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Dr.med. Ursula Davatz
27.4.2017
Diskussion zum Thema Loslassen, Frauenmorgen Muri
Audio
[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema loslassen von Sachen ist auch ganz ein wichtiges Thema.
[00:00:06.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erlebe das immer wieder beim sogenannten Messie-Syndrom.
[00:00:12.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Menschen, die ansammeln, ansammeln, behalten und gar nichts
wegschmeissen können. Das ist einfach ein bisschen ein Extrem.
[00:00:17.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich dort genauer hinter die Kulissen schaue, sind das meistens Menschen, die
nicht so ein gutes Selbstwertgefühl haben und eigentlich ihr Sein an all die Sachen
gehängt haben.
[00:00:34.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Sachen, Erinnerungen.
[00:00:35.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären dann Erinnerungen loslassen, Gegenstände loslassen.
[00:00:40.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, man muss es auch sorgfältig machen.
[00:00:44.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt oft Leute, die dann zu den Messie-Syndrom-Menschen ins Haus gehen und
aufräumen und weg und das schmeissen wir weg. Das geht überhaupt nicht.
[00:00:51.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man alles wieder zusammensammeln oder sie sind ganz unglücklich.
[00:00:59.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Methode, wie man denen hilft, loszulassen, ist zuerst einmal zu sortieren.
[00:01:04.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Gleiches zu Gleichem.
[00:01:06.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss der Mensch dem die Sachen gehören, der muss selber sagen können:
Jawohl, ich lasse das jetzt gehen.
[00:01:13.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei jeder Sache ein Abschiedsritual machen.
[00:01:18.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht Geduld.
[00:01:21.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Helfer brauchen Geduld.
[00:01:22.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch, der es macht, der loslassen muss, der muss Geduld mit sich selber haben
und entscheiden.
[00:01:29.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Loslassen ist immer auch eine Entscheidung.
[00:01:33.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sich nicht entscheiden kann, kann man auch nicht loslassen.
[00:01:37.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann geht man hin und her: Soll ich noch? Soll ich nicht? Brauch ich das noch? Brauch
ich das nicht mehr?
[00:01:42.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind schwierige Entscheidungsprozesse.
[00:01:44.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Gute Entscheidungen werden nur getroffen, wenn man sich selber in Ruhe konsultiert
und dann das macht und dann sagen kann ok, ich habe das so entschieden, ich stehe
zu meinem Entscheid.
[00:01:55.600] – Bemerkung 1
Wenn jemand gestorben ist und es wohnt niemand mehr dort, der Haushalt wird
aufgelöst. Dann gibt es Erben, Kinder, die alles behalten wollen.
[00:02:09.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Die, die viel behalten wollen, haben wahrscheinlich ihren Abschiedsprozess noch nicht
gemacht mit der Person.
[00:02:16.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss jede Person einzeln machen.
[00:02:17.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann nur individuell losgelassen werden.
[00:02:17.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nicht einfach kollektiv loslassen.
[00:02:25.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann nicht eine ältere Schwester für die jüngeren Brüder oder Schwester
entscheiden, dass jetzt einfach alles weggegeben wird.
[00:02:31.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Die, die nicht loslassen können, die müssen es dann halt zu sich nehmen.
[00:02:35.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kann nicht einer für die anderen entscheiden.
[00:02:39.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die gehen dann selber durch ihren Entscheidungsprozess durch oder auch nicht und
behalten alles und dann müssen es ihre Kinder machen.
[00:02:44.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Es geht immer um eine Person, mit einer Person oder um eine Sache.
[00:03:04.840] – Bemerkung 2
Jemand hat einmal gesagt: wenn man Besuch kriegt und der Besuch sagt: Das ist aber
ein schöner Blumenstrauss, dann soll man den gleich verschenken. Das finde ich zum
Teil auch schwierig, einen Gegenstand zu verschenken.
[00:03:27.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist korrekt, man kann zum Teil besser loslassen von Sachen, in dem man sie
jemandem weitergibt, der Freude hat daran.
[00:03:33.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Beispiel schöne Kleider, die man nicht mehr anziehen kann.
[00:03:35.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Einfach in den Mülleimer zu werfen, das möchte man nicht, das geht gegen das Prinzip.
Jemanden zu geben, der das noch brauchen kann, daran hat man Freude.
[00:03:37.120] – Dr.med. Ursula Davatz
In Spanien ist es so, dass wenn Gäste etwas bewundert haben, dann hat man gesagt:
Okay, ich schenk es ihnen.
[00:03:55.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man dann antwortete: Nein, nein, ich will das nicht, dann hat man sie beleidigt.
[00:03:58.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist zum Teil sogar eine Sitte.
[00:04:04.870] – Bemerkung 3
In Japan darf man gar nicht sagen: Das ist schön. Die schenken einem das sofort.
[00:04:14.080] – Bemerkung 3
Jetzt habe ich auch noch etwas, was ich loshaben möchte.
[00:04:18.850] – Bemerkung 3
Ich selber mache auch gern Handarbeit, habe schon viel gemacht und ich schätze das,
was die Leute machen.
[00:04:23.780] – Bemerkung 3
Jetzt habe von ich einer Freundin, welche die Wohnung von ihrer Mutter räumen
musste, weil sie ins Altersheim gehen musste, tonnenweise kurzgestrickte Decken
gescheckt bekommen, sauber gewaschen. Jetzt möchte ich das loswerden, falls hier
jemand diese Decken möchte.
[00:04:54.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr gut.
[00:05:00.880] – Bemerkung 3
Wir machen ein Datum ab und ihr kommt zu mir zu einem Kaffee und ihr dürft in dieser
Tasche wühlen.
[00:05:31.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier wird das Loslassen direkt praktisch angewendet, praktizieren.
[00:05:52.430] – Bemerkung 4
Ich schätze es sehr, dass ich anwesend sein darf und das spannende Thema hören.
[00:05:52.630] – Bemerkung 4
Wenn man im Leben loslassen muss, weil es eine körperliche Beeinträchtigung gibt, sei
das durch Krankheit, Unfall oder dann auch im hohen Alter. Wie geht man mit dem um?
[00:06:23.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine gute Frage.
[00:06:31.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich komme aus dem medizinischen Bereich.
[00:06:34.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe zum Teil mit Menschen und mit Krankenschwestern gearbeitet, die solche
Patienten hatten.
[00:06:42.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Beispiel ist, wenn jemand bei voller Gesundheit ist und dann passiert ein Unfall und
dann ist er querschnittsgelähmt.
[00:06:48.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Querschnittsgelähmten haben unheimlich Mühe, loszulassen von der Idee: Ich kann
jetzt nicht mehr laufen, ich kann mich nicht mehr bewegen.
[00:07:00.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie Tetraplegiker sind, ist es noch schlimmer.
[00:07:01.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt solche, können ein Leben lang nicht loslassen von der Vorstellung: Ich müsste
eigentlich noch einen ganz funktionierenden Körper haben.
[00:07:12.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Da helfe ich dann denen, die mit denen arbeiten, die Trauerbewältigung.
[00:07:19.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Loslassen von dem gesunden Körper, das Loslassen von der Vorstellung, ich habe
einen gesunden Körper.
[00:07:25.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal geht die Trauer ein Leben lang, manchmal bringt man es hin und die Leute
können wieder ein interessantes Leben führen.
[00:07:33.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Beispiel ist ja der Stephen Hawking, der berühmte Physiker mit einer Amyotrophe
Lateralsklerose.
[00:07:43.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat ihm gesagt, sie sterben dann und dann und der hat nicht losgelassen vom
Leben. Er musste loslassen von seiner Vorstellung: Ich habe einen gesunden Körper.
[00:07:56.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich phänomenal, was er dann noch alles gemacht hat, aber nicht alle
können es so wie er.
[00:08:01.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Alter, ich gehöre auch schon zu den älteren Semestern, im Alter muss man
selbstverständlich immer loslassen von neuen Gebrechlichkeiten oder Sachen, die halt
nicht mehr ganz gehen.
[00:08:15.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe zu einer einer Schulkollegin aus der BEZ gesagt: Wenn ich dann mal so alt bin
und nicht mehr so gut laufen kann, dann bin ich wahnsinnig stolz, wenn ich eine Strasse
kann überqueren.
[00:08:27.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist schon eine grosse Leistung.
[00:08:30.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Muss sich reduzieren auf kleine Taten, auf kleine Sachen.
[00:08:36.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann ja auch an den kleinen Sachen Freude haben.
[00:08:38.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Es muss ja nicht immer eine grosse Leistung sein.
[00:08:41.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss dann sein Mass reduzieren auf kleine Sachen.
[00:08:48.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Den kleinsten Sachen, kann man etwas abgewinnen.
[00:08:51.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eine Sache von der eigenen Einstellung.
[00:08:57.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht so einfach und es ist immer wieder eine Traurreaktion.
[00:09:03.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss loslassen von der Jugend, von dieser vollen Funktionstüchtigkeit.
[00:09:09.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe zum Beispiel eine Ohrenentzündung gehabt und ich musste loslassen vom
vollen Gehör an dem rechten Ohr.
[00:09:23.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber ich bin froh, dass sie sich am linken Ohr noch gut höre.
[00:09:30.940] – Bemerkung 5
ich habe eine kleine Geschichte, wegen dem Loslassen, bei den Kindern. Ich habe bei
der ältesten Tochter beim aufräumen einen Bär gefunden. Der Bär war kaputt und ich
habe den Bär weggeworfen. Der Bär sass im Kübel, als die Tochter eines Tags nach
Hause kam. Meine Tochter war entsetzt und sagte, dass man den Bär nicht wegwerfen
darf. Die Grossmutter hat dann den Bär geflickt. Ich habe gelernt, nie mehr etwas von
den Kindern wegzuwerfen, bevor ich sie gefragt habe.
[00:10:35.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist richtig. Aus der Sicht der Tochter, war das ein Übergriff.
[00:10:35.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Bär hat etwas Emotionales für sie repräsentiert und sie haben ihn
weggeschmissen.
[00:10:47.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben sie wie ein Stück von der Seele von ihrer Tochter wegschmeissen wollen.
[00:10:49.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Gegenstände sind nicht einfach so viel wert, wie sie da sind, sondern die Gegenstände
sind immer besetzt von unseren Emotionen und für jeden hat es einen anderen Wert.
[00:11:01.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Für ihre Tochter hat der Bär einen grossen Wert gehabt.
[00:11:04.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Grossmutter hat den Bär dann wieder geflickt.
[00:11:04.970] – Dr.med. Ursula Davatz
An die Gegenstände hat man so viel seelisches angeknüpft, so viel Empathie auf den
Gegenstand projiziert, dass der einen Teil von einem enthält.
[00:11:23.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man nur selber den entsorgen, jemand Fremdes darf das nicht.
[00:11:27.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch das Problem bei den Messies, wenn jemand fremdes kommt und einfach
aufräumt und wegschmeisst, das geht überhaupt nicht.
[00:11:36.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Denn die Menschen haben an alles irgendwie eine Bindung und sie müssen selber
entscheiden: Ich gebe jetzt das weg. Oder halt auch nicht.
[00:11:45.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist schön. Da haben sie eine Erkenntnis gehabt.
[00:11:53.730] – Bemerkung 6
Was hat verzichten mit loslassen zu tun?
[00:12:04.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Verzicht hat sehr viel mit loslassen zu tun und zwar mit loslassen von der Vorstellung:
Ich kann alles. Ich kann alles machen.
[00:12:18.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Kopf kann man alles gleichzeitig denken oder ziemlich gleichzeitig.
[00:12:24.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Leben kann man das nicht.
[00:12:25.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage mir dann immer, wenn ich denke: Oh, das würde ich auch noch gerne und das
auch noch gerne und das noch gerne.
[00:12:30.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann nicht alles.
[00:12:32.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wieder die Entscheidungsfrage.
[00:12:34.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Loslassen ist immer eine Entscheidung, sich für etwas entscheiden, wo man etwas
anderes loslässt.
[00:12:41.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das, was man loslässt, auf das verzichtet man und das, was man wählt, das
entscheidet man.
[00:12:49.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele Menschen wollen nicht entscheiden, weil sie immer Angst haben, sie machen
dann die falsche Entscheidung.
[00:12:57.230] – Dr.med. Ursula Davatz
In Lenzburg, im Stapferhaus, gab es eine Ausstellung: Entscheiden.
[00:13:06.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Da konnt man entscheiden, welche Kleider man kauft und was man macht und so
weiter.
[00:13:10.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein guter Entscheid, der kommt eigentlich immer vom Herzen.
[00:13:16.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Entscheiden ist nicht eine intellektuelle Angelegenheit.
[00:13:20.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann intellektuell alles durchgehen, das hat den und den Vorteil, aber damit man
hinter dem Entscheid stehen kann, muss er schlussendlich vom Herz getragen werden,
gedeckt werden.
[00:13:32.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Da nehmen sich viele Leute keine Zeit.
[00:13:33.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele denken, es gibt einen absolut richtigen Entscheid. Den gibt es nicht.
[00:13:37.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Der schlimmste Entscheid ist kein Entscheid.
[00:13:40.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder Entscheid ist gleichzeitig ein Verzicht.
[00:13:44.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss etwas weglassen und das macht man.
[00:13:47.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit man persönlich entscheiden kann, von sich aus und dann auch dahinter stehen
kann, muss man sein Herz konsultieren.
[00:13:55.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Was möchte ich denn eigentlich?
[00:13:58.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele wollen die Verantwortung nicht übernehmen, weil sie denken, es gäbe einen
richtigen und einen falschen Entscheid.
[00:14:03.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt es nie.
[00:14:04.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt nur die persönliche Entscheidung.
[00:14:06.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich Menschen vor mir habe, die sich nicht getrauen zu entscheiden, dann sage
ich: Ihr Entscheid ist richtig.
[00:14:15.220] – Bemerkung 7
Das ist jetzt ein positiver Verzicht. Es kommt auch vor, dass die äusseren Umständen
einem zu etwas zwingen auf etwas zu verzichten.
[00:14:30.080] – Bemerkung 7
Ich wollte etwas, aber ich habe es nicht gekonnt/erreicht.
[00:14:35.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sind wir wieder am Punkt vom Loslassen von der Erwartungshaltung.
[00:14:41.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe in meinem Kopf, die Erwartungshaltung, es müsste hier und dort durchgehen.
[00:14:45.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird mir von aussen der Weg durchkreuzt und es wird quasi für mich entschieden.
[00:14:46.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wehre ich mich dagegen und sage: aber es müsste doch so sein und ich hätte
doch sollen.
[00:14:58.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Augenblick, wenn jemand stirbt, wenn ein Unfall passiert, wenn ein Haus
abbrennt, irgendwelche dramatische Sachen geschehen.
[00:15:06.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich mit solchen Leuten arbeite, dann geht es immer um Trauerarbeit um das
Loslassen von seiner Vorstellung, es müsste so gehen.
[00:15:14.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort suche ich auf eine Art mit den Leuten immer nach dem Sinn.
[00:15:20.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Sinn ist ein schwieriger Begriff.
[00:15:26.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, in dem Augenblick kommt die Sinnfrage zum tragen.
[00:15:31.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Menschen haben die Tendenz, etwas gedanklich abzurunden.
[00:15:35.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir suchen nach dem Sinn und der ist für alle wieder anders.
[00:15:42.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich suche dann mit den Leuten nach dem Sinn.
[00:15:48.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sehe es noch nicht ein, aber vielleicht hat es auch etwas Gutes gehabt.
[00:15:49.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich rekonstruiert sich der Sinn erst im Nachhinein, wenn man zurückschaut und
sagt: Das habe ich damals so schrecklich gefunden, es ist unmöglich gewesen, ich bin
so verrückt gewesen.
[00:16:03.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann schaut man und sieht: Es ist recht gut weitergegangen.
[00:16:04.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann kann man sagen: Ja, irgendwie hat es einen Sinn gemacht.
[00:16:10.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss dann das Schicksal ein bisschen loslassen, respektive man muss loslassen
von seiner Kontrolle.
[00:16:20.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas schwieriges.
[00:16:22.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind alle sehr kontrolliert. Wir möchten gerne alles kontrollieren können.
[00:16:25.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir können ja sogenannt auch immer besser kontrollieren.
[00:16:29.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Ärzte möchten auch alles schön kontrollieren können, aber wir stossen immer
wieder auf Situationen, wo wir es eben nicht kontrollieren können.
[00:16:37.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen loslassen von unserem Kontrollzwang.
[00:16:42.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Sinn sieht man dann oft erst hinten dran.
[00:16:45.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Sinn konstruiert man sich auch.
[00:16:48.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Menschen einem das Leben erzählen, wenn man es miteinander anschaut, dann
probiere ich mit ihnen zusammen natürlich dann, so eine Art einen Sinn rauszuholen.
[00:16:58.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Dafür gibt es auch wieder ein Wort.
[00:16:59.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ärzte haben die Tendenz, einfach Symptome zu behandeln und diese zu
bekämpfen.
[00:17:08.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin als Familientherapeutin ausgebildet und ich probiere immer das ganze System
und die ganze Geschichte anzuschauen.
[00:17:14.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit den Leuten ihre eigene Geschichte sorgfältig anschaut, auch in Bezug
auf das spezielle Ereignis, das nennt man narrativer Rekonstruktivismus.
[00:17:29.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man es erzählt, gibt es dann einen Sinn daraus und dann eine Beruhigung.
[00:17:38.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss loslassen von der Kontrollvorstellung und von der Erwartungshaltung, es
hätte nach dem eigenen Kopf laufen müssen.
[00:17:58.830] – Bemerkung 8
Gemeinsame Geschichte in der Vergangenheit. Die gleiche Situation und jede Person
hat sein eigenes Erinnerungsbild.
[00:18:17.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so.
[00:18:20.060] – Bemerkung 8
Von was lässt man dort los?
[00:18:27.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ein Konzept von Jean Piaget.
[00:18:30.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Jean Piaget sagt, in der Pubertät lernt man dezentrieren.
[00:18:37.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder sehen alles aus ihrer Perspektive.
[00:18:39.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sehe es so und so ist es richtig.
[00:18:39.760] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Pubertät lernt man: ich sehe es so, aber man könnte noch von dorther schauen,
dann sieht es so aus.
[00:18:48.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt das berühmte Beispiel von vier Blinden, die ein Elefant berühren.
[00:18:55.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Der erste sieht eine Wand, der zweite einen Baumstamm, der dritte eine lange Schnur,
der vierte einen grossen Bauch.
[00:19:04.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle habe Recht, aber niemand sieht das Ganze.
[00:19:04.270] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Augenblick, das erlebe ich natürlich sehr viel.
[00:19:12.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat vier Geschwister, sieben Geschwister und jeder sieht die Mutter oder das
Ereignis von einer anderen Perspektive.
[00:19:22.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss von seinem Tunnelblick loslassen und sagen, ich habe es dort so erlebt und
du hast es so erlebt. Interessant.
[00:19:34.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Das erweitert die Perspektive.
[00:19:38.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Schon zwischen zwei Menschen, Mann und Frau, wenn man ein Ereignis nimmt, wieder
bei der Ehetherapie, die Frau hat es so erlebt und der Mann hat es so erlebt.
[00:19:48.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder will dem anderen beibringen, dass so, wie er es erlebt hat, das richtig ist. Es gibt
nicht nur eine Wahrheit.
[00:19:54.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt so viele Wahrheiten wie es Menschen gibt.
[00:19:54.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Wahrheit ist subjektiv.
[00:19:59.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss dezentrieren von seiner subjektiven Wahrheit und sich so das Feld erweitern.
[00:20:09.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich ganz Ungläubige habe, dann gehe ich wieder zur Physik und sage: die
Heisenbergsche Unschärferelation. Dort hat ein Physiker gesagt: man kann das Licht
als Welle sehen und man kann das Licht als Partikel sehen.
[00:20:14.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem, wie man schaut, ist es das oder das.
[00:20:27.250] – Dr.med. Ursula Davatz
In der ganz komplizierten Physik gibt es immer mehr solche Zustände.
[00:20:32.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich als nicht Physikerin kann das nur so wage erfassen, aber im menschlichen Leben
sehe ich das täglich.
[00:20:37.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich ist es eine Horizonterweiterung.
[00:20:42.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss loslassen von seiner rein egoistischen Sicht hin zu: es gibt ja noch die und
die Sichtweise, interessant. Dann wird es wieder spannend.
[00:20:58.880] – Bemerkung 9
Wie geht man am besten vor?
[00:21:09.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme das Beispiel der Traumatherapie.
[00:21:09.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man ein Trauma hat, dann kommt das immer wieder. Die Bilder kommen wieder,
die Gefühle kommen wieder, die Angst kommt wieder. Es läuft über die Gefühle.
[00:21:25.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Nervensystem ist konstruiert. Wir haben, afferente Bahnen.
[00:21:35.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles, was man aufnimmt von aussen und was man aufnimmt von dem was im Gehirn
gespeichert ist. Ich sage dem sensorisch.
[00:21:41.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mit etwas beschäftigt ist, das einem immer wieder belastet, dann nehmen
wir aus unserer Erinnerung immer wieder: Oh je wie schlimm und all die Erinnerungen.
[00:21:56.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann Gedanken nicht mit Gedanken wegschicken.
[00:22:03.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss die Gedanken blockieren mit Motorik, also mit Handlung.
[00:22:12.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn jemand besessen ist von irgendeinem Gedanken, dann geht man in die Motorik
rein.
[00:22:17.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine berühmte Methode: EMDR.
[00:22:19.170] – Dr.med. Ursula Davatz
EMDR steht für: Eye Movement Desensitization Reprogramming.
[00:22:29.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich zeige ihnen jetzt eine Methode.
[00:22:32.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke an ein traumatisches Erlebnis. Ich denke zum Beispiel, wenn ich heute
Morgen gestresst war, dass ich zu spät komme.
[00:22:40.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt ist das alles vorbei, aber es hätte ja schlimmer sein können.
[00:22:46.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen mit dem Kopf, mit den Augen schauen, sie müssen die zwei Finger
bewegen so hin und her bewegen.
[00:22:49.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schauen mit den Augen diesen Fingern nach.
[00:22:49.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann schwatzen. Ich kann aber nicht denken.
[00:22:49.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie gehen voll in die Motorik.
[00:23:01.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Leute, wenn sie depressiv sind oder irgendwas denken, das ihnen Stress macht.
[00:23:09.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage sagt man sogenannte Skills.
[00:23:11.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sogar Apps herunterladen, wo Skills drauf sind.
[00:23:16.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man in die Motorik in die Handlung geht, unterbricht man das Repetitive an seine
Wunden denken, in der Wunde grübeln.
[00:23:27.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss manchmal viel machen und immer wieder machen.
[00:23:31.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Methode.
[00:23:35.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein schreckliches Ereignis oder ein schrecklicher Gedanken.
[00:23:43.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Vorher haben wir darüber gesprochen von irgendetwas, was einem von aussen passiert
ist. Man macht das sogenannte Reframing.
[00:23:50.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, man tut das, was passiert ist, was man als schrecklich interpretiert hat,
schaut man von einer anderen Seite her an. Dann sieht es plötzlich anders aus.
[00:24:00.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das mache ich auch mit den Leuten.
[00:24:00.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie erzählen mir ihre Geschichte und dann mache ich das Reframing und dann auf
einmal lachen wir miteinander.
[00:24:10.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gelingt einem nicht immer so gut.
[00:24:11.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann einen Gedanken nicht mit einem besseren Gedanken verscheuchen.
[00:24:11.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Er kommt immer wieder zurück.
[00:24:22.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Es muss ein grösseres Reframing sein, also neu benennen.
[00:24:27.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ähnlich, wie ich es bereits gesagt habe: alle sehen es von einer anderen Seite
her.
[00:24:33.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss wirklich weggehen von seiner Betrachtungsweise in eine andere Richtung.
[00:24:41.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man meistens nur zusammen mit dem Therapeuten machen.
[00:24:44.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Augenübungen können sie selber machen.
[00:24:47.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können auch putzen oder malen gehen.
[00:24:48.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können auch Sport treiben gehen. Wenn man Sport treibt, muss man bis zur
Erschöpfung gehen, sonst kommt die Gedanken immer wieder.
[00:24:49.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Geduldsspiel.
[00:24:56.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse machen Sudoku um von ihren Gedanken wegzukommen.
[00:24:56.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Mann muss alles fokussieren auf das Geduldspiel oder auf das Kreuzworträtsel.
[00:25:11.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann das Wiederkehren zum traumatischen Ereignis, das kann man unterbrechen
mit etwas ganz anderem und eine Konzentration auf etwas ganz anderes.
[00:25:20.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man sich konzentrieren.
[00:25:22.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können jonglieren, sie können Seiltanz üben.
[00:25:25.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur auf einer Mauer laufen, wie es die Kinder machen.
[00:25:26.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das Gleichgewicht behalten muss, kann man nicht über andere Dinge
nachstudieren.
[00:25:26.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben zwei Hirnhälften.
[00:25:42.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir uns motorisch zentrieren müssen, können wir nicht mehr in der ganzen Welt
herum denken, sonst fallen sie vom Seil runter.
[00:25:56.150] – Bemerkung 10
Das geht aber nur, wenn das Trauma schon vorbei ist. Wenn man in der Situation steht,
wo man einen Mensch oder etwas loslassen muss, das man gerne hat und man ist auf
dem Weg dazu, dann funktioniert das wahrscheinlich nicht.
[00:26:19.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann soll man es nicht so machen.
[00:26:19.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man einen Menschen, den man mag loslassen will, muss man das
Abschiedsritual machen.
[00:26:34.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Was willst du mir noch sagen? Was will ich ihm noch sagen? Was ist wichtig? Was ist
schön gewesen?
[00:26:41.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Abschiedsritual, sorgfältig machen.
[00:26:47.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe meine jüngere Schwester an Brustkrebs verloren.
[00:26:51.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe sie noch viel besucht. Wir haben von früher gesprochen.
[00:26:55.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe sie gefragt, was sie noch sagen will.
[00:26:57.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ihr noch Sachen gesagt, was ich sagen wollte.
[00:27:00.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Es war sehr friedlich.
[00:27:00.400] – Dr.med. Ursula Davatz
So konnte ich dann auch besser loslassen.
[00:27:07.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Da geht es um den Abschied, den sorgfältigen Abschied und der Übergang.
[00:27:13.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Da darf man nicht verdrängen.
[00:27:14.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Traumatische Sachen, die einem von aussen passiert sind. Ich kannte jemanden, der ist
von einem Flugzeug hinten angefahren worden, als er auf dem Boot war in San
Francisco. Der hatte immer wieder das Trauma. Dort konnte man die Augenübungen
machen.
[00:27:39.790] – Bemerkung 11
Wenn man gerne schreibt, kann man auch über das Schreiben gut loslassen. Mir hilft
das sehr, wenn ich in einem Prozess bin, der mich sehr bedrückt, dann sehe ich auch
plötzlich wieder positive Aspekte, weil ich mich sehr mit dem Problem
auseinandersetze, ohne Zensur.
[00:28:06.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist absolut richtig.
[00:28:07.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Teenager, meistens Mädchen, schreiben Tagebuch, um mit ihren Emotionen ein
bisschen zurecht zu kommen.
[00:28:15.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage allen Leuten, sie sollen aufschreiben.
[00:28:18.010] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem man schreibt, in dem man sich selber formuliert, in dem man das niederschreibt.
[00:28:25.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage sogar noch handschriftlich, nicht mit der Schreibmaschine, dem Computer.
[00:28:28.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es durch die Hand geht, hat es eine andere Wirkung im Gehirn.
[00:28:35.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man aufschreibt, indem man darüber redet, ordnet sich vieles.
[00:28:38.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Der emotionale Stress, der geht sicher um die Hälfte zurück.
[00:28:46.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wahrscheinlich noch mehr, wenn man schreibt. Das ist eine ganz gute Methode.
[00:28:51.280] – Bemerkung 12
Wenn man alte Konflikte zu stark mit sich weiter trägt, das hindert einem am Leben. Mir
hilft das Schreiben sehr.
[00:29:10.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Leute, die eine Beziehung zur Sprache und zum Schreiben haben, die haben da
ein ganz gutes Instrument, wenn sie das verwenden.
[00:29:21.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Briefe zu schreiben an seine Eltern, an Personen, mit denen man es noch nicht ganz
gelöst hat, das ist eine sehr, sehr wirksame Strategie.
[00:29:37.770] – Bemerkung 13
Das gleiche gilt auch, wenn man an jemanden nicht heran kommt.
[00:29:40.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, dann geht das auch.
[00:29:42.260] – Bemerkung 13
Der Person das schreiben, was man empfindet und was einem gekränkt hat.
[00:29:47.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Person, den Chef, die Eltern von der man gekränkt wurde, adressiert, ist
es wichtig dass man sich beschreibt, die Situation beschreibt, seine Verletzungen
beschreibt, aber nicht bei der Anklage bleibt, sondern immer zurück zu sich selber
kommt.
[00:30:07.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Sonst verliert man sich und das ist schade. Machen sie weiter so.
[00:30:18.910] – Bemerkung 14
Das Schreiben sendet man aber nicht fort?
[00:30:22.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann beides machen.
[00:30:24.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Personen auch schon dazu aufgefordert, dass sie das Schreiben absenden.
[00:30:25.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich überlasse das immer der Person.
[00:30:25.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Man soll es schreiben. Ich schaue es mit den Leuten dann meistens an. Ich schaue
sehr genau, wo noch eine Anklage ist. Ich versuche dann, die Seele immer wieder
zurück zu nehmen.
[00:30:41.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage: Wollen sie es senden oder wollen sie es nur für sich behalten?
[00:30:49.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse senden es und dann unterstütze ich sie drin und andere sagen: nein ich
möchte das nicht senden, ich will es bei mir behalten.
[00:30:53.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse machen wenn es verstorbene Eltern sind noch ein Ritual, verbrennen es auf
dem Friedhof oder wo auch immer.
[00:30:58.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass man sich sorgfältig formuliert, dass man sich ernst nimmt.
[00:30:58.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich zwinge niemanden zum Absenden des Briefs, es kommt aber auch vor.
[00:31:25.250] – Bemerkung 15
Loslassen ist nicht gleich fallen lassen. Fallen lassen kann man negativ auslegen. Man
könnte auch etwas positives daraus machen. Es gibt doch Situationen wo man fallen
lassen muss?
[00:31:48.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich sage, loslassen ist nicht gleich fallen lassen, dann meine ich das innerhalb
von familiären Beziehungen.
[00:31:56.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sein Kind nie fallen lassen, man kann seine Eltern nie fallen lassen.
[00:32:04.180] – Bemerkung 15
Das sagen sie jetzt.
[00:32:04.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man bleibt das Kind der Eltern.
[00:32:09.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann natürlich auf mehr Distanz gehen zu den Eltern.
[00:32:13.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Einen Partner kann man fallen.
[00:32:16.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich mit den Kindern von geschiedenen Eltern spreche, dann sage ich: Ihre Mutter
oder ihr Vater ist nicht verwandt mit dem anderen. Den darf man einfach gehen lassen.
[00:32:27.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Kind sind sie zu beiden verwandt.
[00:32:29.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Tochter, als Sohn, kann man den geschiedenen Vater oder die geschiedene Mutter
nicht einfach fallen lassen. Die gehören zu einem.Dort, wo
Verwandtschaftsbeziehungen sind, kann man nicht einfach fallen lassen.
[00:32:45.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Wo keine Verwandtschaftsbeziehungen sind, kann man fallen lassen.
[00:32:50.100] – Bemerkung 15
Das ist biologisch gemeint. Was ist mit dem emotionalen?
[00:32:56.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Vater darf seinen Sohn nicht fallen lassen, wenn er nicht das erreicht, was er gerne
möchte.
[00:33:09.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf dem nicht biologischen darf man alles fallen lassen.
[00:33:20.000] – Bemerkung 15
Das geschieht in jeder Familie.
[00:33:28.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht Verwandte, die kann man fallen lassen.
[00:33:32.030] – Bemerkung 15
Wird man fallen gelassen?
[00:33:35.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Wird man manchmal und dann muss man es auch akzeptieren. Dann muss man
loslassen.
[00:33:38.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hatte zu jemandem eine gute Freundschaft und dann geschieht irgendetwas und
dann lassen einem die fallen. Wenn man dann noch daran festhalten will, muss man
loslassen.
[00:33:45.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann noch einmal probieren, aber wenn es nicht geht, dann muss man loslassen.
[00:34:02.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Der andere lässt einem fallen, selber muss man loslassen.
[00:34:07.130] – Bemerkung 15
Ja, das kann ich bestätigen.
[00:34:08.920] – Bemerkung 16
Kann man das üben, wenn man eine Person verliert?
[00:34:09.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann es mit Wiederkäuen üben, schaut es von verschiedenen Aspekten her an,
man tut sich damit befassen. Man muss sich damit befassen im Sinne von: ich will in
diese Richtung.
[00:34:29.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Wiederkäuen ist eine Art und Weise wie man es mit der Zeit loslassen kann.
[00:34:38.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Mann kann schlafen nicht willentlich machen.
[00:34:49.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss loslassen, damit man in den Schlaf fallen kann. Im Englischen hört man das.
[00:35:14.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss von der Kontrolle loslassen, damit man loslassen kann.
[00:35:25.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man kontrollierend das Loslassen erlernen möchte, dann geht das nicht.
[00:35:33.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Gehirn.
[00:35:33.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt die Vexierbilder, die aus vielen anderen Bildern gemacht sind.
[00:35:33.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man zu genau hinschaut, dann sieht man gar nichts.
[00:35:33.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sogenannt etwas loslässt, ein bisschen lockerer hinschaut, nicht mehr alles
kontrollieren möchte, plötzlich kommt das Bild hervor.
[00:35:52.290] – Bemerkung 17
Ich formuilere es als Wunsch für mich: das würde ich gerne. Dann ist man positiv darauf
eingestellt.
[00:36:08.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, sie sagen das schön.
[00:36:12.330] – Dr.med. Ursula Davatz
So ganzheitlich denkt man, ich will das gerne. Ich weiss zwar nicht, wie es dorthin geht
und es macht auch nichts wenn ich es noch nicht kann.
[00:36:16.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist nicht so zwanghaft darauf fixiert.
[00:36:16.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Untersuchungen, wo Menschen sich irgendwelche Elektroden an ihr Gehirn
angeschlossen haben.
[00:36:32.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die gedacht haben, ich will jetzt mein Segelschiff da oder dort durchsteuern.
[00:36:38.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie nur so wage daran gedacht haben, dann ist es so gefahren.
[00:36:42.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie verkrampft daran gedacht haben, dann hat es nicht das gemacht.
[00:36:57.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn kann diese Dinge.
[00:36:57.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie es genau funktioniert, weiss ich nicht.
[00:37:07.360] – Bemerkung 18
Im Alter vergisst man gewisse Dinge. Wenn man krampfhaft den Namen holen möchte,
dann kommt er nicht.
[00:37:08.040] – Bemerkung 18
Plötzlich nach fünf Minuten kommt der Name dann automatisch aus dem Gehirn
gespickt.
[00:37:31.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man auf Eis fährt, sagt man, man solle das Steuerrad mit dem kleinen Finger
steuern. Das Fahrzeug steuert sich besser selber, sonst hat man die Tendenz zu
übersteuern.
[00:37:31.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit dem Kontrollzwang tut man immer übersteuern.
[00:37:50.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Gespräch von zwei Piloten: im Notfall, in der Turbulenz überlässt man die
Steuerung dem Flugzeug selber. Das ist aerodynamisch, das steuert sich besser, als
wenn man übersteuert.
[00:37:57.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss sich reinfallen lassen, es wird schon gut herauskommen, dann wird es eher
besser gesteuert.
[00:38:06.100] – Dr.med. Ursula Davatz
So funktioniert unser Gehirn.
[00:38:13.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir überlassen uns der Natur, dort wo wir allzu krampfhaft etwas erreichen möchten.
[00:38:30.080] – Bemerkung 19
Vielen herzlichen Dank, Frau Dr.med. Ursula Davatz, dass sie zu uns gekommen sind.
[00:38:31.910] – Bemerkung 19
Das war wunderbar, eine riesige Bereicherung.
[00:38:32.340] – Bemerkung 19
Ich gehe hier raus und sage mir, ich muss auf mein Herz hören, das bringt mehr Freude
und dann steuert man sich besser.
[00:38:32.570] – Bemerkung 19
Vielen Dank!
[00:38:48.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr gern geschehen.
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