Die Quellen, insbesondere der Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz, beleuchten die Bedeutung der Erkennung von Fehlwahrnehmungen in verschiedenen Kontexten, insbesondere im Umgang mit hochsensiblen Menschen und im Bildungswesen.
Fehlwahrnehmung als subjektive Interpretation:
Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass Wahrnehmung nicht gleich Wahrheit ist.
Jeder Mensch interpretiert die Realität durch den Filter seiner eigenen Erfahrungen, Prägungen und Bedürfnisse.
Dies führt dazu, dass verschiedene Menschen die gleiche Situation unterschiedlich wahrnehmen können.
Diese unterschiedlichen Wahrnehmungen sind alle „richtig“ aus der Perspektive des jeweiligen Individuums.
Es geht also nicht darum, eine „richtige“ Wahrnehmung zu finden, sondern die verschiedenen Perspektiven zu verstehen und anzuerkennen.
Fehlwahrnehmung bei Hochsensibilität:
Im Kontext der Hochsensibilität können Fehlwahrnehmungen sowohl seitens der hochsensiblen Person als auch seitens ihres Umfelds auftreten.
Hochsensible Person:
Durch die intensive Reizverarbeitung können hochsensible Menschen Situationen schnell als überwältigend erleben und sich zurückziehen oder aggressiv reagieren, obwohl dies aus der Sicht des Umfelds nicht gerechtfertigt erscheint.
Beispiel: Ein Kind, das in einer lauten Umgebung einen Wutanfall bekommt, wird vom Umfeld möglicherweise als „verzogen“ wahrgenommen, während es in Wirklichkeit mit einem „Systemischen Overload“ zu kämpfen hat.
Umfeld:
Das Umfeld interpretiert das Verhalten der hochsensiblen Person oft falsch und reagiert mit Unverständnis, Verstärkung der Reize oder Beziehungsabbruch.
Beispiel: Ein Lehrer, der ein hochsensibles Kind immer wieder ermahnt, weil es ihm unaufmerksam erscheint, verstärkt die Überlastung des Kindes und verhindert, dass es sich konzentrieren kann.
Fehlwahrnehmung im Bildungswesen:
Dr. Davatz betont die Bedeutung der Erkennung von Fehlwahrnehmungen im Bildungswesen, insbesondere im Verhältnis zwischen Lehrern, Eltern und Kindern.
Lehrer:
Lehrer sind oft überfordert mit den individuellen Bedürfnissen aller Kinder in einer Klasse und neigen dazu, Kinder an die Norm anzupassen.
Beispiel: Ein Lehrer, der ein Kind, das sich im Unterricht oft meldet, als „störend“ wahrnimmt, anstatt seine Wissbegierde zu fördern.
Eltern:
Eltern sehen oft nur die Perspektive ihres eigenen Kindes und verkennen die Herausforderungen, vor denen Lehrer stehen.
Beispiel: Eltern, die sich über einen Lehrer beschweren, weil er ihr Kind ungerecht behandelt, ohne die Situation aus der Perspektive des Lehrers zu betrachten.
Kinder:
Kinder leiden unter den Spannungen zwischen Lehrern und Eltern und geraten in Loyalitätskonflikte.
Beispiel: Ein Kind, das sich zwischen dem Wunsch, den Erwartungen des Lehrers gerecht zu werden, und dem Wunsch, die Loyalität zu seinen Eltern zu bewahren, hin- und hergerissen fühlt.
Strategien zur Erkennung von Fehlwahrnehmungen:
Perspektivenwechsel:
Es ist wichtig, die Situation aus den verschiedenen Perspektiven aller Beteiligten zu betrachten und zu versuchen, deren Beweggründe zu verstehen.
Kommunikation:
Offene und respektvolle Kommunikation ist unerlässlich, um Missverständnisse zu vermeiden und unterschiedliche Wahrnehmungen zu klären.
Validierung:
Alle Beteiligten sollten in ihren Gefühlen und Bedürfnissen ernst genommen und validiert werden, auch wenn ihre Wahrnehmung der Situation von der eigenen abweicht.
Systemisches Denken:
Es ist wichtig, das gesamte System zu betrachten, in dem die Fehlwahrnehmung auftritt, und die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Akteuren zu verstehen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Erkennung von Fehlwahrnehmungen ein wichtiger Schritt ist, um Konflikte zu lösen und ein besseres Verständnis zwischen den verschiedenen Akteuren in einem System zu schaffen.
Die Quellen, insbesondere die Ausführungen von Dr.med. Ursula Davatz, betonen, dass Fehlverhalten von Kindern nicht als isoliertes Problem betrachtet werden sollte, sondern immer im Kontext des Familiensystems und der individuellen Lebensgeschichte des Kindes verstanden werden muss. Anstatt das Fehlverhalten zu bestrafen oder zu unterdrücken, sollten Erwachsene versuchen, die Ursachen des Verhaltens zu verstehen und dem Kind entwicklungsfördernd zu begegnen.
1. Hinter dem Verhalten die Botschaft erkennen:
Jedes Fehlverhalten ist ein Kommunikationsversuch des Kindes. Es signalisiert, dass etwas nicht stimmt, dass ein Bedürfnis nicht erfüllt wird oder dass das Kind mit einer Situation überfordert ist. Anstatt das Verhalten vorschnell zu verurteilen, sollten Erwachsene versuchen, die Botschaft hinter dem Verhalten zu entschlüsseln.
2. Verstehen statt Verurteilen:
Um die Botschaft des Kindes zu verstehen, ist es wichtig, empathisch und vorurteilsfrei zuzuhören. Statt das Kind zu beschuldigen oder zu beschämen, sollten Erwachsene versuchen, sich in seine Lage zu versetzen und seine Perspektive einzunehmen.
3. Die Rolle des Umfelds berücksichtigen:
Das Familiensystem und das soziale Umfeld spielen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Fehlverhalten. Stress, Konflikte, Überforderung oder mangelnde Unterstützung können dazu führen, dass Kinder mit Fehlverhalten reagieren. Daher ist es wichtig, nicht nur das Kind, sondern das gesamte System in den Blick zu nehmen.
4. Systemische Interventionen:
Um das Fehlverhalten des Kindes nachhaltig zu verändern, sind oft systemische Interventionen notwendig. Das bedeutet, dass nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern, Erzieher und andere Bezugspersonen in den Veränderungsprozess einbezogen werden müssen.
5. Ressourcenorientierte und entwicklungsfördernde Unterstützung:
Anstatt sich auf die Defizite und Probleme des Kindes zu fokussieren, sollten Erwachsene die Stärken und Ressourcen des Kindes und des Familiensystems in den Vordergrund stellen. Ziel ist es, das Kind in seiner Entwicklung zu unterstützen und ihm zu helfen, seine Potenziale zu entfalten.
Konkrete Handlungsempfehlungen:
Beobachten und Analysieren: Bevor man auf das Fehlverhalten reagiert, sollte man sich Zeit nehmen, das Verhalten des Kindes genau zu beobachten und zu analysieren. Was ist die Situation, in der das Verhalten auftritt? Was geht dem Verhalten voraus? Was sind mögliche Auslöser?.
Kommunikation und Dialog: Mit dem Kind über sein Verhalten sprechen, aber ohne Vorwürfe oder Schuldzuweisungen. Versuchen, die Gründe für das Verhalten zu verstehen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Bedürfnisse erkennen und erfüllen: Jedes Fehlverhalten ist Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses. Versuchen Sie, die Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und ihm zu helfen, diese auf angemessene Weise zu befriedigen.
Grenzen setzen: Es ist wichtig, dem Kind klare Grenzen zu setzen und ihm zu zeigen, welches Verhalten akzeptabel ist und welches nicht. Grenzen sollten jedoch konsequent, aber liebevoll gesetzt werden.
Konsequenzen statt Strafen: Anstatt das Kind für sein Fehlverhalten zu bestrafen, sollten logische Konsequenzen folgen, die in einem Zusammenhang mit dem Verhalten stehen. Konsequenzen sollten dem Kind helfen, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.
Vorbild sein: Kinder lernen am besten durch Nachahmung. Erwachsene sollten daher selbst ein positives Vorbild im Umgang mit Konflikten, Emotionen und Stress sein.
Wichtige Punkte aus den Quellen:
Validierung: Die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes ernst nehmen und ihm vermitteln, dass es verstanden wird.
Verlangsamung: Sich Zeit nehmen, auf das Kind einzugehen und ihm die Möglichkeit geben, sich an neue Situationen zu gewöhnen.
Beziehung vor Erziehung: Eine stabile und vertrauensvolle Beziehung zum Kind aufbauen, bevor man erzieherische Maßnahmen ergreift.
Alternative Realitäten: Sich bewusst sein, dass Kinder oft in Fantasiewelten flüchten und versuchen, diese nicht zu verurteilen, sondern als Bewältigungsstrategie zu verstehen.
Individuelle Bedürfnisse berücksichtigen: Jedes Kind ist einzigartig und hat individuelle Bedürfnisse. Es gibt kein Patentrezept für den Umgang mit Fehlverhalten. Erwachsene sollten flexibel und situationsgerecht reagieren.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Umgang mit Fehlverhalten von Kindern eine Herausforderung darstellt, die Geduld, Empathie und ein tiefes Verständnis für die kindliche Entwicklung erfordert. Anstatt das Verhalten zu unterdrücken, sollten Erwachsene versuchen, die Botschaft dahinter zu verstehen und dem Kind entwicklungsfördernd zu begegnen.
Systemischer Umgang mit Psychisch Kranken , 8. Jahrestagung der Sozialen Dienste der Stadt Zürich 28.11.2011
8. Jahrestagung der Sozialen Dienste der Stadt Zürich und der Vormundschaftsbehörde. Montag, 28. November 2011, 13.30-18.00 Uhr, Verwaltungszentrum Werd, Zürich.
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich danke ihnen für die Einladung.
[00:00:03.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich sehr gefreut.
[00:00:03.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin gerade von kurzem aus der Ferien zurückgekommen.
[00:00:12.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war ein schöner Grund, um wieder zurückzukommen.
[00:00:16.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema heisst: systemischer Umgang mit psychisch Kranken.
[00:00:25.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Bis jetzt haben sie, wenn die psychische Krankheit vorgestellt worden ist, an erster
Stelle einfach den Patienten als Individuum und die psychische Krankheit als eine Art
Einzeleinheit vorgestellt bekommen.
[00:00:40.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache es jetzt ein bisschen komplizierter.
[00:00:41.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich probiere ihnen die psychische Krankheit innerhalb des Systems vorzustellen und auf
dem dann auch aufzubauen, wie man mit der psychischen Krankheit umgehen soll, in
diesen schwierigen Krisensituationen.
[00:00:53.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich postuliere gleich am Anfang der Einleitung, dass die psychische Krankheit stets, und
ich sage immer, sie ist nie genetisch bedingt, aus meiner Sicht.
[00:01:06.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Die psychische Krankheit entsteht immer im Zusammenhang mit dem familiären Umfeld
und dem weiteren sozialen Umfeld.
[00:01:15.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit den Erfahrungen, die der Mensch in seinem Leben macht.
[00:01:20.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage weiss man auch aus der Neuropsychologie, dass die Erfahrungen im
Gehirn festgelegt werden.
[00:01:33.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf der Hardware festgelegt werden und dort wieder abgerufen werden und natürlich
wieder verwendet im späteren Leben.
[00:01:41.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht mehr einfach nur Annahme, man kann es heutzutage sogar wissenschaftlich
aufzeigen, was natürlich für das materialistische Weltbild der Ärzte sehr wichtig ist.
[00:01:52.540] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn sage ich, die psychische Krankheit sollte immer im Umfeld in der
Entstehung angeschaut werden und somit auch im Umfeld behandelt werden.
[00:02:06.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte immer das Familienumfeld miteinbeziehen, wenn nicht in der Person, dann
doch im Kopf von der Geschichte her.
[00:02:17.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht um Fakten und was wir machen.
[00:02:26.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Geschichte, das sind auch Fakten.
[00:02:29.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Fakten sind alle im Kopf drinnen von diesem Individuum und diese muss man mit
in Rechnung ziehen.
[00:02:34.900] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Augenblick verstehen sie die psychische Krankheit besser und sie können diese
Familiengeschichte auch als Ressourcen verwenden.
[00:02:46.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich sehr wichtig.
[00:02:49.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein paar Gedanken zum systemischen Verständnis und der psychischen Krankheit.
[00:02:54.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wieder ein Postulat.
[00:02:57.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehungspflege innerhalb eines Systems ist etwas ganz Wichtiges.
[00:03:01.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehungspflege innerhalb dieses Systems ist ein wichtiger Teil der
Zusammenarbeit.
[00:03:09.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie bewirkt, dass man gut oder schlecht zusammenarbeitet.
[00:03:13.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie bewirkt ein Kohäsionsgefühl, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie man zu diesem
System dazugehört, was dort Usus ist.
[00:03:25.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Kohäsion sehr gut ist, fühlt man sich wohl. Das gibt ein
Wohlbefindlichkeitsgefühl und es gibt ein Sicherheitsgefühl.
[00:03:36.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist umso wichtiger in der heutigen Zeit, in der sehr viel Verunsicherung in der Luft
liegt, in der Politik und im Finanzwesen.
[00:03:46.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehungspflege wird unter Vater, Mutter und Kindern gepflegt.
[00:03:55.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehungspflege unter den Eltern ist auf eine Art das Fundament auf dem sich das
Familiensystem aufbaut.
[00:04:05.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wird die Beziehungspflege über längere Zeit gestört oder bricht sogar zusammen aus
irgendwelchen Gründen, auf das gehe ich jetzt nicht ein, das geht viel zu weit, dann
leidet die Entwicklung des Kindes.
[00:04:20.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, in dem die Entwicklung des Kindes leidet, treten dann sogenannte
Entwicklungsstörungen auf psychiatrische Störungen.
[00:04:30.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich spreche von Entwicklungsstörungen innerhalb der Psyche.
[00:04:36.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Die anderen lasse ich hier weg.
[00:04:39.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Entwicklungsstörungen führen schlussendlich zu Krankheiten.
[00:04:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die meisten psychiatrischen Krankheiten treten in der Pubertät auf.
[00:04:48.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles, was in der Pubertät auftritt, kann dann weitergehen oder es kann sich wieder
regulieren.
[00:04:58.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem, wie man eingreift.
[00:05:00.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin erstaunt, wieviel in der Pubertät bei den jungen Leuten schon schwierige,
schwerste Krankheitsbilder diesen jungen Menschen angehängt werden.
[00:05:07.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Die behandelnde Psychiatrie steuert den jungen Patienten, den jungen Menschen, die
noch gar keine fertige Persönlichkeit ist, steuert er auf eine Art in Richtung Krankheit.
[00:05:20.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ja den Spruch von der Selffulfilling Prophecy. Die selbsterfüllende Prophezeiung.
[00:05:26.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man annimmt, dass er sich der in dieser Richtung entwickelt, dann muss er sich
fast in diese Richtung entwickeln.
[00:05:33.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Anstatt dass man ihn wieder in die gesunde Entwicklung bringen kann, lässt man sich
all diese schönen psychiatrischen Krankheitsbilder bestätigen.
[00:05:41.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Folge dieser psychischen Krankheitsbilder ist ein verändertes Sozialverhalten, das
mehr oder weniger auffällt.
[00:05:53.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Patient zu Ihnen kommt, dann ist das Sozialverhalten meistens schon so sehr
gestört, dass es wirklich auffällig ist.
[00:06:03.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das veränderte Sozialverhalten, das die psychische Krankheit mit sich bringt, zeichnet
sich aus, unterscheidet sich von der körperlichen Krankheit.
[00:06:13.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der körperlichen Krankheit wirkt es sich nur auf das körperliche Organ aus.
[00:06:18.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Hirn wirkt sich auf alles aus und wirkt sich unter anderem auf das Verhalten aus.
[00:06:24.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das veränderte Verhalten treffen sie in ihrem Berufsalltag an.
[00:06:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe schon viele Sozialarbeiter, Psychiatrieschwestern oder Spitexschwestern, die
ambulant gearbeitet haben, ausgebildet.
[00:06:40.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kommt immer der Vorwurf: wir sind keine Therapeutin. Von den Ärzten kommt der
Vorwurf, sie dürfen keine Therapie machen.
[00:06:48.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will sie empowern und ich will ihnen Wertschätzung und Kraft geben.
[00:07:06.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch wenn sie keine Psychotherapeuten sind und ihre Pflicht nicht darin besteht, dass
sie alle therapieren und ihr Verhalten verändern.
[00:07:17.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen sie dennoch lernen, mit diesem veränderten Verhalten umzugehen.
[00:07:21.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man auf geschickte Art machen oder auf weniger geschickte Art.
[00:07:28.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ungeschickte Art ist symptomverstärkend, und die geschickte Art ist Symptom zu
reduzierend.
[00:07:33.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe vorhin auch eine Kritik an der traditionellen Psychiatrie angebracht.
[00:07:40.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die traditionelle Psychiatrie eine Diagnose stellt, bei einer 16 Jährigen, wie
Borderline oder manisch-depressiv, bipolar etc.
[00:07:48.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit werden die Symptome eher verstärkt. Das finde ich nicht sehr gut.
[00:07:56.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will allen Menschen eine Chance geben, sich wieder in Richtung Normalität zu
verändern.
[00:08:01.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass sie etwas von der Krankheit verstehen, die in diesem Umfeld
entstanden ist.
[00:08:09.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Symptomverstärkung kann es je nach Patient gefährlich werden.
[00:08:23.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sich ungeschickt verhält, kann es für einem selber gefährlich werden.
[00:08:27.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Je besser sie den Patienten systemisch verstehen, innerhalb seines Umfeldes, umso
weniger machen sie die gleichen Fehler, umso geschickter können sie mit ihm
umgehen.
[00:08:42.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss artgerecht mit dem Patienten umgehen.
[00:08:46.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Jedes Individuum wäre eine andere Art.
[00:08:49.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache jetzt lauter neue Spezies.
[00:08:54.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es gar nicht mehr geht und sie sind am Ende ihres Lateins, sie bekommen Angst,
dann wird es gefährlich.
[00:09:02.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Patient will sich an ihnen halten.
[00:09:04.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann ein kleines Beispiel bringe.
[00:09:07.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte mal einen psychotischen Patienten. Ich sass auf meinem Stuhl und er war voll
psychotisch. Er zog mich vom Stuhl runter.
[00:09:13.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind beide auf dem Boden herumgerollt.
[00:09:18.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe nur nach meiner Sekretärin gerufen. Sie kam rein. Wir beide lagen verstört am
Boden. Ich habe ich meinem Patienten gesagt, es sei Zeit, dass wir in die Klinik gehen.
Er ist mir gefolgt wie ein Hündchen.
[00:09:37.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Später sagte er: ich wollte ihnen nichts tun.
[00:09:42.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin sicher erschrocken. Ich habe nicht zurückgeschlagen oder einen Alarmknopf
gedrückt. Ich habe versucht, vernünftig mit ihm umzugehen.
[00:09:52.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Nachher hat er sich entschuldigt, dass er das gemacht hat. Er wollte sich nur an mir
festhalten. Er hatte solche Angst.
[00:10:02.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Er fühlte sich verfolgt. Ich war quasi sein Leuchtturm oder sein Sicherheitsanker.
[00:10:09.560] – Dr.med. Ursula Davatz
So hat er mich zu Boden gezogen.
[00:10:11.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sekretärin, die zu Hilfe kam, in dem sie einfach reinkam, das war durchaus gut.
[00:10:19.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mir Hilfe von meiner Sekretärin geholt.
[00:10:22.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sehen, es braucht nicht immer eine Fachperson oder die Polizei.
[00:10:26.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist auch eine Fachperson, aber nicht eine psychiatrische Fachperson.
[00:10:30.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie Angst bekommen, spürt das der Patient. Er merkt, dass sie keine Person
mehr sind, an der man sich halten kann. Dann kann das zur Eskalation kommen.
[00:10:47.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist es sicher wichtig, dass sie zu anderen Massnahmen greifen. Hier kommt der
fürsorgerische Freiheitsentzug, jetzt heisst es fürsorgerische Unterbringung.
[00:11:00.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nach wie vor eine juristische Massnahme. Das ist schön formuliert.
[00:11:11.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Für den Patienten ist es ein Freiheitsentzug. Dementsprechend wird das auch
empfunden.
[00:11:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Durchführung der fürsorgerischen Unterbringung, kommt es weiter darauf an,
wie sie es machen, wie sie sich verhalten.
[00:11:30.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch in dieser akuten Situation ist es wichtig, dass sie sich systemgerecht und
situationsgerecht verhalten.
[00:11:40.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche jetzt ein paar Fehler aufzuzeigen, die man meistens macht.
[00:11:40.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Der erste typische Fehler, den wir Fachleute oft machen, mit Leuten, die sich "daneben"
benehmen, die sogenannt spinnen. Diese wollen wir erziehen.
[00:12:06.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Man will ihnen sagen: nein so geht es nicht. Das akzeptiere ich nicht.
[00:12:06.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Achtung, aufgepasst: nicht erziehen, zur Standpunkt beziehen.
[00:12:26.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das klingt für sie vielleicht fast gleich.
[00:12:26.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kennen alle aus ihrer Ausbildung: ich Position beziehen.
[00:12:26.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gilt auch hier.
[00:12:32.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ich Position bedeutet natürlich nicht, ich finde, wenn sie das nicht machen, dann
muss ich die Polizei holen.
[00:12:39.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist keine Ich Position.
[00:12:42.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ich Position muss wirklich bei einem selber bleiben.
[00:12:48.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen das abweichende Sozialverhalten nicht korrigieren wollen, ad hoc, jetzt, im
Hier und Jetzt. Sie müssen es einfach stehen lassen.
[00:13:00.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie dürfen es von sich aus reden, so wie von zwei verschiedenen Sternen.
[00:13:05.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht können sie sich den Petit Prince vorstellen, der sein Füchslein gezähmt hat
und von einem anderen Stern gesprochen hat.
[00:13:13.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf deinem Stern klingt das so, das kann ich nachvollziehen.
[00:13:14.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte auch den anderen validieren auf seinem Stern.
[00:13:25.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf meinem Stern sieht es so aus.
[00:13:26.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich fühle mich jetzt verpflichtet, so zu handeln.
[00:13:35.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie beziehen eine eigene Position. Sie stehen für sich ein, sie stehen für ihre Ethik ein,
für ihren Auftrag ein.
[00:13:42.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie wollen gar nicht direkt etwas am Patienten verändern.
[00:13:47.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald sie ihn erziehen wollen, ihm etwas beibringen, ihn korrigieren wollen, löst das
Druck aus und er wehrt sich noch mehr mit der gleichen Waffe.
[00:13:59.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Luc Ciompi, ein emeritierter Professor aus Bern, der viel mit Schizophrenen gearbeitet
hat.
[00:14:09.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat den Begriff der Affektlogik geprägt.
[00:14:14.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Er sagt, der Affekt herrscht manchmal und in diesen Situationen immer über die Logik.
[00:14:21.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das neue Gesetz macht alles sehr gut.
[00:14:29.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich, wenn sie den Menschen vor sich haben, geht es nicht um Gesetz und
nicht um Logik und nicht um Vernunft, sondern um Emotionalität.
[00:14:37.720] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Augenblick beherrscht die Emotionalität das Verhalten.
[00:14:42.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie in diese Emotionalität hinein argumentieren und sogar noch gescheit hinein
argumentieren und sogar noch recht haben, dann drücken sie den Patienten in eine
Ecke, sie verbauen ihm den Fluchtweg und im Augenblick, wo man ihm den Fluchtweg
mit der Argumentation verbaut, wird er eher noch verrückter.
[00:15:06.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst er geht noch mehr auf sie los und will sie emotional überzeugen, erpressen,
manipulieren, dass das nicht stimmt, was sie sagen.
[00:15:16.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum überhaupt nicht überzeugen wollen, sondern ihn dort auf dem Stern stehen
lassen.
[00:15:22.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Von mir aus das sogar noch respektieren.
[00:15:23.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich sehe, sie sehen es so oder für sie ist es so.
[00:15:27.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Pause.
[00:15:27.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich als Sozialarbeiterin, Vormündin, Vertreterin der Stadt oder was sie dann immer sind,
bin in dieser Situation leider gezwungen das so und so zu beurteilen.
[00:15:41.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Trennen und nicht überzeugen wollen.
[00:15:45.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Erzieherinstinkt, welcher in uns allen drinnen steckt, wir sind alles Mütter. Die Väter
haben den Erzieherinstinkt weniger. Die Väter kommen eher mir der Macht.
[00:16:02.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt einen blöden Witz.
[00:16:02.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frauen sagen: ich kann schon noch etwas aus diesem Mann machen.
[00:16:11.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Frauen, Mütter, sind dem Erzieherinstinkt noch mehr unterworfen.
[00:16:14.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Männer gehen eher auf Konfrontation, im Sinne von: wenn du nicht so machst,
dann kräftige ich meinen Arm.
[00:16:26.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kommen dann mit der Macht.
[00:16:27.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wirkt genau gleich bedrohlich wie der Erzieherinstinkt.
[00:16:33.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf eine eigene Position beziehen, eine Ich Position beziehen, ohne das
Gegenüber überzeugen zu wollen.
[00:16:33.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Ohne Bedrohung. Bedrohen bringt es gar nicht.
[00:16:46.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein ganz wichtiger Punkt ist: die Emotionen beruhigen. Wenn sie selber ein bisschen
ruhiger sind als der Patient, wirkt das schon beruhigend.
[00:16:46.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie das Gefühl haben, dass sie die Sachen einigermassen im Griff haben, wirkt
das beruhigend.
[00:17:00.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen zuerst sich beruhigen. Die Beziehung aufrechterhalten zum Patient. Das
wirkt auch beruhigend auf den Patienten.
[00:17:30.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Gesundheitswesen und unser Sozialwesen sind relativ stark vom Juristischen
her besetzt.
[00:17:36.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Man meint, wenn man einen Vertrag machen kann, dass man
Austrittsbehandlungsplanungen machen kann.
[00:17:44.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche habe ich natürlich viel erlebt.
[00:17:48.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben aber auch nicht funktioniert.
[00:17:50.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Kein Vertrag bringt etwas, wenn man keine Beziehung zum Patienten herstellen kann
oder wenn man keinen Therapeut hat, der das kann.
[00:18:01.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehöre ich nicht zu denen, die an die Verträge glauben.
[00:18:05.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich glaube nicht so sehr an diese Massnahmen.
[00:18:11.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit juristischem Denken, kann man Emotionen nicht einbinden, sonst wäre unser
Strafrecht sehr viel erfolgreicher, was es nicht ist.
[00:18:20.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Emotionen lassen sich über Dokumente nicht kanalisieren.
[00:18:26.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Schlussendlich kommt es immer wieder darauf an, dass sie dem Patienten selber
gegenüber stehen und für das, was sie tun wollen, selbst hinstehen.
[00:18:40.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Die psychische Krankheit lässt sich nicht per Vertrag regeln und nicht per Vertrag, nicht
per Behandlungsplan unter Kontrolle bringen.
[00:18:49.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage das, weil ich mit sehr vielen Schizophrenen arbeite, also mit den schwierigsten
der psychisch Kranken. Ich rede in dem Sinn aus Erfahrung.
[00:19:00.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage als Beispiel, auch in der Politik haben diese Verträge, diese Friedensverträge
auch nicht so viel gebracht.
[00:19:07.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Beispiel ist der letzte Weltkrieg. Man hat mit Adolf Hitler einen Vertrag gemacht und
am nächsten Tag hat er den Krieg angefangen. Adolf Hitler war ein psychisch Kranker.
[00:19:14.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Gott sei Dank sind nicht alle unsere psychisch Kranken nicht so schlimm wie der Hitler.
[00:19:23.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gesagt, ich muss es wieder sagen. Bei den psychisch Kranken wird ihr Verhalten
von ihren Emotionen her gesteuert, nicht per Vertrag und nicht per Vernunft.
[00:19:33.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sie tun können um Zeit zu gewinnen, bei allen Geiselnahmen und allen weiteren
kritischen Situationen. Es geht immer darum, dass man Zeit gewinnen muss, damit die
Situation nicht eskaliert und damit man dann auch das Richtige macht.
[00:19:33.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Um Zeit zu gewinnen, muss man versuchen eine vertrauensvolle Beziehung
herzustellen oder mit einer anderen Bezugsperson vom Familiensystem eine
vertrauensvolle Beziehung herstellen und versuchen, die Situation zu deeskalieren.
[00:20:12.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt noch ein paar andere Fehler, die man häufig macht.
[00:20:14.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort geht es nicht um den fürsorglichen Freiheitsentzug.
[00:20:18.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Messiness mit im Spiel ist, könnte das auch mitspielen.
[00:20:25.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben oft Patienten, die sie bejammern und sehr viel negative Emotionen haben.
Schmerz, Wut oder Trauer. Sie klagen über ihre Situation oder sie sind immer wütend.
[00:20:40.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Emotionen besänftigen zu wollen geht meistens nicht. Dann fühlt sich der Patient nicht
ernst genommen. Er muss dann noch mehr aufdrehen.
[00:20:50.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geschieht bei somatischen Ärzten immer, wenn Patienten vor allen Dingen die
Leute aus dem Balkan, mit Schmerzproblemen zu einem kommen.
[00:20:58.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wollen die Ärzte das immer ein bisschen runterreden.
[00:21:03.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir finden ja nichts im Röntgenbild, folglich kann es nicht so schlimm sein.
[00:21:09.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt nichts, denn der Patient fühlt sich nicht ernst genommen. Dann muss er noch
mehr aufdrehen. Dann hat er noch mehr Schmerzen und läuft noch gebückter oder es
geht ihm noch viel schlechter.
[00:21:18.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Von daher nicht, die Emotionen besänftigen wollen, im Sinne von verneutigen/
verachten. Anderen geht es noch schlechter als ihnen. Die üblichen Dinge, die man es
sagt.
[00:21:29.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man etwas machen will, dann eher ein Reframing.
[00:21:33.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, die Situation, in der der Patient steckt, eher auf eine andere Art darstellen.
[00:21:41.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es einem gelingt, die Situation auf eine humoristische Art darzustellen, also quasi
die Tragik/Komik aus der Situation herauszuholen, dann hat man natürlich sehr viel
gewonnen.
[00:21:53.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gelingt einem nicht immer.
[00:21:54.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn einem das gelingt, dann ist das sehr hilfreich.
[00:21:56.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man die Situation anders darstellt und dann auf eine andere Schiene kommt,
kann man ein bisschen ablenken und dann hat man vielleicht wieder mehr
Manövriermöglichkeiten.
[00:22:08.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Es bringt nichts, gegen das Symptom vorzugehen.
[00:22:11.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das machen wir Ärzte immer, aber das bringt in dem Moment überhaupt nichts.
[00:22:17.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Patient wird höchstens verrückter, sie nimmt mich nicht ernst, sie sehen nicht, wie
ich leide etc. und die ganze Leier beginnt von vorne.
[00:22:36.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das Gefühl hat, man komme dem näher und man kann es jetzt nicht mehr
handhaben ohne FFE, nie mit dem FFE drohen.
[00:22:45.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie das nicht machen, dann muss ich sie einweisen. So im Sinne einer
Bestrafung.
[00:22:51.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wirkt der FFE wie eine Bestrafung.
[00:22:54.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Dinge hat man oft auch in der Drogentherapie gemacht. Wenn du nicht das
machst, fliegst du raus. Das bringt nichts.
[00:23:02.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man etwas machen will, muss man das innerlich beschliessen.
[00:23:06.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man alle Massnahmen getroffen hat, muss man so schnell wie möglich handeln.
[00:23:12.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss nicht hinterrücks handeln, aber man muss eine Übermacht organisieren,
damit man handlungsfähig bleibt.
[00:23:18.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man den Patienten bedroht und sagt: wenn sie ihre Medikamente nicht nehmen,
muss man ein FFE machen, steigt man nur in den negativen Bereich, den
Eskalationszirkel ein und es wird schlimmer.
[00:23:33.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Die manisch depressiven Patienten jagt man dann.
[00:23:37.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie fahren dann wild durch die Gegend oder springen irgendwo runter, weil sie vor
einem flüchten und meinen, sie könnten hier ausweichen.
[00:23:46.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es schon machen muss, muss man quasi in Überfall bereit sein, sodass der
Patient merkt, dass man stärker ist, er hat kein Bier hat und es wird gemacht.
[00:23:57.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sollte ihm aber natürlich gesagt werden.
[00:24:02.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde nicht vorschlagen, wenn der Arzt das nicht möchte, und wenn er sagt, ich
muss ihn nachher weiter behandeln, und darum möchte ich kein Böser sein, ich möchte
nachher der liebe Therapeut sein und machen doch bitte sie den FFE.
[00:24:22.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Als systemisch Denkende sage ich: Nein, da hilft man dem Arzt aus der Schlinge.
[00:24:27.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Er sollte nachher dafür hinstehen und sagen: jawohl ich habe das gemacht. Ich stehe
dahinter. Ich habe es nach meinem Gewissen gemacht. Ich musste das machen. Ich
habe es nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Ich würde es wieder tun, wenn
es so wäre.
[00:24:29.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt eine wirkliche Auseinandersetzung, zwischen Therapeut und Patient.
[00:24:48.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er es dem Stadtarzt zuschiebt, drückt er sich vor dieser Auseinandersetzung und
das ist keine gute Sache.
[00:24:58.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Der behandelnden Therapeut missbraucht den Stadtarzt, um etwas auszuführen, das er
nicht gerne macht. Er muss für ihn die dreckige Arbeit machen.
[00:25:10.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Systemisch gesehen ist das nicht korrekt und auch nicht so nachhaltig.
[00:25:17.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Was man machen kann, wenn man nicht mehr vom FFE absehen kann, ist
Pseudoalternativen anbieten. Das ist ein systemisches Vorgehen.
[00:25:32.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, wo sie noch zwei Wahlmöglichkeiten haben.
[00:25:32.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eine Art Pseudowahl. Sie können ihre Medikamente manipulativ, zwangsmässig
nehmen, oder sie können den FFE wählen.
[00:25:47.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eigentlich ein Widerspruch aber man gibt dem Patienten doch zwei
Möglichkeiten.
[00:25:58.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Strategien werden oft angewendet, wenn man am Ende ist.
[00:26:01.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese beiden Zwangsmöglichkeiten kann man anbieten.
[00:26:04.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann dann zwischen zwei schlechten Sachen wählen, aber man kann immer noch
wählen.
[00:26:09.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Schlimme für den Menschen ist, wenn er einen Kontrollverlust hat.
[00:26:13.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er nicht mehr wählen kann, verliert er die Kontrolle über sich selbst. Das hat
niemand gern.
[00:26:19.640] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne kann man die sogenannten Pseudoalternativen anbieten.
[00:26:28.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie ich schon gesagt habe, wenn die Gefahr im Verzug ist, dann muss man schnell
handeln und nicht gross davon reden, bis man voll und ganz vorbereitet ist. Dann muss
man eingreifen.
[00:26:48.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommt die Essenz davon, was ich am Anfang angekündigt habe.
[00:26:48.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es immer irgendwie geht, die Familie miteinbeziehen.
[00:26:55.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, schauen, wer noch da ist.
[00:26:57.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familie macht es genau gleich wie der Arzt, der behandelnde Arzt. Die wollen nur
die Lieben sein. Wenn es schwierig ist, heisst es: schaff mir das schwierige Kind vom
Leib.
[00:27:06.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind in der Klinik ist, wird wieder zusammengespannt. Dann heisst es, der
böse Arzt hat das Kind eingewiesen, eigentlich wollten wir das gar nicht. Sie stehen
nicht hinter dem Entscheid.
[00:27:21.060] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne sage ich, wenn es noch jemanden in der Familie gibt, sei es Vater,
Mutter, Geschwister, etc, auch wenn es sich um eine alte Mutter handelt, muss man die
Kinder reinholen. Wenn es sich um einen jungen Schizophrenen handelt, muss man die
Eltern reinholen und dann versuchen, dass jemand von diesem System zu diesem
Entscheid steht, dass er mitträgt.
[00:27:53.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehungen sind irgendwo schief gelaufen. So entstand die psychische Krankheit.
[00:27:58.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn niemand vom System das mit trägt, wenn er es einfach delegiert an den Arzt
nach aussen oder an den Stadtarzt, dann wird die Problematik outgesourced.
[00:28:09.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese Problematik nur ausgelagert wird, ist das nur eine Krisenintervention, aber
es hat keine nachhaltige Wirkung.
[00:28:19.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Vater mit trägt, häufig muss ich die Väter reinholen, damit die mitmachen. Die
Mütter können es oft nicht so gut. Es gibt auch Mütter die voll dahinter stehen.
[00:28:36.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich jemanden vom System reinholen kann, dann hat dieser Eingriff eine bessere
Wirkung.
[00:28:36.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe hier ein Beispiel eines 17 jährigen Jugendlichen.
[00:28:41.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe relativ wenig FFEs gemacht.
[00:28:46.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war ein Drogensüchtiger. Wir hatten ihn zuerst noch ambulant oder teil stationär.
Dann ist das alles dermassen eskaliert, dass ich es nicht mehr verantworten konnte.
[00:28:57.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich fand, wenn ich den einfach so lasse, dann verkommt der. Mit allem Recht auf
Verkommen und Verelenden. Wenn er erst 17 Jahre alt ist, sollte er doch noch eine
bessere Chance haben. Das war im Kanton Aargau.
[00:29:09.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ihn nicht per Bezirksarzt eingewiesen. Ich wusste genau, wenn ich den
einweise via dem Bezirksarzt, dann lässt ihn die Klinik wieder raus. Dann ist er wieder
auf der Gasse. Ich habe dann die Einweisung per Bezirksamtmann gemacht, eine
amtsvormundschaftliche Einweisung.
[00:29:27.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat geklappt. Er kam rein. Er hat am Anfang natürlich getobt und geschumpfen
gegen mich.
[00:29:33.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Klinik hat geschumpfen, dass ich ihnen den untergeschoben habe. Sie konnten ihn
nicht entlassen. Das wollte ich genau.
[00:29:42.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wollte, dass sie ihn behalten, bis sie eine geeignete Institution für ihn finden.
[00:29:42.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich ihn per Bezirksarzt eingewiesen hätte, hätten sie ihn nicht behalten. Dann
hätten sie ihn einfach wieder auf die Strasse geschickt. Sie haben ihm dann wohl oder
übel eine Institution gesucht. Er ist dort hingekommen. Er wurde entzogen. Später kam
er zu mir und hat sich bei mir bedankt.
[00:29:57.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Er kommt noch jetzt zu mir, stellt seine Freundin vor und wenn immer etwas ist, kommt
er.
[00:30:16.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat mir den gewaltsamen Freiheitsentzug nicht übel genommen.
[00:30:20.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hätte jederzeit dazu hinstehen können und sagen können, dass ich es gemacht
habe und dass ich es wieder machen würde.
[00:30:25.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe es aus dem und dem Grund gemacht. Das war meine Überzeugung.
[00:30:29.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gleiche versuche ich den Eltern beizubringen, dass sie, wenn sie so etwas
durchziehen, mit meiner Hilfe, ich helfe ihnen, das zu machen, aber ich will es nie
alleine im Auftrag von ihnen machen.
[00:30:42.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich ziehe sie mit in die Verantwortung.
[00:30:47.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre das systemische Vorgehen.
[00:30:51.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt noch kurz zum Abschluss.
[00:30:55.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei diesem Jugendlichen habe ich mit den Eltern gearbeitet. Dort haben wir es auch
zusammen gemacht. Die Mutter war völlig verzweifelt.
[00:31:08.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mit den Eltern weitergearbeitet.
[00:31:10.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Letztes zum Abschluss, damit sie nicht ins Fettnäpfchen treten, und jetzt kommt
wieder die Geschichte, damit sie als professionelle Helfer nicht in dieselben Falle treten
wie das Familiensystem, ist es natürlich sinnvoll, dass sie das Familiensystem ein
bisschen kennenlernen.
[00:31:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles, was sie an Daten holen können und sich ein Bild machen können, in welchem
Kontext der Patient aufgewachsen ist, hilft ihnen, dass sie nicht die gleichen Fehler
machen, wie die Familie das schon gemacht hat.
[00:31:44.060] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne lohnt es sich, die Biografie nicht nur die Krankengeschichte eines
Patienten aufzunehmen, eines Klienten, sondern die Biografie.
[00:31:53.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das auch nur bruchstückartig ist, es gibt ihnen doch ein besseres Bild.
[00:31:57.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe immer gesehen, je chronischer diese Krankheiten waren, also die
psychiatrischen Patienten, umso dicker das Dossier.
[00:32:07.020] – Dr.med. Ursula Davatz
An den Fallvorstellungen hörte man nur immer etwas über die Krankengeschichte, aber
gar nichts darüber, wer das ist, wo er herkommt, zur Person etc.
[00:32:14.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich rate ihnen sehr und lege ihnen sehr ans Herz, dass sie sich diese Biografie
reinholen, damit sie dann fachlich geschickter vorgehen können.
[00:32:26.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihre vielleicht administrative Vorgehensweise oder Intervention hat dann eine
therapeutische Auswirkung.
[00:32:34.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Hingegen nur sie und der Patient und sonst gibt es niemanden mehr auf dieser Welt,
dann verpassen sie viele Chancen, viele Ressourcen, sie sind weniger effizient und
weniger effektiv.
[00:32:50.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Schlussbemerkung sage ich: machen sie sich immer ein besseres Bild vom
Familiensystem, bevor sie zur Handlung schreiten.
[00:33:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei chronischen Situationen von chronisch-psychisch Kranken oder auch bei
Akkutsituationen, in denen Selbst- und Fremdgefährdung vorhanden ist.
[00:33:09.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich.
[00:33:09.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können effektiver vorgehen.
[00:33:09.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können ein besseres Ergebnis erreichen, weil sie nicht in so viele Fettnäpfchen
trampen.
[00:33:17.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können mit weniger mehr bewirken, also effizienter.
[00:33:28.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das spielt heutzutage eine riesige Rolle, denn das Geld ist immer ein Diskussionspunkt.
[00:33:35.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man am Ende sagen muss: ausser Spesen nichts gewesen. Es ist zwar alles
sehr korrekt abgelaufen, dann ist das schade.
[00:33:48.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wurde immer die Verhaltenstherapie erwähnt.
[00:33:54.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Verhaltenstherapie geniesst ein grosses Ansehen bei den Versicherungen, bei allen
Forschungsinstrumenten, weil sie einfach zu beforschen ist.
[00:34:04.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue sie als relativ limitiert an.
[00:34:09.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Verhaltenstherapie ist schnell auf der Seite der Erziehung oder Dressur.
[00:34:14.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann verhaltenstherapeutische Aspekte mit rein nehmen.
[00:34:16.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Krankenkasse und bei den Versicherungen wird heute auch immer von Case
Management gesprochen.
[00:34:24.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, der Patient wird wie ein Fall behandelt, also administriert.
[00:34:30.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin auch keine Freundin von Case Management. Das heisst, im Prinzip wäre das
schon recht. Ich spreche eher von Prozessmanagement.
[00:34:40.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Versuchen sie eher, den Prozess gut zu manage, anstatt den Fall, den Patienten.
[00:34:48.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Der ganzen Psychiatrie haftet immer noch an, dass der psychiatrische Patient enorm
bevormundet wird.
[00:34:57.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Er wird mehr bevormundet, als der somatische Patient. Das ist eine Fehlangelegenheit.
[00:35:07.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wir sollten den psychiatrischen Patienten immer auch als gegenüber sehen,
sonst machen wir viele Fehler.
[00:35:15.680] – Dr.med. Ursula Davatz
In gewissen Situationen müssen wir handeln, das ist ganz klar.
[00:35:21.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Denken sie eher an ein Prozessmanagement, in dem sie sich selbst mit ihren
Fähigkeiten handhaben, in dem sie zusammenarbeiten mit allen anderen.
[00:35:31.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird der Patient weniger bevormundet, weniger gedemütigt.
[00:35:36.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Er muss sich weniger gegen ihr Vorgehen wehren.
[00:35:41.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn kein Familiensystem mehr vorhanden ist, ist dennoch die Geschichte des
Familiensystems vorhanden.
[00:35:49.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kann man alleweil holen und die ist alleweil in einem gewissen Sinne
richtungsgebend.
[00:35:55.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann nicht genug dafür plädieren.
[00:36:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind nicht so fest, nur im Urwald und im Dunkeln. Sie haben viel schneller ein
besseres Verständnis für die Situation und das Individuum, das sie vor sich haben.
[00:36:09.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre mein Plädoyer.
[00:36:49.640] – Bemerkung 1
Ich verstehe, dass man die Familie miteinbeziehen muss. Wie ist das bei der FFE
Vorbereitung?
[00:37:01.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht ja beim FFE nicht darum, dass man auf Lebzeiten bevormundet, sondern es
geht darum, dass man in diesem Moment verantwortungsvoll handelt.
[00:37:18.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich dann die Familie miteinbeziehe, dann will ich, dass sie mit die Verantwortung
trägt.
[00:37:24.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familie weicht dem Konflikt aus.
[00:37:27.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie überträgt, sie lagert die Probleme auf sie aus. Sie müssen dann das Problem für die
Familie lösen. Das können sie langfristig nicht tun.
[00:37:28.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es irgendwie geht, jemanden von der Familie miteinbeziehen, dass er den Schritt
vom FFE mit trägt. Macht das keinen Sinn für sie? Empfinden sie das als
Bevormundung?
[00:37:54.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf der anderen Seite schützt man den Patienten vor der Bevormundung der Eltern.
[00:38:01.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch das ist nicht in Ordnung.
[00:38:03.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die müssen sich miteinander auseinandersetzen.
[00:38:05.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ohne diese Auseinandersetzung gibt es kein Erwachsen werden und keine
Eigenverantwortung.
[00:38:11.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem sie den Patienten schützen vor diesen bösen Eltern, bevormunden sie ihn auch.
Sehen sie, was ich meine?
[00:38:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte die Familie zur Verantwortung ziehen, dass sie mit trägt.
[00:38:25.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch bei einem Suizid frage ich immer: wollen sie, dass ihr Angehöriger eingewiesen
wird? Haben sie Angst?
[00:38:38.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Angst sehr hoch ist im System, dann sage ich: ich zeige ihnen, wie man es
macht.
[00:38:43.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich lasse sie dann auch einige Schritte machen. Ich begleite sie.
[00:38:48.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich übernehme nie die ganze Verantwortung. Es sei denn, es ist absolut wahnsinnig
akut.
[00:38:53.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Familie präsentiert sich immer so, dass sie es ganz akut macht, dass dann der
Notfallarzt handeln muss.
[00:39:02.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Danach schimpft sie über den. Das will ich verhindern.
[00:39:07.880] – Bemerkung 2
Wie arbeiten sie mit Migranten, die keine Familie vor Ort haben?
[00:39:13.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Migranten versuche ich zuerst, ihr System zu verstehen.
[00:39:18.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ticken ja oft etwas anders als wir.
[00:39:21.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich mit schweizerischen Massstäben komme, laufe ich daneben.
[00:39:25.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche zuerst, sie auch kulturell zu verstehen. Ich muss schauen, wie sie
funktionieren. Häufig sind das patriarchale Systeme. Dann schaue ich nach einem
Patriarch in der Familie und versuche, mich mit ihm zusammen zu tun. Oder ich hole
einen Patriarch in unserem System. Das muss auch ein Mann sein und vielleicht der
Vorgesetzte. Wenn es nur eine Frau gibt, dann muss es diese machen.
[00:39:51.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es einen Hausarzt gibt, kann man diesen reinziehen.
[00:39:55.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man systemgerecht mit diesem System umgeht.
[00:40:01.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn er ganz alleine hier ist, frage ich natürlich auch nach der Geschichte.
[00:40:06.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Migranten frage ich immer, wovor sind sie weggelaufen?
[00:40:11.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind immer von irgendetwas weggelaufen. Es ist nie nur das Geld.
[00:40:15.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist immer noch ein Familiensystem hinten dran, mit dem sie sich nicht
auseinandergesetzt haben. Das war dann auch durch das politische System vertreten.
[00:40:24.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Was haben sie hier erwartet?
[00:40:30.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Migranten kommen meistens mit riesigen Erwartungshaltungen.
[00:40:32.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn diese nicht erfüllt werden, sind sie verrückt.
[00:40:35.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn wir sollten sie erfüllen, also kindliche Erwartungshaltungen.
[00:40:39.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese beiden Seiten versuche ich abzufangen, anzuschauen und dann zu sagen: ja ich
verstehe sie, ich sehe es. Leider ist die Schweiz nicht aus Milch und Honig gemacht.
Die Schweiz ist kein Läckerlihaus, auch wenn es ein Läckerlihaus gibt in Basel. Darum
kann ich nur das und das machen
[00:41:06.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Wieder abholen dort wo sie sind aber die eigene Realität hinstellen.
[00:41:20.850] – Bemerkung 3
Was ist mit einer 40 jährigen Frau, die sagt, sie habe drei Kinder und zwei Männer und
das ist nicht wahr. Sie war gerade wieder per FFE in der Klinik. Wie soll ich damit
umgehen. Sie hatte nur eine Tochter vor 20 Jahren.
[00:42:19.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Von der Geschichte her, ist das eine Schulddynamik.
[00:42:33.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hatte vor 20 Jahren eine Tochter, sie hat diese zur Adoption freigegeben, hat aber
immer noch Muttergefühle und hat diese Tochter verdreifacht. Sie sagt, dass sie drei
Kinder zu Hause hat.
[00:42:40.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde sofort die Schuldgefühle bei ihr ansprechen und sagen: ah, das muss ihnen
sicher sehr schwer gefallen sein. Was ist dort der Grund gewesen, dass sie sie weg
gegeben haben? Wo ist diese Tochter? Wie geht es ihr? Ich würde ganz konkret auf
ihre Geschichte eingehen. Ich würde ihr nicht ausreden: das stimmt doch gar nicht.
[00:42:41.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Klinik würde ich anrufen und sagen: sie, ich habe hier noch eine Information, die
wichtig sein könnte oder müsste für sie. Ich glaube diese Frau hat die Weggabe dieses
Kindes nicht verarbeitet. Sie hat immer noch Schuldgefühle. Darum sagt sie: ich habe
drei Kinder und ich muss drei Mal nach Hause geben.
[00:43:36.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychotiker machen immer eine Verlagerung ihres Symptoms. Sie sprechen nicht von
ihren eigentlichen Gefühlen, sondern sie projizieren es auf eine Geschichte, welche sie
selber konstruieren.
[00:43:44.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nenne das es eine Problemlösungsstrategie auf einer Metaebene.
[00:43:54.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind sehr erfinderisch.
[00:43:57.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen erfinderisch sein. Die Patienten sind von sich aus, von Natur her, sehr
erfinderisch.
[00:44:03.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hilft, ganz konkret auf die Realität einzugehen.
[00:44:06.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum ist es sinnvoll, diese Geschichte zu wissen.
[00:44:09.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine Patientin, die ein Kind weggegeben hat. Sie war nicht verheiratet. Sie hat
das Kind weg gegeben zur Adoption. Sie fühlte sich schuldig, dass sie Sex hatte und
ein Kind.
[00:44:20.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie hat sich noch jeden Tag fünfmal geduscht, um das loszuwerden. Sie hat das nicht
los gelassen.
[00:44:28.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Geschichte setzt sich im Hirn nieder.
[00:44:32.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie macht dort gewisse Muster, und das wird immer wieder reproduziert.
[00:44:36.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Es lohnt sich, dass man die Geschichte anschaut und sie auf eine Art interpretiert.
[00:44:44.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz normal von dieser Tochter reden, wie sie heisst, wo sie ist, was sie macht, was sie
gelernt hat, ob sie irgendetwas weiss.
[00:44:53.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie nichts weiss, fragen: soll ich helfen, sie zu suchen?
[00:44:56.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage kann man das.
[00:45:00.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man unterbrochen zwischen leiblicher Mutter und Adoptivmutter. Heute
macht man das nicht mehr.
[00:45:11.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde nach den Schuldgefühlen fragen und den Grund weshalb sie das Kind weg
gegeben hat. Wollten die Eltern, dass sie es weggibt. Wer wollte es? Die Entscheide
wurden oft nicht ganz eigenständig getroffen, sondern eher unter Druck. Dann hält es
nicht.
[00:45:26.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie verdreifacht es und die Leute glauben es.
[00:45:26.500] – Bemerkung 4
Wie kommen wir mit unseren beschränkten Ressourcen möglichst schnell zu möglichst
vielen Informationen über das Familiensystem?
[00:45:26.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Später haben wir die Fallvorstellung. Man kann in 20 Minuten ein Diagramm erstellen.
Man muss danach fragen.
[00:45:26.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil werden auch unsystematisch Informationen an sie herangetragen.
[00:46:05.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie sich eine Krankengeschichte machen, wo sie es notieren, können sie es
immer wieder hervor holen.
[00:46:11.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf der Klinik Barmelweid hatte ich nur 20 Minuten Zeit, um das Familiendiagramm
aufzuzeichnen. Klar, ich bin schon ein wenig geübt.
[00:46:11.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe in kurzer Zeit das Familiendiagramm aufgenommen. Dann hatte ich doch
einen Anhaltspunkt, um den Patienten besser zu verstehen.
[00:46:30.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin ausgelacht worden von den jungen Assistenzärzten, ich könne nicht einmal
Diagnose stellen, weil ich nach der Grossmutter gefragt habe.
[00:46:36.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Diagnose stellt man aus dem Augenwinkel. Das sieht man ja.
[00:46:46.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Hingegen alle Informationen aus dem Familiensystem muss man erfragen.
[00:46:51.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Leute, die es erlernt haben, verwenden es. Das ist ein sehr wichtiges Instrument.
[00:47:01.710] – Dr.med. Ursula Davatz
An sich haben Sozialarbeiter das schon länger gemacht, im Sinne von Casework.
[00:47:05.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich wurde die Familientherapie bei den Sozialarbeitern geboren.
[00:47:09.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ärzte haben es dann übernommen.
[00:47:14.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Es war eine Zeit lang sehr in Mode, so in den 1980er Jahren.
[00:47:17.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt ist es wieder etwas ausser Mode gekommen. Jetzt herrschen in der Psychiatrie an
erster Stelle Neuropsychiatrie und Medikamente vor.
[00:47:22.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Neuropsychiatrie hilft mir auch.
[00:47:28.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort sehe ich alle Erlebnisse, die die Leute in der Jugend und im jungen
Erwachsenenalter erlebt haben, sie sind dann dort programmiert.
[00:47:38.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann dann quasi meine Theorie beweisen und das ist auch wieder schön.
[00:47:43.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielen Dank!
8. Jahrestagung der Sozialen Dienste der Stadt Zürich und der
Vormundschaftsbehörde
Fürsorgerische Freiheitsentziehung und Umgang mit psychisch kranken
Menschen
Systemischer Umgang mit psychisch Kranken
I. Einleitung
Die psychische Krankheit ist stets im Zusammenhang mit dem familiären und auch
weiteren sozialen Umfeld entstanden. Sie ist niemals ein singuläres Geschehen
innerhalb eines Individuums. Aus diesem Grunde sollte bei der Behandlung der
psychischen Krankheit das Umfeld, d.h. vor allem die Familie, stets mit einbezogen
werden, dies zum besseren Verständnis und zweitens als Ressource.
II. Systemisches Verständnis der psychischen Krankheit
Die Beziehungspflege innerhalb eines familiären Systems ist verantwortlich für den
Zusammenhalt, die Kohäsion und das kollektive Wohl- und Sicherheitsgefühl jedes
einzelnen Familienmitgliedes.
Wird die Beziehungspflege zwischen dem Elternpaar als Fundament des
Familiensystems aus irgendwelchen Gründen ernsthaft über längere Zeit gestört,
leidet die psychische Entwicklung der Kinder darunter.
Eine gestörte psychische Entwicklung führt zu einer psychischen Krankheit und in
der Folge zu verändertem Sozialverhalten.
Dieses veränderte Verhalten der psychischen Krankheit bekommen sie als
Fachperson in ihrem Berufsalltag dann zu spüren.
Sie sind zwar keine Therapeuten und ihre Pflicht ist es nicht, dieses Verhalten zu
verändern, sie müssen aber dennoch lernen, möglichst effizient und nicht Symptom
verstärkend damit umzugehen und auch so, dass es für sie nicht gefährlich wird und
sie nicht stellvertretend für die Familienmitglieder wieder zur Zielscheibe werden.
Wir das psychisch krankhafte Verhalten selbst- oder fremdgefährdend, stellt sich die
Frage des juristisch gewaltsamen Eingriffs durch den FFE.
Bei der Durchführung desselben geht es wieder darum, sich möglichst geschickt
dem Patienten angepasst zu verhalten, damit die Situation nicht eskaliert und es
nicht gefährlich wird für einen selbst.
III. Typische Fehler die gegenüber von psychisch Kranken gemacht werden
1. Nicht erziehen, nur Standpunkt beziehen
Das abweichende Sozialverhalten des psychisch kranken Patienten löst
unweigerlich Korrektur bzw. Erziehungsverhalten in der Fachperson aus.
Ein solches Erziehungsverhalten wirkt sich bedrohlich auf den psychisch
kranken Menschen aus, er fühlt sich bevormundet, nicht ernst genommen und
zieht sich aus der Beziehung zurück oder wird aggressiv. Beides ist nicht
hilfreich, die Situation eskaliert.
Dieser Erzieherinstinkt sollte deshalb unterdrückt werden, um eine
Gewalteskalation zu verhindern.
Was man jedoch tun darf, will man dem abweichenden Sozialverhalten des
psychisch kranken Patienten etwas entgegenhalten, ist eine eigene Position
beziehen, eine Haltung einnehmen, aber ohne jeglichen Überzeugungs- oder
Überredungsversuch. Dieser setzt nur wieder emotionalen Druck auf und erhöht
die Gefahr der Eskalation.
1. Emotionen beruhigen
Der Glaube an den “Vertrag“ ist ein weit verbreiteter Irrtum im Umgang mit
psychisch Kranken. Man geht von juristischem Denken aus, dass ein Vertrag als
juristisches Dokument Emotionen zu binden und somit das Verhalten von
psychisch Kranken zu steuern vermag.
Eine psychische Krankheit lässt sich aber nicht per Vertrag regeln bzw. unter
Kontrolle bringen. Ein Vertrag funktioniert unter Gesunden, und auch dort nicht
immer, siehe Politik, Vertrag mit Hitler etc. oder Friedensvertrag zwischen
Israel und Palästinensern.
Bei psychisch kranken Menschen wird das Verhalten über Emotionen gesteuert
und nicht per Vertrag.
Was man jedoch tun kann, ist Zeit gewinnen und über eine vertrauensvolle
Beziehung, die Emotionen beruhigen beim psychisch Kranken, so dass diese
weniger eskalieren bzw. sogar de-eskalieren.
1. Negative Emotionen wie Trauer, Schmerz oder Wut nicht besänftigen wollen,
sondern “Reframing“ machen
Ist ein Patient krank und klagt oder jammert mit „appellativem
Jammerverhalten“ fühlt man sich schnell dazu verführt zu besänftigen oder
diesen Gefühlszustand mit Argumenten herunterzuspielen, was zur Folge hat,
dass der Patient sich nicht ernst genommen fühlt und sein Symptomverhalten
verstärkt oder aggressiv wird.
Negative Emotionen kann man allenfalls über ein “Reframing“, d.h. durch eine
andere Darstellung der Situation aus einem völlig unerwarteten Blickwinkel
beeinflussen, quasi die Komik der Situation zur Darstellung bringen, so dass aus
dem “Bächli“ ein Lächeln wird.
1. Niemals mit Massnahmen wie FFE drohen, sondern im Notfall schnell handeln
mit Übermacht
Zieht man den FFE in Erwägung, darf niemals mit dieser Massnahme gedroht
werden, denn dies erhöht zusätzlich den emotionalen Druck und verstärkt die
psychischen Symptome bzw. kann eine gefährliche Situation hervorrufen.
Ist man bereit den FFE anzuwenden, möchte man aber zuerst eine andere
Massnahme versuchen, kann man allenfalls eine “Pseudoalternative“ anbieten,
die wie der FFE das gleiche Ziel hat, dem Patienten jedoch die Möglichkeit der
Wahl lässt, zwischen beiden zu wählen.
Beispiel: „Sie können wählen zwischen FFE und ambulanter
Zwangsmedikation.“ Die Alternative darf aber nicht lauten: „Wenn sie die
Medikation nicht akzeptieren, muss ich den FFE durchführen!“
Ist jedoch Gefahr in Verzug, muss schnell und mit Übermacht gehandelt
werden, damit der Patient sofort einsieht, dass er keine Chance hat, d.h. lieber
zu viele Menschen aufbieten, als Verstärkung im Nachhinein zu verlangen.
1. Einbezug des Familiensystems
Müssen gewaltsam Grenzen gesetzt werden, so sollte nach Möglichkeit das
Familiensystem mithelfen diese zu tragen.
Können konflikthafte Beziehungen innerhalb der Familie nicht mehr
gehandhabt werden, springt das Problem über auf die Struktur des Staates als
“Vaterfigur“, d.h. die Sozialhilfe muss eingreifen, wenn das Familiensystem
versagt.
Der “Vater“-Staat sollte aber wenn immer möglich den richtigen Vater und die
richtige Mutter miteinbeziehen und sie zur Verantwortung ziehen, damit die
Massnahme nachhaltiger wird innerhalb des Familiensystems, sonst ist das
Problem nur symptomatisch angegangen und nach aussen delegiert.
“Outsourcing“ nennt man dies. Da der Staat keine natürliche Einheit mit dem
Patienten darstellt, wie dies die Familie ist, können diese Probleme aber niemals
langfristig und nachhaltig gelöst werden.
1. Nicht ins Fettnäpfchen treten
Damit man als professioneller Helfer nicht in die gleiche Falle tritt wie das
Familiensystem, ist es von Vorteil, sich genauer über das Funktionieren des
Familiensystems zu informieren.
Aus diesem Grunde lohnt es sich, von seinen Klienten eine genauere “Drei
Generationen Biographie“ aufzunehmen, selbst wenn man nicht therapeutisch
mit ihnen arbeitet.
Die administrative Intervention hat dann stets eine therapeutische Auswirkung,
und die Intervention wirkt effektiver und effizienter.
Schlussbemerkung
Machen sie sich stets ein besseres Bild vom Familiensystem, bevor sie zur helfenden
Handlung schreiten, sei dies in der chronischen Situation eines psychisch Kranken
oder in der Akutsituation bei Selbst- oder Fremdgefährdung. Ihre Interventionen
werden effektiver, wenn sie ihre Interventionen nicht am Symptom und nur am
isolierten Individuum des psychisch Kranken ansetzen.Sie werden dadurch effizienter,
d.h. sie können mit wenig eigener Energie viel bewirken.
Wenn kein Familiensystem mehr vorhanden ist, gibt es dennoch die
Familiengeschichte und über diese kann man sich ebenfalls ins Bild setzten, um dann
wirksamer handeln zu können.
Schizophrenie ist die psychiatrische Krankheit, über welche am meisten geforscht wurde, die man aber von allen psychiatrischen Krankheiten dennoch am wenigsten versteht.
Schizophreniekrankheit kommt in allen Kulturen auf der ganzen Welt vor. Sie betrifft etwa 1% der Bevölkerung, d.h. bei einem von 100 Menschen wird im Laufe seines Lebens die Diagnose Schizophrenie gestellt. Männer wie Frauen sind etwa gleich häufig davon betroffen. Bei den Männern fällt jedoch die Erkrankung im Durchschnitt früher auf.
Systemisch betrachtet verkörpern Menschen mit Schizophreniekrankheit «Das Schwarze Schaf» der Familie. Im Volksmund verbindet man den Begriff Schizophrenie mit Bildern von verrücktem Verhalten, das extrem von der Norm abweicht. Der Ausruf «Das ist ja schizophren» dient in der Öffentlichkeit zur Abwertung von schwer nachvollziehbarem Verhalten und zugleich zum Aufrechterhalten sozialer Normen. «Schizophren» wird deshalb nicht selten auch als Schimpfwort verwendet. Dem Betroffenen droht dadurch der Verlust der sozialen Legitimation und als nächster Schritt die Ausgrenzung aus der Gesellschaft.
Aus medizinischer Sicht stellt die Schizophrenie eine gefürchtete Krankheit dar, deren Diagnose der Arzt ungern stellt und der Patient ungern erhält, weil das Damoklesschwert der Unheilbarkeit über ihr hängt. Trotz langjähriger Anstrengungen der Forschung über eine adäquate Behandlung gehen Fachleute wie Laien auch heute noch von der Annahme aus, dass Schizophrenie in der Mehrheit der Fälle nicht heilbar sei. Diese Haltung wird auch unterstützt durch den häufig zitierten statistischen Drittelverlauf, die sogenannte «Prognostische Daumenregel». Sie besagt, dass ein Drittel der Erkrankten spontan heilt, ein Drittel mit deutlichen Symptomen auf tieferem Funktionsniveau stagniert und ein Drittel schwer beeinträchtigt wird, ständig Rückfälle hat und deshalb immer wieder Klinikaufenthalte benötigt. Vom letzten Drittel bleiben gar 10% dauerhaft hospitalisiert. Diese statistische Aussage lässt tatsächlich keine optimistische Prognose zu für zwei Drittel der Betroffenen, was sowohl für Patienten wie Angehörige eine schwere Hypothek darstellt und der therapeutischen Kunst der Psychiatrie in Bezug auf diese Krankheit kein gutes Zeugnis ausstellt.
Wie bedrohlich die Krankheit eingeschätzt wird, zeigt sich auch in der weit verbreiteten Meinung, die Behandlung der Akutphase müsse unbedingt in einer Psychiatrischen Klinik, ausgeschlossen von der Gesellschaft, quasi in Quarantäne durchgeführt werden. Da der Patient die soziale Ausgrenzung als therapeutische Massnahme aber nicht akzeptiert, weil sie für ihn eine Demütigung darstellt, kann sie nicht durchgeführt werden – es sei denn gegen seinen Willen. Die Familie will aber eine psychiatrische Klinikeinweisung gegen den Willen ihres Patienten möglichst verhindern, weil sie dies für ihr Familienmitglied als Entwürdigung und für ihr Familiensystem zugleich als Schande betrachtet. Sie kommt sich durch eine solche Massnahme in der Öffentlichkeit als Versager abgestempelt vor. Deshalb wird eine Erstbehandlung oft lange hinausgeschoben.
Die Konsequenzen davon sind meistens, dass es nach langer Verzögerung schliesslich doch zu einer stationären Zwangsbehandlung kommt. Dieser verspätete Therapiebeginn wird nun zusätzlich erschwert durch das psychische Trauma der Zwangseinweisung und Zwangsbehandlung, alles schlechte Voraussetzungen für eine erfolgreiche Behandlung und eine günstige Prognose dieser Krankheit.
Die theoretischen Erklärungsmodelle der Schizophrenie, die verwendet werden, basieren ausschliesslich auf neurochemischem und neuropsychologischem Wissen. Der soziale Aspekt hat im Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen in den letzten dreissig Jahren bei dieser Krankheit kein nachhaltiges Interesse mehr gefunden. Fast alle Studien über die Interaktion zwischen Patient und Familie stammen aus den Jahren 1960 bis Ende 1980. Danach findet man fast keine wissenschaftlichen Arbeiten mehr auf diesem Gebiet. Die Forscher haben sich von einem interaktiven Erklärungsmodel der Schizophrenie abgewandt und befassen sich heutzutage vor allem mit psychopharmakologischen, neurochemischen und neurophysiologischen Aspekten. Bei diesem Forschungsansatz sind familieninterne Faktoren bei der Entstehung der Schizophrenieerkrankung vollkommen ausgeklammert.
Erweitern wir jedoch den Blickwinkel sowohl auf das Familiensystem und seine Interaktionen über Generationen hinweg als auch auf die lebensgeschichtlichen, individuellen Stressfaktoren wird ersichtlich, wie sich diese Krankheit allmählich emotional aufbaut und schlussendlich in einem Familienmitglied niederschlägt, welches die grösste Vulnerabilität mit sich bringt oder sich am vulnerabelsten Schnittpunkt im Familiensystem befindet.
Keine Krankheit wird in ihrer Entstehung so stark von den Biographien der Eltern des Betroffenen beeinflusst und bei keiner anderen Krankheit fühlt sich das familiale Umfeld derart befugt, auf den Patienten Einfluss nehmen zu müssen, um das eigene System zu schützen, wie bei der Schizophreniekrankheit.
Mit Absicht verlasse ich deshalb den gängigen Pfad der heutigen Klassischen Psychiatrie und betrachte die Schizophrenie mit diesem Buch aus systemischer Perspektive als eine «Biographische Krankheit», die über drei oder mehr Generationen entstanden ist.
An die Familienstudien der 80-er Jahre des letzten Jahrhunderts anschliessend, führe ich die Schizophrenieerkrankung erneut in den psycho-sozialen Kontext der Familie zurück und interpretiere sie aus systemischer Sicht als emotionale Blockade, die am Ende eines zum Stillstand gekommenen Entwicklungsprozesses eines Familiensystems in einer «Monsterwelle der Emotionen» zum Ausbruch kommt. Diese Blockade, die durch lang andauernde seelische Verletzungen im Familiensystem entstanden ist, wirkt sich entwicklungshemmend auf den Indexpatienten aus und schlägt sich schliesslich in seiner Schizophreniekrankheit nieder. Ist die Schwelle des Unaushaltbaren erreicht, erfolgt der Umschlag in die Psychose. Das betroffene Familienmitglied befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einem Zustand schwerer innerer Turbulenzen, die mit grossem seelischem Leiden einhergehen.
Von der Bedeutung innerhalb des familialen Kontextes her gesehen, stellt die Schizophrenieerkrankung stets ein Bestreben des Betroffenen dar, als funktionalisiertes Familienmitglied aus dem Knäuel der emotional verstrickten Lebensabläufe der Eltern und ihrer Herkunftsfamilien einen Ausweg zu finden. Diese Verstrickung des familialen Umfeldes kann, wie gesagt, bis in die dritte Generation oder noch weiter zurückverfolgt werden.
Wegen der dysfunktionalen Beziehungen erzwingt das System eine Reduktion des Spannungsfeldes innerhalb der Familienstrukturen über einen Projektionsvorgang auf den identifizierten Patienten. Dadurch wird dessen individueller Entwicklungsprozess zur eigenständigen Persönlichkeit blockiert und der Eintritt ins Erwachsenenleben verhindert. Als krankheitsbetroffenes Familienmitglied macht es sich diese Rollenvorlage der Familie zum Lebensinhalt.
Im weiteren Verlauf spielt sich dann sein Leben – abgetrennt von der äusseren Wirklichkeit – vornehmlich in Funktion der Familie und das Leben der Familie in Funktion von ihm ab. Der Wunsch nach «Regie» ist der unüberhörbare, aber unausgesprochene Ruf aus der Mitte des in Aufruhr geratenen Familiensystems. Der Schizophrene folgt ihm gleich dem Gesang der Sirenen und übernimmt als «Besessener Diplomat» die Führung.
Im Verlauf meiner 40-jährigen Erfahrung im Umgang mit unzähligen Schizophreniepatienten und ihren Familien bin ich zur festen Überzeugung gelangt, dass eine «Therapie mit systemischem Ansatz» für die frühzeitige ambulante Behandlung von Schizophreniekranken unter Einbezug der Familie bei mehr als zwei Dritteln zu einem positiven Verlauf, ja in manchen Fällen sogar zu einer Heilung führen kann.
Dies bedingt jedoch, dass die behandelnde Fachperson zusammen mit der Familie das irrationale Verhalten des Patienten als verschlüsselte Kommunikation angeht nach der systemischen Regel: «Jedes Krankheitssymptom hat einen kommunikativen Wert».
Den verborgenen auftrag, der dieser Krankheit zu Grunde liegt, gilt es also zu entschlüsseln, sodass der interessierte Leser die Schizophrenie nicht mehr nur als hoffnungslose, unheilbare Krankheit sieht, sondern vielmehr als «Ephemerie» betrachten kann, als Erscheinungsform von Generationen übergreifenden Verstrickungen im Familiensystem, die es in der Therapie aufzuschlüsseln und neu zu ordnen gilt.
Es ist mein Anliegen, Fachpersonen, betroffenen Angehörigen und einer breiteren Öffentlichkeit, Einblick in diese mysteriöse Krankheit zu geben, ihr den Zugang zum «ver-rückten Dasein» dieser Menschen zu erleichtern und anhand von Beispielen neue systemtherapeutische Wege aufzuzeigen, die aus dieser scheinbar unüberwindbaren Welt der Verrücktheit herausführen.
Ziel dieses Buches ist es, die Schizophreniekrankheit über diesen neuen Zugang verständlicher zu machen, dem Leser Rede und Antwort zu stehen und gleichzeitig das Vertrauen in die systemische Familientherapie sowohl bei den Fachpersonen als auch bei den um Hilfe suchenden Angehörigen und Patienten zu stärken. Die Antwort auf die häufig gestellte Frage: «Ist Schizophrenie überhaupt heilbar?» lautet dann: «Ja, wenn der Hilfsdiesel rechtzeitig anspringt», d.h. wenn die «Systemische Therapie» als «Hilfsdiesel bei Schiffbruch» zum Einsatz kommt.
Auszug II
Von Therapie-Fehlern zu Therapeuten-Regeln
Als Zusammenfassung der Systemtherapie von Familiensystemen mit Schizophrenieerkrankung führe ich als Essenz meiner Erfahrung einige wichtige Regeln auf, die im Umgang mit Therapiefehlern entstanden sind.
Therapie als Lernprozess
Die systemische Familientherapie besteht aus einem fortlaufenden Lernprozess, der nicht nur die Familie betrifft, sondern auch den Therapeuten einbezieht. Da jedes Familiensystem einzigartig ist, muss auch die therapeutische Kunst immer wieder neu gelernt bzw. neu erfunden werden nach dem Satz von Piaget «apprendre c’est réinventer», «lernen ist wiedererfinden».
Behält der Therapeut diese lernende Haltung bei, passt er die Interventionen im Verlauf der Therapie immer wieder von neuem dem Entwicklungsstand der Familie an und hält sich an die wichtigste aller Therapeuten-Regeln:
Der Therapeut hat die therapeutische Kunst anhand von Therapie-Fehlern laufend zu verbessern und dadurch auch seine Methode stetig weiter zu entwickeln.
Die erste Begegnung – der erste Eindruck
Bei der Behandlung von Schizophrenen und ihren Familien ist die erste Begegnung ausschlaggebend für den weiteren Verlauf der Therapie nach dem englischen Sprichwort: «you never have a second chance to make a first impression».
Schizophreniefamilien sind besonders schreckhafte Systeme. Werden sie schon bei der ersten Begegnung verunsichert oder gar erschreckt, ist dies so leicht nicht wieder gut zu machen.
Der erste Auftritt verlangt deshalb vom Therapeuten instinktsicheres Verhalten und gleichzeitig Sensibilität, denn nicht nur beim Patienten, auch bei den Angehörigen besteht eine niedrige Reizschwelle für die Fluchtreaktion, was zum sofortigen Abbruch der Therapie führt.
Der Therapeut muss also in der Lage sein, gleich zu Beginn der Therapie das Vertrauen der Familie zu gewinnen. Unsicherheit, Angespanntheit wie auch zögerliches Auftreten des Therapeuten wird sofort registriert und verstärkt die Angst im Familiensystem. Die Folge davon ist, dass der Patient der nächsten Sitzung meist ohne Abmeldung fernbleibt und die Angehörigen sich unter irgendeinem Vorwand für den nächsten Termin entschuldigen. Der wahre Grund bleibt dabei unausgesprochen.
Nehmen die Angehörigen dennoch weiterhin an der Therapie teil, kann es vorkommen, dass sie durch das zögerliche Auftreten des Therapeuten verunsichert werden, ihn deshalb mit Vorwürfen überhäufen und ihn wissen lassen, dass sie an seiner Kompetenz zweifeln. Dies führt in der Regel zu einer ambivalenten therapeutischen Haltung, da der enorme Leistungsdruck für den Therapeuten meist schwer auszuhalten ist. Die Familie nimmt diese Ambivalenz sofort wahr und das therapeutische Bündnis geht in Brüche, noch ehe es richtig begonnen hat. Manchmal kann in einer solch schwierigen Situation ein erfahrener Supervisor dem Therapeuten beratend zur Seite stehen, sodass die Therapie trotz zwiespältiger Gefühle auf beiden Seiten fortgesetzt werden kann.
Ärztliche Abkehr vom Krankheitssymptom
Die Ironie der ärztlichen Ausbildung in Bezug auf die Behandlung von Schizophreniepatienten liegt darin, dass der Arztberuf gezielt darauf ausgerichtet ist, bei der Behandlung der Patienten ausschliesslich auf Krankheitssymptome zu achten. Vom Beruf her sind Ärzte als «Symptomjäger» ausgebildet. Sie wollen Krankheitssymptome aufspüren, um diese dann zu bekämpfen.
Bei der Schizophrenie wird diese Strategie jedoch zum Hindernis, da die Symptome nur ein Ablenkungsmanöver von den systemischen Problemen im Hintergrund darstellen. Eine Schizophreniebehandlung, die sich ausschliesslich auf Symptombekämpfung ausrichtet, ist aus systemischer Sicht ein Kampf mit den Windmühlen. Eine hilfreiche systemische Faustregel lautet denn auch:
Interpretiere die Symptome des Patienten und sein Verhalten immer auf dem Hintergrund seines Familiensystems, wenn möglich über mehrere Generationen hinweg.
Aus diesem erweiterten Blickwinkel stellen sich dann die typischen systemischen Fragen wie:
Was soll das Verhalten des Patienten bewirken?
Was ist die geheime Botschaft, die das Familiensystem über die Krankheit zum Ausdruck bringt?
Worin liegt der kommunikative Wert des Symptoms?
Was ist die verschlüsselte Aussage, die im Wahn des Indexpatienten zum Ausdruck kommt?
Wie hält der Wahn das Familiensystem zusammen? und andere prozessorientierte Fragen.
Von der Symptombehandlung zur Systembetrachtung
Konsequentes Umlernen der ärztlichen Therapeuten – der lange Weg von der Symptombehandlung zur Systembetrachtung – ist also Voraussetzung für eine erfolgreiche systemische Schizophreniebehandlung. Nicht ärztlichen Individualtherapeuten wie Psychologen oder Fachpersonen aus der Pflege fällt dieses Umdenken oft etwas leichter, weil sie vermehrt beziehungsorientiert und weniger symptombezogen arbeiten. Wenn sie aber nicht systemtherapeutisch geschult sind, steht ihnen bei der beziehungsorientierten Arbeit häufig die beschützende fürsorgerische Haltung im Weg. Ihr therapeutisches Verhalten ist von der Vorstellung geprägt, den «armen Patienten» vor dem «bösen Umfeld» insbesondere seiner Familie schützen zu müssen. Mit dieser Einstellung üben sie aber das gleiche überbehütende Verhalten aus, wie es den Müttern von Schizophreniepatienten eigen ist.
Das Versagen der Logik
Selbst erfahrene Therapeuten stossen sich immer wieder am irrationalen Verhalten und Denken der Schizophrenen, ihrer verzerrten Wahrnehmung und ihrer befremdenden Interpretation der Realität. Dieses «Verrückt-Sein», so meint man, sollte doch durch vernünftiges Argumentieren wieder auf den Boden der Realität zurückgebracht werden können!
Das Appellieren an die Vernunft ist aber bei Schizophreniepatienten ein therapeutischer Kunstfehler. Mit den Mitteln der Vernunft ist bei Schizophrenen nichts zu erreichen, so einleuchtend dies auch immer für einen vernünftig denkenden Menschen erscheinen mag. Alle Überredungskünste tragen nur zur Erhöhung der emotionalen Stresssituation bei und somit zur Verstärkung der schizophrenen Symptome. Luc Ciompi hat dieses Phänomen mit dem Begriff der «Affektlogik» treffend umschrieben.
Es ist deshalb Aufgabe des Therapeuten, an erster Stelle die Emotionen zu beruhigen – aber nicht mit der Vernunft, sondern mit der eigenen ruhigen, empathischen Beziehungsaufnahme zum Patienten, denn es gilt auch für erfahrene Fachleute der Leitsatz:
Bei Schizophrenen sind es die Emotionen, die dem Verstand diktieren, was logisch zu sein hat, und nicht umgekehrt.
Absage an den Aktivismus
Ein bekannter Standartsatz von Eltern Schizophrener lautet meistens: «So kann es nicht weitergehen, jetzt muss unbedingt etwas geschehen – und zwar sofort.» Dieser Notruf verleitet Therapeuten immer wieder zu Aktivismus und zur sofortigen Verantwortungsübernahme für das Familiensystem. Diesem Drängen der Familie nach unmittelbarem Handeln muss der Therapeut aber unbedingt widerstehen können, sonst wird er zum verlängerten Arm der Familie, begeht unweigerlich therapeutische Fehler und macht mehr vom gleichen nach dem französischen Sprichwort: «plus ça change, plus c’est la même chose.»
Die Aufforderung der Eltern zu Sofortmassnahmen mag beim Therapeuten den Eindruck hinterlassen, dass das Familiensystem für eine Intervention bereit ist. Dem ist aber nicht so.
Der Therapeut muss die Bereitschaft für eine therapeutische Intervention zuerst durch gezielte Fragen überprüfen. Trifft er dabei auf Widerstand, ist dies ein Hinweis für eine behutsamere Gangart. In diesem Fall soll er sich lediglich für ein vertieftes empathisches Verständnis des Familiensystems einsetzen und auf jegliche Strategie verzichten, die auf eine vorschnelle Veränderung abzielt.
Das therapeutische Potential liegt bei den Gesunden
Die systemische Familientherapie geht von der Regel aus, dass eine therapeutische Intervention die grösste Nachhaltigkeit für den Heilungsprozess hat, wenn sie bei den hierarchisch höchsten Familienmitgliedern ansetzt und nicht beim kranken Patienten, dem schwächsten Mitglied der Familie.
Die wichtigsten therapeutischen Fortschritte finden deshalb zuerst bei den Eltern und erst als Folge davon beim Patienten statt.
Zu dieser Überzeugung, dass für die Heilung des Schizophrenen die Therapie vor allem bei den Eltern anzusetzen hat, muss aber zu allererst der Therapeut selbst gelangen. Nur wenn er dieses systemische Grundprinzip erkannt und wirklich verinnerlicht hat, kann er aus seiner Überzeugung heraus auch die Eltern erfolgreich anleiten. Erst dann können die Eltern über das therapeutische Handeln auch selber spüren, dass sie eine echte Chance haben, den weiteren Verlauf des Krankheitsgeschehens ihres Kindes aus eigener Kraft in eine positive Richtung zu lenken.
Dieses Vorgehen, das auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint, verlangt vom Therapeuten stets Geduld für die Lern-Zeit der Eltern. Sie müssen von ihm immer wieder freundlich davon abgehalten werden, das «Aktionsglied Patient» in erzieherischer Weise verändern zu wollen. Dieses Ansinnen ist ein elterlicher Reflex, quasi eine «déformation professionnelle» durch ihre Elternrolle.
Das hartnäckig persistierende Erziehungsverhalten der Eltern dem Patienten gegenüber ist jedoch auch eine Abwehr gegen jegliche Änderung ihrer eigenen Einstellung ihrer Herkunftsfamilie und ihres eigenen Verhaltens gegenüber. Eltern denken primär nie daran, dass sie bei sich etwas verändern sollten, wenn sie therapeutische Hilfe für ihr schizophrenes Kind aufsuchen.
Gelingt es dem Therapeuten jedoch, den Fokus vom Patienten weg auf die Eltern zu lenken, ohne dass die Eltern dadurch von ihren Schuldgefühlen blockiert werden, ergibt dies den Anstoss zu einer grundlegenden Systemveränderung. Haben die Eltern die Notwendigkeit einer eigenen Verhaltensänderung erst einmal erkannt, ist systemtherapeutisch gesehen ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung getan. Die scheinbar ausweglose Schizophreniekrankheit ihres Patientenkindes wird plötzlich zu einer von ihnen auf neue Art beeinflussbaren Grösse.
Elterliche Wertesysteme berücksichtigen
Beim therapeutischen Umgang mit den Eltern ist grundsätzlich darauf zu achten, dass man ihre Wertsysteme nicht verletzt und nach dem Prinzip handelt: «Begegne jedem Menschen in seinem eigenen Wertsystem.»
Eltern wollen für ihre Kinder immer nur das Beste. Die Eltern von Schizophrenen sind dabei keine Ausnahme, im Gegenteil. Sie geben sich häufig besonders Mühe und scheuen keinen Aufwand. Sie versuchen oft jahrelang angestrengt, ihre schwierige Familiensituation und ihr krankes Kind nach den ihnen bekannten Regeln zu meistern.
Kommen Eltern schliesslich dennoch zur Therapie, dann erwarten sie in der Regel vom Therapeuten in erster Linie Akzeptanz und Verständnis für ihre grossen Anstrengungen. Sie suchen Verständnis für ihre besonderen Problemgeschichten, für verborgene Traumata und Tabus sowie für ihre ganz speziellen Werte, die ihnen besonders am Herzen liegen. Verpasst es der Therapeut, empathisches Verständnis zu zeigen, dann verletzt er ihr Selbstwertgefühl, wenn er zu schnell Veränderungen einleitet, ohne ihr Wertsystemen berücksichtigt zu haben. Übergeht er ihre Anliegen, dann geraten Mütter wie Väter in Aufruhr. Sie leisten Widerstand gegen jegliche Veränderungsvorschläge und brechen die Therapie ab. Deshalb gilt die Faustregel:
Man soll das System immer dort abholen, wo es sich gerade befindet und nicht dort, wo man es gerne haben möchte.
Von manchen Systemtheoretikern wird das reaktive Verhalten der Familie auf Interventionen des Therapeuten auch mit dem Begriff des Zwangs zur «Homoeostase» umschrieben. Sie gehen davon aus, dass jedem Familiensystem von Natur her grundsätzlich ein Impuls innewohnt, gegen therapeutische Veränderungsversuche Widerstand zu leisten.
Das Konzept der Homoeostase erlaubt Therapeuten eine unkritische Einstellung sich selbst gegenüber und macht sie blind gegen ihre therapeutischen Fehler, mit welchen sie diese sogenannte Homoeostase-Reaktion im Familiensystem selbst ausgelöst haben.
Jedes Familiensystem hat seine eigenen Wertvorstellungen und Tabus aus der Herkunftsfamilie. Der Therapeut hat darauf Rücksicht zu nehmen, will er nicht schon gleich zu Beginn der Therapie eine Abwehrreaktion auslösen.
Chaotisches Aufschaukeln emotionaler Prozesse
Kleine Probleme können in Schizophreniefamilien innerhalb kürzester Zeit zu grossen Turbulenzen eskalieren, weil sowohl der Patient in seiner Psychose als auch die Familie selbst eine erhöhte emotionale Eskalationstendenz in sich tragen. Ich nenne dieses Phänomen «Das chaotische Aufschaukeln emotionaler Prozesse».
Aufkommende Angst im Auge zu behalten ist deshalb eine wichtige Grundregel im Umgang mit Schizophreniefamilien.
Nimmt sich der Therapeut nicht genügend Zeit zur Krisenintervention und überlässt die Familie in dieser Phase des emotionalen Sturms sich selbst, kann es leicht zu einer erneuten akuten Psychose mit entsprechend destruktiven Interaktionen kommen.
Der emotionale Sturm einer akuten Psychose ist an sich nicht gefährlich, wenn der Therapeut sofort stützend und ordnend zur Seite steht.
Es ist deshalb hilfreich, wenn der Therapeut in solchen Krisenmomenten telefonisch erreichbar ist. Durch den Präsenzdienst kann er eine weitere Eskalation häufig rechtzeitig verhindern. Schon nur das Angebot allein, im Notfall telefonieren zu dürfen, beruhigt die Familie oft hinreichend, sodass sie seine Hilfe gar nicht erst, oder zumindest nur sehr selten, in Anspruch nehmen muss.
Triangulierung des Therapeuten
Das Triangulationsverhalten der Eltern ist eine besondere Herausforderung für den Familientherapeuten. Beide Eltern versuchen in ihrem chronischen Partnerkonflikt, den Therapeuten immer wieder auf ihre Seite zu ziehen und ihn als Machtfaktor gegen ihren Partner zu instrumentalisieren. Der Therapeut muss deshalb besonders darauf achten, dass er von den Eltern nicht trianguliert wird. Er darf niemals die Advokatenrolle für den einen oder andern Elternteil übernehmen, sondern muss stets seine eigene unabhängige Position behalten. Er darf sich aber auch nicht vom Patienten gegen die Eltern – oder umgekehrt – von den Eltern gegen den Patienten triangulieren bzw. instrumentalisieren lassen.
Sein Ziel soll sein, zwischen den Eltern genügend gegenseitige Akzeptanz zu schaffen, sodass sie den entwicklungshemmenden Zwang zur gegenseitigen Negation aufgeben können. Um dies zu erreichen, muss keine Einigung zwischen den Eltern angestrebt werden. Im Gegenteil, der Therapeut soll sogar gleich zu Beginn die nicht zu vereinbarenden Standpunkte von Mutter und Vater als Ansatz zur Differenzierung verwenden und ohne jegliche Wertung möglichst offen zur Sprache bringen und so die Eltern in ihrer gleichwertigen Bedeutung hervorheben.
Sinnloser Kampf gegen die Mutter-Kind Symbiose
Die Mutter-Kind-Beziehung hat eine arterhaltende Funktion. Sie steht für die Frau an erster Stelle und kommt noch vor der Paarbeziehung, sobald sie Mutter geworden ist.
Die enge Mutter-Kind-Beziehung lockert sich normalerweise während der Pubertät in der Ablösungsphase. Bei Familien mit einem schizophreniekranken Kind bleibt diese enge symbiotische Beziehung jedoch über das Pubertätsalter hinaus bestehen. Der Therapeut muss sich deshalb dieser Beziehung mit besonderer Sorgfalt annehmen.
Sowohl die Mutter als auch das Patientenkind wehren sich vehement gegen jegliche therapeutische Intervention, die darauf hinausläuft, die symbiotische Mutter-Kind Beziehung – einer Nabelschnur vergleichbar – abrupt zu trennen. Therapeuten verfallen aber immer wieder diesem Irrtum. Die Therapie artet dann in einen Machtkampf aus, den die Therapeuten regelmässig verlieren.
Die symbiotische Mutter-Kind Beziehung stellt ein geschlossenes System der Gefühle und Bedürfnisse dar. Sowohl die Mutter als auch das Patientenkind nehmen jeweils beim andern die feinste Gefühlsregung und Unstimmigkeit wahr und versuchen, diese sofort auszugleichen.
Über diese intensive emotionale Bindung fühlt sich nicht nur die Mutter für das Kind, sondern auch das Kind für die Mutter verantwortlich. Dies kann soweit gehen, dass nicht nur die Mutter das Kind, sondern auch das Kind seine Mutter vor dem «Bösen» dieser Welt» meint beschützen zu müssen. Beide benutzen so ihre Angst und Sorge um den andern, um die eigene Selbstunsicherheit zu verbergen. Autonomie und Eigenverantwortung empfinden sowohl Mutter wie Kind als bedrohlich.
Mütter erlauben dem Therapeuten keinen Zugang zu dieser engen Mutter-Kind Beziehung, solange sie kein Vertrauen in den Therapeuten haben. Sie beharren unter diesen Umständen auf der festen Überzeugung, dass nur sie in der Lage sind, ihrem Kind wirklich helfen zu können. Ihre Sorge um das kranke Kind ist ihre wichtigste Beschäftigung, von der sie nicht ablassen können, solange der Therapeut eine gewaltsame Trennung zwischen ihnen und ihrem Kind verlangt.
In dieser Situation ist es oft hilfreich, eine prozesshafte Beziehungsanamnese über die Symbiose zwischen Mutter und Kind aufzunehmen. Der Therapeut lässt sich dabei von der Mutter ausführlich schildern, wie die Interaktion zwischen ihr und dem Patientenkind im Detail abläuft, ohne jedoch die interaktiven Verhaltensmuster in irgendeiner Weise zu werten oder gar verändern zu wollen.
Gelingt es dem Therapeuten, sich von der Mutter die Interaktion präzise schildern zu lassen und ihren Ausführungen eine wertfreie Akzeptanz entgegenzubringen, dann fühlt sie sich seiner Unterstützung sicher. Sie hat dann oft selbst ein «Aha-Erlebnis» und sieht plötzlich die emotionale Negativspirale zwischen sich und ihrem Patientenkind. Dies versetzt sie dann aber in die Lage, eine entsprechende Veränderung bei sich vorzunehmen und dem Therapeuten die Führung zu überlassen.
Zu diesem Zeitpunkt kann der Therapeut auch die Zusage der Mutter erwirken, den Vater ins Beziehungsumfeld des Patientenkindes einzulassen, sodass er seine väterliche Führungsaufgabe ihm gegenüber übernehmen kann.
Therapeutischer Machtkampf – ein Kunstfehler
Ärztliche Therapeuten reagieren oft erstaunt, manchmal sogar irritiert, wenn sich Patient oder Angehörige aktiv gegen ihre Strategie zur Wehr setzten. Als Vertreter der medizinischen Autorität mit entsprechendem Fachwissen können sie es nur schlecht akzeptieren, wenn ihre Anweisungen von Patienten- oder Angehörigenseite her in Frage gestellt werden. Sie sind es gewohnt, dass sie das Wissen und das Sagen haben und sich jederzeit unangefochten durchsetzen können.
Autoritäres Verhalten dieser Art motiviert die Patientenfamilie jedoch nicht, sich auf einen Lernprozess einzulassen. Vielmehr stösst eine solche Einstellung des Arztes die Patientenfamilie vor den Kopf, ja beleidigt sie womöglich, wenn er, sichtlich irritiert, seiner Autorität Nachdruck zu verschaffen versucht.
Kommt es zum Machtkampf, gewinnt immer der Patient mit seinem Kranksein. Auch die Patientenfamilie kann auf diese Weise ihren Status quo erhalten. Der therapeutische Prozess steckt dann in einer Sackgasse.
Kritik und das Hinterfragen der ärztlichen Anweisungen von Seiten der Patientenfamilie sollten immer dahingehend interpretiert werden, dass die Familie zwar aktiv am therapeutischen Prozess mitmachen möchte, die Zielsetzung des Therapeuten aber mit der Realität der Familie nicht übereinstimmt.
Der Therapeut sollte den Widerstand der Familie deshalb als Aufforderung an sich selbst verstehen, seine Interventionsvorschläge noch einmal sorgfältig zu überprüfen, ob der Zeitpunkt für die vorgeschlagene Intervention noch zu früh oder nicht genügend systemgerecht war und dann sein therapeutisches Vorgehen zu optimieren versuchen.
Der erfahrene Therapeut betrachtet die Therapie, wie schon zu Beginn dieses Kapitels erwähnt, immer auch als Lernprozess für sich selbst und als Feinschliff für sein Therapie-Instrumentarium. Er korrigiert seine therapeutischen Interventionen fortlaufend, wenn es die Familiensituation erfordert. Er vertritt seinen Standpunkt zwar selbstsicher und ruhig, vermeidet es aber tunlichst, die Familie davon überzeugen zu wollen, dass er im Recht ist, wenn sie Widerstand leistet – auch wenn er sogar theoretisch Recht haben mag.
Der erfahrene Therapeut gibt nur die allgemeine Richtung vor. Er überlässt es der Familie, selbst den richtigen Zeitpunkt, das «Timing» zu bestimmen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Mit dieser Haltung erleichtert er der Familie den Therapieprozess und befreit sich selbst vom Erfolgsdruck, sodass die Therapie auch unter erschwerten Umständen und bei wiederholten Rückschlägen fortgesetzt werden kann nach dem Motto: «Der Weg ist das Ziel.»
Unerfüllte Wünsche der Eltern
Hinter den Kulissen der Kernfamilie verbergen sich stets Probleme aus der Herkunftsfamilie. Es lohnt sich deshalb, hinter die Kulissen zu schauen.
Sowohl Väter wie Mütter können oft unerfüllte Ambitionen im Stillen mit sich tragen, heimliche Wünsche, die sich in der Folge behindernd auf die Entwicklung ihres Patientenkindes auswirken. Deswegen ist es aus therapeutischen Gründen sinnvoll, Eltern nach ihren unerfüllten Ambitionen oder anderen nicht ausgesprochenen Träumen zu fragen.
Nicht erfüllte, über Jahre im Verborgenen gehegte Wünsche sollten deshalb mit jedem Elternteil einzeln ernsthaft auf eine noch mögliche Realisierung hin geprüft werden im Sinne einer Interessenspflege, einer Freizeitbeschäftigung oder gar einer Weiterbildung. Auch wenn die zurückgehaltenen elterlichen Wünsche noch so unbedeutend und nebensächlich erscheinen mögen – unerfüllte Wünsche sind stumme Störfaktoren. Offene Gespräche über verdeckte Aspirationen und geheime Träume wirken klärend. In der Folge entlasten sie den Patienten.
Die Entwicklung des Patienten zur Selbständigkeit ist oft erst dann möglich, wenn die Eltern – unabhängig von ihrer Vater- und Mutterrolle – sich ernsthaft ihrer eigenen Herzenswünsche annehmen.
Auszug III
Nachwort an die Eltern
Zum Abschluss dieses Buches möchte ich noch etwas zur Ermutigung verzweifelter Eltern sagen. Beim Lesen dieses Buches werden sie entdeckt haben, dass ich auf vielen Ebenen therapeutische Vorschläge mache. Gleichzeitig weise ich auf Fehlentwicklungen hin, die sich über Generationen hinweg aufbauen, an welchen Eltern als Kinder ihrer Eltern und Mitglieder ihrer Herkunftsfamilien meistens Anteil haben.
Ich will ihnen als Eltern keine Schuld zuweisen noch ihr Handeln verurteilen. Schuld und Verurteilung sind keine Ratgeber in der systemischen Familientherapie. Fehler aber schon. Anhand unserer Fehler lernen wir. Erkennen wir unsere Fehler nicht, sind wir ohnmächtig, uns beraten zu lassen. Den Entwicklungsstillstand zu überwinden und uns zu fragen, wie man aus den gegenwärtigen Schwierigkeiten herauskommt, soll unser Ziel sein.
Anzeichen der Entmutigung sind weit verbreitet. Wer liebt schon das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben? Sie sollen als Eltern deshalb ihre Aufmerksamkeit auf eine funktionelle Betrachtung und sachliche Beratung richten. Um dies zu erreichen, brauchen sie den Mut zur Unvollkommenheit. Das heisst aber nicht, dass sie auf Entmutigung, Schwäche und Verzweiflung bauen sollen. Genau so wenig wie es hilft, Vollkommenheit anzustreben.
Fehler machen wir alle als Eltern. Fehler zugeben können wir – wohl aus unserem Vollkommenheitswahn heraus – nicht oft genug. Denn besonders als Eltern glauben wir, dass wir etwas von unserem persönlichen Wert verlieren, wenn wir Fehler eingestehen. Das ist Schwäche. Mut zu bewahren angesichts begangener Fehler, das ist Stärke.
Ich kann die Bereitschaft zur Veränderung in der Familie von ihnen als Eltern nicht oft genug in ihrer Wichtigkeit hervorheben. Gelebte Verschiedenartigkeit von Mann und Frau sowie verschiedene Erziehungshaltungen bei der mütterlichen und väterlichen Rollenausübung sind nicht schizophrenogen, wenn sie als Eltern offen miteinander kommunizieren und ihre unterschiedliche Haltung gegenseitig respektieren. Klar kommunizierte Verschiedenartigkeit von ihnen als Eltern fördert die Wahrnehmung des Kindes und seine soziale Anpassungsfähigkeit. Es erhält dadurch eine flexible Grundstruktur für sein Denken und Handeln und wird robuster für die späteren Auseinandersetzungen im täglichen Leben mit seinen Mitmenschen.
Lassen sie sich helfen, dann können sie ihrem kranken Kind und auch sich selber helfen. Lernen sie nicht, sich helfen zu lassen, dann kann ihnen keiner helfen.
Doch denken sie auch daran, dass dieser Einsatz Zeit erfordert. Mehr Zeit als ihnen vielleicht lieb ist. Der Mut zu kleinen Schritten verkürzt aber diese Zeit und ermutigt sie zum nächsten Schritt.
Reife bedeutet nicht Vollkommenheit. Reife bedeutet Möglichkeitssinn, Verwirklichung des Möglichen. Machen sie es möglich, dass ihr Kind sich entwickeln kann.
Der Anfang liegt bei ihnen als Eltern – lassen sie dabei ihre Biographie nie aus den Augen und beherzigen sie meine Bitte, auf das emotionale Echo aus dem Umfeld Ihrer Herkunftsfamilie zu hören.
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