Bildungspolitische Ressourcenplanung

Die bildungspolitische Ressourcenplanung wird in den Quellen als ein Spannungsfeld zwischen ökonomischem Spardruck und der notwendigen pädagogischen Qualität beschrieben. Eine effektive Planung muss demnach über die reine Budgetierung hinausgehen und langfristige gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Folgen berücksichtigen.

Hier sind die zentralen Aspekte der bildungspolitischen Ressourcenplanung:

1. Personelle Ressourcen und Ausbildung

Ein kritischer Punkt in der Ressourcenplanung ist der Fachkräftemangel, insbesondere bei Lehrkräften mit heilpädagogischer Zusatzausbildung.

  • Grundausbildung erweitern: Die Quellen fordern, dass Wissen über Neurodiversität (ADHS, Autismus) und Heilpädagogik kein freiwilliger Zusatz, sondern ein verpflichtender Teil der Grundausbildung für alle Lehrpersonen sein muss.
  • Support-Teams: Zur Entlastung der Regellehrpersonen müssen Ressourcen für spezialisiertes Personal wie Heilpädagogen, Logopäden und Schulassistenten fest eingeplant werden. Besonders die Schulsozialarbeit wird als essenziell für die Bewältigung von Gruppenprozessen hervorgehoben.

2. Klassengrössen als limitierender Faktor

Die Quellen betonen, dass die beste pädagogische Strategie an unzureichenden Ressourcen scheitert, wenn die Klassen zu gross sind.

  • Obergrenzen: Eine Klassengrösse von 27 Schülern wird als „unmöglich“ bezeichnet, um den individuellen Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden oder eine erfolgreiche integrative Schule zu führen.
  • Individualisierung: Ressourcen müssen so geplant werden, dass Raum für Lerninseln bleibt, die eine kurzzeitige Entlastung des Kindes und der Klasse ermöglichen, ohne dass der Anschluss an den Lernstoff verloren geht.

3. Prävention als wirtschaftliche Strategie

Ein wesentlicher Aspekt der Ressourcenplanung ist die ökonomische Weitsicht. Dr. Davatz und Colette Basler argumentieren, dass Investitionen im Bildungsbereich massive Einsparungen im Gesundheitswesen zur Folge haben.

  • „Unten buttern“: Wenn Probleme frühzeitig durch niederschwellige Beratung und Förderung (z. B. frühe Förderung, Deutschkurse vor dem Kindergarten) aufgefangen werden, verhindert dies teure spätere Behandlungen von psychischen Erkrankungen.
  • Fehlgeleitete Ökonomisierung: Es wird kritisiert, dass das aktuelle System eher Geld mit der Behandlung von Krankheiten verdient, anstatt in die gesundheitsfördernde Sozialisation im Schulsystem zu investieren.

4. Politische Sicherung von Ressourcen

Ressourcenplanung ist massiv von politischen Mehrheiten abhängig. Am Beispiel des Aargauer Kinder- und Jugendhilfegesetzes zeigen die Quellen, wie schnell Ressourcen durch kurzfristige Sparanträge (z. B. Streichung von 800.000 Franken) gefährdet sein können.

  • Politisches Engagement: Fachpersonen müssen politisch aktiver werden, um den Wert von Bildungsressourcen zu verteidigen.
  • Zusammenarbeit statt Kompetition: Erfolgreiche Ressourcenplanung gelingt besser, wenn Verbände, Schulen und Fachleute gemeinsam auftreten, anstatt gegeneinander um Mittel zu konkurrieren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine nachhaltige Ressourcenplanung nicht nur Geld verwaltet, sondern Strukturen für interdisziplinäre Zusammenarbeit schafft und den Fokus von der Reparatur (Medizin) zur Prävention (Bildung) verschiebt.

Man kann sich bildungspolitische Ressourcenplanung wie das Fundament eines Hauses vorstellen: Wer beim Fundament (der frühen Förderung und Grundausbildung) spart, muss später ein Vielfaches ausgeben, um die Risse im Gebälk (psychische Folgeschäden und soziale Ausgrenzung) mühsam zu flicken.

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Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit wird in den Quellen als das entscheidende Gegenmodell zur reinen Konkurrenz (Kompetition) dargestellt, um die komplexen Herausforderungen im Bildungs- und Gesundheitssystem zu bewältigen. Sie ist kein optionaler Zusatz, sondern eine notwendige Voraussetzung für das Wohlbefinden der Kinder und die psychische Gesundheit der Lehrpersonen.

Hier sind die zentralen Aspekte der interdisziplinären Zusammenarbeit, wie sie in den Quellen diskutiert werden:

1. Akteure und Ebenen der Vernetzung

Eine erfolgreiche Zusammenarbeit muss berufsübergreifend stattfinden. Zu den beteiligten Gruppen gehören:

  • Schulintern: Lehrpersonen, Schulleitungen, Heilpädagogen, Logopäden, Schulassistenten und insbesondere die Schulsozialarbeit.
  • Externes Fachpersonal: Psychiater, Psychologen und Familientherapeuten, die eine systemische Sicht einbringen und Lehrkräfte im Umgang mit speziellen Fällen (z. B. Neurodiversität) beraten.
  • Politik und Verbände: Fachpersonen müssen sich politisch engagieren, um Ressourcen zu sichern und gesetzliche Rahmenbedingungen (wie das Kinder- und Jugendhilfegesetz) zu beeinflussen.

2. Die zentrale Rolle der Schulsozialarbeit

Die Quellen heben die Schulsozialarbeit als unverzichtbares Bindeglied hervor. Sie ermöglicht es, niederschwellige Beratungen anzubieten und schwierige Gruppenprozesse (z. B. Mobbing oder Konflikte in Mädchengruppen) aufzufangen, während die Lehrperson mit dem Rest der Klasse weiterarbeiten kann. Dies verhindert, dass einzelne Konflikte den gesamten Unterricht blockieren.

3. Hürden und psychologische Barrieren

Trotz der Vorteile gibt es oft Widerstände gegen externe Beratung:

  • Angst vor Kritik: Lehrpersonen empfinden den Blick von aussen oft als Bedrohung oder Kritik an ihrer Kompetenz.
  • Gefühl der Überforderung: Angesichts grosser Klassen (z. B. 27 Schüler) haben Lehrpersonen oft das Gefühl, eine „Lawine“ rolle auf sie zu, wenn zusätzliche therapeutische Ratschläge umgesetzt werden sollen.
  • Institutionelle Abschottung: Es wird berichtet, dass Ausbildungsinstitute (wie Pädagogische Hochschulen) teilweise wenig Offenheit für externes Expertenwissen zeigen.

4. Ökonomische und präventive Relevanz

Ein besonders wichtiger Punkt ist die wirtschaftliche Effektivität. Wenn Schulen, Familienberatung und medizinisches Personal Hand in Hand arbeiten, können Probleme frühzeitig erkannt und gelöst werden (Prävention). Dies würde massiv Geld im Gesundheitswesen sparen, da spätere teure Behandlungen aufgrund von „rausgedrückten“ oder psychisch erkrankten Kindern vermieden werden.

5. Best Practice und Voneinander-Lernen

Anstatt dass jede Schule für sich kämpft, sollten Schulen als Teams zusammenarbeiten und von Erfolgsmodellen (Best Practice) lernen. Der Austausch über funktionierende Konzepte wie Lerninseln oder erfolgreiche Teambildung ist effektiver als ein top-down verordnetes Schema.

6. Politisches Zusammenstehen

Die Quellen belegen am Beispiel des Aargauer Kinder- und Jugendhilfegesetzes, dass Zusammenarbeit auch auf politischer Ebene Früchte trägt. Durch den Zusammenschluss von Politikern, Verbänden und Fachleuten konnten drohende Kürzungen verhindert werden. Zusammenhalt und gemeinsame Überzeugung sind hierbei stärker als Einzelinteressen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass interdisziplinäre Zusammenarbeit bedeutet, das Kind nicht isoliert, sondern als Teil eines Systems (Schule, Familie, Gesellschaft) zu sehen und dieses System durch gebündeltes Fachwissen zu stützen.

Man kann sich interdisziplinäre Zusammenarbeit wie ein Sicherheitsnetz bei einem Seiltanz vorstellen: Die Lehrperson steht zwar auf dem Seil, aber das Netz – geknüpft aus Sozialarbeitern, Therapeuten und unterstützender Politik – sorgt dafür, dass ein Fehltritt nicht zum Absturz führt, sondern alle Beteiligten sicher aufgefangen werden.

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Neurodiversität im Unterricht

Die Neurodiversität im Unterricht umfasst Kinder mit unterschiedlichen neurologischen Funktionsweisen, wie etwa ADHS/ADS oder Autismus-Spektrum-Störungen. In den Quellen wird betont, dass ein erfolgreicher Umgang mit diesen Kindern eine Abkehr von rein medizinischen Defizit-Modellen hin zu einer stärkenorientierten Pädagogik erfordert.

Hier sind die zentralen Punkte zur Gestaltung eines neurodiversitäts-sensiblen Unterrichts:

1. Verständnis der neurologischen Ursachen

Der wichtigste Schritt für Lehrpersonen ist das Wissen, dass neurodivergente Kinder bestimmte Dinge nicht mit Absicht tun. Ihr Gehirn funktioniert schlichtweg anders, was oft als Provokation missverstanden wird. Eine Sensibilisierung für diese Unterschiede – etwa zwischen Jungen und Mädchen oder die spezifischen Bedürfnisse bei Autismus – hilft Lehrkräften, Situationen adäquat einzuschätzen.

2. Praktische Anpassungen der Lernumgebung

Oft können bereits kleine, niederschwellige Massnahmen im Klassenzimmer die Belastung für neurodivergente Kinder massiv senken:

  • Licht und Schatten: Ein Kind mit ADHS sollte beispielsweise nicht am Fenster sitzen, wo es durch Lichtreize oder das Geschehen draussen abgelenkt wird; ein Platz im Schatten ist oft besser.
  • Reizreduktion: Der bewusste Umgang mit visuellem und akustischem Lärm ist entscheidend, um eine Überreizung zu vermeiden.
  • Individualisierung: Starre Schemata funktionieren nicht. Dies betrifft auch die Hausaufgaben: Manche Kinder benötigen die Freiheit, Aufgaben dann zu erledigen, wenn sie die nötige Konzentration aufbringen können, anstatt einem festen Zeitplan zu folgen.
  • Lerninseln: Die Nutzung von sogenannten Lerninseln ermöglicht es, sowohl das Kind als auch die restliche Klasse kurzzeitig zu entlasten, ohne dass der Anschluss an den Lernstoff verloren geht.

3. Pädagogische Strategien und Haltung

  • Verzicht auf Strafen: Klassische Erziehungsmethoden wie Belohnung und Bestrafung greifen bei neurodivergenten Kindern oft nicht und können die Situation sogar verschlechtern.
  • Beziehung vor Stoffvermittlung: Wenn die Beziehung zwischen Lehrperson und Schüler beschädigt ist, findet kein Lernen mehr statt. In eskalierenden Fällen kann es zum Schutz beider Parteien notwendig sein, sie räumlich zu trennen.
  • „Sein lassen“: Manchmal besteht die beste Unterstützung darin, den Druck herauszunehmen und das Kind „einfach mal sein zu lassen“, damit es seine eigenen Strategien entwickeln kann.

4. Systemische Unterstützung und Kooperation

Neurodiversität im Unterricht ist keine Aufgabe, die eine Lehrperson allein bewältigen kann.

  • Fachpersonal: Der Einsatz von Schulsozialarbeit, Heilpädagogen und Assistenten ist essenziell, um Gruppenprozesse zu begleiten und die Lehrkraft zu entlasten.
  • Einbezug der Familie: Kinder bringen immer eine Familiengeschichte mit. Eine Zusammenarbeit zwischen Schule, Eltern und Therapeuten (systemischer Ansatz) ist notwendig, um das Kind ganzheitlich zu stützen.
  • Ausbildung: Es wird gefordert, dass Wissen über Neurodiversität und Heilpädagogik ein verpflichtender Teil der Grundausbildung für alle Lehrpersonen wird, nicht nur eine freiwillige Zusatzqualifikation.

5. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Relevanz

Dr. Davatz weist darauf hin, dass eine bessere Unterstützung neurodivergenter Kinder im Schulsystem massiv Kosten im Gesundheitswesen sparen würde. Wenn Talente nicht „abgeklemmt“ werden, nur weil Kinder nicht ins Schema passen, können sie sich zu erfolgreichen Erwachsenen entwickeln. Prävention in der Schule ist somit effektiver als eine spätere Behandlung von psychischen Folgeschäden durch Ausgrenzung.

Man kann sich ein neurodiverses Klassenzimmer wie einen Garten vorstellen: In einem herkömmlichen Beet erwartet man, dass alle Pflanzen gleichzeitig und in die gleiche Richtung wachsen. Ein neurodiverser Garten hingegen erkennt an, dass der Farn Schatten braucht, während die Sonnenblume das Licht sucht – und dass der Gärtner nur dann eine reiche Ernte einfährt, wenn er jeder Pflanze den Boden und die Pflege gibt, die ihrer Natur entsprechen.

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Integrative Schule

Die Integrative Schule wird in den Quellen als das derzeit erfolgreichste, aber auch herausforderndste Bildungsmodell beschrieben. Es geht dabei um das Ziel, Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen gemeinsam zu unterrichten, anstatt sie von vornherein in Sonderschulen auszugliedern.

Hier sind die zentralen Aspekte der integrativen Schule, wie sie in der Diskussion zwischen Dr. Ursula Davatz und Colette Basler beleuchtet werden:

1. Grundsatz: Integration, aber nicht um jeden Preis

Obwohl die integrative Schule als Ideal gilt und auch von der UNO-Behindertenrechtskonvention gestützt wird, betonen die Quellen, dass das Wohl des Kindes im Zentrum stehen muss.

  • Es gibt Kinder mit so schweren Beeinträchtigungen, dass eine Regelschule ihnen nicht gerecht werden kann.
  • In solchen Fällen ist eine Sonderschule mit spezialisiertem Fachpersonal die bessere Wahl für die individuelle Förderung.

2. Die Rolle der Neurodiversität und Individualisierung

Ein Kernstück der integrativen Schule ist der Umgang mit neurodiversen Kindern (z. B. ADHS, ADS oder Autismus-Spektrum).

  • Wissen als Werkzeug: Lehrpersonen müssen verstehen, dass bestimmte Verhaltensweisen nicht absichtlich geschehen, sondern auf einer anderen Funktionsweise des Gehirns beruhen.
  • Anpassung der Lernumgebung: Oft helfen schon kleine Massnahmen, wie ein Platz im Schatten (statt am ablenkenden Fenster) oder der Schutz vor visuellem und akustischem Lärm.
  • Stärkenorientierung: Dr. Davatz kritisiert, dass oft nur die Behinderung gesehen wird (medizinisches Modell). Stattdessen sollten die Stärken der Kinder gefördert werden.

3. Ressourcen und strukturelle Hindernisse

Die erfolgreiche Umsetzung scheitert laut den Quellen oft an den Rahmenbedingungen:

  • Klassengrösse: Klassen mit 27 Schülern werden als „unmöglich“ für eine echte Integration bezeichnet, da die Zeit für das einzelne Kind fehlt.
  • Fachkräftemangel: Es gibt zu wenig Lehrpersonen mit heilpädagogischer Zusatzausbildung.
  • Zusatzpersonal: Integration benötigt die Unterstützung durch Heilpädagogen, Logopäden, Schulassistenten und insbesondere die Schulsozialarbeit, um Gruppenprozesse zu begleiten und die Lehrperson zu entlasten.

4. Best Practice und Zusammenarbeit

Anstatt das Rad neu zu erfinden, sollten Schulen von „Best Practice“-Modellen lernen. Erfolgreiche integrative Schulen nutzen beispielsweise:

  • Lerninseln: Diese dienen dazu, ein Kind und die Klasse kurzzeitig zu entlasten, ohne dass das Kind den Anschluss an den Stoff verliert.
  • Teambildung: Eine starke Schulkultur, in der Lehrpersonen fachübergreifend zusammenarbeiten, ist essenziell.
  • Frühe Förderung: Massnahmen wie Deutschkurse vor dem Kindergartenstart helfen, die Schere zwischen den Kindern bereits beim Schuleintritt zu verkleinern.

5. Wirtschaftliche und politische Relevanz

Dr. Davatz weist darauf hin, dass eine gute Unterstützung im Schulsystem massiv Geld im Gesundheitswesen sparen würde. Wenn Kinder frühzeitig sozialisiert und integriert werden, anstatt durch das System „rausgedrückt“ zu werden, verhindert dies spätere psychische Erkrankungen und hohe Behandlungskosten.

Zusammenfassend lässt sich die integrative Schule als ein „Blumenstrauss“ an Herausforderungen und Chancen beschreiben: Sie spiegelt die Diversität unserer Gesellschaft wider und erfordert ein engmaschiges Netz aus pädagogischem Wissen, personellen Ressourcen und politischem Rückhalt.

Man kann sich die integrative Schule wie ein Orchester vorstellen: Jedes Instrument ist anders und hat seine eigene Lautstärke und Spielweise. Damit kein Chaos entsteht, braucht es nicht nur einen fähigen Dirigenten, sondern auch die richtigen Notenblätter für jeden Einzelnen und Assistenten, die beim Stimmen der Instrumente helfen, damit am Ende eine gemeinsame Harmonie entsteht.

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Selbstfürsorge für Lehrpersonen

Die Selbstfürsorge für Lehrpersonen ist ein zentraler Aspekt, um in einem anspruchsvollen Beruf langfristig gesund und leistungsfähig zu bleiben. Die Quellen betonen, dass Lehrpersonen lernen müssen, sich selbst Sorge zu tragen, um ein Ausbrennen zu verhindern.

Hier sind die wichtigsten Säulen der Selbstfürsorge, wie sie in den Quellen diskutiert werden:

1. Aktive Abgrenzung (Grenzen setzen)

Ein wesentlicher Faktor für die psychische Gesundheit ist die Fähigkeit zur Abgrenzung. Dies betrifft verschiedene Ebenen:

  • Gegenüber Eltern: Lehrpersonen sollten nicht das Gefühl haben, rund um die Uhr erreichbar sein zu müssen. Es ist wichtig, klare Kommunikationszeiten zu definieren (z. B. Erreichbarkeit nur bis 18 Uhr), um Zeit für sich selbst zu haben.
  • Gegenüber Behörden und Politik: Es wird davor gewarnt, sich zu stark nur nach den Vorgaben „von oben“ auszurichten oder den Drang zu verspüren, alles perfekt machen zu wollen. Ein gewisser Freiraum und die Rücksprache mit Behörden zur individuellen Gestaltung können helfen.
  • Innerhalb der Berufsrolle: Man muss nicht auf jede Frage von Schülern sofort eine Antwort parat haben. Die Erlaubnis, sich Bedenkzeit zu erbitten („Ich sage es dir morgen“), entlastet den unmittelbaren Leistungsdruck.

2. Pädagogische Haltung und emotionale Balance

Selbstfürsorge bedeutet auch, eine Balance zwischen Empathie und Durchsetzungskraft zu finden.

  • Klarheit und Humor: Eine klare Linie, gepaart mit Viel Liebe, Empathie und Humor, schützt davor, sich in Konflikten aufzureiben.
  • Mut zur Unvollkommenheit: Lehrpersonen sollten den Mut haben, auch mal streng zu sein, ohne Angst vor externer Kritik zu haben.

3. Zusammenarbeit statt Einzelkampf

Die Quellen machen deutlich, dass Selbstfürsorge nicht nur eine individuelle Aufgabe ist, sondern durch Zusammenarbeit (Kooperation) gestützt wird.

  • Teamkultur: Eine gute Schulkultur und Teambildung sind essenziell, damit Lehrpersonen sich gegenseitig stützen können.
  • Nutzung von Fachpersonal: Um sich selbst zu entlasten, sollten Lehrpersonen Aufgaben an Spezialisten delegieren, wie etwa die Schulsozialarbeit bei schwierigen Gruppenprozessen. Das verhindert, dass die gesamte Klasse durch einzelne Konflikte blockiert wird.
  • Voneinander lernen: Anstatt in Konkurrenz zu treten, sollten Lehrpersonen von „Best Practice“-Modellen anderer Schulen profitieren.

4. Strukturelle Herausforderungen erkennen

Ein Teil der Selbstfürsorge besteht darin, zu erkennen, wenn Belastungen systembedingt sind. Beispielsweise wird eine Klassengröße von 27 Schülern als unmöglich bezeichnet, um jedem Kind gerecht zu werden. Lehrpersonen neigen in solchen Situationen dazu, eine „Lawine“ an Anforderungen auf sich zukommen zu sehen, was Ängste und Unsicherheiten schürt. Hier ist es wichtig, die eigenen Belastungsgrenzen zu kommunizieren und Unterstützung einzufordern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Selbstfürsorge eine Mischung aus persönlichem Zeitmanagement, emotionaler Abgrenzung und der Einbettung in ein unterstützendes Team ist.

Man kann sich die Selbstfürsorge einer Lehrperson wie das Tragen einer Sauerstoffmaske im Flugzeug vorstellen: Nur wer zuerst für den eigenen Atem sorgt, hat genug Kraft und Ausdauer, um auch den Schülern in ihrer Entwicklung effektiv beizustehen.

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Familienumfeld

Das familiäre und soziale Umfeld ist ein zentraler Fokus in der Arbeit von Dr. med. Ursula Davatz, insbesondere durch ihren Einsatz der Systemischen Therapie. Der systemische Ansatz betrachtet Menschen als soziale Wesen, wobei die soziale Interaktion und nicht nur der Einzelne im Mittelpunkt steht.

Die Hauptthemen bezüglich des Familienumfelds sind die Begleitung der Angehörigen, die Entstehung von Trauma durch Interaktion und die Sensibilisierung des Umfelds im Umgang mit Neurodivergenz.

1. Das Umfeld in schwierigen Lebenssituationen

Psychische Krankheiten werden oft als Entgleisungen verstanden, die in schwierigen Lebenssituationen auftreten.

  • Betroffenheit der Angehörigen: Diese schwierigen Situationen betreffen nicht nur den Patienten oder die Patientin, sondern immer auch die Angehörigen. Wenn eine psychische Krankheit auftritt, verliert sowohl die betroffene Person als auch die Familie das psychisch-emotionale Gleichgewicht.
  • Systemische Intervention: Dr. Davatz‘ Aufgabe als Psychiaterin ist es, das Umfeld und die Patienten zu begleiten und das System wieder auf eine gute Bahn zu bringen, damit Symptome verschwinden können.
  • Unterstützung und Prävention: Dr. Davatz setzt sich dafür ein, das natürliche System (die Familie) zu unterstützen, sodass es tragfähiger wird und sich die Jugend gesund in ihrer Mitte entwickeln kann, um Fremdplatzierungen in Heimen zu verhindern. Sie gründete 1983 die VASK (Verein Angehöriger Schizophreniekranker), die erste Angehörigengruppe dieser Art in der Schweiz.

2. Neurodivergenz und das erzieherische Umfeld

Bei neurodivergenten Menschen (ADHS/ADS) spielt das Umfeld eine entscheidende Rolle für deren Entwicklung:

  • Lernen durch Interaktion: Das Gehirn lernt stetig weiter und lernt dabei über die Interaktion mit seinem Umfeld. Es können dabei sowohl gesunde Sachen als auch eine Krankheit gelernt werden.
  • Die eigentliche Fehlentwicklung: ADHS/ADS selbst ist keine Fehlentwicklung, sondern ein anderes Gehirn oder ein Neurotyp. Die Krankheit, die daraus entsteht, wenn das Umfeld nicht geschickt damit umgeht, ist die eigentliche Fehlentwicklung.
  • Sensibilisierung des Umfelds: Dr. Davatz ist an der Prävention interessiert. Es geht darum, Eltern, Schulen und die Bevölkerung zu sensibilisieren, damit das erzieherische Umfeld geschickter mit neurodivergenten Menschen umgehen kann. Sie vergleicht dies mit der Notwendigkeit einer persönlichkeitsgerechten Erziehung (analog zur artgerechten Tierhaltung).
  • Umgang und Akzeptanz: Die Neurodivergenz verlangt Einfühlungsvermögen, Beobachtungskraft, Sensibilität und eigene Zurückhaltung im Umgang mit diesen Kindern. Sie müssen akzeptiert werden, damit sie lernen können, mit ihrem eigenen Temperament umzugehen. Es soll nicht versucht werden, sie umzuformen oder zur Vernunft zu erziehen.

3. Dynamiken und Traumas im Familienumfeld

Die Qualität der Interaktion in der Familie ist entscheidend:

  • Entstehung von Traumatas: Traumatas entstehen dadurch, dass die Interaktionen zwischen den Erwachsenen und den heranwachsenden Kindern nicht gut laufen.
  • Folgen dysfunktionaler Interaktionen: Familien mit ADHS/ADS erleben häufig mehr Beziehungsrupturen und Scheidungen. Deshalb ist es wichtig, ihnen gute Konflikt-Lösungsstrategien beizubringen.
  • Kinder als Ausgleicher: Kinder, insbesondere Mädchen, in ADHS/ADS-Familien können die Funktion übernehmen, zwischen den Eltern auszugleichen, besonders wenn Eltern narzisstische Anzeichen zeigen. Dies zwingt das Kind, sich stark zu regulieren und zu überspielen, was die eigene Identitätsentwicklung gefährdet.
  • Therapeutische Hilfe bei Trauma: Bei erwachsenen Patienten, die solche Funktionen in ihrer Herkunftsfamilie geleistet haben, hilft der Therapeut, sich gegen die Eltern abzugrenzen, ohne schlechtes Gewissen. Bei narzisstischen Eltern versucht Dr. Davatz, die Eltern zu nähren, damit sie das Kind nicht mehr brauchen, um sich gut zu fühlen.

4. Leitprinzipien für das Familienumfeld

Dr. Davatz betont, dass Therapie nicht immer die Lösung ist, sondern oft das Lernen innerhalb des Systems:

  • Lernen vom System: Ihr Lehrer Murray Bowen sagte: „Wenn ihr nicht mehr weiter wisst, hört auf zu therapieren. Lernt von euren Familien.“.
  • Beziehung vor Erziehung: Es gilt der Grundsatz: „Keine Erziehung ohne Beziehung“.
  • Klare Regeln: Im Umgang mit dem neurodivergenten Neurotyp sind wenige, klare Strukturen und Regeln hilfreich. Bei Regelübertretungen soll nicht mit Bestrafung gearbeitet werden, da diese oft aus mangelnder Impulskontrolle geschehen. Stattdessen sollten Kinder validiert und ihre emotionale Überbordung wertgeschätzt werden, bevor man nach Lösungsstrategien sucht.
  • Soziale Unterstützung: Auch außerhalb der professionellen Therapie kann das soziale Umfeld helfen: Jede Nachbarin, jeder Nachbar kann bei schwierigen Familiensituationen Unterstützung geben und einfach als Mensch da sein. Diese Art der Begegnung auf Augenhöhe fördert ein gegenseitiges Lernen.

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Medikamente und AHDS/ADS

Arten von Medikamenten und deren Wirkung:

Die Medikamente, die bei ADHS/ADS eingesetzt werden, sind Stimulantien oder Uppers (wie Concerta, Focalin und Ritalin). Diese Medikamente stimulieren das Gehirn, wodurch eine Fokussierung erreicht wird.

ADHS/ADS-Menschen werden als neurodivergent betrachtet, deren Gehirne etwas anders funktionieren, charakterisiert durch eine breite Aufmerksamkeit. Diese breite Aufmerksamkeit führt dazu, dass sie ständig nach neuen Reizen suchen, besonders wenn der offizielle Input (z. B. der Unterricht) nicht spannend ist.

Das Ritalin wirkt, indem es stimuliert, wodurch der Fokus eingeschränkt wird und man besser aufpasst. Alle diese Amphetamine, die bei ADHS/ADS gegeben werden, sind fokussierend.

Gründe für den Einsatz der Medikation:

  • Leistungssteigerung: Das Medikament kann sehr hilfreich sein, insbesondere in einer auf geistige und intellektuelle Erziehung ausgerichteten Gesellschaft (z. B. Gymnasium). Ritalin kann die schulischen Leistungen um eine Note oder mehr herauftreiben.
  • Ausschöpfen des Potenzials: In einer Gesellschaft, die stark auf intellektuelle Erziehung ausgerichtet ist, können ADHS/ADS-Kinder oft ihr Potenzial ohne Medikamente nicht ausleben und geraten in eine Abwärtsspirale, wobei das Selbstvertrauen leidet. In solchen Fällen kann die Gabe von Medikamenten durchaus sinnvoll sein.
  • Berufliche Anforderungen: Erwachsene nehmen die Medikamente oft, wenn sie ein Nachstudium absolvieren oder für ihren Master lernen müssen. Wenn man hohe akademische Ambitionen hat, kann der Einsatz absolut sinnvoll sein.

Nachteile und Nebenwirkungen der Medikation:

  • Verlust des Selbstgefühls und der Kreativität: Viele Betroffene geben an, sich mit Medikamenten nicht mehr so sehr als sie selbst zu fühlen oder sich selbst nicht mehr so zu spüren.
  • Kreativitätseinschränkung: ADHS/ADSler sind meistens kreative Leute und können Grenzen sprengen (was ihre breite Aufmerksamkeit ausmacht). Wenn sie Ritalin oder Ähnliches nehmen, fühlen sie sich nicht mehr so kreativ.
  • Psychische Abhängigkeit: Ein Betroffener merkt an, dass diese Mittel psychisch abhängig machen können, da man das Gefühl hat, ohne dieses Mittel nicht mehr in dieser Welt existieren und nicht mehr leisten zu können.

Medizinische Haltung und Entscheidungshoheit:

Dr. Davatz selbst verschreibt Ritalin, Concerta und andere Stimulantien. Allerdings überlässt sie die Entscheidung immer den Eltern. Sie würde nie sagen, dass Eltern das Medikament ihrem Kind geben müssen, sonst würde es nicht gut gehen. Die Entscheidung, ob man Medikamente nimmt oder nicht, muss jeder, insbesondere die Eltern, selbst treffen [86, 19:43.640].

Es ist nicht die Haltung von Dr. Davatz, dass ADHS/ADS-Menschen nicht ohne Medikamente durchs Leben kommen können oder dass sie diese immer nehmen müssen.

Umgang mit Medikamenten und Stress:

  • Absetzen am Wochenende: Dr. Davatz rät Eltern, das Medikament über das Wochenende abzusetzen, es sei denn, das Kind muss am Wochenende lernen.
  • Medikamente als Stressmedikament: Das ADHS-Medikament wird auch als Stressmedikament bezeichnet.
  • Gefahr der Psychose bei Überdosierung: ADHS/ADS-Medikamente können suchtbildend sein und auf der Gasse gehandelt werden. Wenn Erwachsene, die diese Medikamente verschrieben bekommen, zu viel davon nehmen, können sie psychotisch werden.
  • Dopamin und Stress: ADHS-Medikamente können eine Psychose auslösen, wenn sie unter starkem Stress eingenommen werden, da dies zu einer zu hohen Ausschüttung von Dopamin führen kann. Medikamente, die gegen Psychosen gegeben werden, sind im Gegensatz dazu Antidopamin-Medikamente.

Medikamente und Suchtpotenzial:

Menschen mit ADHS/ADS haben viel mehr Suchtprobleme. Sie nutzen beruhigende Suchtmittel wie Heroin, Alkohol oder Haschisch, um ihr Temperament herunterzubremsen.

Es gibt die Ansicht, dass man lieber die legale Droge (ADHS-Medikamente) verschreiben solle, damit Betroffene keine Drogen von der Gasse brauchen. Es existieren Statistiken aus England, die besagen, dass Kinder mit ADHS/ADS-Medikation weniger drogensüchtig wurden. Ein Betroffener merkt jedoch an, dass die Einnahme von ADHS-Medikamenten keine Alternative ist, um Drogen zu vermeiden, und dass diese Mittel selbst Betäubungsmittel sind und abhängig machen können [82, 116:31.300]. Dr. Davatz stellt klar, dass es nicht so ist, dass man eher drogensüchtig wird oder nicht drogensüchtig wird, wenn man die Medikamente nimmt.

Alternative Ansätze:

Dr. Davatz versucht immer, auf andere Methoden zurückzugreifen. Sie betont, dass ADHS/ADS-Kinder mehr Bewegung benötigen. Alternative Ansätze zur Fokussierung oder Beruhigung umfassen:

  • Körperliche Aktivität (z. B. dreimal ums Schulhaus springen, Trampolin).
  • Klare Strukturen und wenige, klare Regeln (wichtig bei diesem Neurotyp).
  • Konflikt-Lösungsstrategien für die Familien.
  • Reflex-Integrations-Therapien zur Stressreduzierung.
  • Neurofeedback, um das Fokussieren zu lernen, wobei dies nicht für alle geeignet ist.
  • Physiotherapeutische Ansätze oder sportliche Betätigung (wie Michael Phelps als Beispiel).
  • Traumatherapie-Methoden wie EMDR oder Yoga.

Der Umgang mit neurodivergenten Menschen erfordert Einfühlungsvermögen, Beobachtungskraft, Sensibilität und eigene Zurückhaltung. Das Ziel sollte es sein, das erzieherische Umfeld zu sensibilisieren, um Fehlentwicklungen vorzubeugen, da die Krankheit, die aus ADHS/ADS entsteht, die eigentliche Fehlentwicklung ist – nicht die Neurodivergenz selbst.

Zusammenfassendes Bild: Die medikamentöse Behandlung bei ADHS/ADS, hauptsächlich durch Stimulantien, ist ein Werkzeug, das in einer leistungsorientierten Gesellschaft helfen kann, das Potenzial des neurodivergenten Gehirns im akademischen oder beruflichen Kontext auszuschöpfen, indem es die breite Aufmerksamkeit einschränkt und Fokussierung ermöglicht. Gleichzeitig birgt sie Risiken wie den Verlust der Kreativität, das Gefühl, sich selbst zu entfremden, und die Gefahr der Psychose bei Überdosierung oder Einnahme unter hohem Stress (aufgrund der Dopamin-Ausschüttung). Die Entscheidung für oder gegen Medikamente sollte stets bei den Eltern liegen und im Kontext des individuellen Kindes und seiner Bedürfnisse betrachtet werden, wobei alternative, nicht-pharmakologische Methoden wie Struktur und Bewegung essenziell sind.

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Neurodivergenz und Genetik

Die Diskussion um die Genetik der Neurodivergenz, insbesondere im Kontext von ADHS/ADS, nimmt in den Quellen eine zentrale Rolle ein. Dr. med. Ursula Davatz sieht Neurodivergenz als eine angeborene neurologische Eigenschaft, die genetisch bedingt ist.

Genetische Vererbung und Hirntyp:

ADHS/ADS wird als ein anderer Neurotyp oder eine Neurodivergenz betrachtet, nicht als eine Krankheit. Es ist genetisch vererbt und kommt in Familien vor. Laut Dr. Davatz ist es die meist vererbte psychiatrische Kondition.

Dieser Hirntyp wird genetisch weitergegeben und zeichnet sich durch spezifische Eigenschaften aus:

  • Eine breite Aufmerksamkeit (im Gegensatz zur sogenannten Aufmerksamkeitsstörung).
  • Eine hohe Sensibilität.
  • Eine starke Impulsivität.
  • Einen schnellen System Overload.

Es handelt sich dabei nicht nur um ein Gen, sondern um 20 bis mehr Gene, welche diese Konstellation ausmachen. Das Gehirn funktioniert bei neurodivergenten Menschen etwas anders als das Durchschnittsgehirn. Aktuellen genetischen Untersuchungen zufolge haben heute 5% der Bevölkerung ADHS/ADS, während in den Genen der Steinzeit 50% gefunden wurden.

Verwandtschaft verschiedener neurologischer Konditionen:

Dr. Davatz stützt ihre Hypothese der genetischen Verwandtschaft verschiedener Zustände auf genetische Studien (GWAS – Genomweite Assoziationsstudien). Diese Studien untersuchten fünf psychiatrische Krankheitsbilder:

  1. Schizophrenie
  2. Manisch-depressive Störung (bipolare Störung)
  3. Schwere Depression
  4. ADHS
  5. Autismus

Alle diese untersuchten Bilder hatten den gleichen Gen-Lokus, der verändert war. Dies beweist für Dr. Davatz, dass diese Konditionen alle miteinander verwandt sind.

Insbesondere wird darauf hingewiesen, dass Autismus, der häufig zusätzliche Schwierigkeiten wie den Spracherwerb und Probleme beim Erkennen von Gesichtern oder Bildern mit sich bringen kann, statistisch gesehen noch mehr genetisch vererbt wird, als das ADHS.

Genetik und Epigenetik:

In Bezug auf die Epigenetik – die Weitergabe von Umweltveränderungen, die die Genexpression beeinflussen – merkt Dr. Davatz an, dass epigenetische Prozesse natürlich ablaufen und möglicherweise auf die ADHS/ADS Gene aufgepfropft werden. Es ist unklar, inwieweit epigenetische Probleme bis zur ADHS/ADS Genetik reichen. Das Hauptprinzip in der Epigenetik sei eine Reduktion von Möglichkeiten unter Stress. Beim Erwachsenwerden finde im Gehirn ein Synaptic Pruning statt, bei dem gewisse Funktionen ausgeschaltet werden.

Laufende Forschung:

Derzeit wird in Königsfelden zusammen mit der Genetik in Basel eine Studie durchgeführt, um eine genetische Datenbank zu errichten. Ziel ist es, zu untersuchen, wie die genetische Vererbung des ADHS/ADS und der Erziehungsmodus aufeinander gewirkt haben.

Neurodivergenz selbst ist demnach eine genetisch vererbte Variante des Neurotyps. Das Problem sei nicht die Neurodivergenz an sich, sondern die Krankheit, die daraus entsteht, wenn das Umfeld (Eltern, Schulen) nicht lernt, geschickt damit umzugehen. Ziel ist es, Fehlentwicklungen präventiv vorzubeugen, indem das erzieherische Umfeld für den Umgang mit diesen neurodivergenten Menschen sensibilisiert wird.

Analogie zur Klarstellung: Man könnte die genetische Vererbung der Neurodivergenz als die Blaupause eines Hochleistungsmotors betrachten. Der Motor (das Gehirn) ist leistungsstark, sensibel und reagiert schnell (hohe Sensibilität, Impulsivität). Wenn dieses spezielle Aggregat jedoch in einem Umfeld betrieben wird, das nur auf Durchschnittsmotoren ausgelegt ist und versucht, die Leistung durch Bremsen oder unsachgemäße Behandlung zu „erziehen“ (Erziehungsmethoden, die auf Disziplinierung statt Unterstützung abzielen), kann es überhitzen und Schaden nehmen (Folgekrankheiten oder System Overload). Die Genetik liefert den Motor, die Interaktion mit der Umgebung bestimmt, ob er gesund fährt oder entgleist.

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