Emotionskontrolle

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Transkript

Dr.med. Ursula Davatz

14.1.2026
Emotionskontrolle
Audio

[00:00:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte Sie alle herzlich begrüssen und mich bedanken, dass ich da über mein
Buch reden darf.

[00:00:06.983] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.somedia-buchverlag.ch/gesamtverzeichnis/deadhsads-folgekrankheiten/

[00:00:07.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche zuerst so eine allgemeine Überlegung zur Psychiatrie.

[00:00:14.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Untertitel vom Buch heisst: Psychiatrie im Offside.

[00:00:19.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein Sohn hat mich gefragt: weisst du überhaupt, was Offside ist?

[00:00:22.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe gesagt: nein nicht genau.

[00:00:22.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber es klingt richtig.

[00:00:28.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich ist Offside neben draussen. Es funktioniert nicht.

[00:00:35.140] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn Offside richtig interpretiert wird, gehen die Angreifer über die Verteidiger raus,
dann gilt das Goal nicht.

[00:00:45.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mir überlegt: das kann man auch für die Psychiatrie übersetzen.

[00:00:51.960] – Dr.med. Ursula Davatz
In meinem Buch hat es einen kleinen historischen Abriss, wie sich die Psychiatrie
entwickelt hat.

[00:00:58.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Als 18-Jährige habe ich mich mit C.G. Jung beschäftigt.

[00:01:06.950] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gustav_Jung

[00:01:06.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Tochter von C.G. Jung hat Horoskope gemacht.

[00:01:14.251] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ein Horoskop von ihr.

[00:01:14.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich früh mit der Psychiatrie und mit der Esoterik beschäftigt.

[00:01:29.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Psychiatrie bin ich geblieben.

[00:01:29.740] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Theorien, welche die Psychiatrie entwickelt hat, angefangen bei Sigmund Freud,
sind immer stark vom Denken der damaligen Oberschicht, von der Philosophie
beeinflusst gewesen.

[00:01:43.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Auch von der Thermodynamik und so weiter und halt nicht so nahe beim Patienten.

[00:01:52.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Sigmund Freud hat sich Mühe gegeben, nahe beim Patienten zu sein, darum hat er sich
hinter den Patienten gesetzt, damit er den Patienten ja nicht stört.

[00:02:01.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sollte wissenschaftlich rauskommen, was der Patient sagt. Der Patient hat frei
assoziieren müssen.

[00:02:09.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Definition von der Kommunikation: mit der Kommunikation wollen wir immer den
anderen beeinflussen.

[00:02:17.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht zu reden ist eine starke Beeinflussung.

[00:02:22.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir wollen kommunizieren.

[00:02:27.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Experiment von René Spitz ging so: die Kinder wurden genährt, gefüttert, Wärme,
aber keine Beziehung.

[00:02:38.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Die wären gestorben.

[00:02:40.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir brauchen soziale Beziehungen.

[00:02:43.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Leute, welche in die analytische Therapie gehen, erzählen wie sie Lechzen nach einer
Reaktion ihres Therapeuten und es kommt nichts.

[00:02:49.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch Kommunikation.

[00:02:59.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Die schlimmste Art und Weise, das Kind zu bestrafen, ist der Liebesentzug.

[00:03:11.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht-Kommunikation ist wie Liebesentzug, dem Empfinden nach.

[00:03:11.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychiater haben viele Theorien aus der Philosophie reingebracht und damit verpasst,
den Patienten genau anzuschauen.

[00:03:21.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein Lehrer aus den USA, Murray Bowen, dort haben ich ein dreijähriges
Ausbildungsprogramm gemacht, war ein Schizophrenie-Spezialist.

[00:03:41.080] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Murray_Bowen

[00:03:41.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat auch elf Jahre Analyse gemacht für sich selbst.

[00:03:44.270] – Dr.med. Ursula Davatz

Am NIMH hat er Schizophreniefamilien eingeladen, Vater, Mutter und das schizophrene
Kind.

[00:03:54.179] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.nimh.nih.gov/

[00:03:54.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Dem Personal hat er befohlen: sie dürfen gar keine technische Ausdrücke verwenden,
sie dürfen nur mit der ganz normalen Sprachen beschreiben.

[00:04:10.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt mit sich, dass man die Theorie nicht verfärben kann mit seinen vorgestellten
Ideen.

[00:04:16.820] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Neuropsychologie nennt man das Prediction-Error.

[00:04:28.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat eine Vorstellung, wie etwas läuft, dann hat man ein Signal und dann geht man
gleich mit seiner Vorstellung.

[00:04:28.135] – Dr.med. Ursula Davatz
https://en.wikipedia.org/wiki/Mean_squared_prediction_error

[00:04:28.270] – Dr.med. Ursula Davatz
So baut man in der psychiatrischen Behandlung viele Fehler ein.

[00:04:37.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wollte Murray Bowen rausnehmen.

[00:04:57.860] – Dr.med. Ursula Davatz

Wir müssen von den Patienten lernen, nicht sie von uns.

[00:04:58.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Begriff: der Patient hat keine Krankheitseinsicht finde ich schrecklich!

[00:05:03.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Da wollen wir, dass der Patient unsere Vorstellung von seiner Krankheit übernimmt.

[00:05:12.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere Vorstellung von seiner Krankheit ist eine Vorstellung.

[00:05:16.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich müssen wir bei jedem Patienten wieder herausfinden: was stört ihn? Wer ist
er? Was für eine Geschichte hat er?

[00:05:19.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir dürfen dem Patienten nicht voraus rennen.

[00:05:28.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre das Offside.

[00:05:28.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist sehr schwierig.

[00:05:28.458] – Dr.med. Ursula Davatz
Unser Gehirn funktioniert so.

[00:05:48.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe jetzt gerade ein Buch gelesen über Neuroplastizität.

[00:05:51.453] – Dr.med. Ursula Davatz

https://normandoidge.com/?page_id=1042

[00:05:51.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Er zeigt, wie das Gehirn einerseits sehr formbar und veränderbar ist.

[00:06:03.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man einen Hirnschlag hat, dann wird die gesunde Hand verbunden, dass man
mit der nicht nichts machen kann.

[00:06:19.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kranke Hand muss dann wieder lernen zu funktionieren, vom Gehirn her.

[00:06:40.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach 14 Tagen schon wieder unglaublich viel besser.

[00:06:43.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann auch negatives Zeugs lernen. Man kann auch Krankheiten lernen.

[00:06:49.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Deshalb hat Murray Bowen verboten, dass man Krankheitsbegriffe verwendet.

[00:06:55.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss alles beschreiben.

[00:06:57.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieser Haltung bin ich nachgegangen.

[00:06:58.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche mit jedem Patienten, mit jeder Familie herauszufinden, was läuft jetzt
schief.

[00:07:10.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue viel mehr die Interaktion an als einzelne Symptome des Patienten.

[00:07:15.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich sage: Psychiatrie im Offside, dann kritisiere ich an der heutigen Psychiatrie,
dass sie nur beim Einzelnen die Symptomen beschreiben, dass sie einen
Symptomkatalog machen und anhand von dem Symptomkatalog eine Diagnose stellen.

[00:07:39.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe so viele Patienten, die sagen, wie sie unter dieser Technik leiden.

[00:07:49.100] – Dr.med. Ursula Davatz
1980, als ich aus Amerika zurückgekommen bin, als Familientherapeutin ausgebildet,
war es noch Mode, Familientherapie zu machen.

[00:08:00.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt ist es eigentlich sehr stark verschwunden.

[00:08:04.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Speziell die Ärzte kümmern sich nicht mehr darum.

[00:08:06.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt Psychologen, es gibt Sozialarbeiter, die systemisch arbeiten und auch so
denken, aber in der Psychiatrie ist es weitgehend verschwunden.

[00:08:17.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur die Betrachtung von Symptomen oder von der Symptomkette im Individuum ist für
mich das Offside in der Psychiatrie, welches nicht funktioniert.

[00:08:27.270] – Dr.med. Ursula Davatz

Als Familientherapeutin schaue ich immer die ganze Familie an und verwende in dem
Sinn auch ganzheitliches Denken.

[00:08:41.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich befasse mich seit über 40 Jahren mit dem ADHS/ADS.

[00:08:47.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin dem ADHS/ADS das erste mal in Samedan begegnet, im Praktikum der inneren
Medizin, als Assistenzärztin.

[00:09:03.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein Kinderarzt gekommen und hat über ADHS/ADS berichtet.

[00:09:09.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Damals nannte man es noch POS, frühkindliches POS, frühkindliches
Psychoorganisches Syndrom.

[00:09:18.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mich damals schon für Schizophrenie interessiert und wollte immer meine
Spezialisierung in der Psychiatrie machen.

[00:09:18.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Als der Kinderarzt von den Symptomen erzählt hat, dachte ich: das klingt ähnlich wie
bei den Schizophrenen.

[00:09:27.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Herausgestochen ist die hohe Sensibilität.

[00:09:40.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Reaktivität habe ich damals noch nicht so wahrgenommen.

[00:09:41.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat man immer auch von den Schizophrenen gesagt.

[00:09:45.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Eugen Bleuler hat 1911 von den Schizophrenen gesagt: die merken mehr Sachen als
wir Durchschnittsmenschen. Das ist der hypersensiblen ADHS/ADS Persönlichkeitstyp,
der Neurotyp vom ADHS/ADS.

[00:10:12.633] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_Bleuler

[00:10:13.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat dem keinen Namen gegeben.

[00:10:14.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Damals habe ich noch mehr POS-Menschen im Gefängnis verfolgt. Dort findet man
viele ADHS/ADSler.

[00:10:34.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich 1980 in den Aargau nach Königsfelden zurück gekommen bin, hatte ich immer
das ADHS/ADS im Kopf.

[00:10:43.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort habe ich ein paar Schizophrene-Patienten getroffen, welche die Diagnose ADHS/
ADS im Kindesalter hatten.

[00:10:57.080] – Dr.med. Ursula Davatz
So habe ich 14 Jahre lang das erste Buch geschrieben. ADHS/ADS und Schizophrenie,
Grenzzerfall.

[00:10:58.520] – Dr.med. Ursula Davatz

https://www.somedia-buchverlag.ch/gesamtverzeichnis/deadhs-und-schizophrenie/

[00:10:58.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Am neuen Buch habe ich vier Jahre geschrieben: ADHS/ADS Folgekrankheiten,
Psychiatrie im Offside.

[00:10:58.729] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.somedia-buchverlag.ch/gesamtverzeichnis/deadhsads-folgekrankheiten/

[00:10:58.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim ersten Buch habe ich nur ADHS/ADS mit Schizophrenie verglichen.

[00:11:15.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Im zweiten Buch habe ich ADHS/ADS mit sämtlichen psychiatrischen Krankheitsbildern
in Kontakt gebracht.

[00:11:24.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommt aus der Wissenschaft, es kommen immer mehr Daten, wie ADHS/ADSler
nicht nur psychiatrische Krankheiten entwickeln, sondern auch somatische.

[00:11:37.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Herzinfarkt sind die Männer höher als Frauen, die Männer leben weniger lang als
Frauen.

[00:11:48.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Beim ADHS/ADS sind es die Frauen, die weniger lang leben.

[00:11:52.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen mit ADHS/ADS sterben zehn Jahre früher und die Männer mit ADHS/ADS nur
sieben Jahre.

[00:12:03.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist noch verrückt. Es ist das Erscheinungsbild, welches bei den Frauen mehr
schadet.

[00:12:12.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man erklären.

[00:12:15.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Lange Zeit hat man behauptet, es gibt fünf Knaben mit ADHS/ADS auf ein Mädchen mit
ADHS/ADS.

[00:12:22.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das war die Statistik.

[00:12:25.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt wird die Statistik immer mehr geändert.

[00:12:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt gibt es noch 1,5 Knaben auf ein Mädchen.

[00:12:34.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum?

[00:12:37.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Stuten sind einfacher zu Reiten als die Hengste.

[00:12:37.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein frecher Satz.

[00:12:39.790] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Stuten müssen nicht kastriert werden. Die Hengste werden kastriert, damit sie dann
besser folgen, damit sie sich nicht so wehren.

[00:12:46.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Menschen ist der Nachteil, dass die Frauen mit ADHS/ADS viel mehr
Anpassungsleistungen machen.

[00:13:07.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Frauen sind dafür prädestiniert, uns anzupassen. Wir müssen das auch.

[00:13:13.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir Kinder haben, die würden nicht gedeihen, wenn wir uns nicht ständig der
Altersstufe anpassen könnten.

[00:13:22.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Frauen passen uns den Kindern an und wir passen uns den Männern an.

[00:13:22.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Attribute, wenn ich sehe wie die jungen Mädchen mit 12 und 13 Jahren bereits
lange Fingernägel haben und schön geschminkt sind, das ist alles Anpassung als
Sexobjekt für die Männer.

[00:13:38.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht in eigener Sache. Ich muss schön sein, ich muss toll aussehen, dann habe ich
Erfolg.

[00:13:44.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eigentlich ein altes Modell.

[00:13:55.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich staune, wie stark die jungen Mädchen noch nach dem Modell gehen.

[00:14:03.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus dem Grund verwenden ADHS/ADS Frauen sehr viel Energie um sich allen
Bedürfnissen von ihrem Umfeld anzupassen. Zuerst bei den Eltern, bei der Lehrperson,
beim Chef, beim Mann. Mit 40 Jahren, wenn die Kinder aus dem Haus gehen, merken
sie: etwas läuft falsch.

[00:14:08.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Darum werden Frauen häufig erst mit 40 diagnostiziert.

[00:14:37.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kann man sehen.

[00:14:39.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt natürlich Wissen über ADHS/ADS im Internet.

[00:14:46.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle tun sich auch selber diagnostizieren.

[00:14:48.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit habe ich kein Problem.

[00:14:48.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Wichtig ist, dass sie lernen, mit sich selber umzugehen.

[00:14:54.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist der Grund, weshalb Frauen mit ADHS/ADS früher sterben.

[00:14:54.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Männer ADHS/ADS haben, werden sie schon delinquent im Pubertätsalter und
landen auf einer schiefen Bahn.

[00:15:14.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie eine gute Umgebung haben mit dem familiären Umfeld, können sie
Überflieger werden.

[00:15:15.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Im IT-Bereich gibt es viele Männer mit ADHS/ADS.

[00:15:29.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Bill Gates, Steve Jobs, Elon Musk, Larry Ellison, Richard Branson sind alles Beispiele.

[00:15:29.596] – Dr.med. Ursula Davatz
Richard Branson ist aus allen Schulen geflogen. Seine Eltern haben ihn immer
unterstützt, nie fallen gelassen.

[00:15:29.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Am Schluss war er mit seinen verrückten Ideen erfolgreich.

[00:16:11.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt sehr viele erfolgreiche ADHS/ADSler im Business. Die schaffen es nur, wenn sie
als Kinder und im Adoleszentenalter genug Platz und Raum haben, für ihr Denken, das
über die Grenzen hinaus geht.

[00:16:52.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Eugen Bleuler hat gesagt: die ADHS/ADSler nehmen mehr war, als wir
Durschnittsmenschen.

[00:16:52.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage: und die denken mehr über die Grenzen hinaus. Die können Grenzen
zerstören.

[00:16:52.930] – Dr.med. Ursula Davatz

Das ist eine Mode. Elon Musk hat das mit seiner Kettensäge demonstriert.

[00:17:17.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Idee, dass man Sachen zerstören muss, die kommt sogar von einem Schweizer,
Federico Sturzenegger.

[00:17:28.710] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Federico_Sturzenegger

[00:17:37.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Seine Familie ist nach Argentinien ausgewandert. Er wollte in Argentinien Präsident
werden und hat es dann nicht geschafft.

[00:17:44.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat alle seine Theorien, welche er verwirklichen wollte als Präsident, auf das Internet
gestellt.

[00:17:55.276] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat Javier Milei wahrgenommen und ihn reingeholt.

[00:17:55.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Federico Sturzenegger hat bei Javier Milei die gleiche Rolle, wie Elon Musk bei Donald
Trump.

[00:18:09.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Er durfte das System verändern.

[00:18:14.170] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler sind Systemveränderer.

[00:18:14.360] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie müssen auf das richtige Feld fallen, damit das funktioniert, sonst zerstören sie das
System und das geht nicht.

[00:18:27.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Therapeuten müssen schauen, dass wir, wenn wir so eine Familie haben, dass wir
das Mass finden.

[00:18:42.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen den Leuten helfen, das Mass zu finden.

[00:18:42.740] – Bemerkung 1
Kann man sagen: Anpassung ist Scheisse? Gerade bei den Frauen?

[00:18:42.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das kann man sagen.

[00:18:46.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Den mittelalterlichen Frauen, wenn die zu mir kommen, dann sage ich: sie müssen
etwas machen, das niemandem etwas nützt, das nur für sie ist.

[00:19:06.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eben sich nicht angepassen, sondern einfach sich selber sein.

[00:19:11.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Frauen muss man da viel mehr Unterstützung geben, dass sie sich getrauen,
das zu machen.

[00:19:17.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ich einen Vortrag gehalten über: Empathie versus Selbstfürsorge.

[00:19:22.981] – Dr.med. Ursula Davatz

https://ganglion.ch/pdf/youtube_empathie_vs_selbst.pdf

[00:19:26.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen sind immer stark bei der Empathie.

[00:19:28.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie beschreiben das auch. Ich spüre das alles und ich helfe dann und ich reagiere
darauf und bla bla bla.

[00:19:35.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Und die Selbstfürsorge: wo bin ich? Ich bin verloren gegangen.

[00:19:35.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder sie hoffen, dass der Mann für sie sorgt, das tut er aber nicht.

[00:19:40.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Oder sie hoffen, dass die Kinder für sie sorgen, das ist ungesund.

[00:19:40.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinder müssen für sich selber schauen.

[00:19:45.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich in die Familie reinkomme, muss ich den Kindern immer sagen: ich schaue
jetzt für die Mutter. Du darfst deinen Weg gehen.

[00:19:57.081] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist gar nicht so einfach.

[00:19:58.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen haben es viel schwerer, sich nicht anzupassen und für sich selber zu schauen.

[00:20:08.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst nicht, dass sie rücksichtslose Frauen werden, aber das Gleichgewicht muss
ein bisschen verschoben werden.

[00:20:18.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich setze ADHS/ADS mit allen psychiatrischen Krankheiten in Zusammenhang.

[00:20:28.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Die bipolare Störung, eine manisch-depressive Krankheit: himmelhoch jauchzend, zu
Tode betrübt.

[00:20:41.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Im adoleszenten Alter haben das alle bis zu einem gewissen Grad.

[00:20:47.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ADHS/ADS-ler haben das stärker, weil sie sensibler sind und sensibler auf Sachen
reagieren.

[00:20:57.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Dadurch kommen sie auch schneller aus dem Gleichgewicht.

[00:20:59.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Schaut man genau hin, ist die bipolare Störung ein extremes Ausagieren vom ADHS/
ADS.

[00:21:10.380] – Dr.med. Ursula Davatz
So habe ich alle psychiatrischen Krankheiten angeschaut und geschaut wo überall ein
ADHS/ADS dahinter steckt.

[00:21:13.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Schaut man mehr hinter die Fassaden, sieht man das ADHS/ADS dahinter.

[00:21:26.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiater streiten: was muss ich jetzt zuerst behandeln?

[00:21:37.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht von Komorbidität.

[00:21:41.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist ein ADHS/ADS und dort ist eine bipolare Störung.

[00:21:45.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage: der Mensch hat nur ein Hirn und das Hirn funktioniert ganzheitlich.

[00:21:52.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ADHS/ADS kann ausarten in eine bipolare Störung.

[00:21:58.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Wann artet es aus in ein bipolare Störung?

[00:21:58.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Erziehung zu restriktiv ist und dem ADHS/ADS Kind nicht genügend Platz
gelassen wird, um seine Emotionen auszuleben.

[00:22:12.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Am 1. April 1980, nach meiner Rückkehr auf den USA dachte ich: wir Schweizer sind
Erzieher, Lehrer. Wir sind eine Lehrernation. Ich hatte das Gefühl ich werde überall
kritisiert und korrigiert, zurechtgewiesen. Ich wäre beinahe wieder abgereist, aber das
konnte ich nicht. Ich bin gelieben. Jetzt bin ich froh, dass ich nicht in den USA bin. Ich
habe richtig entschieden.

[00:22:22.290] – Dr.med. Ursula Davatz

Das ADHS/ADS Temperament, die Knaben sind hyperaktiv, die Mädchen ziehen sich
eher zurück, passen sich an und machen dann etwas bei sich kaputt.

[00:22:50.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das ADHS/ADS Temperament zu streng erzogen wird, kann es seine
Persönlichkeit nicht entwickeln. Das ist eine Gefahr. Dann vermodert das Temperament.
Es geht etwas kaputt.

[00:23:18.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann treten all diese Krankheiten auf.

[00:23:28.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die meisten psychiatrischen Krankheiten entstehen in der Pubertät; 50%, und 75% bis
zum 25 Lebensjahr.

[00:23:43.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist immer noch Pubertät. Das Gehirn verändert sich immer noch.

[00:23:49.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das zu eng ist, dann müssen sie schlussendlich sich befreien mit Krankheiten.

[00:23:55.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich zuschaue, wie ein Teenager oder eine 20-jährige Frau in die manische Phase
reinkommt, dann ist das eigentlich immer das Sprengen von Fesseln und Sprengen von
den erzieherischen Fesseln.

[00:24:10.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Es liegt mir sehr am Herzen, dass sie als Institution diesen Familien helfen, dass das
nicht passiert.

[00:24:13.220] – Dr.med. Ursula Davatz

Man muss den Müttern und Vätern helfen, dass sie ihre ADHS/ADS Kinder nicht
verkrüppeln.

[00:24:24.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Die brauchen mehr Platz, die brauchen mehr Auslauf.

[00:24:38.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Araber Pferd muss sich mehr bewegen als ein Bierbrauer Gaul.

[00:24:45.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt es auch verschiedene Sorten.

[00:24:49.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Helfen wir der Familie mit ADHS/ADS Kinder, mit ihnen umzugehen, können wir sehr
viel Prävention betrieben und können sehr viel Geld sparen.

[00:24:49.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Kümmern wir uns erst um die ADHS/ADS Kinder, wenn sie schon psychiatrische
Symptomen entwickeln, dann kommen sie in die stationäre Psychiatrie.

[00:25:17.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort ist die Restriktion noch grösser.

[00:25:20.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen sich anpassen an alle möglichen Regeln.

[00:25:24.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe lange jemanden begleitet, der in der adoleszenten Psychiatrie gearbeitet hat.
Es ist schlimm, was mit diesen Menschen gemacht wird.

[00:25:29.060] – Dr.med. Ursula Davatz

Nicht aus Bosheit. Aus Unvermögen und aus Nichtwissen.

[00:25:29.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin gegen ein Spital für Adoleszente, ich bin für die Familienbegleitung, Familie
unterstützen, Krisenbewältigung und so weiter.

[00:25:50.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt vier Stressreflexe.

[00:26:03.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Kampf, Flucht, Todschnittreflex und Necken.

[00:26:07.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Necken heisst Spotten, Flirten.

[00:26:45.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Necken ist Annäherungsverhalten, an etwas unbekanntes.

[00:26:59.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist Spielverhalten.

[00:27:06.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Man nähert sich spielerisch an etwas an, wo man nicht weiss, wie der reagiert.

[00:27:10.010] – Dr.med. Ursula Davatz
So testet man seine Grenzen.

[00:27:21.630] – Bemerkung 2
Das Verlegenheitslachen. Wenn man in einer ganz schwierigen Situation ist, dann
lächelt man, ob wohl das völlig inadäquat ist für die Situation.

[00:27:31.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist ein Annäherungsverhalten in unbekannten Situationen.

[00:27:36.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Necken ist das Verhalten, welches in der Pubertät sehr stark praktiziert wird.

[00:27:43.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gehört normal zur Pubertät.

[00:27:43.788] – Dr.med. Ursula Davatz
Junge Hunde necken sich auch.

[00:27:43.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Affe spielt mit dem Löwen. Wenn der Löwe aggressiv wird, steigt der Affe auf den
Baum.

[00:28:06.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Necken ist ein Verhalten, das artübergreifend praktiziert wird.

[00:28:22.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erwachsenen verurteilen das Necken der Jugendlichen untereinander oft. Man
spricht dann von Respekt.

[00:28:49.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Erwachsenen muss ich dann immer sagen: das ist Necken.

[00:29:05.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ihr Teenager sie beschimpft, dann sollten sie nicht denken, dass das ein
Qualifikationsgespräch ist.

[00:29:05.760] – Dr.med. Ursula Davatz

Der will herausfinden wie sie reagieren.

[00:29:05.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mädchen flirten eher.

[00:29:11.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Teenager Mädchen verwenden schnell ihre Sexualität.

[00:29:20.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das tritt bei den Borderline Patientinnen auf.

[00:29:32.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Borderline Patientinnen sind professionelle Teenager.

[00:29:35.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die schizophrenen Patienten sind maligne Teenager.

[00:29:36.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Die bleiben in einer krankhaften Verhaltens- und Denkweise stecken.

[00:29:49.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Borderliner provozieren immer.

[00:29:49.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Männliche Therapeuten lassen sich mehr provozieren.

[00:29:49.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Borderliner arbeiten auch mit der Sexualität, mit der Eroktik.

[00:29:53.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Borderline Patienten darf man nicht erziehen.

[00:30:03.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf Interaktion machen, gut bei sich bleiben, sagen zu was man steht, was man
tut, was man nicht tut.

[00:30:18.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Nie nie nie erziehen.

[00:30:18.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist schwierig, speziell bei einem Schweizer Volk von Erziehern, mit Pestalozzi.

[00:30:24.414] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Heinrich_Pestalozzi

[00:30:24.806] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich arbeite immer mit dem Hirnmodell von Paul D. MacLean.

[00:30:26.006] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_D._MacLean

[00:30:41.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ihn kennengelernt am NIMH in den USA.

[00:30:51.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Paul D. MacLean. hat das Gehirn in drei Teile eingeteilt.

[00:30:52.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Der primitivste Teil ist das Reptilienhirn, welches die Reptilien schon sehr gut
ausgebildet haben.

[00:31:05.440] – Dr.med. Ursula Davatz

Der mittlere Teil ist das limbische System, das ist bei den Säugern ausgebildet worden.

[00:31:10.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Grosshirn wurde bei den Affen und den Primaten sehr stark ausgebildet.

[00:31:10.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Reflexe laufen alle über das limbische System ab, das emotionale Hirn, das
Reptilienhirn. Man spricht vom Reflex, das wird nicht reflektiert.

[00:31:11.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommt ein Reiz und es kommt eine Gegenreaktion.

[00:31:46.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Erziehung möchte man diese Reflexe unterdrücken, über das Grosshirn, über
das Denken, über die Vernunft.

[00:31:47.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den ADHS/ADSlern ist das limbische System so leicht emotional erregbar, dass es
alles überflutet und dass dann das Grosshirn gar nichts mehr machen kann. Es kann
nicht mehr kontrollieren.

[00:32:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Schizophrenie wie das Grosshirn überflutet von den emotionalen Erlebnissen,
sodass dann das Grosshirn im Dienst von der Emotionalität Ideen entwickelt. Das ist
dann der Grössenwahn, Verfolgungswahn und so weiter.

[00:32:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Grosshirn wird dann versklavt vom emotionalen Hirn, dass es so Sachen sagen
muss, dass es einem besser geht.

[00:32:40.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Lügen gehört dazu.

[00:32:41.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle die Fake News und das Lügen, das dient immer der Emotionalität dieser
Menschen.

[00:32:50.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Limbische System ist der mittlere Hirnteil.

[00:33:04.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles, was an Reiz reinkommt, wird als erstes von dem Limbische System prozessiert.

[00:33:14.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Es prozessiert in Bezug auf: ist die Person mir freundlich geneigt oder ist das ein
Feind?

[00:33:24.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Aversion, Ablehnung oder: ja, da kann ich Vertrauen haben.

[00:33:31.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Weil das limbische System beim ADHS/ADS so hypersensibel ist und auf alle Reize
reagiert, ist es schnell überfordert.

[00:33:37.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gibt es Abwehrreaktionen.

[00:33:48.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Abwehrreaktion ist bei den Knaben der Kampf, aggressiv, zuschlagen.

[00:33:58.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Mädchen ist die Abwehrreaktion die Flucht und Flucht nach innen.

[00:34:05.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Reflexe kann man nicht unterbinden, die geschehen einfach.

[00:34:07.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind alles Schutzreflexe.

[00:34:41.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Pathological Demand Avoidance (PDA).

[00:35:01.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Pathologische Abwehrreaktion, Abwehrreaktion gegen Befehle.

[00:35:15.961] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute macht man eine Krankheit aus dem.

[00:35:16.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Leute die mit ADHS/ADSlern umgehen sage ich: man darf denen keinen Befehl geben.

[00:35:28.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Jesper Juul sagt: ich möchte, dass Du Deine Schuhe immer dorthin stellst.

[00:35:36.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich will.

[00:35:53.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht: du musst immer deine Schuhe dorthin stellen.

[00:35:55.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man bei den ADHS/ADSler sagt: du musst, du sollst, warum hast du immer noch
nicht?

[00:36:01.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann bewegt man sich auf Glatteis.

[00:36:02.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann geht gar nichts.

[00:36:09.860] – Dr.med. Ursula Davatz
In meinem Buch habe ich 13 Benimmregeln für Eltern im Umgang mit ADHS/ADS
Kindern, was sie nicht tun dürfen und was sie an Stelle von dem tun sollen.

[00:36:10.091] – Dr.med. Ursula Davatz
https://adhs.expert/wp-content/uploads/2024/06/13-TIPPS-FUeR-ERZIEHENDE.pdf

[00:36:10.280] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler müssen intrinsisch motiviert sein. Ich will das, mir ist das wichtig, wegen
der Geselleschaft, etc.

[00:36:33.214] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf seine Überzeugung klar sagen.

[00:36:33.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nicht sagen: du musst.

[00:36:40.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles was ein Befehl ist, löst Pathological Demand Avoidance (PDA) aus.

[00:36:40.340] – Dr.med. Ursula Davatz
So sind die ADHS/ADSler.

[00:36:40.460] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn sie mit ADHS/ADSler und deren Familien umgehen, z.B. wenn der Junge sein
Zimmer nicht aufräumt, kann das Necken hilfreich sein.

[00:36:40.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann Dinge sagen und sogar lachen, wenn etwas schief geht.

[00:37:08.281] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann immer sagen: wir üben wieder.

[00:37:27.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Keine bestrafende Erziehung anwenden. Eine führende Erziehung. Mit einem Vorbild
vorgehen. Man sagt was man denkt. Man übt immer wieder.

[00:37:45.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist interessant, wenn man etwas zusammen üben kann.

[00:37:49.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss es sich selber vornehmen.

[00:37:50.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit einer negativen Haltung muss man gar nicht beginnen.

[00:37:54.840] – Bemerkung 3
Die Eltern müssen die Führung übernehmen und das wollen sie nicht.

[00:38:18.240] – Bemerkung 4
Die Mutter hat auch ein ADHS/ADS. Wir sagen: du musst es so machen.

[00:38:18.440] – Bemerkung 5
In deinem Buch hast du das total clever gemacht. Du hast die Familiensysteme
geschildert und sagst: dann fange ich erst mal mit der Grossmutter an zu arbeiten.

[00:38:42.460] – Bemerkung 5
Wir haben oft mit den betroffen Eltern zu tun. Professionelle Teenager haben wir ohne
Ende, Borderline Mütter.

[00:38:57.740] – Bemerkung 5
Das PDA macht plötzlich ein grosses Feld aus und spricht die Eltern frei von jeglicher
Verantwortung.

[00:39:02.240] – Bemerkung 5
Dort steige ich durch. Wer soll dann diese Kinder führen?

[00:39:26.780] – Bemerkung 6
So wird den Kindern die Sicherheit genommen.

[00:39:31.780] – Bemerkung 7
Die Eltern sind auch betroffen. Die Kinder brauchen Raum. Die Kinder kriegen jeden
Raum. Es gibt überhaupt keine Führung mehr.

[00:39:44.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist das Drei-Generation-Schema, wo ich sofort zur Erziehungserfahrung komme.

[00:39:57.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Was haben sie für eine Erziehung gehabt? Wie ist das gewesen?

[00:39:59.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Familie, zwei Knaben und ein Mädchen, die Mädchen wurde sehr streng erzogen,
dort ging es noch. Bei den Knaben hat das nicht funktioniert.

[00:40:04.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss ich langsam die Erziehungsmuster aufweichen.

[00:40:24.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe immer gleich zurück und frage: was hat ihr Vater für einen Erziehungsstil
gehabt. Welchen Erziehungsstil hatte ihre Mutter?

[00:40:24.948] – Dr.med. Ursula Davatz
Was davon haben sie übernommen?

[00:40:25.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Was gab es an Wertvorstellungen?

[00:40:39.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich scanne die Erziehungsmuster der Eltern und Grosseltern und schaue, wo die mit
dem ADHS/ADS nicht kompatibel sind.

[00:40:56.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss eine Generation hoch. ADHS/ADS wird vererbt.

[00:40:56.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei Autismus ist der Vererbungsfaktor es noch deutlicher, über 80%.

[00:40:56.340] – Bemerkung 8
Die Frage: wie sind sie erzogen worden? Die stellen wir auch.

[00:41:12.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wurde angefragt über Emotionsregulation und Erziehungsstil zu sprechen.

[00:41:42.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Emotionsregulation bei ADHS/ADS-Kinder ist ein bisschen schwieriger.

[00:41:51.880] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie schiessen darüber hinaus und sind bockig.

[00:41:52.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss wissen: im Augenblick von starker Erregung/Stress, fällt man in seine
Reflexe zurück, die man nicht gut kontrollieren kann.

[00:42:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Erziehungsstil sehr stark kontrollierend ist, ensteht der narzisstische
Persönlichkeitstyp daraus. Der lässt sich von nichts mehr etwas sagen und macht
einfach alles selber.

[00:42:30.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass man den Eltern und den Grosseltern beibringt: diese Kinder
brauchen etwas länger, um ihre Emotionen zu regulieren.

[00:42:48.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja nicht erziehen wollen, wenn die Emotionen an der Decke sind, im heissen Zustand.

[00:43:05.476] – Dr.med. Ursula Davatz
Zuerst beruhigen lassen.

[00:43:05.687] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann später mit der Erziehungsmethode kommen.

[00:43:14.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele Schulkinder, die Schulverweigerung machen. Die Lehrer und Eltern habe
ich dann auch.

[00:43:17.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erlebe immer wieder, wie die Schule mit Bestrafung und Belohnung arbeitet.

[00:43:28.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist schwierig.

[00:43:28.568] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit machen wir uns nur Probleme.

[00:43:28.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier darf sich das ganze Schulsystem verändern.

[00:43:28.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht alles durchlassen, sondern führen.

[00:43:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man bestraft immer dann, wenn man mit seiner Führung am Ende ist. Auch die Eltern.

[00:43:49.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man mit der Bestrafung beginnt, weiss man: jetzt ist es mir aus der Hand
gerutscht.

[00:44:03.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Lehrpersonen muss man mehrFührungsfähigkeiten beibringen.

[00:44:03.748] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse haben diese Fähigkeit natürlicherweise.

[00:44:03.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Andere haben diese Fähigkeit nicht.

[00:44:03.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir machen mit unserer Erziehung und gleichzeitig der demokratischen individuellen
Entwicklung in der Gesellschaft, unsere Jugendlichen kaputt.

[00:44:22.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nicht sehr schön.

[00:44:23.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Sonntagspresse ist voll davon: es gibt immer mehr Jugendliche, welche psychisch
krank sind.

[00:44:36.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiatrie ist dann überfordert. Man hat zwei Jahre Wartezeit.

[00:44:44.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Bis dann ist schon alles schiefgelaufen.

[00:44:47.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen früher ansetzen.

[00:44:52.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann ein Loblied auf die Hota singen. Sie machen etwas ganz wichtiges. Sie haben
Freude daran.

[00:44:52.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn das ADHS/ADS Temperament auf einen ungünstigen Erziehungsstil trifft, dann
entstehen Krankheiten daraus.

[00:45:18.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie sind diejenigen, welche helfen, den Erziehungsstil dem Neurotyp anzupassen.

[00:45:36.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Führen, nicht sagen: ist dir das recht so?

[00:45:36.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine unsichere Führung.

[00:45:37.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ob es gut ist für das Kind oder nicht, muss man an seiner Reaktion erkennen.

[00:45:37.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, vielleicht überfordere ich dich jetzt mit dem Auftrag, dann gehen wir eine Stufe
zurück.

[00:45:57.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss selber sehen, wenn man daneben greift.

[00:45:57.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht das Kind fragen, ob man daneben gegriffen hat. Das muss man selber wissen.

[00:46:36.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sagen Sprichwörter?

[00:46:37.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Medizin hat sich ja immer mehr differenziert in verschiedene Bereiche, in
Spezialitäten und auch in der Psychiatrie.

[00:46:47.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist nur für Depressionen zuständig.

[00:46:49.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn funktioniert immer ganzheitlich.

[00:46:49.950] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich schaue den Zusammenhang zwischen dem Gehirn und der körperlichen Krankheit
an.

[00:47:13.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe lange Zeit Spitex Personal betreut.

[00:47:13.993] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Krankheit ist die MS, Multiple Sklerose.

[00:47:14.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt mehr Frauen die MS haben.

[00:47:20.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Mein Leitsatz zu MS (Multiple Sklerose) ist: Frauen mit MS sind verhinderte
Managerinnen.

[00:47:20.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Zu viele Ideen, die sie verwirklichen wollen, welche sie mit zwei Händen erfüllen
könnten.

[00:47:44.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen lernen zu delegieren.

[00:47:44.676] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Frauen MS haben, müssen die Spitex Schwestern für sie arbeiten.

[00:47:44.725] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Spitex Schwestern, welche das Manager-Naturell in den MS-Patientinnen akzeptiert
haben, die sind als Dienerinnen gekommen in kurzen Hosen: was muss ich heute tun?

[00:47:44.730] – Dr.med. Ursula Davatz

Diejenigen, welche der MS Patientin sagen wollten, was sie zu tun hat, sind
rausgeflogen.

[00:48:13.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur diejenigen Spitex Schwestern, welche sich an das Naturell der MS-Patientin
angepasst haben, haben funktioniert, die anderen nicht.

[00:48:23.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte zwei männliche Schizophreniepatienten, welche zuerst Schizophrenie hatten
und dann MS.

[00:48:38.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe Prof. Dr.med. Jürg Kesselring gefragt, ob er einen Zusammenhang sieht?

[00:48:53.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wollte ihn vor 14 Jahren besuchen und mit ihm darüber sprechen. Dann ist eine
Lawine runter gekommen. Ich bin nie gegangen.

[00:48:53.440] – Dr.med. Ursula Davatz
14 Jahre später habe ich ein Interview mit ihm gemacht.

[00:49:04.810] – Dr.med. Ursula Davatz
https://ganglion.ch/pdf/Kesselring_Davatz_27.11.2025.m4a.pdf

[00:49:05.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute denke ich über MS und ADHS/ADS nach.

[00:49:15.958] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher habe ich nur über MS und Schizophrenie nachgedacht.

[00:49:16.120] – Dr.med. Ursula Davatz

Heute habe ich zwei Patienten, die MS und ADHS/ADS haben.

[00:49:27.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich erkläre mir das so: ADHS/ADS Patienten haben eine breite Aufmerksamkeit. Sie
haben Mühe zu fokussieren.

[00:49:34.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Man gibt den ADHS/ADSlern Amphetamine, damit sie besser fokussieren.

[00:49:52.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie nicht fokussieren können, immer abgelenkt werden, dann sind die ständig am
Suchen und das führt dann auch zur MS.

[00:50:08.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Man will immer mehr, als man eigentlich machen kann.

[00:50:12.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Man weiss nicht, was man will.

[00:50:13.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die ganze Ambivalenz, die dann auftritt.

[00:50:16.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher kann ich auch einen Zusammenhang sehen zwischen ADHS und MS.

[00:50:22.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Frau, die das hat und ein Mann, der das hat.

[00:50:26.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Beide haben ihren Beruf noch nicht gefunden.

[00:50:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler werden früher dement.

[00:50:30.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nicht fokussiert, wenn man sein Gehirn nicht strukturiert, wenn dann die
Fähigkeiten nachlassen, besteht die Gefahr, dass man den Fokus ganz verliert.

[00:50:46.120] – Bemerkung 9
Das ist eine neurologische Reaktion.

[00:51:29.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja genau.

[00:51:29.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gehirn wird geboren mit vielen Synapsen. In der Pubertät geschieht das Synaptic
Pruning. Dann werden Autobahnen gemacht, Dinge werden verschaltet, es werden
Netzwerke gebildet.

[00:51:29.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man nie ein funktionierendes Netzwerk bildet, dann hat man einfach immer Heu
im Kopf, ein Durcheinander im Kopf, Turbulenz im Kopf.

[00:51:44.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Fokussieren kann nur jeder selber.

[00:51:49.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Er/Sie muss selber entscheiden, was er/sie will und zu dem stehen.

[00:51:54.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das darf nicht durch die Erziehung zerstört werden.

[00:51:58.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist die schwierige Zeit in der Pubertät, wo man als Eltern das Vertrauen haben
muss, dass die Kinder ihren Fokus finden. Man muss eine klare Person darstellen für
die Auseinandersetzung. Die muss man leben.

[00:52:21.200] – Bemerkung 10
Ein Mädchen sagte zu mir: ich habe ganz viel im Kopf. Sie hat das ganz reizend und toll
erzählt. Sie fand das auch gut. Ich bin kreativ, ich habe viel im Kopf.

[00:52:52.590] – Bemerkung 10
Die kleine Schwester hat noch viel mehr im Kopf. Die beiden Schwester sind sehr
lebhaft.

[00:52:53.090] – Bemerkung 10
Die Mutter sagte: am Abend wird es schwer, die die Medikamente aufhören.

[00:53:06.140] – Bemerkung 10
Die Tochter antwortete: ja Mama, aber dann kann das frei strömen. Dann strömt das!

[00:53:12.680] – Bemerkung 10
Die nimmt das als elfjähriges Mädchen sehr gut wahr.

[00:53:26.760] – Bemerkung 10
Jetzt geht es darum: was machen wir mit dem Storm.

[00:53:26.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man hinhört, dann hört man es.

[00:53:32.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das mit dem Strömen, das ist der Flow. Das sagen auch die Sportler.

[00:53:50.480] – Bemerkung 11
Das kann man lernen.

[00:53:52.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Psychopharmaka, die verschrieben werden, die tun entweder dämpfen oder
raufsetzen.

[00:54:05.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich mache mich lustig über Psychopharmakotherapie.

[00:54:08.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben da tolle Diagnosen, aber bei allem wird alles geben.

[00:54:15.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, so ist es, wenn man genau hinschaut.

[00:54:19.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychopharmaka sind zum Teil sehr hilfreich, die tun die Symptome bekämpfen.

[00:54:26.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie tun die Hyperaktivität von den ADHS/ADSlern runterdrücken.

[00:54:31.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind Neuroleptika.

[00:54:34.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man im Loch ist, dann tut man sie wieder hochholen mit Antidepressiva, mit
Stimulierenden oder mit Reizabschirmenden. SSRI, das sind die modernen
Antidepressiva, die tun den Reiz abschirmen.

[00:54:50.820] – Dr.med. Ursula Davatz

Dann wird man ein bisschen stumpfer, dann ist mir alles ein bisschen egal.

[00:54:54.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann falle ich nicht in ein Loch oder werde auch nicht übertrieben euphorisch.

[00:55:03.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Die tun immer nur Symptome bekämpfen und das Lernen verhindern.

[00:55:08.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin natürlich ehrgeizig und ich will den Leuten beibringen, dass sie lernen, mit ihren
emotionalen Setting umzugehen.

[00:55:18.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann lernen, man kann lernen, aber es ist ein bisschen anstrengend.

[00:55:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Können wir mit den ADHS/ADSlern besser umgehen, können wir viele Krankheiten
verhindern.

[00:55:46.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss schon früh anfangen.

[00:55:56.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe jahrelang Mütterberaterinnen beraten, als Prävention der ersten Stunde.

[00:56:02.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Zeichnung gemacht: Mütterberatung als Sparschwein.

[00:56:12.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Familienberatung als Sparschwein.

[00:56:19.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Familienberatung macht, verhindert man, dass sich psychische Krankheiten,
auch somatische Krankheiten entwickeln.

[00:56:29.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Damit hat man sehr viel Gesundheitskosten gespart.

[00:56:33.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt läuft es genau umgekehrt.

[00:56:35.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles geht in die Krankheitskosten, in die Reparationskosten und bei der Schule wird
gespart.

[00:56:42.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist so dumm.

[00:56:45.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte mit Martina Bircher Kontakt. Ich bin zu ihr gegangen. Sie ist auch eine ADHS/
ADSlerin. Sie steht dazu.

[00:57:00.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie war recht offen.

[00:57:11.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit Dagmar Rösler habe ich ein Interview gemacht.

[00:57:12.788] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.youtube.com/watch?v=O3rNcumGbAE

[00:57:13.040] – Dr.med. Ursula Davatz

Sie ist Präsidentin vom Schweizerischen Lehrerverband.

[00:57:36.971] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.blick.ch/community/leser-ueber-fehlende-deutschkenntnisse-wer-hier-in-die-schule-geht-muss-deutsch-koennen-id21364332.html

[00:57:37.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Dagmar Rösler lehnt sich jetzt auch an Martina Bircher an. Sie verwendet die
Nomenklatur von Martina Bircher.

[00:57:41.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird jetzt von der Inklusion gesprochen.

[00:57:51.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder mit speziellen Bedürfnissen gibt es nicht. Die Lehrer haben spezielle
Bedürfnisse, zu lernen mit diesen Kindern umzugehen.

[00:58:23.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Der flexible Austausch innerhalb vom Bildungssystem ist wichtig. Ich bleibe in Kontakt
mit Martina Bircher und Dagmar Rösler.

[00:58:59.160] – Bemerkung 11
Als Privatschule funktionieren wir anders als die Regelschule. Wir haben keinen Druck,
die Kinder haben viel Platz, wir können dort all die Kinder super begleiten. Wir haben
jetzt 50 Schüler dort. Mehr Platz, mehr Freiheit, mehr Raum, für das was sie im Kopf
haben.

[00:59:19.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt immer mehr Privatschulen, weil die Staatsschule versagt hat.

[00:59:39.040] – Dr.med. Ursula Davatz

Die Staatsschule hinkt den ganzen Bewegungen hinten drein. Daher bin ich total für
diese solche Privatschule.

[00:59:46.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Problem ist, die müssen dann rentieren und dann können sich die Kinder von
armen Familien die Schule nicht leisten.

[00:59:58.420] – Bemerkung 11
Ja, die Finanzen sind ein grosses Thema.

[00:59:58.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Geht zum Kanton Geld holen.

[00:59:58.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Martina Bircher muss das Geld vom Gesundheitsdepartement bei Jean-Pierre Gallati
holen. Dort wird das Geld oft verschwendet.

[00:59:58.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Bratsch, ein Dorf macht Schule, kennen sie diesen Film?

[01:00:30.815] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.playsuisse.ch/de/show/2473306

[01:00:30.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben zwei Lehrer ein Schulhaus gemietet im Wallis und haben die Schule anders
aufgezogen.

[01:00:37.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Einfach Arbeitsgruppen und innerhalb von dieser Zusammenarbeit, lernen die kinder
alles.

[01:00:47.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie lernen auch Führung. Es führt ein Mädchen die Sitzung und sagt dem
Gemeindepräsidenten wie sie vorgehen möchte. Sie lernen Führung.

[01:01:06.340] – Bemerkung 12
Sie lernen auch auf einem anderen Weg, viel natürlicher.

[01:01:09.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein total anderer Weg. Sie wollen auch Unterstützung vom Staat bekommen.

[01:01:20.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einige Kinder in Privatschulen gehabt. Die einen haben es gut gemacht, die
anderen haben wieder das Gleiche verwendet.

[01:01:44.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Umdenken muss stattfinden.

[01:01:56.060] – Bemerkung 13
Wenn man es überdenkt, das ist ja etwas immer Wiederkehrendes.

[01:02:04.300] – Bemerkung 13
Wenn man diese psychologischen, psychotherapeutischen Strömungen anschaut. Du
hast ja angefangen mit den Herren Freud, Jung und Bowen.

[01:02:13.230] – Bemerkung 13
Wie es sich entwickelt hat, ist ja heute eine der aktuellsten Strömungen diese
Schematherapie.

[01:02:19.051] – Bemerkung 13
https://de.wikipedia.org/wiki/Schematherapie

[01:02:19.420] – Bemerkung 13
Du hast in deinem Buch das ziemlich clever gemacht, du bist nicht zurück zum Freud
gegangen.

[01:02:28.490] – Bemerkung 13
Deine Theorie ist schon dieses Regelwerk: was habe ich für Werte? Was habe ich für
Regeln? Wie habe ich die selber gelernt? Und wie gebe ich es an meine Kinder weiter?

[01:02:46.200] – Bemerkung 13
Dieses Wissen kann man mittlerweile auch über Podcasts überall abholen, nicht offiziell
als Patient, nicht diagnostiziert, nicht in irgendeiner Therapie.

[01:03:00.740] – Bemerkung 13
Es geht darum: wie gehe ich auch im erwachsenen Alter mit diesem Erbe um? Was ich
mutmachend fand, war: du kannst in jeder Zeit noch nachlernen und nachreifen.

[01:03:14.360] – Bemerkung 13
Wir arbeiten mit den Eltern. Eigentlich helfen wir den Eltern nachzureiten.

[01:03:22.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Absolut.

[01:03:24.620] – Bemerkung 13
Ihr kommt nicht mit diesen Regeln. Du bist alleine schon eine Institution. Wir arbeiten
beschreibend, nach Marte Meo. Wir machen Interaktions-Mikro-Analysen. Es geht um
das Beschreiben.

[01:04:34.500] – Bemerkung 13
Freud ist nicht so weit entfernt von der Schematherapie. Wie gehst Du mit dem
Erworbenen, genetisch mitgegeben, Erlerntem um?

[01:04:55.870] – Dr.med. Ursula Davatz

Ganz genau.

[01:04:56.620] – Bemerkung 13
Deine 13 Erziehungstipps am Schluss, Positives Leiten.

[01:05:16.220] – Bemerkung 13
Nicht, du musst deine Schuhe dahin stellen, sondern „Aha" so geht es.

[01:05:21.200] – Bemerkung 13
Ich selber bin auch eher jemand Direktiveres, lustigerweise.

[01:05:31.000] – Bemerkung 13
Zu mir kommen auch Eltern mit ganz kleinen Kindern. Ich sage es wird gut, es kommt
gut. Ihr macht das gut. Da wirken die Eltern selber wie Kinder wieder, weil sie
unerfahren sind.

[01:05:31.670] – Bemerkung 13
Das ist das, was in eurer Arbeit manchmal so schwierig ist: wo müsst ihr führen und
direktiv sein, ohne eine Ursula Davatz sein zu können.

[01:06:02.350] – Bemerkung 13
Wo kann man einfach zuschauen und einfach mal beschreiben.

[01:06:07.430] – Bemerkung 13
Ein missbrauchtes Kind, das dem Vater abends helfen muss oder nachts aufs WC und
so weiter.

[01:07:07.340] – Bemerkung 13
Was brauchen die ADHS/ADS Borderline Mütter? Du bringst alles miteinander in
Verbindung, weil du auch Muster siehst.

[01:08:03.800] – Bemerkung 14
Mit ADHS/ADS Mütter muss ich laufen gehen. Ich kann mit denen nicht an einem Tisch
sitzen.

[01:08:17.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Jung ging mit seinen Leuten auch laufen. Es kommt etwas in Gang.

[01:08:35.420] – Bemerkung 14
Ich brauche auch weniger Energie, wenn ich mit ihnen laufen gehe.

[01:08:40.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das glaube ich sofort.

[01:08:45.720] – Bemerkung 14
Die Gespräche kommen mehr in den Flow.

[01:08:57.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe zum Teil Eltern von schwierigsten Schizophreniepatienten.

[01:09:09.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle verzweifeln, die Behörden und alles funktioniert nicht.

[01:09:14.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss ich manchmal auch sagen: laufen lassen.

[01:09:18.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann nichts machen, aber ich begleite den Vater oder die Mutter einfach weiter.

[01:09:25.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Von Anfang an mit ihnen laufen zu gehen tut denen gut und tut dir gut!

[01:09:26.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommt etwas in Gang, ohne dass man weiss, was es ist. Eine gute Technik.

[01:09:42.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine psychotische Patientin habe ich besucht und bin mit ihr laufen gegangen. Die
funktioniert heute wieder.

[01:10:18.920] – Bemerkung 15
Mütter mit Borderline kann man gut Necken und zum Lachen bringen. Das tut mir gut.
Einen Witz darüber machen. Das bringt Ruhe rein.

[01:10:58.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Einen neuen Fokus setzen mit Necken und Humor. Super.

[01:11:36.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Leute im KZ haben besser überlebt, wenn sie sich immer Witze erzählt haben.

[01:12:23.200] – Bemerkung 16
Ein narzisstischer Vater mit ADHS/ADS Tochter. Der Vater müsste eine Führung
übernehmen. Er lässt die Tochter machen, was immer sie möchte.

[01:13:08.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde ihn fragen: was hat sein Vater für eine Führungsrolle gehabt? Wie hat er das
Empfunden? Was empfand er gut daran? Was nicht? Das ist persönlich. Man geht in
die Dritte Generation hoch.

[01:13:27.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Die patriarchale Führung sieht man heute in der Politik aus agiert.

[01:13:49.640] – Dr.med. Ursula Davatz

Gebildete Väter wollen das wahrscheinlich nicht; sie dürfen nicht alles über Bord
werfen.

[01:13:51.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sieht er idealerweise für eine männliche Führungsrolle?

[01:14:11.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Verkäufer muss er verführen können.

[01:14:17.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Vater, wie stellen sie sich idealerweise eine väterliche Führungsrolle vor?

[01:14:37.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Prinzipien, welche Wertvorstellungen haben sie?

[01:14:43.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Was wollen sie ihren Kindern weitergeben?

[01:14:45.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein philosophisches Gespräch, ein theoretisches Gespräch.

[01:14:50.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Was von dem fällt ihnen am leichtesten und was fällt ihnen am schwersten?

[01:14:51.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man führt, stosst man auf Widerstand und dann hat einem das Kind nicht mehr
gern.

[01:15:07.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor dem hat man Angst.

[01:15:09.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Vater-Tochter-Beziehung, die geht nie kaputt.

[01:15:20.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Die darf auch ein bisschen Wirbel enthalten.

[01:15:21.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss den Vater stützen, dass er nicht Angst hat, dass er die Liebe von seiner
Tochter verliert.

[01:15:21.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Vater-Tochter-Liebe beschreibe ich in meinem anderen Buch als Trojanisches
Pferd.

[01:15:41.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Einerseits ist eine gute Vater-Tochter-Beziehung toll für die Tochter, aber wenn da gar
keine Führung mehr drin ist, dann ist es gar nicht gesund.

[01:15:56.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde ganz theoretisch daran heran gehen.

[01:16:01.000] – Bemerkung 17
Das haben wir auch schon angedacht.

[01:16:11.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sagen: heute möchte ich mit ihnen einmal über die Vaterrolle sprechen.
Absolut theoretisch.

[01:16:19.030] – Bemerkung 18
Die Tochter verweigert den Kontakt zur Mutter.

[01:16:36.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist sie ganz auf der Seite vom Vater. Dort hat sie eine Macht.

[01:16:41.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Da darf man sagen: das ist schön, aber es braucht auch noch eine Führungsrolle, sonst
tun wir der Tochter keinen Dienst. Sie wollen zusammen mit ihm eine tolle Tochter
machen. Eine tolle Tochter, die erfolgreich ist. Dazu braucht es auch noch ein wenig
Führung.

[01:16:50.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Somit haben sie zusammen das Ziel, eine ganz tolle Tochter zu machen.

[01:16:51.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt dann eine erfolgreiche ADHS/ADS Frau. Bisher haben es oft nur die Männer
geschafft!

[01:17:49.200] – Bemerkung 19
Ich beobachte die Provokationen oft schon bei jüngeren Kindern, schon vor der
Pubertät. Das provozieren sehe ich auch oft bei den unsicheren Kindern. Die suchen oft
so auch die Beziehung.

[01:18:26.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Unsicherheit wird damit auch überdeckt.

[01:18:29.010] – Bemerkung 20
Das kommt schon im Kindergarten vor.

[01:18:29.230] – Bemerkung 21
Die Erwachsenen benötigen Worte um das Verhalten der Teenager fassbarer zu
machen, damit sie das Verhalten der Teenager besser einordnen können.

[01:18:29.350] – Bemerkung 22

Darum brauchen wir auch all diese Diagnosen.

[01:19:25.960] – Bemerkung 22
Wir brauchen was im Aussen, was nicht damit zu tun hat, dass wir irgendwas falsch
machen. Es muss so trianguliert werden. Wenn das eine Diagnose ist oder ein
Fachbegriff ist, dann ist das nicht mehr für uns gefährlich.

[01:19:50.980] – Bemerkung 22
Das finde ich spannend.

[01:19:51.270] – Bemerkung 22
Es geht immer um diese Emotionen, um die emotionale Monsterwelle. Der Papa will
lieb gehabt werden. Eigentlich will der nur lieb gehabt werden.

[01:20:13.880] – Bemerkung 22
Emotionen, Überforderung, Anstrengung, die Eltern sind erschöpft, die Eltern sind
genervt, die Eltern verstehen die Sachen nicht.

[01:20:24.160] – Bemerkung 22
Nur alleine, dass ihr da seid, helft ihr schon, dieses Emotionale einzudämmen. Dann ist
es nicht mehr so unüberschaubar.

[01:20:29.750] – Bemerkung 22
Das Hirn muss strukturieren, es muss lernen, sich zu strukturieren, damit es nicht heiss
glüht, damit es keinen Overload gibt.

[01:20:37.330] – Bemerkung 22
Wir sind auch ganz oft bei dem gewesen, dass man viele Sachen aushalten muss.

[01:21:15.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Ganz genau.

[01:21:16.460] – Bemerkung 22
Pathological Demand Avoidance: keiner in diesen Systemen hält noch schwierige
Gefühle aus.

[01:21:25.180] – Bemerkung 22
Wenn das Kind schreit, geht es nicht, dann machen die Eltern was falsch. Die Mama
sagt: ist es Recht so?

[01:21:27.200] – Bemerkung 22
Dann kommen die Bulldozer, wie Trump.

[01:21:27.200] – Bemerkung 22
Hey, wir halten das aus. Ja, das sind blöde Gefühle.

[01:21:56.940] – Bemerkung 22
Allein diese Überwindung.

[01:22:19.420] – Bemerkung 22
Allein der Schritt zu sagen: wir lassen das zu, glaube ich, das ist schon eine grosse
Eintrittspforte, dass die wirklich spüren, wir sind in Not, wir müssen jemanden haben
und sie lassen euch rein und ihr seid zu Hause und ihr dürft das alles miterleben und ihr
haltet das mit aus.

[01:22:37.190] – Bemerkung 22
Ich glaube, es gibt zu wenig Hota. Für mich stimmen im Moment auch die Bedingungen,
unter denen wir Hota anbieten können, überhaupt nicht mehr.

[01:22:45.460] – Bemerkung 22
Man müsste eigentlich Galatti und Bircher zusammenstecken und mit denen wirklich
mal schauen, um was geht es eigentlich in der Psychiatrie und was brauchen die
Menschen eigentlich.

[01:22:57.180] – Bemerkung 22
Wann nehmen wir das zu uns, dass das einfach auch ein normales Verhalten ist?

[01:23:08.640] – Bemerkung 22
Es gibt so einen Verlegenheitslachen, oder?

[01:23:13.040] – Bemerkung 22
Hey, schau dieses Kind an. Wie geht es dem? Was braucht es? Und dann bist du da.

[01:23:18.720] – Bemerkung 22
Ich kann keine Bücher schreiben und kann das auch nicht wissenschaftlich, aber von
der Erfahrung her, finde ich, bin ich sehr bei dem, dass man da eben gar nicht so viel
Diagnosen bräuchte.

[01:23:32.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, brauchen wir nicht.

[01:23:33.810] – Bemerkung 22
Dass man einfach schaut: wie geht es dir? Was brauchst du? Was tut dir gut?

[01:23:38.280] – Bemerkung 23
Wenn man die Eltern fragt: wozu brauchen sie die Diagnose? Das gibt immer sehr
spannende Gespräche. Oft geht es nur um das, dass ich nicht alles falsch mache. Man
nimmt sich nicht die Zeit. Es nimmt den Druck von der Warteliste weg.

[01:24:15.000] – Bemerkung 24
Man muss auf dem Spielplatz sagen können: mein Kind hat das und das.

[01:24:20.040] – Bemerkung 25
Ich gehe mit dem ADHS/ADS Kind auch nicht ins Restaurant. Die müssen sich dort
abends um 19.00 Uhr nicht performen.

[01:24:35.520] – Bemerkung 26
In Italien ist das normal. Wir haben fünf Minuten zusammen gegessen und dann sind
wir spielen gegangen. Wir haben auch gestritten. Man durfte Kind sein, es ist eine
Gabel runter gefallen, kein Problem. Ich kann das aushalten.

[01:25:35.640] – Bemerkung 26
Alle Babys sind perfekt gekleidet.

[01:25:43.460] – Bemerkung 27
Die jungen Mädchen, die sich schön machen, die machen sich nicht nur für die Männer
schön, die machen sich für die Welt schön, für Instagram, für jeden. Das ist ein grosser
Druck.

[01:26:01.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das stimmt, aber es ist das alte Modell. Eine Frau muss sich durch ihre Schönheit
profilieren. Die konkurrenzieren auch untereinander. Wer ist die schönste.

[01:26:19.720] – Bemerkung 28
Wer kriegt am meisten Likes. Die Likes kann man auch kaufen.

[01:26:33.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Rund um das Mittelmeer hat es mehr ADHS/ADSler. Das ist der Handelsraum gewesen.
Dort ist das Multi-Tasking von Vorteil gewesen.

[01:27:14.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wurde auch aus der Steinzeit Gene untersucht. Dort hat man noch 50% ADHS/ADS
Genom gefunden. Heute sind es noch 5%. Das wird selektioniert.

[01:27:24.190] – Dr.med. Ursula Davatz
In der intellektuellen, westlichen Gesellschaft werden die ADHS/ADSler zum Teil raus
sortiert.

[01:27:36.267] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele ADHS/ADS Familien mit sehr viel Talent, aber alle sind irgendwie
verkommen.

[01:27:36.567] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist sehr tragisch.

[01:27:36.597] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie den Weg durch den pubertären Flaschenhals nicht finden, werden sie raus
selektioniert, dann kann alles schief gehen.

[01:27:36.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt einen Anlass im Bundeshaus zum Thema ADHS/ADS.

[01:28:05.760] – Dr.med. Ursula Davatz
https://adhs20plus.ch/events/jugendliche-mit-adhs-bringen-ihre-anliegen-ins-bundeshaus/

[01:28:23.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dort eine Arbeitsgruppe zum Thema: Übergang im Beruf.

[01:28:24.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir wollen im Bundeshaus, dort wo die Politik gemacht wird, ein bisschen
Aufmerksamkeit schaffen für das Thema ADHS/ADS.

[01:29:07.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn wir es bei den Schulen nicht schaffen, dann machen wir es halt jetzt im
Bundeshaus.

[01:29:13.020] – Dr.med. Ursula Davatz

Es läuft etwas.

[01:29:15.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele ADHS/ADSler sind natürlich nach Amerika ausgewandert, weil es ihnen in Europa
zu eng war.

[01:29:21.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort gab es auch Erfolge und Misserfolge.

[01:29:26.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort ist viel mehr Raum gewesen um sich entfalten zu können. Das Land der
unendlichen Möglichkeiten.

[01:29:41.100] – Bemerkung 29
In den USA ist der Überlebenskampf härter. Dort musst Du leisten.

[01:30:04.920] – Bemerkung 29
Es ist schwierig eine intrinsische Motivation aufzubauen, wenn du in diesen Ecken, wo
du schlecht lebst oder diskriminiert lebst. Du musst dich eigentlich nicht mehr um die
eigene Leistung bemühen.

[01:30:18.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich finde, das ist die Kehrseite.

[01:30:21.200] – Bemerkung 30
Wenn du es in den USA schaffst, musst du dich wirklich sturkturieren.

[01:30:28.990] – Bemerkung 30
Wo ist der Anreiz?

[01:30:29.946] – Bemerkung 30

Dort beissen wir uns an bestimmten Familien die Zähne aus. Wir sind nicht die, die
dann sagen können: du musst. Wir wollen auch nicht drohen: wenn du nicht, dann! Die
Macht haben wir nicht.

[01:30:30.000] – Bemerkung 30
Wenn es um die Kindeswohl Gefährdung geht, dann nützen wir die Macht.

[01:31:11.500] – Dr.med. Ursula Davatz
In den USA ist der Überlebenskampf viel härter als hier in Europa. Man kämpft.

[01:31:20.110] – Bemerkung 30
Es ist immer zwischen Können und Müssen. Wie kannst du die Leute motivieren, dass
die in eine eigene Verantwortung und in eine eigene Handlung kommen?

[01:31:30.000] – Bemerkung 30
Ihr helft nachzureifen. Ihr helft Emotionen auszuhalten, zu kanalisieren. Ganz oft macht
ihr auch Strukturierung. Ihr helft das Gewimmel im Kopf zu sortieren.

[01:31:30.080] – Bemerkung 30
Das ist viel Arbeit.

[01:32:01.380] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Beziehung bleiben mit den Familien, aushalten, nicht untergehen dabei, klar
aushalten und sanft interagieren oder manchmal auch hart, aber nicht so ehrgeizig sein,
gleich etwas ändern zu können.

[01:32:25.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Rein vom systemischen Denken her, in In der Familientherapie sind viele systemische
Theorien reingekommen.

[01:32:34.560] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn ihr in dem System drinnen seid, für euch strukturiert seid, seid ihr da wie ein
Kristall in einer Lösung.

[01:32:48.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der Zeit tut sich dann das System nach dem auch ein bisschen ordnen.

[01:32:54.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal ist nichts machen, mehr.

[01:32:57.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch präsent und wachsam sein.

[01:33:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Sozialpsychiatrie in Königsfelden habe ich gesagt: wachsam begleiten.

[01:33:07.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Man ist immer da, man ist wachsam, man hört zu, man hört, man interagiert, man
schläft nicht ein.

[01:33:14.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Analytiker sind zum Teil eingeschlafen hinter dem Rücken vom Patienten.

[01:33:21.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Man darf nicht einschlafen. Man muss wachsam begleiten.

[01:33:26.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gegenüber merkt es.

[01:33:32.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht so viel wollen.

[01:33:35.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Nur schon dort sein, wachsam begleiten, ist eine riesige Leistung.

[01:33:41.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das habe ich natürlich auch in der Sozialpsychiatrie gelernt.

[01:33:44.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben Patienten gehabt, die 40 Jahre in der Klinik waren.

[01:33:48.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Einige davon haben wir rausgebracht.

[01:33:51.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Man durfte nicht zu ehrgeizig sein, sonst hat es einem immer überstellt.

[01:34:00.860] – Bemerkung 31
Du hast wirklich auch Fallbeschreibungen drinnen. Das hat mir persönlich als
Psychiaterin sehr gut getan, wo es einfach nicht geklappt hat.

[01:34:15.160] – Bemerkung 31
Da sind Patienten doch gestorben, haben nicht den Eintritt geschafft.

[01:34:20.840] – Bemerkung 31
Das ist das, was für uns alle so schwierig ist.

[01:34:26.380] – Bemerkung 31
Sie steht auch dazu, dass man eben nicht alles finden kann. Wir können nicht alles
richten.

[01:34:31.520] – Bemerkung 31

Wenn wir alle in diese Berufe gehen, in diese Helferberufe, da ist die Messlatte da
oben.

[01:34:36.880] – Bemerkung 31
Da darf man auch dazu stehen. Da helfe ich nicht, da kann ich nichts mehr tun.

[01:34:58.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann es nicht vorhersagen und ich kann es auch nicht herbei zwingen.

[01:35:03.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kann die Veränderung nicht herbei zwingen.

[01:35:06.720] – Bemerkung 32
Ich kann es nicht voraussagen. Ich höre immer wieder die Frage: können wir nicht nur
die Familien begleiten, wo wir wissen, dass es etwas bringt.

[01:35:09.520] – Bemerkung 32
Es gibt gewisse Hinweis, wo man vielleicht sagen kann, dass es schwieriger werden
kann oder einfacher sein kann. Es gibt keine klaren Kriterien. Wir können beim In-Take
nicht besser schauen. Es gibt viele Überraschungen.

[01:36:06.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Es bleibt ein Abenteuer.

[01:36:34.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen zum sokratischen Lernen zurück. Der Therapeut lernt von seiner Familie.

ADHS/ADS Folgekrankheiten – Psychiatrie im Offside

ADHS und ADS werden heutzutage fast täglich in den Medien diskutiert. Ist die Diagnose gestellt, kommt das medizinische Modell zur Anwendung, d.h. das Symptom der „Aufmerksamkeitsstörung“ wird mit Ritalin und die „hohe Sensitivität“ und „reaktive Impulsivität“ mit Tranquilizern behandelt.

Die medizinische Behandlungsstrategie setzt beim neurodivergenten Individuum nur als Korrekturmethode an. Das psychosoziale Umfeld, das für die psychiatrische wie auch für körperliche Krankheitsentwicklungen eine ausschlaggebende Rolle spielt, wird bei der medizinischen Behandlungsmethode ausgelassen.

Dieses Buch soll Fachpersonen und Erziehungspersonen zu einem integrativen systemischen Ansatz in der Behandlung von ADHS und ADS Betroffenen anleiten und sie dazu auffordern, die Gen-Umfeld Interaktion zwischen ADHS/ADS-Kindern und -Jugendlichen und ihrem erzieherischen Umfeld miteinzubeziehen. Dieser systemische Ansatz ist für den integrativen Behandlungsansatz unbedingt wichtig. Auch in Bezug auf die Prävention von Folgekrankheiten wirkt sich diese Vorgehen Kosten sparend aus.

https://www.somedia-buchverlag.ch/gesamtverzeichnis/deadhsads-folgekrankheiten/

30-jähriges Jubiläum des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie ambulant (ZPPA)

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz, Dr.med. Werner Saameli

11.4.2025
30-jähriges Jubiläum des Zentrums für Psychiatrie und
Psychotherapie ambulant (ZPPA)
Audio

[00:00:00.420] – Dr.med. Werner Saameli
Meine herzliche Gratulation zum Erreichten und Glückwünsche für die Zukunft, die sie
ins Auge fassen.

[00:00:14.130] – Dr.med. Werner Saameli
Aarau und Thun kämpfen um den Ausstieg, da mische ich mich nicht ein.

[00:00:14.410] – Dr.med. Werner Saameli
Ich bin der Überzeugung, dass es keine Zukunft ohne Herkunft gibt.

[00:00:27.190] – Dr.med. Werner Saameli
Ich bedanke ich mich ausdrücklich für die Gelegenheit, diesen Beitrag leisten zu dürfen,
der durchaus persönlich gefärbt ist.

[00:00:37.030] – Dr.med. Werner Saameli
Als mich Prof. Dr. med. F. Gnirss, der damalige Chefarzt der Klinik Königsfelden, der
damals selbstverständlich auch Direktor der ganzen Institution war, 1975, während
meiner Oberarztzeit an der Psychiatrische Universitätsklinik Zürich zur Übernahme des
Sozialpsychiatrischen Dienstes SPD berief, war der geplante Aufbau desselben bereits
1971 in der Spitalkonzeption für den Kanton Aargau enthalten, die der freisinnige
Gesundheitsdirektor Bruno Hunziker verantwortete.

[00:01:12.340] – Dr.med. Werner Saameli
Dass ich den politischen Standort erwähne, hat damit zu tun, dass die Psychiatrie im
Nachgang der 68er-Bewegung und der demokratischen Psychiatriereform von Franco

Basaglia mit der Aufhebung der psychiatrischen Kliniken in Italien und der
Instrumentalisierung der Patienten insgesamt echt, richtig, politisiert war.

[00:01:38.460] – Dr.med. Werner Saameli
Deshalb wurde der Begriff „sozial" auch im Sinne von "sozialistisch" missverstanden.

[00:01:46.660] – Dr.med. Werner Saameli
Nach der ebenfalls neuen Ambulanz-KF, 1973, war der SPD 74 zuerst mit einem
Wohnheim, später Nachtklinik genannt und geschützten Werkstätten mit dem Ziel
eröffnet worden, die damals 800 Betten zählende Klinik von Langzeitpatienten mit
chronischer Psychose zu entlassen.

[00:02:12.360] – Dr.med. Werner Saameli
Es ging darum, in dieser Übergangsinstitution eine verantwortbare Entlassung und dank
konsequenter ambulanter Nachbetreuung, unter anderem mit DEPO-Neuroleptika, eine
funktionierende Rückfallprofilaxe zu erreichen.

[00:02:30.780] – Dr.med. Werner Saameli
Als ich am 1. Juni 1976 die Stelle antrat, bestand der Dienst aus je einer Pflegefachfrau
und einem Pflegefachmann Psychiatrie, drei Werkstattleitern, einer Sekretärin, einer
Sozialarbeiterin, zwei Assistenzen der ärztlichen Leitung und deren Stellvertretung.

[00:02:50.760] – Dr.med. Werner Saameli
Was bis zur Eröffnung einer Drogenberatungsstelle "Kontakt" in Brugg und einer
Tagesklinik auch so blieb.

[00:03:01.310] – Dr.med. Werner Saameli
Nicht von ungefähr war ich damals von Zürich aus mit der Drogenwelle, die Limmat
abwärts in den Aargau, geschwemmt worden.

[00:03:14.040] – Dr.med. Werner Saameli
Das war die hohe Zeit der Drogenproblematik.

[00:03:16.570] – Dr.med. Werner Saameli
Der SPD hatte nämlich auch explizit die Aufgabe, ein Suchtambulatorium zu führen.

[00:03:23.830] – Dr.med. Werner Saameli
In diesem hatten wir bereits 1976 den Mut, in Zusammenarbeit mit dem Kantonshaus
und in Anlehnung an Prof. Dr. Dr. Ambros Uchtenhagen vom SPD Zürich bei
Heroinabhängigen, die bereits mehrere gescheiterte Entziehungskuren hinter sich
hatten, Substitutionsbehandlungen mit Methadon durchzuführen.

[00:03:46.460] – Dr.med. Werner Saameli
Diese waren damals bei Basler Suchtfachleuten, die sehr berühmt waren, absolut noch
verpönt und in Bern noch gar nicht etabliert.

[00:03:57.850] – Dr.med. Werner Saameli
Die Zusammenarbeit mit Institutionen des Jugendstrafvorzuges, wie Aaburg und Birr,
sowie der Arbeitskolonie Murimoos, wurden von diesen als sehr hilfreich erlebt, da man
das Motto „Arbeit kann krank machen, keine aber noch Kränker gut ankommen ist."

[00:04:21.870] – Dr.med. Werner Saameli
Mit einer anspruchsvollen halbtägigen kaderärztlichen Präsenz in der
psychosomatischen Abteilung, wirkten wir auch in der Klinik Barmerwaid.

[00:04:33.780] – Dr.med. Werner Saameli
Besonders erwähnenswert ist die 1980 eröffnete Tagesklinik im alten Spital in
Königsfelden, die meines Wissens damals in der Schweiz die erste an einer
nichtuniversitären psychiatrischen Institution war.

[00:04:51.960] – Dr.med. Werner Saameli
Unsere Arbeitsmethoden in den Übergangseinrichtungen orientierten sich am durch
Professor Edgar Heim der Klinik Schlössli in Zürcher-Oberland erfolgreich angewandten

milieu-therapeutischen, Modellwerk-therapeutischen Gemeinschaft, deren Gründer,
Maxwell Jones, beheerte uns sogar zweimal mit seiner Präsenz und Live-Supervision.

[00:05:16.570] – Dr.med. Werner Saameli
Ambulant führten wir mit dem Schweizer Pionier Professor Kaufmann aus Lausanne
unter Verbindung mit dem Institut für Ehe und Familie in Zürich die systemisch
orientierte Therapie ein.

[00:05:30.310] – Dr.med. Werner Saameli
Wenn ich das so aufzähle, wird mir selber beinahe schwindlig vor so viel Dynamik.

[00:05:37.910] – Dr.med. Werner Saameli
Kein Wunder, dass in den anderen Departementen der Klinik Missgunst vor so viel
Gestaltungsfreiheit aufkam.

[00:05:46.590] – Dr.med. Werner Saameli
Im Wesentlichen war der SPD jedoch eine Übergangseinrichtung.

[00:05:53.340] – Dr.med. Werner Saameli
Aus der Schnittstelle stationär / ambulant wurde eine Nahtstelle.

[00:05:59.740] – Dr.med. Werner Saameli
Die netzwerkartige Unterstützung von professionellen Helfern in primär nicht-
psychiatrischen Institutionen, trug zur Früherfassung von psychopathologischen
Entwicklungen und zur Verhinderung von vollstationären psychiatrischen
Hospitalisationen bei.

[00:06:19.990] – Dr.med. Werner Saameli
Eine katamnestische Studie meines damaligen Oberarztes Alfred Ruhoff, wies Ende der
70er Jahre folgenden Effekt der damals insgesamt sechs Jahre bestehende Nachtklinik,
nach, der im Jahresbericht 1979 publiziert wurde.

[00:06:37.900] – Dr.med. Werner Saameli
Ich zitiere: die in dieser Periode ausgetretenen 85 im Mittel 50 Jahre alten Patienten,
waren im Durchschnitt vor ihrem Austritt 14 Jahre, 14 Jahre in der Klinik hospitalisiert
gewesen.

[00:06:56.800] – Dr.med. Werner Saameli
Von diesen waren zum Zeitpunkt der Nachuntersorgung, 72 außerhalb der Klinik,
mehrheitlich selbstständig wohnhaft und in der Mehrzahl ambulant vom SPD im Sinne
einer Rückfallprophylaxe betreut.

[00:07:14.030] – Dr.med. Werner Saameli
Drei Fünftel dieser früher sogenannt unveränderbaren Langzeitpatienten bedurften seit
ihrem Austritt aus der Nachtklinik bis zum Zeitpunkt der katamnestischen Untersuchung
nie mehr einer Rehospitalisation.

[00:07:33.090] – Dr.med. Werner Saameli
Fünfzig gingen einer entschädigten Arbeit nach, 46 empfanden die Lebensqualität
außerhalb der Klinik besser und nur fünf als schlechter.

[00:07:47.660] – Dr.med. Werner Saameli
Es war damals nicht selbstverständlich, dass der Austritt seitens der Klinik gewünscht
war.

[00:07:54.230] – Dr.med. Werner Saameli
So erinnere ich mich an einen stabilisierten Mann im besten Alter, den man von der
Klinik aus nicht in die Übergangseinrichtung gehen ließ, weil er in der Klinikwäscherei
weit und breit der beste Hemdenbügler war.

[00:08:12.910] – Dr.med. Werner Saameli
Selbstkritisch gehört in diesem Zusammenhang aber doch die Frage, ob wir im Furor-
Rehabilitativus nicht manchmal zu forsch vorgegangen sind.

[00:08:26.450] – Dr.med. Werner Saameli
Wenn wir die Entlassung aus dem stationären Bereich auch Menschen forcierten, die in
Königsfeldern ihre neue Heimat und ihr zu Hause gefunden hatten.

[00:08:38.680] – Dr.med. Werner Saameli
Gerade in solchen Fällen wäre es aber wichtig gewesen, dass sie wenigstens in ihre
frühere Herkunftswohngegend hätten austreten und dort noch betreut werden können
und nicht nur im Umfeld Windisch/Brugg.

[00:08:55.210] – Dr.med. Werner Saameli
Dies führt zum Thema Dezentralisation von ambulanten Einrichtungen.

[00:09:01.120] – Dr.med. Werner Saameli
Mit dieser Forderung tat man sich 1981 noch schwer, ob schon damals die Kinder-und
Jugendpsychiatrische Dienst, KJPD, schon von Aarau aus wirkt.

[00:09:12.900] – Dr.med. Werner Saameli
Im Badener Tagblatt vom 25. Juli 1981 wird durch den Kolumnisten Rübliländer, die als
erschreckend bezeichnete Ankündigung erwähnt, dass vom 1. August 1981 an, der
KJPD mit einem Ambulatorium in Wohlen auch bei Freiämterkindern schwerwiegende
psychopathologische Störung, feststellen und zu Behandeln versuchen wolle, ob denn
ein Kantons umfassendes Kinder-und Jugendpsychiatrie-Netz mit deren finanziellen
Folgen überhaupt Sinn mache oder sein müsse?

[00:10:04.960] – Dr.med. Werner Saameli
Ich zitiere: hier sei jedoch mit – das schreibt der Ruebliländer – aller Deutlichkeit gegen
die Tendenz protestiert, dass Psychiater, die vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen,
eine immer größer werdende Schar von Kindern und Jugendlichen zu Menschen mit
schwerwiegenden psychiatrischen Störungen stempeln. Es kann nicht Aufgabe eines
psychiatrischen Dienstes sein, aus Mücken Elefanten zu machen. Auch wenn es die
Psychiater nicht gerne hören. Unsere Kinder sind weit normaler, als dies Psychiater
haben wollen. Der Verdacht, dass der KJPD zum Selbstzweck besteht, hat sich seit
dem siebenjährigen Bestehen bestätigt.

[00:11:04.370] – Dr.med. Werner Saameli
Trotz diesem öffentlich bekundeten Vorbehalten gegen die Dezentralisierung von
ambulanten psychiatrischen Institutionen, lag der Wunsch nach einer solchen auch aus
der Sicht des SPD auf der Hand.

[00:11:19.110] – Dr.med. Werner Saameli
Die von uns erbrachten konziliarischen Dienstleistungen waren von Murimoos bis
Aarburg über den ganzen Kanton verstreut. Eine Teilnahme am Tagesklinik Programm
KF für eine Patientin, zum Beispiel aus Zofingen, war illusorisch.

[00:11:37.380] – Dr.med. Werner Saameli
Dank der Initiative von Herrn Siemers, eines Sozialarbeiters der Gemeinde Suhr, der
früher am Aufbau des SPD in Zürich beteiligt gewesen war, konnten wir mit
Unterstützung der Sozialarbeiterinnen des Ambulatoriums KF in einem Unternehmen
des ersten Arbeitsmarktes, nämlich der Firma Möbel Pfister, ein damals revolutionäres
berufliches Integrationsprogramm in der freien Wirtschaft lancieren.

[00:12:09.790] – Dr.med. Werner Saameli
Wir konnten nämlich Langzeitpatienten aus KF in damals beschützend genannte
Nischenarbeitsplätze der freien Wirtschaft eingliedern.

[00:12:21.070] – Dr.med. Werner Saameli
Die gute Beziehung zur Unternehmensführung belegte, dass berufliche Rehabilitation
nicht nur in von KF betriebenen Werkstätten erfolgen kann.

[00:12:32.940] – Dr.med. Werner Saameli
Was Jahrzehnte später von der angelsächsischen Welt her in der Schweiz unter dem
Namen Supported Employment als Neuigkeit und von der IV gelobt, Mode wurde,
bestand also im Kanton Aargau schon zu Beginn der 1980er-Jahren.

[00:12:52.270] – Dr.med. Werner Saameli

Eine wissenschaftliche Publikation darüber wäre mir aber von der Direktion untersagt
worden, da man die biologisch orientierte Schlafforschungsabteilung von KF nicht
konkurrenzieren dürfen.

[00:13:08.110] – Dr.med. Werner Saameli
Bei aller persönlichen Wertschätzung mir als Person gegenüber hatte der
Forschungsleiter keinen Zugang zum Einbezug des Umfeldes für das Verständnis und
die Behandlung psychischen Krankseins, wie man die Sozialpsychiatrie auf einen
Nenner bringen kann.

[00:13:27.980] – Dr.med. Werner Saameli
Der Einbezug des familiären und beruflichen Umfeldes macht deutlich, dass es sinnvoll
ist, die Behandlung psychisch Kranker möglichst nahe zu ihrer Gemeinde
durchzuführen, wo sie wohnen und arbeiten, insbesondere wenn interprofessionell
Zusammenarbeit im therapeutischen System von Pflege, Sozialarbeit, Psychologie und
Medizin ambulant oder halbstationär vor Ort wirken und eine Hospitalisation in der
zentralen Klinik verhindern oder zumindest verkürzen soll.

[00:14:01.140] – Dr.med. Werner Saameli
Anfangs der 1980er-Jahre war, und das ist jetzt spannend, eine Aufnahme …

[00:14:08.060] – Dr.med. Frank Marohn
Die Hüte der Zeit, das ist sehr spannend.

[00:14:16.310] – Dr.med. Werner Saameli
Ja, ich habe meinen Text vorausgeschickt und ich halte durch!

[00:14:20.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Rede weiter.

[00:14:21.980] – Dr.med. Roman Vogt
Wir sind jetzt in der zweiten Verlängerung.

[00:14:30.300] – Dr.med. Werner Saameli
Ja, es gibt noch Wiederholungen.

[00:14:35.170] – Dr.med. Werner Saameli
Ja, es war nämlich eine Aufnahmeklinik für rund 70 Millionen Franken geplant in den
80er Jahren auf dem Areal von Königsfelden, ob schon doch die Bettenzahl und
Aufnahmedauer rückläufig waren und die Zahl der stationären Patienten mit knapp über
2000 pro Jahr nicht höher lag als die Zahl der ambulanten Patienten.

[00:15:06.110] – Dr.med. Werner Saameli
In diesem Zusammenhang war für den Sprechenden nicht nachvollziehbar, dass in
einem neuen Organisationsdekret für die Klinikleitung neben dem Verwaltungs- und
Pflegeleiter, wohl der Ärztliche Direktor als Vorsitzender und sein stationär orientierter
Stellvertreter der Gesamtleitung angehörten, aber weder der Leiter der Ambulanz noch
des SPD in das neue Führungsprämium aufgenommen wurden.

[00:15:36.270] – Dr.med. Werner Saameli
Aus meiner Sicht als Leiter des SPD lag es näher, die institutionellen Dienstleistungen
im Sinne von Ambulanz und Übergangseinrichtungen zu dezentralisieren, anstatt viel
Geld zu Gunsten, eines zentralen Neubaus für stationäre Behandlungen auszugeben.

[00:15:55.490] – Dr.med. Werner Saameli
Die Thematik wurde auch in den Medien offen als Politikum diskutiert.

[00:16:01.890] – Dr.med. Werner Saameli
Die damalige Kantonsärztin wusste nicht, wovon wir sprachen, da sie allen Ernstes
glaubte, dass doch die Klinik mit dem Pavillon System schon genügend dezentralisiert
sei.

[00:16:14.860] – Dr.med. Werner Saameli

Der damalige Regierungsrat, der für das Gesundheitswesen zuständig war, vertrat aus
politischen Überlegungen, dass der mit seinen vier Regionen auseinanderdriftende
Kanton unbedingt auf das allerseits anerkannte historische Zentrum von Königsfelden
mit Klosterkirche und Vindonissa angewiesen sei.

[00:16:43.460] – Dr.med. Werner Saameli
https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6nigsfelden

[00:16:44.180] – Dr.med. Werner Saameli
Der Ort, wo traditionell schon immer Kranke gepflegt worden seien, halte den Kanton
zusammen.

[00:16:52.400] – Dr.med. Werner Saameli
Der lange Weg zur ambulanten Behandlung in Königsfelden sei den psychisch Kranken
als ihren Beitrag zur Kohäsion des Kantons zuzumuten.

[00:17:07.190] – Dr.med. Werner Saameli
Nota bene, bei damals nur fünf praktizierenden Psychiatern im ganzen Kanton.

[00:17:15.760] – Dr.med. Werner Saameli
Ich komme langsam zum Schluss.

[00:17:17.470] – Dr.med. Werner Saameli
Die divergierenden Vorstellungen über die Zukunft der Psychiatrie im Aargau führten
dazu, dass ich aareaufwärts eine Chefarztstelle annahm, mit deren Perspektiven ich
mich identifiziere identifizieren konnte.

[00:17:32.830] – Dr.med. Werner Saameli
Lassen sie mich zum Abschluss an mein häufig zitiertes Diktum erinnern, dass mir der
damalige Assistenzarzt und spätere Direktor der Klinik und Chef des internen
Psychiatrischen Dienstes, IPD, dem Mario Etzensberger, zum Abschied auf ein Torso
mit den Unterschriften aller Teammitglieder geschenkt hat.

[00:18:05.640] – Dr.med. Werner Saameli
Bei allem reden, handeln und planen, führen über psychisch Kranke, das geht nicht auf
den Buckel des Patienten.

[00:18:19.640] – Dr.med. Frank Marohn
Das war jetzt ein sehr schöner Einblick Blick und Überblick in eine definitiv andere Zeit,
die aber dann doch den Boden geboten hat und bestellt hat für das, was danach kam.

[00:18:40.670] – Prof. Dr.med. Marc Walter
Auffallend, finde ich, und spannend, dass von Psychologen noch gar nicht die Rede war
und auch spannend, dass gewisse Märkte wahrscheinlich erst erschlossen werden
mussten und dass die Politik natürlich eine ganz wichtige Rolle spielt für das, was sie
ermöglicht oder auch nicht.

[00:18:56.210] – Dr.med. Frank Marohn
Vielleicht noch eine Bemerkung: sie haben jetzt gesagt, Klinikneubau 70 Millionen.

[00:19:01.130] – Dr.med. Frank Marohn
Ich glaube, als er dann einige Jahrzehnte später kam, wurde er ein bisschen teurer.

[00:19:07.680] – Dr.med. Frank Marohn
Jetzt vielleicht doch gerne. Wir sind gespannt, wie es weitergeht in der lebendigen
Geschichte der Entwicklung der letzten Jahre, gebe ich weiter an Dr.med. Ursula
Davatz.

[00:19:16.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus Sympathie für Werner Saameli, rede ich auch Hochdeutsch.

[00:19:22.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kam 1980 aus Amerika.

[00:19:27.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Am 1. April habe ich begonnen in Königsfelden im SPD zu arbeiten.

[00:19:34.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte die Stelle mir schon zwei Jahre vorher reserviert, aber ich habe noch eine
Ausbildung in Familientherapie gemacht und Werner Saameli hat den alten Oberarzt Dr.
Ruhoff, dann immer noch behalten, bis ich reinkommen konnte.

[00:19:51.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe immer gesagt, ich bin ein April-Scherz.

[00:19:54.600] – Dr.med. Ursula Davatz
In Amerika habe ich Familientherapie gelernt, Systemtherapie Therapie bei einem der
berühmten Begründer der Therapie, Murray Bowen, und er war Schizophreniespezialist.

[00:20:07.820] – Dr.med. Ursula Davatz
In Amerika habe ich nur vier Familien gehabt mit Schizophrenie.

[00:20:13.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich dann nach Königsfelgen kam, in den SPD, hatte ich viele
Schizophreniepatienten und Familien.

[00:20:20.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich konnte also weiter meine Kunst üben.

[00:20:24.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Systemtherapie war damals en vogue.

[00:20:28.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Professor Willy in Zürich war ein Exponent davon.

[00:20:33.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Und ich glaube, Werner Saameli hat auch noch eine Ausbildung damals gemacht.

[00:20:38.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, leider ist sie jetzt nicht mehr en vogue.

[00:20:43.260] – Dr.med. Ursula Davatz
In Deutschland ist die Psychiatrie-Enquête hochgelaufen.

[00:20:48.550] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Psychiatrie-Enqu%C3%AAte

[00:20:49.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Die war mehr politisch orientiert.

[00:20:51.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Slogan war, und das wurde schon mehrmals heute gesagt: ambulant vor stationär.

[00:20:57.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben dann eine ganz einfache die Kostenberechnung gemacht.

[00:21:01.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe nur zehn Patienten genommen.

[00:21:05.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie ambulant waren, kosteten sie CHF 50'000, stationär CHF 200'000.

[00:21:10.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wurde immer gesagt, es ist gar nicht so sicher, dass die ambulante Psychiatrie
billiger ist als die stationäre, denn man muss dann nach Hause gehen und viel Aufwand
und so weiter.

[00:21:30.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Gleiche wurde gesagt von den Familientherapien.

[00:21:35.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Familientherapie ist zwar interessant, aber sie ist zu aufwendig.

[00:21:41.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage: nein, es ist genau das Umgekehrte. Ich bin natürlich passionierte
Familientherapeutin.

[00:21:48.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine Oberarztstelle bekommen und als Werner Saameli wegging, war die
SPD-leitende Arztstelle ein Jahr vakant, verwaist und dann habe ich die Stelle
bekommen als leitende Ärztin.

[00:22:08.320] – Dr.med. Frank Marohn
Welche Berufsgruppen waren denn damals dort involviert?

[00:22:10.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir waren nur Psychiater und Psychiatriepfleger und Schwestern.

[00:22:13.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiater sind eine aussterbende Spezies in der Schweiz.

[00:22:25.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben Mühe, Psychiater zu finden.

[00:22:28.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich freue mich darüber, dass Psychologinnen und Psychologen nachkommen und viel
von der Arbeit übernehmen.

[00:22:39.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Damals wollten die ein grosses Gebäude bauen.

[00:22:45.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe den Architekten sogar gekannt oder kennengelernt, der das Projekt gemacht
hat für 80 Millionen oder so was.

[00:22:56.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dort – das darf ich jetzt sagen – so politisch intrigiert.

[00:23:02.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mit dem damaligen Juristenfreund vom Gesundheitshaltsdirektor des Kantons,
geredet und wir haben gesagt, das ist rückläufig, es braucht keine Klinik für 800
Menschen, ein Männertrakt und ein Frauentrakt.

[00:23:27.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dieses Projekt hintertrieben, kann ich jetzt sagen.

[00:23:31.060] – Dr.med. Frank Marohn
Wenn ich mich richtig erinnere, war ja zu ihrer Zeit auf der einen Seite das
Klinikambulatorium, auf der anderen Seite der Sozialpsychiatrische Dienst.

[00:23:38.510] – Dr.med. Frank Marohn
Was waren denn die Unterschiede? Beziehungsweise, können Sie was dazu sagen?

[00:23:42.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Kann ich gerne sagen.

[00:23:44.210] – Dr.med. Ursula Davatz

Wir haben schon 20 Jahre Jubiläum gefeiert und da haben wir das AMBI dargestellt als:
die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen.

[00:23:59.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war das Aschenputtel, das die Schlechten ins Kröpfchen getan hat.

[00:24:03.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Das AMBI hatte die vornehmeren Patienten, die leichter zu behandeln waren.

[00:24:12.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir hatten die Schizophrenen, die Langzeitpatienten, die Drogensüchtigen. Das einzige
Methadon-Programm war bei Franz Blum. Er ist auch hier. Wir mussten Methadon
abgeben. Das einzige Methadon-Programm.

[00:24:29.900] – Dr.med. Frank Marohn
Es wird dann klar, wie weit eigentlich die Spezialisierung, die Regionalisierung und die
Professionalisierung fortgeschritten sind und wo das eigentlich so die Anfänge, wie sie
das jetzt schildern, wo alles noch viel mehr vermischt und näher zusammen war.
Mittlerweile hat das ja eine immense Differenzierung gegeben. Was man ja sagen
muss, eine Strukturqualität, die eindürklich ist.

[00:24:53.050] – Dr.med. Frank Marohn
Es wurde vorhin geredet von den ambulanten, also den umherreisenden Psychopathen.
Roman, du weißt noch einer meiner Sprüche ganz am Anfang war.

[00:25:01.410] – Dr.med. Roman Vogt
Ja, bringst du ihn. Du bringst den Spruch. Ja, bitte.

[00:25:06.700] – Dr.med. Frank Marohn
Fahren sie mich irgendwo hin, wir werden überall gebraucht.

[00:25:10.040] – Dr.med. Frank Marohn

Ich denke, das ist so der Teil, wo wir uns, wo wir ausgeschwärmt sind und wirklich uns
angefangen haben zu vernetzen, zu öffnen und auch für unser Fachgebiet Reklame zu
machen.

[00:25:22.220] – Dr.med. Roman Vogt
Ursula, ich war zu dieser Zeit, als du leitende Ärztin des SPD warst und Dr.med.
Schamsi H. Sobhani, Chef des Ambulatoriums, war ich als Hausarzt drei Kilometer von
euch entfernt und ich wusste nicht, wen ich wohin schicken soll, ob zum SPD oder zum
AMBI.

[00:25:44.270] – Dr.med. Roman Vogt
Ich wusste es nicht.

[00:25:46.350] – Dr.med. Roman Vogt
Ich bekam erst Einblick, als ich dann selbst auf dem Areal Königsfelden tätig war.

[00:25:52.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe noch einen Brief von dir bekommen auf, wie Recyclingpapier.

[00:26:02.450] – Dr.med. Roman Vogt
Natürlich! Schön grau.

[00:26:10.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber farbig war die Zukunft.

[00:26:14.590] – Bemerkung 1
Frau Dr.med. Ursula Davatz, können sie noch ein bisschen etwas sagen über die
Entwicklung vom EPD, wie dann die verschiedenen Standorte gekommen sind und wie
sich das so ein bisschen zusammengebaut hat?

[00:26:26.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann seine Stelle übernommen, ein Jahr später. Ich musste mich reindrängen.

[00:26:36.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Regierungsrat wollte zuerst jemand anderes nehmen, aber der hat dann abgesagt
und als Ersatz für den wurde ich dann gewählt.

[00:26:46.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben wir natürlich die Sozialpsychiatrie vorangetrieben.

[00:26:49.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte zwei Oberärzte, Dr. Sacks und Dr. Kurt Bachmann.

[00:26:55.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit denen haben wir zusammen Vorträge gehalten im ganzen in Kanton.

[00:27:01.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Thema war: Psychiatrie im Alltag.

[00:27:05.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Etwas ganz Banales.

[00:27:07.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben alle möglichen Vereine angefragt, ob wir unseren Vortrag halten dürfen.

[00:27:11.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben es gratis gemacht.

[00:27:13.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben Reklame gemacht für die ambulante Psychiatrie.

[00:27:20.230] – Dr.med. Ursula Davatz

Dann wurde der SPD abgetrennt von der Klinik, aber als ich dann wegging, wurde er
wieder zusammengeschlossen.

[00:27:33.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat immer so Bewegungen gegeben.

[00:27:36.350] – Dr.med. Frank Marohn
Das war ja genau der Mann, der heute nicht dabei ist, der Urs Fromm, zu dessen Zeiten
wir dann begonnen haben, Roman Vogt und ich.

[00:27:50.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Darf ich noch schnell meinen Abschluss machen?

[00:27:52.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt ja, Blick in die Zukunft.

[00:27:56.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt kommt etwas Kritisches.

[00:27:59.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiatrie ist aus meiner Sicht zu sehr verortet im medizinischen Modell.

[00:28:07.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war am Dingleton Hospital in Schottland, das von Maxwell Jones gegründet wurde.

[00:28:12.717] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.nhsborders.scot.nhs.uk/patients-and-visitors/latest-news/2022/july/27/celebration-to-mark-150-years-of-dingleton-hospital/

[00:28:12.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe ihn auch zweimal organisiert, dass er zu uns zu Besuch kam.

[00:28:17.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, wir sollten viel systemischer werden und das System mit einbeziehen, also
das Umfeld.

[00:28:30.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich war damals in den 1980er Jahren in der Lehrplanrevision Kanton vom Aargau,
Abteilung Gesundheitserziehung.

[00:28:42.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben wir lang diskutiert: was sagen wir da? Schlussendlich kamen wir auf den
Spruch: Leben und leben lassen.

[00:28:52.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage jetzt nicht nur: Leben und leben lassen..

[00:28:56.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Leben und leben lassen und Leben unterstützen.

[00:29:00.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich jetzt in die Zukunft schaue, ich habe viele Kinder, die aus der Schule
kommen, das Schulsystem ist aus meiner Sicht im Argen.

[00:29:09.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Lehrer sind nicht genügend unterstützt.

[00:29:11.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich in die Zukunft schauen will, dann denke ich, die Psychiatrie beginnt in der
Schule und nicht erst in der Jugendpsychiatrie.

[00:29:18.120] – Dr.med. Frank Marohn

Indem man Bedingungen vielleicht hilft, mit zu gestalten und bessere Entwickungen zu
ermöglichen.

[00:29:22.740] – Dr.med. Frank Marohn
Ich denke, die Psychiatrie ist immerhin Teil der Medizin und vielleicht zwischen
zwischen der Psychologie und der Medizin angezeigt.

[00:29:32.720] – Dr.med. Frank Marohn
Ich denke, der systemische Zugang ist wichtig und ist natürlich einer, aber der
tiefenpsychologische oder die integrierte Versorgung, so wie wir das heute machen, hat
das eigentlich ein bisschen abgelöst oder ergänzt.

[00:29:56.440] – Dr. med. Katrin Hanno
Wie haben sich die Standorte entwickelt? Die Standorte sind doch sehr wichtig.

[00:30:10.580] – Dr.med. Roman Vogt
1995 bis 2005.

[00:30:10.970] – Dr.med. Roman Vogt
1995 war Dr.med. Urs Fromm aus Thun Chefarzt vom EPD.

[00:30:44.140] – Dr.med. Roman Vogt
Dr.med. Schamsi H. Sobhani hat Aarau übernommen, du Baden.

[00:30:46.720] – Dr.med. Roman Vogt
Zuerst ist man nach Aarau auspilgert in das Haus, das dann später Tagesklinik war.

[00:30:52.890] – Dr.med. Roman Vogt
Patrick Jeger hallo.

[00:30:53.770] – Dr.med. Roman Vogt

Du bist nach Baden an die Hasselstraße 1996 im Frühling.

[00:31:03.690] – Dr.med. Roman Vogt
Dr.med. Urs Fromm hatte sein Büro in Königsfelden.

[00:31:12.850] – Dr.med. Roman Vogt
Auf der Achse Baden, Aarau, Königsfelden hat sich fast alles abgespielt.

[00:31:14.190] – Dr.med. Roman Vogt
Manfred Ries in Wohlen ab 1. April 1996 und ich neu im EPD im Frick ab 1. April 1996.

[00:31:23.910] – Dr.med. Roman Vogt
Wir haben es relativ frei und gut gehabt.

[00:31:27.060] – Dr.med. Roman Vogt
Wir konnten dort Aufbauarbeit leisten.

[00:31:30.220] – Dr.med. Roman Vogt
Unsere Teams haben bestanden aus einer Sekretärin, zwei Frauen mit einem Job
Sharing, eine Assistenzärztin, ein Sozialarbeiter/Sozialpädagoge und ein
Psychiatriepfleger.

[00:31:46.570] – Dr.med. Roman Vogt
Wenn wir die Fälle verteilt haben, hat es nie Streit gegeben. Es war immer klar, was zu
wem kommt.

[00:31:46.790] – Dr.med. Roman Vogt
Wenn so ein Team gut läuft, läuft es super.

[00:31:50.180] – Dr.med. Roman Vogt

Die Kräfte haben sich auf der Achse Baden, Aarau, Königsfelden ein bisschen
abgerieben.

[00:32:06.050] – Dr.med. Roman Vogt
Manfred und ich konnten relativ frei im Friktal und im Freiamt arbeiten.

[00:32:12.660] – Dr.med. Roman Vogt
Dr.med. Schamsi H. Sobhani hat sich als erstes zurückgezogen. Du hast dich nachher
zurückgezogen.

[00:32:18.240] – Dr.med. Roman Vogt
Dann bin ich Stellvertreter geworden vom Urs Fromm und habe Baden geleitet. Das
ging so bis 2004. Dann kommt die nächste Periode.

[00:32:32.180] – Dr.med. Frank Marohn
Wichtig vielleicht auch, wir sehen ja nicht alle Fäden, die zusammenlaufen.

[00:32:38.640] – Dr.med. Frank Marohn
Ich denke, wir haben noch angefangen, den Konziliadienst zu machen, was dann erst
viel später an den anderen Bereich übergeben wurde.

[00:32:51.070] – Dr.med. Frank Marohn
Zu dem Zeitpunkt waren kaum noch Psychologen im Dienst.

[00:32:55.790] – Dr.med. Roman Vogt
Wir sind im Friktal wirklich warm begrüßt worden, willkommen geheißen worden.

Forschungsansätze zur Verbesserung der psychiatrischen Behandlung

Dr.med. Ursula Davatz verfolgt konkrete Forschungsansätze, die darauf abzielen, die psychiatrische Behandlung zu verbessern, indem sie sich von dem vorherrschenden medizinischen Modell entfernt und die Erkenntnisse der Soziobiologie und der Systemischen Therapie integriert.

1. Integration soziobiologischer Erkenntnisse:

Davatz plädiert dafür, die psychiatrische Forschung stärker an die Soziobiologie anzubinden. Sie ist der Ansicht, dass die Beobachtung von Tieren in ihrem natürlichen Lebensraum uns helfen kann, menschliches Verhalten objektiver zu betrachten und von kulturellen Vorurteilen zu abstrahieren. Die Erkenntnisse der Soziobiologie, die sich auf die Beobachtung von Tieren stützt, können wertvolle Einsichten in die biologischen Grundlagen menschlichen Verhaltens liefern und so zu einem besseren Verständnis der Krankheitsentstehung beitragen.

2. Systematische Erfassung von sozialen Daten:

Davatz fordert eine sorgfältige Erfassung von sozialen Daten, die die Interaktion des Individuums mit seinem sozialen Umfeld detailliert festhalten. Sie ist der Meinung, dass das soziale Umfeld einen entscheidenden Einfluss auf die psychische Gesundheit hat und die Entstehung von psychischen Erkrankungen begünstigen oder verhindern kann. Die systematische Erfassung dieser Daten soll dazu beitragen, die Krankheitsgenese besser zu verstehen und effizientere therapeutische Interventionen abzuleiten.

3. Fokus auf die Interaktion mit dem sozialen Umfeld:

Dr.med. Ursula Davatz betont, dass therapeutische Interventionen immer auf der zwischenmenschlichen Ebene stattfinden und nur in der Beziehung Veränderungen möglich sind. Sie sieht den Menschen als soziales Wesen, dessen Verhalten und psychische Gesundheit massgeblich von seinen Beziehungen zu anderen Menschen geprägt wird. Daher sollten therapeutische Ansätze nicht nur auf das Individuum, sondern auf das gesamte soziale Umfeld des Patienten fokussieren.

4. ADHS-Forschung und Datenbank:

Ein konkretes Beispiel für Dr.med. Ursula Davatz‘ Forschungsansatz ist ihr Vorhaben, eine Datenbank für ADHS-Betroffene zu erstellen. Anhand von Fragebögen, die an die Betroffenen selbst und ihre Eltern geschickt werden sollen, will sie Daten über Erziehungsstile und deren Auswirkungen auf die Ausprägung von ADHS sammeln und analysieren. Ziel ist es herauszufinden, welche Erziehungsstile für Kinder mit ADHS förderlich und welche eher schädlich sind. Dieses Projekt verdeutlicht Davatz‘ Fokus auf die Wechselwirkungen zwischen genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren und die Bedeutung des sozialen Umfelds für die psychische Gesundheit.

5. Systemische Therapie:

Davatz sieht die Systemische Therapie als einen vielversprechenden Ansatz, der den sozialen Kontext des Patienten berücksichtigt. Diese Therapieform betrachtet den Patienten als Teil eines Systems, beispielsweise seiner Familie oder seines sozialen Umfelds, und versucht, Veränderungen im gesamten System zu bewirken. Der Fokus liegt dabei nicht auf der Bekämpfung von Symptomen, sondern auf der Stärkung der Ressourcen und der Verbesserung der Interaktionen innerhalb des Systems.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Davatz‘ Forschungsansätze darauf abzielen, die psychiatrische Behandlung zu verbessern, indem sie die biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren des menschlichen Verhaltens in ihrer Gesamtheit berücksichtigt. Sie plädiert für eine stärkere Integration der Soziobiologie in die Psychiatrie und betont die Bedeutung des sozialen Umfelds für die Entstehung und Behandlung psychischer Erkrankungen.

https://ganglion.ch/pdf/6_Regierungsraete.pdf

Die zentrale Rolle von Beziehungen in der Psychiatrie und im Leben

Das Interview zwischen Dr. med. Ursula Davatz und Prof. Dr. med. Luc Ciompi beleuchtet die Bedeutung von Beziehungen in der Psychiatrie und darüber hinaus. Beziehungen werden als das „Dazwischen“ definiert, das unsichtbare Band, das Menschen, Dinge und Konzepte miteinander verbindet.

Beziehungen als Grundlage der psychiatrischen Arbeit:

Sowohl Davatz als auch Ciompi betonen, dass Beziehungen den Kern der psychiatrischen Arbeit bilden. Der therapeutische Prozess basiert auf der Beziehung zwischen Patient und Psychiater, in der Verstehen, Empathie und Heilung entstehen können. Ciompi kritisiert die zunehmende Bürokratisierung und Technisierung des Gesundheitswesens, die diese essentielle Beziehung in den Hintergrund drängt.

Systemtherapie als Ausdruck der Beziehungsorientierung:

Die Systemtherapie, die Davatz und Ciompi ausführlich diskutieren, verdeutlicht die Bedeutung von Beziehungen in der Psychiatrie. Dieser Ansatz betrachtet den Menschen nicht isoliert, sondern eingebettet in ein komplexes Netzwerk von Beziehungen in Familie, Beruf und Gesellschaft. Psychische Probleme werden als Ausdruck von Störungen innerhalb dieser Systeme verstanden, und die Analyse der Beziehungen bildet den Schlüssel zum Verständnis und zur Veränderung.

Beziehungen im Kontext der Psychoanalyse:

Auch in der Psychoanalyse, die Ciompi zwar kritisch betrachtet, spielen Beziehungen eine wichtige Rolle. Die Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit und die Sensibilität für zwischenmenschliche Prozesse, die in der Psychoanalyse trainiert werden, sind auch für die Systemtherapie und andere Therapieformen von grosser Bedeutung. Ciompi selbst hat durch seine psychoanalytischen Erfahrungen gelernt, die Feinheiten von Beziehungen besser zu erkennen und zu verstehen.

Ciompis persönliche Beziehungserfahrungen:

Ciompis eigene Lebensgeschichte, die er im Interview teilt, zeigt die prägende Kraft von Beziehungen. Seine schwierige Beziehung zu seinen Eltern, insbesondere zu seinem Vater, hat ihn nachhaltig beeinflusst. Im Rückblick wünscht er sich Versöhnung und Verständnis, erkennt aber auch die Verletzungen an, die durch mangelnde Zuwendung und Unterstützung entstanden sind.

Beziehungen als universelles Prinzip:

Ciompi erweitert den Begriff der Beziehungen über den zwischenmenschlichen Bereich hinaus. Er sieht Beziehungen als ein universelles Prinzip, das in der gesamten Welt wirksam ist. Von den mathematischen Beziehungen im Satz des Pythagoras bis hin zu den Beziehungen zwischen Erde und Sonne – Beziehungen sind überall vorhanden und prägen die Realität. Ciompi spricht in diesem Zusammenhang von einem „Weltgeist“, der in den Beziehungen und Verhältnissen der Welt Ausdruck findet.

Beziehungen als Quelle von Lebensfreude und Entwicklung:

Beziehungen sind nicht nur Quelle von Konflikten und Leid, sondern auch von Lebensfreude und Entwicklung. Ciompi erinnert daran, dass Kinder die natürliche Freude an Beziehungen verkörpern, die im Laufe des Lebens oft verschüttet wird. Davatz betont, dass in der Begegnung und Auseinandersetzung mit anderen Menschen „Menschliches“ passiert. Ciompi’s Erfahrung, als Kind anderthalb Jahre ohne Schule in der Natur zu verbringen, zeigt, dass Beziehungen auch Raum für Autonomie und die Entfaltung individueller Interessen schaffen können.

Fazit:

Das Interview verdeutlicht die zentrale Rolle von Beziehungen in der Psychiatrie und im Leben. Beziehungen prägen unsere Erfahrungen, unser Denken und unser Fühlen. Sie können Quelle von Leid und Konflikten sein, aber auch von Heilung, Entwicklung und Lebensfreude.

https://ganglion.ch/pdf/urle_luc_3.m4a.pdf

Die Psychiatrie im Spannungsfeld von Menschlichkeit und technologischem Wandel: Eine kritische Betrachtung

Das Interview zwischen Dr. med. Ursula Davatz und Prof. Dr. med. Luc Ciompi bietet eine kritische Auseinandersetzung mit dem aktuellen Zustand der Psychiatrie. Ciompi, ein passionierter Psychiater mit langjähriger Erfahrung, äussert Zweifel, ob er unter den heutigen Bedingungen wieder diesen Berufsweg einschlagen würde. Seine Bedenken basieren auf der zunehmenden Bürokratisierung und Technisierung des Gesundheitswesens, die den Fokus von der menschlichen Beziehung zwischen Patient und Arzt verschiebt.

Die Dominanz der Neurobiologie und die Vernachlässigung des Menschen:

Ciompi kritisiert die starke Fokussierung auf die Neurobiologie in der modernen Psychiatrie. Während er die Bedeutung der Hirnforschung anerkennt, bemängelt er die Vernachlässigung der psychischen und sozialen Dimension des Menschen. Seiner Ansicht nach wird der Mensch in seiner Gesamtheit, mit seinen Emotionen, Beziehungen und individuellen Erfahrungen zu wenig berücksichtigt. Die Psychiatrie drohe, zu einer rein naturwissenschaftlichen Disziplin zu verkommen, die den Menschen auf seine materielle Basis reduziert.

Der Verlust der Beziehung als Kernproblem:

Die Beziehung zwischen Patient und Psychiater ist für Ciompi von zentraler Bedeutung. In dieser Beziehung entsteht der Raum für Verstehen, Empathie und Heilung. Die zunehmende Bürokratisierung und Technisierung des Gesundheitswesens führt jedoch dazu, dass diese Beziehung immer mehr in den Hintergrund tritt. Ärzte verbringen immer mehr Zeit mit Dokumentation und Administration und haben immer weniger Zeit für die Patienten. Dieser Trend beunruhigt Ciompi zutiefst, da er die Grundlagen der psychiatrischen Arbeit gefährdet sieht.

Die Sehnsucht nach einer menschlicheren Psychiatrie:

Sowohl Ciompi als auch Davatz plädieren für eine Rückbesinnung auf die Menschlichkeit in der Psychiatrie. Sie fordern eine stärkere Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse und Erfahrungen der Patienten sowie eine Wiederbelebung der therapeutischen Beziehung als Kernstück der psychiatrischen Arbeit. Es geht darum, den Menschen in seiner Gesamtheit zu sehen und ihm mit Empathie und Respekt zu begegnen.

Alternative Therapieansätze jenseits der Psychoanalyse:

Obwohl Ciompi selbst zwei Psychoanalysen absolviert hat, zeigt er sich desillusioniert von deren Wirksamkeit. Er sieht die Psychoanalyse als zeitaufwändige und kostspielige Therapieform mit begrenztem Erfolg. Stattdessen plädiert er für systemische Therapieansätze, die den Menschen in seinem sozialen Kontext betrachten und die Bedeutung der Beziehungen in Familie, Beruf und Gesellschaft hervorheben. Diese Ansätze bieten seiner Meinung nach einen ganzheitlicheren Blick auf den Patienten und ermöglichen effektivere Interventionen.

Die Bedeutung des sozialen Lernens:

Ciompi und Davatz betonen die Wichtigkeit des sozialen Lernens im Umgang mit psychischen Problemen. Im Dialog mit anderen Menschen können Patienten ihre Emotionen reflektieren, neue Verhaltensweisen erlernen und aus ihren Erfahrungen lernen. Das soziale Umfeld bietet Halt und Unterstützung und kann den Betroffenen helfen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden und ein erfülltes Leben zu führen.

Fazit:

Das Interview verdeutlicht die aktuellen Herausforderungen der Psychiatrie, die sich im Spannungsfeld zwischen Menschlichkeit und technologischem Wandel befindet. Es zeigt die Gefahr einer zunehmenden Entmenschlichung und plädiert für eine Rückbesinnung auf die therapeutische Beziehung als Kernstück der psychiatrischen Arbeit. Die Zukunft der Psychiatrie liegt in einem ganzheitlichen Ansatz, der den Menschen in seiner Gesamtheit und in seinem sozialen Kontext betrachtet.

https://ganglion.ch/pdf/urle_luc_3.m4a.pdf

Die Bewertung der Familiendynamik in der heutigen Psychiatrie

Dr.med. Ursula Davatz stellt fest, dass die Familiendynamik in der heutigen Psychiatrie eine eher untergeordnete Rolle spielt. Während die Familientherapie in den 1970er und 1980er Jahren stark im Fokus stand, dominieren heute neurobiologische und genetische Erklärungsmodelle psychischer Erkrankungen. Die Ursachen werden hauptsächlich in den Genen und der Hirnfunktion gesucht, was zu einer Vernachlässigung des familiären und sozialen Umfelds führt.

Dr.med. Ursula Davatz betrachtet diese Entwicklung als einseitig. Obwohl sie die Fortschritte in der Genetik und Neurobiologie anerkennt und selbst in ihrer Arbeit berücksichtigt, plädiert sie für einen integrativen Ansatz, der die Wechselwirkung zwischen biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren berücksichtigt.

Kritik an der Dominanz der Neurobiologie:

  • Reduktionistisches Krankheitsverständnis: Die Fokussierung auf Gene und Hirnfunktionen greift aus Dr. Davatz‘ Sicht zu kurz und vernachlässigt die komplexen Wechselwirkungen zwischen Individuum und Umwelt.
  • Verlust des systemischen Blicks: Die Bedeutung der Familie und des sozialen Umfelds für die Entstehung und den Verlauf psychischer Erkrankungen wird vernachlässigt.
  • Einseitige Behandlungsansätze: Die Dominanz der Neurobiologie führt zu einer Fokussierung auf medikamentöse Therapien und einer Vernachlässigung psychotherapeutischer Ansätze, die das familiäre und soziale Umfeld einbeziehen.

Bedeutung der Familiendynamik:

Dr.med. Ursula Davatz unterstreicht die Bedeutung der Familiendynamik anhand des Konzepts der „Passung“, das sie in Bezug auf ADHS/ADS beschreibt. Eine gute Passung zwischen den Bedürfnissen des Kindes und den Anforderungen der Umwelt, insbesondere der Familie, fördert die Entwicklung des Kindes, während eine schlechte Passung zu Folgeerkrankungen führen kann.

Beispiele für den Einfluss der Familiendynamik:

  • ADHS/ADS: Dr. Davatz beobachtet, dass eine strenge Erziehung und fehlende Unterstützung die Entstehung von Folgeerkrankungen wie Borderline-Persönlichkeitsstörung, Bipolare Störung, Delinquenz und Suchterkrankungen bei Kindern mit ADHS/ADS begünstigen können.
  • Schizophrenie: Basierend auf Bowens Konzept sieht Dr. Davatz dysfunktionale Beziehungsmuster in Familien mit schizophrenen Mitgliedern als einen wichtigen Faktor für den Krankheitsverlauf an.

Dr. Davatz‘ Plädoyer für einen integrativen Ansatz:

Dr.med. Ursula Davatz plädiert für eine Rückbesinnung auf die Bedeutung der Familie in der Psychiatrie. Sie fordert ein integratives Krankheitsverständnis, das die Erkenntnisse der Neurobiologie und Genetik mit dem systemischen Blick auf die Familiendynamik verbindet. Nur so können die komplexen Ursachen und Verläufe psychischer Erkrankungen umfassend verstanden und adäquate Behandlungsansätze entwickelt werden.

Der Weg zur Psychiatrie

Dr.med. Ursula Davatz‘ Entscheidung für die Psychiatrie lässt sich auf mehrere Faktoren zurückführen:

  • Faszination für Carl Gustav Jung: Dr. Davatz‘ Eltern waren stark an Carl Gustav Jung interessiert und lasen viele seiner Bücher. Diese Faszination übertrug sich auf Dr. Davatz, die mit 18 Jahren selbst begann, Jungs Werke zu lesen. Diese frühe Auseinandersetzung mit Jungs Ideen weckte ihr Interesse an der menschlichen Psyche und legte den Grundstein für ihren späteren Berufsweg.
  • Interesse an der Schizophrenie: Bereits zu Beginn ihres Medizinstudiums stand für Dr. Davatz fest, dass sie Psychiaterin werden wollte, und sie interessierte sich von Anfang an besonders für die Schizophrenie. Sie empfand diese Krankheit als die „interessanteste“ und wollte sie besser verstehen.
  • Der Einfluss des Vaters: Dr. Davatz‘ Vater war Ingenieur und löste gerne Probleme. Diese Eigenschaft übernahm sie von ihm, und so sah sie die Schizophrenie als ein komplexes Problem, das es zu lösen galt.
  • Die Suche nach einem Spezialisten: Dr. Davatz hörte von Dr. Christian Müller, einem Nervenarzt und Schizophrenie-Spezialisten in Lausanne. Dies motivierte sie, nach Lausanne zu gehen, um dort ihre Ausbildung fortzusetzen.
  • Die Begegnung mit der therapeutischen Gemeinschaft: In Lausanne lernte Dr. Davatz Dr. Calanca kennen, der ihr das Dingleton Hospital in Melrose, Schottland, empfahl. Dort arbeitete sie in der von Maxwell Jones gegründeten therapeutischen Gemeinschaft, was ihr Interesse an Gruppenprozessen und Familiendynamik weiter verstärkte.
  • Die Ausbildung in den USA: In den USA spezialisierte sich Dr.med. Ursula Davatz auf Familientherapie und lernte dabei Murray Bowen kennen, dessen Theorie sie stark beeindruckte. Bowen betonte die Bedeutung der Familie als System und die Rolle dysfunktionaler Beziehungsmuster bei der Entstehung psychischer Störungen. Diese Erkenntnisse prägten Dr. Davatz‘ weiteres Verständnis von psychischen Erkrankungen und ihre therapeutische Arbeit.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Dr.med. Ursula Davatz‘ Weg zur Psychiatrie war geprägt von einer Kombination aus intellektueller Neugier, dem Wunsch, Menschen zu helfen, und einer ausgeprägten Problemlösungskompetenz. Ihre Faszination für die Schizophrenie, der Einfluss ihres Vaters und die Begegnung mit einflussreichen Persönlichkeiten wie Maxwell Jones und Murray Bowen führten sie schließlich zu ihrer Spezialisierung auf Familientherapie.

https://ganglion.ch/pdf/Vulnerabilitaet_Erziehung_Krankheit.pdf

Kritik an der Psychiatrie

Dr.med. Ursula Davatz übt in ihrem Vortrag, in dem es primär um die Psychosomatik geht, deutliche Kritik an der modernen Psychiatrie. Sie bemängelt vor allem drei Aspekte:

  • Fokus auf naturwissenschaftliche Methoden und fixe Diagnosen: Dr. Davatz kritisiert, dass die Psychiatrie zu stark auf naturwissenschaftliche Methoden setzt und sich in mikrobiologischen Details verliert. Sie plädiert stattdessen für einen ganzheitlicheren Ansatz, der die Makrobiologie und das Psychosoziale berücksichtigt. Sie kritisiert die Fixierung auf fixe Diagnosen, die dazu führe, dass der Mensch als Individuum verpasst werde. Anstatt nach vorgefertigten Schemata zu suchen, sollten Psychiater offen und vorurteilsfrei auf den Patienten zugehen und seine individuellen Erfahrungen und Bedürfnisse in den Blick nehmen.
  • Übermässiger Einsatz von Psychopharmaka: Dr. Davatz zeigt sich besorgt über den steigenden Einsatz von Psychopharmaka, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Sie argumentiert, dass Medikamente zwar Symptome lindern können, aber die zugrundeliegenden Probleme nicht lösen . Statt die Kinder einfach mit Medikamenten „wieder zum Funktionieren zu bringen“, sollte die Psychiatrie die Ursachen der Probleme im sozialen Umfeld des Kindes suchen und die Familiensysteme verändern, um dem Kind mehr Raum zur Entfaltung zu geben.
  • Vernachlässigung der Systemtherapie: Dr. Davatz kritisiert, dass Systemtherapie, insbesondere Familientherapie, in der Psychiatrie zu wenig berücksichtigt wird. Sie führt dies auf den Mangel an Therapeuten zurück, die mit komplexen Familiensystemen umgehen können, und auf die unzureichende Finanzierung durch die Krankenkassen. Dabei sei die Systemtherapie gerade bei psychosomatischen Erkrankungen von entscheidender Bedeutung, um die Verstrickungen und ungelösten Konflikte innerhalb der Familie zu verstehen und zu bearbeiten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dr.med. Davatz die Psychiatrie auffordert:

  • weg von einem rein naturwissenschaftlichen und diagnoseorientierten Ansatz
  • hin zu einem ganzheitlichen Verständnis des Menschen, das die individuellen Erfahrungen, das soziale Umfeld und die psychische Dynamik einbezieht.

Sie plädiert für einen stärkeren Fokus auf Psychotherapie, insbesondere Systemtherapie, um die Ursachen psychischer und psychosomatischer Probleme zu bearbeiten und den Patienten zu helfen, neue, gesündere Anpassungsmuster zu entwickeln.

https://ganglion.ch/pdf/Wann_laesst_die_Seele_den_Koerper_sprechen.m4a.pdf

Austausch von Erfahrungswissen aus dem praktischen Alltag

Ein Gespräch zwischen Dr.med. Ursula Davatz, therapeutische Psychiaterin und Dr.med. Joseph Sachs, Forensiker.

Audio:

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Transkript

Dr.med. Ursula Davatz, Dr.med. Josef Sachs

4.3.2021
Austausch von Erfahrungswissen aus dem praktischen Alltag
Audio

[00:00:07.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte dich herzlich begrüßen zu unserem Gespräch. Ich habe mir ein paar Fragen ausgedacht, die
ich dir stellen will, aber du darfst dann frei ergänzen oder andere Dinge dazu erzählen.

[00:00:21.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich beginne bei unserer Geschichte. Du hast mich abgelöst als Konsiliararzt auf der Aarburg, eine
Erziehungsanstalt, wo ich vorher acht Jahre tätig war.

[00:00:38.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte dich jetzt fragen, als erfahrener Forensiker, was hast du gelernt und was würdest du sagen,
dass man in Bezug auf Jugendliche, Delinquente noch anders machen könnte? Oder wie man die
Erziehungsheime anders gestalten könnte? Was könnte man auf diesem Gebiet noch verbessern?

[00:01:04.980] – Dr.med. Josef Sachs
Das wäre ein Thema für eine Stunde, nur das allein. Während der Zeit, in der ich in Aarburg gearbeitet
habe, hat ein grosser Prozess stattgefunden. Das Heim war früher sehr ein striktes, klassisches
Jugendheim mit starren Vorgaben und die Jugendlichen wurden fast militärisch gedrillt.

[00:01:29.930] – Dr.med. Josef Sachs
Dann ist eine Veränderung gekommen und diese Veränderung war so, dass die Heimstrukturen lockerer
geworden sind, es wurde mehr und mehr Therapie aufgebaut, insbesondere auf der geschlossenen
Abteilung, wo eine 50% Psychiaterstelle und zusätzlich noch Psychologenstelle für nur sechs
Jugendliche reserviert waren.

[00:01:54.620] – Dr.med. Josef Sachs
Das war auch eine Auflage des Bundesamtes für Justiz, damit das überhaupt subventioniert wurde. So
hat man gesehen, wie es einen Unterschied gab zwischen der geschlossenen Abteilung mit sehr viel
Therapie und der offenen Abteilung, in der anfänglich noch vorwiegend pädagogisch oder
sozialpädagogisch gearbeitet wurde.

[00:02:20.070] – Dr.med. Josef Sachs
Ich habe dann so gesehen, dass nicht das oder jenes besser ist, denn dort, wo nur therapeutisch
gearbeitet wurde, hat man gesehen, dass die Jugendlichen mehr und mehr regrediert sind, weil die
Therapie ja nur punktuell stattfinden konnte.

[00:02:39.420] – Dr.med. Josef Sachs
Dort, wo nur sozialpädagogisch gearbeitet wurde, hat man Jugendliche gezeigt, die zwar gut
"funktionierten", aber es war eine Anpassung.

[00:02:51.910] – Dr.med. Josef Sachs
Man hat auch gesprochen von Schokolade-Hasen, die sehr schön geformt sind, aber sobald sie an der
Sonne sind, schmelzen sie.

[00:02:58.830] – Dr.med. Josef Sachs
Ich bin dann zu der Überzeugung gelangt, dass nur die Kombination von beiden und die enge
Zusammenarbeit von Sozialpädagogik und Therapie eigentlich zu einem Erfolg führen kann.

[00:03:14.270] – Dr.med. Josef Sachs
Das ist auch eine Empfehlung, die ich sehr häufig bei Jugendlichen im Rahmen von Begutachtungen
mache, dass ich verlange, dass sowohl ein sozialpädagogischer Ansatz gemacht wird, der Struktur
verleiht, gleichzeitig auch ein therapeutischer, wobei die Therapie und die Sozialpädagogik eben nicht
unabhängig voneinander fungieren sollen, sondern in sehr enger Zusammenarbeit, sodass die
Jugendlichen nicht einen Teil ihrer Geschichte bei den Pädagogen deponieren und den anderen Teil bei
den Therapeuten, die dann zu streiten beginnen, weil sie je andere Seiten des Jugendlichen
kennenlernen.

[00:03:55.510] – Dr.med. Josef Sachs
Ich glaube, das ist das, wo ich heute von Anfang an viel mehr Gewicht drauf lege. Die enge
Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Disziplinen, die sich um den Jugendlichen bemühen.

[00:04:07.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Das finde ich sehr interessant. Ich habe das auch im sozialpsychiatrischen Dienst mit den Erwachsenen
erlebt. Die pädagogisch denkenden Menschen mussten mit den Therapeuten zusammenarbeiten und nur
das eine oder das andere geht nicht.

[00:04:26.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn nur Therapie gemacht wird, das ist interessant, die regredieren, die verweichen, die werden gar
nicht erwachsen. Hochinteressant.

[00:04:36.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Gibt es denn jetzt solche Heime, die das machen und gut machen? Im Bereich der Jugendpsychiatrie?

[00:04:44.410] – Dr.med. Josef Sachs

Im Jugendheim Aarburg habe ich versucht, und das wird zum Teil jetzt auch so gemacht, dass diese enge
Zusammenarbeit gut funktioniert.

[00:04:54.030] – Dr.med. Josef Sachs
Es gibt auch andere Heime, wo das passiert. Aber in sehr vielen Heimen ist immer noch so, dass die
Heime sozialpädagogisch orientiert sind und die Jugendlichen werden dann entweder extra in Therapien
geschickt und da passiert irgendetwas, wo niemand weiss, was passiert oder die Therapeutinnen und
Therapeuten kommen punktuell für einzelne Sitzungen und für einzelne Jugendliche in die Heime und
verschwinden sofort wieder. Das ist eigentlich nicht das, was ich suche.

[00:05:27.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Hast Du noch Kontakt mit der Aarburg?

[00:05:31.790] – Dr.med. Josef Sachs
Therapeutisch habe ich keinen Kontakt mehr, aber ich kenne die Leute noch, die dort sind. Ich
begutachte ab und zu Jugendliche, die dort sind, oder werde auch hin und wieder angerufen für einzelne
Fragen.

[00:05:47.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Kannst Du etwas aussagen über die Rückfallrate oder die Erfolgsrate?Gibt es da Statistiken?

[00:05:56.690] – Dr.med. Josef Sachs
Es gibt Statistiken aber die Statistiken sind immer sehr schwierig, weil man ja bei Statistiken eigentlich
vergleichen muss zwischen verschiedenen Jugendlichen und die Jugendlichen, die in ein bestimmtes
Heim kommen, sind bereits eine Selektion und so hat man keine Vergleichsgruppe.

[00:06:13.390] – Dr.med. Josef Sachs
Ich glaube, das ist ganz schwierig. Das andere Problem ist halt das, dass die Jugendlichen, also ich
muss das anders aufziehen:

[00:06:24.280] – Dr.med. Josef Sachs
Etwas ganz Entscheidendes nach einem solchen Heimaufenthalt ist die Nachbetreuung. Man hat immer
wieder gesehen, dass sehr gute Ansätze passieren in einem Heim, dass sehr viel aufgebaut werden kann
und das verdunstet wieder nach der Entlassung, weil die Nachbetreuung nicht funktioniert.

[00:06:43.300] – Dr.med. Josef Sachs
Die gehen irgendwo hin zurück, haben wieder kriminogene Kontakte, geraten in die soziale oder
ungünstige Milieus, verlieren ihre Arbeitsstelle, haben mit Drogen oder Alkohol Kontakt. Das müsste man

bei einer Berechnung der Rückfallrate beachten. Darum glaube ich, dass die Erfolgsstatistik nicht wirklich
aussagekräftig ist.

[00:07:13.999] – Dr.med. Ursula Davatz
Kennst Du eine Statistik nur von der Aarburg?

[00:07:16.990] – Dr.med. Josef Sachs
Man hat von 50% Rückfälle gesprochen, aber es sagt eben nicht viel aus. Wie gross wäre die
Rückfallrate wenn sie nicht in der Aarburg gewesen wäre? Wie grosse wäre die Rückfallrate, wenn sie
eine ganz andere Therapie under Betreuung gehabt hätten? Darum glaube ich nicht, dass das
aussagekräftig ist.

[00:07:24.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist interessant, als ich noch zur Aarburg ging von 1980 bis 1988, habe ich genau das Gleiche gesagt.
Unbedingt nachbetreuen. Die haben es nie hingerkriegt. Das stimmt, man wendet so viel an im Heim,
was Gutes aufgebaut, und dann raus und wie du sagst, verduftet, verschwindet. Das ist sehr sehr schade
für diesen großen Aufwand.

[00:08:16.100] – Dr.med. Josef Sachs
Ja, das ist unglaublich schade und es liegt nicht unbedingt nur am schlechten Willen. Man versucht ja
schon diese Nachbetreuung aufzubauen. Es liegt einerseits an der Dezentralisierung. Die Jugendlichen
gehen nach Graubünden, nach Bern, nach Basel und es ist schwierig, von einer Zentrale aus das
aufzubauen.

[00:08:37.290] – Dr.med. Josef Sachs
Das andere, noch viel grössere Problem, ist aus meiner Sicht in der Gesetzgebung. Unser
Jugendstrafrecht ist so organisiert, dass das Jugendstrafrecht gilt bis Punkt zum 18. Lebensjahr. Also
eine Straftat einen Tag vor dem 18. Geburtstag wird anders beurteilt als eine Straftat einen Tag nach dem
18. Geburtstag.

[00:09:01.640] – Dr.med. Josef Sachs
Die Nachbetreuung endet mit dem 25. Geburtstag, früher sogar mit dem 22. Geburtstag. Häufig genügt
das eben nicht. Viele Jugendliche sind so schwer gestört, dass eine Betreuung bis zum 25. Lebensjahr
nicht ganz genügt, sie müsste weiter erfolgen. Dafür haben wir die rechtlichen Grundlagen nicht. Ich finde
sehr, dass der Übergang zwischen Erwachsenenstrafrecht und Jugendstrafrecht, dass der Übergang
flexibler gehandhabt werden sollte.

[00:09:36.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das würde ich sehr unterstützen.

[00:09:39.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wechsle weiter, wir haben uns schon öfter darüber unterhalten, du weißt eines meiner Steckenpferde
oder man kann sagen Pferde ist das ADHS.

[00:09:55.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage jetzt, es ist uns klar, ich kann keine Statistik aufzählen, aber dass Menschen mit ADHS, speziell
Männliche mit ADHS, dass die häufig in Erziehungsheimen landen und später im Gefängnis. Weißt du da
eine Prozentzahl, wie viele ADHS Menschen es in den Gefängnissen hat?

[00:10:20.450] – Dr.med. Josef Sachs
Es gibt ganz unterschiedliche Statistiken.

[00:10:25.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Gerade die Statistik in Bezug auf das ADHS ist ganz schwierig. Weil die Diagnose nicht ganz scharf ist.
Häufig ist das ADHS eine Diagnose, die unter anderen Diagnosen fungiert. Viele haben ein ADHS und
dann noch mehrere andere Diagnosen.

[00:10:46.540] – Dr.med. Josef Sachs
Ich persönlich schätze, und das passt schon zusammen mit einigen Statistiken, die ich gelesen habe,
dass sicher ein Drittel der Gefängnisinsassen die Diagnose ADHS klar hat zum Teil häufig auch mit einer
Suchtdiagnose oder einer Persönlichkeitsstörung.

[00:11:12.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Überzeugung ist, dass das ADHS genetisch weitergegeben wird und eigentlich keine Diagnose
sein sollte, sondern ein Persönlichkeitstyp.

[00:11:25.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Der kann natürlich auch variieren. In dem Sinne nenne ich alle Diagnosen, die mit diagnostiziert werden
mit dem ADHS, sage ich sind Folgediagnosen.

[00:11:40.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit Sucht ist es häufig kombiniert. Seit man heutzutage ADHS auch im Erwachsenenalter anschaut, sieht
man dann, wie alles kombiniert ist.

[00:11:52.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es jetzt viele Erwachsene, die sagen, ja, wenn man das früher schon gewusst hätte, hätte ich
vielleicht anders mit mir umgehen können und ich wäre anders behandelt worden.

[00:12:04.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwie wird das ADHS nur so restriktiv angeschaut und dann gibt man Medikamente.

[00:12:15.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich jetzt zurückgehe in die Schulzeit dieser Kinder, also heutzutage wird es ja häufig in der Schule
diagnostiziert.

[00:12:25.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Frage ist, und vielleicht muss ich vorher noch was anderes sagen, du warst eine Zeit lang in der
Schulpflege tätig? 12 Jahre lang.

[00:12:41.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Erfahrener in der Schulpflege und mit dem Kontakt mit dem Schulsystem und mit dem Wissen über
ADHS, Menschen mit ADHS, was würdest du sagen, könnte man in der Schule noch machen in Bezug
auf die ADHS Kinder, dass besser mit ihnen umgegangen wird? Was für Erfahrungen hast du da
gesammelt?

[00:13:10.660] – Dr.med. Josef Sachs
Das ADHS im Kindesalter manifestiert sich nicht ganz so wie das ADHS im Erwachsenenalter, weil das
ADHS im Kindesalter eigentlich mehr hyperkinetisch orientiert ist. Der Bewegungsdrang steht sehr stark
im Vordergrund, während beim ADHS im Erwachsenenalter häufig das Aufmerksamkeitsdefizit im
Vordergrund steht.

[00:13:38.020] – Dr.med. Josef Sachs
Wenn dieser Bewegungsdrang, dieser hyperkinetische Anteil des ADHS im Vordergrund steht, dann sieht
man eben schon, dass diese Jugendlichen vor allem dann Mühe haben, wenn sie lange still sitzen
müssen, wenn sie sich lange auf etwas konzentrieren müssen und ihren Bewegungsdrang nicht ausleben
können.

[00:14:03.800] – Dr.med. Josef Sachs
Diese Kinder, man merkt, die leiden wirklich darunter. Es ist nicht so, dass sie einen schlechten Willen
haben, sie wollen nicht ruhig sitzen, sie wollen nicht aufpassen, sondern sie können es nicht, sie schaffen
es wirklich nicht.

[00:14:18.830] – Dr.med. Josef Sachs
Wenn die mehr Möglichkeiten hätten, sich zu bewegen oder auch vielleicht etwas mehr Abwechslung
hätten im Unterricht, würde es sehr vielen besser gehen.

[00:14:30.560] – Dr.med. Josef Sachs

Darum hilft es schon sehr viel, wenn die Rhythmisierung des Unterrichts so ist, dass Bewegung dazu
kommt.

[00:14:39.930] – Dr.med. Josef Sachs
Der andere Teil ist halt der, dass unser Schulsystem halt schon sehr, sehr kopflastig ist und das entspricht
diesen Menschen mit ADHS nicht. Häufig sind die Kinder mit ADHS sehr gute Sportler.

[00:14:56.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird in unserer Gesellschaft, diese körperlichen Aktivitäten werden aus meiner Sicht viel zu wenig
geschätzt. Sondern man sagt, der kann schon gut rennen und gut Fussball spielen, aber kann nicht
rechnen, ist in der Sprache schlecht und so.

[00:15:13.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird dann häufig sehr stark abgewertet. Ich glaube, sehr viele verlieren dadurch an Selbstwertgefühl,
weil das, was sie wirklich gut können, wird nicht bewertet und das, was sie schlecht können, wird sehr
hoch bewertet.

[00:15:28.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Angelsächsischen System ist das anders, dort wird auch der Sport als gut bewertet, nicht nur lesen,
schreiben und rechnen.

[00:15:40.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Was ich immer wieder antreffe, das neue Schulsystem, da die Kinder schon sehr früh eigenmotiviert
arbeiten müssen, alles organisieren über die ganze Woche. Da sind ADHS Kinder auch total überfordert.

[00:15:56.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Hast Du das auch schon erlebt?

[00:15:58.340] – Dr.med. Josef Sachs
Man hat es schon erlebt. Heute gibt es das selbstorganisierte Lernen, wo das viel weitergetrieben wird.
Die ganzen Lernsequenzen müssen sie selbst organisieren, wo nur das Ziel vorgegeben wird.

[00:16:11.960] – Dr.med. Josef Sachs
Seit vielen Jahren gibt es den Werkstattunterricht, in dem die Kinder sich teilweise selber organisieren
müssen. Gerade der Schwachpunkt der Kinder mit ADHS ist die Organisationsfähigkeit.

[00:16:26.850] – Dr.med. Josef Sachs

Eines, was sie wirklich nicht können. Sie können lernen, sie können sehr vieles, aber sich selber
organisieren können sie nicht. Da sind sie überfordert.

[00:16:37.480] – Dr.med. Josef Sachs
Ich glaube, Kinder mit ADHS brauchen beides. Sie brauchen Freiraum, um sich auszuleben. Aber sie
brauchen auch eine viel klarere Struktur als Kinder die kein ADHS haben.

[00:16:51.830] – Dr.med. Josef Sachs
Er wird nicht funktionieren, wenn man alle Kinder über eine Leiste schlägt. Es gibt Kinder, die mit dem
selbstorganisierten Lernen ungeahnte Höhenflüge machen, aber andere, die fallen durch die Latten.

[00:17:07.890] – Dr.med. Josef Sachs
Ich befürchte wenn man das zu stark fördert, könnte der Graben, die Schere zwischen den guten und den
schlechten Schülern noch mehr aufgehen.

[00:17:19.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das kann ich sehr gut nachvollziehen.

[00:17:22.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Hast du da einen Vorschlag für die Schulsysteme? Du sagst nicht, dass gleiche Schulsystem funktioniere
für alle Kinder. Es müsste eigentlich viel unterschiedlicher sein. Ist das möglich in unserem
schweizerischen Schulsystem, dass man die Kinder persönlichkeitsgerecht schult?

[00:17:43.170] – Dr.med. Josef Sachs
In unserem Schweizerischen Schulsystem wird das schwierig sein, weil alle Kinder gehen in die gleiche
Schule. Im angelsächsischen ist das etwas anders. Die Eltern wählen die Schule aus, in die das Kind
geht. Je nachdem wie viel Geld die Eltern hatten, das ist halt dann die Kehrseite der Medaille, gibt es
eine bessere oder eine schlechtere Schule. Aber ich denke, es sollte innerhalb der gleichen Schule
verschiedene Lernformen oder Möglichkeiten geben. In diese Richtung kann man noch mehr arbeiten.

[00:18:15.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Hast du Beispiele von Schulen, die das schon so machen? Siehst du Tendenzen, wo Schulen das
versuchen?

[00:18:41.420] – Dr.med. Josef Sachs
Im Moment gibt es viele solche Tendenzen. Das selbstorganisierte Lernen ist noch ein Projekt. Somit gibt
es kaum oder nur wenige Schulen, die das flächendeckend machen. Die meisten machen das als Projekt
für Freiwillige. Vielleicht muss man das Projekt verlängern.

[00:18:45.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass es schon gemischt wird, also selbstorganisiertes Lernen und sehr strukturiertes Lernen in der
gleichen Schule?

[00:19:14.250] – Dr.med. Josef Sachs
Das wird schon so gemacht, weil eine Schule kann es sich heute noch nicht leisten, sie haben auch die
Strukturen nicht dafür nur selbstorganisiertes Lernen anzubieten, sondern es wird häufig als Projekt für
Kinder, die das wollen, wird das angeboten und die anderen lernen immer noch auf eine klassische Art
und Weise. Das funktioniert glaube ich heute schon.

[00:19:41.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Besteht dann die Haltung, dass das selbstorganisierte Lernen als modern gilt und wenn man das so
gelernt hat im Seminar, dann versucht man das durchzubringen und das andere, das strukturierte Lernen
wird als altmodisch angeschaut und von den Jungen eher verpönt.

[00:19:59.840] – Dr.med. Josef Sachs
Das ist leider so. Der klassische Frontalunterricht, der für viele Kinder eine Qual ist, weil sie ihre
Kreativität nicht ausleben können, der gilt als antiquiert. Die Lehrer und Lehrerinnen, die diesen Unterricht
noch pflegen, werden etwas mitleidig angeschaut, weil die die modernen Lehrmethoden noch nicht
gelernt haben. Es sind dann auch häufig ältere Lehrer und Lehrerinnen, während die modernen Formen
halt dann schon sehr viel mehr Sozialprestige haben. Das sollte nicht so sein, sondern es sollte schon so
sein, dass das zwei gleichwertige Lernmethoden sind nebeneinander.

[00:20:49.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da müsste man dann den jungen Lehrerinnen und Lehrern wieder beibringen, es gibt Kinder, für die
das andere Schulsystem besser ist.

[00:20:57.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gehe zu einer weiteren Frage. Du hast ein Buch geschrieben oder herausgegeben über "Drohen", bei
deliquenten Jugendlichen, also die drohen selber.

[00:21:16.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Frage ist jetzt, die Jugendlichen die drohen, und es wird ja viel gedroht, hat dieses Drohverhalten
irgendetwas zu tun mit der Art und Weise wie sie erzogen werden? Wurde bei denen in der Kindheit auch
viel Drohverhalten verwendet?

[00:21:37.060] – Dr.med. Josef Sachs
Ja natürlich. Das Drohen ist ein Kommunikationsmodus. Es ist eine Form der Kommunikation. Wie kann
man sich durchsetzen kann? Wie man seine eigenen Bedürfnisse anbringen kann? Es ist eine
dysfunktionale Form der Kommunikation, selbstverständlich.

[00:21:51.490] – Dr.med. Josef Sachs
Das Drohverhalten bei bestimmen Familien und in einem bestimmten Umfeld ist viel häufiger und auch
nicht gleich zu bewerten ist.

[00:21:51.920] – Dr.med. Josef Sachs
Bei uns wird Drohen als etwas Schlimmes angeschaut. Wer droht, ist in der Nähe zur Ausführung. Das
gilt halt schon nicht für alle kulturellen Hintergründe. Teilweise muss das anders bewertet werden.

[00:22:36.600] – Dr.med. Josef Sachs
Es gibt ein Drohverhalten, das nicht gedacht ist, die Drohung auszuführen, sondern dass dazu gedacht
ist, um einer Aussage Nachdruck zu verleihen.

[00:22:57.180] – Dr.med. Josef Sachs
Das mündliche Drohen ist dann dasselbe, wie wenn man schriftlich etwas fett druckt und zehnmal
unterstreicht und drei Ausrufezeichen setzt.

[00:23:07.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Du sagst, Drohen ist an sich ein dysfunktionales Kommunikationsverhalten. Könntest du da noch etwas
dazu sagen? Wie dysfunktional? Wie würdest du es einordnen?

[00:23:22.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Derjenige der droht, inwiefern ist er dysfunktional?

[00:23:27.630] – Dr.med. Josef Sachs
Das dysfunktionale ist zunächst einmal das Unehrliche, was dabei ist. Wenn ich drohe, möchte ich
eigentlich nicht zwingend die Drohung realisieren, sondern ich möchte mein Gegenüber unter Druck
setzen, indem ich ein Verhalten ankündige, von dem ich selber weiss oder von dem ich nicht die Absicht
habe, es zu realisieren.

[00:23:52.550] – Dr.med. Josef Sachs
Es besteht so eine Diskrepanz zwischen Tat und Wort. Das führt dann letztendlich dazu, dass jemand der
oft droht, unglaubwürdig wird. Man kann die Drohungen nicht beliebig stark verstärken oder beliebig
häufig wiederholen.

[00:24:14.570] – Dr.med. Ursula Davatz

Das ist interessant. Was macht man dann therapeutisch mit den Jugendlichen, die drohen? Wie
verändert man das dysfunktionale Verhalten in eine gesündere Kommunikation? Was wäre da der
therapeutische Vorgang?

[00:24:38.340] – Dr.med. Josef Sachs
Der therapeutische Vorgang ist eigentlich die Analyse der Drohung. Man muss die Jugendlichen und
Patienten/innen dazu bringen, das zu formulieren, was sie wollen. Es geht letztlich darum eine ehrliche
und transparente Kommunikation zu benutzen.

[00:24:43.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Das finde ich sehr interessant, dass du sagst, es ist unehrlich.

[00:25:09.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Merken Eltern, wenn sie drohen, dass sie unehrlich sind?

[00:25:15.470] – Dr.med. Josef Sachs
Bewusst nicht. Es ist ihnen nicht bewusst, aber indirekt wissen sie es natürlich schon.

[00:25:25.500] – Dr.med. Josef Sachs
Es gibt kaum Eltern, es gibt praktisch keine Erziehung, die ohne Drohungen auskommt. Die Eltern
benutzen sehr häufig Drohungen, dass sie sagen, wenn du deine Hausaufgaben nicht machst, dann
darfst du nicht spielen gehen.

[00:25:42.730] – Dr.med. Josef Sachs
Sie erwarten natürlich, dass das Kind die Hausaufgaben macht und dann spielen geht. Wenn das Kind
darauf besteht, dass es die Hausaufgaben nicht macht, dann werden die Eltern andere Methoden
anwenden. Sie werden nicht einfach sagen, okay, du machst deine Hausaufgaben nicht und du spielst
nicht, wir bleiben so.

[00:26:04.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, sie geben nicht nach, aber häufig intensivieren sie die Drohungen.

[00:26:12.350] – Dr.med. Josef Sachs
Es gibt dann "more of the same". Wenn etwas nicht funktioniert, kommt immer mehr dazu. Manchmal,
heute glücklicherweise weniger in der Familie, kann dann aus der Drohung auch Gewalt werden.

[00:26:27.550] – Dr.med. Ursula Davatz

Du sagst, es gibt fast keine Erziehung ohne Drohen. Wenn ich an Erziehung denke, dann würde ich
eigentlich nie Drohen verwenden.

[00:26:41.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich passt es überhaupt nicht.

[00:26:44.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Du sagst, die müssen dann eine ehrliche Kommunikation verwenden.

[00:26:52.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Eltern sage ich dann, sie dürfen nicht drohen, sondern sie müssen sagen, was sie wollen.

[00:26:57.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen selber daran glauben, an das, was sie wollen. Schließlich sind sie älter und stärker. Das Kind
gehorcht vielleicht nicht gerade, aber es spürt doch, dass der ältere Teil etwas will von ihm.

[00:27:12.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwann mal kommt es auch wieder in die Kooperation.

[00:27:17.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Hingegen, wenn man droht, das ist ja keine Kooperation mehr. Man täuscht etwas Falsches vor, aber es
gibt eigentlich keine Zusammenarbeit.

[00:27:29.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt ein Unterordnen oder ein Angst haben.

[00:27:33.540] – Dr.med. Josef Sachs
Drohungen funktionieren mit Angst.

[00:27:36.440] – Dr.med. Josef Sachs
Das Drohen als Mittel der Kommunikation ist sehr tief in unserem Kommunikationsmustern verankert.

[00:27:43.580] – Dr.med. Josef Sachs
Darum sage ich, es wird häufig angewendet, häufig unbewusst.

[00:27:49.560] – Dr.med. Josef Sachs

Jede bedingte Strafe ist letztlich eine Drohung. Wenn du wieder etwas machst, einen Kaugummi stiehlst,
dann wird diese Strafe gemacht.

[00:28:02.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Da sage ich, also beim Suchtverhalten wurde das auch verwendet.

[00:28:08.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Das funktioniert nicht, wenn man Süchtige bedroht und sagt, wenn du noch einmal trinkst, dann passiert
das, dann trinken die sicher noch einmal. Da funktioniert dieses Angst machen überhaupt nicht.

[00:28:23.030] – Dr.med. Josef Sachs
Ja, es funktioniert nicht und vor allem läuft es sich eben leer. Das Erziehen mit Drohungen oder das
Arbeiten mit Drohungen führt eigentlich dazu, dass man mit Angst arbeitet.

[00:28:38.520] – Dr.med. Josef Sachs
Wenn der Betreffende keine Angst hat, wenn es nicht gelingt, Angst zu verbreiten, dann läuft sich das
leer, dann funktioniert es nicht mehr und man weiss nicht mehr weiter. Man versucht dann, wie wir das
gesagt haben, versucht es zu verstärken und zu verstärken, ohne dass wir irgendwo hin zu einem Ziel
kommen.

[00:29:04.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe eine weitere Frage. Ich habe mich immer für Prävention interessiert. Manchmal hast du dich
lustig gemacht darüber, dass ich immer nur Prävention will, aber es ist mir nach wie vor ein großes
Anliegen.

[00:29:21.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich jetzt wieder auf die ADHS Kinder eingehe, und ich denke, ich schaue die als vulnerable Kinder
an, die eben alle möglichen Folgekrankheiten entwickeln können, unter anderem eben die Sucht.

[00:29:38.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kommt am meisten kombiniert vor. Schizophrenie auch, hast du vorhin auch gesagt.
Persönlichkeitsstörungen, also aus dem ADHS kann auch eine Persönlichkeitsstörung sich entwickeln.
Wenn wir diesen Aspekt anschauen, und ich komme natürlich wieder zur Justiz, also was müsste man in
der Strafjustiz, also in dem Vorgehen der juristischen Wege ändern, damit man mehr Erfolg hat und
weniger Misserfolg, Rückfälle.

[00:30:15.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Justiz arbeitet mit Drohung, arbeitet mit Strafe.

[00:30:20.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich ist ganz klar, ADHS Kinder mit Strafe zu erziehen, funktioniert an sich nicht, aus meiner
Erfahrung. Einer der völlig fehlgelaufenen Fälle, und ich sage es ist ein ADHS Kind gewesen, ist der
Carlos.

[00:30:37.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Man gibt unglaublich viel Geld aus und es kommt nichts raus, ausser Spesen, nichts gewesen.

[00:30:45.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Da möchte ich Dich fragen, als jemand, der vertraut ist mit dem Justizsystem, was könnten wir innerhalb
des Justizsystems verändern, damit wir nicht so viel Geld ausgeben und so wenige Resultate haben.

[00:30:58.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe vor Jahren, als ich in England war, habe ich das Henderson Hospital besucht. Das war eine
therapeutische Gemeinschaft, ähnlich wie die Maxwell Shaw Jones Gemeinschaft in Dingleton.

[00:31:10.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man therapeutisch gearbeitet, interaktiv, Konfliktbewältigung etc. Ich weiß nicht, wie das jetzt läuft
oder ob es das überhaupt noch gibt.

[00:31:22.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Was wäre dein Vorschlag aus deiner Erfahrung heraus? Was könnten wir im Justizsystem verändern um
Geld zu sparen und mehr Erfolge zu haben?

[00:31:32.470] – Dr.med. Josef Sachs
Ich würde nicht zunächst einmal das Justizsystem ändern, sondern ich würde das Justizsystem
eindämmen.

[00:31:38.940] – Dr.med. Josef Sachs
Ich glaube, das Justizsystem ist viel zu bedeutsam geworden, vor allem um Jugendstrafrecht. Es werden
Dinge strafrechtlich abgewandelt, die eigentlich mit der Justiz nichts mehr zu tun haben.

[00:31:54.580] – Dr.med. Josef Sachs
Die erzieherischen Fragen sind, ich denke nicht, dass es zweckmäßig ist, wenn der Justizapparat bemüht
wird, wenn ein Kind eine Kleinigkeit stiehlt oder wenn ein Kind mit kleineren Strassenverkehrsdelikte
macht oder falsch Velo fährt, oder mit Motorrädern falsch fährt.

[00:32:18.430] – Dr.med. Josef Sachs

Die Schule, die Eltern und die erziehenden Instanzen müssen wieder die Kompetenz erwerben, mit
solchen kleinen Regelwidrigkeiten oder Regelübertretungen von Jugendlichen selber umzugehen und
zwar eben auf eine erzieherische oder allenfalls auch auf eine therapeutische Art und Weise.

[00:32:40.250] – Dr.med. Josef Sachs
Ich glaube die Justiz, so wie sie ist, hat durchaus, sie hat sehr viele Möglichkeiten. Sie hat auch
Möglichkeiten zu Massnahmen oder auch Therapien anzuordnen. Aber sie sollte sich beschränken auf
die wirklich schwereren Fälle, wo die Sicherheit der Gesellschaft bedroht ist.

[00:33:06.830] – Dr.med. Josef Sachs
Wir beobachten eigentlich das Gegenteil. Wir beobachten zum Beispiel gerade die Jugendanwaltschaft
und werden überhäuft mit Fällen.

[00:33:13.850] – Dr.med. Josef Sachs
Es ist aber sicher nicht so, dass die Jugendlichen in den letzten 20 oder 30 Jahren viel delinquenter
geworden sind, sondern es werden einfach viel mehr Fälle der Jugendanwaltschaft gemeldet, weil die
Schule zu schnell überfordert ist damit.

[00:33:29.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt sogar, sie ist zurückgegangen. An der letzten Tagung haben sie gesagt, die Jugendkriminalität
ist zurückgegangen. Wo sie dann wieder auftauchen, denke ich ist in der Psychiatrie.

[00:33:45.060] – Dr.med. Josef Sachs
Die tauchen dann häufig wieder in der Psychiatrie auf. Das ist auch häufig wieder ein Fehler in der
Erziehung, der gemacht wurde.

[00:33:55.960] – Dr.med. Josef Sachs
Ich sehe das ähnlich wie du mit dem ADHS. Ich sehe das ADHS nicht als eine Störung, so wie die
anderen Störungen auch sind.

[00:34:04.110] – Dr.med. Josef Sachs
Es gibt Suchtkrankheiten, Schizophrenien, Depressionen und dann eben noch ein ADHS.

[00:34:09.580] – Dr.med. Josef Sachs
Das ADHS ist eigentlich wie die Matrix, aus der die anderen Störungen entstehen. Es ist eine Störung der
Koordination von verschiedenen Funktionen des Menschen.

[00:34:20.310] – Dr.med. Josef Sachs

Die andere Krankheit, eine Depression, ist eine Störung der Affektivität, natürlich mit Auswirkungen auf
Kognition.

[00:34:27.490] – Dr.med. Josef Sachs
Eine Schizophrenie ist eine Störung in der Realitätswahrnehmung, auch mit vielen Auswirkungen.

[00:34:33.340] – Dr.med. Josef Sachs
Eine Suchtkrankheit ist letztlich eine Störung der Impulskontrolle. Aber das ADHS koordiniert diese
verschiedenen Funktionen.

[00:34:44.410] – Dr.med. Josef Sachs
Eine Depression ist, wenn wir das ganz simpel mit einem Orchester vergleichen, eine Depression, eine
Schizophrenie, wie wenn ein Sänger krank geworden ist.

[00:34:56.670] – Dr.med. Josef Sachs
Beim ADHS ist es so, wie wenn der Dirigent ausfällt.

[00:35:00.280] – Dr.med. Josef Sachs
Das Ganze spielt nicht mehr richtig zusammen und die Therapie beim ADHS müsste eigentlich so sein,
den Dirigenten zu stärken und nicht die einzelnen Symptome zu behandeln.

[00:35:11.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr gut, sehr schönes Bild. Du hast immer gute Bilder gemacht. Das freut mich. Dass man kleine
Probleme an die Juristerei delegiert, das passiert ja jetzt auch mit dem KESB (Kindes- und
Erwachsenenschutzbehörden).

[00:35:27.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben das mitgemacht, sodass die Sozialarbeit in den Gemeinden professionalisiert wurde.

[00:35:39.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man die Kinder- und Erwachsenschutzbehörden gegründet. Wo immer drei Leute mitentscheiden.
Jemand aus der Juristerei, Psychologie oder Sozialarbeit.

[00:35:54.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt passiert auch irgendein Problem, sofort muss das KESB das Problem lösen.

[00:36:00.690] – Dr.med. Ursula Davatz

Von dort her meine ich, passiert auch wieder eine stärkere Juristifizierung, wo das Gesetz gar nicht
hingehört. Was meinst du dazu?

[00:36:11.800] – Dr.med. Josef Sachs
Die Justiz greift immer weiter in unser Leben hinein. Die ganze Medizin wird verrechtlicht und das ganze
Leben wird verrechtlicht und so wird auch die Betreuung von schwierigen Menschen in unserer
Gesellschaft immer mehr verrechtlicht.

[00:36:28.840] – Dr.med. Josef Sachs
Der Hintergrund ist natürlich der, dass man sich absichern will. Man will nicht, dass wieder so willkürliche
Dinge passieren wie die Kinder der Landstrasse.

[00:36:40.120] – Dr.med. Josef Sachs
Als Mittel dagegen verwendet man immer die Justiz in der Idee, wenn die Justiz dahinter ist, Justiz gleich
Gerechtigkeit. Das ist auch so ein Fehlschluss. Das ist eben nicht so. Justiz ist nicht Gerechtigkeit.

[00:36:53.320] – Dr.med. Josef Sachs
Darum versucht man, um die Gerechtigkeit herzustellen, versucht man immer mehr Richter und
Richterinnen reinzubringen.

[00:37:01.110] – Dr.med. Josef Sachs
Ich denke, sehr viele Probleme, die in der KESB gelöst werden, wären besser aufgehoben, wenn sie zum
Beispiel in Sozialdiensten gelöst würden.

[00:37:14.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, das sehe ich auch so.

[00:37:17.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Du sagst, man geht mit der Gerechtigkeit. Man will nicht ungerecht sein, aber man will auch keine
Verantwortung mehr übernehmen.

[00:37:28.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Leute, die an diese Situation herankommen, die müssten mehr Mut haben, um Verantwortung zu
übernehmen und sich nicht immer absichern beim Gesetz, beim Gericht.

[00:37:40.720] – Dr.med. Josef Sachs
Man will keine Verantwortung übernehmen und man scheut jedes Risiko.

[00:37:45.700] – Dr.med. Josef Sachs
Natürlich, wenn man etwas an eine Behörde abgeben kann, dann ist man die Verantwortung los, aber
man hat auch kein Risiko.

[00:37:57.630] – Dr.med. Josef Sachs
Häufig werde ich mit Fällen konfrontiert, auch von Seiten der Zivilgerichte oder der KESB, der Kindes und
Erwachsenenschutzbehörden, wo es letztlich darum geht, Personen auf die rechte Bahn zu lenken, die
sich etwas komisch benehmen, die auffallen, die Ärger verursachen und man möchte eigentlich wieder
eine saubere Strasse haben und das funktioniert eben so nicht.

[00:38:28.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Was für eine Therapie oder Medizin würdest du vorschlagen, damit die Leute wieder risikobereiter sind,
verantwortungsbereiter und risikobereiter? Man will kein Risiko auf sich nehmen, aber wir haben noch in
unserem Buch den Satz: "Leben ist immer lebensgefährlich".

[00:38:51.760] – Dr.med. Josef Sachs
Ja, natürlich.

[00:38:55.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Was kann man da, wie könnte man da etwas anders steuern?

[00:39:01.370] – Dr.med. Josef Sachs
Ich glaube, man muss den Leuten wieder mehr zumuten. Natürlich ist es immer einfacher, wenn man
Verantwortung abgeben kann und wenn man Risiko abgeben kann und so sein ruhiges Leben leben
kann.

[00:39:15.930] – Dr.med. Josef Sachs
Solange die Möglichkeit besteht, Verantwortung abzugeben, wird sie abgegeben.

[00:39:22.610] – Dr.med. Josef Sachs
Ich glaube, der Fehler liegt mehr, dass man den Leuten zu viel Verantwortung abnimmt und man sieht
immer dann, wenn die Leute wieder auf sich allein gestellt sind, wenn sie Verantwortung übernehmen
müssen, dann übernehmen sie auch Verantwortung.

[00:39:38.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Also man lässt die Leute zu wenig Verantwortung übernehmen. Man bevormundet zu viel.

[00:39:46.910] – Dr.med. Josef Sachs

Man bevormundet zu viel.

[00:39:48.590] – Dr.med. Josef Sachs
Wir haben einen Rechts- und Sozialstaat, der eigentlich alle Probleme der Menschen auf sich selber
aufsaugt, so zu sagen, sodass wir in einem sterilen Raum leben können und mit keinen Problemen mehr
konfrontiert werden, die wir selber lösen müssen.

[00:40:08.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, ich denke, da kann ich nur beipflichten.

[00:40:12.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage immer den Eltern: Frag doch das Kind, was es will.

[00:40:20.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat häufig die Haltung, ich weiß es besser für das Kind, was gut ist für das Kind. Dabei sind die
Kinder oft viel kompetenter als man denkt.

[00:40:29.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht bis ins Erwachsenenalter. Also eine ständige Bevormundung.

[00:40:34.930] – Dr.med. Josef Sachs
Es ist eine Bevormundung. Natürlich, wenn man das Kind so einfach fragt, dann wird das Kind nicht die
Antwort geben, die man erwartet.

[00:40:45.010] – Dr.med. Josef Sachs
Es genügt nicht, wenn man das Kind einmal fragt, was willst du?

[00:40:51.070] – Dr.med. Josef Sachs
Sondern man muss mit dem Kind im Dialog bleiben. Ein Kind, vor allem wenn es in der Pubertät ist,
wechselt die Ansicht fast täglich. Das gehört einfach dazu. Da geht es auch darum, im Dialog zu bleiben
und etwas zu sehen, welches die längerfristige Absicht/Tendenz/Wunsch eines Kindes ist.

[00:41:17.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke auch, man muss mit dem Kind, gerade bei den Jugendlichen, mit den Jugendlichen in
Interaktion bleiben, im Dialog bleiben, sich auseinandersetzen mit ihnen und nicht einfach Befehle und
Gehorsam, aber auch nicht einfach, das Kind kann machen, was es will.

[00:41:34.790] – Dr.med. Ursula Davatz

Es braucht die Auseinandersetzung zum Erwachsen werden. Aber gerade diese Auseinandersetzung, die
ertragen viele Leute dann nicht oder sagen es ist mir zu viel.

[00:41:45.510] – Dr.med. Josef Sachs
Viele Leute kommunizieren mit dem Kind nur dann, wenn ein Problem vorhanden ist. Wenn das Problem
sehr akut ist und der Konflikt sehr virulent und sehr gross ist, ist er schwer zu lösen, wenn nicht vorher
bereits eine Basis der Erziehung da ist.

[00:42:04.540] – Dr.med. Josef Sachs
Wenn man nur von Krise zu Krise hoppst und dazwischen gar nichts tut, dann ist es fast nicht möglich,
die Krise zu lösen. Das ist vielleicht schon etwas Prävention. Um eine Krise lösen zu können, muss die
Beziehung vor der Krise aufgebaut und unterhalten werden.

[00:42:24.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das stimmt.

[00:42:25.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Du warst ja bei mir Jugendpsychiater in Königsfelden, wir haben gemeinsam die Wohngemeinschaft
Federlicht (Stiftung Faro) aufgebaut, eine WG bis 25, sie besteht immer noch als therapeutische
Wohngemeinschaft in Wettingen, wir haben zusammen Peter Ernst eingestellt, der ist immer noch dort.
Ich denke das funktioniert noch sehr gut. Ich bin stolz, dass wir das zusammen aufgebaut haben.

[00:42:26.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt möchte ich dich fragen, was würdest du sagen, was man in der Jugendpsychiatrie, nicht die
Delinquenten, sondern die psychiatrisch Kranken, was könnte man da noch besser machen?

[00:43:22.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich höre nur ab und zu, wie es läuft in der Jugendpsychiatrie, von verschiedenen Orten, aber meine
Frage ist: Was müsste die Jugendpsychiatrie noch verändern? Was bräuchten wir da für Angebote, für
Hilfestellungen, auch wieder im Sinn, um präventiv arbeiten zu können, damit die nicht noch kranker
werden.

[00:43:49.890] – Dr.med. Josef Sachs
Da habe ich eine Aussensicht, was ich beobachte, ist, dass eine Tendenz besteht in der
Jugendpsychiatrie immer mehr störendes Verhalten der Jugendlichen zu pathologisieren und zu
psychiatrisieren.

[00:44:13.810] – Dr.med. Josef Sachs

Es gibt in der Jugendpsychiatrie immer mehr Diagnosen gibt, von denen ich denke, dass der
Krankheitswert fraglich ist. Zumal es meistens Spektrumdiagnosen sind, wo man nicht genau sagen
kann, wo die Krankheit beginnt.

[00:44:33.280] – Dr.med. Josef Sachs
Ich glaube, dass man die Jugendpsychiatrie genauso entlasten sollte, wie man auch die Justiz entlasten
sollte. In dem sich die vorgelagerten Stellen, das heisst die Schulen, die Eltern, die Vereine, mehr
kompetent machen, auch mit schwierigen Jugendlichen umzugehen, so dass sich die Jugendpsychiatrie
mit ihren beschränkten Ressourcen wirklich den ganz schwierigen Jugendlichen annehmen kann, den
Jugendlichen, die schwerere Störungen haben, während diese Vorstörungsphasen, die Störungen, die
vor dem Eintritt einer Krankheit vorhanden sind, dass die auf eine andere Art und Weise behandelt
werden können.

[00:45:17.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Siehst Du da Bewegungen, dass das in diese Richtung geht? Mehr Kompetenz früher einführt, bei
Konflikten in der Schule, für Eltern etc.

[00:45:38.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre ja dann sehr im Sinne der systemischen Therapie oder systemische Beratung, dass man die
Systeme, die überfordert sind, sei das Schule oder auch Familien, dass man die früher, was soll ich
sagen, unkompliziert berät, unterstützt, dass dann die Kinder nicht abgeschoben werden müssen und
dort pathologisiert werden.

[00:46:04.530] – Dr.med. Josef Sachs
Im Moment sehe ich diese Tendenz nicht so. Ich glaube man muss aufpassen, dass man den Fokus bei
schwierigen Kindern nicht so sehr auf das Kind legt, sondern dass man den Fokus darauf legt, das
Umfeld der Kinder zu beraten.

[00:46:20.980] – Dr.med. Josef Sachs
Sobald der Fokus auf das Kind gelegt wird, wird das Kind zum Indexpatienten und somit auch zum
Patienten und somit zum Kranken. Das ist für das Kind wiederum belastend und entwicklungshemmend.

[00:46:34.570] – Dr.med. Josef Sachs
Ich glaube, der Fokus muss gelegt werden, dort wo Schwierigkeiten sind, dass in einem sehr frühen
Augenblick bereits, und zwar quasi als Fortsetzung für die Mütternberatung, die eigentlich sehr gut
funktioniert, als Fortsetzung davon müsste eine Elternberatung eingerichtet werden.

[00:46:55.220] – Dr.med. Josef Sachs
Du hast absolut recht. Da kommen wir zurück zum systemischen Ansatz, dass man nicht das Kind als
Patient anschaut, sondern das ganze System.

[00:47:06.240] – Dr.med. Josef Sachs
Das Kind ist ja das schwächste Glied im System. Eigentlich bei jedem systemischen Ansatz muss man
das System stützen, ändern, sodass das schwächste Glied nicht mehr drunter kommt.

[00:47:21.550] – Dr.med. Josef Sachs
Da habe ich natürlich große Mühe. Als ich von Amerika zurückgekommen bin in den 80er Jahren, war es
Mode, Familientherapie zu machen und auch zu lernen und auszubilden.

[00:47:33.980] – Dr.med. Josef Sachs
Wenn ich jetzt die Psychiatrie anschaue, dann ist nur noch das medizinische Modell und das Individuum
als kranke Person und die Lösung sind die Medikamente.

[00:47:49.380] – Dr.med. Josef Sachs
Wenn ich versuche an einer Uni mein Wissen und meine Erfahrungen weiterzugeben, dann stoße ich auf
großen Widerstand.

[00:48:00.230] – Dr.med. Josef Sachs
Das Schiff, fährt einfach so weiter und wenn man nicht Professor ist irgendwo an einer Uni, dann hat man
weniger Wahrheitsgehalt.

[00:48:14.850] – Dr.med. Josef Sachs
Vielleicht kann ich noch sagen, wir kommen aus der Erfahrungswissenschaft und nicht aus der
statistischen. Wir zählen nicht einfach Fälle, sondern wir haben immer Erfahrungen mit komplexen
Situationen und komplexen Systemen.

[00:48:32.820] – Dr.med. Josef Sachs
Das ist ein anderes Wissen als das statistische Wissen.

[00:48:38.470] – Dr.med. Josef Sachs
Ich denke, die Mediziner und auch die Psychiater, man glaubt mehr, man vertraut mehr dem statistischen
Wissen als dem Erfahrungswissen.

[00:48:49.040] – Dr.med. Josef Sachs
Meine Frage ist, wie könnten wir unser Erfahrungswissen noch etwas besser weitergeben?

[00:48:57.180] – Dr.med. Josef Sachs

Das ist natürlich ganz schwierig, weil die Medizin akademisch orientiert ist und die wird an den
Universitäten gelehrt. Insofern haben die Universitäten einen grossen Stellenwert.

[00:49:14.210] – Dr.med. Josef Sachs
Ich glaube, es geht ja nicht darum, dass wir das in die Psychiatrie hineinbringen, weil ein grosser Teil
dieses Erfahrungswissens muss nicht unbedingt an die Universitäten gehen, sondern es muss an der
Basis praktiziert werden.

[00:49:31.180] – Dr.med. Josef Sachs
Die Zielgruppe müssen ja nicht unbedingt die akademischen Personen sein, sondern die Eltern, die
Gemeinden, die Sozialdienste, also die Menschen an der Basis. Da dürfen wir uns nicht zu schade sein,
wirklich an die Basis zu gehen.

[00:49:44.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Das freut mich sehr.

[00:49:44.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte noch ganz kurz einen Fall bringen, eine kleine Geschichte. Ich weiß nicht, ob du ihn noch
erlebt hast damals.

[00:49:59.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Der war ein ADHS Kind, schwer in den Drogen. Ich habe ihn per fürsorgerische Maßnahme in die Klinik
reingeschrieben. Er kam dann in eine Entzugsstation, wo er länger sozialisiert wurde. Er hat irgendwann
einmal geheiratet, das ist nicht so gut gegangen. Er hat sich wieder geschieden. Er kam ab und zu wieder
bei mir vorbei und jetzt kam er bei mir vorbei, weil er mir seine neue Frau vorstellen wollte und sie
bekommen ein Kind. Ich habe ihm geholfen eine Stelle zu finden und es läuft jetzt super.

[00:50:42.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist viele Jahre her. Das ist sehr interessant, wenn man so tragische Situationen sehen kann und die
über längere Zeit begleiten. Da kommt es dann doch noch gut raus.

[00:50:55.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Das macht einem Mut, an der Basis zu beginnen.

[00:51:00.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja. Sind wir uns da einig?

[00:51:03.830] – Dr.med. Josef Sachs

Das sehe ich auch so. Ich glaube, an der Basis ist der Erfolg. Wir dürfen uns nicht in einen akademischen
Elfenbeinturm zurückziehen, sondern wir müssen hinausgehen, weil das Leben findet eben nicht in der
Akademie statt, sondern das Leben findet im Leben statt.

[00:51:22.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr schön. Josef Sachs, ich danke dir vielmals für unser Gespräch. Wir müssen das wiederholen.

[00:51:30.150] – Dr.med. Josef Sachs
Danke!