Anpassungsmuster: Überlebensstrategien des Menschen im Dreieinigen Gehirn

Anpassungsmuster sind Strategien, die Menschen entwickeln, um mit ihrer Umwelt und den Herausforderungen des Lebens zurechtzukommen. Dr.med. Ursula Davatz erläutert in ihren Ausführungen verschiedene Arten von Anpassungsmustern und betont, wie diese im Dreieinigen Gehirn verankert sind. Sie zeigt auf, dass Anpassungsmuster sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf unser Wohlbefinden haben können.

Zwei Arten von Anpassung: Individuell gelernt vs. reflexartig

Dr.med. Ursula Davatz unterscheidet zwischen zwei grundlegenden Arten von Anpassungsmustern:

  • Individuell gelernte Anpassung:
    • Diese Muster werden im Grosshirn gespeichert und basieren auf unseren Erfahrungen im Laufe des Lebens.
    • Je komplexer unser Erfahrungsschatz ist, desto vielfältiger sind unsere Anpassungsmöglichkeiten.
    • Dr.med. Ursula Davatz betont, dass durch Lernen und neue Erfahrungen das Gehirn immer komplexer vernetzt und anpassungsfähiger wird.
    • Diese Anpassung ermöglicht flexibles Reagieren auf neue Situationen und Herausforderungen.
  • Reflexartige Anpassung:
    • Diese Muster sind im Stammhirn verankert und dienen dem unmittelbaren Überleben.
    • Sie sind bei allen Menschen und sogar bei Tieren vorhanden.
    • Die typischen Reaktionen sind Kampf, Flucht oder Totstellen („Fight, Flight or Freeze“).
    • Diese reflexartigen Reaktionen werden in Gefahrensituationen automatisch aktiviert, auch wenn sie in der heutigen Zeit nicht immer sinnvoll sind.

Die Rolle des Emotionalen Hirns (Mittelhirn)

Das Mittelhirn, auch limbisches System genannt, spielt eine entscheidende Rolle bei der Bewertung von Situationen und der Auslösung von Anpassungsreaktionen.

  • Schnelle emotionale Verarbeitung: Das Mittelhirn reagiert sehr schnell auf Reize aus der Umwelt und bewertet diese als positiv (Anziehung) oder negativ (Abstossung).
  • Motivation und Energie: Emotionen liefern die Energie für unser Handeln. Positive Emotionen motivieren uns, während negative Emotionen uns zum Rückzug oder zur Vermeidung bewegen.
  • Bindung und soziale Interaktion: Das Mittelhirn ist auch der Sitz unserer Bindungsfähigkeit. Es beeinflusst unsere Beziehungen zu anderen Menschen und unser Verhalten in Gruppen.

Wenn Anpassungsmuster versagen: Die Entstehung psychosomatischer Krankheiten

Dr.med. Ursula Davatz betont, dass psychosomatische Erkrankungen entstehen können, wenn unsere Anpassungsmuster an ihre Grenzen stossen.

  • Überlastung des emotionalen Hirns: Wenn wir uns in einer Situation befinden, in der unsere gelernten Anpassungsstrategien nicht mehr funktionieren und wir uns nicht verstanden oder akzeptiert fühlen, staut sich Energie im emotionalen Hirn an.
  • Umlenkung der Energie in den Körper: Findet diese Energie keinen gesunden Ausdruck, wird sie ins Stammhirn und in den Körper umgeleitet. Dies kann zu verschiedenen körperlichen Symptomen führen, wie z.B. Hautausschlägen, Asthma, Magen-Darm-Problemen oder Verspannungen.
  • Beispiele aus der Praxis: Dr. Davatz schildert verschiedene Beispiele, die zeigen, wie sich emotionale Konflikte und ungelöste Probleme in körperlichen Symptomen manifestieren können.

Prägungen aus der Herkunftsfamilie: Wie wir Anpassung lernen

Dr.med. Ursula Davatz betont den Einfluss der Herkunftsfamilie auf unsere Anpassungsmuster.

  • Wertvorstellungen und Regeln: Die Wertvorstellungen und Regeln unserer Eltern prägen unser Denken und Verhalten.
  • Verhaltensmuster: Wir lernen durch Beobachtung, wie unsere Eltern mit Stress und Konflikten umgehen, und übernehmen oft unbewusst deren Verhaltensmuster.
  • Durchsetzungsmuster: Auch die Art und Weise, wie Eltern ihre Autorität durchsetzen (z.B. durch Bestrafung, Liebesentzug oder Argumentation), prägt unsere eigenen Interaktionsmuster.

Herausforderungen der Anpassung in der modernen Gesellschaft

Die Anforderungen an unsere Anpassungsfähigkeit haben sich in der modernen Gesellschaft verändert.

  • Schnelle Veränderungen: Die heutige Welt ist geprägt von ständigen Veränderungen und Unsicherheiten.
  • Individualisierung: Die traditionellen Werte und Normen verlieren an Bedeutung, was zu mehr Freiheit, aber auch zu mehr Orientierungslosigkeit führen kann.
  • Leistungsdruck: Der Leistungsdruck in Schule, Beruf und Gesellschaft ist hoch, was zu Stress und Überforderung führen kann.

Wege zu einer gesunden Anpassung: Eigenständigkeit und Flexibilität

Dr.med. Ursula Davatz sieht in der Entwicklung von Eigenständigkeit und Flexibilität wichtige Voraussetzungen für eine gesunde Anpassung an die Herausforderungen der heutigen Zeit.

  • Auseinandersetzung mit der Herkunftsfamilie: Es ist wichtig, die Prägungen aus der Herkunftsfamilie zu erkennen und zu hinterfragen. Welche Werte und Regeln sind noch relevant für mein Leben? Welche möchte ich verändern?
  • Entwicklung einer eigenen Identität: Was sind meine eigenen Bedürfnisse und Ziele? Wofür stehe ich ein?
  • Flexibilität und Offenheit: Die Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen und die eigenen Denk- und Verhaltensmuster zu hinterfragen, fördert die Anpassungsfähigkeit.
  • Akzeptanz von Unterschieden: Es ist wichtig zu lernen, dass nicht alle Menschen gleich denken und handeln. Toleranz und Respekt gegenüber anderen Sichtweisen fördern ein friedliches Zusammenleben.
  • Loslassen von Erwartungen: Oft sind es unsere eigenen Erwartungen an uns selbst und an andere, die uns daran hindern, glücklich zu sein. Loslassen von unrealistischen Erwartungen und Akzeptanz der Realität können den Druck reduzieren und zu mehr Gelassenheit führen.

Die Rolle von Coaching und Therapie

Dr.med. Ursula Davatz sieht in Coaching und Therapie wichtige Hilfestellungen, um ungünstige Anpassungsmuster zu erkennen und zu verändern.

  • Unterstützung beim Loslassen alter Muster: Therapeuten und Coaches können dabei helfen, die Prägungen aus der Herkunftsfamilie zu verstehen und sich von alten, hinderlichen Mustern zu lösen.
  • Entwicklung neuer Strategien: Gemeinsam können neue, flexiblere und gesündere Strategien für den Umgang mit Stress und Herausforderungen erarbeitet werden.
  • Stärkung der Eigenverantwortung: Der Fokus liegt darauf, die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden zu übernehmen und sich von den Erwartungen anderer zu lösen.

Anpassung ist ein lebenslanger Prozess. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Anpassungsmustern und die Entwicklung von Flexibilität und Eigenständigkeit können dazu beitragen, ein gesundes und erfülltes Leben zu führen.

https://ganglion.ch/pdf/Wann_laesst_die_Seele_den_Koerper_sprechen.m4a.pdf

Die Rolle der Tiere im therapeutischem Ansatz

Tiere spielen in Dr.med. Ursula Davatz‘ therapeutischem Ansatz eine indirekte, aber wichtige Rolle. Obwohl sie keine Tiere direkt in ihre Therapie einbezieht, dienen sie ihr als wichtige Inspirationsquelle und Vergleichspunkt, um menschliches Verhalten besser zu verstehen und neue therapeutische Ansätze zu entwickeln.

Tiere als Modell für objektive Verhaltensbeobachtung:

Dr.med. Ursula Davatz argumentiert, dass die Beobachtung von Tieren in ihrem natürlichen Lebensraum uns helfen kann, menschliches Verhalten objektiver zu betrachten und von kulturellen Vorurteilen zu abstrahieren. Sie betont, dass wir im Umgang mit Menschen oft „Biases“, also Vorurteile haben, die unsere Wahrnehmung verzerren. Indem sie beobachtet, wie Tiere mit bestimmten Situationen umgehen, kann sie neue Perspektiven auf menschliche Verhaltensweisen gewinnen.

Soziobiologie als Grundlage für das Verständnis menschlichen Verhaltens:

Dr.med. Ursula Davatz ist eine Anhängerin der Soziobiologie, einer Disziplin, die das Verhalten von Lebewesen im evolutionären Kontext untersucht. Sie glaubt, dass die Erkenntnisse der Soziobiologie, die sich auf die Beobachtung von Tieren stützt, wertvolle Einsichten in die biologischen Grundlagen menschlichen Verhaltens liefern können. Sie plädiert dafür, die psychiatrische Forschung stärker an die Soziobiologie anzubinden.

ADHS-Forschung an Hunden als Vorbild:

Ein konkretes Beispiel für die Relevanz tierischen Verhaltens für Dr. Davatz‘ Arbeit ist die ADHS-Forschung an Hunden in Finnland. Die Forscher in Finnland untersuchen, ob Hunde ebenfalls ADHS-Symptome zeigen können und welche Rolle die Umwelt bei der Ausprägung dieser Symptome spielt. Dr. Davatz sieht in dieser Forschungsmethode ein Modell für die Untersuchung von ADHS beim Menschen. Sie argumentiert, dass, wenn es möglich ist, Hundebesitzer über die Erziehung ihrer Tiere zu befragen, es auch möglich sein sollte, Eltern von Kindern mit ADHS systematisch zu deren Erziehung und Entwicklung zu befragen.

Zusammenfassend lässt sich sagen:

  • Tiere spielen in Dr. Davatz‘ therapeutischem Ansatz keine direkte Rolle, sie werden nicht in die Therapie einbezogen.
  • Tiere dienen ihr als Modell für objektive Verhaltensbeobachtung und als Inspirationsquelle für die Entwicklung neuer therapeutischer Ansätze.
  • Dr.med. Ursula Davatz sieht die Soziobiologie, die sich auf die Beobachtung von Tieren stützt, als wichtige Grundlage für das Verständnis menschlichen Verhaltens.
  • Die ADHS-Forschung an Hunden ist für sie ein Vorbild für die Erforschung von ADHS beim Menschen.

https://ganglion.ch/pdf/6_Regierungsraete.pdf

ADHS-Forschung: Von der Tierwelt zum Menschen

Dr.med. Ursula Davatz betrachtet ADHS nicht als Krankheit, sondern als eine genetisch bedingte, biologische Veranlagung, einen Neurotyp. Sie betont, dass die Art und Weise, wie das Umfeld mit dieser Veranlagung umgeht, entscheidend für die Ausprägung von ADHS-Symptomen ist: „Es kommt darauf an, wie das Umfeld mit dieser Biologie umgeht“. Sie verweist auf die Diskussion „Nature versus Nurture“, die die Frage nach dem Einfluss von Genen und Umwelt auf die Entwicklung eines Menschen beleuchtet. Dr. Davatz vertritt die Ansicht, dass sowohl die Gene als auch die Umweltfaktoren eine Rolle spielen.

ADHS-Forschung an Hunden:

Dr. Davatz erwähnt eine interessante Forschungsarbeit aus Finnland, die von Sini Sulkama und ihren Kollegen durchgeführt wurde. Diese Forscher haben sich der Frage gewidmet, ob auch Hunde ADHS entwickeln können. In ihrer Studie konzentrierten sie sich auf die beiden Hauptsymptome von ADHS: Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefizit. Sie befragten Hundehalter verschiedener Hunderassen zu den Haltungsbedingungen und dem Verhalten ihrer Tiere, um herauszufinden, ob und wie diese Faktoren mit den Symptomen zusammenhängen. Dr. Davatz sieht in dieser Forschungsmethode ein vielversprechendes Modell für die ADHS-Forschung beim Menschen. Sie argumentiert, dass wenn es möglich ist, Hundebesitzer über die Erziehung ihrer Tiere zu befragen, es auch möglich sein sollte, Eltern von Kindern mit ADHS systematisch zu deren Erziehung und Entwicklung zu befragen.

Vision einer Datenbank für ADHS-Forschung:

Dr.med. Ursula Davatz hat die Vision, in Zusammenarbeit mit einem Genetiker eine Datenbank für ADHS-Betroffene zu erstellen. Anhand von Fragebögen, die sowohl an die Betroffenen selbst als auch an deren Eltern geschickt werden, sollen Daten über Erziehungsstile und deren Auswirkungen auf die Ausprägung von ADHS gesammelt und analysiert werden. Das Ziel ist es, herauszufinden, welche Erziehungsstile für Kinder mit ADHS förderlich und welche eher schädlich sind. Dr. Davatz betont, dass nicht jeder Erziehungsstil zu jedem Kind passt und umgekehrt.

https://ganglion.ch/pdf/6_Regierungsraete.pdf

Einfluss des Umfelds auf Menschen mit ADHS

Dr. med. Ursula Davatz betont in ihrem Vortrag, dass ADHS keine Krankheit, sondern ein angeborener Persönlichkeitstyp ist, der spezielle Anforderungen an das Umfeld stellt. Menschen mit ADHS zeichnen sich durch eine hohe Sensitivität, eine breite Aufmerksamkeit und eine starke Reaktivität aus. Sie reagieren impulsiver als Durchschnittsmenschen, was oft zu Konflikten führt.

Das Umfeld spielt eine entscheidende Rolle dabei, ob Menschen mit ADHS ihre Stärken entfalten können oder ob sie Folgeerkrankungen entwickeln.

Ein ungünstiges Umfeld, das die Bedürfnisse von ADHS-Betroffenen nicht berücksichtigt, kann zu verschiedenen Problemen führen:

  • Männer:
    • Aggressive Abwehrreaktionen aufgrund von unterdrückter Verletzlichkeit.
    • Delinquenz als Folge von ständiger Kritik und Bestrafung.
    • Drogen- und Alkoholmissbrauch als Kompensationsversuch für die Impulsivität.
    • Entwicklung zu Kontrollfreaks, um eigene Schwächen zu überspielen.
  • Frauen:
    • Depressionen durch Anpassung und Unterdrückung eigener Bedürfnisse.
    • Bipolare Störung oder Borderline-Störung als Folge von unterdrücktem Temperament.
    • Essstörungen als ungesunde Emotionsregulation.
    • Angststörungen aus dem Wunsch heraus, alles richtig zu machen.
  • Beide Geschlechter:
    • Psychosen durch aufgestaute Emotionen.
    • Zwangsstörungen, oft ausgelöst durch die Angst vor Fehlern.

Dr. Davatz veranschaulicht die Bedeutung des Umfelds anhand des Beispiels von Richard Branson, der trotz ADHS und Legasthenie erfolgreich wurde, weil seine Eltern ihn immer unterstützten. Sie erwähnt auch Einstein, bei dem vermutet wird, dass er ADHS hatte, und der in einem Umfeld aufwuchs, das ihm ermöglichte, seinen Hyperfokus zu finden.

Besonders die Schule steht in der Verantwortung, sich den Bedürfnissen von Kindern mit ADHS anzupassen. Dr. Davatz kritisiert das Schweizer Schulsystem als ungenügend in Bezug auf die psychische Gesundheit von Kindern und fordert eine stärkere Berücksichtigung individueller Bedürfnisse. Sie plädiert für „Islands of Development“, in denen Kinder mit ADHS individuell gefördert werden können.

Massnahmen, die ein Umfeld adäquat gestalten:

  • Validierung der Verletzung: Statt aggressives Verhalten zu bestrafen, sollten Bezugspersonen die dahinterstehende Verletzlichkeit erkennen und anerkennen.
  • Bedürfnisorientierte Kommunikation: Männern mit ADHS sollte von klein auf die Möglichkeit gegeben werden, ihre emotionalen Bedürfnisse zu äussern, um aggressive Ausbrüche zu vermeiden.
  • Individuelle Förderung: In der Schule sollten differenzierte Lernmethoden und spezielle Förderangebote für Kinder mit ADHS geschaffen werden.
  • Schaffung von Ruhe und Struktur: Ein strukturierter Alltag mit klaren Regeln und Ritualen kann helfen, Überforderung zu vermeiden und Entspannung zu fördern.
  • Unterstützung bei der Selbstregulation: ADHS-Betroffene brauchen Hilfe bei der Entwicklung von Strategien zur Emotionsregulation und Impulskontrolle.

Dr. Davatz betont, dass die Anpassung des Umfelds nicht nur im Interesse der Betroffenen liegt, sondern auch gesellschaftlich und wirtschaftlich sinnvoll ist. Durch die Investition in Präventionsmassnahmen können die hohen Folgekosten von unbehandeltem ADHS im Gesundheits-, Sozial- und Justizsystem reduziert werden.

Zusammenfassend zeigt sich:

  • ADHS ist ein Persönlichkeitstyp mit besonderen Bedürfnissen.
  • Ein ungünstiges Umfeld kann zu Folgeerkrankungen führen.
  • Ein adäquates Umfeld ermöglicht es Menschen mit ADHS, ihre Stärken zu entfalten.
  • Die Anpassung des Umfelds ist eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Notwendigkeit.

https://ganglion.ch/pdf/ADHS-Folgeerscheinungen.pdf

Die Psychiatrie im Spannungsfeld von Menschlichkeit und technologischem Wandel: Eine kritische Betrachtung

Das Interview zwischen Dr. med. Ursula Davatz und Prof. Dr. med. Luc Ciompi bietet eine kritische Auseinandersetzung mit dem aktuellen Zustand der Psychiatrie. Ciompi, ein passionierter Psychiater mit langjähriger Erfahrung, äussert Zweifel, ob er unter den heutigen Bedingungen wieder diesen Berufsweg einschlagen würde. Seine Bedenken basieren auf der zunehmenden Bürokratisierung und Technisierung des Gesundheitswesens, die den Fokus von der menschlichen Beziehung zwischen Patient und Arzt verschiebt.

Die Dominanz der Neurobiologie und die Vernachlässigung des Menschen:

Ciompi kritisiert die starke Fokussierung auf die Neurobiologie in der modernen Psychiatrie. Während er die Bedeutung der Hirnforschung anerkennt, bemängelt er die Vernachlässigung der psychischen und sozialen Dimension des Menschen. Seiner Ansicht nach wird der Mensch in seiner Gesamtheit, mit seinen Emotionen, Beziehungen und individuellen Erfahrungen zu wenig berücksichtigt. Die Psychiatrie drohe, zu einer rein naturwissenschaftlichen Disziplin zu verkommen, die den Menschen auf seine materielle Basis reduziert.

Der Verlust der Beziehung als Kernproblem:

Die Beziehung zwischen Patient und Psychiater ist für Ciompi von zentraler Bedeutung. In dieser Beziehung entsteht der Raum für Verstehen, Empathie und Heilung. Die zunehmende Bürokratisierung und Technisierung des Gesundheitswesens führt jedoch dazu, dass diese Beziehung immer mehr in den Hintergrund tritt. Ärzte verbringen immer mehr Zeit mit Dokumentation und Administration und haben immer weniger Zeit für die Patienten. Dieser Trend beunruhigt Ciompi zutiefst, da er die Grundlagen der psychiatrischen Arbeit gefährdet sieht.

Die Sehnsucht nach einer menschlicheren Psychiatrie:

Sowohl Ciompi als auch Davatz plädieren für eine Rückbesinnung auf die Menschlichkeit in der Psychiatrie. Sie fordern eine stärkere Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse und Erfahrungen der Patienten sowie eine Wiederbelebung der therapeutischen Beziehung als Kernstück der psychiatrischen Arbeit. Es geht darum, den Menschen in seiner Gesamtheit zu sehen und ihm mit Empathie und Respekt zu begegnen.

Alternative Therapieansätze jenseits der Psychoanalyse:

Obwohl Ciompi selbst zwei Psychoanalysen absolviert hat, zeigt er sich desillusioniert von deren Wirksamkeit. Er sieht die Psychoanalyse als zeitaufwändige und kostspielige Therapieform mit begrenztem Erfolg. Stattdessen plädiert er für systemische Therapieansätze, die den Menschen in seinem sozialen Kontext betrachten und die Bedeutung der Beziehungen in Familie, Beruf und Gesellschaft hervorheben. Diese Ansätze bieten seiner Meinung nach einen ganzheitlicheren Blick auf den Patienten und ermöglichen effektivere Interventionen.

Die Bedeutung des sozialen Lernens:

Ciompi und Davatz betonen die Wichtigkeit des sozialen Lernens im Umgang mit psychischen Problemen. Im Dialog mit anderen Menschen können Patienten ihre Emotionen reflektieren, neue Verhaltensweisen erlernen und aus ihren Erfahrungen lernen. Das soziale Umfeld bietet Halt und Unterstützung und kann den Betroffenen helfen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden und ein erfülltes Leben zu führen.

Fazit:

Das Interview verdeutlicht die aktuellen Herausforderungen der Psychiatrie, die sich im Spannungsfeld zwischen Menschlichkeit und technologischem Wandel befindet. Es zeigt die Gefahr einer zunehmenden Entmenschlichung und plädiert für eine Rückbesinnung auf die therapeutische Beziehung als Kernstück der psychiatrischen Arbeit. Die Zukunft der Psychiatrie liegt in einem ganzheitlichen Ansatz, der den Menschen in seiner Gesamtheit und in seinem sozialen Kontext betrachtet.

https://ganglion.ch/pdf/urle_luc_3.m4a.pdf

Wir behandeln Menschen und nicht Symptome

Die Psychiatrie lehnt sich noch immer viel zu stark an die somatische Medizin an, in der man an erster Stelle Krankheitssymptome behandelt. In der Psychiatrie beschäftigt man sich mit dem Gehirn, ein soziales und gleichzeitig plastisches Organ, das sehr stark von der Interaktion mit dem Umfeld abhängig ist und dadurch auch verändert und geprägt wird, im Sinne der Epigenetik. Die Familiengeschichte wie auch die persönliche Lebensgeschichte spielen aus dieser Sicht bei psychischen Krankheiten eine enorm wichtige Rolle und dürfen nicht ausgelassen werden. In diesem Sinne sollte immer der Mensch innerhalb seiner Lebensgeschichte behandelt und nicht nur seine Krankheitssymptome bekämpft werden. Nur so ist eine ganzheitliche und persönliche Behandlung möglich.

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