Vortrag zu den Themen:
1. Umgang mit dem Herkunftssystem von Pflegekindern, bei dem die Eltern psychische Erkrankungen haben (z.B. Borderline).
2. Genderthematik
Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
19.9.2022
Herkunftssystem von Pflegekindern, Genderthematik
Audio
Dr.med. Ursula Davatz (00:00)
Dann möchte ich sie auch alle ganz herzlich begrüssen zum heutigen Tag, ich hoffe, wir können
voneinander lernen und wie gesagt, ich werde meinen Vortrag aufnehmen und ich werde auch
die Fragen aufnehmen, dann mit den Fragen kommen eben häufig dann Gute, also die Sachen
werden besser erläutert. Also von dort her verwenden sie nicht eigenen Namen. Das ist klar
nicht der Namen der Patienten oder von ihren Kindern, sondern erzählen einfach die
Geschichte. Ist das okay? Und dann darf ich es auch aufnehmen. Gut also ich probiere zuerst
etwas allgemeines zu sagen zu psychiatrischen Krankheiten. Ich habe 1971 angefangen mit
Psychiatrie in Lausanne und habe jetzt so eine riesige Erfahrung und je länger ich in meinem
Fach tätig bin, umso mehr komme ich weg vom medizinischen Modell. Wir Psychiater sind alle
als Ärzte ausgebildet, und wir haben ein schlechtes Renomee in der Gesellschaft, wir haben
grosse Probleme Nachfolger zu finden. Offensichtlich findet es niemand interessant oder es ist
für niemand lukrativ genug. Ich bin fasziniert von dem Beruf und ich arbeite wieder auf dem
Beruf, auch nach 80, denn wenn man so viel Erfahrung hat, dann sollte man die auch
verwenden. Ich sage manchmal auch, ich bin wie ein alter Wein. Also der Wein wird jeweils
besser mit dem alt werden. Nicht uralt. Und von dort her will ich jetzt quasi eine Erkenntnis von
mir sagen, ich muss weggehen vom medizinischen Modell. Denn das medizinische Modell, das
von der Somatik, also von der körperlichen Krankheit her kommt. Das stellt eine Diagnose: die
Diagnose ist auf ein Organ bezogen und auf eine Symptom bezogen. In dem Sinne hat man
ganz viele verschiedene Spezialgebiete. Man hat das Herzspezialisten, man hat
Lungenspezialisten, Leberspezialisten und so weiter uns weiter. Beim Gehirn funktioniert das
nicht. Auf eine Art suchen die Psychiater immer noch nach den Symptomen. Dann wollen sie
erkennen, was jetzt als für eine Diagnose ist und dann das richtige Medikamente geben. Wenn
ich durchschaue, gibt man eigentlich bei allen Erkrankungen alle Medikamente, das heisst die
Symptome sind, man tut einfach nur Symptome bekämpfen, aber man kommt eigentlich nicht
an die Wurzeln des Krankheitsbildes. Es heisst ja psychische Erkrankungen Herkunftssystem.
Ich sage eine psychische Krankheit, tritt dann auf, wenn die Entwicklung des Menschens
irgendwie behindert wird. Das kann schon im Kindesalter sein. Das tritt hauptsächlich auf in der
Pubertät. Denn in der Pubertät wird das Hirn neu organisiert. Da werden viele Synapsen, also
Schaltstellen im Hirn werden gekappt. Man sagt dem auf Englisch Synaptic Pruning, dann
werden quasi Autobahnen im Hirnnetz gemacht. Heutzutage ist Genetik ein Hype. In der
somatischen Medizin sucht man nach Ursachen bei den Genen von einer körperlichen
Krankheit. Auch in der Psychiatrie hat man immer diskutiert, ist jetzt das genetisch oder ist das
Umwelt? Und auf Englisch hat man dann gesagt, Nature (Gene) vs Nurture (Umfeld). Dann ist
es hin und her gegangen und einmal hat man gesagt, es ist alles genetisch und einmal hat man
gesagt nein, es ist alles nur Umfeld. Und ich sage ganz klar, es ist beides. Man muss beides
anschauen. Wenn man redet von Herkunftsfamilien, also Krankheiten in Herkunftsfamilie, darf
man nicht einfach nur genetisch denken und dort sind die schlechten Gen. Und darum ist das
Kind jetzt krank. Wenn Vater und Mutter miteinander streiten, dann sind die schlechten Gen
immer von der Mutter gekommen und die guten vom Vater. Also so wird häufig gestritten, das
hat sie alles von dir. Das ist deine schlechte Familie und bei einem selber sieht man gar nichts
und das ist natürlich. Ich meine, das kann man schon in der Bibel sehen oder das ist ein Spruch
in der Bibel. Man sieht den Splitter im Auge des Anderen, das wäre der Partner, aber Balken im
eigenen Auge sieht man nicht. Denn das verlangt Selbstreflexion, da muss man sich selber
hinterfragen.
Dr.med. Ursula Davatz (04:56)
Aber ich will ja keine Schuld verteilen. Ich will nur die Interaktion aufzeigen. In dem Sinn bringt
jeder Mensch gewisse genetische Disposition mit. Auch in der Genetik hat man gesucht nach
den Genen, psychiatrische Krankheiten bewirken sollten. Aber es hat überhaupt nichts ergeben.
Es hat nichts gestimmt. Was jetzt heutzutage genetisch hervorkommt und da bin ich auch eine
Vertreterin davon: ADHS und das ADS, das ist ein Neurotyp, keine Krankheit. Ich sage ganz
klar, das ist keine Krankheit. Aber das ist etwas, wo genetisch vererbt. Früher hat man
behauptet, es wird nur, also es wächst sich aus, wenn man 20 Jahre alt wird und heute werden
immer mehr Diagnosen gestellt bei Erwachsenen, wo wir hinter einer psychischen Krankheit
dann das ADHS sieht. Psychiatrie redet dann von Komorbidität. Also da ist das ADHS als
Krankheit und da ist jetzt noch die Depression und dann manisch-depressiv und so weiter. Viele
Kombinationen. 80 % der Erwachsenen bei denen man ADHS diagnostiziert heute tut man es
diagnostizieren. Ist ein riesiger Run darauf und alle Universitätskliniken haben 8 Monate
Wartezeiten usw. Man kann es auch selber diagnostizieren. Es hat ganz viele im Internet und
viele kommen: Ich glaube, ich habe ein ADHS. Und dann schaut man es an und dann bestätigt
es sich in der Regel. Also 80% der Erwachsenen, die ADHS haben, haben noch eine
zusätzliche Krankheit. Dann sagt man eben Komorbidität, und ich sagt nein: es ist eine
Folgekrankheit. Wenn man genauer hinschaut, dann gibt es psychiatrische Folgekrankheiten,
also manisch-depressiv, Schizophrenie und da bin ich auch eine Spezialistin, ich habe leider
mein Buch nicht mitgebracht, Sucht etcetera. Da gibt es sogar genetische Studien welche das
zeigen, wo Schizophrenie, bipolare Störung das wäre manisch-depressiv, schwere
Depressionen, Autismus und ADHS, wo in der Genetik gezeigt haben, dass die einen ähnlichen
Genlokus verändert haben. Also die Teilen sich einen Genlokus, der verändert ist. Ich sage ja,
das ist das ADHS natürlich auch in vielen Varianten und die anderen Krankheiten sind alles
Folgekrankheiten. Man sagt dann auch Menschen mit ADHS haben mehr Unfälle. Sie werden
mehr körperlich krank, jetzt mache ich allen Angst, das will ich natürlich nicht. Ich will genau das
Gegenteil. Ja, mehr körperlich krank also es gibt auch viele somatische Krankheiten, die aus
dem ADHS entstehen. Und ich gebe ihnen jetzt nur, gewisse kennen das vielleicht schon von
mir, zwei wichtige Eigenschaften des Neurotypes, also es ist keine Krankheit, es ist ein
Neurotyp. Das Hirn funktioniert ein bisschen anders und wenn man die Gaussche Glockenkurve
anschaut, die sind etwas auf am Rand von dieser Norm.
Dr.med. Ursula Davatz (08:18)
Zwei wichtige Eigenschaften sind erstens eine hohe Sensibilität, das heisst sie nehmen mehr
wahr als Durchschnittsleute wahrnehmen. Das A heisst ja eigentlich Aufmerksamkeitsstörung
und ich sage das ist nicht eine Störung, das ist eine breite Aufmerksamkeit. Also wenn die in
einen Raum hineinkommen, nehmen sie sofort alles wahr, während wir vielleicht einfach so
gerade durchlaufen, und die Hälfte geht an uns vorbei. Also sie haben eine breite
Aufmerkaufmerksamkeit, die breite Aufmerksamkeit ist natürlich ein Problem, wenn sie dem
Lehrer zuhören sollten. Oder der Lehrer spricht. Wenn die Lehrerin noch ein bisschen Monoton
redet oder einfach zu langfädig und langweilig, dann hängen sie schnell ab, schaue ich zum
Fenster hinaus. Sprechen mit ihrem Nachbarn oder unter dem Tisch. Stören einander. Das ist
immer ein Zeichen, dass man hat ihre Aufmerksamkeit nicht holen konnte. Es ist eine Kunst, es
ist wichtig, dass man die immer wieder die Aufmerksamkeit holt. Die breite Aufmerksamkeit,
welche alles wahrnimmt, man auch sagen, sie haben eine mangelnde Filterfunktion, also sie
können nicht so gut fokussieren. Um besser Fokussieren zu können, gibt man ihnen dann
Ritalin oder ähnliche Stimulanzien. Dann sind sie fokussiert. Aber wenn wir Menschen, die so
Substanzen nehmen müssen, auch Kinder, dann fragt, wie es ist, sagen viele, viele ich bin nicht
mehr so kreativ ich fühle mich nicht selber. Also ich spüre mich nicht mehr gleich. Klar, wenn
man in der Schule aufpassen sollte, sollte man eigentlich nicht sich spüren, sondern nur den
Lehrer sehen und das Hören was er sagt. Also das Medikament hilft beim schulischen Alltag. Es
hilft beim Studieren und die Erwachsenen nehmen das dann auch wenn sie irgendeine neue
Ausbildung machen, nehmen Sie dann Ritalin oder etwas ähnliches. Das wäre die breite
Aufmerksamkeit.
Dr.med. Ursula Davatz (10:27)
Die hohe Sensitivität, die geht auch ein her, dass sie schnell verletzt sind. Also wenn man
Augenbrauen hoch zieht oder irgendwie ein Zeichen gibt, ich finde das nicht gut, was du
machst, dann nehmen die das sofort wahr. Und das macht natürlich die Interaktion schwierig.
Dann kann man nicht so gut verstecken, wenn es einem nicht so gut geht. Wenn ich eine
Mutter frage welche ein ADHS Kind hat, dann frage ich immer, welches Kind merkt zuerst, wenn
es Ihnen nicht gut geht? Es ist immer das ADHS Kind. Diese hohe Sensitivität, die ist auch eine
Gabe. Viele Ärzte haben haben die. Als Arzt ist es gut, wenn man merkt, wenn es dem Patient
schlecht geht. Manchmal überspielt man es auch und dann hat es der Patienten nicht so gerne.
Also hohe Sensitivität.
Dr.med. Ursula Davatz (11:20)
Dann eine zweite Eigenschaft, das wäre die Impulskontrolle. Diese Impulsivität. Ich sage
reaktive Impulsivität. Speziell Buben werden schnell aggressiv, wenn sie verletzt werden. Und
das geht bis ins Erwachsenenalter. Also ich sage wir sind immer die Männer machen Krieg und
wir Frauen vergiessen Tränen. Und beides ist eine Art ein Stressabbau. Aber Tränen sind
weniger schädlich für die Bevölkerung, also für das Umfeld. Tränen sind tatsächlich auch
Stressabbau. Denn in den Tränen werden überschüssige Stresshormone ausgeschieden.
Tränen sind auch eine Art ein Ausscheidungsorgan wo man Stresshormone herauslassen kann.
Die Niere ist auch ein Ausscheidungsorgan. Wenn Kinder zum Teil in das Bett machen dann
sagt man manchmal: Weinen durch die Blase. Beim ins Bett machen, werden Urin-Tränen
vergossen. Vor Angst macht man ja auch in die Hose. Also ja, man kann dann das nicht halten.
Und wenn es immer solche Symptome gibt, schaue ich natürlich als Psychiaterin, was läuft in
der Familie.
Dr.med. Ursula Davatz (12:51)
Das wären diese zwei Eigenschaften. Es geht dann noch mit Lernstörungen einher. Lese- und
Rechtschreibestörungen. Dykalkulie, im einen sehr gut im anderen sehr schlecht, manchmal in
beiden schlecht manchmal auch sehr talentiert. Also ganz unterschiedlich. Warum sage ich
ihnen das. Die ADHS-Kinder das sind nicht Kranke und es ist keine Diagnose. Aber sie sind
vulnerabler. Und wenn man ihnen gegenüber Fehler macht. Wenn man ihre Sensitivität nicht
richtig wahrnimmt, wenn man icht weiss worum es geht, dann tun sie sich Fehlverhalten. Sie
hören nicht zu oder sie werden aggressiv und dann werden sie bestraft für ihre Aggressivität.
Aber die Aggressivität ist nur eine Verteidigung von den eigenen Verletzungen.
Dr.med. Ursula Davatz (13:50)
Meistens nimmt man sich keine Zeit die Verletzungen anzuschauen. Jetzt sie sind ja quasi
Gastfamilie oder Pflegefamilie und von dort her bekommen sie lauter Kinder, Menschen, wo in
ihrem Herkunftsfamiliensystem gescheitert sind. Und wenn ich ihnen jetzt eine Diagnose
beibringe, dann muss ich einfach sagen, sie müssen nicht so viel Diagnose lernen, sie müssen
eher Fragen gehen: Wie ist es Schiefgelaufen zuhause? Also sie müssten eher schauen, was
ist nicht gut gegangen in der Familie? Warum hat das Kind weg müssen? Und in der Diagnose
heisst auch, es gibt eine Diagnose oppositionelles Verhalten. Also das Kind ist oppositionell.
Das Kind ist widerspenstig. Es ist nicht erziehbar. Früher hat man gesagt schwer erziehbar.
Aber warum es schwer erziehbar ist hat man sich nicht gefragt. Wo ist das Kind verletzt
worden? Wo ist man nicht Temperament gerecht mit ihm umgegangen. Also von dort her als
Pflegeleute müssen sie eigentlich nicht so fest den Begriff der Diagnose wissen und wie man
das nennt. Das ist eine Kommunikation unter uns Ärzte. Aber es ist sehr hilfreich, wenn sie sich
ein Bild machen, was ist daheim schiefgelaufen. Und wenn sie schauen wollen was ist daheim
Schiefgelaufen schaut man natürlich nicht, wer ist der Böse? Also was ist die böse Mutter, der
böse Vater, wer hat geschlagen, weiss ich nicht was. Man muss die Interaktion anschauen. Da
sage ich jetzt wieder: wir sind nicht nur von den Genen her bestimmt. Wir sind von der
Interaktion her bestimmt. Da gibt es jetzt auch immer mehr Forschung ein grosses Wort heisst
Epigenetik. Das heisst unsere Gene, die haben zwar ein gewisses Programm, aber das
Programm ist nicht ganz fix. Das Programm kann verändert werden. Also das Hirn und die
Gene welche zuständig sind für das Hirn und Hirnentwicklung, das sind die Gene, welche am
meisten An- und Abschaltmöglichkeiten haben. Wenn man jetzt die genetische Veranlagung in
ein Umfeld tut, das es gut kann mit dem Menschen, dann kommt da ein Forscher heraus oder
ein Erfinder oder ein grosser Businessmann. Wenn diese Gene aber ein nicht so günstiges
Umfeld haben, dann wird alle Energie verbraucht im Kämpfen miteinander. Und man sagt das
ist auch bekannt, in ADHS-Familie gibt es vielmehr Konflikte. Es gibt mehr Scheidungen. Es gibt
mehr Stellenabbrüche, kündigen oder selber kündigen. Also es wird dann als Lösung immer ein
Abbruch gemacht. Ein Abbruch der Beziehung. Sobald eine Beziehung abbricht, kann man nicht
mehr weiter lernen und jetzt sage ich wieder ein Allgemeinplatz. Wir Menschen sind soziale
Wesen, wir haben soziale Gene, wir sind gewohnt, in einer Gruppe zu leben. Wir brauchen das.
Also wir sind nicht Einzelwesen. Ausser gerade Eremiten und ganz spezielle Einzelkämpfer.
Generell sind wir soziale Wesen. Wir sind auf die soziale Interaktion angewiesen. Und die
soziale Interaktion gibt uns ein gutes Gefühl. Und wir haben ja die Untersuchung gemacht vom
Spitz. Man hat die Kinder ernährt, man hat sie gewickelt, man hat sie warm gehalten, man hat
aber nicht mit ihnen interagiert. Sie wären gestorben, wenn sie so weitergemacht hätten.
Dr.med. Ursula Davatz (17:35)
Heute gibt es jetzt immer mehr Untersuchungen, was läuft im Gehirn, wenn Mutter-Kind
miteinander interagieren? Und da gibt es ein Hormon, wo da wichtig ist, das heisst das
sogenannte Kuschel-Hormon. Das ist Oxytocin. Das wird auch verwendet als schmerzstillendes
Hormon. An dem sieht man das Hormon hat die Fähigkeit, Beziehung zu regulieren und wenn
man eine gute Beziehung hat, geht der Schmerz weg. Oder ist weniger stark. Da habe ich vor
kurzem vor zwei Wochen eine Weiterbildung besucht. Da hat eine israelische Forscherin,
Neuropsychologin hat die Netzwerke dargestellt im Hirn, die aktiviert werden, wenn die Mutter
mit dem Kind interagiert. Wenn man es auf dem Video schaut, dann schauen die einander an,
die Mutter reagiert auf Symptome vom Kind etcetera etcetera. Wenn das gut läuft, dann sind
beide zufrieden und die Kinder entwickeln sind gut. Wenn die Mutter selber schon eine
Depression hat und abwesend ist oder ins Handy schaut, wenn sie eigentlich mit dem Kind
interagieren sollte, dann werden weniger Netzwerke aktiviert. Und die Netzwerke werden auch
aktiviert in der Partnerschaft. Wenn man verliebt ist, werden ganz viele aktiviert. Das sind die
sogenannten sozialen Netze. Und wir reden ja von Herkunftsfamilie und ich als
Familientherapeutin habe ich es immer von sozialer Vererbung geredet. Also es gibt genetische
Vererbung und es gibt die soziale Vererbung. Und die soziale Vererbung ist, wenn der Vater
immer geschrien hat in dem Moment, mach es so. Also man lernt Muster. Da hat sie sogar
gesagt, die erlernten Verhaltensmuster werden registriert im Gehirn und werden es
weitergegeben. Im positiven sind das Traditionen. Man lernt das Handwerk von seinem Vater
oder von seiner Mutter. Man lernt Skills, wenn man so sagt, man lernt Fähigkeiten,
Verhandlungsfähigkeiten oder was auch immer. Man lernt gute Sachen. Man lernt aber eine
schlechte Sachen.
Dr.med. Ursula Davatz (19:59)
Der Jürg Jegge hat gesagt: Dummheit ist lernbar. Ich sage dann immer Krankheit ist lernbar. So
sagen viele dann: mein Vater ist schon depressiv gewesen. Der Onkel ist depressiv. Ich werde
auch depressiv. Aber die Depression ist nicht in den Genen verankert. Es ist die hohe
Sensitivität die in den Genen verankert ist aber nicht die Depression. Wenn jemand mit sehr
sensitiven Genen in viele Niederlagen hinein läuft in viele negative Kampfsituationen. Dann wird
die Person schlussendlich depressiv. Und da hat die Neuropsychologische Forscherin hat auch
gesagt, Muster aus der Familie kann man auch im Hirn wiedersehen. Ich kann nicht genau
sagen, wie, also wie halt dann die verschiedenen Hirnzentren miteinander interagieren, also
Verhaltensabläufe. Das bestätigt, wieder meine Haltung, dass Stress, Probleme, über
Generationen weitergegeben werden können. Da ich mit immer mit der Drei-Generationen-
Familien arbeite, das heisst ich nehme immer ein Genogramm auf und schaue Kinder, Eltern,
Grosseltern, Onkel und Tanten. Dann schaue ich wo hier alle die Muster vorhanden sind und so
entwickelt man mit der Zeit ein gutes Auge um zu sehen, wo das alles durchläuft.
Dr.med. Ursula Davatz (21:30)
Das ist weit weg von den einzelnen Symptomen vom einzelnen Patienten. Wo ich in
Königsfelden, ich habe 20 Jahre lang in Königsfelden gearbeitet, PDAG heisst es heutzutage,
wo ich jeweils Patienten interviewt habe. Ich musste Notfalldienst machen. Dann habe ich sofort
die Familiengeschichte gefragt. Dann haben jeweils junge Ärzte wo mich nicht gekannt haben,
haben gesagt, die kann gar keinen Diagnose stellen. Die fragt zu der Grossmutter. So etwas
Komisches. Aber in dem Sinn habe ich immer nach Muster gesucht und geschaut, woher
kommt jetzt das Verhalten des Patientens und wie kann ich es mir erklären. So kann ich mir
dann auch die Krankengeschichte viel besser erklären und habe dann gerade einen besseren
Überblick und habe dann auch eine bessere Interventionsmöglichkeit. Also in dem Sinn sage
ich, sie müssen nicht so fest nach Diagnose suchen, das ist sowieso nicht ihre Aufgabe, das
heisst dann, sie dürfen gar keine Diagnose stellen. Mir ist das Wurst, wenn sie eine Diagnose
verwenden, aber es bringt sie nicht soweit. Das Verrückte ist, dass die psychiatrischen
Diagnosen oft zu Schimpfworten verkommen. Früher hat man gesagt Psychopat. Heute sagt
man dem Persönlichkeitsstörung. Dann hat man gesagt, du bist ein Psychopat.
Dr.med. Ursula Davatz (23:01)
Heute wird das nicht mehr so viel gesagt. Es wird auch noch verwendet. Das ist eine
psychiatrische Diagnose, die eigentlich zum Schimpfwort verkommen ist. Heute sagt man, das
ist ein Narzisst. Wie viele sagen: Mein Mann ist ein Narzisst? Oder der Arbeitgeber ist ein
Narzisst. Also man hantiert mit dieser Diagnose das ist ein Narzisst. Es ist schon ein
Schimpfwort geworden. Ansich heisst Narzisst nichts anderes, also es kommt ja von dieser
Geschichte vom Narzis, der in die Pfütze geschaut hat, sein Spiegelbild gesehen hat und dann
sich selber erkannt hat und dann Freude hatte. Dass der Mensch sich selber erkennt im Spiegel
ist eine Fähigkeit. Affen können das auch. Hunde können es nicht, denn die gehen auf andere
Sinne, sie riechen und hört auf den Ton. Affen können sich auch erkennen. Das ist eine hohe
Hirnfunktion, dass man sich selber erkennt. Und eigentlich meint man mit Narzisst jemand, der
schnell verletzlich ist und dann gleich mit Abwehr reagiert. Und das wäre der hochsensible
ADHS Mensch, der so schnell gekränkt wird, weil er als Kind nicht die nötige Umgebung gehabt
hat, wo man gesagt hat, du bist okay so, du darfst so sensibel sein, aber dann bringt man neue
Methoden bei: nicht nur einfach aggressiv werden oder davonlaufen.
Dr.med. Ursula Davatz (24:29)
Also von dort her haben wir alle eine gewisse narzisstische Komponente. Wir können alle
verletzt werden, wir sind alle beleidigt und die einen werden sofort sauer. Die Männer schimpfen
eher und wir Frauen vergiessen Tränen oder man zieht sich zurück. Meistens sagt man dann
denen sie seien Narzisst, die sich zurückziehen. Also die, welche nicht mehr kommunizieren.
Denn sobald nicht mehr kommuniziert wird, nehmen wir das als Affront. Wir haben nicht gerne,
wenn das Gegenüber nicht kommuniziert. Und in Gruppen kann man das anschauen, also in
der therapeutischen Gruppe, wenn niemand redet, dann hat der Gruppenleiter alle Mühe zum
Reden zu bringen und jeder macht eine Art einen Wettkampf, nein, ich rede nicht, ich mache
dem keinen Gefallen. Dann kämpft man miteinander mit Schweigen. Und solche, die das Maul
dann nicht halten können, die reden dann und brechen die Stimmung. Das sind häufig auch
ADHSler.
Dr.med. Ursula Davatz (25:20)
Also wenn sie in die Herkunftsfamilie schauen, schauen sie nach der Interaktionsmuster. Also in
dem Sinn, sie dürfen das Kind fragen, wie ist das gewesen und sie müssen dort wahnsinnig
aufpassen, dass sie gar nichts Negatives durchblicken lassen. So im Sinn von oh deine Mutter
ist aber auch noch schlimm gewesen. Denn das Kind hat eine absolute Loyalität, auch wenn es
geschlagen worden ist und alles schlimm gewesen ist. Und die geht weit ins Erwachsenenalter.
Also ich, wenn ich mit Leuten arbeite, wo zum Teil schlecht behandelt worden sind zuhause die
sind noch lange in ihrem System loyal und ich muss sehr aufpassen, dass ich gar nichts
kritisches rauslasse. Also von dort her neutral erfragen was sind die Muster gewesen?Was hat
Dich verletzt wann bist Du wütend worden. Was hat dann das Mami gemacht? Was hat dann
der Vater gemacht. Also einfach nur beschreiben lassen. Nicht Werten, nur beschreiben lassen.
Das beschreiben lassen, das zeigt Interaktion. Wenn ich zum Beispiel Supervision mache mit
Psychologen, dann erzählen sie mir auch häufig auch immer von den Symptomen. Dann sage
ich immer interessiert mich nicht, Symptome kenne alle. Ja die sind immer wütend, wütend sein
ist wütend sein. Rückzug ist Rückzug, beleidigt sein. Ja es sind einfach gewisse
Verhaltensmuster. Aber was läuft dann ab. Was macht das Gegenüber? Was macht man selber.
Also wie läuft die Dyade in der sozialen Interaktion? Also in dem Sinn nach der sozialen
Interaktion schauen, die fehl gelaufen ist. Wenn ich jetzt schnell einen Blick werfe auf meine
Therapie, wenn ich schaue, was ich mit den Menschen mache, dann habe ich eigentlich keine
andere Aufgabe als dass ich diesen Menschen helfe, sich können weiter zu entwickeln. Und
wenn es halt 50 ist, dann gibt es immer noch irgendwelche Resten, die man weiterentwickeln
kann. Manchmal agieren sich die Patienten an mir aus. Die Pubertät ist die wichtige Phase der
Persönlichkeitsentwicklung und manchmal müssen dann die Patienten mir gegenüber ein
bisschen pubertieren. Das muss ich dann aushalten. Wenn sie Kinder bekommen, die im
Pubertätsalter sind, dann werden die auch Pubertieren. Pubertierende müssen zuerst immer
schauen wie reissfest ist die Beziehung? Was kann ich mir alles leisten und ich werde trotzdem
nicht abgeschnitten? Das ist zum Teil sehr anstrengend. Aber es lohnt sich. Man muss quasi
den längeren Atem haben als das Kind oder den Jugendlichen der einem testet. Häufig geht
man dann schnell zum Punkt, der benimmt sich schlecht, ich muss den jetzt erziehen. Es gibt
den Spruch keine Erziehung ohne Beziehung. Und von daher müssen sie sowieso zuerst die
Beziehung herstellen, bis sie irgendetwas machen können. Das gilt bei den Menschen und das
gilt auch den Tieren. Also daher kann ich nicht genug sagen, schauen sie die Biografie an und
dann vielleicht auch noch wenn sie irgendetwas erfahren können, woher kommen denn die
Eltern? Wenn Sie dem Kind Empathie geben wollen, dann darf man sagen ja das muss
schwierig gewesen sein für dich. Und dann, wenn man von den Eltern spricht, muss man
eigentlich auch diesen gegenüber Empathie zeigen. Aber weisst du, dein Vater hat auch eine
Geschichte und deine Mutter hat auch eine Geschichte und die haben es nicht besser machen
können. Ja die haben das beste probiert zu machen, also dass man irgendwie immer in der
Interaktion bleibt in der Betrachtung möglichst neutral und dennnoch empathisch zum Kind. Also
von dort her lohnt es sich die Biographie anzuschauen und natürlich dann die Geschichte vom
Kind selbst.
Dr.med. Ursula Davatz (29:45)
Jetzt ist die Frage, was sind denn Symptome? Also sie wollen ja wissen auf was sie achten
müssen. Da sind wir schon fast wieder beim Arzt. Also sie wollen Symptome erkennen. Aber es
ist schon gut, man darf auch auf Symptome schauen. Also wie gesagt Jungen zeigen eher mehr
Aggressionen und auf eine kleinste Störung und sie merken gar nicht, dass das eine Störung
gewesen ist, reagiert danach ein verletztes Kind mit Aggressionen. Und dann muss man
aufpassen, dass man nicht die Aggressionen bestraft und sagt falsch das darf man nicht, das
macht man nicht, sondern das einmal durchgehen, selber ruhig bleiben und dann zurückgehen.
Wenn man dann das Kind fragt, was ist denn gewesen, kann es häufig nicht sagen was das
Problem war. Und von dort her müssen lernen zu beobachten. Bei Tiere, die kann man nie
fragen, was ist gewesen. Da muss man beobachten, was habe ich vorher gemacht, was das
Tier erschreckt hat. Bei den Kindern kann man sie häufig auch nicht fragen. Da machen wir oft
den Fehler, dass wir denken, Kinder können schon über ihre Gefühle reden wie Erwachsene.
Die Erwachsenen können es ja häufig nicht einmal und Kinder können es schon gar nicht. Von
dort her muss man beobachten. Ab und zu habe ich mit geistig Behinderten gearbeitet, das
heisst mit dem Umfeld von geistig Behinderten. Ich hätte nie nur geistig Behinderte behandeln
können. Aber das hat mich immer wieder gelehrt, dass ich beobachten muss. Dann habe ich
immer das Umfeld, die Betreuer, Sozialpädagogen, habe ich immer Fragen müssen, ja was ist
denn vorher gewesen? Was ist dann vorher gewesen, was haben sie gemacht, was haben sie
gedacht? Wie haben sie sich gefühlt und was ist rübergekommen? Da hat man oft die Haltung,
wenn ein Mensch nicht über seine Gefühle sprechen kann, dann hat er keine. Das stimmt nicht.
Tiere haben auch Gefühle, wir haben auch Gefühe. Ich musste dann das Umfeld häufig dazu
bringen, dass sie die Situation besser beobachten. Da habe ich immer etwas gelernt. Manchmal
ist dann vom Team gekommen, also die haben immer Interpretationen gehabt vom Verhalten
von diesen geistig Behinderten. Dann habe ich gesagt, hmm das leuchtet mir nicht ganz ein und
habe dann noch mehr Details hinein geholt in der Beobachtung. Und so habe ich ein paar
gehabt, die zeitweise angebunden worden sind, in die Klinik gebracht, eingesperrt weiss Gott
nicht was alles. Mit der Zeit hat dann das Personal gelernt mit diesen umzugehen und dann hat
sich alles beruhigt. Also anhand von diesen geistig Behinderten habe ich wieder lernen können
zu beobachten. Als Familietherapeutin nimmt man manchmal die ganze Familie. Da hat man die
ganze Familien im Raum, nicht immer, aber ab und zu schon. Wenn man nicht mehr
weiterkommt und wenn man in der Ausbildung ist, wenn man nicht mehr weiterkommt als
Lehrling, als Familientherapielehrling, dann heisst es jetzt wird der Ton abgestellt. Dann muss
man nur noch beobachten. Dann kann man beobachten, dann sieht man Gestik, man sieht
Körperhaltung, Körpersprache etcetera. Das ist mehr beziehungsorientiert. Also da schärft man
auch wieder seine Beobachtungsgabe. Wir sind so stark verbal erzogen, dass wir nur noch auf
die Wörter hören und die Beobachtung vergessen. Als Mediziner müssen wir auch lernen, gut
zu beobachten und manchmal muss man dann so eine Übung machen, dass man seinen
Arbeitsweg beschreiben muss. Die Hälfte weiss man nicht. Man läuft einfach daran vorbei. Also
von dort her zu beobachten ist etwas ganz ganz Wichtiges. Und beim Beobachten schaut man
die anderen an, man muss sich natürlich auch selber beobachten. Und zwar bin ich da
eigentlich verrückt geworden oder was ist in mir vorgegangen? Ich frage dann das Umfeld auch
immer was hat es mit ihnen gemacht? Was ist mit ihnen abgegangen. Kinder hören mehr auf
das emotionale und weniger auf die Worte. Wenn es heiss wird, dann wird nur noch das auf das
Emotionale gehört. Auf Französisch sagt man ja: C'est le ton qui fait la musique. Und beim Ton
hört man geht dieser Frau gut? Ist die verrückt? Ist die abgestellt? Etc. Weil wir so stark verbal
erzogen sind und nur noch darauf hören, denken wir dann, das werde ich gar nicht
wahrgenommen.
Dr.med. Ursula Davatz (34:44)
Kinder und Tiere nehmen den Ton, also die emotionale Qualität der Kommunikation, viel besser
wahr als wir Erwachsene. Das muss man immer wieder bedenken. Wenn sie sagen, was für
traumatische Symptome also was für Symptome kann das Kind zeigen, das wäre ganz sicher:
Aggression, Irritation, ganz schnell wütend werden. Was Kinder dann auch noch machen, sie
gehen dann jeweils in eine Zerstörungswut hinein. Als klein und das sind oft auch ADHS Kinder,
wenn sie gemassregelt werden, dann gehen sie ins Zimmer und zerstören ihr liebstes
Spielzeug. Das versteht man dann oft nicht. Sie wollen sich ja eigentlich unter Kontrolle haben
und in dem sie das liebste Spielzeug zerstören, ist das wie eine Selbstbestrafung. Das andere
extreme Verhalten ist Rückzugsverhalten. Es wird nicht mehr kommuniziert, es wird nicht mehr
geredet und das ist etwas vom Schwierigsten zu aushalten für das Gegenüber. Das wäre
wieder in der Therapiegruppe. Wenn niemand redet, dann steigt die Spannung, der Stress. Wir
sind gewohnt, dass wir miteinander kommunizieren können. Also im Augenblick wo ein Kind
sich ganz zurückzieht, die Kommunikation verweigern, da darf man nicht aggressiv diese
Kommunikation forcieren, sondern man muss langsam sich annähern. Wichtig ist auch wieder,
dass man selber schön ruhig bleibt. Man darf nicht aufdringlich sein. Man muss sich Zeit lassen.
Zeit ist ja etwas, wo heute alle nicht haben. Aber es lohnt sich sehr, sich Zeit zu lassen.
Diejenigen, welche den Film The Horse Whisperer gesehen haben, hat ihn jemand gesehen, ja
schon, dort sieht man es sehr schön, wie sich Horse Whisperer langsam an das Pferd hintastet.
Ich bringe häufig den Petit Prince von Antoine de Saint-Exupéry: il faut apprivoiser. Der stellt die
Schüssel mit Milch nur hin in der Nacht und dann geht er wieder weg. Also es ist eine sanfte
Annäherung. Und die sanfte Annäherung, da meinen wir oft, man habe keine Zeit. Aber wenn
man die sanfte Annäherung nicht macht, dann wie soll ich sagen, ja da kommt man nie zum
Ziel. Das ist etwas ganz ganz wichtiges.
Dr.med. Ursula Davatz (37:22)
Jetzt wegen den Symptomen: es gibt natürlich viele körperliche Symptome, also Kinder können
erbrechen und gerade Kinder haben häufig körperliche Symptome. Sie haben Bauchweh, wenn
sie nicht in die Schule gehen wollen. Weil irgendein Stress in der Schule ist, weil sie gemobbt
werden, weil etwas nicht funktioniert. Dann haben sie Bauchschmerzen und dann gehen sie
nicht in die Schule. Man kann Durchfall haben, die Erwachsenen haben mehr Durchfall, aber
das Kind kann es auch haben. Kopfweh, alle Körpersymptome können auftreten. Also Kinder
haben ohnehin mehr körperliche Symptome als dass sie reden können. Und da sage ich, ich
habe eine Weiterbildung gemacht: Wann lässt die Psyche den Körper sprechen? Das passiert
auch bei uns so, wenn wir keine Worte finden für unseren Zustand. Wenn wir es nicht recht
orten können. Denn wir können Lügen. Die Kinder können noch nicht so gut Lügen und unseren
Körper kann auch nicht lügen. Also von dort her wenn körperliche Symptome auftreten, dann
muss man immer schauen, was könnten hintendran sein. Heutzutage gehen natürlich dann die
Leute immer zu dem Arzt zu dem Arzt, zu dem Arzt und dann geht man den Bauch abklären.
Man geht eine Magendarm Passage machen und so wieter und so weiter. Man malträtiert diese
Kinder weil man nichts Körperliches verpassen möchte, denn das Körperliche ist wichtiger als
das Psychische. Das Körperliche kann man sogenannt sehen. Das Psychische braucht ein
bisschen mehr Arbeit zum Herausfinden, woher es kommen könnte. Was ich hier immer auch
verwende, ich greife zurück auf Volksweisheiten. Sagen wir jetzt tritt Bauchweh auf, dann kann
man sagen, was macht dir Bauchweh? Was liegt Dir auf dem Magen? Was plagt dich? Also
man kann es umsetzen in Sprache. Sie müssen aber nicht erwarten, dass das Kind das gerade
sagen kann. Schon nur wenn sie fragen, fühlt es sich es mehr ernst genommen, mehr
wahrgenommen. Und es heisst nicht, dass man gar nichts körperliches machen soll. Nicht so
invasive, aggressive Medizin. Früher hat man dann Wickel gemacht, Bauchwickel, Brustwickel
und Tee also irgendeine Handlung ist sicher gut. So Grossmuttermethoden, die haben eine
beruhigende Wirkung. Über die Grossmuttermethode tut man sich um das Kind kümmern. Man
macht etwas mit dem Kind, z.B. Essigsocken. Essigsocken ist ein anderes Kümmern als einfach
eine Tablette nehmen, eine Schmerztablette. Es braucht immer die soziale Interaktion, damit
besseres Wohlbefinden kommt. Da kann ich vielleicht noch etwas sagen: In der Medizin kenne
Sie vielleicht den Begriff vom Placebo. Das heisst man gibt eine Zuckertablette und man gibt
eine chemische Tablette. Und dann schaut man welche wirkt. Wenn dann die Zuckertablette
nicht wirkt und die andere also die mit einer chemischen Substanzen sagt man, das ist ein
richtiges Medikament. Man findet immer mehr raus, das Placebo auch wirkt und sogar gut wirkt.
Beim Placebo wirkt die Beziehung. Ich bin ein Jahr lang bei einem Allgemeinpraktiker gewesen
und der hat gesagt, sie müssen schauen, das ist ganz wichtig, dass sie wenn sie einen
Patienten Medikamente abgeben, dass sie das mit Pathos mit Gefühl machen. Das ist wichtig,
diese Tablette, also dass ich meine Beziehung aktivieren muss in dem Augenblick, wo ich die
Tablette abgebe. Das stimmt. Beim guten Tee oder bei der Honig Milch, da aktiviert man auch
die menschliche Interaktion und das hat eine sehr beruhigende Wirkung. Schon nur Beziehung
aufnehmen hat eine beruhigende Wirkung. Früher hat man viele Hausärzte gehabt, die haben
die ganze Familie gekannt und heute hat man medizinische Zentren und jedes Mal wenn man
kommt, ist ein anderer dran. Dann gibt es natürlich nicht die Placebowirkung der Beziehung und
das beklagen auche viele Patienten. Das zeigt eben, dass unsere Mediziner sehr stark
technisiert worden ist. Ich plädiere natürlich für die Hausärzte. Ich plädiere für die, welche sich
noch Zeit nehmen für den Patienten, die eine Beziehung herstellen können und das verwenden.
Dr.med. Ursula Davatz (42:11)
Okay, ich muss zu ihnen zurückkommen. Also ich fasse hier nochmal ein bisschen zusammen.
Tun sie nicht an erster Stelle Diagnose stellen wollen, nehmen sie Symptome wahr, probiert
dann herauszufinden, was ist hinter diesen Symptomen, was wollen die Symptome zum
Ausdruck bringen? Fragen sie nach der Geschichte. Beobachten sie das Kind und sich.
Reflektieren sie sich auch. Wenn ich psychosomatischen Unterricht gegeben habe bei Spitex-
Schwestern, habe ich als erstes immer gesagt, was für ein Symptom entwickeln sie, wenn sie
Stress haben? Und dann haben die einen gesagt, ich bekomme Kopfweh, die anderen haben
gesagt, ich bekomme Rückenschmerzen, die anderen haben gesagt, ich rede dann auf einmal
ganz viel und eine andere hat gesagt, ich weiss dann nicht mehr was sagen. Verwenden sie die
Interaktion mit den ihnen Anvertrauten auch zum sich selber beobachten. So lernt man dann an
diesen Kindern, die einem anvertraut sind. Wollen sie nicht allzu schnell so Kinder, wo ja aus
gestörten Verhältnissen kommen aus vernachlässigten aus schwierigen Verhältnissen. Wollen
sie nicht zu schnell die zur Norm bringen. Das ist das Problem bei der Psychiatrie, dass wir mit
Tabletten schnell Symptome verändern wollen und man kann es man kann es aber was ist dann
hintendran und wo ist die Entwicklung von diesem Menschen? Es geht immer um eine
Entwicklung des Kindes, das ihnen anvertraut ist und auch um ihre Entwicklung. Sie dürfen
auch nicht mehr mögen oder verzweifelt sein. Wenn sie dann nicht verzweifelt das hinbringen
was Norm sollte sein oder was sie meinen, sie hätten den Auftrag. Nehmen Sie sich Zeit.
Schauen Sie wieder, ich habe wieder einen Französischen Spruch: Il faut reculer pour mieux
sauter. Gehen sie zwei Schritte zurück, schauen sie nochmal was läuft eigentlich ab, was läuft
bei mir ab was läuft dem Kind ab. Gewinnen Zeit Zeit. Jeder Stab, der Geiseln befreien muss,
die müssen auch nicht dem arbeiten. Zeit gewinnen, Zeit gewinnen, Zeit gewinnen. Wir dürfen
uns nicht stressen lassen, beschleunigen wollen, wenn es um den Umgang geht mit
schwierigen, ihnen anvertrauten Kinder oder Jugendlichen. Das wären so bisschen meine
Gedanken und jetzt möchte ich ihnen einfach die Möglichkeit geben; hat irgendjemand gerade
eine Frage?
Bemerkung 1 (45:20)
Ich habe jetzt eigentlich eine kurze Frage, es ist jetzt eher um das familiäre Soziale gegangen.
Was aber ausserhalb das Kind erleben, tut also vielleicht in der Schule, mit Kollegen unterwegs,
habe ich das Gefühl gehabt, ist jetzt ein bisschen zu wenig angesprochen worden, weil dort die
Kinder die Eltern sehen. Bei Freunden sehen sie auch in andere Familien rein. wie es dann dort
abgeht und dort kann es dann auch wieder sein, dass dann plötzlich andere soziale Verhalten
hervor treten. Nachher über einen längeren Zeitraum. Also ich spreche jetzt nicht von heute und
morgen. Wenn sie in den anderen Familien sehen, ja die können zum Beispiel immer noch
Süsses Essen.
Dr.med. Ursula Davatz (46:16)
Das ist ein sehr wichtiger Punkt und ich bin froh, dass sie dann ansprechen, das stimmt
natürlich. Ich als Systemikerin probiere das ein Schulfeld einzubeziehen, auch die Freunde.
Heutzutage kommt auch noch das Internet dazu. Also die holen sich ja alles Mögliche aus dem
Internet von den Freunden von der Schule. Ich bin relativ kritisch unseren Schweizer Schulen
gegenüber, dass sie diesen sozialen Aspekt, der läuft in der Schule, dass sie den relativ wenig
beobachten und auch nicht eingreifen. Ja da muss man hinschauen und da würde ich sie alle
dazu aufmuntern, Kontakt aufzunehmen mit der Schule. Kontakt aufzunehmen mit den Eltern
von diesen Freunden und sich Austauschen. Aber dann muss man wieder aufpassen, dass man
nicht nur die anderen kritisiert und in einen Wettkampf hineinkommt, sondern da hat man dann
andere Wertvorstellungen bei der anderen Familie, sondern dass man sich respektvoll quasi
ihren Wertvorstellungen und die eigenen anschaut. Schlussendlich sind sie dann wieder der
Chef mit ihren Kindern und ihren Pflegekinder und da kommt jetzt eine altmodische Erziehung
wieder hervor. Das heisst dass sie dann eine klare Haltung einnehmen, dass sind meine
Wertvorstellungen. Mir ist das wichtig, wenn du bei mir bist, will ich dir das Weitergeben. Das
wäre dann wieder die soziale Vererbung. Ich will dir das beibringen, das ist mir wichtig. Nicht du
musst sondern ich will das. Also dass ihre Energie bei ihnen bleibt, das Kind spürt. Ich bin ihm
nicht gleich, der findet das wichtig. So kann sich es sich wieder an einem anlehnen. Wenn es
dann heisst die anderen dürfen das und ich darf nie, da ist ganz wichtig dass man sagt, okay
bei den anderen ist es so, aber bei mir ist es so. Ich stehe zu dem und ich stehe für das ein. Ich
will, dass Du das lernen kannst bei mir. Also von daher sicher Kontakt aufnehmen mit der
Schule und auch Kontakt aufnehmen mit den Freunden. Ohne, dass man das andere Umfeld
schlecht macht. Ich habe viel mit Schulen zusammengearbeitet und ich höre von vielen Eltern
wie die in Clinch kommen mit den Schulen. Wie die Lehrer sich oft bedroht fühlen von den
Eltern. Eigentlich sollten ja Lehrer und Eltern zusammenarbeiten. Also beide wollen nur das
Beste für das Kind. Auf diesen Nenner muss man kommen. Dort braucht es auch wieder ganz
viele Konfliktbewältigungsstrategien, und sehr viel Empathie für Andersartiges. Ich meine, die
Schweiz ist stolz auf unsere 4 Sprachen. Wir sind multikulturell. Wir haben viele Ausländer. Also
es gibt Klassen, die eigentlich nur aus Ausländer bestehen. Von dort her müssen wir sehr viel
Flexibilität an den Tag legen, dass man auch für die Wertvorstellung von den anderen Respekt
zeigen kann. Aber man darf dann sagen, wir sind jetzt hier und ich will es hier so machen. Ist
das ein bisschen eine Antwort? Danke für den Hinweis. Das Internet kommt noch hinzu. Das
Internet ist nicht nur schlecht, aber es hat auch eine schlechte Auswirkung.
Bemerkung 2 (50:10)
Ich habe noch eine Frage zur Medikation, wie Ritalin. Immer mehr Kinder, die dann wirklich eine
Tablette erhalten, damit sie sich in der Schule konzentrieren können. Ich weiss einfach so aus
der Pflege, dass es ja dann wie auch Auswirkungen hat, also z.B. ein sehr grosses
Suchtsverhalten. Jemand sagt z.B. ich bin mich gewöhnt, dass ich etwas habe. Ich brauche
also sie muss zum Beispiel wahnsinnig viel Kiffen, dass ich überhaupt schlafen kann. Das finde
ich da problematisch. Mütter die sagen: Seit mein Kind eine Tablette nimmt, geht es in der
Schule, aber es hat einen Rattenschwanz.
Dr.med. Ursula Davatz (50:47)
Sie haben absolut recht. Da haben manchmal Leute gesagt, Homöopathen, wenn ich eine
homöopathische Tablette nehme, das ist ja gesund, das ist nicht schlimm, aber die
Konditionierung ist hier. Wenn es mir nicht gut geht, muss ich ein Pülverchen nehmen, dann
muss ich eine Tablette nehmen. Es fördert nicht das eigene, die Eigenaktivität zum das Problem
lösen. Von dort her müsste man vielmehr über Problemlösungen reden als über Tabletten. Und
ich sage also, ich bin lange im Suchtssektor tätig gewesen auch mit Vorträgen und Zeugs und
Sachen. Ich sage Tabletten sind schnelle Problemlöser. Ich will eigentlich die langsamen
Probleme lösen und man lernt Sachen anders anzupacken. Alle Leute, die ich in Therapie habe,
probiere ich denen dann beizubringen ihre Probleme ohne Krücken zu lösen. Man kämpft
gegen einen ganz einen starken Strom. Aber da dürfen sie auch wieder sagen: hör ich finde es
ist wichtig, dass wir Lernen mit dem Umzugehen, dass du lernst, dass ich lerne. Tabletten ist
nur immer ein Krücke. Eine Symptombekämpfung. Das ist so.
Bemerkung 2 (52:04)
Die Mutter hat gesagt es ist wie gut für das Kind. Jetzt geht es ihm eben auch besser in der
Schule. Das ist auch ein Aspekt. Ich finde es ebe noch schierig.
Dr.med. Ursula Davatz (52:12)
Es ist schwierig. Ich meine ein Teil der Eltern sagen nein, ich will es gar nicht. Und irgendwann
werden sie weich und geben halt dann trotzdem. Andere geben gerade sofort. Bei Teil Kindern
kommt die Schule und sagt, wenn der nicht Ritalin nimmt, dann komme ich nicht mehr in die
Schule. Das geht eigentlich nicht, aber es wird gemacht. Man muss immer herausfinden, was ist
das kleinere Übel und was ist der grössere Profit. Und das ist unterschiedlich und ich mache
keinem eine Vorschrift wie er es machen muss, es muss jeder selber wissen. Wichtig ist, dass
man dann hinter dem wie man es macht, steht. Nicht dauernd hin und her geht, hätte ich das
nicht doch so machen sollen oder so, das gibt eine Unsicherheit. Und also ich habe mal einen
Jugendlichen gehabt, der hat dann Tabletten genommen, dann ist es ihm besser gegangen der
Schule. Mit 14 oder 15 hat er gesagt, so jetzt weiss ich wie das ist jetzt will ich das selber
können und dann hat er sie abgestellt. Das lasse ich natürlich die Kinder.
Bemerkung 3 (53:27)
Wir sind bei den Symptomen. Schmierquote ist bei uns ganz ein grosses Thema. Also Wände
voll schmieren. Die Kinder sind vier und sechs. Je nachdem wie viel Kontakt dass sie mit den
Älteren haben, kommt manchmal so ein bisschen zeitversetzt, dass sie wieder in die Hosen
machen. Wir wissen dass das passieren kann, dass wir ruhig bleiben sollen. Aber wir würden
gerne verstehen, was im Kopf von diesem Kind passiert, wenn es so etwas macht, weil es für
uns ist ja das fast ein bisschen eine Provokation. Wir haben alles frisch gemalt.
Dr.med. Ursula Davatz (54:17)
Es ist eine Provokation. Es ist eine Provokation aus Verzweiflung heraus. Wir
Erwachsenenpsychiater kennen die Schmierquoten von den Schizophrenen. Wir sagen die
regrediren, die werden die Zellen gesperrt und tun dann mit dem eigenen Kot alles
beschmieren. Ich bin immer wieder dran am Probieren zu verstehen, um was es geht. Ich sage
nicht, ich habe das Ei des Kolumbus gefunden. Wenn sie jetzt das so sagen, dann kommt mir in
Sinn, das Kind nimmt ja einen eigen Körpersaft, Kot, zum Kommunizieren. Und von dort her
muss ich einfach sagen, das kommuniziert ein ganz tiefes Leiden. Eben für sie ist es eine
Provokation aber als Ausdruck ist es eigentlich ein tiefes Leiden. Man müsste an das tiefe
Leiden herankommen. Eigentlich müsste man sich sagen, was willst du mir sagen. Wenn ich
jetzt weitergehe also Hunde markieren, mit dem Urin, das ist mein Territorium. Okay vielleicht
kann man sogar sagen, indem man alles voll schmiert, das ist jetzt mein Reich, da kommt
niemand ran. Ich weiss es nicht aber so etwas könnte es bedeuten. Denn man geht ja alleine
aufs WC. Das ist Intimbereich. Aber in dem man seinen Intimbereich überall an die Wand
schmiert, da will man einfach sagen, ich brauche mehr Raum. Ich brauche meinen Intimbereich.
Vielleicht kann man Fragen: also jetzt gehen wir gehen fragen, was hat er dürfen machen, wo er
zuhause gewesen ist. Was haben sie zusammen unternommen? Ich sage jetzt wieder, wie ist
die Interaktion gewesen? Und dann wie hast du dich gefühlt? Wenn der alles verschmiert, der
schafft sich Raum. Es ist natürlich abstossend für uns. Ich könnte auch sagen, er arbeitet sich
Raum und er schafft sich emotionale Toleranz. Ich kann ins Extreme gehen und sie akzeptiert
mich immer noch. Das ist nicht um sie verrückt zu machen, sondern um die Akzeptanz
erzwingen. Resoniert das irgendwie? Klingt das ein bisschen an?
Bemerkung 3 (56:50)
Ja, das kann alles sein ja.
Dr.med. Ursula Davatz (56:55)
Probieren sie mal so zu schauen, was willst du mir sagen mit dem. Also gar nicht, das macht
man nicht, das gehört sich nicht, sondern was willst du sagen? Schizophrene, die regredieren,
die machen das, von denen kennt man es. Das wird als Symptom sogar gesagt, ja das lernt
man. Aber man fragt sich dann nie warum machen die das? Man sagt einfach die sind krank.
Aber Schizophrene sind alles Menschen, die hochsensibel sind und sich nicht ausdrücken
können. Sich nicht gehört fühlen. Schon in der Familie und die für irgendetwas einstehen. Ich
könnte auch sagen der Kot, welcher er hier herumschmiert, ist auch der Kot von seiner Familie.
Was müsste man mit deiner Familie machen, was braucht die für Hilfe? Denn wenn Kinder aus
der Familie herausgenommen werden, sind sie immer noch drinnen und sie sorgen sich um die
Familie und können das natürlich nicht sagen. Und ich denke, das müsste man auch fragen. Auf
was willst du aufmerksam machen in Deiner Familie? Wir können dann auch fragen, wie geht
es deiner Mutter? Geht es deinem Vater, deinen Geschwistern? Nach Gefühlen fragen. Wenn
ich wieder zu unserer Sprache zurückgehe, sagt mir doch: Es scheisst mich man. Wie viel höre
ich von jungen schon erwachsenen Menschen: das hat mich total angeschissen. Also diese
Kotsprache wird verwendet. Er verwendet sie so. Dann müsste man vielleicht Fingerfarben
zutun. Das machen ja ein Teil der Eltern. Also in der Badewanne darf man die ganze Wand
anmalen. Nur was drinnen liegt für sie.
Bemerkung 3 (58:55)
Ok, Danke.
Bemerkung 4 (58:55)
Uns würde in dem Zusammenhang interessieren, was sie würden empfehlen zum genau die
Situation dann machen zum das wieder reinigen? Empfehlen Sie das mit dem Kind zusammen
zu machen?
Dr.med. Ursula Davatz (59:21)
Zuerst Symptome validieren: was willst du mir sagen, was drückt das aus? Es kann es natürlich
nicht sagen, sonst müsste es es ja nicht tun. Aber in dem man trotzdem fragt, sich selber fragt,
vielleicht auch schaut: ja was schiesst dich an? Also das man ein bisschen schaut. Zuerst die
Symptome validieren, akzeptieren und dann jetzt gehen wir wieder zum Alltag über jetzt müssen
wir das putzen. Dann mit dem Kind zusammen wegputzen. Nicht bestrafenderweise, hier ist der
Lumpen, Du musst jetzt putzen, sonder wir machen es zusammen. Doch, doch das
Verursacherprinzip darf man schon machen. Einfach nicht moralisieren. Nur systemisch.
Bemerkung 5 (01:00:15)
Verbale Ausraster, Spucken, Fluchen, das überfordert mich immer ein bisschen, die
Konsequenzen danach.
Dr.med. Ursula Davatz (01:00:59)
Ja ich weiss, das Wort Konsequenzen ist ein grosses Wort in der Erziehung. Ich habe dann
immer ein bisschen Mühe damit. Sie haben schon recht, klar ist es nicht okay, aber da sage ich
wieder. Zuerst das von der Norm abweisende Verhalten anschauen. Ich sage jetzt sogar
validieren, in dem Sinne fragen. Was bedeutet das, was wolltest Du mir sagen? Wie könntest
DU mir es anders sagen. Dann wenn man es validiert hat, wenn man wieder in so eine Situation
hinein kommt, was gibt es dann noch zum Machen? Und das sind dann sogenannte Skills. Die
Skills welche in der Psychiatrie zum Teilen gelernt werden, sind nur Unterdrückungen. Also man
unterdrückt seine Emotionen. Man unterdrückt seine Impulsivität. Ich würde eher zu
Problemlösungsskills gehen. Wann immer ich Eltern und so Kinder habe, die sich komisch
benehmen, dann frage ich immer das Kind. Da ist das Problem. Ich frage natürlich ja was hat es
sie wütend gemacht. Ich frage die Mutter, wie ist es. Dann sage ich und jetzt wie könnten wir es
nächstes Mal anders machen? Also dass sie Zurückgehen zum Kind und sagen okay, ich
verstehe, dass du wütend gewesen bist, aber ich will nicht jede Woche die Wand neu streichen.
Wie könnten wir es anders zum Ausdruck bringen? Wie könntest du es mir anders sagen? Wie
könnte ich es besser verstehen? Wie könnte ich es früher merken, also dass man miteinander
eigentlich immer eine Problemlösung erarbeitet. Nicht eine Erziehung, sondern ein
Problemlösung. Macht das Sinn? Dann lernen auch wir dabei. Das Kind muss mit der Zeit
schon die Normen lernen, aber die können es eben nicht so schnell. Denn die Impulsivität
überrennt alles, schmeisst alles um. Aber sie müssen es lernen. Aber nicht gerade in dieser
Sekunde. Und dann okay wir üben wieder. Der Roger Federer tritt jetzt zurück und dann hat es
ein Interview oder eine Biographie gehabt. Da hat es geheissen als Kind hätte er sein Racket
zerschlagen, Zornanfall etc. Dann hat er sich immer mehr diszipliniert und ist ein guter
Tennisspieler geworden. Es hat ihn niemanden bestraft für die Zornanfälle. Die Energie, welche
da drinnen steckt, hat er in das Tennis umgesetzt. Wir wollen diesen Kindern helfen, dass sie
ihre starke Energie, wo sie haben, dass sie die positiv für sich einsetzen können. Aber es hört
Problemlösungsstrategie dazu. Problemlösungsstrategie ist nicht Unterdrückung der Gefühle
sondern immer eine raffiniertere Problemlösung. Da sagt man z.B. auch vom Hirn: Je mehr sich
das Hirn auseinandersetzt mit dem Umfeld, umso komplexer wird es und umso
anpassungsfähiger. Das wollen wir. Wenn man gleich etwas abschneidet, dann geschieht keine
Anpassungsfähigkeit, dann passiert nur Unterdrückung.f
Bemerkung 6 (01:04:32)
Finden sie es gut, solche Sachen zu antizipieren mit dem Kind? Also wenn ich ungefähr weiss
oder erahnen kann, wann so Sachen passieren, dass eigentlich vorher schon bisschen
anzuschauen.
Dr.med. Ursula Davatz (01:04:42)
Ja kommt darauf an wie alt das Kind ist. Ja und dann was für ein Kind es ist. Also es gibt Mütter,
die alles diskutieren, alles schon vorher. Manchmal finde ich, man spricht auf einer zu hohen
Erwachsenenebene. Es kommt sehr auf das Kind darauf an. Es gibt sehr intellektuelle Kinder,
die können das gut und bei den geht es vielleicht auch oder geht es wahrscheinlich. Man muss
ein bisschen herausfinden und sie sind auch unterschiedlich. Gewisse Leute tun gerne das alles
erklären und andere sagen einfach ich will es so. Man kann zu viel und zu wenig diskutieren,
aber wenn ihnen das entspricht, würde ich sagen, wir probieren sie es und schauen sie wie es
ankommt. Denken sie nicht weil sie es vorher diskutiert haben, es könnte dann seine
Impulsivität im Griff haben. Denn das ist etwas anderes. Und im Augenblick, wo man sehr
emotional erregt ist, dann haben sich auch Erwachsenen, wo sonst sich gut benehmen, oft nicht
mehr im Griff. Die Impulsivität die drückt dann eben durch. Aber klar, je älter man wird, umso
mehr kann man sie steuern. ADHSler können es etwas weniger gut steuern. Aber auch die
können lernen, wenn man sagt, es geht nicht weg, aber sie können lernen mit sich besser
umzugehen.
Bemerkung 7 (01:06:15)
Ich habe noch eine Frage zu der Abgrenzung Hochsensibilität und ADHS. Hochsensibilität habe
ich das Gefühl ist nicht ADHS.
Dr.med. Ursula Davatz (01:06:28)
Ich mache einen Unterschiede. Ich behaupte alle ADHSler sind hochsensibel. Klar es gibt
Graduierungen. Die ADHSler tun ihre Sensibiltität sofort mit Aggression abreagieren.
Bemerkung 7 (01:06:35)
Alle ADHSler sind hochsensibel und alle Hochsensiblen sind ADHS?
Dr.med. Ursula Davatz (01:06:35)
Für mich ist es das gleiche Erscheinungsbild. Ich müsste genetisch schauen gehen. Die
hochsensiblen sind meistens die ADS Kinder, also weniger Hyperaktivität. Dann gibt man die
Diagnose hochsensibel. Aber ADHSler wie auch ADSler sind hochsensibel. Bei den ADHSlern
merkt man es nicht, weil sie sogenannt aggressiv sind. Die ADSler machen dann einen
Rückzug. Aus meiner Sicht ist es das Gleiche. Wir Ärzte haben es an uns, dass wir immer
wieder eine neue Diagnose kreieren. Indem man sagt, hochsensibel ist man nicht krank, man ist
einfach sensibel. Das ist ja gut, wenn man es so verwendet, ist mir auch recht. Wenn ich genau
dahinter schaue, ist es das Gleiche. Früher hat man gesagt, Depression da ist eine
Frauenkrankheit und jetzt sagt man Burnout und dann dürfen es auch Manager haben. Dann ist
es salonfähig. Der hat ja viel gearbeitet, darum hat er jetzt ein Burnout. Eine Frau, die depressiv
ist, die strengt sich nicht an, die hat keinen Willen.
Bemerkung 8 (01:08:21)
Pause.
Dr.med. Ursula Davatz (01:08:21)
Das Abendritual, das Ritual um in den Schlaf zu gehen, ist ein schwieriges Ritual. Da geht es
eigentlich immer um ein Abschiednehmen, um als Einzelwesen in sein Bett zu gehen, weg von
der Gruppe. Die einen brauchen viel Schlaf, die anderen nicht so viel, da ist sie schon
ausgeklammert. Ich frage mich jetzt also ob sie nur dieses Mal schauen müssen miteinander
und sagen: verabschiede Dich von allen und am Schluss von ihnen, also dass sie von jedem
Einzelabschied nimmt und dass Abschied Abschied heisst und dann aber nicht mehr rausgehen
oder in den Hobbyraum gehen, nichts. Vielleicht müssen sie zwei Wochen durchziehen, wo sie
absolut konsequent sind. Jetzt haben wir Abschied genommen jetzt bleibst du in deinem
Zimmer. Ja es braucht eine gewisse Zeit, bis das Ritual drinnen ist im Kopf. Drin ist als Muster.
Ich habe schon an vielen Elternabenden, Erziehungskursen und weiss ich nicht was, haben wir
es von dem Abschiedsritual gehabt. Es ist ganz ganz wichtig, man kann nicht Abschiednehmen,
wenn der von dem man Abschied nimmt, das wären sie, sie sind die Hauptperson, nervös ist.
Die Chirurgen sagen, man schneidet nicht im entzündeten Gebiet. Wenn ich Ehen, also
Scheidungstherapie und Ehetherapie, ist das gleiche und Paare könnte nur auseinandergehen,
wenn jeder bei sich sein kann. Und ich sage dann auch und wie verabschieden sie sich von
ihrem Partner? Also das Abschiednehmen ist gar nicht so etwas einfaches. Ich würde noch
mehr betonen, also mehr Gewicht legen auf das Abschiednehmen und ich würde den anderen
Kindern sagen, ich will ihr jetzt beibringen, dass sie sauber kann Abschiednehmen sauber kann
ins Schlaf gehen und da habe ich ein bisschen weniger Zeit für Euch. Bis wir das gelernt haben.
Also dass sie sich wirklich dem Ritual zuwenden und das hinbringen. Ich habe Kinder gehabt,
wo mit 17 noch im Bett der Mutter geschlafen haben und dann hat man gefunden, das sei jetzt
etwas zu alt und dann haben wir ungefähr zwei Wochen gehabt, es ist ein Bub gewesen, bis er
das begriffen hat. Aber hier ist es dann wieder Verhaltenstherapie, man muss absolut
konsequent sein. Also man müsste dann wachen vor der Tür. Es reicht nicht, dass der Türspalt,
also dass die Tür angelehnt ist. öDas ist kein Signal. Das ist so wie beim Hund, wenn man sagt,
du bleibst jetzt hier und du darfst das nicht fressen. Sobald man aus dem Zimmer geht, frisst er
es. Und wenn sie weggehen, dann kommt sie halt auch wieder raus. Also sie müssen quasi als
Wächter vor der Tür stehen und sagen möglichst wenig reden, ja nicht sich aufregen.
Bemerkung 9 (01:12:00)
Sie ist sehr impulsiv. Sie sagt. Mami Du gibst mir jetzt Antwort. Ich will jetzt einen Antwort von
Dir. Das macht sie dann sehr lange bis ich eine Antwort gebe.
Dr.med. Ursula Davatz (01:12:09)
Warten sie schnell, wenn ich sage wenig reden, meine ich nicht keine Antwort geben. Wenn sie
keine Antwort geben, dann schneiden sie die Beziehung ab. Und das dürfen sie nicht. Dann sie
haben ja Angst die Beziehung loszulassen.
Bemerkung 9 (01:12:36)
Aber sie will immer eine Antwort haben.
Dr.med. Ursula Davatz (01:12:37)
Warten sie schnell, jetzt sind sie zu fest im Pädagogischen. Es geht um Loslassen man man
lernt es nicht Loslassen über den Intellekt, sondern über das Gefühl. Und sie müssen immer
wieder sagen, jetzt wird geschlafen? Jetzt haben wir das gemacht. Also sie müssen eigentlich
immer wieder ihr das Ritual sagen. Und wenn sie irgendetwas sagt nicht auf das Antwort geben.
Nein, keine Diskussion mehr, aber doch reden. Und reden wäre: jetzt ist diese Zeit, jetzt haben
wir das Ritual gemacht. Jetzt darfst Du schlafen. Nicht jetzt musst Du Schlafen. Jetzt darfst Du
Schlafen. Man kann nicht Schlafen müssen, das geht überhaupt nicht. Auf Englisch sagt man:
To fall asleep. In den Schlaf zu fallen ist eine passive Angelegenheit. Und darum können sie
sagen, jetzt darfst du schlafen und wenn sie sagt, ich kann noch nicht, dann macht das nichts
dann darfst du liegen im Bett und der Schlaf kommt dann schon. Man hat jeweils früher gesagt
das Sandmännchen kommt, weil einem die Augen beissen. Sie müssen immer wieder sagen,
jetzt darfst du schlafen, jetzt tun wir schlafen. Aber nicht auf dieses und jenes Antwort gegeben
sondern rituell immer wieder: jetzt darfst du schlafen. So an der Türe bleiben. Und wenn sie
herauskommt schon mit ihr, also sie muss den Faden zu ihnen haben und wenn sie gar nichts
sagen, dann hat sie das Gefühl, sie hat Beziehung verloren und das ist nicht gut. Sehen sie
das?
Bemerkung 9 (01:14:19)
Ja, aber ich kann auf ihre Probleme keine Antwort geben.
Dr.med. Ursula Davatz (01:14:19)
Ja, aber sie können immer die Antwort geben, jetzt tun wir Schlafen jetzt tun wir Schlafen. Jetzt
schlafen Sie dann alle ein. 😉 Ich kann keine Hypnose, aber die machen es so. Sie dürfen dort
Hypnotiseur spielen.
Bemerkung 9 (01:14:30)
Ich habe das Gefühl, es funktioniert nicht.
Dr.med. Ursula Davatz (01:15:00)
Heute funktioniert es noch nicht. Wie alt ist sie? Ja ich denke sie müssen an der Tür bleiben
vielleicht wieder mit ihr hineingehen, aber es ist immer wieder das gleiche Ritual. Rituale
werden irgendeinmal im Hirn integriert und wenn man sie dann drinnen hat, dann kann man
nicht mehr anders. Also unser Hirn ist so. Man kann die Rituale programmieren. Wenn es immer
wieder anders ist, dann gibt es kein Ritual im Kopf. Also machen sie es immer gleich.
Bemerkung 10 (01:15:53)
Darf ich da noch schnell etwas fragen, sie haben mir vorher gesagt, es ist wichtig, dass man
zuhause schaut, wie es zuhause war mit dem Schlafengehen Ritual.
Dr.med. Ursula Davatz (01:16:06)
Wie ist es bei ihr daheim gewesen zu Schlafen gehen, also in ihrer Herkunftsfamilie?
Bemerkung 9 (01:16:12)
Dort ist gar nichts gegangen. Ich konnte bei der Zimmertüre vorbeihuschen und schon war sie
wieder wach. Wir mussten alle immer sehr leise sein. Auch jetzt schläft sie zum Teil noch beim
Vater im Bett. Die Eltern sind getrennt. Einschlafprobleme. Niemand ist da. So der
Trennungsverlust.
Dr.med. Ursula Davatz (01:16:34)
Ja, da hat sie schon Verlustangst. Hat sie Tiere? Pelztiere? Da kann man einmal das
verwenden und dann das oder immer das Gleiche. Wir müssen einfach das Ritual hinbringen.
Und sie werden immer wieder zum Ritual rausgeschmissen. Es nicht auf einmal. Darum sage
ich zwei Wochen. Haben Sie die Geduld?
Bemerkung 9 (01:17:35)
Ja eben es ist schwierig. Insbesondere wenn man noch drei andere Kinder hat. Aber ja, ich bin
dort immer dran. Ich weiss gerade auch nicht weiter.
Dr.med. Ursula Davatz (01:17:44)
Wahrscheinlich müssen sie es den drei anderen Kindern sagen. Kinder sind eigentlich sehr
verständnisvoll. Sie müssen den drei anderen Kindern sagen, ich muss jetzt das Üben. Ich will
jetzt das Üben mit ihr. Und in dieser Zeit kann ich nicht so viel mit euch machen. Oder nichts.
Also dass klar deklariert wird. Dass sie dann die ganze Energie auf dieses Kind verwenden.
Irgendeinmal haben sie es. Sie müssen an sich glauben.
Bemerkung 9 (01:18:15)
Wenn mein Mann hier ist, dann geht es besser.
Dr.med. Ursula Davatz (01:18:18)
Ja, dann geht es besser. Dann können wir uns aufteilen. Dann muss er halt vielleicht eine Zeit
lang mehr hier sein. Dann machen Sie dieses Programm und sagen ihm, in dieser Zeit musst
Du hier sein sond kann ich das nicht durchziehen. Dann ziehen Sie das Programm mit ihr
durch. Bis sie es haben. Vielleicht kann er es so einrichten. Es lohnt sich. Die hatte vorher gar
keine Struktur. Sie ist sehr sensibel. Dann erschrickt sie immer gleich wieder und will dabei sein.
Sie wird abgehängt von der Gruppe. Also Kinder wollen ja eigentlich zusammen sein und sie
muss früher gehen. Sie wird aus der Gruppe herausgenommen und das ist für sie jedes Mal; ja,
ich bin alleine. Wir erleben das Phänomen, auch wenn wir ja auf einer Stadttour sind, also durch
die Stadt durch und man gehört zu einer Gruppe, die laufen irgendwo davon, man hat den
Anschluss verpasst. Auch wenn man sich auskennt in dieser Stadt, macht man ein bisschen
eine Panikreaktion. Also wenn man abgetrennt wird von der Gruppe gibt es Panik. Die
Abtrennung der Gruppe die muss sorgfältig gemacht werden. Darf man es mal so lassen? Wir
drücken ihnen den Daumen. Geduld und Ruhe.
Bemerkung 11 (01:19:41)
Wir haben einen Jungen und er wird sehr schnell sauer, wenn etwa was er machen will nicht
funktioniert. Er beginnt dann laut zu Fluchen. Schmeisst Sachen rum. Das wird dann immer
mehr. Ich frage mich dann wieso er mich dann nicht einfach um Hilfe fragt?
Dr.med. Ursula Davatz (01:19:56)
Soweit ist er noch nicht. Also das ist typisch, das ist auch typisch bei den ADHSlern. Wenn es
nicht so läuft, was nicht läuft nach ihrem Kopf denn ihr Kopf ist immer schneller als ihre Hände
und dann wird alles weggeschmissen und verrückt. Wenn sie sagen, kannst du nicht sagen, ich
soll Dir helfen, da tun sie ihn schon kritisieren. Und er kann ja sein Temperament eben nicht
recht im Griff halten. Jetzt komme ich wieder, man muss Symptome validieren. Man kann
sagen, oh, das ist schon am blöder Seich. Das ärgert einem, wenn es nicht so geht und man
man sagt ja manchmal, wenn man am Tisch anstosst, dieser blöde Tisch der ist ein Weg
gewesen dabei ist man selber rein gelaufen. Dass sie da mit ihm, sie müssen nicht gleich laut
Schimpfen, aber schon noch blöd, gell das kann ärgerlich sein. Mich ärgert es manchmal auch
wenn es mir nicht gelingt. Also zum Beispiel ganz einfach wenn man irgend so ein Kleber
aufmachen will oder da die Säckchen wo man so eine Rippe hat und es geht nicht gerade. Man
ist im Stress. Man könnte alles wegschmeissen. Also dass sie Empathie mit ihm haben, dass
sie ihn validieren, ist in seiner Verrücktheit aber ein bisschen ruhiger ein bisschen runter holen
und dann okay. Jetzt was machen wir. Also erst dann. Er kann jetzt aus seiner Wut heraus
gerade um Hilfe fragen. Dann wenn sie mit ihm helfen gehen, dann eher nicht für ihn machen
sondern okay, was ist das Problem? Was hast du gemacht? Was ist nicht gegangen? Also eher
seine Problemlösung begleiten. So machen es auch Psychologen, wenn sie Tests mit Kindern
machen, dass sie sagen, Schau nochmal, was kann es sein. Also dass man ihn verlangsamt in
seinem Problemlösungstempo und dann wieder Schritt begleitet. Also zuerst zu validieren.
Bemerkung 11 (01:22:31)
Also wenn ich ihn im Zimmer schimpfen höre dann hochgehen zu ihm.
Dr.med. Ursula Davatz (01:22:32)
Ja, doch, das würde ich. Vielleicht nicht immer aber doch hochgehen und sagen, ich höre Du
bist steckengeblieben. Was ist das Problem? Okay, wir schauen. Also ja das ist Begleitung, die
Kinder brauchen noch Begleitung. Teil wollen alles selber lösen, aber er rastet so aus, dass er
die Begleitung braucht. Und was sie da machen, da zähmen sie ihn herunter und dann geht er
nochmal dran und dann geht es vielleicht. Und apropos, man hat Tests gemacht mit Kindern,
man hat ihn irgendein Spielzeug oder etwas gegeben und dann hat man bei der ersten Gruppe
hat man gesagt, hat man genau die Anleitung gegeben, man muss so und so und so machen,
dann haben sie eine Viertelstunde gespielt. Da hat man gesagt, die und die Schritte und jetzt
kannst Du selber weitermachen. Da haben sie ein bisschen länger gespielt vielleicht 20 Minuten
25 und dann hat man gesagt finde selber heraus und dann haben sie am längsten gespielt.
Ungeduldige, temperamentevolle Kinder die rasten dann aus. Die brauchen dann dort die
Begleitung also nicht zum Machen, sondern zum Beruhigen. Also von dort her ja, doch wenn sie
hören würde ich hochgehen nicht immer gleich rennen aber aber hochgehen und dann sagen:
Okay, was ist das Problem? Und ja ihn verlangsamen und dann Begleiten in der
Problemlösung. Zum Beispiel kann man den Kindern schwimmen beibringen und sie können
schwimmen wenn man dabei ist. Dann können sie alles, wenn sie alleine im Wasser sind, dann
getrauen sie sich wieder nicht. Kinder brauchen eine Begleitung bei dem Übergang. Da lohnt es
sich, dass man sich Zeit nimmt, das gibt ihnen dann Sicherheit und das gibt dann
Selbstkompetenz und dann gibt es ein gutes Selbstwertgefühl.
Bemerkung 11 (01:24:37)
Darf ich noch eine Frage anhängen? Ich weiss nicht, er hat kein ADHS diagnostiziert oder so,
aber er hat eine kognitive Beeinträchtigung das macht alles noch ein bisschen schwieriger.
Wenn man ihn fragt warum oder wieso, dann kommen die phantastischen Geschichten heraus,
sodass ich nie genau weiss was er mir erzählt.
Dr.med. Ursula Davatz (01:25:25)
Da würde ich auch wieder sagen, alle Schriftsteller, die gute Romane schreiben, die Flunkern
auch, die Fantasieren die lügen Sachen daher, die gar nicht stimmen, aber wir finden es alle
toll. Je wilder, umso besser. Sie dürfen zu seinen Geschichten immer sagen: Das ist eine sehr
interessante Geschichte! Du bist sehr gut im Geschichten erzählen. Ich sage wieder: Validieren.
Und dann zu seiner Geschichte: aber das tönt nicht so ganz realistisch, also dass sie seine
Geschichte validieren. Das ist seine Fantasie und dann aber zurückgehen so was ist dann
wirklich gewesen. Dann können sie ihm Sachen ausleihen, können sie sagen, ist es nicht eher
das gewesen? Oder das? Also sie wissen ja die Geschichte ein bisschen was gewesen ist.
Vermutung. Ich habe ja das Gefühl, es könnte auch das gewesen sein. Also dass sie ihn etwas
Hinführen an die Realität. Er erzählt natürlich Geschichten, weil er Angst hat vor der Bestrafung
hat. Jetzt können wir wieder in seine Sicht gehen. Ist er immer bestraft worden wenn er bei
seinen Eltern etwas falsch gemacht hat?
Bemerkung 11 (01:26:36)
Ja, ja, seine Eltern waren sehr unberechenbar.
Dr.med. Ursula Davatz (01:26:37)
Über die Geschichten geht er dann weg von allem. Ja, dann hat er es im Griff. Sonst weiss er
ich ja nicht was kommen könnte von ihnen und er erwartet natürlich von ihnen das es gleich
kommt wie vorher und das muss man langsam umgewöhnen. Darum sage ich wieder validieren
und dann wechseln zur Realität.
Bemerkung 11 (01:27:18)
Er spielt gerne Polizist. Er hat die Nachbarin gefangen genommen mit seinen Handschellen. Er
hat sich sehr stark in diese Rolle hineinversetzt. Das gibt ihm ein gewisses Machtgefühl, das er
vorher nicht hatte. Dort hat er etwas zu sagen.
Dr.med. Ursula Davatz (01:27:56)
Natürlich gibt es das. Make believe. Wenn er Polizist spielt, dann ist das ein Empowerment für
ihn, eine Selbstrealisierung. Er hat ein ganz schlechtes Selbstwertgefühl, eine ganz schlechte
Erfahrung. Er muss sich in eine Rolle hinein begeben, dass er sich gut fühlt. Wenn man die
Rolle gerade wegnimmt, dann ist er wieder wie nackt und hat gar nichts. Von dort her sage ich
sage wieder, man muss es entgegennehmen, man muss es validieren, vielleicht muss man mit
gehen. Also wie spielen wir jetzt Polizist? Also vielleicht müssen sie ihn begleiten. Wenn Sie
sein Verhalten umleiten lassen wollen und in etwas anderes umformulieren, da muss man, ich
sage jetzt zuerst Mitgehen damit man es dann umleiten kann. Wenn man gerade dagegen geht
und sagt, das darf man nicht, Du musst es anders machen, dann ist es wie keine Überleitung.
Vielleicht verlange ich zuviel von ihnen. Ich kenne es natürlich nicht in allen Details. Also früher
haben wir Polizei und Räuber gespielt. Man spielt mit diesen Sachen und heutzutage sehen sie
alles auch wieder am Internet, was alles gemacht wird, das regt die Phantasie an. Dort wird es
bezahlt. Je wilder das Spiele umso besser. Umso mehr Einschaltquote umso besser. Also wenn
sie es irgendwie ein bisschen mit ihm zusammen umformulieren können. Ist das zu viel
verlangt? Vielleicht hat jemand anderes eine andere Idee? Hier ist jemand.
Bemerkung 12 (01:30:19)
Ich habe eine ähnliche Erfahrung gehabt mit einem kognitiv beeinträchtigtem Kind. Er hat in
Deutschland gelebt und kehrt jetzt wieder gerne nach Deutschland zurück. Er wollte immer mit
dem Ferrari nach Deutschland fahren und meinte das sei echt. Es hat ein paar Tage gebraucht,
bis wir mit ihm so gespielt haben. Wir haben gesagt, okay, wir spielen jetzt. Das ist okay. Wir
spielen jetzt, aber die Realität ist eine andere.
Dr.med. Ursula Davatz (01:32:13)
Ja das ist sehr interessant. Man spielt mit ihm. Man sagt ihm ja, wir spielen jetzt das und dann
auch wieder in die Realität zurückkehrt. Also dass man einen Unterschied macht zwischen
Spielen und Realität. Das ist wichtig.
Bemerkung 12 (01:32:32)
Ja, das klappt tiptop.
Bemerkung 9 (01:32:32)
Ja, er spielt auch gerne den Busfahrer und sagt, dass er seinem Chef anruft. Er ist Busfahrer
und Polizist. Solange er sich bei mir nicht die ganze Zeit über seinen Chef beschwert, ist das
ok. Ich habe auch schon gesagt, ich rufe dem Chef an und sage ihm, dass am Sonntag nicht
gearbeitet wird.
Dr.med. Ursula Davatz (01:33:07)
Die Idee dahinter ist, also in der Psychiatrie und in der Therapie sagt man manchmal
Symptomverschreibung, also okay, wenn jemand immer Kopfweh hat und man kommt dem
Kopfweh nicht bei das ist jetzt ein körperliches Symptom. Dann sagt man, sie müssen jeden Tag
von elf bis zwölf Uhr Kopfschmerzen haben. Also man verschreibt Symptome und über die
Symptomverschreibung bekommt der Mensch dann die Kontrolle. Sonst will man es ja immer
weghaben. Der macht etwas und wahrscheinlich wollen sie jeweils etwas weghaben oder haben
genug davon. Sie müssen ihm zuvorkommen und sagen, jetzt spielen wir das, oder was spielen
wir jetzt? Also sie müssen es bevor er etwas sagt sagt und was spielen wir jetzt? Und dass sie
dann voll mitspielen und dann aber auch sagen und jetzt haben wir fertig gespielt und jetzt
gehen wir wieder in die Realität. In der Hypnose machen sie das auch so also in der Hypnose
wird man ja in irgendeinen anderen Zustand versetzt und dann sagt man und jetzt kommen sie
wieder raus und jetzt ist die Realität. Also dass sie das hin und her klar machen. Wie beim
anderen Jungen wo es vom Wachsein in den Schlaf ging. Hier geht es vom Spiel in die Realität.
Sie können ihn nicht in die Realität holen, bevor sie ihn nicht im Spiel begleitet haben. Und
wenn Sie ihn nur so widerwillig im Spiel begleiten, dann muss er immer noch mehr spiele und
noch mehr spielen. Hingegen wenn sie sogar sagen, was spielen wir heute? Was bist Du was
bin ich? Aber es ist ganz klar ein Spiel. Dann, wenn sie genügend gespielt haben und finden ja
es reicht und sagt okay, jetzt habe ich fertig gespielt, steigen wir um in die Realität. Dass man
einen Unterschied macht zwischen Realität und Spiel. Ich habe vorher ein paar Mal von
Schizophrenie erzählt. Die Schizophrenen, die gehen auch in eine Fantasie, weg von der
Realität. Das ist genau das gleiche. Und Dichter, die machen dann Geld damit.
Bemerkung 9 (01:35:40)
Er spielt gerne alleine aber ich kann gerne mal in das Spiel einsteigen.
Dr.med. Ursula Davatz (01:35:41)
Das darf er, aber sie sollten auch einmal mit ihm spielen. Wenn Sie mit ihm spielen, können Sie
es besser steuern. Und danach sagen, so das war jetzt spannend und jetzt gehen wir in die
Realität über. Kinder tun sowieso Realität und Fantasie noch miteinander verwechseln. Also ja
der Übergang ist fliessend. In dem sie im Spiel mitgehen, können sie dann besser
zurücksteuern. Sein Spiel gibt ihm immer das Gefühl ich bin jemand, ich kann etwas. Ich kann
etwas umsetzen. Haben wir so gut behandelt? Viel Spass.
Dr.med. Ursula Davatz (01:36:48)
Wer hat eine weitere Frage?
Bemerkung 13 (01:36:53)
Wir haben eine zweieinhalbjährige Pflegetochter und sie hat jetzt ein Problem. Also wir haben
das Problem, dass sie auf alle Kinder losgeht. Es ist wirklich sehr sehr quälend. Es ist sehr
willkürlich. Wir können nicht sagen aus welcher Situation es kommt. Die Situtation kann ruhig
sein und plötzlich geht sie auf ein Kind los, auf eine massive Art und Weise. Gerne auf kleinere
Kinder. Das muss aber nicht sein. Es können auch Grössere sein. Zum Beispiel bei der
Spielgruppe beim Abholen auf das Geschwistertenkind. Ein Kind wurde verletzt. Sie macht es
auch wenn ich nicht dabei bin. Sie hat sehr gerne Kinder. Es kommt nicht einfach nur aus Frust
heraus.
Dr.med. Ursula Davatz (01:38:17)
Nein, das kann sogar also, wenn sie den kleinen Hunden zuschauen, die gehen aufeinander los
zwicken, machen, jagen und so weiter. Die ist ungeschickt im Kontakt herstellen. Gelinde
gesagt. Von dort her muss diese eine Zeitlang etwas begleitet werden und dass man sie
beobachtet und mit wem willst du jetzt spielen, dass man mit ihr auf die Kinder zugeht und was
bieten wir an? Also man kann ja eigentlich immer etwas anbieten, man kann ihr etwas in die
Hand geben, das sie dem anderen Kind geben kann. Also dieser muss man helfen, wie sie
anders kann Kontakt aufnehmen und sie sagen ja sie geht gerne zu den Kindern, aber sie
macht es ungeschickt. Da kann kann man nicht sagen, das ist ungeschickt, sondern man muss
ihr zeigen, schau wir machen es so oder so.
Bemerkung 13 (01:39:22)
Also das prophylaktische um sie herumhühnern und so, also die Situation verhindern wollen ist
eigentlich in dem Fall falsch.
Dr.med. Ursula Davatz (01:39:29)
Ja, ja, man will sie nur verhindern, man soll sie nicht verhindern, man muss ihr helfen
geschickter auf die Kinder zuzugehen. Da kann man sagen, wer gefällt dir, wen wollen wir
angehen? Aber dann sicher nicht so sondern komm, wir nehmen etwas mit, zum Beispiel eine
Puppe, ein Spielzeug und dann das geben.
Bemerkung 13 (01:39:50)
Sie hat eine beidseitige Lippen-Kiefer-Gaumenspaltung. Könnte das auch einen
Zusammenhang haben?
Dr.med. Ursula Davatz (01:39:56)
Ja, die hat ja eine Operation durchgemacht. Viele Operationen.
Bemerkung 13 (01:39:57)
Sie fällt auch auf, sie sieht auch anders aus.
Dr.med. Ursula Davatz (01:39:57)
Sie sieht komisch aus und dann schrecken die anderen Kinder zurück. Sie wartet bis die
anderen Kinder auf sie zukommen und es kommt niemand. Darum muss man ihr wirklich
helfen, auch wenn sie da eine Lippen-Gaumen-Spalte hat, wie gehen wir auf die Kinder zu?
Das ist ja so, wenn man etwas abnormales sieht bei einem anderen Menschen, dann macht
man so und geht nicht auf den Menschen zu. Wir haben Probleme mit Abnormalen. Aber wenn
das Kind lernt auf die anderen zugehen, dann gewöhnen sich auch andere Kinder an das und
mit der Zeit geht es ganz natürlich. Also man muss ihr helfen, geschickter auf die anderen
Kinder zuzugehen, also sagen: komm, jetzt wollen wir schauen, welches wollen wir nehmen?
Das oder das oder das? Okay wir gehen, wir nehmen das. Dann hat sie ein positives Erlebnis
und jetzt tun wir sie nur immer behindern. Sie ist schon behindert mit dem Aussehen und jetzt
wird sie noch behindert, weil sie alles falsch macht.
Bemerkung 13 (01:41:16)
Das heisst in dem Fall Schimpfen bringt nichts?
Dr.med. Ursula Davatz (01:41:17)
Oh nein gar nicht.
Bemerkung 13 (01:41:17)
Danke!
Dr.med. Ursula Davatz (01:41:19)
Macht das Sinn für Sie? Auch viel Glück! Geschickter darauf zugehen. Wer hat noch eine
Frage?
Bemerkung 14 (01:41:20)
Ein Kind ist 15 Jahre alt, seit fast einem Jahr bei uns. Er spricht gar nicht. Wenn wir fragen: Wie
geht es Dir? Weiss nicht! Immer so. Wenn wir alle zusammen sind und miteinander sprechen ist
er plötzlich weg. In der Schule steht er auf und geht weg und kommt dann wieder. Oder er
nimmt Sachen von anderen Kindern.
Dr.med. Ursula Davatz (01:41:44)
Er macht Suchspiel, Schnitzeljagd. Wo sind seine Eltern?
Bemerkung 14 (01:41:44)
Getrennt.
Dr.med. Ursula Davatz (01:41:44)
Wo leben die Eltern?
Bemerkung 14 (01:41:44)
Die Eltern leben hier. Er hat keinen Kontakt mit dem Vater. Mit der Mutter macht er genau das
gleiche. Die Mutter ruft mich an: Wo ist mein Sohn?
Dr.med. Ursula Davatz (01:42:38)
Also ich kann nur sagen was mir dazu in den Sinn kommt. Er geht auf die Suche. Also die Eltern
sind weg. Der Vater ist ganz weg. Die Mutter besucht er und ist an einem neuen Ort. Er geht auf
die Suche. Ich würde jetzt wahrscheinlich mal ihn zeichnen lassen, also dass er seine Mutter,
seinen Vater sich und vielleicht noch sie auf eine Zeichnung tut, damit wir sehen, wo steht er.
Denn irgendwie geht er auf die Suche. Er weiss selber nicht auf welche Suche aber sein
System sein Familiensystem ist kaputt gegangen. Er leidet natürlich darunter und er muss es
suchen. Also das ist wie ein Hirtenhund der die Schafe zusammentreibt. Wenn er bei der Mutter
ist, dann muss er den Vater suchen gehen oder eben etwas suchen gehen. Also ja und von dort
her würde ich ihn das zeichnen lassen. Ja. Und wenn er weggegangen ist, ja nicht schimpfen,
sondern Fragen, was hast du gesucht?Wen hast du gesucht und was hast du gefunden?
Bemerkung 14 (01:44:19)
Was ist wenn er die Kugel von einem Kind klaut? Und dann beim nächsten Kind etwas klaut?
Dr.med. Ursula Davatz (01:44:20)
Das ist ähnlich wie beim anderen Kind, er sucht Anschluss beim Kind, in dem er etwas falsch
macht, etwas mitnimmt. Er nimmt eine Trophähe mit und schmeisst sie dann wieder weg, denn
die hat ja keine Bedeutung für ihn aber er sucht ansich einen Anschluss. Er sucht einen
Anschluss an eine Herde. Er hat sicher bei ihnen einen Anschluss aber er sucht noch weiter.
zweiter Teil ab 01:45:00
Dr.med. Ursula Davatz (00:00)
Wenn er das den Kindern das wegnimmt, dann müsste man fragen, was für Kollegen hast du
vorher gehabt in der Schule? Was haben die gemacht? Hast du noch Kontakt mit denen. Denn
indem er denen was wegnimmt will er ja eigentlich auch Kontakt aufnehmen und mit den
anderen, die er verlassen hat, mit denen hat er keinen Kontakt mehr. Also das ist eigentlich ein
soziales Suchen nach Kontakt.
Bemerkung 15 (00:26)
Eben das Problem ist ja, er war im Heim und dort haben die Kollegen ja die schlimmen Sachen
gemacht. Er hat schlimme Sachen gemacht mit Kollegen zusammen. Er ist nachts aus dem
Fenster geklettert und sie waren die ganze Nacht draussen. Das Heim hat ihn dann
weggeschickt. Er war sehr verletzt. Er ist sehr intelligent. Er hat in der Schule nur Sechser,
Deutsch und Mathematik. Zu Hause musste er nie Hausaufgaben machen. Sobald er wieder
Kontakt hatte, wurde es wieder schlimmer.
Dr.med. Ursula Davatz (01:46)
Also man sagt ja, dass er schon in der Pubertät ist. In der Pubertät spielen die Peers, also die
Gleichaltrigen eine wichtige Rolle. In Kenia bei den Maasai, da lebt man immer in der
Altergruppe. Wenn man in der Pubertät ist, lebt man nur noch mit den Peers und nicht mehr mit
den Eltern. Er sucht nach seinen Peers. Darum geht er auch in den Wald weg oder nimmt den
anderen etwas weg. Ich würde jetzt vorschlagen, holen sie mal Peers rein. Also sagen zu ihm
du hast jetzt keine Kollegen, wen möchtest du gerne einladen zu uns.
Bemerkung 15 (03:16)
Das haben wir gemacht. Ich habe ihm gesagt, dass ich sie auch gerne kennenlernen möchte.
Dr.med. Ursula Davatz (03:16)
Wenn sie sagen, ich möchte die auch kennenlernen, dann greifen sie zu schnell ein in seinen
Peers Group. Die Peer Group, die hat eigene Regeln und die machen auch etwas anderes.
Man will es natürlich auch im Rahmen haben. Nicht so schnell: Ich will auch kennenlernen.
Auch wenn sie die kennenlernen wollen, sie dürfen es nicht sagen. Sie haben ihre Strategie
verraten. Von dort her schauen, wer von deinen Kollegen passt Dir am besten. Wen Möchtest
du einladen und dann vielleicht sogar die zu sich einladen und sie sind so etwas im Hintergrund
oder sogar etwas weg, wenn sie nicht all zu Angst haben. Dass er die Peers bei ihnen haben
kann. Sonst muss er immer zurück. Aber erst sucht Gleichaltrige. Der Kontakt mit Gleichartigen
im Pubertätsalter ist sehr, sehr wichtig. Wir unterschätzen das häufig. Er hat die halt im
Erziehungsheim gehabt. Er ist raus geflogen. Da hat er natürlich immer versucht, das System
zu unterwandern. Aber wenn sie ihm sagen er darf Peers zu sich einladen, sie kochen vielleicht
sogar noch etwas Gutes. Oder die dürfen etwas kochen. Dann zivilisieren sie diese Peers und
ihn damit. Dann bieten ihm etwas an, was in diesem Alter altersgerecht ist. Party. Verstehen sie,
was ich meine?
Bemerkung 15 (05:14)
Parties macht er sehr gerne.
Dr.med. Ursula Davatz (05:14)
Eben sie geben natürlich gewisse Regeln durch.
Bemerkung 15 (05:22)
In sich selber ist er frei. Die Pädagogin sagt er ist wie ein Fünfjähriger.
Dr.med. Ursula Davatz (05:22)
Wir wollen ihn ja nachreifen lassen. Er sucht Peers. Auch wenn die sich kindisch benehmen, ist
es auch nicht so schlimm. Ja, diese Peer Gruppe müssen sie bei sich installieren. Da ist wichtig,
dass der Vater der Mann im Hause sagt, bei uns gilt die und die Regel und ich will, dass wir so
und so mit dem Umgehen. Aber nicht gleich über die Schulter schauen, sondern man gibt seine
Regeln durch. Man geht etwas weg, kommt dann wieder und schaut, was gehalten hat.
Bemerkung 15 (06:33)
Eben genau das wollte ich noch ansprechen. Man sagt die Väter zu Hause, die sind ja
begleitend, wegweisend die Herrscher. Die dürfen auch mal einen harten Ton anschlagen. Das
sagen die Pädagogen.
Dr.med. Ursula Davatz (06:53)
Ja, okay, das ist das ist das patriarchale System und das patriarchale System wird oft ausgeübt
mit etwas aggressivem Unterton. Oder sie sagen laut und bestimmt. Bestimmt ist gut.
Bemerkung 15 (07:16)
Ein Ton, wo man sagt, es wird gemacht.
Dr.med. Ursula Davatz (07:23)
Das heisst nicht, dass es immer gemacht wird, also mit dem muss man rechnen, die müssen
Fehler machen können, aber man sagt es halt dann wieder. Es ist wichtig, dass sich diese
Teenager an diesen klaren Regeln an dieser Haltung abarbeiten können. Und wenn sie Jungen
sind, es ist wichtig, dass der Vater im Hause das sagt und es ist wichtig, dass man nicht nur
dem Sohn sagt, sondern vor den anderen auch. Beim Kennenlernen gleich die Regeln
durchgeben. Dann schauen: habt ihr verstanden, akzeptiert ihr das. Okay also gut und dann
wird es etwas Freiheit geben. Ja. Dass sie ihm helfen, dass er Erwachsen werden kann. Dass
er Verantwortung übernehmen kann. Und wenn es daneben geht, dann schaut man es halt
wieder an. Nicht schimpfen. Das ist auch etwas: man muss sagen, wie man es will und nicht wie
man es nicht will. Führung geht über wie man es will. Wie es einem wichtig ist. Am Ton, an der
Haltung hören die Jungen der meint das so. Ist das für sie brauchbar? In der Drogenpolitik da
waren oft so Leute, die so etwas schwammig waren. Da habe ich als Frau dann gesagt, sie
müssen klare Haltung einnehmen und ich habe gesagt, ich als Frau muss der Gesellschaft
patriarchale Regeln wieder beibringen. Das Patriarchat wurde oft verpönt oder schlecht
gemacht, aber es hat seine gute Seite. In solchen Momenten ist es wichtig, dass sie klar sagen,
so und so wollen sie, dass man mit ihrem Hausen oder Wohnung umgeht. Dann lass ich sie mal
üben. Lassen sie es dem Mann, dem Vater und dann wenn sie dem Sohn sagen: Ich will die
kennenlernen, dann denkt er, die will schon wieder manipulieren und hinter meinem Rücken. Da
haben junge Männer Probleme damit. Die müssen Erwachsen werden.
Bemerkung 15 (10:00)
Klar muss man wild sein, aber nicht ohne. Dass man alles gibt und nichts erwartet.
Dr.med. Ursula Davatz (10:00)
Man man darf etwas erwarten, absolut.
Bemerkung 16 (10:16)
Mich hat noch wunder genommen, gibt es in der Forschung etwas zum Thema Resilienz im
Bereich Traumata. Hat man hier etwas bei Kindern herausgefunden?
Dr.med. Ursula Davatz (10:35)
Resilienz? Ja klar. Ein Kind ist umso resilienter umso bessere Beziehung es gehabt hat mit
seinen Bezugspersonen. Bessere Beziehung heisst nicht nur eng und kontrollieren, sondern
auch Raum zum selber ausprobieren. Ganz klar, das ist in dem Vortrag auch gekommen von
dieser Neuropsychologin. Je besser die Beziehung ist je besser die sozialen Netzwerke die
aktiviert sind im Hirn umso besser ist die Resilienz. Das ist sogar der Übertitel vom Thema
gewesen.
Bemerkung 16 (11:12)
Wir kennen eine Syrische Familie die geflüchtet ist, mit Schlauchboot und allem. Die Mädchen
haben schreckliche Geschichten erzählt, wie sie die Menschen aus den Booten geworfen
haben, wie sie laufen mussten, alles ganz schlimm. Die Mädchen hatten lange
Bauchschmerzen. Diesen beiden Mädchen geht es jetzt sehr gut. Die Eltern kämpfen immer
noch mit dem. Die haben immer noch körperliche Symptome. Bei den Mädchen nimmt es mich
wunder: ist das so ein bisschen eine Zeitbombe? Die haben ja viele schlimmen Sachen erlebt.
Sie sind jetzt aber sehr gut integriert.
Dr.med. Ursula Davatz (12:10)
Ja, da geht es um Traum und Traumbearbeitung. Gewisse Leute könne Traumata sehr gut
wegstecken, sie gehen einfach weiter und das ist ok. Wenn man dann das Trauma bearbeiten
möchte, tut man sie eher re-traumatisieren. Je jünger man ist und in dem Alter… die haben das
ja alles erlebt. Die sind jetzt voll integriert, die sind so erfreut, dass das alles so gut läuft und sie
funktionieren. Da muss man nicht zurückgehen zu Trauma. Wenn sie selber, wenn sie älter
sind, dann einmal an das Denken, dann dürfen sie das bearbeiten. Wir dürfen nicht gewaltsam
wollen mit ihnen das Trauma bearbeiten. Das wäre falsch. Es hat auch solch Sachen gegeben,
dass da die Traumatherapeuten hingegangen sind und dann immer haben wollen Trauma
bearbeiten und dann haben sie mehr re-traumatisiert. Man muss es laufen lassen, so wie es
läuft. Die Eltern sind natürlich älter. Die speichern ihre Erlebnisse mehr in ihrem Hirn, holen
immer wieder die traumatischen Bilder hervor. Ihnen muss man helfen diese Traumatas zu
bearbeiten. Nicht nur das Psychosomatische abklären und sagen, es ist nichts wegen dem sind
sie nicht gesund. Die müssen Leute haben, mit denen sie ihre Traumata bearbeiten können. Die
Mädchen nicht, wenn es ihnen so gut geht, sonst werden die Mädchen nur retraumatisiert.
Wenn die Eltenr die Traumatas bearbeiten müssen, da Frage ich immer also man macht Bilder
und probiert den Bildern Wörter zuzuordnen was ist das Schlimmste gewesen? Welche
Ereignisse kommen immer als Bilder wieder hervor. Also mit denen kann man oder muss man
die Traumata bearbeiten. Man sollte sie nicht nur psychosomatisch abklären sondern wirklich
bearbeiten. Das ist die Medizin oft wieder nicht sehr geschickt. Oder was denken sie?
Bemerkung 16 (14:11)
Nein gar nicht. Die Mutter ist zur Zeit zwei bis drei Mal im Jahr im Spital. Sie wird immer wieder
nach Hause gesendet und es ist nichts.
Dr.med. Ursula Davatz (14:26)
Können Sie der Mutter nicht direkt sagen, dass sie finden, dass sie ihr Trauma bearbeiten soll?
Bemerkung 16 (14:55)
Doch, daran habe ich auch schon gedacht.
Dr.med. Ursula Davatz (14:55)
Machen sie das, suchen sie sogar die Therapeuten, denn die können das selber nicht suchen.
Und die Institution sucht wahrscheinlich auch nicht. Also da würde ich aktiv auf die Suche
gehen. Das hilft dann auch den Mädchen. Denn sonst müssen die Mädchen wieder Mitleid
haben mit diesen armen Eltern, dann zieht es sie wieder zurück. Das ist schade. Ich würde
ganz aktiv sein und es gibt heute viele Trauma Therapeuten, und dann die wirklich begleiten zu
einem solchen Trauma Therapeuten.
Bemerkung 16 (15:28)
Bei den Omas wurde nicht so viel gemacht.
Dr.med. Ursula Davatz (15:29)
Also ich denke wirklich da lohnt es sich es das aktiv zu fördern und die begleiten, bis sie ihre
Trauma Therapeuten haben. Wenn sie das machen, dann machen Sie das für die Kinder. Denn
sonst geht das wieder zurück. Bei den Mädchen nicht zurückgehen. Diese laufen lassen.
Bemerkung 17 (16:33)
Ich habe eine Frage, wir haben eine bald zehnjährige Pflegetochter und sie ist bei uns seit sie
zweieinhalbjährig ist. Ihre Mutter nimmt Drogen und Alkohol und kommt nie auf Besuch. Jetzt ist
einfach meine Frage genügt es, wenn ich dem Kind sage, deine Mutter ist krank? Da habe ich
für mich auch etwas aufgeschrieben. Nein, ich würde nie, ich würde nie mit Krankheit operieren.
Ich ich würde immer mit Problem operieren. Also wenn ein Kind eine Mutter hat, wo nicht gut
funktioniert, würde ich sagen, dein Mami hat Probleme, das hat ein schwieriges Schicksal
gehabt. Es hat sein Probleme probiert zu lösen mit Drogen oder einfach zu beschreiben, was
gelaufen ist. Das löst es natürlich nicht, aber das Mami weiss es nicht besser und das ist ja das
ist traurig. Aber nicht krank, denn krank das ist wieder der medizinische Begriff ist so
abgestempelt und weg. Dann haben die Kinder oft Angst: werde dann auch krank? Hingegen
wenn man Probleme beschreibt und Schwierigkeiten, dann gibt es immer auch Lösungen. Und
da kann man auch sagen, aber du hast du jetzt andere Chancen und du musst nicht diesen
Weg wählen. Hingegen wenn man von Krankheit redet, dann denkt man immer oh, die Mutter
ist krank, ich werde vielleicht auch krank. Die Mutter wurde in dem Alter krank, ich könnte in
dem Alter auch krank werden. Die Krankheit gibt so ein Bild von etwas Eingefrorenem. Und das
ist nicht so gut.
Bemerkung 17 (18:16)
Auch wenn die Mutter psychisch krank ist?
Dr.med. Ursula Davatz (18:16)
Ja, nicht von Krankheit reden sondern von Problemen. Probleme sind je nach dem veränderbar.
Je nach dem auch nicht. Es ist nicht so etwas Fixes. Sobald man so etwas Fixes präsentiert
wird das auch fix im Hirn vom Kind. Ich habe eine kranke Mutter. Das ist eher eine Belastung.
Hingegen "meine Mami hat halt die und die Probleme gehabt" ist ein bisschen weicher, eher
noch veränderbar.
Bemerkung 17 (18:58)
Früher habe ich die Zeitschrift "Pflegekinder" gelesen. Dort stand dann jeweils: Das Kind hat in
der Schule erzählen müssen: meine Mutter kommt nicht auf Besuch, sie ist krank. Da habe ich
auch nicht recht gewusst.
Dr.med. Ursula Davatz (19:23)
Ich weiss in Kinderbüchern und es wird auch gemacht, wird einfach das medizinische Modell
übernommen. Ich probiere natürlich alle Krankheiten dynamisch umzuformulieren und darum
sage ich Probleme. Probleme mit dem Problem mit dem.
Bemerkung 18 (19:47)
Man kann auch krank sein und keine Probleme haben.
Dr.med. Ursula Davatz (19:47)
Das wäre eine Leugnung. Das kaufe ich natürlich nicht. Wir können alle Probleme haben, man
könnte mehr Probleme haben, wir können weniger Probleme haben. Also okay, sie können es
anders machen, aber das ist einfach meine Haltung. Ich ich probiere es nicht in die fixe
Krankheit hinein zu tun.
Bemerkung 18 (20:17)
Es macht auch Sinn wenn man sagt sie hat das und das.
Dr.med. Ursula Davatz (20:17)
Ja man beschreibt sie hat das und das sie kann das und das nicht. Ja man beschreibt doch
bisschen was ist aber man sagt nicht krank. Krank, weg, dann delegiert man es an die Ärzte.
Das ist genau das was ich nicht will. Macht das Sinn für Sie?
Bemerkung 18 (20:46)
Ja also es ist so, die Kinder haben ja in der Schule sich vorstellen müssen. "Alles über mich"
hat das Thema geheissen. Sie hat die Familie aufgeschrieben. Am Schluss durften die Kinder
Fragen stellen und dann wurde ein Kind gefragt: Warum lebst Du nicht bei der Deiner Mutter?
Und das Kind sagte: Das sage ich nicht.
Dr.med. Ursula Davatz (20:54)
Das Kind darf immer sagen: diese Frage will ich nicht beantworten, sie geht mir zu Nahe.
Bemerkung 18 (20:54)
Ich dachte dann, sie will hier nichts erklären weil es für Andere auch nicht erklärbar ist.
Dr.med. Ursula Davatz (21:29)
So ist es. Sie darf sagen, dass sie nicht darüber sprechen möchte. Besser nicht darüber
sprechen als sagen: Sie ist krank. Sie kann auch sagen: Es ist zu anstrengend oder sie wohnt
dort und dort. Ich will es einfach dynamisieren.
Bemerkung 18 (21:57)
Ja, es ist sehr hilfreich. Ich habe immer gewechselt zwischen: Die Mutter hat Probleme,
Vorgeschichte.
Dr.med. Ursula Davatz (22:04)
Ja sie hat eine ganz schwierige Geschichte und darum hat sie Probleme und ich kann es nicht
lösen für sie und die muss ich auch nicht lösen. Da sind andere Leute die ihre vielleicht helfen
können. Man beschreibt es. Hilft das weiter?
Bemerkung 19 (22:04)
Wir haben einen 17-jährigen, wo die Mutter mit Alkohol Probleme hat. Meine Frage ist hier mehr
wenn man sagt: Ja sie kann halt nichts dafür. Er würde sich jetzt gar nicht damit zufrieden
geben, wenn ich ihm eine solche Antwort geben würde. Das würde ihn noch mehr verletzen.
Was muss man in diesem Alter für eine Antwort geben?
Dr.med. Ursula Davatz (22:31)
Vielleicht würde ich nicht sagen, sie kann nichts dafür. Ich würde sagen, sie kann es nicht. Sie
kann es nicht besser. Wir können jetzt lange wünschen. Also ich habe natürlich Erwachsene
Leute, die immer noch hadern mit ihrer Mutter oder Vater, was sie alles falsch gemacht haben.
Da kann ich auch nur sagen, ja ich weiss das ist schlimm. Eigentlich hätten Sie das Anrecht
gehabt auf eine kompetente Mutter, einen kompetenten Vater, aber offensichtlich haben sie das
nicht gekonnt. Und nicht sagen, sie kann nichts dafür, dass ist schon wieder kausal. Es sind so
kleine Details und das stimmt, das wird ihn Ärgern. Aber ich sagen kann: "Hmmm ich sehe sie
kann es nicht". Man hat es schon manchmal probiert, sie kann es nicht. Sie hat es noch nicht
gelernt, vielleicht lernt sie es irgendwann einmal, vielleicht auch nicht. Aber sie kann es nicht.
Und das ist ja eine Realität so wie das Wetter. Es regnet halt jetzt. Das Wetter kann nichts dafür,
es regnet einfach. Dass man lernt die Realität, auch die schlechte, von seinen Eltern zu
akzeptieren. Das ist etwas schwieriges. Denn wir hätten gerne absolut kompetente Eltern. Die
müssen alles können, alle unsere Bedürfnisse erfüllen. Aber nein, sie können es nicht. Nächste
Frage.
Bemerkung 20 (24:22)
Ich habe eine Frage zur Bezeichnung: Krankheit oder Problem. Wenn jetzt jemand die
Diagnose ADHS oder Krankheit hat, soll man der Person oder dem Umfeld gegenüber nicht von
Krankheit sprechen? Das ist ja zum Teil ja auch einfacher wenn man sagen kann, da liegt das
Problem. Wenn man nur Problem sagt, dann wird es auch wieder schwammiger.
Dr.med. Ursula Davatz (24:47)
Bei ADHS sage ich, dass ist keine Krankheit, das ist nur ein Neurotyp aber es wird zum Teil als
Krankheit gehandelt. Und es wird in der Psychiatrie als Krankheit gehandelt. Ich nehme jetzt die
Diagnose Schizophrenie. Das ist eine der schlimmsten Diagnosen in der Psychiatrie. Da hat
man immer einen grossen Bogen darum herum gemacht und nichts gesagt und dann haben
auch manchmal Patienten gesagt warum sagen sie mir das nicht? Ja man hat Angst, man tut
ihn schlecht beeinflussen etc. Wenn mich Patienten gefragt haben, habe ich eine
Schizophrenie, habe ich gesagt: jawohl, die Symptome oder da die Probleme wo sie haben, die
tut man in der Fachsprache so bezeichnen. Also ich habe wieder einen Unterschied gemacht
zur Fachsprache und zur Umgangssprache. Und je nachdem also jetzt ADHS, das hilft vielen
Erwachsenen, ah jetzt kann ich es einordnen, jetzt kann ich es besser verstehen, jetzt kann ich
mich besser verstehen. Viele Erwachsene, die ADHS haben, die das herausfinden, sagen es
war eine Erlösung für mich, jetzt kann ich mich besser verstehen. Wenn man die Schizophrenie
Diagnose bekommt, dann ist es wahrscheinlich nicht so eine grosse Erlösung. Dann ist es eine
schlimme Krankheit. Also man muss auch immer schauen, was will der andere und wenn wir mit
der Patient eine Diagnose präsentiert, dann sage ich ja so nennt man das so nennt man die
Erscheinung, aber jetzt was machen wir? Also? Es geht mir dann immer darum: was macht man
damit? Zum Beispiel die Depression viele Leute sagen, ich habe eine Depression. Ich bin jetzt
wieder depressiv. Was fange ich mit dem an? Dann muss ich fragen: Was bedrückt sie? Was
bewegt sie? Was haben sie gemacht? Also ich muss es ja immer dynamisieren. Und wenn man
einfach so einen Tag gibt, ja das ist jetzt meine Diagnose, dann ist oft auch die Haltung also ich
habe jetzt Depression und sie können jetzt etwas machen. Okay, dann gibt man Antidepressiva
und dann wartet man bis es besser wird und dann wird es wieder nicht besser. Man sagt bei
den Antidepressiva, dass sie nur bei 50% wirken. Das ist nicht eine sehr grosse Erfolgsquote.
Es stimmt, man geht hin und her zwischen vage und benennen. Auch wenn man es bennent,
was mache ich jetzt damit? Also für mich ist immer wichtig, dass man dann schaut und jetzt was
mache ich? Bei der Depression sage ich zum Beispiel die Depression ist eine
Verliererkrankheit. Dann sagen alle aber sie bezeichnen mich als Verlierer und dann sage ich
nein um das geht es nicht, aber sie haben falsch investiert. Also sie müssen eine andere
Strategie anwenden um zum Ziel kommen. Und klar, dass ist dann meine therapeutische
Aufgabe denen zu helfen, wie muss ich es anders machen. Wenn ich nur immer gegen
Windmühlen kämpfe, dann muss ich verlieren. Und das ist dann schon therapeutisch. Ein
anderer Ausdruck der Depression, da sage ich die Depression ist der Anfang zur Selbstfindung.
Also wenn man immer falsch investiert und eigentlich sich nicht gerecht wird, dann ist klar, man
muss irgendwann einmal in einer Erschöpfung landen. Dann muss man schauen, wer bin ich
eigentlich? Was will ich eigentlich und wie kann ich mich noch entwickeln? Aber das ist natürlich
dann alles therapeutische Arbeit. So tue ich auch das Wort Depression und das ist die häufigste
psychiatrische Krankheit, wo diagnostiziert wird und am meisten Psychopharmaka gegeben
werden, tue ich immer probieren dynamisch zu erklären, um dann wieder Weiterkommen. Das
ist meine Absicht, es gelingt nicht immer.
Bemerkung 21 (29:09)
Ich hadere noch mit dem Begriff Krankheit. Unsere Pflegetochter hat eine Mutter, die
Schizophrenie hat, und wir sagen dem Kind, dass die Mutter krank ist, und wir haben das
Gefühl, dass es das Kind entlastet. Wenn wir jetzt aber sagen würden Sie hat ein Problem,
dann würde das Mädchen sagen, dann löst endlich das Problem, damit es vorwärts geht. Im
Umgang mit anderen Kindern sagt sie dann immer, dass sie nicht bei ihrer Mutter sein kann,
weil sie krank ist. Im Alter von 9 können die Kinder etwas damit anfangen.
Dr.med. Ursula Davatz (30:43)
Ich sehe, was sie meinen und vielleicht hilft es dem Kind wenn sie sagen kann meine Mutter ist
schwer krank. Ich sage nicht, man darf das nie sagen. Wo ist sie schizophren? Wo lebt die
Mutter?
Bemerkung 21 (30:48)
In der Klinik.
Dr.med. Ursula Davatz (30:48)
Dann könnte man sagen, mein Mami lebt in einer Klinik. Ja warum? Okay, dann kann man
sagen, sie ist krank. Wenn man es jetzt dynamisiert, könnte man sagen, sie ist nicht in der
Lage alleine zu leben, für sich zu schauen, dann kann sie natürlich auch nicht für mich schauen.
Also ja, ich tue es wieder bisschen Dynamisieren. Aber wenn es für das Kind gut ist, dass ich
einfach sagen kann mein Mami ist krank, sie ist darum in der Klinik. Ich will es niemandem
wegnehmen. Ich gebe jetzt ihnen noch etwas mit, was Schizophrenie anbetrifft. Ich habe mich
ja 40 Jahre lang Schizophrenie befasst. Menschen werden immer dann schizophren, wenn sie
und man sagt ja verrückt, also drehen durch, wenn sie in dem System, wo sie leben, eigentlich
etwas verrückt werden muss. Das System verhindert, dass eine Entwicklung passiert. Die wo
schizophren werden, haben meistens eine ganz eine wichtige Rolle im System aber können das
nicht bewirken. Also sie werden nicht fertig mit dieser Rolle. Sie machen eigentlich aufmerksam
darauf, dass das System nicht recht funktioniert, es müsste etwas verrückt werden. Aber es
kann nicht verrückt werden, da wird man selber verrückt/wütend. Man kann dann verrückt und
verrückt nochmal zweimal verwenden. Man man wird verrückt und spinnt und man wird wütend.
Beides stimmt. Sie drehen durch. Ihre Emotionen haben es nicht mehr im Griff. Die machen,
dass das Grosshirn zusammenbricht und eben nicht mehr recht funktioniert. Und sie haben zum
einen Teil auch eine riesige Wut. Aber das ist zu kompliziert, um dem Kind das zu sagen. Ich
sage es jetzt ihnen so. So zeige ich ein bisschen warum ich so auf dem Herumreite, dass ich
das Wort "krank" nicht mag.
Bemerkung 21 (33:05)
Ich kann das für mich sehr gut nachvollziehen. Aber wie kann das ein Kind nachvollziehen?
Unsere Tochter will gar kein Aufsehen erregen. Bei einem anderen Kind ist der Vater plötzlich
auf dem Schulhausplatz gestanden und hat ein riesiges Theater veranstaltet. Und die Polizei
musst fast kommen. Unsere Tochter will gar kein Aufsehen erregen.
Dr.med. Ursula Davatz (34:03)
In diesem Augenblick ist es vielleicht gut wenn man sagt: ja meine Mama ist krank. Ich habe
etwas zu hohe Ansprüche also ich rede ja zu ihnen. Aber da ist das absolut sinnvoll. Man
könnte auch sagen, meine Mutter ist spinnt, aber das ist dann disqualifizierend gegenüber der
Krankheit.
Bemerkung 21 (34:34)
Krankheit ist für sie ein wichtiger Begriff.
Bemerkung 22 (34:34)
Die Ängste vom Kind selber, dass die selbst krank wird, wie es dort?
Dr.med. Ursula Davatz (34:53)
Eben da würde ich jetzt sagen, da würde ich wieder auf die Geschichte eingehen, wenn das
Mami so krank ist, jetzt sind wir beim Begriff krank, dann hat das Kind automatisch die Angst
werde ich auch mal so krank und darum löse ich es dann wieder auf. Nein, gar nicht, deine
Mami hat das und das und das erlebt viele schwierige Sachen, dass sie schlussendlich
zusammengebrochen ist und krank wurde. Aber du bist jetzt hier, du hast Chancen und du
kannst noch alles aus Deinem Leben machen. Es ist überhaupt nicht so, dass du diese
Krankheit entwickeln musst. Überhaupt nicht. Darum tue ich es schon Dynamisieren. Das
stimmt so Kinder haben dann heimlich Angst, sie könnten das auch bekommen. Darum nehme
ich es wieder auseinander. Darum erkläre ich es auch noch bisschen aus dem und dem ist die
Krankheit entstanden oder die Dyfunktion, die Verrücktheit. Aber nein es trifft überhaupt nicht
zu. Und das wäre wieder Nature vs Nurture, also weil diese Gene sind, muss man dann krank
werden? Nein, es ist immer eine Interaktion. Und du hast jetzt alle Chancen das anders
anzupacken. Man könnte dann sogar noch schauen, wo hat dieses Mami nicht können für sich
schauen und sie kann jetzt für sich schauen. Sie hat ein anderes Umfeld und das gibt eine
Chance. Aus dem Grund tun wir es auch wieder Dynamisieren.
Bemerkung 23 (36:22)
Ich bin dankbar jetzt wegen der Erläuterung wegen den Problemen. Ich habe das selber erlebt,
dass man gesagt hat meine Mutter ist krank, während der ganzen Kindheit. Während meiner
ganzen Kindheit hat es geheissen, dass meine Mutter krank ist. Das war für mich immer sehr
endgültig. Wenn es heisst "Problem", dann kann man das lösen. Also ich bin Ihnen sehr
dankbar.
Dr.med. Ursula Davatz (37:03)
Schön, das freut mich natürlich und genau aus dem Grund sage ich es auch. Dass man es
herausnimmt aus dem festgefrorenen "krank". Wenn man sagt Problem, da kann man die noch
genauer beschreiben. Oder immer wieder etwas anders beschreiben, aber es gibt eine, es gibt
eine Dynamik. Es gibt einem die Möglichkeit auch Lösungen zu finden. Ja absolut. Danke. Das
freut mich natürlich. Weitere Fragen?
Bemerkung 24 (37:28)
Sie haben vorher gesagt, wie man dem Kind erklärt, dass es die Mutter nicht anders kann, weil
die Mutter das und das erlebt hat. Zwischen können und machen besteht dann schon ein
Unterschied. Man kann vielleicht erklären warum es so ist aber das ist noch lange keine
Begründung warum es so ist. Das Kind hat schwierige Sache mit den Eltern erlebt. Die Eltern
hätten es schon anders machen können, wollten es aber nicht.
Dr.med. Ursula Davatz (37:41)
Ja, das sind wir beim Willen und wir intellektuell erzogenen Leute glauben ja sehr stark an den
Willen. Wir denken mit dem Willen können wir immer alles steuern. Wenn man dann genauer
schaut, werden wir vielmehr von unseren Emotionen gesteuert, als vom Willen. Jetzt ich
verstehe, wenn man sagt, sie kann nicht anders. Vielleicht muss ich dazu tun, jetzt gerade kann
sie es nicht anders, wer weiss, vielleicht kann sie es lernen. Also dass man auch das: sie kann
nicht anders nicht einfriert. Jetzt gerade ist es so, aber sobald man sagt, aber sie könnte
eigentlich schon wenn sie würde und ich meine bei den Depressionen wird auch oft gesagt, der
will einfach nicht. Wir Therapeuten verzweifeln auch weil, der Patient einfach gewisse Sachen
wo wir meinen, dass er es machen muss, einfach nicht macht. Also ich tue es vielleicht
relativieren wenn ich sage, jetzt sieht so aus dass ich es nicht anders kann, nicht anders will.
Ich weiss es nicht. Aber dass man nicht dieser Mutter bösen Willen oder mangelnden Willen
zuordnet. Sind sie damit nicht zufrieden?
Bemerkung 24 (39:32)
Die Person kann sich Hilfe holen. Das kann sie versuchen.
Dr.med. Ursula Davatz (39:32)
Ja, klar Hilfe holen gehen müssen, Hilfe holen dürfen, für viele kostet das grosse Überwindung.
Und ja speziell bei Männer, aber auch bei Frauen. Denn wenn man sich Hilfe holen geht, dann
gibt man zu, man ist irgendwo defizitär. Also ja und noch schlimmer ist, wenn die Familien sich
Hilfe holen gehen, wir sind keine rechte Familie, wir funktionieren nicht. Ich sage dann sie sind
eine gute Familie aber man kann immer noch ein bisschen lernen und ein bisschen etwas
verbessern. Das Hilfe holen ist auch schon ein riesiger Schritt. Aber stimmt man müsste Hilfe
holen gehen. Das motivieren zum Hilfe holen ist schon der Anfang der Therapie. Da ist
nochmals eine Frage.
Bemerkung 25 (40:47)
Ich möchte nochmals zurückkommen auf die Erklärungen, "die Kindesmutter hat Probleme" im
Gegensatz zu "Sie ist krank". Was ist hier die Erfahrung, dass das Kind die Probleme auf sich
nimmt, also sagt, meine Mutter hat Probleme wegen mir?
Dr.med. Ursula Davatz (40:47)
Ja, das ist häufig so. Wenn Eltern scheiden, meint das Kind sie scheiden wegen dem Kind, weil
das Kind sich nicht so benommen hat, wie es die Eltern wollten. Das ist ganz ein wichtiger
Punkt, Kinder übernehmen ganz viel Verantwortung für ihre Eltern und wollen sich dann gut
benehmen, damit die Eltern keine Probleme haben. Da muss man auch wieder also das merkt
man ja dann das muss man ansprechen und dann kann man das von mir aus Validieren. Ja das
Mami hat Mühe mit dem und dem aber weisst du bist Kind und das Mami ist Erwachsen und du
darfst, kannst nicht Verantwortung übernehmen für das Mami. Für das gibt es Fachleute und die
müssen hier dem Mami helfen. Und der Mutter ist am meisten geholfen, wenn du dein Leben an
die Hand nimmst und sie kann stolz sein auf dich. Wenn das Kind alle Energie investiert
rückwärts für seine Eltern, damit die keine Probleme haben, übernimmt es sich und wird auch
krank. Das ist ein Riesenproblem. Und es wird oft missachtet, man muss wachsam sein und
sehen. Da darf man fragen, machst du dir Schuldgefühle, dass deine Mutter Probleme hat?
Aha, ja ich verstehe. Dann muss man wieder sagen sie ist der Erwachsene du bist Kind. Wer
der Mama helfen muss, sind die Fachleute. Wenn ich so Familien gehabt habe, habe ich dann
manchmal den Kindern selber gesagt, ich übernehme jetzt die Unterstützung der Mutter, damit
du dein Leben leben kannst. Ich gehe dann an diese Stelle. Denn nur die Erwachsenen können
der Mutter helfen, das Kind will zwar, das ist nett, aber es geht nicht. Ganz ein wichtiger Punkt
und das tritt mehr auf als man denkt. Die Kinder leiden, weil sie nicht helfen können.
Bemerkung 26 (43:28)
Das war das Amen. Also zwei Sachen zum mitnehmen: Dynamisierung und Differenzierung in
der Gesprächsführung. Es gibt ja auch einen Grundsatz, sie haben gesagt, Erziehung vor
Erziehung, erst verstehen, dann erziehen. Guten Appetit!
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