Vortrag zum Thema: Umgang mit Kindern aus schwierigem privatem Umfeld.

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz
4.5.2022
Umgang mit Kindern aus schwierigen privaten Umfeld
Audio

[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema heisst: "Umgang mit Kindern aus schwierigen privaten Umfeld". Kinder aus schwierigen
Situationen Das ist nicht ganz so praktisch, sondern ein bisschen philosophisch. Aber ich denke, das ist
noch gut, um darüber nachzudenken. Ich sage, Kinder sind hochsensible Wesen. Solange sie noch nicht
sprechen können, nehmen sie nur wahr, was emotional abläuft. Bis zu zwei Jahren nehmen sie noch alle
Töne wahr. Nach zwei Jahren fängt die Wahrnehmung an, die auditive Wahrnehmung fängt an sich
einzuschränken auf Muttersprache. Sie sind offene Wesen, sie spüren alles, sie sind in dem Sinn so
wahrnehmend wie Tiere. Sie schauen noch nicht auf den Inhalt, den verstehen sie ja gar nicht, aber den
Ton, den verstehen sie sehr wohl. Man sagt ja, "se le ton qui fait la musique", also der Ton in der Stimme
spielt eine Rolle. Wenn man älter wird und wir Erwachsene, werden wir eher abgestumpft auf den Ton.
Gewisse Leute behalten das immer. Hochsensible Leute behalten das immer. Kinder haben es am
Anfang noch sehr stark. Kinder mit ADHS und ADS sind speziell sensibel und heutzutage wird man auch
als Erwachsene Personen diagnostiziert. Und ich sehe immer mehr Leute, die als Kinder schon ADHS
hatten. Das ist etwas, das genetisch vererbt wird. Es ist nicht ein Krankheit, sondern ein Neurotyp, ein
Persönlichkeitstyp, eine Normvariante, die genetisch in der Familie läuft.

[00:01:55.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht nicht weg, wenn man erwachsen ist. Früher hat man gesagt, das wächst sich aus. Das stimmt
nicht. Aber man kann lernen, besser damit umzugehen. Man kann nur lernen, besser damit umzugehen,
wenn das Umfeld einem auch die nötige Möglichkeit anbietet, mit diesem speziellen Wesen umzugehen.
Wenn man es nicht lernt, wenn man immer korrigiert wird oder nicht recht ist, wie man halt vom Wesen
her ist, dann nimmt man ein schlechtes Selbstwertgefühl mit und sagt nachher im Erwachsenenleben, ich
habe mich nie richtig gefühlt, ich war immer falsch, man hat mich nicht so akzeptiert, wie ich bin und das
ist natürlich etwas ganz Schwieriges. In dem Sinne ist es wichtig, dass wir erkennen, wenn ein Kind ein
ADHS/ADS hat, und dass man lernt, mit dem umzugehen. ADS Kinder sind eher die introvertierten
Typen, das heisst, beide sind sehr sensibel. ADS Kinder gehen eher nach innen, also die weichen aus
nach innen, sie sind Träumer, und sie haben eine grosse Fantasie, sie denken viel, oft merkt man auch
gar nichts davon. Mädchen gehen eher in den Typ hinein, Mädchen mit ADHS sind vielleicht lebendiger,
aber sie können sich trotzdem besser anpassen. Sie unterdrücken ihr Temperament und haben
schlussendlich auch ein schlechtes Selbstwertgefühl und Depression.

[00:03:31.190] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS Buben fallen auf, man sagt eins zu vier. Es gibt vier ADHS Buben und ein Mädchen.
Wahrscheinlich gibt es mehr Mädchen, aber sie können sich einfach besser anpassen. Die ADHS
Knaben sind sehr hochsensibel. Wenn sie verletzt werden, wenn sie gekränkt werden, wenn man ihnen in
den Weg steht, dann werden sie sehr schnell aggressiv. Das aggressivs Verhalten haben wir nicht gern,
das ist sozial unverträglich. Dann werden sie dafür bestraft und dann versteht man sie zweimal nicht.
Man versteht nicht, woher sie verletzt wurden und warum sie jetzt aggressiv sind. Das ist natürlich nicht

so gut. Als Kind kann man seine Emotionen noch nicht so gut kontrollieren. Als Erwachsener sollte man
es dann können. Aber die Erwachsenen, wenn sie ADHS haben, und von denen sagt man dann oft, der
Grossvater war jähzornig. Es ist nur herausgekommen in speziellen Momenten. Beim Kind kommt es
ständig heraus.

[00:04:40.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir lernen mit der Zeit unsere Emotionen zu kontrollieren über unser Grosshirn, aber als Kind kann man
das noch nicht so gut. ADHS Kinder brauchen etwas länger, bis sie es lernen. Es hilft also dem Kind
nicht, wenn man sagt, du darfst nicht. Emotionen können nicht mit Erziehung weggebracht werden.
Emotionen muss man lernen, mit der Zeit zu regulieren. Da braucht es eine gewisse Geduld von den
Erwachsenen, dass die Kinder lernen, ihre Emotionen zu regulieren. Aber mit vier, fünf oder sechs Jahren
geht das noch nicht. Wirklich lernen tut man es eigentlich erst in der Pubertät.

[00:05:27.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir leben in einer individualisierten, demokratischen Gesellschaft. Gerade auf dieser Welt wird in der
Ukraine gekämpft für das Individualisierte und die demokratische Staatsform. Wir haben es schon lange,
aber man muss es auch immer wieder einführen und verteidigen. Eine demokratische, individualisierte
Gesellschaft bringt mit sich, dass ganz viele Möglichkeiten verschiedene Lebenswege, verschiedene
Haltungen möglich sind und dass man immer miteinander eine Konfliktlösung erarbeiten muss.
Doktrinäre Gesellschaften, da folgt man einfach dem Obersten und macht genau das, was er sagt und
dann fährt man so genannt gut. ADHSler können das nicht so gut, andere können es vielleicht ein
bisschen besser. Also von dort her in einer individualisierten, demokratischen Gesellschaft müssen wir
alle lernen Konfliktstrategien, zwischenmenschliche Konflikte austragen. Und das werden sie natürlich
auch in ihren Tagesstrukturen haben, dass die Kinder miteinander Konflikte austragen. Bei dem Konflikt
austragen gehört es dazu, dass man lernt seine Gefühle erst einmal wahrzunehmen und dann benennen.
Und nicht nur die Gefühle ausagieren.

[00:06:58.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Und da sagt man, wenn man Gefühle benennen kann, dann ist der Druck der Emotionen um die Hälfte
kleiner. Wenn man sie nicht benennen kann, dann ist das ganze Hirn davon überschwemmt und man
agiert sie aus. Also es ist ganz wichtig, dass Gefühle benennt werden in Konfliktsituationen.

[00:07:25.440] – Bemerkung 1
Ab welchem Alter kann das ein Kind?

[00:07:29.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, es ist unterschiedlich. Es kann es natürlich auch besser, wenn die Mutter oder die Vorbilder
über Gefühle sprechen können. Wenn niemand im Umfeld über Gefühle sprechen kann, lernt das Kind es
natürlich auch nicht. Ein sehr impulsives Kind kann hinterher schon über Gefühle sprechen, was aber
nicht heisst, dass es sie immer kontrollieren kann. Ich denke, Kinder können schon sehr früh über
Gefühle reden, wenn Vorbilder über Gefühle reden. Was soll ich sagen? Fünf geht schon. Aber es kommt

wirklich darauf an, ob man ein Vorbild war. Mein fünfjähriger Enkel hat zu seiner Mutter, meiner Tochter,
gesagt, ja, das war irgendeine Situation, und er hat gesagt, ja, aber du hast dort auch negativ reagiert.
Also er konnte ihr schon sagen, also er konnte sie benennen, beschreiben, du hast so und so reagiert.
Also über die Gefühlssituation konnte er reden. Und das ist fünf. Also ab fünf, sechs, denke ich, sollte das
gehen. Aber es kommt darauf an, wie man ein Beispiel ist. Wenn niemand ein Beispiel ist und die Gefühle
einfach ausgeagiert werden, dann kann das Kind natürlich auch nicht lernen. Es gibt Kinder, die ganz
schnell in die Impulsivität gehen und in dem Moment können sie natürlich nicht darüber reden. Wenn man
das Kind dann gerade fragt, was hat dich verrückt gemacht, was war eigentlich los? Ich weiss es nicht.
Also da muss man ein wenig helfen, aber vielleicht können wir anhand von Beispielen dann schauen, wie
man es machen kann.

[00:09:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich zitiere Bert Hellinger, er war ja ein Guru. Er sagte, über Gefühle reden ohne Emotionen. Als erstes
dachte ich, das geht doch gar nicht. Gefühle und Emotionen sind das Gleiche. Aber über Gefühle reden
ist Gefühle benennen. Sobald Emotionen dabei sind, dann will man mit diesen Gefühlen etwas bewirken.
Wenn man sie nur benennt, will man eigentlich nichts bewirken. Wenn man Gefühle benennt, dann macht
man eine Selbstreflexion und man ordnet sie bei sich selber ein. Und das bewirkt dann, und das hat man
neuropsychologisch untersucht, dass 50% des emotionalen Stresses weg geht, wenn man die Gefühle
gut in Worte fassen kann. Und darum schreiben alle Mädchen Tagebuch. Hier fasst man seine Gefühle in
Worte, das nimmt ganz viel Stress weg. Anne Frank hat das auch gemacht. Nur so hat sie die schwierige
Situation, in der sie war, ausgehalten. Über Gefühle reden, ohne Emotionen, ohne Druck auf den anderen
aufzusetzen, dass er etwas macht oder etwas nicht macht.

[00:10:44.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Je besser man über Gefühle reden kann, je besser man sie detailliert beschreiben kann. Wenn mir
jemand zu mir kommt und sagt, mir geht es schlecht, dann sage ich, was ist schlecht? Schlecht und gut
sind schwarz und weiss, wegen was? Ich muss die Leute dazu bringen, dass sie über Gefühle reden. So
kommt man langsam an den Stress hin, an das, was beschäftigt. In diesem Sinne ist es ganz wichtig. Je
besser der Mensch seine Gefühle wahrnehmen kann, darüber sprechen, diese in Worte fassen, umso
komplexer wird das Hirn. Das Hirn ist unser soziales Organ, das uns bei der Anpassung hilft. Umso
komplexer wird das Hirn und umso anpassungsfähiger. Das ist das was wir wollen. Dass wir uns in einer
individualisierten Gesellschaft anpassen können, ohne dass wir unsere Identität verlieren. Wenn wir alle
gleich denken müssen, dann müssen wir nicht zu gross lernen, dann müssen wir wie Schafe dem Führer
hinterher laufen. Aber das ist in unserer Gesellschaft nicht mehr angebracht.

[00:12:00.020] – Bemerkung 2
Gibt es hier einen Unterschied zwischen Gefühl ausdrucken zwischen Osten, also den Leuten, die eher
im östlichen Teil sind, und im Westen, also z.B. Türken, Jugoslawen etc.

[00:12:19.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Gibt es. Da würde ich sagen, ich bin viel gereist, ich bin auch in Russland gereist, in Jugoslawien gereist
usw. Die Türken und der Süden leben ihre Gefühle. Die drücken sie aus. Die sprechen nicht so viel über

Gefühle wie wir. Wir leben unsere Gefühle nicht. Die Schweizer sind eher unterdrückend. Man hat sie im
Griff. Man spricht auch nicht so viel darüber. Aber man ist sehr beherrscht. Türken z.B. ich habe eine
zeitlang viel mit Türken gearbeitet, also Ethnopsychiatrie. Türken, also ja, die reden nicht so viel über
Gefühle, sie leben sie einfach. Und in dem Sinn müssen wir lernen, diese Gefühle wahrzunehmen und
dann verstehen, was bei ihnen läuft. Ich glaube, sie reden nicht so viel darüber, sie leben sie einfach.

[00:13:26.150] – Bemerkung 2
Und ist das zum Beispiel bei den Italienern und Spaniern auch so?

[00:13:31.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, es ist ähnlich. Sie leben sie. In dem Sinn sind sie auch mehr gewohnt, dass es gefühlsmässige
Austausche haben auch gefühlsmässige Clashs usw. Man streitet miteinander und dann ist es wieder
gut. Bei uns ist Streiten schon unhöflich und gefährlich. Und jetzt geht alles auseinander. Weil wir
Deutschschweizer viel mehr darauf achten, dass man korrekt ist und eben nicht so gefühlsmässig. Und
wenn wir mit Ostländern oder Südländern so emotional, psychologisch reden, das finden die zum Teil
blöd. Über das muss man nicht reden, das lebt man einfach. Und da muss man aufpassen, dass man
nicht so hoch psychologisch redet, sondern direkt offen.

[00:14:25.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Stress im Hirn wird reduziert, wenn man seine Gefühle in Worte fassen kann und dann das Zeug
ablegt, so wie in der Bibliothek. Und so sagt man auch, Analphabeten bekommen schneller Alzheimer,
also dass sie nicht mehr so gut funktionieren, weil sie die Sachen nicht so gut ablegen können. Also über
Gefühle in Worte fassen, hilft einem ablegen und weitergehen. Und das ist das, was wir machen als
Therapeuten in der Therapie.

[00:15:10.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt gehen wir aber zu den Kinder aus schwierigen Verhältnissen, aus einem schwierigen privaten
Umfeld. Ich greife zwei Situationen heraus, aber Sie werden dann noch viele Mischformen mit mir
zusammen anschauen können. Die Kinder, die sie betreuen, kommen meistens aus schwierigen
Verhältnissen, vielleicht nicht alle, aber in der Regel hat es schon gewisse Probleme hinten dran.

[00:15:40.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Familienumfeld kann sehr konfliktbeladen sein. Sie gehen relativ hart um in den Konflikten. Sie
kämpfen, sie streiten, sie haben vielleicht eine Streitkultur, die sie nicht unbedingt fördern wollen. Sie
haben andere Kinder, die das nicht ertragen. Sie haben ein Kampfverhalten, das nicht akzeptabel ist. Sie
haben eine Durchsetzungs- und Streitkultur, die sie runterholen wollen. Da ist es wichtig, wenn die Kinder
eine andere Streitkultur haben und zu aggressiv sind, dass sie nicht sofort diese runter zähmen wollen
und sagen, dass das nicht geht, dass das nicht toleriert wird. Sie müssen zuerst herausfinden, es wird ja
immer gestritten, wenn man das Gefühl hat, man sei zu kurz gekommen oder man sei verletzt worden.
Sie müssen immer versuchen herauszufinden, was die Ursache der Aggression ist. Vielleicht kann das
Kind nicht gleich sagen, aber vielleicht vermuten sie und können es dem Kind vorlegen. Dann muss man

die Verletzung des Kindes validieren. Ah, ja, ich verstehe. Dann Pause. Dann schauen was man dem
Kind zeigen kann, wenn es verletzt ist, könnte das Kind das und das machen. Man bringt dem Kind
alternative Strategien bei. Das braucht ein wenig Zeit, aber es lohnt sich. Hier kommt wieder das, über
Gefühle zu sprechen, dass sie nicht mehr so virulent sind, sondern dass sie entlastet werden, dass das
Kind entlastet wird und dann neue Strategien einbringen, die effektiver sind. Alle impulsiven Reaktionen
sind eigentlich primitive Reaktionen, Stressreaktionen, die spontan und automatisch passieren.

[00:17:47.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Hingegen wenn man darüber spricht, dann wir das Grosshin eingeschlatet. Dann kann das Kind lernen zu
überlegen und vielleicht das nächste Mal anders handeln. Wenn es nicht geht, kann man sich daran
erinnern und sagen, dass man es zusammen angeschaut hat, dass man nach alternativen
Konfliktstrategien sucht. Dass es beim nächsten Mal bei einem ähnlichen Vorfall ein wenig anders
handeln kann. Denken Sie nicht, dass wenn Sie es einmal gesagt haben, dass es gleich geht. Es braucht
mehrmals zum Üben. Da sage ich immer, in jedem Sport muss man mehrmals üben und die besten
Tennisspieler haben zwei Anschläge und die Kinder sollten mehr Anschläge als zwei haben. Wir sind alle
am Üben. Und indem Sie mit den Kindern zusammen lernen und den Kindern etwas Neues beibringen,
dann kommt das sokratische Lernen wieder zum Zug. Und vom sokratischen Lernen spricht man, wenn
der Lehrer etwas vom Kind lernt. Sie lernen mit dem Kind zusammen neue Situationen besser zu
handhaben.

[00:19:03.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine zweite Möglichkeit, die herauskommt, ist eine Vernachlässigung der Familienstruktur. Entweder eine
grosse Familie oder die Eltern sind beide arbeiten und es hat niemand Zeit für das Kind. Und wenn es
dann in den Ort kommt oder seine Tagesstruktur kommt, möchte es natürlich schnell ihre
Aufmerksamkeit. Klebt dann noch an ihnen, möchte möglichst schnell seine Bedürfnisse befriedigen bei
ihnen. Und zum Beispiel, wenn man als Mensch durch die Strasse läuft und hat so wilde Hunde. Ich habe
das in Griechenland oft erlebt. Wenn man den Hund nur ein wenig anschaut, läuft er gleich hinterher. Weil
der Hund ein Herdentier ist. Und er merkt, wenn man Beziehungen mit ihm aufnimmt, dass es jemand ist,
der mit ihm Beziehungen machen will, dann gehe ich mit. Und so sind die Kinder auch ein bisschen.
Wenn sie dem Kind Zuneigung geben, dann klebt es vielleicht an ihnen. Dann wird es eifersüchtig, wenn
sie sich den anderen Kindern noch zuwenden und wird verrückt auf die anderen verrückt. Auch hier
wieder nicht gleich sagen, dass das nicht geht, das darfst du nicht, sondern denken sie daran, dass das
Kind eine grosse Bedürftigkeit hat und dass es versucht, diese Bedürftigkeit so schnell wie möglich bei
ihnen zu stillen. Es wird eifersüchtig, pusht die anderen weg. In diesem Augenblick ist es wichtig, dass sie
das Kind nicht bestrafen für sein Verhalten, auch nicht runter machen. Vielleicht nimmt es auch die
Spielsachen vom anderen weg, vielleicht hat es zu Hause nicht so viel und er ramüsiert alles zu sich.
Jetzt muss ich so schnell wie möglich sammeln. Die Erwachsenen, die in der Krise waren, haben auch
Hamsterkäufe gemacht. Das passiert auch bei den Erwachsenen. So hamstert das Kind dann vielleicht
sämtliche Spielsachen oder mindestens die, die es ganz toll findet.

[00:21:04.780] – Dr.med. Ursula Davatz

Es ist wieder wichtig, kritisieren Sie das Kind nicht für das Verhalten kritisiert. Es sei zu egoistisch und
man muss teilen lernen. Man muss doch teilen lernen, so geht das nicht. Sondern geben dem Kind eher
das Gefühl, ich verstehe, du willst das alles, aber weisst, morgen ist auch noch ein Tag. Oder es hat noch
viele Spielsachen und ich habe später dann wieder Zeit für dich. Es muss nicht gleich jetzt alles
passieren. Wichtig ist, dass sie eine gewisse Ruhe und ein gewisses Zeitgefühl ausstrahlen. Es muss
nicht gleich alles jetzt sein. Also dass sie nicht schnell dazwischen gehen und sagen "so und so" sondern
dass sie Zeit haben, dass sie Ruhe haben und dem Kind zeigen, es kommt noch genügend zu den
Sachen. Es kann ja ohnehin nicht gleich mit allen Dingen spielen, er spielt jetzt mit diesen, das andere
mit diesen. Einen gewissen Ausgleich schaffen. Wichtig ist, dass sie das Gefühl von Ruhe und Zeit
vermitteln, dass sie das ausstrahlen. Nicht schnell etwas korrigieren wollen.

[00:22:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind zu Hause immer unter die Räder kommt, weil es das Schwächste ist, oder sich nicht so
gut wehren kann, dann kann es in der Tagesstruktur auch untergehen. Da muss man aufpassen, schauen
und es reinholen. Oder es kann das Gegenteil passieren, dass das Kind denkt ich habe hier eine Chance,
ich muss mich hier von Anfang an durchsetzen. Es gibt immer die beiden Extreme. Entweder man macht
es gleich oder man macht genau das Gegenteil.

[00:22:57.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das Kind untergeht, müssen sie ein Auge darauf haben und reinholen. Wenn es alles für sich
haben möchte, alles dominieren, alles befehlen, dann ist es wichtig, dass sie wieder eine gewisse Ruhe
haben und diese Sachen ein wenig führen. Dass sie auch wieder verlangsamen. Dass sie allenfalls
spielerisch Sachen miteinander machen. Und da sind dann auch Rollenspiele möglich. Ich weiss nicht, ob
das ihrer Struktur möglich ist. Aber Kinder spielen eigentlich auch gerne Theater. Und dass man dann
verschiedene Rollen einnehmen darf, sodass man merkt, wie es ist für den anderen, wenn man eine
gewisse Rolle spielt. Im Augenblick, wo alles drunter und drüber geht, wo niemand mehr gut funktioniert,
dann müssen sie die Führung übernehmen. Wir haben zwar eine Demokratie, aber im Krieg gibt es auch
einen General, selbst in der Schweiz, der dann sagt, wo es durchgeht. Und wenn es chaotisch abläuft,
müssen sie wieder die Führung übernehmen und nicht das einzelne Kind bestrafen oder dirigieren,
sondern dann sind sie der Dirigent oder der Kapitän, der sagt, ich will es jetzt so und jetzt machen wir
das, jetzt machen wir das. Dann kommt eine autoritäre Führung und das ist absolut in Ordnung. Und in
gewissen Situationen muss man das, da kann man sich das Demokratische nicht leisten, weil sonst alles
aus dem Ruder läuft.

[00:24:34.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst nicht, wenn man das macht, dass man dann nicht wieder zurückgehen kann in ruhige
Situationen und dann wieder mehr frei laufen lassen. Also da müssen Sie dann als Führungsfigur
auftreten. Nicht als bestrafende, sondern als Vorbild, Führungsfunktion. Sie müssen voran sein, voraus
denken. Sie müsen den Bewegungen der Kinder voraus sein. Nicht hinten nach rennen und zu spät
kommen.

[00:24:59.180] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie haben doch mehrere Kinder aus verschiedenen Systemen. Sie müssen gewisse Grundstrukturen
immer wieder durchsetzen. Man kann nicht alles nur immer individualisiert laufen lassen. Es ist wichtig,
dass Sie diese Grundstrukturen immer wieder anmahnen, klar benennen, nicht mit allzu vielen
Erklärungen. Wenn man zu viel spricht, geht die Struktur verloren. Die Kinder haben oft nicht eine so
lange Aufmerksamkeit. Klar, wenig und das immer wieder anmahnen. Kinder sind an sich sehr lernbereit
und lernfähig, was aber nicht heisst, dass wenn sie es einmal gesagt haben, dass dann hier drinnen ist.
Da gibt es Kinder, bei denen ist es so und andere versuchen immer wieder die Grenzen zu sprengen.
Seien sie nicht enttäuchst wenn die Kinder immer mal wieder alles durcheinander machen. Sagen etwas
von Zeit zu Zeit, aber nicht jede Minute. Von der Verhaltenstherapie her sagt man, man sollte es nicht
immer zur gleichen Zeit, sondern in anderen Situationen, damit es keine Gewöhnung gibt. Sonst machen
sie die Ohren und die Augen zu. Es ist wichtig, dass Sie Ihre Regeln als natürliche Autorität immer wieder
anmahnen. Hinter ihren Regeln stecken immer auch ihre Wertvorstellungen. Nicht jeder von ihnen hat die
gleichen Wertvorstellungen und kann auch nicht die gleichen Regeln gleich gut durchsetzen. Und da ist
es wichtig, dass Sie diese Regeln durchsetzen, hinter denen Sie wirklich stehen können. Und wenn
jemand anderes ein bisschen strikter ist und Sie machen es etwas lockerer. Dann bringt es nichts, wenn
Sie Regeln durchsetzen, bei denen Sie eigentlich gar nicht so ganz dahinter stehen. Also da gibt es
immer wieder die Geschichte, der Vater sagt der Mutter, du musst dann schauen, dass das Kind das und
das macht, während er an der Arbeit ist. Die Mutter steht gar nicht hinter dieser Regel. Das geht
überhaupt nicht. Kinder merken sofort, wenn sie eine Regel sagen, aber emotional stehen sie nicht
dahinter. Von daher ist es ganz wichtig, dass sie schauen, ob diese Regel, die ich hier durchsetzen will,
zu mir passt, ob das meine Wertvorstellungen sind, ob ich hinter dieser Regel stehen kann. Dann können
sie sie auch durchsetzen.

[00:27:57.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Kindern, die emotional sehr sensibel sind, die merken sofort, wenn sie eine Regel sagen, bei
denen sie eigentlich gar nicht dahinter stehen oder nur halbherzig. Also lieber gar nichts sagen, als etwas
lauwarm sagen, aber mit dem Herz, mit ihren Gefühlen nicht dahinter stehen. Es muss gefühlsmässig
wahrgenommen werden, dass ihnen das wichtig ist, dass man das so macht. Wenn sie nur sagen, dass
es so ist und darum müssen wir es so machen, dann unterwandern die Kinder ihre Regeln. In diesem
Sinne sind wir wieder beim sensiblen Kind, welches sie nicht nur verbal wahrnimmt, sondern auch
emotional wahrnimmt.

[00:28:53.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie nicht authentisch sind, dann merkt das das Kind sofort. Das gleiche gilt bei den Tieren. Man hat
Wiederbildungen mit Pferden und Managern gemacht. Wenn ein Manager eine Pseudoautorität war,
folgten die Pferde überhaupt nicht. Wenn er eine richtige, authentische Autorität war, folgten die Pferde.
Ein Pferd ist viel grösser und stärker, aber es ist auch ein Herdentier und spürt, was der Mensch von ihm
will. In diesem Sinne ist es wichtig, dass sie ihre Kinder mental und mit Emotionalität unterlegt, aber nicht
mit wütiger Emotionalität, sondern mit selbstsicher emotionaler Autorität die Kinder führen können. Je
authentischer sie sind, je besser bei sich, je ruhiger, je klarer, umso mehr Erfolg haben sie in ihrer
Betreuungs und auch in ihrer erzieherischen Aufgabe. Sie haben ja auch eine erzieherische Aufgabe bei
diesen Kindern. Das wären meine Gedanken und jetzt dürften Sie Fragen stellen oder Ergänzungen
machen. Wer getraut sich?