Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
19.5.2022
Wie und wann entgleisen Jugendliche mit AD(H)S in eine psychische Krankheit?
Audio
Dr.med. Ursula Davatz (00:00)
ADHS ist ein Neurotyp, ein genetischer, vererbter Neurotyp. Über mindestens 20 Gen,
man sagt heute auch schon mehr. Er zeichnet sich aus durch drei Eigenschaften. Das A
steht für Aufmerksamkeit, Störung. Ich sage aber, es ist keine Störung, es ist eine breite
Aufmerksamkeit. ADHSler nehmen alles in der Umgebung war. Wenn der Referent, der
Lehrer oder der Befehl der Eltern langweilig ist, schaut man etwas anderes an. Man holt
andere Dinge rein. In diesem Sinne ist es nicht nur eine Störung, sondern auch eine
Fähigkeit. Das Zweite wäre eine hohe Sensitivität. Das heisst, sie sind sehr sensibel in der
Wahrnehmung des Umfeldes. Sie nehmen Dinge wahr, die ein Durchschnittsmensch nicht
wahrnimmt. Auch Details und alles Mögliche. Die Wahrnehmung läuft nicht nur über die
kognitive, sondern auch über die emotionale Wahrnehmung. Und das läuft über das
limbische System, über das Beziehungshirn. In dem Sinne sind sie sehr empathisch.
Wenn man eine Mutter fragt, wer von den Kindern zuerst wahrnimmt, wenn es ihr schlecht
geht, zeigt die Mutter immer auf das ADHS Kind. Sie haben eine starke Reaktivität. Das
hängt wahrscheinlich auch zusammen. Das heisst, sie reagieren so genannt impulsiv. Wir
nennen das dann auch wieder mangelnde Impulskontrolle. Wir Psychiater schauen alles
auf das Defizit an. Aber diese starke Impulsivität ist auch eine starke
Begeisterungsfähigkeit. Sie können Leute mitreissen, sie können einen interessiert
machen, sie können anreissen, etc. Wenn die Impulsivität als Abwehr gegen aussen
auftritt, wenn sie sich angegriffen fühlen, dann kann es zu einer aggressiven Abwehr
kommen. Das hat Dr. Sachs vorhin erzählt gebraucht, aggressive Abwehrreaktionen. Die
Impulsivität bei ADHS geht eher nach aussen, das heisst es wird aggressiv zurück
reagiert, es wird dreingeschlagen, es wird geschrien, etc. Aber diese Hyperaktivität, diese
Reaktivität kann auch nach innen gehen, im Sinne von Rückzug, Hirnen, Gedanken
kreisen, ich sage jetzt Flucht nach innen. Das wären einfach drei Eigenschaften, da könnte
man natürlich noch viel anderes dazu nehmen. Die starke Aufmerksamkeit, die hohe
Sensitivität in der Wahrnehmung, die macht sie auch kreativ. Das heisst, sie können
Grenzen überschreiten, in der Delinquenz wird das bestraft. Wenn sie zu Unternehmern
werden, sind sie sehr erfolgreich. Da gibt viele berühmte Exempel dafür. Steve Jobs,
Michael Phelps und Elon Musk. Man kann noch viele andere erwähnen, z.B. Mozart. Bis
jetzt haben wir das ADHS nur einzeln betrachtet als Individuum und Symptomatik des
Individuums. Ich möchte jetzt ADHS, ADS und Umfeld und Interaktion mit dem Umfeld
anschauen. Wir sind ja soziale Wesen. Unser Gehirn interagiert immer mit dem Umfeld,
reagiert auf das und baut sich auch entsprechend um über stetige Umfeld Interaktionen.
Dr.med. Ursula Davatz (03:57)
Wenn man von der hohen Sensitivität ausgeht, dann sind ADHS Menschen als Kinder und
Erwachsene und natürlich auch als Jugendliche, sind sie viel mehr der Kritik ausgesetzt.
Denn sie machen vieles falsch, sie passen nicht so gut in die Normgesellschaft und sie
werden dann kritisiert, was nicht so gut tut. Diese viele Kritik, diese vielen
Zurechtweisungen, die führen bei denen dazu, dass sie das Gefühl haben, ich genüge nie.
Heute hatte ich eine Klientin, die ganz sicher aus einer ADHS Familie stammt, und sie hat
gesagt, ich habe nie genügt. Und wenn man in der Arbeit und in den Beziehungen schaut,
hat sie immer Leute um sich herum gehabt, für die sie ganz viel geliefert hat. Aber sie
hatte immer das Gefühl, sie genüge nicht. Eigentlich haben alle ihre Partner ihnen nicht
genügt. Aber sie hat sich immer als ungenügend angeschaut, weil die Mutter sie so viel
kritisiert hat. Das führt zu Unsicherheit, zu einem schlechten Selbstwertgefühl. Bei Kindern
mit ADHS führt es eher zu vermehrter Aggressivität, insbesondere bei Knaben. ADSler
ohne Hyperaktivität fangen an zu verweigern, ziehen sich zurück, kommunizieren nicht
mehr und es kann bis in den Autismus reingehen. Ich mache hier keinen Unterschied,
wenn hier fliessende Übergänge von Dr. Sachs dargestellt wurden. Ich sage, dass ADS in
den Autismus übergehen kann, wenn das Umfeld entsprechend hyperaktiv, restriktiv,
schwatzend für den Menschen, der nicht so viel schwatzt, ist. Dann hat es schlussendlich
keinen Sinn mehr, irgendetwas zu sagen.
Dr.med. Ursula Davatz (06:05)
Dann zieht man sich zurück und verweigert. Das ist eine Verweigerungshaltung. In der
Pubertät, den wir haben es ja von den Pubertierenden, besteht die Aufgabe, dass man
lernt, die Kontrolle über seine Emotionen zu finden. Das ist eine ganz wichtige Aufgabe,
die eigene Emotionskontrolle. Zudem müssen die Pubertierenden lernen, ihre eigenen
Wertsysteme zu entwickeln, das hat Allan Guggenbühl auch schön beschrieben, wie sie
ihre eigenen Werte haben, die nicht Deckungsgleich sind, wie die von den Erwachsenen,
sie müssen sich ihre eigenen Werte aneignen. Wen wir nochmals die Pubertät anschauen,
gehe ich zuerst vom Hirn aus. In der Pubertät, das ist eine sehr wichtige
Entwicklungsphase, wo das Gehirn einen strukturellen Umbau erfährt. Das heisst, als
Kind, als Baby, hat man ganz viele Synapsen. In der Pubertät fängt man an, von
Synapsen, also das sind Nerven-Leitungsstellen, die werden gekappt und Autobahnen
machen. Das heisst auf Englisch "synaptic pruning". Das heisst, das Hirn wird etwas
gesäubert. Es hat zu viele Möglichkeiten und das ist nicht sehr effizient, wenn man immer
zu viele Möglichkeiten hat. Das ist übrigens ein Problem, das viele ADHDler haben. Sie
haben zu viele Möglichkeiten und dann können sie sich sehr schlecht entscheiden. Da
müssen sie dann lernen, ihren eigenen Fokus zu finden und für den zu entscheiden. Da
sie so empathisch sind, passen sie sich immer nach aussen an und können sich dann
eigentlich nicht für sich entscheiden. Da passiert ein Umbau im Hirn und dieser Umbau
wird natürlich immer noch beeinflusst und gestört vom Umfeld, wenn das Umfeld mit den
jungen Menschen nicht sehr vorteilhaft interagiert. Wenn die Mädchen zu wenig Freiraum
haben für ihren eigenen Impetus, für ihre eigene Selbststeuerung, für ihre
Persönlichkeitsentwicklung, für ihr Temprament, wenn sie von allzu kontrollierenden
Umfeldern erzogen werden, sei das als Eltern oder Schule. Dann passiert leicht, dass sie
sich zu viel anpassen. Allan Guggenbühl sprach vom Anpassungssyndrom gesprochen.
Mädchen und Frauen und Mädchen unterliegen mehr dem Anpassungssyndrom, das ist
wohl wegen unseren Hormonen, weil wir zum Kinder erziehen gemacht sind. Da müssen
wir uns anpassen, das geht es gar nicht anders und das kann dann zum Verhängnis
werden. Sie passen sich an, nicht nur wenn das Umfeld erzieherisch sehr einschränkend
ist und ihr Temperament ständig kupiert, also die Flügel gestutzt, sondern sie passen sich
auch an, wenn das Umfeld geschwächt ist. Wenn sie in einem geschwächten Umfeld
aufwachsen, dann versuchen sie, dem Umfeld zu helfen. Sie werden zu kleinen
Mütterchen und schauen immer, dass alles gut läuft. Vielleicht können das einige von
ihnen aus Ihrer eigenen Erinnerung nachvollziehen. Im Augenblick, in dem sie erwachsen
werden, wissen sie eigentlich gar nicht, wer Sie eigentlich sind. Sie wollen sich immer
anpassen und auf einmal ist kein stabiles Umfeld mehr da. Oder kein konstantes Umfeld
mehr da. Und sie fragen sich, wer sie eigentlich sind. Es fehlt ihnen dann die Energie,
einen intrinsischen, eigen gesteuerten Lebensweg zu führen. Sie haben keinen richtigen,
eigenen Fokus. In der Therapie muss man ihnen dann helfen, den Fokus langsam zu
erarbeiten. Der ist oft schon sehr verschüttet. Sie haben kein rechten eigenen Berufs- und
Lebensweg. Sie sind nicht richtig selbstorientiert.
Dr.med. Ursula Davatz (10:45)
Wenn ich diesen Menschen dann helfen muss, helfen darf, dann muss ich immer wieder
darauf zurückgreifen. Heute Morgen hat mir eine, die schon 50 Jahre alt ist, die noch als
POS diagnostiziert wurde, aber heute sage ich dann ADHS, hat gesagt, jetzt begreife ich
langsam, dass ich nach mir entscheiden darf und nicht immer schauen muss, was meine
Mutter, Nachbarin oder Freundin will und wie ich es allen recht machen kann. Ich muss
dann sagen, sie müssen an erster Stelle sich selber es recht machen und das Umfeld
kommt an zweiter Stelle. Als Beispiel verwende ich das, was man im Flugzeug sagt. Sie
legen zuerst die eigene Maske an. Erst wenn sie genügend Sauerstoff haben, dann helfen
sie den Kindern oder irgendjemand anderem, der Hilfe braucht. Werden die Jungs mit
ADHS allzu restriktiv erzogen, dann werden sie aggressiv, sie gehen auf eine aggressive
Abwehr. Sie werden delinquent, wie wir vorhin gehört haben. Als Kinder bekommen sie die
Diagnose oppositionell. Aber das ist an sich die Eigenschaft des ADHS, der sich wehrt
gegen zu starke Regulierung. Hier sind sogar Prozentsätze gesagt worden. 30 bis 50
Prozent der Knaben wehren sich mit oppositioneller und sehr aggressiver Handlung.
Dr.med. Ursula Davatz (12:21)
Ich gehe noch einmal zurück zu dieser Umbauphase des Gehirns. Im Augenblick, wo das
Gehirn so sensibel ist, wie unser Sohn einmal sagte, da ist man wie ein rohes Ei. Man ist
so empfindlich auf alle möglichen Einflüsse von aussen. Im Augenblick, wo das Gehirn in
der Umbauphase so sensibel ist, können sehr viele störende Einflüsse von aussen
kommen. Im Augenblick, wo sie gestört werden, in ihrem Umbauprozess, in ihrer
vulnerablen Phase als Teenager, da können dann psychische Krankheiten auftreten. Es
kann ein Suchtverhalten auftreten. Das wird meistens verwendet, um die
Emotionskontrolle in Gang zu bringen. Da haben mir Eltern von ADHS Kinder gesagt, dass
sie froh sind, wenn er Haschisch konsumiert, dann ist es etwas erträglicher. Es können bei
den Mädchen hauptsächlich Essstörungen auftreten. Sie fasten sich, hungern sich halb zu
Tode. Im Augenblick, in dem sie hungern, haben sie keine Energie mehr zum aggressiv
sein. Sie tun sich eigentlich selbst kasteien. Man sagt immer, sie wollen nicht erwachsen
werden, aber ich denke, die Interaktion mit dem Umfeld ist wichtiger. Bei den Knaben ist
es eher Delinquenz. All diese Störungen sind natürlich nicht mehr selbstorientiert, sie sind
nur Abwehr Verhalten gegen ein nicht sehr günstiges Umfeld. Es gibt Familien oder die
Schule, und es gibt auch Schulen, die Jugendliche in die Psychiatrie schicken.
Dr.med. Ursula Davatz (14:17)
Zu diesem Zeitpunkt gibt die Familie oder die Schule die Beziehung zum Kinde auf. Sie
wollen nicht mehr die Erzieher, die Begleiter von diesen Kindern sein. Sie holen sich Hilfe
bei der Psychiatrie. Und hier wurde auch vom Dr. Sachs gesagt, dass die psychiatrischen
Jugendstationen in letzter Zeit grassiert haben. Sie sind gewachsen, man hat gebaut etc.
Dann kommt das medizinisches Modell zum Einsatz. Man versucht die gestörten
Jugendlichen wieder auf die Norm zu erziehen oder auf die Norm zurück zu therapieren.
Das heisst, sie sind dann als Krankheit deklariert. Ihre Krankheit ist in unserem
Diagnostischen Manual konfiguriert. Sie erhalten eine psychiatrische Diagnose und man
versucht die Krankheitssymptome weg zu therapieren. Sie wehren sich dagegen. Wir
haben gehört, dass in Jugendpsychiatrischen Anstalten und in den erwachsenen
Anstalten, dort gibt es mehr Gewalteinsatz. Kein Wunder. Sie wehren sich gegen die
Fremdbestimmung. Sie werden nicht nur von den Eltern und den Lehrern fremdbestimmt,
sondern sie werden von einer ganzen Institution fremdbestimmt. Sie wehren sich so stark,
dass es nichts gutes dabei rauskommt. Ich habe Kontakt mit Menschen, die auf
Jugendinstitutionen arbeiten. Das ist ein verzweifelter Kampf. Ich hatte einen
Jugendlichen, der sich so fest gewehrt hat. Er hat mit Gewalt gedroht, war aber nie
gewalttätig. Er hatte eine autistische Seite. Er hat seinen Kopf an die Wand geschlagen,
bis er gestorben ist. Das ist natürlich nicht das, was wir wollen. Das Wegtherapieren, das
Korrigieren, das Bekämpfen dieser ADHS Symptome im Sinne von Störungssignalen
müssen wegtherapiert werden. Das funktioniert aus meiner Erfahrung nicht. Eigentlich
sind alle Störungsbilder nur vorübergehende Störungssignale, die aufzeigen wollen, dass
der Ablösungskonflikt nicht recht läuft. Allan Guggenfühl hat ja gesagt, was man mit ihnen
alles machen soll und wie man mit ihnen umgehen soll. Also die Jugendlichen wehren sich
dann nicht nur gegen die Eltern und gegen die Lehrer, sondern sie wehren sich mit aller
Energie, die sie aufbringen können gegen das therapeutische Personal. Sie haben einen
unglaublich dicken Kopf. Sie sind sehr stark intrinsisch, also von innen her gesteuert. Sie
wehren sich mit Händen und Füssen, im konkreten Sinn. Sie wehren sich gegen die
Übergriffe. Es ist als Therapie gedacht, aber es wird von ihnen als Übergriff empfunden.
Gegen das wehren Sie sich mit Händen und Füssen und mit dem Kopf, auch mit dem
Denken. Die Fachpersonen attestieren ihnen dann häufig eine fehlende
Krankheitseinsicht. Wir Fachleute wollen, dass unsere Jugendlichen Patienten sich
unserem medizinischen Krankheitsmodell anpassen und "Ja" sagen, anstatt dass wir
Erwachsene uns den Bedürfnissen der ADHS Jugendlichen anpassen und anders mit
ihnen umgehen. Es ist ein endloser, kostspieliger Kampf. In jeglicher Hinsicht nervlich
kostspielig. In der Jugendstation wird sehr viel gekündigt, immer wieder Wechsel, man
muss immer wieder neue einführen, was natürlich Know-How Verlust ist. Das Resultat ist,
dass sich die Symptome eher verhärten, sie lernen dann eigentlich nur gegen das System
zu kämpfen, sie lernen aber nicht sich selber zu verwirklichen.
Dr.med. Ursula Davatz (19:02)
Es passieren viele Chronifizierungen und sie gehen als verzweifelte Menschen ins
Erwachsenenalter. Es entstehen sogenannte Folgekrankheiten. Psychiatrie spricht immer
von Komorbidität, also Begleiterkrankungen. Ich sage ganz klar, dass das alles
Folgeerkrankungen sind, durch eine fehlgelaufene Interaktion mit dem Umfeld. Und
während der Kindheit und vor allen Dingen in der Pubertät. Zum Glück hat Dr. Sachs auch
ein ambulantes Beispiel gebracht. Und ich würde sagen, solche Menschen können viel
besser ambulant behandelt werden. Und im Augenblick, wo sie ambulant behandelt
werden, übernimmt dann der Arzt, der Psychiater oder vielleicht auch die Psychologin, der
Psychologe übernimmt eine Art Stellvertreterfunktion, die die natürliche Familie nicht
leistet hat, weil sie geschwächt ist, weil sie falsche Erziehungsmethoden für diesen Typ
Menschen hatte und darum alles schief gelaufen ist. Und wenn Therapeuten in der Lage
sind, Bezugspersonen zu sein, wie Allan Guggenbühl gesagt hat, zusätzliche alternative
Bezugspersonen, dann können sich die Jugendlichen oder auch Erwachsenen nochmals
mit einem lebendigen Gegenüber auseinandersetzen, die sie verstehen und abholen
versuchen, auch wenn sie nicht immer die gleiche Meinung mit ihnen teilen. Aus dieser
Überlegung heraus, die ich darzulegen versuche, ist es ganz wichtig, dass das
überforderte Umfeld, heute sind viele Eltern und Lehrpersonen mit unserer Jugend
überfordert, es ist auch etwas schwieriger, Jugendlicher zu sein, Teenager zu sein heute.
Es gibt so viele Möglichkeiten, das Internet ist genannt worden. Im Augenblick, wo das
Umfeld überfordert ist, wäre es das einzig Richtige, das Umfeld zu unterstützen. Das
erzieherische Umfeld lernt mit den alten ADHS Neurotypen, die abweichend sind von den
Normentypen, lernt und ich sage dann immer artgerecht umzugehen, man kann sagen,
persönlichkeitsgerecht umzugehen, artgerecht, nehme ich aus der Tierwelt. Wir reden
heute von einer artgerechten Tierhaltung. In dem Sinne sollten wir auch eine artgerechte,
respektive persönlichkeitsgerechte, Neurotyp gerechten Umgang erlernen, damit nicht so
viele Krankheiten entstehen. Damit sich die speziellen Menschen, wir haben ja gehört, es
gibt solche, die ganz tolle Sachen erreichen, damit die eine gesunde Entwicklung machen,
vor allen Dingen eine selbstorientierte Entwicklung. Dass sie ihren eigenen Fokus finden.
Da beziehe ich mich wieder auf etwas, was der Allan Guggenbühl gesagt hat. Eine
bezogene Auseinandersetzung mit dem Umfang. Sei das mit den eigenen Eltern, mit den
eigenen Lehrern oder auch mit dem Therapeuten, wie das von Dr. Sachs gebracht worden
ist. Wichtig ist aber, dass die Personen, die sich mit den jungen Menschen
auseinandersetzen, dass die nicht den Anspruch haben, Recht zu haben. Sie sollen eine
eigene Position beziehen, das ist wichtig, denn die Jugendlichen müssen sich ja gegen
etwas absetzen oder mit etwas auseinandersetzen.
Dr.med. Ursula Davatz (23:31)
Aber sie dürfen nicht den Anspruch haben, Recht haben zu wollen. Und sie dürfen nicht
Gewalt praktizieren. In dem Moment, wo die Jugendlichen auf die Erwachsenen bezogen
sich auseinandersetzen, lernen sie Konflikte zu lösen. Konfliktlösung läuft schwieriger ab
bei ADHS Menschen. Man sagt auch Familien mit ADHS die scheiden viel mehr. Es wird
mehr die Stelle gekündigt. Man kündigt selber oder es wird einem gekündigt. Das ist nur,
weil die Konfliktfähigkeit nicht so gut ausgebildet ist. In dieser bezogenen
Auseinandersetzung mit einer wichtigen Bezugsperson, kann das erlernt werden. Das
kann im Jugendalter und im Erwachsenenalter erlernt werden. Das sehe ich bei den
Erwachsenen Menschen, welche erst spät die ADHS Diagnose erhalten und die noch
lernen wollen, sich zu verändern. Am Schluss sage ich etwas zur Prävention. Da
wiederhole ich mich. Die Anleitung des Umfeldes im persönlichkeitsgerechten Umgang mit
diesen speziellen Menschen ist die wirksamste Prävention. Ich verwende dann immer
einen Satz. Prävention ist auch meiner Sicht nicht eine Krankheit vorher zu sehen und
diese zu verhindern, dort sind wir noch gar nicht, sondern Prävention ist: Richtig Handeln
im kritischen Augenblick.
Dr.med. Ursula Davatz (25:28)
Und da sage ich richtig handeln im kritischen Augenblick von der Pubertät. Die Pubertät ist
eine wichtige Entwicklungsphase. In dieser Zeit treten die meisten psychiatrischen
Krankheiten zum ersten Mal auf. In der Zeit sagt man dann Adoleszentenkrise,
Schizophrenie oder bipolare Störung, Delinquenz bei den Jungen, Essstörung,
persönlichkeitsstörung, etc. Aber diese Persönlichkeiten wurden in der Tat durch ihr
Umfeld gestört. Darum haben sie eine sogenannte Persönlichkeitsstörung entwickelt. Die
Anleitung des Umfeldes ist die wirksamste Prävention.
Dr.med. Ursula Davatz (26:11)
Wenn das natürliche Umfeld entsprechend angeleitet wird im korrekten oder adäquaten
Umgang mit den "Backfischen". Heutzutage verwendet man das Wort nicht mehr, aber es
ist mir so in den Sinn gekommen, wenn das Umfeld richtig angeleitet wird, mit den
"Backfischen" richtig umzugehen, also die richtig zu "backen". Nicht im Sinne von
"verbrennen" natürlich, wir wollen keine verbrannte Kuchen, dann kann man
Erziehungsheim, Jugendgefängnis und auch viele psychiatrische Hospitalisationen kann
man aus meiner Sicht verhindern. In diesem Sinne muss nicht das medizinische Modell,
von der Krankheit weg erziehen oder Symptome weg behandeln und nicht das
Erziehungsmodell, also die Erziehungsheime. Dr. Sachs und ich haben das gleiche
Knabenerziehungsheim jahrelang begleitet. Dann müssen nicht die beiden Institutionen,
die fehlgebackenen Backfische wieder zurück erziehen sondern dann ist es möglich, dass
sie ein durchaus gesundes, interessantes und erfolgreiches Leben führen können. All jene,
die gute Entwicklungen gemacht haben, Richard Branson ist einer von ihnen. Er ist aus
allen Schulen rausgeflogen, aber die Eltern haben immer zu ihm gehalten. Er hat also nie
die Unterstützung der Eltern verloren. Und er hat zuerst eine Platten Firma gemacht,
Virgin, dann Virgin Cola, dann Virgin Airline. Und jetzt tun Elon Musk und Richard Branson
miteinander kompetitiv messen, wer den Weltraum besser erobern kann für touristische
Zwecke.
Dr.med. Ursula Davatz (28:28)
In diesem Sinne plädiere sehr für die ambulante Therapie, aber auch für die Unterstützung
des Umfeldes. Dr. Sachs hat gesagt, es gibt keine eine Therapie, die man bei allen
anwenden kann. Man muss immer eine massengeschneiderte Problemlösungsstrategie
finden, mehrere Problemlösungsstrategien, für den Menschen, für die Person, für das
Individuum und für das Umfeld. Zum Umfeld gehören die Eltern, vielleicht sind es auch
noch Gotte und Götti und sicher auch das Lehrerumfeld. So muss dann die Rebellion, die
in der Adoleszentenzeit, in der Pubertätsphase ihren Anfang nimmt, muss nicht bis zu 50
Jahre gehen, sondern die kann dann irgendwann beendet werden. Und sie können eine
selbstorientierte Lebensführung ansteuern. Es wurde gesagt, dass Gewaltdelikte in den
Gefängnissen 66% gestiegen sind. Da muss man sich fragen, ob die Methoden, die wir
anwenden, wirklich hilfreich sind. Häufig, wenn etwas nicht zum Ziel führt, sagt man, man
müsse mehr Personal haben, aber man fragt sich nie, ob man irgendetwas falsch machen
würde. Müsste man nicht irgendetwas verändern.
Dr.med. Ursula Davatz (30:10)
Ich gehe wieder zur Tierwelt zurück. Wenn ein Pferd sich von einem speziellen Reiter nicht
reiten lässt, muss man schauen, was der falsch macht, was passt nicht von dem Reiter zu
dem Temperament vom Pferd oder umgekehrt. Dann muss man vielleicht umdenken. Ich
denke, da braucht es in der Gesellschaft noch sehr viel umdenken, damit man lernt, mit
den Menschen mit ADHS und ADS geschickter umzugehen, sodass man sie nicht als
Delinquente behandeln und auch nicht als psychiatrische Patienten behandeln muss.
Dr.med. Ursula Davatz (30:42)
Und auch nicht als psychiatrische Patienten behandeln müssen. In der Pubertätsphase ist
alles sehr flexibel und man kann man sehr, sehr viel erreichen. Letztens hat mir eine
Mutter gesagt, die ich begleitet habe, von einem ADHS Sohn. Sie wissen nicht, ob sie es
recht durchgebracht hätte mit dem Sohn, wenn sie nicht Unterstützung gehabt hätte. Das
hat mich natürlich gefreut. Die Eltern waren zeitweise sehr verzweifelt. Und jetzt entwickelt
er sich zu einem sehr tollen jungen Mann. In diesem Sinne möchte ich alle dazu
auffordern, dass sie das Umfeld anschauen. Und ich will natürlich auch die Institutionen
dazu auffordern, dass sie nicht nur auf dem Individuum herum arbeiten und an dem
herumbasteln, sondern dass man auch die Interaktion zwischen Umfeld und
anspruchsvollen Jugendlichen ADHS Menschen, ADS Menschen, dass man das besser
lernt. Das wären meine Ausführungen.

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