, mache ich
nicht.

[00:44:49.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum würde ich genau anders vorgehen.

[00:44:53.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Was bedeutet die Zigarette für Sie? Für was brauchst Du sie?

[00:44:59.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Camel hat Kaugummi verkauft, wo Camel Werbung darauf war, um die Jungen einzuschleusen.

[00:45:10.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt sind Zigarettenwerbungen verboten.

[00:45:15.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das habe ich damals schon gesagt, man müsste das eigentlich verbieten.

[00:45:19.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sucht Substanz macht sowieso Reklame für sich.

[00:45:23.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sucht Substanz greift ein in das Belohnungssystem. Das bewirkt einen gewissen Typ.

[00:45:32.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde den echt fragen, für was brauchst du sie?

[00:45:38.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele sagen ja dann nein ich brauch das gar nicht, ich mach es einfach.

[00:45:41.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Bleiben sie ein bisschen auf dieser Thematik, was bringt sie dir?

[00:45:46.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht vorwurfsvoll: was bringt es dir eigentlich?

[00:45:50.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sondern wirklich neugierig.

[00:45:52.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie fühlst du dich dann besser?

[00:45:56.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es klingt, als ob er das als Abgrenzung verwendet gegen sie und das normale Volk.

[00:46:03.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Da könnte man ihn auch weiter fragen, inwiefern fühlst du dich anders oder inwiefern fühlst du dich da
fremd unter uns?

[00:46:13.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie tust du dich unterscheiden von den anderen Mitarbeitern?

[00:46:16.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man ihm schon die Möglichkeit gibt, zu sagen, wie er sich anders fühlt und dass er sich so ein
bisschen persönlich profilieren kann.

[00:46:26.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt macht er das mit den Zigaretten.

[00:46:29.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Klingt das irgendwie an oder gar nicht?

[00:46:36.990] – Bemerkung 4
Er sagt immer, das ist seine letzte Freiheit, die er sich noch nehmen kann. Er hat kein Geld und verdient
nichts, dann muss er auch nicht die beste Leistung abliefern.

[00:47:00.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da kann man in die andere Richtung gehen.

[00:47:04.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist schon so wie ich es wahrnehme.

[00:47:07.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man in die andere Richtung gehen.

[00:47:09.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat er langfristig für sich für ein Ziel?

[00:47:12.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf eine Art ist er hier nur wie ein einem Pubertierender.

[00:47:16.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Pubertierenden sagen, ich mache, was ich will, aber du musst mich trotzdem noch unterstützen.

[00:47:22.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Da würde ich dann in die andere Richtung gehen. Was ist denn sein langfristiges Ziel?

[00:47:26.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Welche Zigaretten Marke raucht er?

[00:47:42.090] – Bemerkung 4
Ich weiss es nicht, aber er geht überall für eine Zigarette betteln.

[00:47:48.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sind wir schon wieder in einem Dilemma.

[00:47:52.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Er geht betteln. Ist das Freiheit, wenn er betteln geht?

[00:47:56.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder macht er den Buddha nach, der extra alles weg gegeben hat, damit er dann betteln gehen kann?

[00:48:01.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass sie zu dem Thema so ein bisschen von verschiedenen Seiten ran gehen.

[00:48:07.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Fragen Sie ihn auch einmal, was ist dein langfristiges Ziel?

[00:48:10.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Einfach Reklame zu machen fürs Rauchen?

[00:48:15.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Er könnte ja mal Fragen ob er auf so eine Reklame, Plakat drauf darf.

[00:48:23.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Er zelebriert seine Freiheit und seine Eigenständigkeit und eigentlich ist er ja alles andere als frei.

[00:48:29.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre jetzt auch wieder ein bisschen ein Teasing.

[00:48:37.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen ihn so ein bisschen herausfordern.

[00:48:41.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen überhaupt keine Richtung, sie lassen ihm das alles. Er darf gar nichts spüren, dass sie ihm
das wegnehmen wollen.

[00:48:54.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie könnten sogar sagen, willst Du einmal diese Marke probieren?

[00:48:58.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre eine paradoxe Intervention.

[00:49:06.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie reagieren die anderen auf ihn?

[00:49:11.360] – Bemerkung 4
Gewisse fürchten seine Reaktion wenn er keine Zigarette erhalten würde von ihnen.

[00:49:29.410] – Bemerkung 4
Ich sage jeweils, dass man ihm keine Zigarette geben muss.

[00:49:54.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können sie ihn auch teasen.

[00:49:55.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Er sagt es ist seine Freiheit eine Zigaretten zu rauchen, aber eben ja, er muss betteln gehen.

[00:50:01.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Andere müssen ihm dann eine Zigarette geben.

[00:50:04.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht eine so grosse Freiheit.

[00:50:06.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können ein bisschen spielen mit dem.

[00:50:08.650] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie könnten auch mal die anderen fragen, was sie denken, warum der das braucht, was ihre Theorie ist,
so wie sie mir jetzt das geboten haben und ich habe probiert, meine Theorie dazu zu sagen.

[00:50:20.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass sie ein bisschen eine Dynamik hineinbringen.

[00:50:24.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nur: ich will, nein gibt es nicht, sondern dass man noch ein bisschen Verspieltheit hineinbringt.

[00:50:30.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann dann die anderen fragen: Wann geben sie ihm eine Zigarette und wann geben sie ihm keine
Zigarette?

[00:50:32.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist es so ein bisschen mehr ein Gruppenprozess, dann wird er auch ein bisschen mehr integriert
über sein Rauchen oder nicht Rauchen.

[00:50:50.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist das eine Möglichkeit für Sie?

[00:50:50.840] – Bemerkung 4
Ja, versuchen wir es einmal.

[00:50:50.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt sind sie schon in dem gefangen, ich will ihn eigentlich ändern.

[00:50:55.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Er wehrt sich, nein ich lasse mich nicht ändern. Die anderen können das machen was sie wollen.

[00:51:04.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist schon ein bisschen gefangen im helfen wollen.

[00:51:09.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man helfen will, die drängen ja eigentlich alle nach Freiheit und Eigenständigkeit.

[00:51:16.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Abhängigkeit von der Substanz ist keine Abhängigkeit.

[00:51:20.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen von den Menschen unabhängig sein und sind dann von der Substanz abhängig. Das ist keine
Freiheit.

[00:51:27.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja spielen sie ein bisschen damit. Tun sie ihn ein bisschen teasen.

[00:51:35.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Teasen löst Lernverhalten aus.

[00:51:41.750] – Bemerkung 4
Dankeschön.

[00:51:50.090] – Bemerkung 5
Wir haben schon längere Zeit ein Frau mit einer Alkoholsucht, seit sie 14 Jahre alt ist, heute ist sie über
50 Jahre alt.

[00:51:59.760] – Bemerkung 5
Sie schafft es ab und zu mit Antabus trocken zu bleiben. Sie leidet aber ständig unter der Sucht, sagt sie.

[00:52:19.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Die hat schon seit sie 14 Jahre alt ist eine Alkoholsucht?

[00:52:23.350] – Bemerkung 5
Ja.

[00:52:24.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann würde ich mal zu dem zurückgehen. Was ist dort gewesen?

[00:52:27.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Mir hat mal ein Jugendlicher gesagt, der Alkohol ist wie meine Mutter.

[00:52:31.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Der gibt mir Wärme, Geborgenheit.

[00:52:36.100] – Dr.med. Ursula Davatz

Was ist gewesen bei ihr dort?

[00:52:37.860] – Bemerkung 5
Sie hatte kein (gutes) Verhältnis zur Mutter. Sie kann sich nicht daran erinnern, dass die Mutter sie jemals
in den Arm genommen hat.

[00:52:38.100] – Bemerkung 5
Sie ist eigentlich ein herzlicher, warmer Typ.

[00:52:49.290] – Bemerkung 5
Mit dem Vater hatte sie ein besseres Verhältnis, aber der war auch am Alkohol. Der Bruder war auch in
den Drogen, der hat sich das Leben genommen. Die Mutter ist dann an Krebs gestorben. Sie war
verheiratet und hatte auch einen Sohn, der Krebs hatte als kleiner Junge. Sie hat viele schwierigen
Sachen erlebt.

[00:53:17.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Oh je.

[00:53:20.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der würde ich wahrscheinlich eher schauen, was kann dir alles noch so ein schön warmes Gefühl
geben und durch schauen, was noch?

[00:53:30.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann nicht nur etwas sein, es müssen mehrere Sachen sein.

[00:53:34.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie stellt einfach automatisch auf den Alkohol um.

[00:53:39.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein legales Suchtmittel, das kann man nehmen.

[00:53:43.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man mit ihr diversifiziert und guckt, was für Situationen geben ihr ein gutes Gefühl, ein warmes
Gefühl, ein Geborgenheitsgefühl? Was kann sie machen, dass sie das auch erreicht?

[00:53:56.880] – Bemerkung 5
Ist es wirklich so, dass wenn jemand so Alkoholiker gewesen ist, dass der Suchtdruck, dass der immer da
ist?

[00:54:04.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kennt nichts anderes.

[00:54:06.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kennt nichts anderes um sich gut zu fühlen.

[00:54:08.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eben reflexartig und alle Suchtverhalten sind dann quasi eingebaut in das Gehirn, sehr reflexartig.

[00:54:16.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum müssen wir diversifizieren und schauen was könnte noch ein gutes Gefühl geben?

[00:54:21.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Möglichst nach verschiedenen Sachen suchen.

[00:54:25.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja man kann sie anerkennen, in dem dass sie das nicht gut gehabt hat, dass sie nicht gut genährt
worden ist.

[00:54:33.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man erwachsen ist, dann muss man sich selber nähren.

[00:54:37.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Über verschiedene Sachen, nicht nur eins.

[00:54:40.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ja langweilig nur über die Sucht sich zu nähren.

[00:54:45.080] – Bemerkung 5
Das wäre eigentlich möglich, dass sie loskommt von dem Suchtdruck.

[00:54:48.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde schon sagen, ja.

[00:54:50.090] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich bin natürlich schon lange Sucht Therapeutin.

[00:54:53.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage auch ich bin eine gottvergessene Optimistin.

[00:54:58.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich probiere immer noch irgendetwas zu machen.

[00:55:02.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Der 50-Jährige, der ist auch daraus rausgekommen, wirklich, voll.

[00:55:07.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen, ja, die sind oft alleine gelassen gewesen, verletzt und sie tun ihre verletzten Gefühle dann halt
mit dem Alkohol ertränken.

[00:55:16.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde schauen nach anderen Sachen, die auch gut wären.

[00:55:21.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht nur eine Verhaltensweise, sondern mehrere.

[00:55:30.040] – Bemerkung 5
Sie ist auch eine Sozialhilfebezügerin, ist eingeschränkt in den Finanzen. Sie kifft jetzt auch eher mehr,
weil das günstiger ist.

[00:55:43.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist wie das Märchen vom Hans Christian Andersen, "das kleine Mädchen mit den
Schwefelhölzern".

[00:55:47.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Man zündet ein Zündhölzchen an und dann hat man eine Phantasie.

[00:55:50.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die meisten sagen dann, ja ich habe kein Geld und darum kann ich nichts machen.

[00:55:57.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt nicht.

[00:55:58.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann in seine Fantasie gehen, man kann alles mögliche machen.

[00:56:03.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht wieder nicht darum, aufzuhören mit dem, sondern Alternativen finden, sodass man es nicht mehr
braucht.

[00:56:20.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist immer das und so habe ich es eigentlich mit allen Süchtigen gemacht.

[00:56:25.430] – Bemerkung 6
Unterscheiden sie nicht zwischen Alkohol krank, Alkoholismus, Alkoholsucht? Gibt es überhaupt eine
Sucht?

[00:56:50.530] – Dr.med. Ursula Davatz
So schaue ich es nie an.

[00:56:53.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage Alkoholsucht, Alkohol krank, ist mir eigentlich egal.

[00:56:57.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor Jahren habe ich einen Artikel gehabt, da im Heft der Suchtberatung ags.

[00:57:02.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich gesagt Alkoholkrankheit oder Alkoholsucht ist weder eine Krankheit, noch ein Laster. Es ist
ein Verhalten.

[00:57:10.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein Zwangsverhalten, das man kann ändern.

[00:57:19.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss es ersetzen mit anderen Verhaltensweisen.

[00:57:24.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht Zeit und man muss dann Vertrauen haben in die anderen Verhaltensweisen.

[00:57:29.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde nie sagen, man kommt nie mehr daraus heraus.

[00:57:31.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, es gibt Clochards die unter der Brücke leben und die wollen gar nicht rauskommen.

[00:57:37.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann will ich sie auch nicht rausholen.

[00:57:41.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Danke fürs Mitmachen!

[00:57:48.510] – Bemerkung 7
Ja, danke vielmals. Herzlichen Dank!

Berufliches Scheitern, Krise, Gefahr, Chance

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz
5.11.2022
Berufliches Scheitern, Krise, Gefahr, Chance
Audio

Dr.med. Ursula Davatz (00:00)
Ich möchte Sie alle ganz herzlich begrüssen zu diesem Thema. Sie haben ein sehr
gutes Thema gewählt. Auch das Wort «Chancen und Risiken». Es gibt das chinesische
Zeichen, das sagt, dass die Krise eine Gefahr und gleichzeitig eine Chance für eine
Entwicklung ist. In diesem Sinne ist jede Krise auch eine Chance für eine Entwicklung.
Jetzt beziehen wir das ganz spezifisch auf das Berufsleben. Wenn wir unsere westliche
Industrie und die Produktionsgesellschaft anschauen, dann verbringen wir, viele von
uns verbringen mehr als die Hälfte des Lebens am Arbeitsplatz, im Beruf. Wenn man
das Wort "Beruf" anschaut, dann hat es einerseits "die Berufung", also ich werde
emotional zu etwas hingezogen, also fast etwas Heiliges, könnte man sagen. Und auf
der anderen Seite ist es Arbeit. Früher hat man gearbeitet, um Geld zu verdienen, damit
man überleben kann. Und heute in grossen Betrieben und wenn die Leute in einer
hohen Anstellung sind, sieht es oft so aus, als ob man zum Arbeiten lebt. Und das ist
natürlich nicht sehr ideal. Nochmals zurück: Früher hatte man eher den Beruf im Sinne
einer Tradition gewählt. Wenn der Vater Schreiner war, wurde man auch Schreiner. Die
Männer haben den Beruf ihrer Väter übernommen und die Frauen heirateten. Den
Frauen sagte man, sie müssen nichts lernen, da sie Kinder bekommen und dann musst
Du eine gute Hausfrau sein.

Dr.med. Ursula Davatz (01:51)
Dann lernten sie nur Kochen, Nähen und vielleicht Musik in der vornehmeren Familie.
Wenn ich zurückgehe, hat man den Beruf des Vaters gewählt oder man ist ins Kloster
gegangen. Also man hat etwas gewählt, das eine Art Versicherung für die Familie ist.
Man hat eine Versicherung im Himmel geholt, damit es der Familie gut geht. Zum Teil
wurde auch von den Eltern gesagt, dass einer oder eine ins Kloster muss, damit es der
ganzen Familie gut geht. Das war die frühere Versicherung, heutzutage macht man
Lebensversicherungen. Klar das ist schon lange her, aber gedanklich läuft es auch noch
ein bisschen so. Heute besteht die Möglichkeit, dass man eine individuelle Berufswahl
macht. D.h. man wählt selber etwas, was man gerne machen möchte. Bei der
individuellen Berufswahl ist man auch nicht ganz frei. Häufig wird nach dem Wunsch
der Eltern gewählt. Wenn die Eltern nicht studieren konnten, wollen sie der nächsten
Generation immer die Möglichkeit geben, ein Stück weiter zu kommen. Die Eltern
erwarten eigentlich immer, dass ihre Kinder es weiterbringen als sie selbst. Wenn die
Eltern schon ein hohes Niveau haben, wenn sie schon Professor oder grosse
Unternehmer sind, wollen sie in der Regel nicht, dass ihre Kinder irgendwie absteigen.
Dann muss das Kind mindestens einen genauso guten Beruf haben. Es kann in einem
anderen Gebiet sein, aber man will immer das Niveau erhalten. Die sogenannte
Besitzstandswahrung spielt eine wichtige Rolle? Das ist einfach in unseren
Vorstellungen. Wir schauen voraus und wollen immer besser und mehr.

Dr.med. Ursula Davatz (03:56)

Dann kann man nach den Eltern ihren Wunsch wählen. Wenn die eigenen Fähigkeiten
den Wünschen der Eltern entsprechen, ist das kein Problem. Wenn die eigenen
Fähigkeiten den Wünschen nicht entsprechen, wird es schwierig. Man kann auch einen
hochfliegenden Wunsch haben, also hohe Ambitionen, und dann versuchen, in diese
Richtung zu gehen. Man will einerseits die Erwartungen der Eltern erfüllen, andererseits
seine eigenen hohen Erwartungen erfüllen. Je nachdem funktioniert es dann nicht. Ein
junger Patient, der die Matur gemacht hat. Er wollte etwas Tolles erfinden. Nanotechnik
ist eine moderne Angelegenheit. Er hat sich in die Nanotechnik eingeschrieben. Er war
langweilig, hatte zu viele Details. Ich wollte das nicht. Auf der anderen Seite hatte er
eine soziale Ader. Er dachte, er mache Lehrer. Dann kann er sein Wissen weitergeben.
Lehrer sein ist anstrengender aber auch wertvoller Beruf. Man gibt etwas weiter. Dann
passte es ihm aber nicht so. Er sass nur noch zu Hause und machte nichts mehr. Seine
hochfliegenden Ziele sind flöten gegangen. Im Augenblick, wo man nicht seine hohen
Ziele erreichen kann, oder wo man zu hoch fliegende Ziele hat, also man will etwas
machen, das man vielleicht gar nicht dafür geeignet ist, vielleicht macht man es, um den
anderen Eindruck zu machen, vielleicht macht man es, um den Eltern Eindruck zu
machen, und wenn man dann scheitert, wenn die hochfliegenden Ziele nicht mit den
eigenen Talenten übereinstimmen, dann hat man ein Problem.

Dr.med. Ursula Davatz (06:07)
Was macht man dann? Es kann auch sein, dass man zu viele Ideen hat. Ich möchte
das, das, das, das. Und man kann ja nicht alles machen. Und gerade zum Beispiel
Menschen, die ganz viele Talente haben, die haben ein grösseres Problem, um dann
etwas davon auszuwählen. Also um einen sogenannt einen eigenen Fokus zu finden
und sich ein bisschen zu beschränken. Und im Augenblick, wo man eben, wo die
hochfliegenden Ziele nicht verwirklicht werden können, man könnte auch Prüfungen
nicht bestanden haben oder der Chef, zu dem man gegangen ist, wo man gelernt hat,
ist nicht so gut oder man versteht sich nicht recht, dann bleibt man hängen. Und wenn
ich schaue, wann haben Menschen die meisten Krisen im Jugendalter und speziell in
Bezug auf Psychiatrie, dann hängen diese Krisen oft zusammen mit einer verfehlten
Berufswahl zusammen. Oft ist es eine verfehlte Berufswahl und manchmal kommt auch
noch dazu bei der Partnerwahl. Und wenn man dann in die Psychiatrie geht, dann
werden einfach die Symptome bekämpft, aber hintendran steckt immer noch diese
missratene Berufsfindung. Und in dem Sinn, wenn ich mit Patienten arbeite, schaue ich
nie nur ihre Symptome an, sondern ich schaue immer auch noch, was sie eigentlich
werden möchten. Und wenn ich dann frage, dann sagen sie, ich habe keine Ahnung, ich
weiss es nicht.

Dr.med. Ursula Davatz (07:41)
Also oft lassen sie sich auch nicht genügend Zeit, um zu schauen, was sie eigentlich
wollen. In diesem Sinn mache ich in meiner Arbeit oft auch eine Art Berufsberatung. Die
Berufsberatung läuft dann so, ich frage nach den hochfliegenden Zielen. Dieser junge
Mann hier, der dann nur noch im Bett gelegen ist und nichts mehr gemacht hat, habe
ich gefragt, was ihn interessieren würde. Er hat gesagt, mal Lehrer wäre schon noch
gut. Aber irgendwo hat es mich nicht ganz überzeugt. Ich fragte, ob er im hintersten
Kämmerchen immer noch die Idee hat, etwas zu erfinden zu müssen? Wenn man

intellektuell ist, ist es natürlich das Tollste, wenn man etwas erfindet. Er antwortete, Ja,
eigentlich schon. Solange man festhält, dass man das will, und man dann an die Uni
geht, und das entspricht dem allen nicht, dann hat man nichts mehr. Es könnte auch
sein, ich habe einen anderen, der ein guter Fussballer, und der hat von 13, 12 bis 20
immer davon gelebt, er hat eigentlich eine Rolle gespielt. Er war ein Star. Obwohl er
wusste, dass das seinen intellektuellen Fähigkeiten nicht entgegenkommt, spielte er
immer diese Rolle gespielt. Dann hatte er eine Knieverletzung oder etwas anderes,
konnte nicht mehr spielen, dann fällt die ganze Rolle weg. Solche treffe ich auch an, die
eine sportliche Karriere machen wollten. Dann passiert ein Unfall oder eine Verletzung.
Dann können sie nicht weitermachen, und dann weiss man nicht mehr, was. Aber die
hochfliegenden Ziele sind immer noch da. Jetzt kann man in einen Stillstand verfallen
und im Bett liegen bleiben und träumen davon, wann und was ich möchte und wenn ich
hätte und der Unfall nicht gewesen wäre, wäre ich jetzt ein grosser Star oder ein toller
Unternehmer oder irgend etwas ganz Tolles. Und wenn man ständig in diesen
Gedanken hängen bleibt, macht man natürlich nichts. Das Leben geht einem vorbei.
Und es gibt Leute, die bis zum hohen Alter noch irgendwelche hochfliegenden Ziele
hinten drein denken und sich baden in diesen Vorstellungen, was ich für ein toller
Mensch hätte werden können. Was für eine tolle Berufsperson. Und das ist natürlich
nicht gut. Und so gescheiterte Personen kommen zu Ihnen. Wenn solche Leute in der
Psychiatrie landen, und die schwierigste Krankheit ist ja Schizophrenie, oder eine der
schwierigsten, dann benehmen sie sich oft wie minderbegabt. Und früher hat man ja
gesagt, die Schizophrenie ist Dementia Präcox, das heisst, die verdummen, was
überhaupt nicht stimmt.

Dr.med. Ursula Davatz (11:05)
Und dann hat man sie behandelt wie geistig Behinderte. Und dann fühlen sich die
natürlich nicht für voll genommen. Und dann blockieren sie noch mehr. Also von dort her
muss man immer schauen, was für eine intellektuelle Fähigkeit hinter dran ist. Und auch
wenn sie jetzt gar nichts leisten können, wenn man das nicht wahrnimmt, dann fühlen
sie sich nicht ernst genommen, nicht weggeschätzt und falsch behandelt. Und das höre
ich von vielen Patienten und Psychiatriepatienten, die in Werkstätten gehen müssen,
sei das in Königsfelden, sei es ausserhalb, wo sie sich in ihrer Kapazität, in ihren
Fähigkeiten nicht abgeholt fühlen. Und dann einfach nur Widerstand machen. Oder
einfach nichts machen. Oder Absentismus. Also nicht mehr kommen. In diesem Sinne
stellt sich die Frage, wenn wir einen Mensch vor uns haben, der gescheitert ist, in
seiner Berufswahl, ist die Frage, wie gehen wir jetzt vor? Diese Menschen haben einen
falschen Fokus gesetzt oder keinen eigenen Fokus gesetzt. Sie haben fremden Fokus
gesetzt, der gar nicht zu ihnen passt. In diesem Sinne muss man herausfinden, was
wäre eigentlich ihr Fokus? Wenn Sie einem dann gleich antworten "ich weiss es nicht,
keine Ahnung", dann steht man wieder wie der Ochse am Berg. Was ich dann mache,
ist, dass ich so weit draussen anfange wie möglich: Eher das oder das? Eher das oder
das? Eher das oder das? Ich komme langsam näher zu einem Fokus.

Dr.med. Ursula Davatz (12:48)
Oft trauen sie sich häufig gar nicht, zu sagen, was sie eigentlich wollen. Eine Methode,
die ich auch verwende, ist, zu fragen, was sie in der Schule speziell gerne hatten. In der

Mathematik oder eher Sprache? Eher etwas Handwerkliches oder eher das? Und dann
versuche ich, langsam einzugrenzen. Aber man muss sie dazu bringen, dass sie
sorgfältig darüber nachdenken, wer sie eigentlich sind. Unsere Welt ist so oberflächlich
und so fest auf den Einschaltquoten ausgerichtet. Man lebt ja stark im Internet und
wenn man einen Einschaltquote hat, dann ist das toll. Also eigentlich alles
oberflächliches Zeugs. Wo man dann nicht mehr sich Zeit nimmt, um zu schauen, wer
bin ich eigentlich, was will ich eigentlich will, was ist mein Fokus etc. Und in dem Sinne
muss man die oft runterbremsen, dass sie genauer schauen, was ihre Sache ist. Und
da sage ich dann, selbstorientierter Fokus und nicht ein Fokus, der der Gesellschaft
gefällt. Nicht ein Fokus, der gerade in Mode ist, sondern ein Fokus, der wirklich zu
einem gehört. Und da zitiere ich dann immer den Satz von Saint Exupéry, also der sagt:
»On ne voit bien qu'avec le cœur« und ich sage: "lf faut consulter votre cœur". Sie
müssen sich selber fragen, wer bin ich eigentlich, was passt zu mir, was tut mir gut, was
habe ich gerne? Im Augenblick, wo man so etwas findet, wo der eigene Fokus ist, wo
das eigene Wesen verwirklicht, dann beginnt es zu laufen.

Dr.med. Ursula Davatz (14:53)
Ich erzähle viel von ADHSler. ADHSler die haben oft einen breiten, aber keinen rechten
Fokus. Sie sind in vielen Sachen begabt, aber sie nehmen sich nicht die Zeit, um zu
überlegen, was sie eigentlich wollen. In dem Sinne muss man sie dann runterbremsen.
Und mit ihnen den Fokus suchen. Und diesen Fokus, einerseits muss man nach ihren
Fähigkeiten fragen. Das kann man im Berufstest auch erfragen. Und andererseits muss
man nach ihrer Passion fragen, also ihre Begeisterung. Und bei den ADHSlern sagt
man auch, wenn sie dann mal einen Fokus haben, der sie interessiert, dann gehen sie
damit sehr stark. Jetzt muss man auch wieder schauen, ob sie den eigenen Fokus in
der Schule oder in der Lehre schon leben konnten oder ob sie sich ständig anpassen
mussten. Im Augenblick, in dem sie sich an das Umfeld anpassen mussten und keine
Zeit hatten, um den eigenen Fokus zu finden, muss man sie wieder zurückholen und
ihnen helfen, Geduld zu haben und den eigenen Fokus zu finden. Wenn ein Mensch
nicht den eigenen Fokus findet, dann kann er sehr verbittert werden. Und da kann man
sogar in der Alterspsychiatrie erleben, dass die noch immer an die früheren Träume
denken. Und hätte ich doch, und wäre ich doch, und warum habe ich nicht, und wie
wäre es gewesen, wenn, etc.

Dr.med. Ursula Davatz (16:52)
Und dort in der Alterspsychiatrie, also wenn ich mit Spitex Personen arbeite, sage ich
dann sogar, sie sollen ihre Klienten fragen, wann sie das Leben noch einmal
durchgehen könnten. Wo hätten sie die Weiche anders gestellt? Und auch wenn es zu
spät ist, um irgendetwas anderes zu machen, schon nur darüber nachzudenken, was
hätte ich eigentlich wollen. Was wäre mein Traum gewesen? Das gibt eine gewisse
Beruhigung, hat eine gewisse integrative Wirkung. Diese Verbitterung kann sich in
psychiatrischen Krankheiten zeigen und sie kann sich natürlich auch in körperlichen
Krankheiten zeigen. Also, wenn jemand ständig zwischen der Realität und seinen
Wunschträumen ist, dann geht er ständig hin und her und stresst sich unglaublich. Und
der Stress bewirkt dann entweder, dass man psychiatrische Krankheiten entwickelt oder
eben auch somatische. Und umgekehrt, wenn man seinen Fokus findet und sich in

seiner Arbeit verwirklichen kann, nach dem Stil den man gerne möchte, dann bleibt man
gesund und kann lange leben. Letztens sah ich ein Video eines japanischen Arztes. Er
sagte, er liebe seinen Beruf, er gebe gerne etwas weiter. Man solle den Beruf nicht
wegen Geld machen, sondern weil man es gerne macht. Er wurde 106 Jahre alt und
arbeitete bis einen Monat bevor er gestorben ist.

Dr.med. Ursula Davatz (18:40)
Das ist wahnsinnig. Das können wir nicht alle. Ja, ist unglaublich. Und ich bringe immer
wieder den Satz von Eudaimonic Hapiness und Hedonic Hapiness. Also, wenn man
Freude hat an dem, was man macht, an seinem Beruf, und das wäre wieder Berufung,
man ist berufen, etwas zu machen, dann hat das eine ganz gute Wirkung auf das
Immunsystem. Man bleibt gesund, man wird nicht krank und man kann lange leben.
Wenn man etwas nur macht, um den anderen zu gefallen, dann hat das überhaupt
keine Auswirkung auf das Immunsystem. Es hat eine Auswirkung auf die
Einschaltquote, aber diese Einschaltquote tut gar nichts für das Immunsystem. Und in
diesem Sinne ist es so wichtig, dass man wirklich seinen Fokus findet, intrinsisch
motiviert ist, das macht, was einem entspricht, was man gerne macht. Da braucht es
natürlich auch einen gewissen Einsatz und eine gewisse Leistung. Aber für etwas, was
man gerne macht, bringt man auch diese Leistung. Wenn man das macht, hat das eine
gute Auswirkung auf das Immunsystem. Und ich denke, jetzt in dieser Coronazeit ist
das auch herausgekommen. Die Leute, die von sich aus zufrieden sind, etwas machen,
was sie gerne machen, hatten viel mehr Fähigkeit, sich anzupassen.

Dr.med. Ursula Davatz (20:08)
Diejenigen welche nicht so zufrieden sind, sind dann quasi über die Klippe gesprungen.
Sie haben entweder psychologische oder körperliche Probleme bekommen. Oder sie
haben mit ihrem Immunsystem überreagiert, sodass sekundäre Krankheiten daraus
geworden sind. Von daher lohnt es sich, den Menschen zu helfen, ihren beruflichen
Fokus zu finden. Häufig wählen Junge: Ich viel Geld verdiene, denn wenn ich viel Geld
verdiene, habe ich viele Möglichkeiten. Das funktioniert nicht gut. Ich sage es
umgekehrt. Wenn man einen Beruf wählt, der seinem Wesen entspricht, wo man mit
Feuer und Flamme dabei ist, kommt das Geld mit. Vielleicht ist es nicht so viel wie ein
Millionär oder ein Milliardär, aber die Zufriedenheit kommt nicht mit dem vielen Geld.
Von dort her muss man den Leuten immer wieder helfen, dass sie die Geduld haben,
etwas zu machen, das nicht primär über das Geld motiviert ist, sondern über das
Machen. Dann hätten wir drei Fliegen auf einen Schlag. Wenn man etwas macht, was
man gerne macht, kommt auch eher das Geld rein. Vielleicht nicht so viel, aber
vielleicht kann man damit überleben. Und schlussendlich ist auch Gesundheit und
Zufriedenheit sind das grösste Gut. Viel Geld kann einem nicht unbedingt so zufrieden
machen. Aber da ist oft Wettkampf um wer mehr Geld verdienen kann.

Dr.med. Ursula Davatz (21:53)
In diesem Sinne sind Sie an einem wichtigen Punkt, wenn Sie so gescheiterte Leute
haben. Versuchen sie mit ihnen herauszufinden, was Ihre Sache wirklich wäre. Was ist
Ihr Fokus? Was ist Ihre Leidenschaft? Was ist Ihr Interesse? Und wenn sie dann sagen,
sie habe schon alles probiert und sie habe Angst, dass ich wieder scheitern würde. Der

junge Mann war auch so. Er sagte, er habe Angst, dass er wieder scheitern würde,
wenn er etwas anfängt. Da sage ich dann, es gibt kein Scheitern, auch wenn man nicht
gleich beim nächsten Schritt wieder diesen Fokus findet. Über alles, was man macht,
über jegliche Handlung lernt man wieder etwas und findet wieder etwas heraus. Und
vielleicht braucht es mehrere Schritte, um zu seinem Finden zu kommen. Und bei
diesen vielen kleinen Schritten, da können Sie behilflich sein. Und da kann dann auf
einmal eine Idee kommen, was jetzt drinnen liegen könnte. In diesem Sinne müssen Sie
Ihre Leute zur Geduld auffordern, aber miteinander schauen. Nicht einfach zu Hause im
Bett liegen und denken, wann es wäre und wie es wäre. Von dort her können sie den
Leuten Geduld beibringen. Und Sie müssen natürlich auch Geduld haben. Wenn man
jemanden, z.B. beim RAF, so schnell wie möglich wieder integrieren will, dann
vergewaltigt man ihn, je nachdem wieder, dass er einfach etwas macht, nur damit er
einem Recht gemacht hat. Und das bringt es nicht. Wenn die Leute auf Stellen suchen,
sage ich immer, es macht keinen Sinn, wenn man sie an irgendeine Stelle einfach
annehmen, damit sie Geld haben. Ich finde es ganz wichtig, dass sie wirklich alles
prüfen, stimmt es für mich, stimmt es nicht. Und das ist keine Edelversion, das ist eine
Gesundheitsversion. Das ist wichtig. Denn alle die, die gescheitert sind, haben nicht so
gut auf sich geschaut. Und sind ein wenig unsorgefältig mit sich umgegangen. Das
wären meine Gedanken und jetzt dürften Sie mir Fragen stellen. Wer hat eine Frage?

Bemerkung 1 (24:21)
Ja, wenn ich das so höre, denke ich, es ist eigentlich schön. Das ist mein Job. Es geht
bei mir täglich genau um das Thema. Es gibt verschiedene Dinge, die mich
beschäftigen. Ist es nicht auch einfach Luxus, wenn man selbst bestimmen darf? Es ist
schön, dass man das in der Schweiz so kann. Müsste man sich nicht einfach mal in den
Hintern kneifen und sagen, das nehme ich. Sie haben es gut begründet, wieso nicht.
Auf der anderen Seite denke ich auch, wie wäre es, wenn man sagen würde, ich finde
es einen guten Umgang mit einem Job umgehen zu können, der mir vielleicht nicht so
gefällt und trotzdem eine Möglichkeit findet, Spass zu haben.

Dr.med. Ursula Davatz (25:12)
Ich weiss, man sagt in der Schweiz schnell, das ist Luxus und das kann man nicht. Ich
von der Gesundheitsseite her sage, nein, das ist nicht Luxus, das ist Gesundheit. Aber
ok, man findet vielleicht nicht immer seinen Traumjob. Aber dann würde ich sagen,
schauen Sie sich etwas genauer. Suchen wir nach dem Job. Je nachdem kann man
den Job auch ein wenig anpassen. Wenn man gar nicht das findet was man will, hat
immer noch die Möglichkeit einen Job zum Geld verdienen zu machen und dann seine
Idealsachen als Hobby machen. Heutzutage arbeiten viele nur 80% oder 60% und dann
hat es schon Zeit, im Hobby die Leidenschaft zu machen. Das ist durchaus eine
Möglichkeit. Aber ich gehe nicht zu schnell auf die Haltung, dass das Luxus ist und man
einfach einen Job finden muss. Aus meiner Sicht lohnt es sich einfach nicht, weil ich die
Leute wieder antreffe, wie sie scheitern und scheitern. Das bringt es einfach nicht. Das
ist so schade.

Bemerkung 1 (26:33)

Das zweite von meiner Seite wäre, dass es Leute gibt, die tatsächlich keine Wahl
haben. Ich habe einen, der den Fuss bei einem Unfall kaputt gemacht hat. Er war
Bauarbeiter. Er hat das Zeug nicht dazu in einem Büro zu arbeiten. Er ist
fremdsprachig. Er kann nicht feinmotorische Arbeit machen. Er hat sein Leben lang auf
dem Bau gearbeitet. Er kann jetzt aber nur noch sitzende Tätigkeiten machen. Jetzt ihm
dem entsprechen und einen Job zu finden, wo man sagt, was würde sie am liebsten
machen? Jetzt sind wir genau bei diesem Punkt.

Dr.med. Ursula Davatz (27:14)
Ja, da kann man nicht fragen, was er am liebsten machen würde. Da kann man jetzt
fragen, was hat er auf dem Bau am liebsten gemacht? Was hat er dort gerne gemacht?

Bemerkung 1 (27:25)
Ich weiss es noch nicht.

Dr.med. Ursula Davatz (27:30)
Also das könnte man fragen. Und dann könnte man schauen, ob es irgendetwas im
Sitzen gibt, das ein wenig Bezug dazu hat. Also klar, ja. Was ein bisschen Bezug dazu
hat. Wo man noch eine Brücke schlagen kann. Und es wäre etwas, ich weiss auch
nicht, aussortieren, etwas mischen. Zum Beispiel Farben mischen. Also irgendetwas,
das dann schlussendlich wieder beim Bau endet. Mit Baumaterialien von Hand
umgehen. Ich sage jetzt Farbe mischen, das ist vielleicht weit hergeholt. Aber ja, dass
man doch einen kleinen Bezug macht. Wichtig ist, dass man nicht bei dem hängen
bleibt, "es geht nicht mehr" und "Ich bin ein Armer" und "Schrecklich" und weiss ich was.
Und man muss manchmal dann ein bisschen Fantasie entwickeln, um eine Brücke
schlagen zu können. Man könnte auch Sachen aussortieren. Abfall aussortieren. Ich
weiss es nicht. Vom Bauabfall aussortieren. Ich weiss es nicht.

Bemerkung 1 (28:45)
Eigentlich geht es nicht um so oberflächliche Dinge, sondern um die Handlung. Welche
Handlung eigentlich? Es geht nicht mehr um den Beruf.

Dr.med. Ursula Davatz (28:56)
Ja, welche Handlung. Es ist dann kein Beruf mehr, es ist eine Handlung. Ich weiss
nicht, ich habe jetzt irgendeine Fantasie, er könnte Eisen aus dem Beton rausschlagen.
Und heutzutage haben wir es ja mit Abfallverwertung und Recycling usw. Also könnte
vielleicht, ich weiss nicht, im Baurecycling etwas machen. Dann wäre er doch noch
beim Bau, aber er darf sitzen. Macht das ein wenig Sinn? Und dann ist es nicht einfach
nur ein Wunschberuf, man geht von seinem Beruf her, ist fast etwas Analoges, das
auch noch Bezug hat. In der Nachkriegszeit haben einige wahnsinnig Geld verdient,
indem sie Stahl aus all diesen zusammengebrochenen Häusern herausgenommen
haben. Und sind Stahlhändler daraus geworden. Also, wenn man irgendetwas erfinden
will. Da hat man jetzt genügend Abfall in der Ukraine, den man aussortieren könnte.

Bemerkung 2 (30:11)

Was ist wenn die Wunschvorstellung nicht übereinstimmit mit der Berufswahl? Also
wenn jemand das Gefühl hat, er will den Beruf ausüben, aber man merkt, er ist limitiert,
es geht nicht. Wie geht man damit um?

Dr.med. Ursula Davatz (30:35)
Die Idealvorstellung eines Berufs stimmt nicht überein mit seinen Fähigkeiten. Okay, da
dürfen wir nicht sagen, das kannst du nicht, das wirst du nie können, sondern da
müssen wir zuerst fragen, wie bist du zu dieser Berufswahl gekommen? Und dann
könnte schauen, ob sein Vater das will. Eifert er in einem Grossvater nach? Hat er ein
Ideal? Ein Idol vor sich? Dass man zuerst abholt bei dieser hochgeschwungenen,
hochfliegenden Wahl. Da kann man sagen, aha. Ich habe es immer mit dem validieren.
Und dann muss man das validieren, ja, das kann ich nachvollziehen. Und erst dann,
wenn man seine hochfliegenden Ziele validiert hat, akzeptiert, dann kommt man erst auf
die Erde zurück. Also zur Realität zurück und sagt, ja, ich verstand das gut, das wäre
etwas Schönes, aber wie ich dich wahrnehme und deine Fähigkeiten, wirst du hier
scheitern, bist du hier zum Scheitern verurteilt. Und kannst Du dir vorstellen, dass
etwas, das ein bisschen in die Richtung geht, aber nicht ganz so hoch ist. Und dann mit
dem Suchen. Aber sie müssen zuerst mit ihm anschauen, wie er zu diesen
idealistischen, hochfliegenden Zielen gekommen ist. Ich finde, man muss sie dort
abholen. Man kann nicht einfach sagen, Du hast einen Grössenwahn, lass den mal los
und jetzt gehen wir zur Realität.

Dr.med. Ursula Davatz (32:19)
Man muss ihn sanft landen lassen. Und dann kann man natürlich ab und zu wieder
fragen, ob er immer noch die Vorstellung hat, dass das toll wäre, oder ist es ein
bisschen mehr in den Hintergrund gerückt? Und ich meine, im Extremfall ist bei den
Schizophrenen, die haben irgendwelche Wahnvorstellungen, also das wäre dann
Grössenwahn. Und wenn man mehr in die Realität kommt, dann kann man mit der Zeit
dann von diesen tollen Ideen ein bisschen loslassen. Aber man darf es nicht einfach
gleich abtun. Und man hat oft die Tendenz einfach abzutun und zu sagen, das ist die
Realität. Und dann landen sie sehr schwer und dann wird dieser Wahn eher verstärkt.
Hingegen wenn man validiert, kann man eher loslassen. Macht das Sinn?

Bemerkung 2 (33:23)
Das macht Sinn, Dankeschön!

Bemerkung 3 (33:26)
Im Zusammenhang mit Leidenschaft, wenn jemand leidenschaftlich gerne etwas macht
und mit dem an die Grenze kommt. Burnout. Hat das einen Zusammenhang oder hat
das keinen Zusammenhang? Was steckt hier dahinter?

Dr.med. Ursula Davatz (33:41)
Also, bei diesen Burnouts… Ich sage ja, Burnout, Depression ist eine Verliererkrankheit.
Und wenn jemand etwas mit Leidenschaft macht und er kommt an seine Grenzen, dann
ist meistens nicht nur die Leidenschaft da, sondern man will irgendjemandem noch
irgendetwas beweisen. Ich kann jetzt sagen, irgendwelche Autoritätsfiguren, seine

Eltern, der Welt. Als sie den Mount Everest mit einer Filmcrew bestiegen haben, war
das Ziel, das gefilmt zu filmen und auf den Film zu kommen. Und sie haben jegliche
Grenzen überschritten und hörten nicht mehr auf die Realität. Wenn jemand tolle
Fähigkeiten hat und mit Leidenschaft das macht, gehört das immer dazu, dass man
auch weiss, wo seine Grenzen sind. Wenn man Grenzen überschreitet, ist oft noch
etwas anderes hinten dran. Man will jemandem gefallen, einen Rekord schlagen. Das
ist der Wettkampf mit jemand anderem. Man sollte nur immer mit sich im Wettkampf
sein. Also das machen, was drin liegt. Und bei jedem Extremsportler oder Bergsteiger
sollte wissen, wo die Grenzen sind. Das ist etwas, das man den Menschen auch wieder
sagen muss. Du hast eine tolle Fähigkeit und bist weit gekommen, aber achte auch auf
deine Grenzen. Wenn man die Grenzen nicht überschreitet, wird es gefährlich. Wenn
ein Burnout kommt, also alle, die einen Burnout haben, sei es Frauen oder Männer,
wenn man genauer schaut, sind die in einem Arbeitsprozess, in dem sie wollen, und ich
sage es schematisch, ihrem Vorgesetzten gefallen und dem Recht machen.

Dr.med. Ursula Davatz (35:40)
Wo sie sich nicht getrauen, zu sagen, nicht über meine Leiche. Sie wollen das zwar,
aber das kann ich nicht. Und da zitiere ich ja dann immer den Luther. Und da hilfe ich
auch Leuten, zu sagen, sie müssen sagen, ich kann das nicht, das geht nicht. Da zitiere
ich den Luther und der hat dann gesagt: "Hier stehe ich und kann nichts anderes". Bei
ihm war es so, dass er etwas anderes gesagt, er hat eine andere Theorie verkündet.
Bei seinem Chef, der ehrgeizig ist, muss man sagen, hören Sie, ich sehe Ihre
hochfliegenden Ziele und Sie wollen heute bessere Zahlen. Aber ich kann das nicht.
Das geht nicht. Und das ist schwierig. Wir sind eigentlich gehorsam erzogen. Wir wollen
es unseren Chefs recht machen. Und wenn man sieht, wie die Kompetition läuft,
zwischen Betrieben, zwischen Ländern, das ist Wahnsinn. Und dann werden die
Arbeiter, wir haben zwar die Sklavenwirtschaft abgeschafft, aber dann werden die
Arbeiter wie Sklaven. Und nicht nur die Arbeiter, auch die höheren Angestellten. Und die
haben dann irgendwann ein Burnout, weil sie über ihre Fähigkeiten heraus leisten. Und
da muss ich, ich meine bei den Ärzten sieht man das auch. Und bei allen in höheren
Positionen, muss man sagen Halt, Stopp, nicht einfach dem Umsatz zu Lieb sich selber
kaputt machen.

Dr.med. Ursula Davatz (37:06)
Das bringt es nicht. Und denen muss man beibringen, dass sie wieder auf sich hören,
dass sie ihre Warnsignale hören. Und meistens kommen Warnsignale, irgendwelche
körperlichen Symptome, Kopfweh, Rückenweh, alles Mögliche. Schlaflosigkeit natürlich.
Und man sagt Burnout, ja. Sie haben sich verbrennt, weil sie nicht auf sich gehört
haben. Weil sie zu viel gemacht haben. Und warum haben sie zu viel gemacht? Weil sie
ehrgeizig waren, weil sie es besser als ein anderer machen wollten. Oder weil sie es
dieser Firma recht machen wollten. Und das bringt es nicht. Die eigene Gesundheit zu
schädigen, damit die Firma bessere Zahlen hat, das kann es nicht sein. Das kann es
nicht sein. Wenn man sagt, es sei heute einfach so, dass es bei jedem Job so ist, dann
sage: Nein, Nein, Nein. Und da habe ich einige schon den Rücken gestärkt. Das sie
sagen nein, sie machen das nicht, ich kann das nicht. Man kann sagen, es sei eine
Dienstverweigerung. Man muss sagen, mein Körper kann das nicht. Ich will mich doch

nicht krank machen, nur damit ich die Zahlen erreiche. Das geht nicht. Und es ist ja
verrückt. Ich habe dann mal im Gesundheitswesen einen Vortrag gehalten, in dem ich
sagte, man habe keine Zeit mehr für sich zu schauen. Und dann wird man krank. Dann
wird man krank, dann geht man ins Spital. Also man hat keine Zeit mehr. Dann geht
man ins Spital, dann lässt man sich für teures Geld Zeit geben und lässt sich pflegen,
also lässt die Beziehung pflegen. Und bei vielen geht die Familie kaputt, weil nur
Ehrgeiz und Leistung im Job ist. Und das ist nicht gesund. Und im Spital dann, wenn
man fragt, was am wichtigsten war, was hat Ihnen am meisten geholfen, kommt immer
Beziehung. Dann ist die Krankenschwester, eine nette Krankenschwester, die hat am
meisten gebracht. Nicht die technische Leistung des Arztes, nicht das Essen, nicht die
Nettigkeit des Arztes, es ist immer die Beziehungspflege. Und wenn die
Beziehungspflege kaputt geht, weil man nur so viel leistet für den Arbeitsplatz leistet,
damit die ihren Umsatz haben, dann ist es nicht gut, dann sind wir schief gelegen. Und
wir Schweizer, also wir sind ja an zweiter Stelle nach Amerika mit Gesundheitskosten.
Es geht laufend hoch. Jetzt geht die Prämie wieder hoch. Wir müssen besser für uns
selbst schauen. Und wir müssen den Leuten auch helfen, für sich zu sorgen. Das ist so
ein wenig beantwortet.

Bemerkung 3 (39:45)
Was meinen sie mit Verliererkrankeit?

Dr.med. Ursula Davatz (39:45)
Ja, so kann man es auch sagen, ja, Sie sagen es richtig. Man verliert im Wettkampf,
aber man hat im Wettkampf verloren, weil man sich selbst verloren hat. Depression ist
eine Verliererkrankheit. Man wollte etwas erreichen, das gar nicht geht, das ungesund
ist. Darum hat man verloren. Man will aber nicht verlieren. Man kommt sich als Verlierer
vor. Das sagen die alle. Auf der anderen Seite sage ich, Depression ist der Anfang zur
Selbstfindung. D.h, man hat falsch investiert, man hat sich falsch verwendet. Jetzt ist
man depressiv, jetzt muss man nachdenken. Man muss einen Reset machen, was habe
ich eigentlich falsch gemacht? Wie muss ich besser mit mir umgehen? Empathie vs.
Selbstfürsorge. Wie kann ich mehr Selbstfürsorge machen, dass mein Körper nicht so
leidet? Oder mein Geist, also beides, die Seele und der Körper. Sie sagen es absolut
richtig, ich habe mich verloren. Ich bin mir verloren gegangen, ich bin im Ehrgeiz davon
geschwommen und habe gar nicht mehr auf mich geachtet. Und unter Stress nimmt
man auch seine Körpersymptome nicht mehr richtig wahr. Im Krieg spürt man keinen
Schmerz, also wenn ein extremer Stress ist, spürt man keinen Schmerz, dann merkt
man gar nicht, wo es nicht geht. Aber wir können nicht ständig auf diesem Niveau
laufen, dass wir uns nicht mehr spüren.

Dr.med. Ursula Davatz (41:30)
Sie sagen es absolut richtig. Ich habe mich verloren. Ich bin in einen Wettkampf
eingestiegen und habe mich dabei verloren. Und weil man das nicht mehr erreichen
kann, kann man noch ein wenig Doping machen und so weiter. Und, mh, sorry, aber
Antidepressiva sind dann eigentlich nichts anderes als ein wenig Doping. Anstatt dass
man über Bücher geht und ein Reset macht. Und eine Scheiterung, und das heisst ja,
Scheiterung, also Chance und Risiken, ein Scheitern im Berufsleben ist eigentlich

immer die Chance, um ein Reset zu machen. Und zwar einen sorgfältigen und nicht so
husch husch. Und da unterstütze ich auch alle, wenn das RAF drängt, auf husch husch
wieder zu vermitteln. Dann sage ich nein, wird nicht gemacht. Wir wollen sorgfältig ein
Reset machen. Und gerade heute Morgen kam es. Wir haben eine ganz tiefe
Arbeitslosenquote in der Schweiz. Und dadurch verlieren die Leute, die beim RAF
angestellt sind, ihre Stellen. Und das geht natürlich nicht, nur damit die RAF
Angestellten etwas zu tun haben und erfolgreich sein können, dann einen Menschen in
irgendeine Stelle zu drücken. Das geht nicht. Das ist gesundheitspolitisch nicht erlaubt.
Und da muss ich meine Klienten auch stützen, dass sie sich nicht von dem drücken
lassen.

Dr.med. Ursula Davatz (43:14)
Aber sie sagen, man müsse so und so viele Stellen für sie bewerben usw. Dann bewirbt
man sich für unsinnige Stellen, die man gar nicht will. Das ist Leerlauf. Nur damit die
Statistik erfüllt ist. Das kann es nicht sein. Auf der anderen Seite, in der Krebsmedizin
spricht man von persönlichkeitsorientierter Medizin. In diesen Sachen müssen wir mit
den Menschen persönlichkeitsorientiert arbeiten und uns erlauben, das zu tun.

Bemerkung 4 (44:03)
Wenn man weg kommt vom Einzelnen, es ändert sich ja sehr im Rahmen der
Digitalisierung. Es ändert sich ja sehr. Und ich merke dann etwas Orientierungslosigkeit
oder manchmal auch etwas Hoffnungslosigkeit. Braucht es mich da noch? Ich arbeite
nicht gerne mit Computer. Wie kann man das auch gesamthaft darauf eingehen?

Dr.med. Ursula Davatz (44:22)
Ja die Problematik des Digitalisierens ist einerseits eine ganz tolle Sache. Man kann
sich über die ganze Welt vernetzen. Man kann Informationen selber holen. Man ist nicht
angewiesen auf jemanden, der einem das Wissen füttert. Was aber passiert, es kann
einem auch süchtig machen kann. Und man vernachlässigt seine Beziehungen. Und
hier gibt es Untersuchungen in der Kinderneuropsychologie und in der Erwachsenen-
Neuropsychologie. Wenn ein Mensch nur mit digitalen Medien sich vernetzt, dann läuft
im Hirn nicht so viel ab, wie wenn er sich mit Menschen vernetzt. Wir haben im Hirn ein
soziales Netzwerk, das gespiessen wird, wenn wir miteinander umgehen. Wenn wir
miteinander direkt in Person umgehen, dann nehmen wir alle möglichen Reize auf und
verarbeiten sie. Das spiesst das soziale Netzwerk. Das hat eine gute Wirkung. Von
daher muss man allen sagen, nicht nur am Handy oder am Computer zu hängen,
sondern sich immer persönlich zu treffen. Das hat in der Zeit der Corona auch ein wenig
gelitten in der Zeit der Corona. Aber Teile haben sich dann draussen getroffen, wo man
genügend gute Luft hatte. Man findet man immer wieder Wege. Es ist ganz wichtig,
dass wir uns auch menschlich in Person treffen. Und auch die Lehrer müssen direkt
wieder mit den Kindern interagieren und können nicht einfach nur alles über den
Computer machen.

Dr.med. Ursula Davatz (46:21)
Also es ist wichtig. Und wenn man zum Beispiel das Hirn von Kindern anschaut, die nur
ein Fernseher oder ein Handy anschauen, oder eine Mutter, die depressiv ist, die nicht

interagiert, dann ist das Hirn schwarz, also dann läuft dort weniger ab. Und sobald eine
Interaktion ist, läuft ganz viel ab. Und wir dürfen uns dieser Interaktion nicht berauben.
Und ich sage noch weiter, wenn wir uns in unserer Sozialkompetenz verdummen,
indem wir nur noch am Bildschirm sind, dann sind wir so viele Anfälliger auf Fake News.
Dann sind wir sehr viel anfälliger auf, wenn uns irgendjemand irgendetwas vorgaukelt.
Wieder am Bildschirm, wo unser emotionales Hirn anregt, dann rennen wir dem gleich
hinten nach. Und das ist ein kleines Problem heutzutage. Zum Glück hat es jetzt nicht
funktioniert in Amerika und die Republikaner, die alles daran gesetzt haben, diese Leute
für sich zu motivieren, haben nicht so gute Resultate erzielt.

Bemerkung 4 (47:39)
Wir haben ja viele Leute, die nicht am Computer arbeiten, die nicht so digital unterwegs
sind und dadurch Stellen verlieren.

Dr.med. Ursula Davatz (47:55)
In diesem Sinne müssen wir heutzutage lernen, mit Computern umzugehen. Vielleicht
müssen sie auch denen das beibringen. Heute kann man fast keine Stelle mehr haben,
ohne dass man mit dem Computer umgehen kann. Vielleicht muss man dann immer ein
Dualsystem machen, das Handwerkliche, man bringt aber auch noch das andere bei. In
der modernen Welt muss man auch mit dem Computer umgehen können.

Bemerkung 4 (48:30)
Und jetzt sind wir beim Thema Leidenschaft. Wenn ich nur gerne mit den Händen
arbeite und nicht mit dem Computer, dann leide ich wieder darunter. Dort möchte ich die
Leute gerne abholen.

Dr.med. Ursula Davatz (48:38)
Ja, da würde ich sagen, in jedem Beruf gibt es auch langweilige Arbeit oder Arbeit, die
man nicht so gerne macht. Also der Kuchen ist nicht nur aus Rosinen gemacht und es
muss auch Mehl dazwischen haben. Ausser beim Plump Pudding. Okay, und da muss
man halt dann sagen, «Hör zu, ich bringe dir das ein bisschen bei, dass du an der
nächsten Stelle das auch verwenden kannst.» Und sobald man damit umgehen kann,
hat man auch wieder ein bisschen Freude daran. Was nicht heisst, dass man süchtig
werden muss. Also ich denke, ja, es muss immer eine Kombination sein. Und ich denke,
jeder Mensch kann das lernen. Aber sie müssen, also wenn es Leute sind, die nur
handwerklich sind, die eigentlich gar nichts mit dem Computer zu tun haben, aber sie
sind noch relativ jung, dann müssen wir sie wie ein wenig dafür begeistern können. Und
da ist es dann wichtig, dass man es ihnen langsam zeigt. Also nicht zack, zack, zack,
zack und man versteht es nicht. Das geht überhaupt nicht. Sondern, dass man sie
damit üben und spielen lässt. Und heutzutage gibt es ja sogar Computer in den
Altersheimen, dass die alten Leute noch lernen.

Dr.med. Ursula Davatz (49:57)
In der Corona Zeit haben dann auch mehr Leute angefangen zu lernen, damit sie
miteinander kommunizieren konnten. Da müssen sie sich dann für das begeistern. Das
heisst nicht, dass sie die ganze Zeit daran sein müssen. Aber das wäre es auf den

einen Weg. Ist so ein bisschen beantwortet? Ich habe auf die andere Seite gesprochen.
Es ist gut, es gibt beides.

Bemerkung 4 (50:19)
Ja es gibt so eine Verunsicherung. Die Leute haben 20 Jahre Jahre gearbeitet und jetzt
kann ich das nicht mehr arbeiten. In 10 Jahren bin ich pensioniert. Was mache ich jetzt?

Dr.med. Ursula Davatz (50:25)
Da muss man sagen, hören Sie zu, jedes Hirn ist lernfähig. Auch Ihr Hirn kann lernen,
mit dem Computer umzugehen. Und ich zeige es Ihnen jetzt. Wenn Sie Spass haben,
Ihnen das beizubringen, dann machen Sie mit. Wenn Sie motiviert sind, ich habe Lust
Dir das zu zeigen, dann reisst das mit, dann sind sie sogar stolz.

Bemerkung 5 (51:11)
Sie haben vorhin erzählt von diesen Menschen, die zwischen der Realität und dem
Wunschtraum immer hinterher switchen und sehr gestresst sind. Ich habe ein paar
solcher Teilnehmer und bin manchmal wirklich überfordert, ob ich eher ihrem
Wunschdenken eingreifen soll oder eher in ihrem Realitätssinn. Wobei der Realitätssinn
oft von einem so starken Minderwert geprägt ist, dass es nicht mehr Realität ist. Ich bin
überfordert von diesem schwankenden Bild, dass sie von sich Preis geben.

Dr.med. Ursula Davatz (51:47)
Ich würde wieder das sagen, zuerst mit ihnen in die Luftschlösser einsteigen und
vielleicht auch eigene Luftschlösser skizzieren und sagen, ich wollte auch mal was
anderes werden. In der Pubertät haben alle hochfliegende Ziele. Jeder will
Schauspieler, Pilot oder Architekt werden, angesehene Berufe. Ich sage ja, in den
hochfliegenden Traum einsteigen und dann vielleicht sogar von sich sagen, wie man
dann gelandet ist. Und dann mit ihnen zusammen landen. Also eine Art Tandemflug
machen. Wenn man Gleitschirmfliegen lernen will, dann macht man oft einen
Tandemflug. Sie könne es auch so nennen, wir machen jetzt zusammen einen
Tandemflug und ich sage ihnen, was ich alles für tolle Ideen gehabt habe, der andere
darf seine Sachen sagen. Und dann zusammen: jetzt gehen wir landen. Und dann
sagen, wo sie dann auf den Boden gekommen sind, wo sie die Füsse auf den Boden
gestellt haben und wie der andere seine Füsse auf den Boden stellen kann. Dann
sagen sie meistens, aber ich kann es sowieso nicht. Einerseits sind es die
hochfliegenden Ziele und andererseits kommt dann die Minderwertigkeit, ich kann
sowieso nicht, ich bringe es sowieso nicht, etc. Und da sage ich manchmal auch, die
Eigernordwand, ich kann sie nicht besteigen und er vielleicht auch nicht, wird nicht in
einen grossen Sprung besteigen wird. Es ist Griff für Griff, Schritt für Schritt. Und jetzt
fangen wir mal an mit kleinen Schritten. Und man kann sagen, in diese Richtung. Und
vielleicht kommt dann etwas ganz anderes dazwischen und dann nimmt man einen
anderen Weg.

Dr.med. Ursula Davatz (54:02)
Also, da muss man dann wieder kleine Schritte machen. Und da sage ich dann auch,
welche kleinen Schritte ein bisschen in dieser Richtung des Höhenflugs wären. Macht

das Sinn? Ja? Danke. Und es muss nicht immer gerade das alles sein, aber ein
bisschen in dieser Richtung. Ich habe häufig erlebt, bei Schizophrenie oder anderen
Psychiatriepatienten, dass Schizophreniepatienten oder andere Psychiatriepatienten
hochfliegende Ziele hatten. In den Beschäftigungswerkstätten hat man sich über das
lustig gemacht oder einfach voll negiert. Dann kann man sie nicht abholen. Man muss
einen Tandemflug mit ihnen machen. Man muss ein bisschen mitgehen. Das habe ich
immer gemacht. Dann haben mir die IV Berufsberater sagten mir, ich habe viel zu hohe
Ideen. Ich sei unrealistisch, ich wurde dann auch für meine unrealistischen Ideen
kritisiert. Aber ich musste mitgehen. Und wenn sie dann sogar so etwas probieren und
merken, dass es doch nicht geht, dann merken sie selber, wenn ich sage, das kannst
du vergessen, dann rennen sie immer in diese Richtung. Und wenn sie selber merken,
nein, ich kann das nicht. Letztens hatte ich schon einen, der sagte dann auch, ich
glaube, das geht doch nicht, ich kann das nicht. Aber wenn es der Patient selber
einsieht, die Person selber einsieht, dann ist sie viel eher bereit, einen anderen Weg
einzusteigen. Tandemflug und Tandemlandung.

Bemerkung 5 (55:47)
Ein sehr gutes Bild. Das nehmen wir sehr gerne mit. Das ist ein Tandemflug. Das darf
man im Sommer beobachten, wenn solche Tandemflüge unterwegs sind. Und
irgendwann an den Boden landen. Das ist eigentlich auch das Ziel, das wir haben mit
unseren Klienten. Dass wir irgendwann die Ziele erreichen und am Boden ankommen
können. Heute ist es ein gutes Bild, dass wir mit dieser Supervision auch auf dem
Boden landen können. Ich möchte ganz herzlich Danke sagen für diese Tandemflug, die
wir machen durften, für die Themen, die wir anschneiden und überlegen durften. Jetzt
geht es wieder zurück in die Praxis und das wieder umsetzen mit unseren Klienten im
täglichen Alltag. Vielen Dank für das Teilen. Wir können hier noch Reaktionen teilen,
Daumen hoch oder Klatschen. in diesem Sinne wünschen wir allen einen ganz guten
Abend, eine schöne Zeit. Vielen Dank.

Dr.med. Ursula Davatz (56:42)
Sehr gerne geschehen. Bis zum nächsten Mal.