Welche Rolle spielt die elterliche Kommunikation bei Schizophrenie?

Die elterliche Kommunikation spielt gemäss den Quellen und insbesondere gemäss Dr.med. Ursula Davatz eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf von Schizophrenie. Es wird nicht nur die Art und Weise, wie Eltern miteinander und mit ihren Kindern kommunizieren betrachtet, sondern auch der Einfluss der elterlichen Kommunikationsmuster auf die Entwicklung des Kindes. Die Quellen betonen, dass bestimmte Kommunikationsmuster in Familien mit Schizophrenie gehäuft auftreten und diese Muster können den Ausbruch und den Verlauf der Krankheit massgeblich beeinflussen.

Hier sind die wichtigsten Aspekte der elterlichen Kommunikation im Zusammenhang mit Schizophrenie:

  • Hohe Expressed Emotions (High EE):
    • Definition: Dieser Begriff beschreibt eine emotional aufgeladene Kommunikationsweise, die durch Ungeduld, einen drängenden Tonfall und eine gereizte Stimme gekennzeichnet ist. Oftmals schwingt ein kritischer Unterton mit.
    • Auswirkung: Studien haben gezeigt, dass hohe EE-Werte der Eltern mit einem erhöhten Rückfallrisiko bei Schizophrenie korrelieren. Je negativer die emotionale Expressivität der Eltern, desto höher die Rückfallquote der Patienten. Es wird angenommen, dass diese Form der Kommunikation auch bei der Entstehung von Schizophrenie eine Rolle spielt, da sie zu einem emotional belasteten Klima in der Familie beiträgt.
    • Verbindung zu AD(H)D: Interessanterweise ähneln die Kommunikationsmuster bei hoher EE jenen von Menschen mit AD(H)D, was Davatz‘ Hypothese unterstützt, dass Familien mit AD(H)D und Schizophrenie denselben genetischen Neurotypus teilen könnten.
    • Mütterliche Rolle: Häufig zeigen Mütter von Schizophrenie-Patienten diesen Kommunikationsstil. Sie wirken oft angespannt und nervös.
  • Assoziative Kommunikation:
    • Definition: Dieser Stil ist durch nicht-lineares Denken gekennzeichnet, wobei Themen in vielen Variationen und Details behandelt werden. Die Gesprächsfäden sind oft schwer zu verfolgen, da ständig das Thema gewechselt wird.
    • Auswirkung: Diese fragmentierte und unklare Kommunikation erschwert das Verständnis und kann mit den Denkstörungen bei akuter Schizophrenie in Verbindung gebracht werden. Die Distraktibilität und der fehlende Fokus ähneln den Symptomen von AD(H)D.
    • „Communication deviance (CD)“: Wynne und Singer definierten diesen Stil als Kommunikationsabweichung, welche sie direkt mit Denkstörungen in Verbindung setzten.
  • Verdeckende Kommunikation:
    • Definition: Familien mit Schizophrenie neigen zu indirekter, ausweichender und geheimer Kommunikation. Sie „reden um den heissen Brei herum“ und vermeiden direkte Konfrontationen. Negative Emotionen werden meist nicht direkt geäussert.
    • Auswirkung: Diese Art der Kommunikation dient oft der indirekten Kontrolle und führt dazu, dass Kinder eine hochdifferenzierte emotionale Wahrnehmung entwickeln, um zwischen den Zeilen zu lesen.
  • Doppelbindung (Double-bind):
    • Definition: Hierbei werden widersprüchliche Botschaften auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig übermittelt. Kinder befinden sich in einer Zwickmühle, da sie egal wie sie reagieren, verlieren.
    • Auswirkung: Diese Kommunikationsweise führt zu Loyalitätskonflikten und kann die kognitive und emotionale Entwicklung des Kindes stark beeinträchtigen.
  • Konfliktvermeidung und Negation:
    • Definition: Um den Familienfrieden zu wahren, wird die individuelle Wahrnehmung oft verneint. Unterschiede in der Wahrnehmung werden unterdrückt.
    • Auswirkung: Diese Vermeidung führt dazu, dass Kinder ihre eigene Wahrnehmung verleugnen und sich blind an die Eltern anpassen.
  • Inkonsistente Erziehungsstile:
    • Definition: Wenn Eltern widersprüchliche Erziehungsansätze verfolgen, können Kinder keine konsistente Vorstellung von Bezugspersonen entwickeln.
    • Auswirkung: Das führt zu gespaltener Loyalität und kann dazu führen, dass Kinder versuchen, diese Konflikte durch Wahnvorstellungen zu lösen.
  • Paternaler Rückzug und mütterliche Überaktivität:
    • Definition: Väter ziehen sich oft aus der Familie zurück, während Mütter zu übermässiger verbaler Aktivität neigen, die als „ängstliche Mütter mit grossem Mund“ beschrieben wird.
    • Auswirkung: Dies führt dazu, dass emotionale Bedürfnisse und die notwendige Struktur fehlen. Mütter verdecken ihre eigene Hilflosigkeit hinter einer Fassade von Selbstsicherheit.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die elterliche Kommunikation in Familien mit Schizophrenie oft durch stressreiche, verwirrende, inkonsistente und indirekte Muster gekennzeichnet ist. Diese Muster können dazu beitragen, dass sich eine emotionale „Monsterwelle“ aufbaut und schliesslich zum Ausbruch von Schizophrenie führt. Die Therapie sollte daher nicht nur die Symptome des Patienten, sondern auch die Kommunikationsmuster und die Beziehungsdynamik in der Familie berücksichtigen.

https://books.apple.com/us/book/ad-h-d-and-schizophrenia/id1451739789

Entwicklung des Verständnisses von Psychosen

Die Entwicklung des Verständnisses von Psychosen, insbesondere der Schizophrenie, hat sich über die Jahre stark gewandelt. Frühe Konzepte waren oft statisch und pessimistisch, während modernere Ansätze die Dynamik, die Rolle der Umwelt und die Möglichkeiten der Verbesserung betonen.

  • Frühe Vorstellungen:
    • „Verblödung“ (démence précoce): Ende des 19. Jahrhunderts wurde Schizophrenie als eine Form von „Verblödung“ oder frühzeitiger Demenz betrachtet, die unweigerlich zu einem geistigen Verfall führt. Emil Kraepelin prägte diesen Begriff und sah Schizophrenie als eine unheilbare, genetisch bedingte Krankheit.
    • Stagnation: Nach Kraepelin herrschte lange Zeit eine Stagnation in der Forschung. Die Annahme einer rein genetischen, endogenen Erkrankung dominierte, die resistent gegenüber äusseren Einflüssen sei.
  • Dynamische und psychologische Ansätze:
    • Eugen Bleuler: Um 1911 führte Eugen Bleuler ein dynamischeres Konzept ein, das er Schizophrenie nannte, was „Spaltung der Psyche“ bedeutet. Er erkannte, dass biografische Traumata eine Rolle spielen könnten und dass es Potenzial für Verbesserung und Heilung gibt. Bleuler betonte auch die Rolle von Affekten (Emotionen), Ambivalenz, Autismus und Assoziationsstörungen als Schlüsselsymptome der Schizophrenie.
    • Psychoanalytische Paradigmen: Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen psychoanalytische Ansätze auf, die psychotische Symptome als verschlüsselte Botschaften mit symbolischer Bedeutung interpretierten, die in archaischen Ängsten verwurzelt sind. Sie konzentrierten sich auf existenzielle Ängste und sahen die Affektverflachung bei chronischer Schizophrenie als Schutzmechanismus gegen Überstimulation. Psychoanalysen erwiesen sich jedoch als zeit- und kostenintensiv, sodass nur wenige Fälle behandelt werden konnten.
    • Familienorientierung: In den 1960er und 1970er Jahren richtete sich der Fokus auf die Familiensituation der Betroffenen. Es wurden destruktive Beziehungsmuster und „doppelbindende“ Kommunikationsfallen identifiziert, die die Entwicklung von psychischen Erkrankungen begünstigen könnten. Daraus entwickelten sich Familientherapien, die das gesamte soziale System der Patienten in die Behandlung einbezogen.
  • Moderne Perspektiven:
    • Neurobiologie: In den letzten Jahrzehnten rückten neurobiologische Studien in den Vordergrund. Bildgebende Verfahren ermöglichten Einblicke ins Gehirn von Schizophreniepatienten, wobei Abweichungen im Frontallappen und anderen für die Emotionsregulation zuständigen Strukturen festgestellt wurden. Es blieb jedoch unklar, ob diese Befunde Ursache oder Folge der Erkrankung oder der Behandlung waren.
    • Wiederentdeckung psychosozialer Faktoren: Trotz der Fortschritte in der Neurobiologie kehrte der Fokus wieder auf milieu- und familienbezogene Ansätze zurück. Die Bedeutung von Resilienz und der Reaktivierung persönlicher, familiärer und umweltbedingter Ressourcen wurde betont. Studien zu „ausgedrückten Emotionen“ zeigten, dass die Entstehung psychotischer Symptome eng mit einer Zunahme emotionaler Spannung bei sensitiven Personen zusammenhängt.
    • Ursula Davatz‘ Modell: Davatz‘ Modell geht davon aus, dass sich in bestimmten Familien über Generationen eine emotionale „Monsterwelle“ aufbaut, die schliesslich zum Ausbruch einer Psychose führen kann. Sie betont die Bedeutung von AD(H)D als genetische Veranlagung und die Interaktion mit dem familiären Kontext. Dieses Modell ist mit anderen Paradigmen kompatibel und sieht emotionale Spannungen als zentralen Faktor.
    • Affektlogik: Der Begriff der „Affektlogik“ betont die Wechselwirkung zwischen Gefühl und Denken. Emotionen werden als biologisch verankerte Energien betrachtet, die das soziale Handeln antreiben und die Wahrnehmung beeinflussen. Psychotische Zustände können als Folge von nicht-linearen Verschiebungen im Energiesystem des Gehirns verstanden werden.
    • Zusammenhang AD(H)D und Schizophrenie: Die Quelle hebt hervor, dass AD(H)D eine wichtige Rolle als genetische Vulnerabilität für die Entwicklung von Schizophrenie spielt. Es wird auch aufgezeigt, dass eine ungünstige Interaktion zwischen Genen und Umwelt zu einer psychischen Erkrankung führen kann.
    • Multifaktorielle Sichtweise: Die heutige Sichtweise betont, dass Schizophrenie eine multifaktorielle Erkrankung ist, bei der genetische und umweltbedingte Faktoren zusammenwirken.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Verständnis von Psychosen einen langen Weg von rein biologischen zu komplexen, systemischen und biopsychosozialen Ansätzen gegangen ist. Moderne Forschung erkennt die Bedeutung von Emotionen, familiären Beziehungen und Umweltfaktoren, sowie die Notwendigkeit, diese Erkenntnisse in die Behandlung zu integrieren. Die verschiedenen Perspektiven können als komplementäre Aspekte einer komplexen Erkrankung betrachtet werden, anstatt als einander ausschliessende Wahrheiten.

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Work with Birds, Implications for Psychiatry

In the conversation, Johann Christian August Heinroth is mentioned in the context of behavioral research and its potential relevance to psychiatry. Here are the key points:

1. Work with Birds

  • Ideal Experiment Subjects: Heinroth and his wife raised various types of birds. Lukas Jenni from the bird observatory noted that birds are excellent experimental objects. They hatch from eggs, allowing for early and diverse influences on their development. This early manipulability makes them valuable for studying behavior, as it provides a controlled environment to observe how different factors shape an organism’s behavior from an early stage.
  • Observation – based Learning: The Heinroths closely observed the birds they raised. Their work was based on detailed observations, which is significant. Konrad Lorenz, who was well – known in Dr. Ursula Davatz’s family, received a book by Johann Christian August Heinroth on his 20th birthday. Lorenz later recognized Heinroth as the founder of behavioral research. This recognition emphasizes the importance of Heinroth’s work in the field of behavioral studies, as his observational approach set a precedent for understanding animal behavior.

2. Implications for Psychiatry

  • Methodological Inspiration: Dr. Davatz suggests that psychiatry could learn from the approach of researchers like Heinroth. Just as he observed the birds, wrote down his findings, and then developed theories, psychiatrists could adopt a similar method. Clinicians, in their practice, can listen to patients, reflect on their observations, and gradually develop concepts. This observational – based approach to theory – building can provide a more in – depth understanding of human behavior and mental disorders, including schizophrenia. It emphasizes the importance of direct observation and the collection of real – world data before formulating theories, rather than relying solely on pre – conceived models.

Podcast: Woher kommt die Schizophrenie?

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz, Prof. Dr.med. Luc Ciompi

24.7.2021
Woher kommt die Schizophrenie?
Audio

[00:00:02.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Lieber Luc Ciompi, es freut mich sehr, dass ich dich begrüßen darf zu einem zweiten gemeinsamen
Gespräch. Wir sind beides Spezialisten auf dem Gebiet der Schizophrenie. Du hast viel geforscht darin
und ich habe viel Therapien gemacht, unter anderem mit Schizophreniefamilien, also habe die
angeschaut. Als Leitsatz nenne ich unser Gespräch "Woher kommt die Schizophrenie?" Ich komme jetzt
aus meinem Erfahrungsbereich. Wenn ich mir all die Schizophreniefamilien, die ich behandelt habe,
begleitet habe, so etwas durchschaue, dann suche ich immer nach Mustern. Da ist mir das Muster
aufgekommen, und ich mache jetzt ein Wortspiel. Eine akute Schizophrenie tritt auf, wenn das System an
sich, also das Familiensystem, etwas verrücken müsste, verändern müsste. Der Patient, der dann die
Psychose bekommt, wird ja dann in der Umgangssprache "verrückt". Also es ist wieder das gleiche Wort.
Auf Schweizerdeutsch sagt man auch "ich bin verrückt", "ich bin wütend". Also sind sehr viele Emotionen
dabei, bei dieser Verrücktheit. Ich habe die Beobachtung gemacht, an sich müsste man etwas im System
verrücken. Das System hat aber Widerstände dagegen. Es ist der Schizophrene, der eigentlich
aufmerksam macht auf etwas. Aber es gelingt natürlich längstens nicht immer, dieses System so zu
verrücken, dass der Indexpatient nicht mehr verrückt sein muss.

[00:02:12.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite immer daran, versuche das auch und habe letztendlich auch wieder so eine Geschichte
gehabt und habe gedacht, jawohl, ich muss den Eltern sagen, es ist fertig mit dieser, ich sage jetzt mal,
Scheinheiligkeit. Die Wahrheit muss an die Oberfläche kommen. Vorher kann euer Sohn nicht normal
werden. Das sind so Gedanken. Ich frage mich dann, und ich kann dich fragen, du hast ja auch mit der
Schizophreniefamilien zu tun gehabt, was sind die behinderten Momente, die das System fesseln, die
Einschränkungen, dass das System sich nicht verändern kann, nicht sich verrücken kann, moralischer,
gesellschaftlicher, religiöser und auch je nachdem politischer Art. Dann als weiteres sage ich natürlich,
erzähl mir doch bitte deine Hypothese, dein Erklärungsmodell der Schizophrenie. Aber wenn du zuerst
etwas auf das eingehen könntest.

[00:03:23.810] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, also was sind die Behinderungen, die bremsen, die machen, dass ein Familiensystem sich nicht
verändern möchte. Ich möchte zunächst einmal unterstreichen, was du gesagt hast, dass da heftige
Emotionen im Spiel sind. Diese eigentlich immer, auch nach meiner Auffassung, namentlich vor dem
Ausbruch einer Psychose sind. Du hast einmal von einem emotionalen Tsunami gesprochen, da ist viel
los in der Familie, da sind heftige Spannungen, da sind Gegensätze, da sind Tabus namentlich auch, da
sind häufige Geheimnisse, über welche man nicht sprechen darf, unangenehme Vorfälle, die Emotionen
wecken und was verhindert, dass man diese Tabus oder auch Traumata, Konflikte, Zwischenfälle aller
Arten, die in einer Familiengeschichte passieren können, angeht, das ist höchst unangenehm, das zu tun.

Ich sehe in dieser Tatsache, dass eine Wunde anrühren tut weh. Deshalb versucht man, diese Wunde
viel lieber zuzudecken und zu tun, als wie wenn gar nichts wäre und zumindest gerade das, worum es
geht, nicht wäre. Ja, das, glaube ich, ist der häufigste und der wichtigste Hemmungsgrund. Man kann
natürlich dann auch noch allerhand gesellschaftliche, soziale, konventionelle bis vielleicht gar zu
politischen, im kleinen Sinn wohl politischen Hemmnissen tatsächlich nennen. Da werden oft
Konventionen verletzt, gesellschaftliche Konventionen. Es steht vielleicht so etwas wie ein Familienruf
oder eine Familienfassade auf dem Spiel, eine gutbürgerliche sagen wir es einmal, aber es kommt in
allen Sorten Familien vor. Es ist ein Beispiel ein schöner Schein, den man natürlich aus sehr vielen
gesellschaftlichen Gründen bis hin vielleicht zu, ja, wenn jemand eine Stellung hat, die er nicht in Gefahr
bringen will, besonders heute, wo sobald irgendetwas irgendwo nicht ganz stimmt, dann ist das in den
Medien, also in den sozialen Medien drin, das ist zentriert. Das sind die Hemmnisse, die ich sehe, in
erster Linie.

[00:06:35.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch, ich denke, das klingt bei mir gut an, da kann ich nur zustimmen. Wenn Du deine Theorie oder dein
Erklärungsmodell der Schizophrenie? Wenn du da etwas erläutern könntest, wie du das für dich
angeordnet hast.

[00:06:53.420] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich will das versuchen in aller Kürze zu tun, das ist aber nicht ganz leicht, weil die Schizophrenie ist eine
hochkomplexe Krankheit. Es sind viele Faktoren, die da einwirken und so dass auf einen einzigen
Nenner, kurzen Nenner zu bringen, droht, doch die Sache über Gebühr zu vereinfachen. Aber ich glaube
von diesem emotionalen Tsunami, von dieser emotionalen Spannungssituation, von der wir gesprochen
haben, auszugehen, das gilt auch für mein Schizophrenieverständnis. Ich habe mich insbesondere mit
den Emotionen beschäftigt und damit, was die Emotionen mit uns machen, vor allem mit unserem
Denken. Sie verändern unser Denken, sie verändern unsere Sichtweisen. In meinem Verständnis spielt
ein Wissenschaftszweig, der sich Synergetik nennt, das Zusammenwirken von Faktoren, aber auch vor
allem dann, dass Zusammenwirken von Emotionen für den Ausflug der Psychose eine wichtige, ich
würde sagen zentrale Rolle. Wir sind auch wieder bei diesem Tsunami. Wenn in einem System wir sind ja
beide systemtheoretisch auch orientiert, wenn in einem beliebigen System, nicht nur in einem
psychischen System, in einem sozialen System, sondern auch sogar in einem chemischen oder
physikalischen System die energetische Spannung auf einen kritischen Punkt steigt, dann schlägt das
Muster des Systems um. Das übergeordnete Muster. Also wenn wir an ein psychisches System denken,
eine Familie, eine Gruppe, ein Betrieb bildet ein System. Wenn wir darin immer mehr Spannung pumpen,
wenn da Dinge vorfallen, die ungeheure Konflikte machen, die die Leute wütend machen, die Leute
traurig machen, verunsichern. Also wenn die Spannung kritisch ansteigt, dann irgendeinmal knallt es
sozusagen. Da passiert etwas. Entweder rastet jemand aus oder es bringt sich jemand um oder es wird
jemand verrückt oder eben das System wird verrückt. Oder das ganze kracht in sich zusammen. Auf
jeden Fall das gewöhnliche Funktionsmuster geht nicht mehr. Unter bestimmten Umständen, die nach
meiner Meinung erst zum Teil geklärt sind und auf bestimmten Verletzlichkeitsfaktoren aufbauen, kann es
eben passieren, dass das System, das ganze System kracht durch die Verrücktheit und vielleicht eines
oder seltener Weise das ganze System, wenn alles durcheinander geht. Das ist ein, das sind wir glaube
ich, auf einem recht gemeinsamen Terrain. Das sind wichtige Elemente meines

Schizophrenieverständnisses. Es kommt dann noch einiges dazu, worüber ich mich jetzt nicht sehr
intensiv ausbreiten will. Aber du hast kürzlich einen Artikel von mir gesehen, wo auch vom sogenannten
Embodiment die Rede ist. Embodiment, das ist ein neuer Wissenschaftszweig für eine eigentlich
altbekannte Sache, nämlich dass namentlich unsere Emotionen, aber in bestimmtem Sinn auch unser
ganzes Denken, also die Psyche in unserem Body, in unserem Körper verankert und verwurzelt ist.

[00:11:27.240] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Wenn ich wütend werde, dann laufe ich rot an, dann geht mein Herz hoch, dann weiten sich meine
Pupillen und noch vieles andere, oder ich schwitze, vieles andere mehr. Also es gibt keine stärkeren
Emotionen ohne entsprechende körperliche Veränderungen. Man hat auch zeigen können, dass eben
auch das Denken irgendwie auf verschiedene Weise im Körper verankert ist. Das Gedächtnis, man redet
von einem Körpergedächtnis neuerdings. Aber es ist etwas Banales. Als Kind habe ich gelernt, Fahrrad
zu fahren, Velo zu fahren. Das kann ich nun. Das ist mein Körper, der das weiß. Ich weiß es nicht mehr.
Wie man das macht. Dieses Embodiment spielt für mich auch eine große Rolle, weil in der Schizophrenie
auch sehr viele körperliche Missempfindungen, namentlich aus der Schule der Phänomenologie gesehen
eine ganz wesentliche Rolle spielen. Es finden gewisse Leute sind der Ansicht, dass die eigentlichen
Wurzeln der Schizophrenie in einem falschen Körper oder veränderten Körperwahrnehmungen liegen
könnte. Und es gibt noch ein anderes Element, das mir in den letzten Zeiten zunehmend interessant
geworden ist. Das ist dieses Free Energy Prinzip, freie Energie von Carl Friesen. Das ist ein englischer
Psychiater und Mathematiker. Der hat mathematisch nachgewiesen, in verschiedener Weise, es komplex
zu lesen, aber trotzdem, dass eigentlich das System, also das körperliche, das psychische System, das
Körpersystem, der Organismus, aber auch jedes einzelne Untersystem, also bis zu den Zellen zum
Gehirn, dass die alle dauernd bestrebt sind, den Energieverlust möglichst gering zu halten.

[00:13:42.100] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Also keine freie Energie, das bedeutet keine Überraschungen. Damit stellt sich, um diese
Überraschungen auszuschliessen oder zu minimisieren, gibt es so etwas wie ein implizites Modell der
Wirklichkeit. Das, was sich der Organismus macht. Also wenn es blitzt, dann donnert es. Das sind so
Dinge, Zusammenhänge. Wenn dies und jenes passiert, oder wenn da ein Loch ist, dann muss ich
aufpassen. Alle diese Dinge, die werden gespeichert in einem impliziten inneren Modell. Der lebende
Organismus versucht, dem auch auszuweichen, also nicht ins Loch zu fallen oder in Panik zu verfallen,
wenn es donnert nach dem Blitz. Manchmal donnert es ganz heftig, dann hat es halt geblitzt, dann
donnert es, dann ist die Welt wieder sozusagen in Ordnung. Alle diese Elemente spielen nach meiner
Meinung zusammen. Das tönt sicher alles schon sehr komplex. Ich glaube, man kann, um das zu
vereinfachen, zurückzukehren zu diesem Tsunamibild. Hohe emotionale Spannungen, die machen
verrückt bestimmte Menschen, was dann auch zeigt, wie man allenfalls therapeutisch vorgehen kann,
nämlich diese Spannungen zu nachhaltig, nicht nur durch eine kleine Spannungsübung zu minimisieren.

[00:15:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche ein paar Gedanken dazu zu sagen, was mir da alles in den Sinn gekommen ist. Ich muss
schauen, dass ich es auf die Reihe bringe, wenn ich bei den Emotionen beginne. Also es stimmt, wenn
eine akute Psychose ausbricht, dann ist die ganze Familie in Aufruhr und alles in Aufruhr und der Patient

natürlich auch. Meine erste Reaktion ist dann immer runterfahren, nichts machen, weniger machen. Also
ich muss eigentlich das System immer beruhigen. Wenn ich selber ruhig bin und nicht nervös, dann kann
ich das. Wenn ich aber auch irgendwie unter Zeitdruck bin und unruhig, dann geht alles auseinander. Da
sage ich ja dann diesen Spruch "You never have a second chance to make a first impression". Wenn eine
Schizophreniefamilie an mich herantritt und die erlebt mich unsicher, kann ich es vergessen. Ich muss
wirklich absolut sicher sein. Also meine Ruhe bewahren können. Wenn wir von den Emotionen reden, die
meisten Schizophrenien treten ja auf im jungen Erwachsenenalter, Pubertät, jungen Erwachsenenalter.
Da redet man ja immer von Emotionskontrolle. Also der junge Mensch muss lernen, seine Emotionen zu
kontrollieren. Das Kind muss das noch nicht. Da muss die Mutter, das Kind oder der Vater beruhigen.
Wenn man erwachsen wird, sollte man die Gefühle einigermaßen in den Griff bekommen. Ich komme
zuerst vielleicht zum Embodiment. In der abendländischen Denkweise hat man Geist, Körper und Seele
getrennt. Für das Verständnis der Schizophrenie überhaupt allgemein, für das medizinische Verständnis
ist das eigentlich keine gute Sache. Gerade bei der Schizophrenie, also der Körper spielt jetzt langsam
immer mehr eine Rolle, man macht Körpertherapie etc. Aber im Denken wird es oft noch getrennt. Ich
habe zwei Jahre lang Weiterbildung gegeben bei Schwestern, die im zweiten Lehrgang, also in der
zweiten Lebenshälfte Krankenschwester geworden sind, Psychosomatik. Dann habe ich mir immer
Gedanken gemacht über die Psychosomatik und habe dann immer nach Sprichwörtern gesucht, also der
Schreck im Nacken, was liegt auf meinem Bauch oder was macht mich krank.

[00:18:14.820] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es läuft mir kalt über den Rücken.

[00:18:16.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja genau. Und so weiter. Es gibt so viele gute Sprichwörter, die keine Grenze machen zwischen Geist
und Körper. Da ist das noch alles zusammen und da sind ganz viele Weisheiten drin. Von dort her denke
ich, wir müssen auch in der Medizin wieder mehr diese Einheit herstellen und hin und her denken. Unser
Organ, das wir beforschen, ist ja das Gehirn, wenn ich das noch genauer untersuche und anschaue,
dann verwende ich immer das Modell des "Triune Brain" von Paul D. MacLean. In der neuen modernen
Neurowissenschaft ist das vielleicht veraltet. Er hat aufgebaut auf den drei Hirnhälften, das Reptilienbrain,
also das Stammhirn mit dem Kleinhirn, das dazu gehört, das sind die automatisierten Bewegungen, dass
wir Velo fahren können. Dann das mittlere Hirn, das limbische System, das die Emotionen beherrscht
oder beinhaltet, beherbergt. Und dann das Grosshirn. Er sagt extra "Triune Brain", also es ist keine
Hierarchie.

[00:19:37.080] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Die Dreifalt, das dreifältige Gehirn.

[00:19:40.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, kann man sagen. Nicht einfältig, aber dreifältig. Je nach Situation übernimmt ein anderes Gehirn. Der
Tsunami, der entsteht wahrscheinlich im emotionalen Gehirn, und der überflutet dann, der kann das
Großhirn überfluten und der kann auch das Stammhirn überfluten. In den Vorphasen, bevor die
Schizophrenie ausbricht, hat man oft andere Symptome, Depression, Rituale, zwanghaftes Verhalten,

also alles Verhaltensweisen, die etwas mehr ins Stammhirn gehören, also ins Reptilienhirn gehören.
Wenn die Psychose dann ausbricht, dann wird das kognitive Gehirn, also das Großhirn, überflutet und
dann bricht alles zusammen. Jetzt, wenn ich von Flutwelle spreche, In der "Zeit" hat es einen Artikel
gehabt in der letzten Woche über das Bauchgefühl und die Intuition. Der Artikel beginnt mit der
Millenniumwelle, die ein Surfer von Hawaii abgeritten hat. Er hat sich auf eine Art nach üblichem
Surfverhalten völlig falsch verhalten. Er ist nach hinten gelehnt und hat vorne das Bein gestreckt und er
hat die Welle abgeritten. Wie hat er das gekonnt? Er hat es natürlich gekonnt, weil er schon so viele
Wellen abgeritten hat, aber in dem Moment sind die üblichen Gesetze weg. Er musste etwas anderes
verwenden. Sein Körper konnte das. Ich wechsle jetzt von Affektlogik zu Intuition.

[00:21:40.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die gute Seite der Affektlogik. Über seine schnelle Entscheidungsfähigkeit, über die Intuition, die
geht ja immer schnell, hat er den Moment richtig erfasst und hat überlebt. In dem Sinn, wir in der
westlichen Welt und mit unserer Bildung sind sehr stark geprägt von unseren intellektuellen Fähigkeiten
und wenn diese wegfallen, und beim Schizophrenen fallen die über den Haufen, dann ist der Mensch
weniger wert. Aber das muss nicht unbedingt stimmen. Ich sage ja, die Schizophrenen sind in der Regel
sehr sensibel, und sie merken Dinge, die vielleicht jemand anderes besser unterdrücken kann. In dem
Sinn ist vor der emotionalen Monsterwelle wird viel, wie du gesagt hast, Stress gehortet. Die nehmen alle
möglichen Reize wahr, Situationen wahr, die jemand anders vielleicht nicht wahrnehmen würde. Da hat
Eugen Bleuler sogar gesagt, Schizophrene nehmen Dinge wahr, die der normale Mensch gar nicht
wahrnimmt. Das stimmt. Die nehmen da viel mehr rein und irgendwann mal explodiert es. Dieser
Übersprung, ich denke, das ist ein biologisches Gesetz, dass wenn ein System überfordert wird, an seine
Grenzen kommt, dann springt es um. Eine Zeit lang hat man gesagt "Natura non facit saltus", also die
Natur macht keine Sprünge. Das stimmt aber nicht.

[00:23:26.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Im biologischen System machen die Sprünge. Das Hirn macht die Sprünge. Ein Meer, das verschmutzt
wird, oder ein See, der kann noch lang kompensieren und irgendwann mal kann er nicht mehr und dann
schlägt es um. So läuft es, denke ich, auch im Gehirn. Dann steht das ganze System um. Es ist
überfordert. Also die Menschen, die da dann psychotisch werden, bei denen versagt die
Emotionskontrolle und die Regulation, also die Emotionsregulation. Dann kommen, ich könnte sagen
primitivere, da werte ich schon wieder, aber da kommen andere Verhaltensweisen, emotionale
Ausdrucksweisen zum Zug, zum Ausdruck. Macht das Sinn?

[00:24:25.440] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, ja, ich bin mit all dem.

[00:24:28.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz einverstanden. Vielleicht gehe ich sogar jetzt noch zurück zu deiner Familie und deiner Mutter. Du
hast sie in deinem Buch "Ciompi reflektiert", hast du gesagt, die verrückte Mama oder so etwas
ähnliches. In der normalen Welt ist sie verrückt erschienen. Aber sie hat einen Entcheid getroffen damals.
Der war sehr raffiniert. Sie hat dir als Älterer und deiner Schwester verboten, in die Schule zu gehen. Ihr

habt groß davon profitiert. Ihr hattet jegliche Freiheit. Das war eine wunderbare Lebensschule, das kann
ich gut nachvollziehen. Das war die eine Sache. Aber später ist dann herausgekommen, dass Ideen oder
Absichten vorhanden waren, die euch als Kinder entführen wollten. Also die Familie deines Vaters wollte
euch entführen. Denn ihr wart ja Kinder von der Familie des Vaters und Kinder von der Familie der Mutter.
In dem Sinn hat sie in weiser Intuition euch verboten, in die Schule zu gehen, denn wenn ihr in die Schule
gegangen wärt, wäre euer Verhalten voraussehbar gewesen. Man hätte euch abholen können von der
Schule und dann hätte es passieren können. Indem sie euch freigegeben hat und gesagt hat, ihr dürft
nicht in die Schule gehen, war euer Verhalten, wie ihr durch den Wald gegangen seid, überhaupt nicht
voraussehbar. Das war die Rettung. So konnte niemand euch an der Schule abholen. Also
hochintelligent, hochintuitiv, hochgeschickt und situationsgerecht. Also alle Achtung an deine Mutter.

[00:26:34.340] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, ja, ich bin auch dieser Meinung, dass man das so sehen kann. Nachdem eben dieses Tabu dann
irgendeinmal herausgekommen ist, dass die ganzen, also man muss vielleicht noch sagen, dass die Ehe
meiner Mutter mit ihrem Mann in Italien, sie war Schweizerin, dass die relativ früh mehr oder weniger in
die Brüche gegangen ist. Meine Mutter mit uns in die Schweiz gegangen ist und dann kam der Krieg und
dann kam alles mögliche und in dieser, es war sogar in der Kriegssituation, wollte die Familie meiner
Mutter oder meines Vaters oder mein Vater, wie dann seine Schwester uns erzählt hat, uns effektiv
entführen und es bestanden ganz klare Pläne, via Jesuiten in der Schweiz, die Betten seien schon
gemacht gewesen, hat unsere Tante, also die Schwester meines Vaters, uns dann später einmal
verraten. Das war sehr konkret die Sache. Da hat sich eben tatsächlich gezeigt, dass dieses verrückte
Verhalten meiner Mutter uns nicht mehr in die Schule zu schicken, wir waren damals zwischen neun und
elf Jahre alt, eigentlich eine gute Sache war. Es wäre nicht gut gekommen, wenn wir in dieses damals
chaotische Italien, wo dann sehr bald nachher die Front zwischen den Alliierten, die von Süden her
kamen, und den Deutschen, die das Italien noch zu verteidigen versuchten, genau dort war, nämlich
entlang dem Arno, wo wir eigentlich gewesen wären.

[00:28:31.790] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es gab viele Bombardierungen und so weiter, aber das nur so nebenbei. Also in diesem Licht erscheint
effektiv die Verrücktheit meiner Mutter gar nicht so verrückt.

[00:28:44.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das war überhaupt nicht verrückt. Das war eine super Intuition. Sie hat es durchgesetzt, weg von
der Norm. Man müsste ja eigentlich in die Schule gehen. Aber es war sehr gescheit. Wenn ich noch
weiter etwas sage zur Intuition, und wir gehen ja da hin und her von den lebendigen menschlichen
Systemen zu anderen biologischen Systemen, das war auch in diesem Artikel, da sagt der Gerd
Gigerenzer, die Intuition ist eigentlich eine geniale Errungenschaft der Evolution. Das, was du gesagt hast
mit der freien Energie. Die Natur versucht so wenig wie möglich freie Energie zu lassen, also sie bindet
sie, eigentlich, und die Evolution, die zeigt uns ja auch, die ist sehr effizient. Also es geht immer darum,
um Anpassungen, um Energie zu sparen, etc. Man kann es sich nicht leisten, so viel Energie zu
verwüsten. Da nennt der Gerd Gigerenzer einen lustigen Begriff, den habe ich mir da aufgeschrieben,
"ecological rationality", also ökologische Klugheit.

[00:30:08.920] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, das finde ich auch sofort ein sehr guter Begriff.

[00:30:14.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir gehen jetzt so in eine Welle hinein von Öko und so weiter und so weiter. Es ist viel noch nur
Lippenbekenntnis. Das Verständnis ist gerade im medizinischen Bereich das sage ich jetzt, und auch im
psychiatrischen, aus meiner Sicht nicht immer so tiefgehend. Aber ich denke, diesen Begriff, den könnten
wir uns etwas nutzen.

[00:30:39.110] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das ist sehr gut, ja.

[00:30:43.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Da zitiere ich jetzt noch, das kommt auch aus diesem Artikel von Albert Einstein, der hat offensichtlich
gesagt: "Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk, der rationale Verstand ein treuer Diener".

[00:31:07.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben die Tendenz heutzutage, uns viel mehr dem rationalen Verstand zuzuwenden und an den zu
glauben und den intuitiven Geist eher etwas zu vernachlässigen. Ich denke, es würde auch der
Wissenschaft gut tun, dass wir da etwas hervorheben. Dann kann ich nochmal ein Beispiel geben von
Johannes Kepler. Also Johannes Kepler hat ja zuerst davon geträumt, dass die Jünger um Jesus herum
sind und dann hat er die Planetenbahnen in elf Jahren errechnet. Also es braucht manchmal so intuitive
Gedanken, die an die Oberfläche kommen und die man erst hinterher errechnet.

[00:32:01.100] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Diesen Traum von Keppler habe ich noch nicht getroffen. Er hat das quasi als Eingangstor zu seinen
Forschungen über die Planetenbahn geträumt. Die Hühner würden um Jesus herum. Sehr lustig, das
wusste ich nicht.

[00:32:19.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche war ja mit dem Benzolring. Das hört man in der Medizin. August Kekulé hat geträumt von der
Schlange, die in den Schwanz weist. Dann hat er gedacht, nein, es ist nicht linear, es muss zirkulär sein.
So kam die biologische Chemie.

[00:32:41.400] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Wenn ich da noch etwas Kleines einwerfen kann. Das Buch von Arthur Koestler, der göttliche Funke heißt
es, da werden genau solche Sachen unter anderem der Benzolring und anderes werden aufgezeigt und
was interessant ist für unser Thema, also Arthur Koestler, hat Kreativität, Künstlerische Kreativität, Humor

und wissenschaftliche Kreativität alle eigentlich auf solche intuitive Vorahnungen zurückgeführt, denn die
Brücke zum Verrücktwerden hat er nicht gemacht in seinem Buch, aber ich habe das dann damals, als
ich die Affektlogik entwickelt habe, aufgegriffen und eine Brücke herzustellen versucht. Also diese
Intuitionssachen, das ist da etwas hochinteressantes.

[00:33:56.970] – Dr.med. Ursula Davatz
In den statistischen Untersuchungen, da kommt jetzt raus, dass in Familien mit Schizophrenie oder
manisch depressiv, dass da auch vermehrt künstlerische Fähigkeiten vorhanden sind.

[00:34:13.100] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das sind nicht konventionelle Gedankengänge, die zwei Seiten haben. Sie können ausrasten und
verrückt erscheinen oder sein. Oder sie können etwas Neues aufzeigen.

[00:34:32.420] – Dr.med. Ursula Davatz
John Forbes Nash Jr ist ja das berühmte Beispiel in "A Beautiful Mind". Also der war fast 20 Jahre lang,
glaube ich, ist er psychotisch herumgeirrt auf dem Areal von Princeton. Dann irgendwann hat er
beschlossen, wieder normal zu werden. Man sagt, er habe Medikamente bekommen. Er sagt aber nein,
er hat keine genommen. Dann hat er den Nobelpreis bekommen für Spieltheorie.

[00:35:01.620] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, das ist Wahnsinn.

[00:35:02.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist unglaublich.

[00:35:04.210] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Wahnsinn.

[00:35:04.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, eben. Da sind wir wieder beim Wort. Es ist Wahnsinn. Es sind extreme Dinge.

[00:35:15.000] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Deshalb ist ja die Schizophrenie so faszinierend, weil sie die Grenze zwischen vielen ganz
hochinteressanten psychischen Phänomenen berührt.

[00:35:27.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mir dann noch mehr Gedanken gemacht, wie springt das Hirn um? Wie kommt es zu den
Spannungen? Du hast schon einiges gesagt. Wie springt die Funktion weg von der Ratio hin zum

Verrückten und natürlich auch Hochinteressanten. Ich habe dann auch wieder so ein Wort geprägt. Ich
habe gesagt, die Schizophrenen, die kommunizieren über eine Kryptokommunikation. Sehr schön, ja. Es
ist immer eine verschlüsselte Kommunikation.

[00:36:09.120] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich bin genau der gleichen Meinung.

[00:36:13.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kommunizieren eigentlich mit Metaphern. Über die Bibel haben wir zum Teil gelernt, mit Metaphern
umzugehen. Heute ist es nicht mehr so gängig, dass man Metaphern verwendet. Aber wenn mir ein
Schizophrener erzählt, er sehe schwarze Schatten oder er höre die und die Stimmen. Als Studentin habe
ich noch gelernt, das ist alles nicht einsehbar, mit dem kann man nichts anfangen. Aber ich versuche
immer diese Kryptokommunikation zu entschlüssen. Manchen Patienten sage ich das auch direkt so, ich
sage, dieser Schatten ist ihr schlechtes Gewissen. Dann schaue ich, wieso hat er ein schlechtes
Gewissen. Ein intelligenter junger Mann hat die Ausbildung abgebrochen, alle Stellen verloren, hat ein
schlechtes Gewissen. Er hat Haschisch geraucht, ist psychotisch geworden und seinen Eltern gegenüber
hat er ein schlechtes Gewissen, dass er es nicht weitergebracht hat. Manche steigen auch darauf ein. Ich
versuche dann immer eigentlich diese Gefühle, die sie haben und die sie auch verdrängen, die sie nach
außen projizieren und auf jemand anderes projizieren oder auf irgendeine Gestalt projizieren, versuche
ich heimzuholen und wieder in der Gefühlswelt des Menschen zu verorten.

[00:37:44.060] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich bin derselben Meinung. Aus meiner Sicht oder in meiner Gewohnheit erkläre ich genau dasselbe, wie
du jetzt gesagt hast, mit dem Traum. Wir wissen seit Freud unter anderem, dass der Traum ja nicht
sinnlos ist, auch wenn er verrückt scheint, was man nur nächtlich manchmal daher träumt. Sondern man
weiss, dass das Sinn hat. Das hat Beziehungen zu Erlebnissen, zu Hoffnungen, zu Befürchtungen und so
weiter. Genau dasselbe ist es mit der schizophrenischen Symptomatik, mit den merkwürdigen
Verhaltensweisen, mit den Halluzinationen, mit den Wahnvorstellungen. Die machen Sinn, aber
versteckten Kryptosinn.

[00:38:42.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie machen alle Sinn. Man findet es nicht immer raus, aber ich versuche immer zu suchen und wenn
man es rausfindet…

[00:38:50.780] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Dann kann man damit was anfangen. Kann eine Kommunikation herstellen.

[00:39:05.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein weitere Frage: Du kennst ja meine Hypothese und meine Überzeugung. Man hat ja immer bei der
Schizophrenie nach den Genen und nach dem Umfeld gesucht. Auf Englisch sagt man da "nature versus

nurture". Sind es die Gene oder ist es das Umfeld? Ich glaube, da sind wir uns einig, es ist eigentlich
immer beides. Ich habe natürlich dann bei den Genen gesucht. Meine feste Überzeugung ist, dass das
ADHS und das ADS eine genetische Konstellation ist, die vulnerabel ist, um Schizophrenie zu entwickeln.
Aber nicht nur Schizophrenie, auch bipolare Störungen, schwere Depressionen, Delinquenz, also
Fehlverhalten im Sozialbereich. Wenn ich zwei Charakteristika dieser Menschen heraushole, man kann
natürlich noch vieles anders sagen, dann ist eines die hohe Sensibilität, sehr leicht verletzlich, zum Teil
auch hohe sensible Wahrnehmung, also wieder das, was Eugen Bleuler gesagt hat, die sehen mehr als
wir normalen Menschen sehen, und andererseits die Impulsivität. Die Impulsivität, die kann dann eben zu
dieser Monsterwelle führen, also zu diesem emotionalen Tsunami. In diesem Sinne sind die Kinder viel
schwieriger erziehbar. Also sie sind schnell verletzt, wenn sie sich emotional verteidigen, werden sie dann
aggressiv, dann muss man sie disziplinieren, dann fühlen sie sich nicht verstanden und dann passiert ein
Teufelskreis. Sie können auch, wenn sie sich verletzt fühlen, mehr die ADS Kinder dann einfach
zurückziehen, dann kommt man nicht mehr an sie ran und dann passiert wieder ein Teufelskreis.

[00:41:10.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Also je mehr sie sich zurückziehen, umso mehr redet das Umfeld für sie und das gibt dann diese
Autisten, die nur noch in der Innenwelt leben. In dem Sinne verursachen solche Kinder viel mehr mehr
Unruhe in einem System, mehr Erziehungsschwierigkeiten und mehr Verwerfungen. Wenn das System
schon geschwächt ist aus verschiedenen Gründen, kann Krankheit sein, finanzielle Probleme etc. Wenn
das System schon geschwächt ist, ist es nicht in der Lage, auf all diese Bedürfnisse dieser Kinder
einzugehen. Dann sehe ich, wie sich eine Krankheit entwickelt. Nicht nur psychische, auch körperliche.
Ich habe erwachsene Patienten, die aus einer ADHS Familie kommen und die dann mit 50 zum Teil
schon oder noch etwas älter ein körperliches Frack sind. Ich denke an einen Mann, der war als Junge,
wurde der als POS Kind diagnostiziert. Ich sage, das ist für mich das Gleiche. Heute würde man sagen
ADHS Kind. Die Mutter ist aus einer nicht intakten Familie gekommen, hat deshalb alles daran gesetzt,
aus diesem Jungen einen perfekten Jungen zu machen. Der war wild und Lausbub und so weiter. Hat
sich im Beruf gut integriert. Menschlich, privat, nichts und jetzt ist er in körperliches Frack, also x
Krankheiten.

[00:43:03.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Da denke ich, ja, da ist das sein Gehirn, sein Körper, sein vegetatives System ist viel zu stark
runtergezähmt worden, als dass er sich hätte entfalten können. Ich frage dich jetzt, was ist deine
Überlegung zu meiner Hypothese? Ich weiß nicht, wie du dich mit ADHS auseinandergesetzt hast.

[00:43:32.040] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich kenne diese Hypothese ja schon lange.

[00:43:33.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, ich weiß.

[00:43:34.660] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi

Wir kennen uns schon lange und du hast auch ein Buch geschrieben und ich habe dort sogar ein Vorwort
dazu geschrieben, die diese These vertritt. Also ich sage jetzt meine heutige Meinung dazu. Ich denke, da
ist sicher etwas dran. Ich denke, da ist etwas dran. Insofern vielleicht noch einschieben, dieses ADHS,
Attention Deficit Hyperactivity Syndrom, also Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität im
Wesentlichen, ist ja nicht so neu, wie man meint. Seit den 90er Jahren ist das plötzlich ungeheuer quasi
Mode geworden, vor allem auch wegen dem Ritalin. Man hat gemerkt, dass das Medikament Ritalin,
eigentlich ein Aufpeitschungsmittel, da manchmal quasi Wunder wirkt. Dann hat die Pharmaindustrie sich
dafür sehr zu interessieren begonnen. Aber die ganze Sache, also schon in den 60er Jahren, in den 70er
Jahren, hat man vom sogenannten POS, psychoorganisches Syndrom, oder Minimal Brain Syndrome,
geredet. Das waren solche Aufmerksamkeitsstörungen, Kognitionsstörungen, zum Teil
Verhaltensstörungen. Man hat schon damals die Vermutung aufgestellt und zum Teil auch ein Stück weit
nachgewiesen, dass das manchmal, nicht immer, im Vorfeld von Psychosen, dass solche POS Kinder
bevorzugt, sagen wir jetzt einmal, psychotisch werden können unter bestimmten Belastungsbedingungen.
Das hat man eigentlich schon damals gesagt. Was Du sagst ist im Wesentlichen dasselbe. Du sagst
dieses ADHS Syndrom kann zu allem möglichen führen. Es ist keineswegs Obligat, dass da eine
Schizophrenie daraus wird.

[00:46:05.240] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Man spricht auch in der Schizophrenie Theorie und Wissenschaft seit spätestens den 70er Jahren von
Vulnerabilität, sogenannten Vulnerabilitätskonzepten, die J. Zubin und B. Spring, das sind zwei
amerikanische Forscher, die ich kennengelernt habe. Sie haben diese Hypothese erstmals so formuliert,
dass sie dann quasi Allgemeingut wurde. Vulnerabilitäts-Stress-Hypothese, Vulnerabilität, also da ist ein
verletzliches Terrain und darauf, wenn da bestimmte Stresssituationen kommen, dann kann es eben zur
Verrückung kommen, zur Verrücktheit kommen. Also insofern, was du vertrittst, ich sage, da ist sicher
etwas dran, da ist etwas dran. Du vertrittst das auch mit viel Überzeugung und Nachdruck, regst
manchmal ein wenig Anstoß, so viel ich wahrgenommen habe. Es wird dir manchmal vorgeworfen, du
seist zu einseitig. Wenn man dir aber genau zuhört, bist du nicht einseitig, sondern du sagst, das ist kein
obligater Weg. Es kann auch verschiedenstes daraus werden. Es kann eine Schizophrenie, es kann eine
Depression, es kann ein aggressives Verhalten, es kann alles mögliche. Auf diesem verletzlichen Terrain
entstehen und insofern finde ich, das ist eine nützliche Hypothese. So viel ich weiß, und was ich weiß, ist,
heutzutage bin ich ein alter Mann und lange nicht mehr auf dem Laufenden, was man alles weiß.

[00:48:11.960] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich bin sogar überzeugt, niemand kann alles wissen. Sogar zu einem so umschriebenen Problem wie die
Schizophrenie. So viel ich weiß, das wollte ich sagen, ist diese Hypothese erst ungenügend empirisch
nachgewiesen. Das sind begründete Vermutungen. Es gibt Studien, die durchaus dafür sprechen, aber
man kann, glaube ich, also mit Vorbehalt, aufgrund meines Wissens, glaube ich, man kann da noch nicht
von einer gesicherten Tatsache reden. So sehe ich das.

[00:48:59.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wer waren die Forscher, die POS und Schizophrenie miteinander verlinkt haben?

[00:49:09.620] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Reinhart Lempp war ein sehr bekannter deutscher Kinderpsychiater in Tübingen. Er hat in mehreren
Büchern diesen Link hergestellt zwischen dem POS, also dem Minimal Brain Syndrome, diesen
Störungen, wo auch ein erblicher Faktor darin bekannt ist. Es gab sicher noch mehr Studien, die ich jetzt
aber nicht zitieren kann.

[00:49:59.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Der war Kinderpsychiater?

[00:49:59.830] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Der war Kinderpsychiater, Professor für Kinderpsychiatrie in Tübingen.

[00:50:04.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber wurde die Theorie von Reinhart Lempp je von der Erwachsenen Psychiatrie aufgenommen?

[00:50:11.930] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Reinhart Lempp war sehr bekannt und sehr angesehen in Deutschland, aber wie… Er war sicher nicht der
Einzige, der diese These vertreten hat, aber heutzutage, was auf Deutsch basiert, ist Provinz, nicht so
viel ich weiß hat Reinhart Lempp kaum auf Englisch publiziert, war also im englischen Sprachraum kaum
groß bekannt. Das ist das Handicap der Leute, die nicht Englisch publizieren? Heutzutage publiziert
jedermann auf Englisch, weil er sonst gar nicht wahrgenommen wird. Das war in den 60er, 70er, 80er
Jahren.

[00:51:06.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du sagst, es gibt noch keinen empirischen Beweis, ich verwende dann immer diese GWAS, also
die Genome Wide Association Studies, wo man versucht hat, den Gensatz anzuschauen und dann in
Bezug auf verschiedene Krankheiten analysiert hat. Da kam ja raus, dass Schizophrenie, bipolare
Störung, schwere Depression, Autismus und ADHS, also den gleichen oder stark überlappenden
Genlocus.

[00:51:42.460] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das wäre ein guter empirischer Beleg.

[00:51:51.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Man war dann wirklich sehr erstaunt, und es wurde noch mal wiederholt, aber jetzt sehe ich nichts mehr
davon. Also irgendwie wurde es nicht aufgegriffen von der Psychiatern. Warum, weiß ich auch nicht.

[00:52:05.180] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Diese Studie, die du zitierst, ist von wann, weißt du das?

[00:52:10.280] – Dr.med. Ursula Davatz
In meiner Bibliografie habe ich vergessen es zu erwähnen. Das wurde mir dann übel genommen oder
kritisiert. 2019.

[00:52:25.700] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Meine Erfahrung ist, dass die Thesen, die nicht ganz so gängig sind, die brauchen sehr viel Zeit in der
Wissenschaft, vor allem in der Psychiatrie, weil sehr oft sind es mehr Indizienbeweise als in der Physik
quasi harte Beweise. Bis sich da ein neues Paradigma durchgesetzt hat, braucht es Jahrzehnte in der
Schizophrenielehre.

[00:53:01.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Da zitiere ich immer die Barbara McClintock. Mit 40 hat sie die Translokation, etwas im genetischen
Bereich hat sie bewiesen oder festgestellt. 40 Jahre später, mit 80, hat sie den Nobelpreis bekommen.
Weil das einfach nicht gepasst hat zur gängigen Theorie.

[00:53:29.800] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es gibt viele solche Beispiele.

[00:53:39.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Das frage ich jetzt trotzdem, aus Deiner Sicht wo sollte man – jedem Tierchen sein Pläsierchen – jeder soll
das machen was er gut kann und gerne macht. Wo sollte man heutzutage im Bereich der
Schizophrenieforschung mehr vordringen? Das wäre dein Schwerpunkt?

[00:54:09.200] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Da muss ich wieder Vorbehalt machen. In meinem Alter übersehe ich lange nicht mehr alles, was
passiert. Ich kann nicht wirklich gültig sagen, da ist eine Lücke und dort ist zu viel gemacht usw. Das sind
Eindrücke aufgrund der mir zur Verfügung stehenden Informationen. Diesen Vorbehalt gemacht finde ich,
es gibit für mich zwei Gebiete, in denen ein gewaltiges Forschungsdefizit besteht und die ich als sehr
wichtig anschaue für die Schizophrenie. Das erste berührt erheblich deine Sichtweise, deine Hypothesen.
Es geht um die Verletzlichkeit. Was ist diese schizophrenogene Verletzlichkeit? Wieso kommt es, dass
verletzliche Menschen, zum Beispiel mit einem ADHS, aber auch mit anderen Verletzlichkeitsfaktoren,
Traumata oder anderen, die einen werden schizophren, die anderen werden depressiv, die dritten werden
aggressiv oder haben ein aggressives und persönlichkeitsgestörtes, wie man heute sagt, früher sagte
man psychopathisches Verhaltensweisen und die fünften, denen tut das nichts. Das ist für mich eines der
wichtigen, großen, ungeklärten Rätsel, wo nach meiner Meinung noch sehr viel mehr Forschung nötig ist
als die, die ich noch jetzt etwa wahrnehmen kann, dass sie passiert. Das andere, ebenfalls ganz nach
meiner Meinung hochwichtige, Gebiet ist, wieso heilen gewisse Schizophrenien aus? Was sind denn die
Faktoren, die es ausmachen? Ich selber habe große Langzeituntersuchungen durchgeführt in den 60er,
70er Jahren, wo wir hunderte von unter anderem auch Schizophrenen, aber auch andere Krankheiten,

aber wir reden jetzt von Schizophrenie, Schizophrene nachuntersucht haben, 30, 40, 50 bis 60 Jahre, es
war im Durchschnitt 37 Jahre, nach ihrer Ersthospitalisation.

[00:56:52.960] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es hat sich gezeigt und mit der Frage, was ist aus denen geworden, es hat sich gezeigt, dass etwa ein
Viertel geheilt war. Dass noch ein anderer Viertel gebessert war und dass die restlichen 50 Prozent
entweder schlecht oder sogar sehr schlecht, dass es denen schlecht ging. Aber was die Faktoren sind,
sind nicht medikamentöse Faktoren, es sind nicht andere therapeutische Faktoren, zumindest soweit wir
das herausfinden konnten. Es sind ein Stück weit wahrscheinlich gewisse Persönlichkeit-Struktur-
Faktoren. Das Einzige, was wir mit einiger Wahrscheinlichkeit herausfinden konnten, sind die
Lebensumstände. Einige Leute finden gewisse Nischen, günstige Nischen, und plötzlich geht es wieder.
Auch ohne Therapie. Wir sind ja bei weitem nicht die Einzigen, die solche Langzeituntersuchungen
gemacht haben. In der Schweiz war unter anderem Manfred Bleuler hat solche gemacht. In Deutschland
hat die Forschungsequipe von G. Huber und R. Schüttler haben fast zu ähnlicher Zeit Untersuchungen
gemacht. Wir haben alle etwa dasselbe herausgefunden über die Langzeitverläufe. Es ist sicher, dass ein
Teil, eher eine Minderheit, aber immerhin ein Viertel bis ein Drittel von Schizophrenen ausheilt. Schon das
allein war ein gewaltiges Resultat. Noch heute glauben das manche Leute nicht. Obwohl wir das vor 50
Jahren herausgefunden haben und zwar es gibt in der Welt mindestens 20 bis 30 Untersuchungen, die
das bestätigen, weil ich das weiß, weil ich denen natürlich etwas nach… Die habe ich gesammelt. Dieses
Wissen ist noch lange nicht wirklich in die Medizin und in die Psychiatrie als klare, sicheres Faktum
eingedrungen, aber es ist es. Deshalb meine, finde ich, das müsste erstens voll zur Kenntnis genommen
werden und zweitens beforscht werden. Da ist ein Defizit.

[00:59:34.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da bin ich mit dir einverstanden. Im Volksmund denkt man immer noch, die Schizophrenie ist nicht
heilbar. Auch die Mediziner haben die haben Haltung, oh je, abgeschrieben. Dabei ist der andere Beweis
da.

[00:59:51.250] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Um dieses noch zu ergänzen, in unseren Untersuchungen gab es Leute, die 15, 20 Jahre verrückt waren,
schizophren waren und dann spät noch sich wieder erholt haben. Andere haben sich nach ein, zwei
psychotischen Episoden sehr rasch erholt. Wir haben da Statistiken aufgestellt. Ich will damit bloß sagen,
selbst wenn jemand die längste Zeit krank ist, heisst das noch lange nicht, dass er nicht in den 10, 20
folgenden Jahren sich umentwickeln könnte, unter günstigen Umständen.

[01:00:36.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müsste man das psychosoziale Umfeld viel genauer untersuchen können. Das ist natürlich sehr
aufwendig.

[01:00:45.640] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das ist auch schwierig.

[01:00:48.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Schwierig zu kategorisieren. Darum wird es wahrscheinlich nicht gemacht.

[01:00:56.000] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, um da einen kleinen provokativen Pfeil zu schießen. Wenn man eine neurobiologische IRM
Untersuchung macht von so und so vielen Leuten und dann die Hirnbefunde und dann schaut, was
passiert über ein Jahr oder zwei. Dann kann man eine Publikation machen. Wenn man nicht publiziert,
und zwar vorwiegend gerade auch in diesem Bereich, im neurobiologischen Bereich mit den modernen
technischen Mitteln, dann kommt man nicht vorwärts in der heutigen Universitäts Psychiatrie Landschaft,
vorwiegend. Das ist eine bisschen grobe Vereinfachung. Aber es ist eine Spitze gegen die
Kurzzeitperspektiven und die rein neurobiologischen Perspektiven. Die sind beide interessant und recht,
aber es gibt Langzeitperspektiven, es gibt psychosoziale Gegebenheiten, es gibt soziale,
gesellschaftliche Gegebenheiten, zum Beispiel der Urbanismus ist ein offener Risikofaktor. Wieso gibt es
jetzt eine Lausanner Equipe, die daran forscht, interessanterweise. Es gibt eben nicht nur gerade das
Gehirn und die Synapsenmechanik.

[01:02:25.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da sage ich ja immer, das Gehirn ist ein soziales Organ und es wird beeinflusst, von sozialen Umfeld
und verändert sich auch. Dem müsste man Rechnung tragen.

[01:02:35.920] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das sind aber, um da noch etwas gerechter zu sein, sind natürlich hochkomplexe Zusammenhänge.
Deshalb ist es vielleicht auch kein Wunder, dass man die nicht einfach jetzt schon so durchschaut.

[01:02:54.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ja auch viel mit Suchtpatienten gearbeitet. Da hat man dann auch geschaut, wer kommt wieder
raus aus der Sucht und wer nicht. Ein ganz einfacher Faktor war, ich weiß jetzt auch nicht alle Details,
dass die Suchtpatienten immer eine Bezugsperson gehabt haben, die an sie geglaubt hat, das konnte ein
Elternteil, ein Geschwister, ein Lehrer, ein Freund sein. Ein Beziehungsaspekt.

[01:03:24.880] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Sehr interessant. Wir haben ähnliches für die Rehabilitationschancen gefunden.

[01:03:30.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das glaube ich. Irgendjemand auf dieser Welt, der nicht aufgibt. In dem Sinn, wenn ich Schizophrenie
begleite oder schwierige Situationen, versuche ich das aufrecht zu erhalten, auch weiterzugeben. Ich
glaube, da liegt noch eine Entwicklung drin.

[01:03:56.840] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das ist ganz wichtig, dass die Familien, die Angehörigen nicht einfach sagen, ja, jetzt ist die Diagnose da,
verloren und folglich kann man nichts mehr machen.

[01:04:06.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Unbehandelbar. Das ist nicht immer einfach, also die Leute gehen durch schwierige Situationen durch.
Ich habe noch einen letzten Gedanken. Ich interessiere mich ja sehr für Evolution und schaue auch alle
Dinge immer an, was hat das für einen evolutiven Wert? In dem Sinn bin ich dann auch zu den
Soziobiologen oder Ethologen gekommen, wie Edward O. Wilson. Er hat so eine große Bibel über
Soziobiologie geschrieben. Ein interessanter Primatenforscher ist Franz de Waal. Er hat mehrere Bücher
geschrieben und es ist leichter, die Tiere zu beobachten und wie die sich sozial verhalten, weil da keine
Vorurteile, oder man hat die jetzt abgelegt, man schaut sie nicht mehr mit anthropozentristischen, also
menschlich zentrierten Sichtweisen an, sondern man versucht einfach zu beobachten. Hast du da mal
reingeschaut? Ich frage mich, warum verwendet die Psychiatrie nicht mehr aus diesem Gebiet? Es gab
eine berühmte Forschung von Michael Meaney. Er ist spezialisiert auf biologische Psychiatrie, Neurologie
und Neurochirurgie, also nicht Mediziner mit den "High Licking Mothers" und "Low Licking Mothers". Das
heißt, die Ratten, die ihre kleinen viel schlecken. Diese Ratten, oder sind es Mäuse? Ich glaube, es sind
Mäuse. Die sind dann viel resistenter gegen Stress. Also die halten mehr aus.

[01:06:00.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gibt es lowlicking mothers und diese Kleinen, wenn die erwachsen werden, sind die weniger
resistent gegen Stress. Dann hat man aber Adoptionsversuche gemacht. Man hat die Kinder von
lowlicking mothers, den highlicking mothers, untergeschoben. Da haben diese Mütter diese auch viel
geschleckt. Dann waren die auch resilient, also resistent. Also das soziale Umfeld spielt eine große Rolle.
In den Untersuchungen von Pekka Tienari ist das ja auch herausgekommen, wenn die Familie gestört
war, dann haben die vulnerablen Gene durchgeschlagen. Wenn das Umfeld normal war, haben die
vulnerablen Gene nicht in einer Schizophrenie durchgeschlagen. Das zeigt eigentlich alles, wie das
Umfeld ja so ausschlaggebend ist. Ich denke, ja, wir müssten mehr zu den Soziobiologen oder Ethologen
gehen und schauen, was die da alles an Erfahrung haben.

[01:07:09.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Hast du dich damit befasst?

[01:07:11.140] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, ich habe mich nicht vertieft mit der Soziobiologie.

[01:07:19.320] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Du zitierst, E. O. Wilson, Frans de Waal, ich weiß einiges darüber. Ich bin nach meiner Emeritierung, das
ist jetzt schon urlange her, 1994, etwa anderthalb Jahre als Gastprofessor im Konrad Lorenz Institut in
Wien gewesen. Dort war natürlich, da geht es um Evolution und das ganze Forschungsinstitut war
eigentlich im Gefolge von Konrad Lorenz Forschungen war darauf angelegt, die Verhaltensweisen von

Tieren in ihren evolutionären Prozessen, wie sich das herausgebildet hat, zu erforschen und die
Beziehungen zum Menschen herzustellen. Ein Ziel von Konrad Lorenz war es ja eigentlich, den
menschlichen Geist zu verstehen, aufgrund des Tierverhaltens. Wenn ich recht verstehe, ist das praktisch
identisch mit dem Interessensfeld der Soziobiologie. Weniger von diesen von dir zitierten Soziobiologen
als von meiner Tätigkeit im Konrad Lorenz Institut, habe ich die Überzeugung mitgenommen, dass
zwischen dem tierischen und menschlichen Verhalten, Fühlen und Denken eine große Kontinuität
besteht. Man kann es auch anders sagen, man kann sagen, dass das menschliche Verhalten, Fühlen,
Denken nicht einfach so eines Tages aufgetreten ist und dann war der Mensch da und hat so funktioniert,
wie wir jetzt funktionieren, sondern dass das Millionen, also mehrere Millionen zu allermindesten
Prozesse sind, von denen, also man kann 80 Millionen Jahre zurück bis zum Beginn der Primaten.

[01:09:49.960] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Dem Menschen ähnliche Wesen sind ja etwa vor drei Millionen Jahren, drei bis vier Millionen Jahren
nachgewiesen und haben sich dann auch mit der Hirnentwicklung und offensichtlich mit dem Verhalten
immer weiterentwickelt. Kurz, ich will damit bloß sagen, ich glaube, ich bin sehr interessiert an der
Soziobiologie und finde es eine ganz wichtige, wie du auch, eine wichtige Wissenschaft, weil sie erstens
eine gewisse Kontinuität zwischen dem, wie sich die Tiere verhalten und wie sich der Mensch verhält,
zeigen. Vor allem im Gebiet der Emotionen ist ganz sicher, dass die Tiere ganz ähnliche, dass unsere
Emotionen in den Emotionen der Tiere wurzeln eigentlich und sich weiterentwickelt haben, weiter
differenziert haben. Was du was du eben auch sehr betont hast, zu dieser Soziobiologie gehört eben
auch die Umweltwirkungen und auch da bin ich eigentlich durchaus aus meiner Sicht ganz deiner
Meinung.

[01:11:14.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Schön. Ich war eine Verehrerin von Konrad Lorenz, so mit 18 Jahren. Ich habe das Buch gelesen 'So
kam der Mensch auf den Hund'. Ich habe eine Zeit lang, also Norbert Bischof, der Psychologe hier in
Zürich, der hat immer Gastvorlesungen angeboten am Freitag. Da bin ich eine Zeit lang an diese
gegangen und habe dann auch den Primark erlebt, wie er da erzählt hat, wie er den Affen reden gelernt
hat. Vielleicht noch eines, Jörg Hess, ein Primatologe in Basel, da haben wir mal eine Führung von ihm
besucht und er hat gesagt, die Gorillas können die Mimik besser lesen als wir und er hat nur so 50% von
dem was die können gelernt in seiner langen Forschungsphase. Weil wir halt auf die Worte gehen und
den Sinn, hören wir mehr auf das und sind dann nicht mehr so gewohnt die Mimik zu lesen. Wenn wir als
Familientherapeuten irgendwie stecken geblieben sind in einer Sitzung, dann hat man den Ton abgestellt,
dann mussten wir die ganze Gestik, und da kommt dann wieder das Verhalten, die Mimik, die Gestik
musste man anschauen und dann kann man tiefer rein. Also hat man auf einmal besser verstanden, was
eigentlich abläuft.

[01:12:49.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch erlebt, wenn ich in Länder gereist bin, von denen ich die Sprache nicht konnte, musste ich
viel aufmerksamer sein, was denkt jetzt der, was läuft jetzt da. Beobachten. Ich erlebe das gleiche bei
geistig Behinderten. Ich habe nicht so viel in Behandlung, aber da gehe ich dann wieder wie zurück auf
die Tierforschung. Ich muss die Leute dazu bringen, dass die beobachten. Was war denn da? Was war

da? Erst wenn die besser beobachten, dann lernen sie mit diesen Menschen umzugehen. Da treffen wir
uns wieder.

[01:13:36.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, Luc Ciompi, ich danke dir ganz herzlich für dein Kommen. Es war für mich sehr interessant. Ich
hoffe, für dich war es auch nicht so anstrengend.

[01:13:47.250] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, ich danke dir natürlich auch für die Einladung zu diesem Gespräch. Wir haben sehr viele gemeinsame
Interessen und auch sehr viele gemeinsame Orientierungen, würde ich mal sagen, in unserem
Verständnis, namentlich dieses faszinierenden Phänomens und schwierigen Phänomens der Psychose.

[01:14:07.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Schön. Ganz herzlichen Dank.

Woher kommt die Schizophrenie?

Audio:

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz, Prof. Dr.med. Luc Ciompi

24.7.2021
Woher kommt die Schizophrenie?
Audio

[00:00:02.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Lieber Luc Ciompi, es freut mich sehr, dass ich dich begrüßen darf zu einem zweiten gemeinsamen
Gespräch. Wir sind beides Spezialisten auf dem Gebiet der Schizophrenie. Du hast viel geforscht darin
und ich habe viel Therapien gemacht, unter anderem mit Schizophreniefamilien, also habe die
angeschaut. Als Leitsatz nenne ich unser Gespräch "Woher kommt die Schizophrenie?" Ich komme jetzt
aus meinem Erfahrungsbereich. Wenn ich mir all die Schizophreniefamilien, die ich behandelt habe,
begleitet habe, so etwas durchschaue, dann suche ich immer nach Mustern. Da ist mir das Muster
aufgekommen, und ich mache jetzt ein Wortspiel. Eine akute Schizophrenie tritt auf, wenn das System an
sich, also das Familiensystem, etwas verrücken müsste, verändern müsste. Der Patient, der dann die
Psychose bekommt, wird ja dann in der Umgangssprache "verrückt". Also es ist wieder das gleiche Wort.
Auf Schweizerdeutsch sagt man auch "ich bin verrückt", "ich bin wütend". Also sind sehr viele Emotionen
dabei, bei dieser Verrücktheit. Ich habe die Beobachtung gemacht, an sich müsste man etwas im System
verrücken. Das System hat aber Widerstände dagegen. Es ist der Schizophrene, der eigentlich
aufmerksam macht auf etwas. Aber es gelingt natürlich längstens nicht immer, dieses System so zu
verrücken, dass der Indexpatient nicht mehr verrückt sein muss.

[00:02:12.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite immer daran, versuche das auch und habe letztendlich auch wieder so eine Geschichte
gehabt und habe gedacht, jawohl, ich muss den Eltern sagen, es ist fertig mit dieser, ich sage jetzt mal,
Scheinheiligkeit. Die Wahrheit muss an die Oberfläche kommen. Vorher kann euer Sohn nicht normal
werden. Das sind so Gedanken. Ich frage mich dann, und ich kann dich fragen, du hast ja auch mit der
Schizophreniefamilien zu tun gehabt, was sind die behinderten Momente, die das System fesseln, die
Einschränkungen, dass das System sich nicht verändern kann, nicht sich verrücken kann, moralischer,
gesellschaftlicher, religiöser und auch je nachdem politischer Art. Dann als weiteres sage ich natürlich,
erzähl mir doch bitte deine Hypothese, dein Erklärungsmodell der Schizophrenie. Aber wenn du zuerst
etwas auf das eingehen könntest.

[00:03:23.810] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, also was sind die Behinderungen, die bremsen, die machen, dass ein Familiensystem sich nicht
verändern möchte. Ich möchte zunächst einmal unterstreichen, was du gesagt hast, dass da heftige
Emotionen im Spiel sind. Diese eigentlich immer, auch nach meiner Auffassung, namentlich vor dem
Ausbruch einer Psychose sind. Du hast einmal von einem emotionalen Tsunami gesprochen, da ist viel
los in der Familie, da sind heftige Spannungen, da sind Gegensätze, da sind Tabus namentlich auch, da
sind häufige Geheimnisse, über welche man nicht sprechen darf, unangenehme Vorfälle, die Emotionen
wecken und was verhindert, dass man diese Tabus oder auch Traumata, Konflikte, Zwischenfälle aller
Arten, die in einer Familiengeschichte passieren können, angeht, das ist höchst unangenehm, das zu tun.

Ich sehe in dieser Tatsache, dass eine Wunde anrühren tut weh. Deshalb versucht man, diese Wunde
viel lieber zuzudecken und zu tun, als wie wenn gar nichts wäre und zumindest gerade das, worum es
geht, nicht wäre. Ja, das, glaube ich, ist der häufigste und der wichtigste Hemmungsgrund. Man kann
natürlich dann auch noch allerhand gesellschaftliche, soziale, konventionelle bis vielleicht gar zu
politischen, im kleinen Sinn wohl politischen Hemmnissen tatsächlich nennen. Da werden oft
Konventionen verletzt, gesellschaftliche Konventionen. Es steht vielleicht so etwas wie ein Familienruf
oder eine Familienfassade auf dem Spiel, eine gutbürgerliche sagen wir es einmal, aber es kommt in
allen Sorten Familien vor. Es ist ein Beispiel ein schöner Schein, den man natürlich aus sehr vielen
gesellschaftlichen Gründen bis hin vielleicht zu, ja, wenn jemand eine Stellung hat, die er nicht in Gefahr
bringen will, besonders heute, wo sobald irgendetwas irgendwo nicht ganz stimmt, dann ist das in den
Medien, also in den sozialen Medien drin, das ist zentriert. Das sind die Hemmnisse, die ich sehe, in
erster Linie.

[00:06:35.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch, ich denke, das klingt bei mir gut an, da kann ich nur zustimmen. Wenn Du deine Theorie oder dein
Erklärungsmodell der Schizophrenie? Wenn du da etwas erläutern könntest, wie du das für dich
angeordnet hast.

[00:06:53.420] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich will das versuchen in aller Kürze zu tun, das ist aber nicht ganz leicht, weil die Schizophrenie ist eine
hochkomplexe Krankheit. Es sind viele Faktoren, die da einwirken und so dass auf einen einzigen
Nenner, kurzen Nenner zu bringen, droht, doch die Sache über Gebühr zu vereinfachen. Aber ich glaube
von diesem emotionalen Tsunami, von dieser emotionalen Spannungssituation, von der wir gesprochen
haben, auszugehen, das gilt auch für mein Schizophrenieverständnis. Ich habe mich insbesondere mit
den Emotionen beschäftigt und damit, was die Emotionen mit uns machen, vor allem mit unserem
Denken. Sie verändern unser Denken, sie verändern unsere Sichtweisen. In meinem Verständnis spielt
ein Wissenschaftszweig, der sich Synergetik nennt, das Zusammenwirken von Faktoren, aber auch vor
allem dann, dass Zusammenwirken von Emotionen für den Ausflug der Psychose eine wichtige, ich
würde sagen zentrale Rolle. Wir sind auch wieder bei diesem Tsunami. Wenn in einem System wir sind ja
beide systemtheoretisch auch orientiert, wenn in einem beliebigen System, nicht nur in einem
psychischen System, in einem sozialen System, sondern auch sogar in einem chemischen oder
physikalischen System die energetische Spannung auf einen kritischen Punkt steigt, dann schlägt das
Muster des Systems um. Das übergeordnete Muster. Also wenn wir an ein psychisches System denken,
eine Familie, eine Gruppe, ein Betrieb bildet ein System. Wenn wir darin immer mehr Spannung pumpen,
wenn da Dinge vorfallen, die ungeheure Konflikte machen, die die Leute wütend machen, die Leute
traurig machen, verunsichern. Also wenn die Spannung kritisch ansteigt, dann irgendeinmal knallt es
sozusagen. Da passiert etwas. Entweder rastet jemand aus oder es bringt sich jemand um oder es wird
jemand verrückt oder eben das System wird verrückt. Oder das ganze kracht in sich zusammen. Auf
jeden Fall das gewöhnliche Funktionsmuster geht nicht mehr. Unter bestimmten Umständen, die nach
meiner Meinung erst zum Teil geklärt sind und auf bestimmten Verletzlichkeitsfaktoren aufbauen, kann es
eben passieren, dass das System, das ganze System kracht durch die Verrücktheit und vielleicht eines
oder seltener Weise das ganze System, wenn alles durcheinander geht. Das ist ein, das sind wir glaube
ich, auf einem recht gemeinsamen Terrain. Das sind wichtige Elemente meines

Schizophrenieverständnisses. Es kommt dann noch einiges dazu, worüber ich mich jetzt nicht sehr
intensiv ausbreiten will. Aber du hast kürzlich einen Artikel von mir gesehen, wo auch vom sogenannten
Embodiment die Rede ist. Embodiment, das ist ein neuer Wissenschaftszweig für eine eigentlich
altbekannte Sache, nämlich dass namentlich unsere Emotionen, aber in bestimmtem Sinn auch unser
ganzes Denken, also die Psyche in unserem Body, in unserem Körper verankert und verwurzelt ist.

[00:11:27.240] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Wenn ich wütend werde, dann laufe ich rot an, dann geht mein Herz hoch, dann weiten sich meine
Pupillen und noch vieles andere, oder ich schwitze, vieles andere mehr. Also es gibt keine stärkeren
Emotionen ohne entsprechende körperliche Veränderungen. Man hat auch zeigen können, dass eben
auch das Denken irgendwie auf verschiedene Weise im Körper verankert ist. Das Gedächtnis, man redet
von einem Körpergedächtnis neuerdings. Aber es ist etwas Banales. Als Kind habe ich gelernt, Fahrrad
zu fahren, Velo zu fahren. Das kann ich nun. Das ist mein Körper, der das weiß. Ich weiß es nicht mehr.
Wie man das macht. Dieses Embodiment spielt für mich auch eine große Rolle, weil in der Schizophrenie
auch sehr viele körperliche Missempfindungen, namentlich aus der Schule der Phänomenologie gesehen
eine ganz wesentliche Rolle spielen. Es finden gewisse Leute sind der Ansicht, dass die eigentlichen
Wurzeln der Schizophrenie in einem falschen Körper oder veränderten Körperwahrnehmungen liegen
könnte. Und es gibt noch ein anderes Element, das mir in den letzten Zeiten zunehmend interessant
geworden ist. Das ist dieses Free Energy Prinzip, freie Energie von Carl Friesen. Das ist ein englischer
Psychiater und Mathematiker. Der hat mathematisch nachgewiesen, in verschiedener Weise, es komplex
zu lesen, aber trotzdem, dass eigentlich das System, also das körperliche, das psychische System, das
Körpersystem, der Organismus, aber auch jedes einzelne Untersystem, also bis zu den Zellen zum
Gehirn, dass die alle dauernd bestrebt sind, den Energieverlust möglichst gering zu halten.

[00:13:42.100] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Also keine freie Energie, das bedeutet keine Überraschungen. Damit stellt sich, um diese
Überraschungen auszuschliessen oder zu minimisieren, gibt es so etwas wie ein implizites Modell der
Wirklichkeit. Das, was sich der Organismus macht. Also wenn es blitzt, dann donnert es. Das sind so
Dinge, Zusammenhänge. Wenn dies und jenes passiert, oder wenn da ein Loch ist, dann muss ich
aufpassen. Alle diese Dinge, die werden gespeichert in einem impliziten inneren Modell. Der lebende
Organismus versucht, dem auch auszuweichen, also nicht ins Loch zu fallen oder in Panik zu verfallen,
wenn es donnert nach dem Blitz. Manchmal donnert es ganz heftig, dann hat es halt geblitzt, dann
donnert es, dann ist die Welt wieder sozusagen in Ordnung. Alle diese Elemente spielen nach meiner
Meinung zusammen. Das tönt sicher alles schon sehr komplex. Ich glaube, man kann, um das zu
vereinfachen, zurückzukehren zu diesem Tsunamibild. Hohe emotionale Spannungen, die machen
verrückt bestimmte Menschen, was dann auch zeigt, wie man allenfalls therapeutisch vorgehen kann,
nämlich diese Spannungen zu nachhaltig, nicht nur durch eine kleine Spannungsübung zu minimisieren.

[00:15:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche ein paar Gedanken dazu zu sagen, was mir da alles in den Sinn gekommen ist. Ich muss
schauen, dass ich es auf die Reihe bringe, wenn ich bei den Emotionen beginne. Also es stimmt, wenn
eine akute Psychose ausbricht, dann ist die ganze Familie in Aufruhr und alles in Aufruhr und der Patient

natürlich auch. Meine erste Reaktion ist dann immer runterfahren, nichts machen, weniger machen. Also
ich muss eigentlich das System immer beruhigen. Wenn ich selber ruhig bin und nicht nervös, dann kann
ich das. Wenn ich aber auch irgendwie unter Zeitdruck bin und unruhig, dann geht alles auseinander. Da
sage ich ja dann diesen Spruch "You never have a second chance to make a first impression". Wenn eine
Schizophreniefamilie an mich herantritt und die erlebt mich unsicher, kann ich es vergessen. Ich muss
wirklich absolut sicher sein. Also meine Ruhe bewahren können. Wenn wir von den Emotionen reden, die
meisten Schizophrenien treten ja auf im jungen Erwachsenenalter, Pubertät, jungen Erwachsenenalter.
Da redet man ja immer von Emotionskontrolle. Also der junge Mensch muss lernen, seine Emotionen zu
kontrollieren. Das Kind muss das noch nicht. Da muss die Mutter, das Kind oder der Vater beruhigen.
Wenn man erwachsen wird, sollte man die Gefühle einigermaßen in den Griff bekommen. Ich komme
zuerst vielleicht zum Embodiment. In der abendländischen Denkweise hat man Geist, Körper und Seele
getrennt. Für das Verständnis der Schizophrenie überhaupt allgemein, für das medizinische Verständnis
ist das eigentlich keine gute Sache. Gerade bei der Schizophrenie, also der Körper spielt jetzt langsam
immer mehr eine Rolle, man macht Körpertherapie etc. Aber im Denken wird es oft noch getrennt. Ich
habe zwei Jahre lang Weiterbildung gegeben bei Schwestern, die im zweiten Lehrgang, also in der
zweiten Lebenshälfte Krankenschwester geworden sind, Psychosomatik. Dann habe ich mir immer
Gedanken gemacht über die Psychosomatik und habe dann immer nach Sprichwörtern gesucht, also der
Schreck im Nacken, was liegt auf meinem Bauch oder was macht mich krank.

[00:18:14.820] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es läuft mir kalt über den Rücken.

[00:18:16.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja genau. Und so weiter. Es gibt so viele gute Sprichwörter, die keine Grenze machen zwischen Geist
und Körper. Da ist das noch alles zusammen und da sind ganz viele Weisheiten drin. Von dort her denke
ich, wir müssen auch in der Medizin wieder mehr diese Einheit herstellen und hin und her denken. Unser
Organ, das wir beforschen, ist ja das Gehirn, wenn ich das noch genauer untersuche und anschaue,
dann verwende ich immer das Modell des "Triune Brain" von Paul D. MacLean. In der neuen modernen
Neurowissenschaft ist das vielleicht veraltet. Er hat aufgebaut auf den drei Hirnhälften, das Reptilienbrain,
also das Stammhirn mit dem Kleinhirn, das dazu gehört, das sind die automatisierten Bewegungen, dass
wir Velo fahren können. Dann das mittlere Hirn, das limbische System, das die Emotionen beherrscht
oder beinhaltet, beherbergt. Und dann das Grosshirn. Er sagt extra "Triune Brain", also es ist keine
Hierarchie.

[00:19:37.080] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Die Dreifalt, das dreifältige Gehirn.

[00:19:40.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, kann man sagen. Nicht einfältig, aber dreifältig. Je nach Situation übernimmt ein anderes Gehirn. Der
Tsunami, der entsteht wahrscheinlich im emotionalen Gehirn, und der überflutet dann, der kann das
Großhirn überfluten und der kann auch das Stammhirn überfluten. In den Vorphasen, bevor die
Schizophrenie ausbricht, hat man oft andere Symptome, Depression, Rituale, zwanghaftes Verhalten,

also alles Verhaltensweisen, die etwas mehr ins Stammhirn gehören, also ins Reptilienhirn gehören.
Wenn die Psychose dann ausbricht, dann wird das kognitive Gehirn, also das Großhirn, überflutet und
dann bricht alles zusammen. Jetzt, wenn ich von Flutwelle spreche, In der "Zeit" hat es einen Artikel
gehabt in der letzten Woche über das Bauchgefühl und die Intuition. Der Artikel beginnt mit der
Millenniumwelle, die ein Surfer von Hawaii abgeritten hat. Er hat sich auf eine Art nach üblichem
Surfverhalten völlig falsch verhalten. Er ist nach hinten gelehnt und hat vorne das Bein gestreckt und er
hat die Welle abgeritten. Wie hat er das gekonnt? Er hat es natürlich gekonnt, weil er schon so viele
Wellen abgeritten hat, aber in dem Moment sind die üblichen Gesetze weg. Er musste etwas anderes
verwenden. Sein Körper konnte das. Ich wechsle jetzt von Affektlogik zu Intuition.

[00:21:40.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die gute Seite der Affektlogik. Über seine schnelle Entscheidungsfähigkeit, über die Intuition, die
geht ja immer schnell, hat er den Moment richtig erfasst und hat überlebt. In dem Sinn, wir in der
westlichen Welt und mit unserer Bildung sind sehr stark geprägt von unseren intellektuellen Fähigkeiten
und wenn diese wegfallen, und beim Schizophrenen fallen die über den Haufen, dann ist der Mensch
weniger wert. Aber das muss nicht unbedingt stimmen. Ich sage ja, die Schizophrenen sind in der Regel
sehr sensibel, und sie merken Dinge, die vielleicht jemand anderes besser unterdrücken kann. In dem
Sinn ist vor der emotionalen Monsterwelle wird viel, wie du gesagt hast, Stress gehortet. Die nehmen alle
möglichen Reize wahr, Situationen wahr, die jemand anders vielleicht nicht wahrnehmen würde. Da hat
Eugen Bleuler sogar gesagt, Schizophrene nehmen Dinge wahr, die der normale Mensch gar nicht
wahrnimmt. Das stimmt. Die nehmen da viel mehr rein und irgendwann mal explodiert es. Dieser
Übersprung, ich denke, das ist ein biologisches Gesetz, dass wenn ein System überfordert wird, an seine
Grenzen kommt, dann springt es um. Eine Zeit lang hat man gesagt "Natura non facit saltus", also die
Natur macht keine Sprünge. Das stimmt aber nicht.

[00:23:26.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Im biologischen System machen die Sprünge. Das Hirn macht die Sprünge. Ein Meer, das verschmutzt
wird, oder ein See, der kann noch lang kompensieren und irgendwann mal kann er nicht mehr und dann
schlägt es um. So läuft es, denke ich, auch im Gehirn. Dann steht das ganze System um. Es ist
überfordert. Also die Menschen, die da dann psychotisch werden, bei denen versagt die
Emotionskontrolle und die Regulation, also die Emotionsregulation. Dann kommen, ich könnte sagen
primitivere, da werte ich schon wieder, aber da kommen andere Verhaltensweisen, emotionale
Ausdrucksweisen zum Zug, zum Ausdruck. Macht das Sinn?

[00:24:25.440] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, ja, ich bin mit all dem.

[00:24:28.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz einverstanden. Vielleicht gehe ich sogar jetzt noch zurück zu deiner Familie und deiner Mutter. Du
hast sie in deinem Buch "Ciompi reflektiert", hast du gesagt, die verrückte Mama oder so etwas
ähnliches. In der normalen Welt ist sie verrückt erschienen. Aber sie hat einen Entcheid getroffen damals.
Der war sehr raffiniert. Sie hat dir als Älterer und deiner Schwester verboten, in die Schule zu gehen. Ihr

habt groß davon profitiert. Ihr hattet jegliche Freiheit. Das war eine wunderbare Lebensschule, das kann
ich gut nachvollziehen. Das war die eine Sache. Aber später ist dann herausgekommen, dass Ideen oder
Absichten vorhanden waren, die euch als Kinder entführen wollten. Also die Familie deines Vaters wollte
euch entführen. Denn ihr wart ja Kinder von der Familie des Vaters und Kinder von der Familie der Mutter.
In dem Sinn hat sie in weiser Intuition euch verboten, in die Schule zu gehen, denn wenn ihr in die Schule
gegangen wärt, wäre euer Verhalten voraussehbar gewesen. Man hätte euch abholen können von der
Schule und dann hätte es passieren können. Indem sie euch freigegeben hat und gesagt hat, ihr dürft
nicht in die Schule gehen, war euer Verhalten, wie ihr durch den Wald gegangen seid, überhaupt nicht
voraussehbar. Das war die Rettung. So konnte niemand euch an der Schule abholen. Also
hochintelligent, hochintuitiv, hochgeschickt und situationsgerecht. Also alle Achtung an deine Mutter.

[00:26:34.340] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, ja, ich bin auch dieser Meinung, dass man das so sehen kann. Nachdem eben dieses Tabu dann
irgendeinmal herausgekommen ist, dass die ganzen, also man muss vielleicht noch sagen, dass die Ehe
meiner Mutter mit ihrem Mann in Italien, sie war Schweizerin, dass die relativ früh mehr oder weniger in
die Brüche gegangen ist. Meine Mutter mit uns in die Schweiz gegangen ist und dann kam der Krieg und
dann kam alles mögliche und in dieser, es war sogar in der Kriegssituation, wollte die Familie meiner
Mutter oder meines Vaters oder mein Vater, wie dann seine Schwester uns erzählt hat, uns effektiv
entführen und es bestanden ganz klare Pläne, via Jesuiten in der Schweiz, die Betten seien schon
gemacht gewesen, hat unsere Tante, also die Schwester meines Vaters, uns dann später einmal
verraten. Das war sehr konkret die Sache. Da hat sich eben tatsächlich gezeigt, dass dieses verrückte
Verhalten meiner Mutter uns nicht mehr in die Schule zu schicken, wir waren damals zwischen neun und
elf Jahre alt, eigentlich eine gute Sache war. Es wäre nicht gut gekommen, wenn wir in dieses damals
chaotische Italien, wo dann sehr bald nachher die Front zwischen den Alliierten, die von Süden her
kamen, und den Deutschen, die das Italien noch zu verteidigen versuchten, genau dort war, nämlich
entlang dem Arno, wo wir eigentlich gewesen wären.

[00:28:31.790] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es gab viele Bombardierungen und so weiter, aber das nur so nebenbei. Also in diesem Licht erscheint
effektiv die Verrücktheit meiner Mutter gar nicht so verrückt.

[00:28:44.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das war überhaupt nicht verrückt. Das war eine super Intuition. Sie hat es durchgesetzt, weg von
der Norm. Man müsste ja eigentlich in die Schule gehen. Aber es war sehr gescheit. Wenn ich noch
weiter etwas sage zur Intuition, und wir gehen ja da hin und her von den lebendigen menschlichen
Systemen zu anderen biologischen Systemen, das war auch in diesem Artikel, da sagt der Gerd
Gigerenzer, die Intuition ist eigentlich eine geniale Errungenschaft der Evolution. Das, was du gesagt hast
mit der freien Energie. Die Natur versucht so wenig wie möglich freie Energie zu lassen, also sie bindet
sie, eigentlich, und die Evolution, die zeigt uns ja auch, die ist sehr effizient. Also es geht immer darum,
um Anpassungen, um Energie zu sparen, etc. Man kann es sich nicht leisten, so viel Energie zu
verwüsten. Da nennt der Gerd Gigerenzer einen lustigen Begriff, den habe ich mir da aufgeschrieben,
"ecological rationality", also ökologische Klugheit.

[00:30:08.920] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, das finde ich auch sofort ein sehr guter Begriff.

[00:30:14.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir gehen jetzt so in eine Welle hinein von Öko und so weiter und so weiter. Es ist viel noch nur
Lippenbekenntnis. Das Verständnis ist gerade im medizinischen Bereich das sage ich jetzt, und auch im
psychiatrischen, aus meiner Sicht nicht immer so tiefgehend. Aber ich denke, diesen Begriff, den könnten
wir uns etwas nutzen.

[00:30:39.110] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das ist sehr gut, ja.

[00:30:43.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Da zitiere ich jetzt noch, das kommt auch aus diesem Artikel von Albert Einstein, der hat offensichtlich
gesagt: "Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk, der rationale Verstand ein treuer Diener".

[00:31:07.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben die Tendenz heutzutage, uns viel mehr dem rationalen Verstand zuzuwenden und an den zu
glauben und den intuitiven Geist eher etwas zu vernachlässigen. Ich denke, es würde auch der
Wissenschaft gut tun, dass wir da etwas hervorheben. Dann kann ich nochmal ein Beispiel geben von
Johannes Kepler. Also Johannes Kepler hat ja zuerst davon geträumt, dass die Jünger um Jesus herum
sind und dann hat er die Planetenbahnen in elf Jahren errechnet. Also es braucht manchmal so intuitive
Gedanken, die an die Oberfläche kommen und die man erst hinterher errechnet.

[00:32:01.100] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Diesen Traum von Keppler habe ich noch nicht getroffen. Er hat das quasi als Eingangstor zu seinen
Forschungen über die Planetenbahn geträumt. Die Hühner würden um Jesus herum. Sehr lustig, das
wusste ich nicht.

[00:32:19.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche war ja mit dem Benzolring. Das hört man in der Medizin. August Kekulé hat geträumt von der
Schlange, die in den Schwanz weist. Dann hat er gedacht, nein, es ist nicht linear, es muss zirkulär sein.
So kam die biologische Chemie.

[00:32:41.400] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Wenn ich da noch etwas Kleines einwerfen kann. Das Buch von Arthur Koestler, der göttliche Funke heißt
es, da werden genau solche Sachen unter anderem der Benzolring und anderes werden aufgezeigt und
was interessant ist für unser Thema, also Arthur Koestler, hat Kreativität, Künstlerische Kreativität, Humor

und wissenschaftliche Kreativität alle eigentlich auf solche intuitive Vorahnungen zurückgeführt, denn die
Brücke zum Verrücktwerden hat er nicht gemacht in seinem Buch, aber ich habe das dann damals, als
ich die Affektlogik entwickelt habe, aufgegriffen und eine Brücke herzustellen versucht. Also diese
Intuitionssachen, das ist da etwas hochinteressantes.

[00:33:56.970] – Dr.med. Ursula Davatz
In den statistischen Untersuchungen, da kommt jetzt raus, dass in Familien mit Schizophrenie oder
manisch depressiv, dass da auch vermehrt künstlerische Fähigkeiten vorhanden sind.

[00:34:13.100] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das sind nicht konventionelle Gedankengänge, die zwei Seiten haben. Sie können ausrasten und
verrückt erscheinen oder sein. Oder sie können etwas Neues aufzeigen.

[00:34:32.420] – Dr.med. Ursula Davatz
John Forbes Nash Jr ist ja das berühmte Beispiel in "A Beautiful Mind". Also der war fast 20 Jahre lang,
glaube ich, ist er psychotisch herumgeirrt auf dem Areal von Princeton. Dann irgendwann hat er
beschlossen, wieder normal zu werden. Man sagt, er habe Medikamente bekommen. Er sagt aber nein,
er hat keine genommen. Dann hat er den Nobelpreis bekommen für Spieltheorie.

[00:35:01.620] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, das ist Wahnsinn.

[00:35:02.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das ist unglaublich.

[00:35:04.210] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Wahnsinn.

[00:35:04.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, eben. Da sind wir wieder beim Wort. Es ist Wahnsinn. Es sind extreme Dinge.

[00:35:15.000] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Deshalb ist ja die Schizophrenie so faszinierend, weil sie die Grenze zwischen vielen ganz
hochinteressanten psychischen Phänomenen berührt.

[00:35:27.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mir dann noch mehr Gedanken gemacht, wie springt das Hirn um? Wie kommt es zu den
Spannungen? Du hast schon einiges gesagt. Wie springt die Funktion weg von der Ratio hin zum

Verrückten und natürlich auch Hochinteressanten. Ich habe dann auch wieder so ein Wort geprägt. Ich
habe gesagt, die Schizophrenen, die kommunizieren über eine Kryptokommunikation. Sehr schön, ja. Es
ist immer eine verschlüsselte Kommunikation.

[00:36:09.120] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich bin genau der gleichen Meinung.

[00:36:13.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie kommunizieren eigentlich mit Metaphern. Über die Bibel haben wir zum Teil gelernt, mit Metaphern
umzugehen. Heute ist es nicht mehr so gängig, dass man Metaphern verwendet. Aber wenn mir ein
Schizophrener erzählt, er sehe schwarze Schatten oder er höre die und die Stimmen. Als Studentin habe
ich noch gelernt, das ist alles nicht einsehbar, mit dem kann man nichts anfangen. Aber ich versuche
immer diese Kryptokommunikation zu entschlüssen. Manchen Patienten sage ich das auch direkt so, ich
sage, dieser Schatten ist ihr schlechtes Gewissen. Dann schaue ich, wieso hat er ein schlechtes
Gewissen. Ein intelligenter junger Mann hat die Ausbildung abgebrochen, alle Stellen verloren, hat ein
schlechtes Gewissen. Er hat Haschisch geraucht, ist psychotisch geworden und seinen Eltern gegenüber
hat er ein schlechtes Gewissen, dass er es nicht weitergebracht hat. Manche steigen auch darauf ein. Ich
versuche dann immer eigentlich diese Gefühle, die sie haben und die sie auch verdrängen, die sie nach
außen projizieren und auf jemand anderes projizieren oder auf irgendeine Gestalt projizieren, versuche
ich heimzuholen und wieder in der Gefühlswelt des Menschen zu verorten.

[00:37:44.060] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich bin derselben Meinung. Aus meiner Sicht oder in meiner Gewohnheit erkläre ich genau dasselbe, wie
du jetzt gesagt hast, mit dem Traum. Wir wissen seit Freud unter anderem, dass der Traum ja nicht
sinnlos ist, auch wenn er verrückt scheint, was man nur nächtlich manchmal daher träumt. Sondern man
weiss, dass das Sinn hat. Das hat Beziehungen zu Erlebnissen, zu Hoffnungen, zu Befürchtungen und so
weiter. Genau dasselbe ist es mit der schizophrenischen Symptomatik, mit den merkwürdigen
Verhaltensweisen, mit den Halluzinationen, mit den Wahnvorstellungen. Die machen Sinn, aber
versteckten Kryptosinn.

[00:38:42.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie machen alle Sinn. Man findet es nicht immer raus, aber ich versuche immer zu suchen und wenn
man es rausfindet…

[00:38:50.780] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Dann kann man damit was anfangen. Kann eine Kommunikation herstellen.

[00:39:05.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein weitere Frage: Du kennst ja meine Hypothese und meine Überzeugung. Man hat ja immer bei der
Schizophrenie nach den Genen und nach dem Umfeld gesucht. Auf Englisch sagt man da "nature versus

nurture". Sind es die Gene oder ist es das Umfeld? Ich glaube, da sind wir uns einig, es ist eigentlich
immer beides. Ich habe natürlich dann bei den Genen gesucht. Meine feste Überzeugung ist, dass das
ADHS und das ADS eine genetische Konstellation ist, die vulnerabel ist, um Schizophrenie zu entwickeln.
Aber nicht nur Schizophrenie, auch bipolare Störungen, schwere Depressionen, Delinquenz, also
Fehlverhalten im Sozialbereich. Wenn ich zwei Charakteristika dieser Menschen heraushole, man kann
natürlich noch vieles anders sagen, dann ist eines die hohe Sensibilität, sehr leicht verletzlich, zum Teil
auch hohe sensible Wahrnehmung, also wieder das, was Eugen Bleuler gesagt hat, die sehen mehr als
wir normalen Menschen sehen, und andererseits die Impulsivität. Die Impulsivität, die kann dann eben zu
dieser Monsterwelle führen, also zu diesem emotionalen Tsunami. In diesem Sinne sind die Kinder viel
schwieriger erziehbar. Also sie sind schnell verletzt, wenn sie sich emotional verteidigen, werden sie dann
aggressiv, dann muss man sie disziplinieren, dann fühlen sie sich nicht verstanden und dann passiert ein
Teufelskreis. Sie können auch, wenn sie sich verletzt fühlen, mehr die ADS Kinder dann einfach
zurückziehen, dann kommt man nicht mehr an sie ran und dann passiert wieder ein Teufelskreis.

[00:41:10.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Also je mehr sie sich zurückziehen, umso mehr redet das Umfeld für sie und das gibt dann diese
Autisten, die nur noch in der Innenwelt leben. In dem Sinne verursachen solche Kinder viel mehr mehr
Unruhe in einem System, mehr Erziehungsschwierigkeiten und mehr Verwerfungen. Wenn das System
schon geschwächt ist aus verschiedenen Gründen, kann Krankheit sein, finanzielle Probleme etc. Wenn
das System schon geschwächt ist, ist es nicht in der Lage, auf all diese Bedürfnisse dieser Kinder
einzugehen. Dann sehe ich, wie sich eine Krankheit entwickelt. Nicht nur psychische, auch körperliche.
Ich habe erwachsene Patienten, die aus einer ADHS Familie kommen und die dann mit 50 zum Teil
schon oder noch etwas älter ein körperliches Frack sind. Ich denke an einen Mann, der war als Junge,
wurde der als POS Kind diagnostiziert. Ich sage, das ist für mich das Gleiche. Heute würde man sagen
ADHS Kind. Die Mutter ist aus einer nicht intakten Familie gekommen, hat deshalb alles daran gesetzt,
aus diesem Jungen einen perfekten Jungen zu machen. Der war wild und Lausbub und so weiter. Hat
sich im Beruf gut integriert. Menschlich, privat, nichts und jetzt ist er in körperliches Frack, also x
Krankheiten.

[00:43:03.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Da denke ich, ja, da ist das sein Gehirn, sein Körper, sein vegetatives System ist viel zu stark
runtergezähmt worden, als dass er sich hätte entfalten können. Ich frage dich jetzt, was ist deine
Überlegung zu meiner Hypothese? Ich weiß nicht, wie du dich mit ADHS auseinandergesetzt hast.

[00:43:32.040] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich kenne diese Hypothese ja schon lange.

[00:43:33.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Klar, ich weiß.

[00:43:34.660] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi

Wir kennen uns schon lange und du hast auch ein Buch geschrieben und ich habe dort sogar ein Vorwort
dazu geschrieben, die diese These vertritt. Also ich sage jetzt meine heutige Meinung dazu. Ich denke, da
ist sicher etwas dran. Ich denke, da ist etwas dran. Insofern vielleicht noch einschieben, dieses ADHS,
Attention Deficit Hyperactivity Syndrom, also Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität im
Wesentlichen, ist ja nicht so neu, wie man meint. Seit den 90er Jahren ist das plötzlich ungeheuer quasi
Mode geworden, vor allem auch wegen dem Ritalin. Man hat gemerkt, dass das Medikament Ritalin,
eigentlich ein Aufpeitschungsmittel, da manchmal quasi Wunder wirkt. Dann hat die Pharmaindustrie sich
dafür sehr zu interessieren begonnen. Aber die ganze Sache, also schon in den 60er Jahren, in den 70er
Jahren, hat man vom sogenannten POS, psychoorganisches Syndrom, oder Minimal Brain Syndrome,
geredet. Das waren solche Aufmerksamkeitsstörungen, Kognitionsstörungen, zum Teil
Verhaltensstörungen. Man hat schon damals die Vermutung aufgestellt und zum Teil auch ein Stück weit
nachgewiesen, dass das manchmal, nicht immer, im Vorfeld von Psychosen, dass solche POS Kinder
bevorzugt, sagen wir jetzt einmal, psychotisch werden können unter bestimmten Belastungsbedingungen.
Das hat man eigentlich schon damals gesagt. Was Du sagst ist im Wesentlichen dasselbe. Du sagst
dieses ADHS Syndrom kann zu allem möglichen führen. Es ist keineswegs Obligat, dass da eine
Schizophrenie daraus wird.

[00:46:05.240] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Man spricht auch in der Schizophrenie Theorie und Wissenschaft seit spätestens den 70er Jahren von
Vulnerabilität, sogenannten Vulnerabilitätskonzepten, die J. Zubin und B. Spring, das sind zwei
amerikanische Forscher, die ich kennengelernt habe. Sie haben diese Hypothese erstmals so formuliert,
dass sie dann quasi Allgemeingut wurde. Vulnerabilitäts-Stress-Hypothese, Vulnerabilität, also da ist ein
verletzliches Terrain und darauf, wenn da bestimmte Stresssituationen kommen, dann kann es eben zur
Verrückung kommen, zur Verrücktheit kommen. Also insofern, was du vertrittst, ich sage, da ist sicher
etwas dran, da ist etwas dran. Du vertrittst das auch mit viel Überzeugung und Nachdruck, regst
manchmal ein wenig Anstoß, so viel ich wahrgenommen habe. Es wird dir manchmal vorgeworfen, du
seist zu einseitig. Wenn man dir aber genau zuhört, bist du nicht einseitig, sondern du sagst, das ist kein
obligater Weg. Es kann auch verschiedenstes daraus werden. Es kann eine Schizophrenie, es kann eine
Depression, es kann ein aggressives Verhalten, es kann alles mögliche. Auf diesem verletzlichen Terrain
entstehen und insofern finde ich, das ist eine nützliche Hypothese. So viel ich weiß, und was ich weiß, ist,
heutzutage bin ich ein alter Mann und lange nicht mehr auf dem Laufenden, was man alles weiß.

[00:48:11.960] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich bin sogar überzeugt, niemand kann alles wissen. Sogar zu einem so umschriebenen Problem wie die
Schizophrenie. So viel ich weiß, das wollte ich sagen, ist diese Hypothese erst ungenügend empirisch
nachgewiesen. Das sind begründete Vermutungen. Es gibt Studien, die durchaus dafür sprechen, aber
man kann, glaube ich, also mit Vorbehalt, aufgrund meines Wissens, glaube ich, man kann da noch nicht
von einer gesicherten Tatsache reden. So sehe ich das.

[00:48:59.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wer waren die Forscher, die POS und Schizophrenie miteinander verlinkt haben?

[00:49:09.620] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Reinhart Lempp war ein sehr bekannter deutscher Kinderpsychiater in Tübingen. Er hat in mehreren
Büchern diesen Link hergestellt zwischen dem POS, also dem Minimal Brain Syndrome, diesen
Störungen, wo auch ein erblicher Faktor darin bekannt ist. Es gab sicher noch mehr Studien, die ich jetzt
aber nicht zitieren kann.

[00:49:59.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Der war Kinderpsychiater?

[00:49:59.830] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Der war Kinderpsychiater, Professor für Kinderpsychiatrie in Tübingen.

[00:50:04.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber wurde die Theorie von Reinhart Lempp je von der Erwachsenen Psychiatrie aufgenommen?

[00:50:11.930] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Reinhart Lempp war sehr bekannt und sehr angesehen in Deutschland, aber wie… Er war sicher nicht der
Einzige, der diese These vertreten hat, aber heutzutage, was auf Deutsch basiert, ist Provinz, nicht so
viel ich weiß hat Reinhart Lempp kaum auf Englisch publiziert, war also im englischen Sprachraum kaum
groß bekannt. Das ist das Handicap der Leute, die nicht Englisch publizieren? Heutzutage publiziert
jedermann auf Englisch, weil er sonst gar nicht wahrgenommen wird. Das war in den 60er, 70er, 80er
Jahren.

[00:51:06.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du sagst, es gibt noch keinen empirischen Beweis, ich verwende dann immer diese GWAS, also
die Genome Wide Association Studies, wo man versucht hat, den Gensatz anzuschauen und dann in
Bezug auf verschiedene Krankheiten analysiert hat. Da kam ja raus, dass Schizophrenie, bipolare
Störung, schwere Depression, Autismus und ADHS, also den gleichen oder stark überlappenden
Genlocus.

[00:51:42.460] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das wäre ein guter empirischer Beleg.

[00:51:51.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Man war dann wirklich sehr erstaunt, und es wurde noch mal wiederholt, aber jetzt sehe ich nichts mehr
davon. Also irgendwie wurde es nicht aufgegriffen von der Psychiatern. Warum, weiß ich auch nicht.

[00:52:05.180] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Diese Studie, die du zitierst, ist von wann, weißt du das?

[00:52:10.280] – Dr.med. Ursula Davatz
In meiner Bibliografie habe ich vergessen es zu erwähnen. Das wurde mir dann übel genommen oder
kritisiert. 2019.

[00:52:25.700] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Meine Erfahrung ist, dass die Thesen, die nicht ganz so gängig sind, die brauchen sehr viel Zeit in der
Wissenschaft, vor allem in der Psychiatrie, weil sehr oft sind es mehr Indizienbeweise als in der Physik
quasi harte Beweise. Bis sich da ein neues Paradigma durchgesetzt hat, braucht es Jahrzehnte in der
Schizophrenielehre.

[00:53:01.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Da zitiere ich immer die Barbara McClintock. Mit 40 hat sie die Translokation, etwas im genetischen
Bereich hat sie bewiesen oder festgestellt. 40 Jahre später, mit 80, hat sie den Nobelpreis bekommen.
Weil das einfach nicht gepasst hat zur gängigen Theorie.

[00:53:29.800] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es gibt viele solche Beispiele.

[00:53:39.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Das frage ich jetzt trotzdem, aus Deiner Sicht wo sollte man – jedem Tierchen sein Pläsierchen – jeder soll
das machen was er gut kann und gerne macht. Wo sollte man heutzutage im Bereich der
Schizophrenieforschung mehr vordringen? Das wäre dein Schwerpunkt?

[00:54:09.200] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Da muss ich wieder Vorbehalt machen. In meinem Alter übersehe ich lange nicht mehr alles, was
passiert. Ich kann nicht wirklich gültig sagen, da ist eine Lücke und dort ist zu viel gemacht usw. Das sind
Eindrücke aufgrund der mir zur Verfügung stehenden Informationen. Diesen Vorbehalt gemacht finde ich,
es gibit für mich zwei Gebiete, in denen ein gewaltiges Forschungsdefizit besteht und die ich als sehr
wichtig anschaue für die Schizophrenie. Das erste berührt erheblich deine Sichtweise, deine Hypothesen.
Es geht um die Verletzlichkeit. Was ist diese schizophrenogene Verletzlichkeit? Wieso kommt es, dass
verletzliche Menschen, zum Beispiel mit einem ADHS, aber auch mit anderen Verletzlichkeitsfaktoren,
Traumata oder anderen, die einen werden schizophren, die anderen werden depressiv, die dritten werden
aggressiv oder haben ein aggressives und persönlichkeitsgestörtes, wie man heute sagt, früher sagte
man psychopathisches Verhaltensweisen und die fünften, denen tut das nichts. Das ist für mich eines der
wichtigen, großen, ungeklärten Rätsel, wo nach meiner Meinung noch sehr viel mehr Forschung nötig ist
als die, die ich noch jetzt etwa wahrnehmen kann, dass sie passiert. Das andere, ebenfalls ganz nach
meiner Meinung hochwichtige, Gebiet ist, wieso heilen gewisse Schizophrenien aus? Was sind denn die
Faktoren, die es ausmachen? Ich selber habe große Langzeituntersuchungen durchgeführt in den 60er,
70er Jahren, wo wir hunderte von unter anderem auch Schizophrenen, aber auch andere Krankheiten,

aber wir reden jetzt von Schizophrenie, Schizophrene nachuntersucht haben, 30, 40, 50 bis 60 Jahre, es
war im Durchschnitt 37 Jahre, nach ihrer Ersthospitalisation.

[00:56:52.960] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es hat sich gezeigt und mit der Frage, was ist aus denen geworden, es hat sich gezeigt, dass etwa ein
Viertel geheilt war. Dass noch ein anderer Viertel gebessert war und dass die restlichen 50 Prozent
entweder schlecht oder sogar sehr schlecht, dass es denen schlecht ging. Aber was die Faktoren sind,
sind nicht medikamentöse Faktoren, es sind nicht andere therapeutische Faktoren, zumindest soweit wir
das herausfinden konnten. Es sind ein Stück weit wahrscheinlich gewisse Persönlichkeit-Struktur-
Faktoren. Das Einzige, was wir mit einiger Wahrscheinlichkeit herausfinden konnten, sind die
Lebensumstände. Einige Leute finden gewisse Nischen, günstige Nischen, und plötzlich geht es wieder.
Auch ohne Therapie. Wir sind ja bei weitem nicht die Einzigen, die solche Langzeituntersuchungen
gemacht haben. In der Schweiz war unter anderem Manfred Bleuler hat solche gemacht. In Deutschland
hat die Forschungsequipe von G. Huber und R. Schüttler haben fast zu ähnlicher Zeit Untersuchungen
gemacht. Wir haben alle etwa dasselbe herausgefunden über die Langzeitverläufe. Es ist sicher, dass ein
Teil, eher eine Minderheit, aber immerhin ein Viertel bis ein Drittel von Schizophrenen ausheilt. Schon das
allein war ein gewaltiges Resultat. Noch heute glauben das manche Leute nicht. Obwohl wir das vor 50
Jahren herausgefunden haben und zwar es gibt in der Welt mindestens 20 bis 30 Untersuchungen, die
das bestätigen, weil ich das weiß, weil ich denen natürlich etwas nach… Die habe ich gesammelt. Dieses
Wissen ist noch lange nicht wirklich in die Medizin und in die Psychiatrie als klare, sicheres Faktum
eingedrungen, aber es ist es. Deshalb meine, finde ich, das müsste erstens voll zur Kenntnis genommen
werden und zweitens beforscht werden. Da ist ein Defizit.

[00:59:34.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da bin ich mit dir einverstanden. Im Volksmund denkt man immer noch, die Schizophrenie ist nicht
heilbar. Auch die Mediziner haben die haben Haltung, oh je, abgeschrieben. Dabei ist der andere Beweis
da.

[00:59:51.250] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Um dieses noch zu ergänzen, in unseren Untersuchungen gab es Leute, die 15, 20 Jahre verrückt waren,
schizophren waren und dann spät noch sich wieder erholt haben. Andere haben sich nach ein, zwei
psychotischen Episoden sehr rasch erholt. Wir haben da Statistiken aufgestellt. Ich will damit bloß sagen,
selbst wenn jemand die längste Zeit krank ist, heisst das noch lange nicht, dass er nicht in den 10, 20
folgenden Jahren sich umentwickeln könnte, unter günstigen Umständen.

[01:00:36.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Da müsste man das psychosoziale Umfeld viel genauer untersuchen können. Das ist natürlich sehr
aufwendig.

[01:00:45.640] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das ist auch schwierig.

[01:00:48.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Schwierig zu kategorisieren. Darum wird es wahrscheinlich nicht gemacht.

[01:00:56.000] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, um da einen kleinen provokativen Pfeil zu schießen. Wenn man eine neurobiologische IRM
Untersuchung macht von so und so vielen Leuten und dann die Hirnbefunde und dann schaut, was
passiert über ein Jahr oder zwei. Dann kann man eine Publikation machen. Wenn man nicht publiziert,
und zwar vorwiegend gerade auch in diesem Bereich, im neurobiologischen Bereich mit den modernen
technischen Mitteln, dann kommt man nicht vorwärts in der heutigen Universitäts Psychiatrie Landschaft,
vorwiegend. Das ist eine bisschen grobe Vereinfachung. Aber es ist eine Spitze gegen die
Kurzzeitperspektiven und die rein neurobiologischen Perspektiven. Die sind beide interessant und recht,
aber es gibt Langzeitperspektiven, es gibt psychosoziale Gegebenheiten, es gibt soziale,
gesellschaftliche Gegebenheiten, zum Beispiel der Urbanismus ist ein offener Risikofaktor. Wieso gibt es
jetzt eine Lausanner Equipe, die daran forscht, interessanterweise. Es gibt eben nicht nur gerade das
Gehirn und die Synapsenmechanik.

[01:02:25.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da sage ich ja immer, das Gehirn ist ein soziales Organ und es wird beeinflusst, von sozialen Umfeld
und verändert sich auch. Dem müsste man Rechnung tragen.

[01:02:35.920] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das sind aber, um da noch etwas gerechter zu sein, sind natürlich hochkomplexe Zusammenhänge.
Deshalb ist es vielleicht auch kein Wunder, dass man die nicht einfach jetzt schon so durchschaut.

[01:02:54.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ja auch viel mit Suchtpatienten gearbeitet. Da hat man dann auch geschaut, wer kommt wieder
raus aus der Sucht und wer nicht. Ein ganz einfacher Faktor war, ich weiß jetzt auch nicht alle Details,
dass die Suchtpatienten immer eine Bezugsperson gehabt haben, die an sie geglaubt hat, das konnte ein
Elternteil, ein Geschwister, ein Lehrer, ein Freund sein. Ein Beziehungsaspekt.

[01:03:24.880] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Sehr interessant. Wir haben ähnliches für die Rehabilitationschancen gefunden.

[01:03:30.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Das glaube ich. Irgendjemand auf dieser Welt, der nicht aufgibt. In dem Sinn, wenn ich Schizophrenie
begleite oder schwierige Situationen, versuche ich das aufrecht zu erhalten, auch weiterzugeben. Ich
glaube, da liegt noch eine Entwicklung drin.

[01:03:56.840] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das ist ganz wichtig, dass die Familien, die Angehörigen nicht einfach sagen, ja, jetzt ist die Diagnose da,
verloren und folglich kann man nichts mehr machen.

[01:04:06.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Unbehandelbar. Das ist nicht immer einfach, also die Leute gehen durch schwierige Situationen durch.
Ich habe noch einen letzten Gedanken. Ich interessiere mich ja sehr für Evolution und schaue auch alle
Dinge immer an, was hat das für einen evolutiven Wert? In dem Sinn bin ich dann auch zu den
Soziobiologen oder Ethologen gekommen, wie Edward O. Wilson. Er hat so eine große Bibel über
Soziobiologie geschrieben. Ein interessanter Primatenforscher ist Franz de Waal. Er hat mehrere Bücher
geschrieben und es ist leichter, die Tiere zu beobachten und wie die sich sozial verhalten, weil da keine
Vorurteile, oder man hat die jetzt abgelegt, man schaut sie nicht mehr mit anthropozentristischen, also
menschlich zentrierten Sichtweisen an, sondern man versucht einfach zu beobachten. Hast du da mal
reingeschaut? Ich frage mich, warum verwendet die Psychiatrie nicht mehr aus diesem Gebiet? Es gab
eine berühmte Forschung von Michael Meaney. Er ist spezialisiert auf biologische Psychiatrie, Neurologie
und Neurochirurgie, also nicht Mediziner mit den "High Licking Mothers" und "Low Licking Mothers". Das
heißt, die Ratten, die ihre kleinen viel schlecken. Diese Ratten, oder sind es Mäuse? Ich glaube, es sind
Mäuse. Die sind dann viel resistenter gegen Stress. Also die halten mehr aus.

[01:06:00.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gibt es lowlicking mothers und diese Kleinen, wenn die erwachsen werden, sind die weniger
resistent gegen Stress. Dann hat man aber Adoptionsversuche gemacht. Man hat die Kinder von
lowlicking mothers, den highlicking mothers, untergeschoben. Da haben diese Mütter diese auch viel
geschleckt. Dann waren die auch resilient, also resistent. Also das soziale Umfeld spielt eine große Rolle.
In den Untersuchungen von Pekka Tienari ist das ja auch herausgekommen, wenn die Familie gestört
war, dann haben die vulnerablen Gene durchgeschlagen. Wenn das Umfeld normal war, haben die
vulnerablen Gene nicht in einer Schizophrenie durchgeschlagen. Das zeigt eigentlich alles, wie das
Umfeld ja so ausschlaggebend ist. Ich denke, ja, wir müssten mehr zu den Soziobiologen oder Ethologen
gehen und schauen, was die da alles an Erfahrung haben.

[01:07:09.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Hast du dich damit befasst?

[01:07:11.140] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, ich habe mich nicht vertieft mit der Soziobiologie.

[01:07:19.320] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Du zitierst, E. O. Wilson, Frans de Waal, ich weiß einiges darüber. Ich bin nach meiner Emeritierung, das
ist jetzt schon urlange her, 1994, etwa anderthalb Jahre als Gastprofessor im Konrad Lorenz Institut in
Wien gewesen. Dort war natürlich, da geht es um Evolution und das ganze Forschungsinstitut war
eigentlich im Gefolge von Konrad Lorenz Forschungen war darauf angelegt, die Verhaltensweisen von

Tieren in ihren evolutionären Prozessen, wie sich das herausgebildet hat, zu erforschen und die
Beziehungen zum Menschen herzustellen. Ein Ziel von Konrad Lorenz war es ja eigentlich, den
menschlichen Geist zu verstehen, aufgrund des Tierverhaltens. Wenn ich recht verstehe, ist das praktisch
identisch mit dem Interessensfeld der Soziobiologie. Weniger von diesen von dir zitierten Soziobiologen
als von meiner Tätigkeit im Konrad Lorenz Institut, habe ich die Überzeugung mitgenommen, dass
zwischen dem tierischen und menschlichen Verhalten, Fühlen und Denken eine große Kontinuität
besteht. Man kann es auch anders sagen, man kann sagen, dass das menschliche Verhalten, Fühlen,
Denken nicht einfach so eines Tages aufgetreten ist und dann war der Mensch da und hat so funktioniert,
wie wir jetzt funktionieren, sondern dass das Millionen, also mehrere Millionen zu allermindesten
Prozesse sind, von denen, also man kann 80 Millionen Jahre zurück bis zum Beginn der Primaten.

[01:09:49.960] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Dem Menschen ähnliche Wesen sind ja etwa vor drei Millionen Jahren, drei bis vier Millionen Jahren
nachgewiesen und haben sich dann auch mit der Hirnentwicklung und offensichtlich mit dem Verhalten
immer weiterentwickelt. Kurz, ich will damit bloß sagen, ich glaube, ich bin sehr interessiert an der
Soziobiologie und finde es eine ganz wichtige, wie du auch, eine wichtige Wissenschaft, weil sie erstens
eine gewisse Kontinuität zwischen dem, wie sich die Tiere verhalten und wie sich der Mensch verhält,
zeigen. Vor allem im Gebiet der Emotionen ist ganz sicher, dass die Tiere ganz ähnliche, dass unsere
Emotionen in den Emotionen der Tiere wurzeln eigentlich und sich weiterentwickelt haben, weiter
differenziert haben. Was du was du eben auch sehr betont hast, zu dieser Soziobiologie gehört eben
auch die Umweltwirkungen und auch da bin ich eigentlich durchaus aus meiner Sicht ganz deiner
Meinung.

[01:11:14.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Schön. Ich war eine Verehrerin von Konrad Lorenz, so mit 18 Jahren. Ich habe das Buch gelesen 'So
kam der Mensch auf den Hund'. Ich habe eine Zeit lang, also Norbert Bischof, der Psychologe hier in
Zürich, der hat immer Gastvorlesungen angeboten am Freitag. Da bin ich eine Zeit lang an diese
gegangen und habe dann auch den Primark erlebt, wie er da erzählt hat, wie er den Affen reden gelernt
hat. Vielleicht noch eines, Jörg Hess, ein Primatologe in Basel, da haben wir mal eine Führung von ihm
besucht und er hat gesagt, die Gorillas können die Mimik besser lesen als wir und er hat nur so 50% von
dem was die können gelernt in seiner langen Forschungsphase. Weil wir halt auf die Worte gehen und
den Sinn, hören wir mehr auf das und sind dann nicht mehr so gewohnt die Mimik zu lesen. Wenn wir als
Familientherapeuten irgendwie stecken geblieben sind in einer Sitzung, dann hat man den Ton abgestellt,
dann mussten wir die ganze Gestik, und da kommt dann wieder das Verhalten, die Mimik, die Gestik
musste man anschauen und dann kann man tiefer rein. Also hat man auf einmal besser verstanden, was
eigentlich abläuft.

[01:12:49.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe auch erlebt, wenn ich in Länder gereist bin, von denen ich die Sprache nicht konnte, musste ich
viel aufmerksamer sein, was denkt jetzt der, was läuft jetzt da. Beobachten. Ich erlebe das gleiche bei
geistig Behinderten. Ich habe nicht so viel in Behandlung, aber da gehe ich dann wieder wie zurück auf
die Tierforschung. Ich muss die Leute dazu bringen, dass die beobachten. Was war denn da? Was war

da? Erst wenn die besser beobachten, dann lernen sie mit diesen Menschen umzugehen. Da treffen wir
uns wieder.

[01:13:36.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Okay, Luc Ciompi, ich danke dir ganz herzlich für dein Kommen. Es war für mich sehr interessant. Ich
hoffe, für dich war es auch nicht so anstrengend.

[01:13:47.250] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, ich danke dir natürlich auch für die Einladung zu diesem Gespräch. Wir haben sehr viele gemeinsame
Interessen und auch sehr viele gemeinsame Orientierungen, würde ich mal sagen, in unserem
Verständnis, namentlich dieses faszinierenden Phänomens und schwierigen Phänomens der Psychose.

[01:14:07.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Schön. Ganz herzlichen Dank.

Gespräch zwischen Schizophrenie-Experten

Audio:

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz, Prof. Dr.med. Luc Ciompi
8.3.2021
Ein Gespräch zwischen Schizophrenie-Experten
Audio

[00:00:05.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Prof. Dr. Luc Ciompi, ich freue mich sehr, dass du hierher gekommen bist zu diesem Gespräch und ich
hoffe, wir können ein interessantes, für uns beide, fruchtbares Gespräch führen. Wir haben uns in
Lausanne kennengelernt. Ich bin damals nach Lausanne gegangen, ich war immer interessiert an
Schizophrenie und ich wollte einen Spezialisten in Schizophrenie.

[00:00:32.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Professor Christian Müller, war damals einer der aktiven Psychiater, der sich ebenfalls für Schizophrenie
interessiert hat, neben dem Sohn von Eugen Bleuler, Manfred Bleuler und Gaetano Benedett, es gibt
noch einen anderen, einen Franzosen, Paul-Claude Racamier.

[00:00:55.570] – Dr.med. Ursula Davatz
So habe ich mich in Lausanne um eine Assistentenstelle beworben und habe dich dort zum ersten Mal
kennengelernt. Ich frage dich jetzt, du hast dich mit dieser Krankheit ein Leben lang beschäftigt, du bist
berühmt geworden auf diesem Gebiet. Was hat dich dazu bewogen, dich ein Leben lang mit dieser
schwerwiegenden Krankheit auseinanderzusetzen?

[00:01:27.880] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, das ist ziemlich komplex. Es ist keine einfach lineare Entwicklung gewesen. Eigentlich wollte ich
Schriftsteller werden oder Dichter oder so etwas, aber dann habe zu studieren begonnen Literatur, das
hat mir nicht gefallen, diese Zerpflückerei der Literatur, zu der ich einen ganzheitlicheren Zugang suchte.

[00:02:00.000] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Dann bin ich in die Medizin gegangen und habe Medizin studiert. Die Psychiatrie hat mich sehr
interessiert und in der Psychiatrie hat mich dann die Schizophrenie immer mehr zu interessieren
begonnen, weil das einfach eines der größten Rätsel ist, die es gibt. Es ist eine sehr, sehr vielfältige und
merkwürdige Krankheit.

[00:02:24.560] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
So pflege ich zu begründen, ein bisschen zu begründen, wieso ich zu einem Schizophrenie Interessierten
und Spezialisten geworden bin. In Wirklichkeit ist es noch ganz anders.

[00:02:43.330] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi

Meine Mutter war psychotisch und das hat mich geprägt, obwohl ich das seinerzeit gar nicht wusste, dass
ich Medizin und dann Psychiatrie und dann Schizophrenie vertieft studierte aus diesem Grund. Heute
weiss ich es jetzt.

[00:03:07.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Du da zurückschaust, ich interessiere mich ja sehr für Interaktionen zwischen Kindern und Eltern,
wenn Du jetzt aus deiner langjährigen Lebenserfahrung zurückschaust, was hast du von deiner Mutter
gelernt?

[00:03:23.480] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Was habe ich von meiner Mutter gelernt? Das ist eine ganz tiefgründige und natürlich komplexe Frage.
Wieder einmal ein bisschen oberflächlich, habe ich die Stölungsbilder kennengelernt. Merkwürdiges
Verhalten, gestörtes Verhalten, sie war mehr autistisch als dass sie produktiv, psychotisch war. Sie hatte
eigentlich keinen Wahn und so gehabt, aber sie hatte eine merkwürdige, rigide Persönlichkeit. Dahinter
wiederum, auf einer tiefen Schicht glaube ich, habe ich gelernt, dass jemand der krank ist auch gesund
ist und dass hinter einem kranken Menschen noch viel viel anderes steckt als bloß die Krankheit, eine
Person, eine Persönlichkeit und dann eine Lebensgeschichte.

[00:04:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn du an dich als Kind zurückdenkst, was war für dich am schwierigsten mit dieser Mutter
umzugehen?

[00:04:39.490] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Am schwierigsten waren die Leute ringsum im Dorf. Ich habe mich geschämt wegen meiner Mutter. Das
musste man verstecken. Ich wohnte bei meinen Großeltern in einer schönen Villa und dahinter war es
chaotisch und furchtbar zum Teil, im Zusammenhang mit der Krankheit meiner Mutter. Ich habe mich
während meiner ganzen Kindheit für meine Mutter und auch ein bisschen für meinen Vater geschämt. Ich
habe das verstecken müssen. Das war das Schlimmste.

[00:05:22.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Schön, dass du so offen sein kannst.

[00:05:24.760] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, im hohen Alter, ist die Risikozeit mehr oder weniger vorbei.

[00:05:33.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Das erlebe ich natürlich auch immer von Kindern, die kranke Eltern haben. Das ist etwas ganz
Schwieriges.

[00:05:43.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gehe ich weiter, wenn wir uns wieder auf die Schizophrenie konzentrieren, was ist deine wichtigste
Erkenntnis, die du aus dieser Krankheit herausgeholt hast im Laufe deines professionellen Lebens?

[00:06:02.350] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das ist eine tolle Frage. Du hast es am Anfang nicht erwähnt, aber in Lausanne habe ich grosse
Verlaufsuntersuchungen gemacht. Ich habe an die 300 schizophren erkrankte Menschen im Durchschnitt
fast vier Jahrzehnte nach ihrem Krankheitsbeginn nachuntersucht. Persönlich, also mit einer
Forschungsgruppe.

[00:06:33.880] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und ich sind heimgegangen, dort wo diese Leute zu finden waren.
In der Schweiz waren sie relativ gut zu finden, weil kein Krieg war und geordnete Verhältnisse waren usw.

[00:06:50.860] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Wir haben mit denen gesprochen, eine Stunde, zwei Stunden, haben Informationen eingeholt, bei der
Familie, zum Teil bei Ärzten usw. und haben herausgefunden, dass ein Viertel bis ein Drittel geheilt war,
nach Jahr und Tag und zwar zum Teil nach zehn, zwanzig Jahren schwieriger Krankheit, psychotisch,
zum Teil schwer erkrankt.

[00:07:19.040] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das hieß, dass diese Krankheit heilen kann. Das ist meine wichtigste Erkenntnis aus diesen
Untersuchungen, dass sie so wie gekommen sozusagen wieder verschwinden kann.

[00:07:37.390] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es ist auch noch interessant, dass man das vorher nicht weiss. Es gibt keine guten Prädiktoren, keine
Anhaltspunkte, ob die Krankheit schwer ist, in welchem Alter und wie lange sie gedauert hat. All das auf
lange Zeit ist statistisch irrelevant oder fast irrelevant. Das bedeutet, man weiss nie, ob es schlecht
herauskommt, man weiss nie, ob es gut herauskommt.

[00:08:10.300] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Dass es auch gut herauskommen kann, nach ganz schwerem und zum Teil auch jahrelang schwerem
Verlauf, das ist sicher meine wichtigste Erkenntnis. Denn das war mehr oder weniger neu.

[00:08:25.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich denke, das ist eine ganz tolle Erkenntnis, dass wir Wissenschaftler das nicht voraussagen können.
Ich glaube, Professor Hans Kind hat auch eine Untersuchung gemacht, dass erfahrene Psychiater,
Anfänger und so weiter, die konnten auch nie die Prognose voraussagen. Da komme ich natürlich rein mit
meiner Systemischen Theorie. Man hat zwar das Krankheitsbild, aber man weiß ja nicht, in welche

Umgebung dieser Mensch kommt, wie die Umgebung mit ihm umgeht und darum kann man es auch
nicht voraussagen.

[00:09:02.500] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Und wie die Lebensumstände sind und alles mögliche. Das Leben ist eben nicht voraussehbar, bei
niemandem.

[00:09:13.550] – Dr.med. Ursula Davatz
So ist es. Ich denke, das ist eine sehr wichtige Erkenntnis.

[00:09:15.160] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Für mich war das entscheidend wichtig. Das hat mein Verständnis, mein Bild verändert zu dieser
Krankheit und ich glaube es ist generell wichtig.

[00:09:33.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, absolut. Das passt auch wieder zu dem, was du gesagt hast von deiner Mutter. Du hast gesehen,
dass hinter einer Krankheit auch noch eine Person steckt, ein Leben steckt, eine Biografie, eine
Geschichte, die ist aus meiner Sicht so wichtig, dass man die mit einbezieht.

[00:09:52.920] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ganz wichtig, ja.

[00:09:53.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Habt ihr in der damaligen Studie irgendetwas Systemisches erfasst? Also in welchen Umständen die
gelebt haben, Partnerschaft und so weiter?

[00:10:03.010] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, mehr oder weniger. Also das Wort systemisch gab es damals noch kaum. Das hat gerade angefangen
in den 60er Jahren und man hat sich schon zu dieser Zeit begonnen, für die Umwelt, das Milieu, in dem
jemand drin lebt und auch krank geworden ist, vertiefter zu interessieren. Ich muss vielleicht noch sagen,
ich hatte ja auch eine psychoanalytische und dann auch psychosen psychoanalytische Ausbildung. Da ist
die Lebensgeschichte und die Umstände sind ohnehin im analytischen Zugang wichtig.

[00:10:48.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Das stimmt ja.

[00:10:48.770] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi

Zumindest die Lebensgeschichte, vielleicht die Umstände ein Stück weit. Aber damals, in diesen 1960er
Jahren, ist ja das systemische Paradigma, gerade in Lausanne wo wir beide waren, aufgekommen und
ist eingebrochen sozusagen auch in die Psychoanalyse, in die Psychiatrie, weil gesagt wurde, wenn ein
Mensch krank ist, dann ist das nicht unbedingt nur seine eigene Krankheit, sondern es kann eine
Konfliktsituation oder eine widerspruchsvolle, schwierige Situation in der Umgebung, namentlich in der
Familie sein. Dann ist er sozusagen ein Symptom dieses gestörten Systems. Das war für mich damals
neu. Aber später bin ich ja selber Systemiker geworden und Sozialpsychiater, gerade aus diesem Grund.

[00:11:55.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich den USA war, auch bei einem Schizophrenie Spezialisten, bei Murray Bowen, da hat Lausanne
mir eine Arbeit gesendet von über eine Systemische Frage an Murray. Dann hat er mir das zum Lesen
gegeben, zu redigieren.

[00:12:21.120] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Murray Bowen ist ein ganz toller und interessanter Autor.

[00:12:28.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat auch spannende Arbeit geleistet.

[00:12:31.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt komme ich zu deinem Konzept. Du hast das Konzept der Affektlogik aufgestellt. Ich versuche es
jetzt mit meinen Worten zu erklären, wie ich das verstehe, Du kannst dann korrigieren.

[00:12:46.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, bei diesen Menschen steht das emotionale Bedürfnis über der allgemeingültigen menschlichen
Logik. Diese Theorien, die dann Schizophrene aufbauen in Form von Wahnvorstellungen etc, die diese
konstruieren, diese Logik, die diese Menschen konstruieren, ist nicht mehr kompatibel mit der
allgemeinen Logik.

[00:13:15.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage, ist das nicht bis zu einem gewissen Grad eine allgemeine menschliche Eigenschaft, dass
Menschen zeitweise, wenn sie, ich sage jetzt mal, zu sehr unter Druck, in Bedrängnis kommen, dass sie
dann eine solche Affektlogik anwenden?

[00:13:36.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Natürlich nicht in diesem ausgeprägten Maße wie die Schizophrenen, aber in der Politik, in der Juristerei,
im Paarkonflikt?

[00:13:46.220] – Dr.med. Ursula Davatz

Man hat Untersuchungen gemacht und das war auch in Amerika. Studenten, die Probleme hatten, die hat
man aufgenommen und das alles registriert und dann zehn Jahre später wieder gefragt, wie das damals
war. Die haben zum Teil ganz andere Geschichten erzählt, als was da notiert war. Also die Objektivität
beim Menschen ist nicht so stabil.

[00:14:12.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage dich jetzt: Was ist der Moment, was sind die Umstände, was ist der Zeitpunkt, unter welchen
Bedingungen, unter welchen Umständen setzt ein Mensch diese Affektlogik als kommunikative Waffe ein,
sage ich jetzt mal.

[00:14:30.000] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Also auch das natürlich eine komplexe Frage. Ich könnte jetzt da eine Stunde lang einen Vortrag halten
drüber, weil ich habe das über Jahrzehnte entwickelt und es lässt sich auch nicht mit einem einzigen Wort
beantworten.

[00:14:48.280] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Manches von dem, was du jetzt gesagt hast, möchte ich unterstreichen. Du hast gefragt, ob das nicht
eine menschliche, allgemein menschliche Eigenschaft wäre, nämlich dass wir nicht nur mit der Logik,
sondern auch mit dem Gefühl, mit den Affekten funktionieren und operieren. Das ist eigentlich das
Kernstück der ganzen Affektlogik.

[00:15:12.150] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das ist nicht etwas nur krankhaftes, auch nicht etwas nur in gewissen Situationen als Waffe gebrauchtes,
Emotionales, sondern eine allgemein menschliche Eigenschaft. Die Kernaussage der Affektlogik, die zum
Teil von der Psychoanalyse herkommt, zum Teil vom Systemischen und dann auch noch sehr stark von
Jean Piaget. Das war für mich ein ganz wichtiger Jean Piaget, der große Genfer Forscher, der die
Entstehung des Geistigem beim Kind erforscht hat.

[00:15:49.100] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Diese drei Ingredienzen, Bestandteile sozusagen, haben sich zusammen gemausert in meinem Geiste
mit der Zeit zu diesem Konzept der Affektlogik.

[00:16:01.590] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Die Kernaussage ist, dass wir immer, sogar wenn wir Mathematik und Wissenschaft machen, sowohl
kognitiv, also denkerisch, logisch am Werk sind und dann auch affektiv, wobei was affektiv ist, muss
richtig definiert werden, so wie ich das verstehe, nach unserer Befindlichkeit, nach unserer psychischen
Verfassung.

[00:16:30.000] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi

Wir können entspannt sein, dann funktionieren wir auf eine bestimmte Weise. Wir können gespannt sein,
wütend oder angstvoll, ärgerlich, dann sehen wir ganz anderes in der Umwelt. Ich rede da von Schalt und
Filterwirkungen der Affekte.

[00:16:49.820] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Wir sind immer beides, sogar eben, wenn wir meinen neutral zu sein.

[00:16:57.160] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das ist eigentlich das Kernstück der Affektlogik, wenn man so will.

[00:17:01.410] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Dann aber kommen einige Spezifika. Eines hat sehr viel mit der Psychose zu tun. Dafür haben wir uns
auch in unseren Konzepten gefunden. Du hast von einem emotionalen Tsunami gesprochen in deinem
Buch. Eine Flutwelle, eine Überschwemmung mit Emotionen, die sehr oft verrückt werden, am
überschnappen sind.

[00:17:32.290] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich brauche diese Ausdrücke sehr bewusst und weil ich sie ausgezeichnet finde. An dieser Verrückung,
die das auslösen oder die daran schuld sind.

[00:17:47.920] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Effektiv meine ich, dass im Vorfeld einer Psychose eigentlich immer übergroße emotionale Spannungen
sind, die eine bestimmte Person, die auch vulnerable, verletzlich ist. Es gibt eine gewisse Erbkomponente
von Verletzlichkeit. Es kann nicht jeder, der will, verrückt werden.

[00:18:17.400] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Bei bestimmten verletzlichen, dünnhäutigen, dünnhäutig ist wichtig, sensiblen Personen kann eine solche
Überflutung eine Psychose auslösen, einen Überschnapp.

[00:18:33.980] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich habe noch nicht geantwortet auf die Waffe. Du hast nach der emotionalen Waffe gefragt.

[00:18:42.940] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich weiß nicht wann die Leute, die unser Interview allenfalls anhören, wann das sein wird. Vielleicht in
einigen Monaten, wo die aktuelle Aktualität vorbei ist.

[00:18:57.120] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Wir sind jetzt noch in der Covid Krise drin.

[00:19:00.540] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Die emotionale Waffe, also das Überfordertsein, das Überflutetsein mit Emotionen, mit Ärger, mit Angst,
mit dem Gefühl, alle anderen machen das blöd, das müsste man viel besser machen, oder die ganzen
Verschwörungstheorien, die jetzt überall grassieren, das sind die emotionalen Waffen, in
Anführungszeichen, die emotionalen Mittel.

[00:19:33.880] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Im Parlament jetzt gerade, gehen die Wogen hoch, die emotionalen, weil die einen sagen, den
Wissenschaftlern muss man das Reden verbieten, die sagen immer wieder etwas, das mir nicht passt.

[00:19:50.180] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Also in Krisensituationen, wo wir jetzt gerade drin sind, gibt es eine Emotionalisierung natürlich, über das
normale Maß hinaus.

[00:20:04.220] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Dann werden die Emotionen als Waffen, als Mittel gebraucht. Emotionen sind sehr ansteckend. Wenn ich
da irgendwo hingehe und da ist eine Menge von Leuten, die alle nicht sehr zufrieden sind und wenn ich
dann das Richtige sage, das ist nur dieser blöde Kerl von Herrn Berset oder Frau so und so. Das sind
alles nur irgendwelche Verschwörer da in Honolulu, die Geschäfte machen wollen, dass ich jetzt nicht ins
Restaurant gehen kann.

[00:20:45.640] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Wenn einer das richtig zu bringen weiß, selber von dieser Emotion erfasst ist, dann breitet sich das aus,
dann wird das zu einer Gruppen- bis Massenbewegung und manchmal zu großen politischen
Bewegungen emotionaler Art, wie z.B. der Nationalsozialismus.

[00:21:16.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Da habe ich vielleicht noch ein paar Gedanken dazu. Wenn ich Familiensysteme analysiere und du hast
gesagt, es können nicht alle verrückt werden, das stimmt. Die, die verrückt werden, sind sensibler als die
anderen und haben eine starke Emotionalität.

[00:21:35.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Da mache ich dann immer den Link zum ADHS, denn die haben das auch. Ich würde vielleicht sogar eher
sagen ADS, also ohne das H. Wenn ich die Familien anschaue, das Individuum das schlussendlich
durchdreht, also überschnappt, wie du schön sagst, dann hat das lange in einem gewissen emotionalen
Korsett gelebt, sich angepasst, ich würde sagen überangepasst, und dann kommt der Moment, wo es
überschnappt.

[00:22:08.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Da können die Emotionen nicht mehr behalten werden, nicht mehr abgeleitet werden, und sie
überschwemmen dann eben das kognitive System und sie schnappen über und dann kommt die
psychotische Logik.

[00:22:21.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Schweizerdeutsch ist das Wort "verrückt" so sehr treffend. "Ich bin verrückt" heisst "Ich bin wütend".
"Er ist verrückt geworden" kann auch noch heissen "Er ist wütend" und es heisst auch "Er spinnt". Er ist
übergeschnappt. Also wir haben im Wort "verrückt" haben wir die Krankheit und das Wütendsein.

[00:22:49.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Wütendsein ist in der Regel auch eine überdimensionale Emotionalität, die irgendwie raus muss.

[00:23:00.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich verwende das Wort dann noch weiter. Ich sage, im Augenblick, wo ein Familienmitglied überschnappt,
verrückt wird, im Sinn von Spinnen, müsste man eigentlich das System verrücken. Also man müsste am
System etwas ändern.

[00:23:18.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das, was ich immer versuche. Ich versuche, das System zu verändern, sodass dann dieses
vulnerable Familienmitglied nicht mehr verrückt werden muss, nicht mehr überschnappen muss.

[00:23:34.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal gelingt das und dann kommt die gesunde Persönlichkeit raus und kann sich entfalten. Das ist
eigentlich die Systemtherapie. Die finde ich unglaublich stark und wichtig. Es ist eine hohe Kunst, dass
man es hinkriegt.

[00:24:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schlage jetzt wieder zurück in die Wissenschaft.

[00:24:09.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben ja immer so Themen, die so etwas Modethemen sind. Die künstliche Intelligenz (KI) erhält zur
Zeit recht viel Aufmerksamkeit. Man setzt auch große Hoffnung in sie, man hat große Erwartungen an sie,
dass man dann eben alles Emotionale vielleicht ausschalten kann und dann alles rational organisieren,
verwalten etc.

[00:24:37.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Man verwendet die künstliche Intelligenz auch immer mehr im medizinischen Bereich. Jetzt in der
Psychiatrie durchsucht man Mengen von Daten mit Algorithmen und versucht dann neue Theorien

herauszufinden. Eine davon ist da die Genome Wide Association Studies, die GWAS. Man hat diese fünf
Krankheitsbilder Schizophrenie, manisch-depressiv, schwere Depression, Autismus und ADHS , da hat
man alle diese Bilder hat man auf ihre Genetik untersucht.

[00:25:31.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat sich herausgestellt, dass die ähnliche Genlocus Veränderungen haben, also sich relativ stark
überlappen in einem gewissen Genlocus. Dann war man sehr erstaunt, dass so verschiedene
Krankheitsbilder alle die gleiche Genveränderung haben.

[00:26:00.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kommen wir wieder zurück auf deine Erkenntnis. Man konnte nicht voraussagen, wie sich diese Leute
entwickeln, also die mit Psychose.

[00:26:11.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Was du gesagt hast, du hast bei deiner Mutter hinter der kranken Person auch einen Menschen gesehen,
eine Geschichte. Das kommt da eigentlich wieder raus, dass die Gene die Krankheit noch gar nicht so
fest bestimmen, sondern nur eine gewisse Vulnerabilität darstellen.

[00:26:32.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage dich jetzt, was ist aus deiner Sicht eine brauchbare Anwendung dieses Forschungsbereich der
künstlichen Intelligenz, bezogen auf die Schizophrenie?

[00:26:48.700] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Also ich finde, es gibt einen gewissen Mythos von der künstlichen Intelligenz, weil man meint, das sei nun
die Lösung. Die künstliche Intelligenz ist nichts anderes als die natürliche Intelligenz, die wir haben.

[00:27:14.550] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Eine bestimmte Essenz ist da draus genommen, nämlich sind lernfähige Algorithmen, sind lernfähige
Programme. Ich mache ein Programm, dass ich von hier nach rechts gehe und wenn ich dort anstoße,
mache ich einen rechten Winkel. Dann komme ich vielleicht irgendwo hin.

[00:27:39.400] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Dann kommt ein neuer rechter Winkel und dann gehe ich in eine andere Richtung. Ich habe gelernt, aha,
ich muss einmal rechts und einmal links gehen, um dort und dort hin zu kommen.

[00:27:52.360] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das lernt das kleine Kind, es lernt die Maus, die Ratte im Versuchslaboratorium ganz von selber.

[00:28:03.240] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi

Der Algorithmus sagt, man schaut, was dann passiert und wenn es schlecht rauskommt, dann sucht man
eine neue Lösung.

[00:28:13.030] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das ist die künstliche Intelligenz, also ein lernfähiger Algorithmus, der die natürliche Intelligenz dürftig
nachahmt aber eine ungeheuerliche Informationsverarbeitungskapazität hat.

[00:28:37.030] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich kann nicht nur 1 oder 2 oder vielleicht 10 oder 100 solche kleine Programme speichern. Wie das sich
entwickelnde Kind tut, das geht allerdings auch schon dort in die Tausende natürlich, sondern ich kann
Millionen von solchen Programmen und Schritten speichern und Millionendaten miteinander vergleichen.

[00:29:03.640] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das ist ein Fortschritt nach meiner Meinung. Da kann man Big Data Statistiken machen.

[00:29:11.990] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Man kann zum Beispiel in der Schizophrenie die 50 oder 100 Einflussfaktoren, die alle irgendwie
mithelfen, mitwirken, wie man weiss.

[00:29:22.390] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es ist die Jahreszeit, es ist das Geschlecht, es ist das Erkrankungsalter, die Frage, ob man auf dem Land
oder in der Stadt lebt und alle diese Einzelfaktoren, die ein bisschen das Risiko erhöhen oder verringern,
das kann man natürlich mit einer künstlichen Intelligenz, mit diesem Big Data aus einem Wust, einem
ungeheuren Wust von Informationen besser herausfiltern, wie wir das mit unserer natürlichen Intelligenz
können.

[00:30:03.940] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich glaube, um auf deine Frage zurückzukommen, um dann einen kranken Menschen eine Krankheit zu
beurteilen, dann ist die künstliche Intelligenz lang nicht so gut wie ein empathischer Mensch mit
Kenntnissen, mit Erfahrungen, ein Therapeut zum Beispiel, ein guter Therapeut.

[00:30:34.460] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Der Mensch ist eben mehr als ein Haufen Statistischer Informationen.

[00:30:44.260] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Statistiker sind Statistische Informationen und bis jetzt scheint mir die künstliche Intelligenz nicht
imstande, diese viel viel komplexeren Dinge im Menschen zu erfassen.

[00:31:01.740] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi

Wenn ich noch etwas anführen darf, was vorhin bei der Affektlogik nicht zum Ausdruck kam. Die Affekte,
die Gefühle, das Emotionale ist ja der Körper. Das ist eine körperliche Verfassung ursprünglich.

[00:31:17.040] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ein Gefühl ist eben etwas, das einen Menschen von Kopf bis Fuß verändert.

[00:31:24.350] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Wenn ich wütend bin, ist es keineswegs nur, dass ich im Kopf irgendeinen Ärgeranlass habe, sondern
mein Herz schlägt anders, meine Pupille ist verändert, meine Verdauung ist anders, meine ganze
Muskulatur ist verändert, bis in die Haarspitzen. Bis in die kleine Zehe sind zumindest starke Gefühle
zunächst mal auch eine körperliche Verfassung.

[00:31:57.320] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich möchte es hier einschieben, es gibt einen modernen Terminus in der Psychiatrie und Medizin, das
Embodiment. Der Mensch ist eben eine verkörperte, eine mit einem Körper ausgestattete und mit einem
ganzheitlichen Körper ausgestattete Maschinerie, wenn man so will. Nicht nur ein Computer, der Daten
verarbeiten kann.

[00:32:30.000] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Dieser Körperaspekt, wie man gerade auch in der Schizophrenie, aber überall, also im ganzen Leben,
erweist sich als viel, viel, viel wichtiger, als man die längste Zeit angenommen hat.

[00:32:47.590] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Man meinte, ja, das sind nur so Hirnoperationen. Nein, es sind ganzheitliche, hin und her wogende
Operationen, Vorgänge.

[00:33:00.000] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das gehört eben auch zu unserer Intelligenz. Man spricht sogar von Körperintelligenz, Körpergedächtnis.
Der Darm ist auch berühmt geworden in der letzten Zeit. Die Darmflora, also eine Art von Gehirn und
Gedächtnis und so weiter.

[00:33:23.880] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Das Immunsystem, das sind alles viel, viel komplexere Dinge, als was man bloß mit einer robotartigen
künstlichen Intelligenz zu erfassen vermag.

[00:33:37.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich kann dich nur unterstützen in deiner Überzeugung. Der Mensch ist ein ganzheitliches Wesen. Wir
haben den Menschen zu sehr aufgeteilt in Geist und Körper.

[00:33:50.330] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Absolut.

[00:33:50.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Zeit lang Psychothematikunterricht gegeben für Krankenschwestern. Wenn ich mit
Menschen arbeite, sage ich immer, der Kopf, der Intellekt, der kann lügen, der Körper kann nicht lügen.
Der Körper ist immer ehrlich und dort wo der Kopf etwas vorzutäuschen versucht, sagt dann der Körper,
nein, das stimmt nicht. Von dort her ist es sehr wichtig, dass wir mit unserem Körper, also dass wir den
mehr mit einbeziehen. In dem Sinne finde ich es auch schade, wenn man es so stark trennt. Da ist die
somatische Medizin und da die Psychiatrie. Müssen wieder mehr zusammenarbeiten.

[00:34:39.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich da weitergehe, ich habe das bei Murray Bowen in Amerika erlebt und ich erlebe es auch sonst
immer wieder, ich sage, die Psychiatrie buhlt immer wieder um die Anerkennung in der somatischen
Medizin. Das ist die richtige Medizin.

[00:34:58.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja auch, wenn jemand einen Schmerz hat, den er im Körper hat, aber aus dem psychischen
Bereich kommt, das ist nur psychosomatisch oder das ist nur gedacht, aber ist eigentlich kein richtiger
Schmerz oder keine richtige Krankheit. Psychiatrische Krankheiten sind keine richtigen Krankheiten im
strikten Sinne, so wie ein Herzinfarkt etc.

[00:35:23.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erlebe immer wieder, dass die Psychiatrie um die Anerkennung in der Medizin buhlt. Dass man alles
reduzieren will, ich sage jetzt auf neurochemische Daten, weil das im Gehirn ist, auf neurotransmitter
Substanzen und heutzutage auf Elektronische Vorgänge.

[00:35:46.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage werden wieder elektromechanische Methoden anwendet, also transkranielle Stimulation. Man
geht immer wieder in den technischen Bereich hinein und lässt dann das Ganzheitliche des Menschen
und des Gehirns aus.

[00:36:09.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Was fehlt bei diesem Ansatz? Worauf müsste die Psychiatrieforschung vermehrt ihr Augenmerk richten,
aus Deiner Sicht und Deiner jahrelangen Erfahrung?

[00:36:33.210] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Es stimmt natürlich, dass die Medizin, aber auch das Publikum skeptisch ist gegenüber den psychischen
Störungen und Krankheiten. Hingegen, wenn man ein Bein gebrochen hat, dann weiß man, woran man
ist.

[00:36:49.570] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich denke, genau dieser Mechanismus ist es, je einfacher eine Sache zu erfassen ist, ein gebrochenes
Bein ist fein zu erfassen, ein gebrochenes Herz, eine psychische Überforderung, Stress oder
meinetwegen auch Burnout Situation und alle diese Dinge sind halt etwas subtiler. Das allzu Subtile hat
man nicht gern, weder in der Medizin noch im Publikum.

[00:37:22.460] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich möchte auch sagen, umgekehrt buhlt natürlich die Medizin auch um die Psychiatrie.

[00:37:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ah ja, schön!

[00:37:30.590] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Sicher, seit je her, seit es die Medizin gibt, also dem Hippokrates oder weiß ich wann vor tausenden von
Jahren oder dem Avicenna oder wo auch immer, alle großen Ärzte, alle tiefen Ärzte haben immer wieder
versucht, das Psychische, das Mentale, das Ganzheitliche an Menschen in ihre Praxis einzubeziehen.

[00:38:01.440] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Immer wieder war der wirklich gute Arzt nur der, der den ganzen Menschen anschaute. Auch mit der
Psyche, auch mit seiner Umgebung, auch mit seiner Familie. Periodisch kommt das wieder hoch mit
irgendeinem Schlagwort, so dass ich denke, das ist ein bisschen eine beidseitige Bewegung.

[00:38:24.580] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Du hast noch eine Frage gestellt, worauf müsste die Psychiatrie…

[00:38:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf was müssten wir mehr unser Augenmerk richten, in der Forschung?

[00:38:37.900] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, ich bin da, glaube ich, in meinem Alter, hohen Alter, bin 92, lach gerade, bin ich relativ tolerant
geworden, toleranter als früher. Ich finde, jeder soll dort forschen, wo es ihm passt. Die Neurobiologen
sollen wie Verrückte in ihren Hirn herum forschen. Die Psychoanalytiker sollen im nicht fassbar
Psychischen, Systemiker im System herum grübeln. Die Verhaltenstherapeuten sollen ihre
Progrämmchen entwickeln. Die Esoteriker sollen noch etwas anderes machen. Jeder tut das seine. Das
Ganze macht dann das Ganze aus.

[00:39:30.870] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi

Ich denke, irgendwie mausert sich dann das Ganze ein Stück weiter und nimmt etwas von dem aus und
etwas von dem aus und findet plötzlich ein kleines, neues, ein kleines Fensterchen und dann gibt es eine
Mode und jeder sagt, hier muss es durchgehen. Also eben, ich relativiere ein bisschen, so dass ich jetzt
nicht sagen kann, man müsste nur noch ganzheitlich forschen, oder nur noch die spezifische
Hirnforschung machen. Alles soll man tun.

[00:40:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das finde ich eine sehr schöne Haltung von Dir.

[00:40:15.130] – Dr.med. Ursula Davatz
In unserer Familie, da war so ein Spruch. "Jeden Tierchen sein Pläsierchen." Das ist das. Vielleicht kann
ich noch anfügen.

[00:40:24.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe letztens am Radio gehört, da hat man über Vogelforschung gesprochen. Ich bin damals nach
Basel Medizin studieren gegangen, wegen Professor Adolf Portmann. Früher waren es Adolf Portmann,
Karl Barth und Karl Jaspers.

[00:40:42.880] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Professor Adolf Portmann der Zoologe? Zur Verhaltensforschung. Großer Name.

[00:40:50.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte ihn dann noch als Professor. So habe ich den Zugang zur Zoologie gehabt. Konrad Lorenz war
auch bekannt in unserer Familie. Ich habe als Jugendliche das Buch "So kam der Mensch auf den Hund"
oder "Das sogenannte Böse" gelesen.

[00:41:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kam eine Sendung am Radio, und da hat man von Johann Christian August Heinroth gesprochen.
Johann Christian August Heinroth und seine Frau, die haben ja Vögel aufgezogen. Da hat der Lukas
Jenni von der Vogelwarte gesagt, Vögel sind sehr gute Experimentierobjekte. Die schlüpfen aus dem Ei
aus und man kann sie schon sehr früh verschieden beeinflussen.

[00:41:45.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind, also das Jugendliche, das im Uterus ist, das kann man nicht, wird auch schon etwas
beeinflusst, aber man kann es nicht so bewusst beeinflussen. Damals konnte man die Vögel noch
handzahm aufziehen, alle möglichen Vogelsorten, und da haben die Vögel sehr gut beobachtet.

[00:42:06.350] – Dr.med. Ursula Davatz

Konrad Lorenz hat dieses Buch von Johann Christian August Heinroth zum 20. Geburtstag geschenkt
bekommen und hat dann später an Johann Christian August Heinroth geschrieben, wissen Sie eigentlich,
dass Sie der Begründer der Verhaltensforschung sind?

[00:42:23.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich in Amerika war, haben wir viel über Evolution, es wurden immer wieder Gastdozenten eingeladen,
über Evolution und natürlich dann auch Interaktion zwischen dem Individuum und dem Umfeld. Da gibt es
ja die bekannte Diskussion "Nurture versus Nature" also was ist die Natur, die Gene und was ist das
Umfeld.

[00:42:50.070] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne, wenn immer ich irgendwo stecken bleibe in einer menschlichen Problematik, dann bin
ich jeweils zu den Verhaltensforschern gegangen.

[00:43:01.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage sagt man Ethologen, also Soziobiologie sagt man auch.

[00:43:07.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke die Psychiatrie könnte so viel lernen von den Soziobiologen, von den Primatenforschern. Denn
die gehen nicht an erster Stelle über die Sprache und über fixe Konzepte, sondern die beobachten,
beobachten, schrieben nieder und machen dann später die Theorie daraus.

[00:43:30.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das dünkt mich ist eine Methode, die wir selber, also als Kliniker ist ja das so, man hört zu, man überlegt
und man sucht sich dann da seine Konzepte heraus, also entwickelt die langsam.

[00:43:49.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Du hast auch Jean Piaget erwähnt, den bewundere ich oder immer noch. Er hat ja sehr sorgfältige
Theorien aufgestellt.

[00:44:01.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich denke, dort kann man auch noch einiges holen. Also aber es freut mich, dass du sagst, jedem
Tierchen seien Pläsierchen.

[00:44:14.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle haben ihre Berechtigung und sollen auf ihrem Gebiet, auf dem was sie am besten können, forschen.

[00:44:22.360] – Dr.med. Ursula Davatz

Jetzt habe ich noch eine Frage.

[00:44:24.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Science Magazine kam vor Jahren mal eine Untersuchung. Da hat man festgestellt, dass die
Wissenschaftler ein größeres Vorurteil haben, eine Voreingenommenheit, auf Englisch sagt man ja "Bias",
als der Durchschnittsmensch.

[00:44:45.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt frage ich dich, welchem Vorurteil unterliegen wir als forschende Psychiater?

[00:45:15.480] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich würde zuert einmal die englische Untersuchung gerne auf ihre Methodologie prüfen. Wo, wann, in
welcher Situation? In der Wissenschaft, in der Politik oder in der Paarbeziehung? All das müsste man
genauer anschauen. Ich weiss also nicht, wo die Wissenschaftler jetzt mehr oder weniger Vorurteile als
andere haben. Ich weiss nur, dass nach meiner Meinung die Wissenschaft seit 2500 Jahren oder so
versucht, eine Denkmethode, auch eine Untersuchungs- und Beobachtungsmethode zu begründen, die
die Vorurteile möglichst ausschaltet, möglichst minimiert.

[00:45:58.880] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Die Wissenschaftler sind natürlich Menschen, gewöhnliche Menschen mit ihrer Affektlogik. Wenn ich fest
überzeugt bin, die Dinge müssen genau so sein, wie ich mir das vorstelle, dann mache ich eine
Untersuchung und finde die Eier, die ich dort versteckt habe, vorher selber.

[00:46:21.190] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Dann sagt man, das war ein Vorurteil. Die Wissenschaftler sind gewöhnliche Menschen, auch wenn sie
versuchen eine Wissenschaft zu machen, sie haben selbstverständlich auch ihre Vorurteile, zum Beispiel
das Vorurteil, dass man mit Wissenschaft alles herausfinden kann oder dass die Wissenschaft eh schon
fast alles weiss. Sie weiss in Wirklichkeit sehr sehr sehr sehr sehr viele Dinge nicht.

[00:46:47.110] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich weiss nicht, ob ich auf deine Frage ein bisschen geantwortet habe.

[00:46:56.570] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem Sinn möchte ich dir zum Schluss noch mal das Wort übergeben. Was willst du mir mitgeben oder
was für eine Frage stellst du an mich?

[00:47:12.760] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi

Eine Frage stelle ich an dich? Meine Hauptfrage wäre, wie geht es dir? Du bist auch nicht mehr 20? Ich
bin zwar älter als du, aber bist du zufrieden mit deiner Situation? Ich sehe, du bist, soviel ich weiß, über
70?

[00:47:36.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ja, bin ich. Ich gehöre zu den Risikomenschen, deshalb durfte ich geimpft werden.

[00:47:43.480] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Du bist munter und hast doch vor einigen Monaten Fuß und Hand gebrochen, wie ich weiß. Also das ist
mir das Erste, das ich dich fragen würde, aber dann auch, ich bin jetzt in deiner Praxis. Du bist
offensichtlich noch fast rund um die Uhr tätig. Du bist auch leidenschaftlich. Du machst ein Interview, nicht
nur mit mir, sondern mit einer Reihe von Leuten, um das Wissen weiterzugeben, wie du sagst. Das finde
ich ganz toll.

[00:48:21.100] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ich habe dich immer als eine sehr engagierte Kämpferin erlebt, nicht immer zufrieden. Ich weiß das auch
von mir selber ein Stück weit. Man möchte immer noch etwas mehr, noch etwas mehr anerkannt sein,
noch etwas mehr getan haben, weil seine tiefen Erkenntnisse wirklich richtig an den Mann und an die
Frau gebracht haben. Das haben wir alle nicht. Du nicht, ich nicht, niemand. Das ist immer unvollständig,
was wir machen können und insofern würde ich fragen, wie geht es dir auch in dieser Hinsicht?

[00:49:10.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr zufrieden und ich freue mich vor allen Dingen, dass wir jetzt so gut miteinander zusammenarbeiten
konnten und unsere Gedanken so sich ineinander fügen. Doch, ich bin sehr zufrieden.

[00:49:26.620] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Ja, wir sind natürlich ein Stück weit auf ähnlichen Wellen Ich denke schon seit Jahrzehnten. Wir haben
auch ein bisschen einen ähnlichen Ursprung, zumindest in der Klinik, in der Lausanner Klinik. Das war in
den 60er Jahren, 60 Jahre her.

[00:49:46.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz herzlichen Dank, Prof. Dr.med. Luc Ciompi für dein offenes Gespräch mit Dir.

[00:49:47.180] – Prof. Dr.med. Luc Ciompi
Danke Dir, Ursula.

Zwischen Genie und Wahnsinn

Leura Deari, Behare Lutishi, Jonathan Steffen Zentrumbildung Baden 16. November 2020

Schizophrenie was versteht man darunter? Unter Schizophrenie versteht man eine psychische Erkrankung. Personen die unter Schizophrenie leiden haben
charakteristische Störungen. Folgende Bereiche sind betroffen: Wahrnehmung,
Denken, Gefühls- und Gemütsleben, Willensbildung und Psychomotorik sind
betroffen. Die Menschen, die unter Schizophrenie leiden, hören meistens Stimmen
die nicht vorhanden sind. Sie fühlen sich verfolgt, beobachtet, spioniert und
kontrolliert. Was dazu gehört, ist dass man sich von der Gesellschaft zurückzieht.
Man hat fast keine sozialen Kontakte mehr, zieht sich zurück ins Zimmer, ist immer
alleine, man hat keine Freunde, nur die Familie die da ist. Die Motivation verliert man
auch, da man keine Lust hat etwas zu unternehmen mit anderen Personen. 3
Zusammengefasst ist Schizophrenie im Allgemeinen durch grundlegende und
charakteristische Störungen vom Denken und der Wahrnehmung betroffen. Diese
Krankheit ist in der ganzen Welt vertreten. Es sind gleichviele Frauen wie Männer
betroffen. Die Männer sind eher ab dem 15. und 25 Lebensjahr betroffen und die
Frauen am 20. und 35. Lebensjahr. 20% der Frauen die Betroffen sind, erkranken
nach dem 40. Lebensjahr. Die betroffenen können natürlich wieder gesund werden
aber auch rückfällig werden.

PDF: Zwischen Genie und Wahnsinn

ADHS und Schizophrenie: Wie emotionale Monsterwellen entstehen

„Emotionale Monsterwelle: Jeder Hundertste erkrankt an Schizophrenie. Die Psychiaterin Ursula Davatz erklärt, welche Rolle ADHS dabei spielen könnte und welche die Erziehung.“ NZZ am Sonntag“Lasst sie pubertieren! In der Jugend tritt Schizophrenie am häufigsten auf. Denn wen Eltern sie nicht rebellieren lassen, können ihre Kinder in eine Psychose verfallen. Die Psychiaterin Ursula Davatz setzt deshalb in der Therapie bei der ganzen Familie an.“ Schweiz am Sonntag“Eine kompetente Schau über das Wesen der Schizophrenie aus systemischer Sicht (…). Häufig, so ihre Beobachtung aus vierzig Jahren Berufstätigkeit, begünstigt ein ADHS beziehungsweise eine vererbte Vulnerabilität eine schizophrene Psychose oder eine andere psychische Krankheit;diese Hypothese von Davatz ist in der Fachwelt zwar (noch?) nicht anerkannt, aber deswegen nicht minder interessant. Therapeutisch aufschlussreich sind die Beschreibungen über die konkreten Behandlungsmöglichkeiten.“ Spuren“Mit Gewinn liest dieses Buch, wer Interesse an biographisch unterlegter Psychiatriegeschichte, Spekulationen zur Schizophreniegenese und einer Vielzahl aus systemischer Sichtweise kommentierter Fallvignetten hat.“ Schweizerische Ärztezeitung“Buchtipp“ Schweizerische Zeitschrift für HeilpädagogikDieses Buch ist zuvorderst das Dokument einer Entdeckung. Es ist das Ergebnis der während vier Jahrzehnten und aus intensiver Beobachtung gewachsenen Einsicht: Es gibt einen Zusammenhang zwischen ADHS und psychischen Erkrankungen.Ursula Davatz begleitete und begleitet als Psychiaterin viele an Schizophrenie erkrankte Menschen und im Rahmen der Systemtherapie auch deren Familienumfeld. Zahlreiche Fallbeispiele aus ihrer langjährigen Praxis werden im Buch dokumentiert. Diese Fälle bilden den Erfahrungsschatz, das eigentliche empirische Fundament für die Annahme, dass ADHS die genetisch bedingte Ursache von Schizophrenie ist. Die Autorin erweitert damit unser Verständnis psychischer Krankheiten erheblich und eröffnet neue Perspektiven für deren Prävention.Für das Phänomen einer Überfl utung des psychischen Systems, welches typischerweise bei der Schizophrenie auftritt, verwendet Davatz das einprägsame Bild der Monsterwelle. Verbunden mit einer verständlichen Sprache erreicht sie in ihren Ausführungen eine hohe Anschaulichkeit. Diese erleichtert der Leserin und dem Leser, den Betroffenen und deren Umfeld, aber auch Therapeuten und Pfl egepersonal den Zugang zu diesem belasteten und belastenden Thema.Daneben ist das Buch auch ein übersichtlich geordnetes Nachschlagewerk, das die psychologischen und familiären Konstellationen umfassend darstellt, welche eine Erkrankung begünstigen können. Und nicht zuletzt ist es ein hilfreicher Ratgeber für den Therapieprozess, dessen Chancen und Risiken die Autorin klar zu benennen vermag. «Ich bin der Meinung, dass das Buch von Ursula Davatz einen wichtigen Beitrag zur Lösung der ewigen wissenschaftlichen Rätselfrage liefert, was die schizophrene Psychose eigentlich ist und wie sie am besten zu behandeln sei.» Luc Ciompi im VorwortDie Autorin:Ursula Davatz ist Psychiaterin und Familientherapeutin. Sie hat in den USA Systemtherapie gelernt und in den letzten 35 Jahren weiterentwickelt. Sie war 20 Jahre lang Leitende Ärztin des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Kanton Aargau und hat dort den VASK (Verein der Ange hörigen von Schizophreniekranken) gegründet. Als Ausbildnerin leitet Ursula Davatz systemisch orientierte Supervisionen im Gesundheitsbereich und in Schulen. Eines ihrer Anliegen ist die Prävention.

Kindle Version bei Amazon.com: ADHS und Schizophrenie: Wie emotionale Monsterwellen entstehen

Cannabis und Schizophrenie

http://www.blick.ch/news/schweiz/psychiatrie-zusammenhang-zwischen-cannabis-und-schizophrenie-bestaetigt-id6105652.html

Interview zum Thema mit Radio Argovia und Dr.med. Ursula Davatz

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

6.11.2003
Einmal Kiffen kann psychotisch machen.
Audio

[00:00:01.580] – Radio Argovia
Kiffen ist ungesund und macht krank.

[00:00:17.690] – Radio Argovia
Ein internationales Forschungsteam beweist, dass zwischen Kiffen und der
Schizophrenie eine Verbindung besteht.

[00:00:22.988] – Radio Argovia
http://www.blick.ch/news/schweiz/psychiatrie-zusammenhang-zwischen-cannabis-und-schizophrenie-bestaetigt-id6105652.html

[00:00:23.420] – Radio Argovia
Marina Fischer hat bei Frau Dr.med. Ursula Davatz nachgefragt.

[00:00:24.327] – Radio Argovia
https://www.linkedin.com/in/marina-fischer-706367172/

[00:00:29.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das überrascht mich gar nicht. In meiner täglichen Praxis habe ich das immer
wieder erfahren und habe das schon postuliert, wo ich vor vielen Jahren mein Buch
publiziert habe: wie bewahren wir unsere Kinder vor der Drogensucht?

[00:00:41.968] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.buchkids.ch/contents/de-ch/p15380_Wie-bewahren-wir-unsere-Kinder-vor-der-Drogensucht.html

[00:00:42.310] – Dr.med. Ursula Davatz

Kiffen, Cannabis ist eine schizophrene Droge.

[00:00:48.540] – Marina Fischer
Wo sie das Buch herausgebracht haben und die These aufgestellt haben, wie haben die
Leute da drauf reagiert?

[00:00:55.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele haben skeptisch darauf reagiert und gesagt, das ist doch gar nicht bewiesen. Die
Therapeuten haben es zum Teil auch gesehen. Die Fachleute wollten es nicht
wahrhaben.

[00:01:02.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Drogensüchtigen selber haben immer gesagt: das stimmt gar nicht, es ist harmloser
als Alkohol.

[00:01:13.970] – Marina Fischer
Wie ist das denn? Wie kann man sich das vorstellen? Werde ich jetzt schon
schizophren, wenn ich einmal kiffe?

[00:01:19.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Menschen, die noch zusätzlich ein angeborenes ADHS/ADS haben, wenn die kiffen,
dann fallen die schneller in eine Psychose hinein.

[00:01:30.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ihr Gehirn ist noch sensibler, als Menschen die nicht diesen Neurotyp haben.

[00:01:38.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Was macht das Kiffen?

[00:01:38.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Es verschlechtert das Gedächtnis.

[00:01:38.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Es verschlechtert die ganze Reiz-Leitungs-Verarbeitung im Gehirn.

[00:01:46.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Es macht ein Durcheinander und gibt einem ein überhöhtes Selbststerfgefühl, was
natürlich nicht stimmt.

[00:01:55.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Man verarbeitet die Realität nicht mehr ganz gleich.

[00:01:59.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann Angst auslösen und schlussendlich dann eine Psychose.

[00:02:03.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Leute, die nur nach einem Joint psychotisch werden.

[00:02:03.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein junger Mann ist auf Amsterdam gegangen. In seiner Familie ist ADHS/ADS
vorhanden. Er ist mit einem Joint voll psychotisch geworden und hat ein halbes Jahr
gebraucht, bis er wieder runter gekommen ist.

[00:02:20.670] – Marina Fischer
Er hat ein halbes Jahr gebraucht, bis er wieder normal leben konnte?

[00:02:25.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat Panikattacken gemacht, zum Teil natürlich auch ein schlechtes Gewissen gehabt
und so weiter. Das ganze resultiert in einer Eigendynamik.

[00:02:30.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich musste ihn schwer beruhigen und er musste sein Studium unterbrechen und konnte
erst nach einem halben Jahr wieder einsteigen.

[00:02:39.920] – Marina Fischer
Das wegen einmal Kiffen?

[00:02:42.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja.

Cannabis induzierte Schizophrenie –
Was können Eltern tun?

Dr.med.Ursula Davatz
http://www.ganglion.ch

Vortrag 6.November 2003
Jubiläumsveranstaltung VASK

Ein paar Tips aus der Erfahrung einer Psychiaterin und Familientherapeutin in
Kürze:
− Cannabiskonsum ist ein weit verbreitetes Modeverhalten unter Jugendlichen, mit
welchem sich alle Erziehenden von Jugendlichen auseinandersetzen müssen.
Insbesondere von den Eltern ist eine klare Haltung gefragt.

− Es geht bei dieser Auseinandersetzung nicht darum, als Erzieher den Konsum
dieser Droge zu verbieten oder zu erlauben oder gar einen Vertrag mit dem
Jugendlichen auszuhandeln, wie viel Haschischkonsum gerade noch toleriert
werden kann und wie viel nicht, quasi um das Mass des Drogenkonsums, es
geht vielmehr um eine klare, unzweideutige Haltung.

Die klare Position der Eltern sollte folgende Aspekte umfassen:
• dass Haschisch schädlich ist für die Gesundheit und die
Persönlichkeitsentwicklung.
• dass es bei chronischem Konsum eine Psychose, eine Schizophrenie hervorrufen
kann.
• dass es die psychosoziale Entwicklung des Jugendlichen verzögert oder gar zum
Stillstand bringt, ihn also seiner normalen Entwicklung in diesem Alter beraubt und
sie zum Stillstand bringt.
• dass sie aus all diesen Gründen dagegen sind.

-1-


− Diese klare Haltung der Eltern dient als Richtschnur für den jungen Menschen,
sie soll aber weder ein Befehl noch ein Verbot darstellen.

− Die Verantwortung für seine eigene Gesundheit muss der Jugendliche jedoch
selbst übernehmen, diese darf nicht mehr bei den Eltern liegen.

− Die Eltern dürfen in keiner Weise mehr die emotionale Verantwortung für den
Jugendlichen und seine Gesundheit tragen, sonst kommt es nicht zur
Verantwortungsübernahme und zum Erwachsenwerden.

− Tritt eine Psychose auf beim Jugendlichen oder gerät er in einen
präpsychotischen Zustand, muss die Haltung in Bezug auf Cannabiskonsum
genau gleich bleiben: Es darf auch dann keine Panik gemacht und auch unter
diesen Voraussetzungen nicht mit Verbot gearbeitet werden.

− Sie sollten sich jedoch zusätzlich Hilfe holen bei einer psychiatrischen
Fachperson, nicht mehr bei den Drogenfachleuten oder Psychologen.

− In diesem Falle ist eine medikamentöse Behandlung angezeigt, und zwar mit
Neuroleptika, wenn vielleicht auch nur in sehr niedriger Dosis.

− Es dürfen überhaupt keine grossen Grundsatzdiskussionen geführt werden,
welche zusätzlich emotionale Aufregung ins System bringen, das System und der
psychotische Jugendliche muss an erster Stelle beruhigt werden.

− Ein Elternteil sollte die Führung des Jugendlichen übernehmen , am besten sollte
es der Vater sein, da dieser eine wichtige Rolle beim Erwachsen werden spielt.

− Die Mutter sollte eher in den Hintergrund treten, da ihre Rolle bei der Ablösung
ins Erwachsenenalter eher hinderlich ist, vor allem durch ihre mütterliche Rolle.


-2-


− Die Eltern sollten ihren Ehekonflikt nach Möglichkeit zurückstellen, falls ein
solcher vorhanden ist oder aber versuchen, diesen in aller Offenheit einer Lösung
zuzuführen.

− Die Mutter hat meist die Aufgabe, versteckte Wünsche in die Tat umzusetzen,
um aus ihrer mütterlichen, überfürsorglichen Rolle heraus zu treten und das Kind
frei zu geben für seine eigene Entwicklung.

− Dieser persönliche Entwicklungsschub für die eigenen Ziele der Mutter ist
hilfreicher für den Jugendlichen als ihre direkte mütterliche Fürsorglichkeit.

− Da Cannabiskonsum meist darunter liegende persönliche Entwicklungsprobleme
des Betroffenen verdecken soll, müssen diese in der Therapie mit den
Jugendlichen unbedingt angegangen werden.

− Es geht bei der direkten Behandlung des psychotischen Jugendlichen nicht so
sehr um die Behandlung seiner Krankheit, als viel mehr um den Anstoss und die
Unterstützung für eine gesunde Entwicklung vom Jugendlichen zum
Erwachsenen im Zusammenhang mit der Berufswahl und seiner
Beziehungsfindung zum anderen Geschlecht.

− Die Eltern können bei dieser gesunden Entwicklung behilflich sein, indem sie sich
führen und anleiten lassen von der erfahrenen Fachperson und darauf
achten,ihre eigene Angst nach Möglichkeit unter Kontrolle zu behalten und nicht
einfach auszuagieren, was natürlich eine sehr schwierige Aufgabe ist.

Schlussbemerkung:
Cannabis-Psychosen haben durchaus eine gute Prognose, wenn es gelingt, den
jungen Menschen wieder in die normale Entwicklung ins Erwachsenenalter hinüber
zu führen. Den Cannabiskonsum lernt er schlussendlich von sich aus wegzulassen,
ohne dass man ihm diesen verbietet. Nicht das Verbot, sondern die klare Haltung
der Eltern ist jedoch Voraussetzung dafür.

-3-