Neurodivergenz und Genetik

Die Diskussion um die Genetik der Neurodivergenz, insbesondere im Kontext von ADHS/ADS, nimmt in den Quellen eine zentrale Rolle ein. Dr. med. Ursula Davatz sieht Neurodivergenz als eine angeborene neurologische Eigenschaft, die genetisch bedingt ist.

Genetische Vererbung und Hirntyp:

ADHS/ADS wird als ein anderer Neurotyp oder eine Neurodivergenz betrachtet, nicht als eine Krankheit. Es ist genetisch vererbt und kommt in Familien vor. Laut Dr. Davatz ist es die meist vererbte psychiatrische Kondition.

Dieser Hirntyp wird genetisch weitergegeben und zeichnet sich durch spezifische Eigenschaften aus:

  • Eine breite Aufmerksamkeit (im Gegensatz zur sogenannten Aufmerksamkeitsstörung).
  • Eine hohe Sensibilität.
  • Eine starke Impulsivität.
  • Einen schnellen System Overload.

Es handelt sich dabei nicht nur um ein Gen, sondern um 20 bis mehr Gene, welche diese Konstellation ausmachen. Das Gehirn funktioniert bei neurodivergenten Menschen etwas anders als das Durchschnittsgehirn. Aktuellen genetischen Untersuchungen zufolge haben heute 5% der Bevölkerung ADHS/ADS, während in den Genen der Steinzeit 50% gefunden wurden.

Verwandtschaft verschiedener neurologischer Konditionen:

Dr. Davatz stützt ihre Hypothese der genetischen Verwandtschaft verschiedener Zustände auf genetische Studien (GWAS – Genomweite Assoziationsstudien). Diese Studien untersuchten fünf psychiatrische Krankheitsbilder:

  1. Schizophrenie
  2. Manisch-depressive Störung (bipolare Störung)
  3. Schwere Depression
  4. ADHS
  5. Autismus

Alle diese untersuchten Bilder hatten den gleichen Gen-Lokus, der verändert war. Dies beweist für Dr. Davatz, dass diese Konditionen alle miteinander verwandt sind.

Insbesondere wird darauf hingewiesen, dass Autismus, der häufig zusätzliche Schwierigkeiten wie den Spracherwerb und Probleme beim Erkennen von Gesichtern oder Bildern mit sich bringen kann, statistisch gesehen noch mehr genetisch vererbt wird, als das ADHS.

Genetik und Epigenetik:

In Bezug auf die Epigenetik – die Weitergabe von Umweltveränderungen, die die Genexpression beeinflussen – merkt Dr. Davatz an, dass epigenetische Prozesse natürlich ablaufen und möglicherweise auf die ADHS/ADS Gene aufgepfropft werden. Es ist unklar, inwieweit epigenetische Probleme bis zur ADHS/ADS Genetik reichen. Das Hauptprinzip in der Epigenetik sei eine Reduktion von Möglichkeiten unter Stress. Beim Erwachsenwerden finde im Gehirn ein Synaptic Pruning statt, bei dem gewisse Funktionen ausgeschaltet werden.

Laufende Forschung:

Derzeit wird in Königsfelden zusammen mit der Genetik in Basel eine Studie durchgeführt, um eine genetische Datenbank zu errichten. Ziel ist es, zu untersuchen, wie die genetische Vererbung des ADHS/ADS und der Erziehungsmodus aufeinander gewirkt haben.

Neurodivergenz selbst ist demnach eine genetisch vererbte Variante des Neurotyps. Das Problem sei nicht die Neurodivergenz an sich, sondern die Krankheit, die daraus entsteht, wenn das Umfeld (Eltern, Schulen) nicht lernt, geschickt damit umzugehen. Ziel ist es, Fehlentwicklungen präventiv vorzubeugen, indem das erzieherische Umfeld für den Umgang mit diesen neurodivergenten Menschen sensibilisiert wird.

Analogie zur Klarstellung: Man könnte die genetische Vererbung der Neurodivergenz als die Blaupause eines Hochleistungsmotors betrachten. Der Motor (das Gehirn) ist leistungsstark, sensibel und reagiert schnell (hohe Sensibilität, Impulsivität). Wenn dieses spezielle Aggregat jedoch in einem Umfeld betrieben wird, das nur auf Durchschnittsmotoren ausgelegt ist und versucht, die Leistung durch Bremsen oder unsachgemäße Behandlung zu „erziehen“ (Erziehungsmethoden, die auf Disziplinierung statt Unterstützung abzielen), kann es überhitzen und Schaden nehmen (Folgekrankheiten oder System Overload). Die Genetik liefert den Motor, die Interaktion mit der Umgebung bestimmt, ob er gesund fährt oder entgleist.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/11/Buchvernissage_Ursula_Davatz_11.11.2025.m4a.pdf

Systemische Psychiatrie und Neurodivergenz

ADHS/ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung / Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) wird in den Quellen umfassend als angeborene neurologische Eigenschaft und Neurodivergenz diskutiert. Dr. med. Ursula Davatz hat sich über 40 Jahre mit diesen sogenannten neurodivergenten Menschen befasst.

Dr. Davatz vertritt die Ansicht, dass ADHS/ADS keine Krankheit ist, sondern ein anderer Neurotyp. Früher wurde es auch als frühkindliches POS (Psycho-Organisches-Syndrom) bezeichnet.

Wesen und Merkmale von ADHS/ADS

ADHS/ADS ist genetisch vererbt, kommt in Familien vor und gilt als die meist vererbte psychiatrische Kondition. Das Gehirn dieser Menschen funktioniert etwas anders als das Durchschnittsgehirn.

Zu den Kernmerkmalen des ADHS/ADS-Neurotyps gehören:

  • Breite Aufmerksamkeit: Diese Personen haben eine sehr breite Aufmerksamkeit. Sie nehmen viel mehr wahr und haben weniger Filterfunktion als Durchschnittsmenschen. Sie sind ständig am Schauen, wo ein neuer Input herkommt.
  • Hohe Sensibilität.
  • Starke Impulsivität und Reaktivität.
  • Schneller System Overload.
  • Kreativität: ADHS/ADSler sind meistens kreative Leute, die Grenzen sprengen können.

Unterschiede zwischen ADHS und ADS:

  • Das ‚H‘ in ADHS steht für hyperaktiv.
  • ADHSler (oft Jungen) fallen meistens mehr auf über ihre Aktivität nach außen, Aggressivität und mangelnde Impulskontrolle. Sie kämpfen eher nach außen.
  • ADSler flüchten eher nach innen.

Folgekrankheiten und Komorbiditäten

Wenn Betroffene nicht lernen, mit ihrem neurodivergenten Neurotyp umzugehen, können sich Folgekrankheiten entwickeln, die sowohl psychischer als auch körperlicher Natur sein können. Die Krankheit, die daraus entsteht, wird als Fehlentwicklung betrachtet, nicht die ADHS/ADS selbst.

Folgekrankheiten und assoziierte Probleme:

  • Sucht: Menschen mit ADHS/ADS haben viel mehr Suchtprobleme. Beruhigende Suchtmittel wie Heroin oder Alkohol werden oft zur Emotionskontrolle und um das eigene Temperament herunterzubremsen verwendet. Auch Haschisch wird so verwendet. Es gibt Statistiken aus England, die darauf hindeuten, dass Kinder mit ADHS/ADS Medikation weniger drogensüchtig wurden.
  • Depression: Depressionen treten vermehrt bei Frauen auf. Mädchen mit ADHS/ADS neigen dazu, sich besser zu kontrollieren und sind anpassungsfähiger. Sie passen sich so lange an, bis das Fass überläuft, oft um das Alter von 40, was zur Depression führt.
  • Schizophrenie und bipolare Störung: Dr. Davatz hat ein Buch über ADHS/ADS und Schizophrenie geschrieben. Sie stellte eine Verbindung zwischen diesen Zuständen fest. Sie argumentiert, dass die bipolare Störung als verstärkte ADHS/ADS Symptome betrachtet werden kann. Eugen Bleuler stellte fest, dass Schizophrene mehr wahrnehmen als Durchschnittsmenschen, was der breiten Wahrnehmung der ADHS/ADSler ähnelt. Wenn das emotionale Gehirn zu sehr überlastet wird, kommt es zum System Overload, das Denken bricht zusammen, was in eine Psychose führen kann.
  • Autismus: Genetische Studien (GWAS) zeigen, dass Autismus, ADHS, Schizophrenie, bipolare Störung und schwere Depression alle denselben Gen-Lokus aufweisen, was die Hypothese unterstützt, dass sie miteinander verwandt sind. Autismus wird statistisch gesehen noch stärker genetisch vererbt als ADHS.
  • Delinquenz und Essstörungen: Delinquenz kommt vermehrt bei männlichen ADHS/ADSlern vor, während Essstörungen häufiger bei Mädchen als Emotionskontrolle dienen.

Umgang, Therapie und Erziehung

Als Psychiaterin mit über 50 Jahren Erfahrung verwendet Dr. Davatz eine systemische Therapie, die sie in Amerika gelernt hat. Ihre Aufgabe ist es, Menschen in schwierigen Situationen zu begleiten und zu unterstützen, wobei dies stets den Patienten und die Angehörigen betrifft. Die Therapie zielt auf persönliche Entwicklung und Wachstum ab.

Wichtige Prinzipien im Umgang mit ADHS/ADS:

  1. Akzeptanz statt Umerziehung: Die Neurodivergenz darf nicht ab erzogen werden. Die Betroffenen müssen akzeptiert werden, damit sie selbst lernen können, mit ihrem Temperament umzugehen. Eine persönlichkeitsgerechte Erziehung ist notwendig, vergleichbar mit einer artgerechten Tierhaltung.
  2. Struktur und Validierung: Klare, wenige Strukturen und Regeln sind hilfreich, aber man sollte die Fünfe auch mal gerade sein lassen. Bei Regelübertretungen sollte nicht bestraft werden, da diese meist auf mangelnder Impulskontrolle beruhen. Stattdessen müssen emotionale Überbordungen validiert und gewertschätzt werden, um die Ursache der Überforderung zu verstehen.
  3. Geduld und Beziehung: Psychiater müssen viel Geduld lernen. Das Wachstum der Patienten geht nicht schneller voran, wenn man sie häufig sieht. Dr. Davatz arbeitet nach dem Prinzip: Keine Erziehung ohne Beziehung.
  4. Umfeldunterstützung: Die Lehrer, Eltern und das erzieherische Umfeld müssen besser unterstützt und sensibilisiert werden, um geschickter mit neurodivergenten Menschen umzugehen. Schulen sollten Lehrkräfte unterstützen, anstatt nur Kinder zu disziplinieren.
  5. Bewegung und Alternativen: ADHSler brauchen mehr Bewegung. Natürliche Bewegung (wie Springen) hilft, sich zu fokussieren. Alternative Methoden wie Neurofeedback (zum Fokussieren lernen) und körperliche Therapien wie Yoga oder EMDR können ebenfalls hilfreich sein, wobei die individuelle Eignung stets geprüft werden muss.

Dr. Davatz betont, dass sie nicht das Symptom beseitigen will (denn das Symptom ist ein Warnsignal: „es läuft irgendetwas schief“), sondern das System wieder auf eine gute Bahn bringen möchte, sodass die Symptome nicht mehr notwendig sind.

Medikamentöse Behandlung (Stimulanzien)

Medikamente wie Ritalin, Concerta oder Focalin sind Stimulanzien („Uppers“). Sie wirken fokussierend, indem sie die breite Aufmerksamkeit einschränken.

  • Nutzen: Sie können sehr hilfreich sein, um schulische Leistungen zu steigern (oft um eine Note oder mehr) und um eine akademische Karriere zu ermöglichen.
  • Entscheidung: Dr. Davatz verschreibt diese Medikamente, überlässt die Entscheidung aber stets den Eltern. Sie würde nie sagen, dass ein Kind die Medikamente nehmen muss.
  • Nachteile: Manche Betroffene fühlen sich unter Ritalin nicht mehr sie selbst, sind weniger kreativ oder haben nicht mehr das Gespür für sich selbst.
  • Risiko der Psychose: Bei Überdosierung oder Einnahme unter starkem Stress (Hyperarousal) kann es zu einer übermäßigen Dopaminausschüttung kommen, die eine Psychose auslösen kann. ADHS-Medikamente können auch suchtbildend sein.

Obwohl es für ADHS/ADS-Kinder in einer stark intellektuell ausgerichteten Gesellschaft oft sinnvoll sein kann, Medikamente zu nehmen, um ihr Potenzial auszuschöpfen, muss die emotionale Entwicklung dabei nicht vergessen werden.

Als Analogie für den therapeutischen Umgang betont Dr. Davatz die Notwendigkeit der Geduld und der Akzeptanz des natürlichen Wachstums: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/11/Buchvernissage_Ursula_Davatz_11.11.2025.m4a.pdf