Genetische Vererbung ist keine Mode.
Transkript
Dr.med. Ursula Davatz, Prof. Jürg Kesselring
27.11.2025
Genetische Vererbung ist keine Mode.
Audio
[00:00:02.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Herzlich willkommen, Herr Professor Jürg Kesselring.
[00:00:09.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Es freut mich unglaublich, dass Sie es gewagt haben, zu mir in meine Praxis zu
kommen und mir einige Fragen zu beantworten.
[00:00:19.080] – Prof. Jürg Kesselring
Ich bin gern gekommen und bin gespannt auf diese Fragen, die ich ja eben noch nicht
kenne, aber das ist das Wesen eben.
[00:00:27.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Vor vielen Jahren habe ich sie mal per Telefon kontaktiert.
[00:00:31.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte zwei Patienten, die hatten Schizophreniekrankheit und haben dann als zweite
Krankheit MS entwickelt.
[00:00:42.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich ihn angerufen und sie gefragt: sehen Sie da irgendeinen
Zusammenhang?
[00:00:49.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann haben Sie am Telefon gesagt: ja, vielleicht kann da etwas dran sein.
[00:00:56.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich gefragt, ob ich Sie besuchen kann in Valens.
[00:00:59.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir hatten einen Termin abgemacht, aber dann kam eine Lawine dazwischen, an jenem
Tag, als wir abgemacht hatten, und dann habe ich nicht kommen können und dann
haben wir alles fallen lassen und Jahre lang nichts mehr voneinander gehört.
[00:01:17.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe sie etwas verfolgt, wenn sie irgendeinen Kommentar gegeben haben in der
Ärztezeitung oder so, aber sie haben nichts mehr von mir gehört.
[00:01:27.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Frage ist nun: in der Zwischenzeit sind sicher ungefähr 20 Jahre vergegangen.
Was haben Sie für neue Erkenntnisse zur MS und allenfalls einen Zusammenhang mit
Schizophrenie?
[00:01:45.000] – Prof. Jürg Kesselring
Es sind sogar, wenn Sie das erwähnen, wegen der Lawine, kann ich genau sagen, im
Februar 1999 ist das gewesen.
[00:01:52.660] – Prof. Jürg Kesselring
Das war nämlich der schneereiche Winter, wo ich dann eben auch wegen dieser Lawine
ein Gedicht schreiben musste oder wollte, das den Titel "Schutzengel" trägt.
[00:02:05.960] – Prof. Jürg Kesselring
Unser Postauto, das die Mitarbeitenden nach Valens bringt, wo ich jahrzehntelang
mitgefahren bin, das ist 50 Meter, bevor die große Lawine die Straße verschüttet hat,
dort vorbeigekommen.
[00:02:23.600] – Prof. Jürg Kesselring
Ich habe mir immer vorgestellt, wenn jetzt der Postfahrer sechs Sekunden länger
gehabt hätte, die Ketten ans Postauto zu montieren, dann wären 40 von unseren
Mitarbeitenden in dieser riesigen Lawine geblieben.
[00:02:40.140] – Prof. Jürg Kesselring
Darum weiß ich, dass es Februar 1999 war.
[00:02:43.620] – Prof. Jürg Kesselring
Ihre Frage geht ja nicht um das, sondern darum, ob bei der Multiplen Sklerose – das ist
ja die ausführliche Benennung von der MS – Symptome vorkommen können, wie sie
sonst für euch, Psychiater, bei der Schizophrenie bekannt sind.
[00:03:02.360] – Prof. Jürg Kesselring
Ich glaube schon, dass die Multiple Sklerose, die eben eine Entzündungskrankheit des
Gehirns ist, auch zu Symptomen führen kann, wie sie bei der Schizophrenie
vorkommen.
[00:03:17.420] – Prof. Jürg Kesselring
Es ist sicher ein ganz, ganz großer Ausnahmefall, dass das vorkommt. Aber es ist nicht
ausgeschlossen.
[00:03:24.240] – Prof. Jürg Kesselring
Ich glaube schon auch, dass die Schizophrenie eben hirnorganische Grundlagen hat,
wobei es natürlich noch nicht so genau geklärt ist, wie viel jetzt an
Gewebeveränderungen im Gehirn zu den Symptomen führen, die sie als Schizophrenie
bezeichnen.
[00:03:45.480] – Prof. Jürg Kesselring
Ausgeschlossen ist ein Zusammenhang nicht, aber sicher nur ganz selten.
[00:03:51.140] – Prof. Jürg Kesselring
Also nicht so, dass man Multiple Sklerose Kranken darauf hinweisen müsste, es könnte
sich eine Schizophrenie entwickeln oder es sei ja ähnlich wie eine Schizophrenie.
[00:04:02.740] – Prof. Jürg Kesselring
Die Koinzidenz, das Zusammenfallen, ist sicher eine Möglichkeit.
[00:04:09.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich komme nachher noch mal zurück auf das Thema und sage Ihnen auch meine
Theorie.
[00:04:15.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Als erstes möchte ich jetzt sagen: die Psychiatrie hat sich ja ursprünglich von Freud her
aus der Neurologie entwickelt.
[00:04:28.600] – Dr.med. Ursula Davatz
In letzter Zeit, so wie ich es beobachte, kommt die Psychiatrie wieder der Neurologie
etwas näher, denn neuropsychologische und neurobiologische Forschung wird immer
mehr betrieben. Wir können das Gehirn auch immer genauer untersuchen. Also in der
Grundlagenforschung, denke ich, kommen wir uns wieder etwas näher, was ich
interessant finde.
[00:04:55.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Da frage ich Sie: wie sehen Sie dieses Zusammenrücken und was für Erwartungen
haben Sie an die Psychiatrie?
[00:05:06.360] – Prof. Jürg Kesselring
An diese Forschung? Ich finde das sehr interessant.
[00:05:09.400] – Prof. Jürg Kesselring
Ich habe mich schon immer auch mit den biologischen Grundlagen der Multiplen-
Sklerose befasst, habe also auch MRI richtig gelernt, als es in der Schweiz noch keine
solchen Apparate gab.
[00:05:23.640] – Prof. Jürg Kesselring
Mich hat immer interessiert, wie viel ist organisch bedingt und darum sichtbar mit diesen
Methoden und wie viel ist aber genetisch bedingt, sozial bedingt vor allem? Also wie viel
tun die Lebensumstände oder die Herkunft, also die Prägung in der Kindheit, in der
Schule, eine Verhaltensweise, wie wir sie als Krankheit, zum Beispiel MS, kennen, wie
beeinflussen die das?
[00:05:57.010] – Prof. Jürg Kesselring
Dieses Wechselspiel, das hat mich immer besonders mich interessiert.
[00:06:00.540] – Prof. Jürg Kesselring
Mich hat nie interessiert, einer konkreten Patientin zu sagen, das und das sei genetisch
bedingt, das und das seien die Flecken im MRI oder die Blutveränderungen oder die
Veränderungen von Parametern im Liquor, sondern das Zusammenspiel von allem.
[00:06:22.000] – Prof. Jürg Kesselring
Die Grundhaltung, die war mir immer wichtig, dass wir eben auch Gegebenheiten
verändern können.
[00:06:30.240] – Prof. Jürg Kesselring
Also, dass ich nicht nur Opfer meiner Mutter bin. Es ist ja aus der Mechanik bekannt:
wenn eine Schraube locker ist, liegt sie ja immer an der Mutter. Nein, eben nicht,
sondern ich habe auch eine Verantwortung, etwas zu verändern von dem, was mir
gegeben ist.
[00:06:51.440] – Prof. Jürg Kesselring
Mit meinem Rucksack, der genetisch determiniert ist durch die Erlebnisse von früher,
meine Wanderung zu machen und diese auch zu rechtfertigen.
[00:07:02.480] – Prof. Jürg Kesselring
Neben der Statue of Liberty hätte ich immer gern noch eine Statue für Responsibility
gehabt, dass man eben nicht nur die Freiheit sieht, die man hat, zu tun, was einem in
die Krone fällt, sondern eben auch eine Verantwortung für das, was geschieht.
[00:07:23.130] – Prof. Jürg Kesselring
Man ist nicht nur Opfer von dem, was vorgegeben ist, sondern hat auch die Möglichkeit,
eine Gestalterperspektive zu versuchen, zumindest.
[00:07:33.640] – Prof. Jürg Kesselring
Das kann man halt allein fast nicht. Darum braucht man Profis, die einem da anleiten.
Man braucht Freunde, die einem helfen, eben auch als Spiegel von einem selbst um
weiterzukommen.
[00:07:46.200] – Prof. Jürg Kesselring
Dass diese Möglichkeit besteht, auch bei Krankheiten und gerade dort besonders
wichtig ist, das war immer mein Grundanliegen.
[00:07:55.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr schön. Da treffen sich unsere Interessen sehr gut. Sie sprechen mir total aus dem
Herzen und ich versuche, den Menschen immer zu helfen, dass sie sich nicht als Opfer
sehen, sondern als aktive Menschen, die auch etwas geschalten können.
[00:08:12.100] – Prof. Jürg Kesselring
Wir haben ja die Neurologie noch so gelernt, dass eigentlich alle Krankheitsbegriffe mit
einem Alpha Privativum versorgt waren.
[00:08:21.620] – Prof. Jürg Kesselring
Man hat immer von der Aphasie gesprochen, also wenn Leute nicht reden können, und
der Alexie, wenn sie nicht lesen und so weiter.
[00:08:30.280] – Prof. Jürg Kesselring
Unsere Einstellung, gerade auch in Valens, und das macht die Rehabilitation aus, hat
man immer sich bemüht darum: was kann ich trotzdem machen?
[00:08:41.610] – Prof. Jürg Kesselring
Diese pubertäre Trotzhaltung, die haben wir fördern wollen.
[00:08:46.560] – Prof. Jürg Kesselring
Dann kann man sagen: Ja, es ist eine MS. Wir haben es gesehen im MRI, im Liquor.
Wir wissen das. Die Diagnose ist richtig. Was machen wir jetzt trotzdem? Und zwar
miteinander.
[00:08:59.160] – Prof. Jürg Kesselring
Das ist eine grundsätzliche Haltung, die man hat und die man versucht zu transferieren
auf diejenigen, die es schwerer im Leben haben, als wir.
[00:09:10.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr schön. Ich muss wieder sagen, es spricht mir aus dem Herzen.
[00:09:15.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich nehme jetzt noch mal ein Ereignis auf, wie wir uns begegnet sind, ohne dass Sie es
gemerkt haben.
[00:09:22.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Die zweite Begegnung mit Ihnen war über Ihren Artikel, den Sie in der Ärztezeitung
verfasst haben, über die Biografie von Oliver Sacks.
[00:09:33.919] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Oliver_Sacks
[00:09:34.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja der habe ich sehr angesprochen.
[00:09:37.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe das Buch dann gekauft. Ich habe es gelesen. Es ist ja von einem Journalisten
geschrieben, der ihn über längere Zeit begleitet haben.
[00:09:48.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Biografie ist noch unheimlich interessant. Er war ja ein ganz spezieller Mensch.
[00:09:55.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Psychiater haben ihn auch wahrgenommen. Er ist auch ein Neurologe.
[00:10:01.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hatte einen Bruder, der schizophrene war, soweit ich das verstanden habe.
[00:10:08.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Als ich das gelesen habe, dann habe ich wieder an Sie gedacht. Habe gedacht, wir
müssen unbedingt noch mal ein Interview machen.
[00:10:16.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich zitiere jetzt nur etwas von ihm. Er hat da spezielle, außergewöhnliche Versuche
gemacht mit Patienten, die in Anstalten absolut vernachlässigt waren und die er dann
behandelt hat mit Dopamin.
[00:10:31.880] – Prof. Jürg Kesselring
Wir diagnostizieren das als Parkinson.
[00:10:36.640] – Prof. Jürg Kesselring
Solche Patienten, die hatten halt gar nichts als Medikament damals und dann kamen
die ersten Dopa-und Dopamintherapien und er hat in diesen Pflegeheimen diese ersten
Infusionen gemacht.
[00:10:49.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Genau.
[00:10:50.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Aus dem ist dann der Film Awakenings entstanden.
[00:10:55.431] – Dr.med. Ursula Davatz
https://en.wikipedia.org/wiki/Awakenings
[00:10:55.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat großes Aufsehen erregt bei Laien und auch natürlich wieder bei Fachpersonen.
Er war nicht vom Mainstream akzeptiert unter den Fachpersonen.
[00:11:09.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Da frage ich Sie auch heute: Was sagen Sie zu diesen Experimenten und wie würden
Sie diese einordnen?
[00:11:18.000] – Prof. Jürg Kesselring
Die sind natürlich sehr interessant.
[00:11:19.900] – Prof. Jürg Kesselring
Dass etwas vorher Ende der 1960er-Jahre diese Walther Birkmayer (Neurologe) und
Oleh Hornykiewicz (Biochemiker) gefunden haben, in den Gehirnen von Leuten, die zu
Lebenszeiten Parkinson-Kranke waren, haben sie gefunden, dass diese
Dopaminspiegel anders sind als bei uns Gesunden.
[00:11:41.910] – Prof. Jürg Kesselring
Daraus hat sich diese Therapie abgeleitet, die aber enorm viele Nebenwirkungen hatte,
weil man erst die Substanz direkt verabreicht hat, ohne einen Schutz, sodass also diese
Substanz schon gewirkt hat auf dem Weg zum Gehirn, also im ganzen Körper.
[00:12:02.870] – Prof. Jürg Kesselring
Das Geniale dann später war die Kombination mit einem sogenannten
Decarboxylasehemmer.
[00:12:09.560] – Prof. Jürg Kesselring
Das ist ein Stoff, der den Abbau des Dopamin verhindert auf dem Weg zum Gehirn.
[00:12:17.340] – Prof. Jürg Kesselring
Dieser Schutzstoff kann dann aber selber nicht durch die Bluthirnschranke hindurch und
so haben wir dann die Substanz hier richtig drin.
[00:12:25.860] – Prof. Jürg Kesselring
Bei Oliver Sacks, seinen Experimenten war das noch nicht so differenziert.
[00:12:30.000] – Prof. Jürg Kesselring
Heute ist die Therapie diesbezüglich viel eindrücklicher.
[00:12:34.320] – Prof. Jürg Kesselring
Bei diesem Awakening ist es eben sehr interessant.
[00:12:37.940] – Prof. Jürg Kesselring
Da lernt man eben sehr viel. In Valens haben wir alles, was der Oliver Sacks beschreibt,
auch gesehen.
[00:12:47.260] – Prof. Jürg Kesselring
Auch diese eingemauerten Parkinson-Patientinnen und Patienten, die dann erwacht
sind, der Awakenings, und zwar ganz eindrücklich.
[00:12:57.220] – Prof. Jürg Kesselring
Das Beispiel, das er bringt, ist ein Ausflug aus diesem Pflegeheim mit diesen ganz stark
motorisch eingeschränkten Patienten.
[00:13:11.620] – Prof. Jürg Kesselring
Dann sieht einer, der sich Jahre und Jahrzehnte nicht bewegt hat, sieht ein Kindlein in
den Fluss fallen, springt aus dem Rollstuhl, rettet das Kind und ist für die nächsten
Jahre wieder total blockiert.
[00:13:30.000] – Prof. Jürg Kesselring
Das ist eben sehr interessant, gerade im Hinblick auf Ihre zuerst gestellte Frage,
nämlich über den Zusammenhang von Persönlichkeit, vom Dasein und eben
organischer Bedingtheit.
[00:13:44.350] – Prof. Jürg Kesselring
Es ist also möglich, dass eben dieses Bewusstsein fokussiert wird auf bestimmte
Muskelgruppen.
[00:13:53.100] – Prof. Jürg Kesselring
So habe ich das verstanden.
[00:13:55.860] – Prof. Jürg Kesselring
Ein Beispiel, das mir natürlich besonders nahe ging, war der Herr zu dem ich gerufen
wurde auf die Intensivstation in Chur, mit dem Ziel, wir sollen hier die Beatmung
abstellen, weil er ist ja Hirntod.
[00:14:11.240] – Prof. Jürg Kesselring
Ich habe ihn sorgfältig untersucht und festgestellt, nein, er ist wach, aber er kann nichts
bewegen, außer den Augen und der großen Zehe an einem Fuß.
[00:14:24.560] – Prof. Jürg Kesselring
Ich habe gesagt: abstellen können wir nur, wenn er da einverstanden ist, und er hat
dann sich da so geäußert.
[00:14:32.220] – Prof. Jürg Kesselring
Über Wochen haben wir nur über seine Zehe kommuniziert.
[00:14:37.090] – Prof. Jürg Kesselring
Er hat später ein Buch geschrieben, wie er das erlebt hat, auch gehört hat, dass man
abstellen will und er sich nicht wehren konnte und wie er dann froh war, dass ich, dank
meiner neurologischen Untersuchung ohne MRI, einfach von Hand gekitzelt und
geredet über Wochen mit ihm kommuniziert habe.
[00:15:00.840] – Prof. Jürg Kesselring
Er hat das beschrieben.
[00:15:03.040] – Prof. Jürg Kesselring
Dann war er wieder einmal Jahre später bei uns zur Rehabilitation und ich habe auf der
Visite den Mitarbeitenden diese Großzehe zeigen wollen, mit der hat er sein Leben
gerettet.
[00:15:17.760] – Prof. Jürg Kesselring
Dann hat er gesagt, nein, vom Moment an, wo er wieder reden konnte, hat er keine
Kontrolle über die Großzehe mehr.
[00:15:25.440] – Prof. Jürg Kesselring
Das ist natürlich sehr interessant.
[00:15:27.220] – Prof. Jürg Kesselring
Leute so sorgfältig zu begleiten, dass man eben lernt, dieses Bewusstsein kann so
fokussiert sein, wenn es dem Überleben dient, dass jetzt halt deine Zehe funktioniert
und wenn es dann andere Teile des Organismus wieder versorgen will, wird das anders
verteilt.
[00:15:51.480] – Prof. Jürg Kesselring
Das ist sehr interessant.
[00:15:53.520] – Prof. Jürg Kesselring
Dass man eben so die Personen immer auch richtig ernst nimmt und immer lieber sich
selber fragt: ja, verstehe ich jetzt genug von ihr, von ihrer Ausdrucksfähigkeit?
[00:16:07.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Hochinteressant.
[00:16:09.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Sie diesen Zustand beschreiben, dass er zwar alles wahrgenommen hat, aber
nichts mehr sagen konnte, außer der Zehenbewegung. Das geht ja etwas in den
Bereich der Katatonie.
[00:16:22.500] – Prof. Jürg Kesselring
Ja, aber psychisch ist wahrscheinlich bei der Katatonie der Zustand anders, aber da
kenne ich mich zu wenig aus.
[00:16:29.720] – Prof. Jürg Kesselring
Es ist eine Starrheit der Bewegung. Das ist schon so.
[00:16:36.220] – Prof. Jürg Kesselring
Wir nennen jetzt das, was ich beschrieben habe, ein Locked-in-Syndrom, wo die Person
eben eingeschlossen ist und eben nur wenige Ausdrucksmöglichkeiten findet.
[00:16:48.420] – Prof. Jürg Kesselring
Ich habe immer unsere Aufgabe als Therapeuten oder Ärzte so verstanden, dass wir
quasi Schlupflöcher in die Mauer treiben müssen, wenn das Gehäuse jetzt
beeinträchtigt ist, damit die Person sich doch ausdrücken kann.
[00:17:06.720] – Prof. Jürg Kesselring
Ich finde das eben so schön, dass wir in unseren Sprachen, die vom Lateinischen
abgeleitet sind, den Ausdruck der Person haben, Persönlichkeit.
[00:17:15.590] – Prof. Jürg Kesselring
Ich habe das immer so verstanden, es geht darum, was das Personare kann, also
hindurchtönen. So verstehe ich dann, das Ich oder das Du, das ein Körper benutzt und
nicht nur das Produkt ist von den Stoffwechselvorgängen im Gehirn oder im Herzen
oder im Darm oder so.
[00:17:39.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist sehr interessant.
[00:17:41.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Dieser Mann wurde ja angeregt, indem er gesehen hat, dass ein Kind sterben könnte.
Das hat ihn aktiviert.
[00:17:51.120] – Prof. Jürg Kesselring
Ja, genau.
[00:17:51.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist durch die Person hindurch gegangen. Die Katatonie, ich nenne das eine
Totenstarre.
[00:18:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die erstarren, nehmen aber alles noch wahr, aber können sich nicht mehr ausdrücken.
[00:18:10.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit den Beschreibungen von diesem Patienten kommen wir in den Bereich der
Neuroplastizität.
[00:18:22.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich lese gerade ein Buch Norman Doidge.
[00:18:30.000] – Dr.med. Ursula Davatz
https://en.wikipedia.org/wiki/Norman_Doidge
[00:18:37.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Neuroplastizität ist was hochinteressantes. Er beschreibt da auch, wie lange die
Psychiater, vielleicht auch die Neurologen, ich weiß nicht, festgehalten haben an ihrer
alten Theorie, dass sich da gar nichts verändern kann. Dabei ist das Gehirn so
lernfähig, so veränderbar, wenn wir es entsprechend interagieren lassen.
[00:19:08.300] – Prof. Jürg Kesselring
Das war die Grundlage von unserer ganzen beruflichen Tätigkeit. Ich habe dem immer
die angewandte Neuroplastizität gesagt.
[00:19:17.810] – Prof. Jürg Kesselring
Wir haben die Kollegen hier gerade in der Nähe in der Uni, im Institut für Hirnforschung
oder im Zentrum für Neurowissenschaften, die haben auf Gewebeebene, so
neuroplastische Vorgänge beschrieben.
[00:19:33.900] – Prof. Jürg Kesselring
Unser Anliegen war eben immer, das praktisch umzusetzen.
[00:19:38.640] – Prof. Jürg Kesselring
Die Grundüberzeugung, die sie uns auch eben auf Gewebeebene bewiesen haben, ist
die, dass zwar das Gehirn schon die Neuronen, mit denen wir auf die Welt kommen,
von denen gibt es nicht viel mehr neue im erwachsenen Leben.
[00:19:55.980] – Prof. Jürg Kesselring
Vielleicht so bis zwei Jahre noch neue und bei uns noch so 17 pro Tag, aber im
Verhältnis zu dieser ganzen Fülle, die wir da oben haben, ist das nicht so wichtig.
[00:20:06.420] – Prof. Jürg Kesselring
Aber die Verbindungen zwischen diesen Neuronen, die Synapsen, da sind wir
überzeugt, die bilden sich großzügigerweise bis zum Tod immer wieder neu, aber wir
müssen sie nutzen.
[00:20:20.320] – Prof. Jürg Kesselring
Das Kurzgedichtlein: "use it or lose it" hat wirklich eine Berechtigung.
[00:20:26.300] – Prof. Jürg Kesselring
Nicht so, dass man jemandem, der jetzt Schwierigkeiten hat mit seinen Neuronen
sagen müsste: sie müssen halt mehr trainieren.
[00:20:34.310] – Prof. Jürg Kesselring
Ein Training, das kann man eben anleiten und das kann man selber nicht genug.
[00:20:39.400] – Prof. Jürg Kesselring
Da muss man Hilfen haben von Therapeutinnen und Helfern und Ärzten, die einem
eben fördern und lehren. Das ist ganz wichtig.
[00:20:49.160] – Prof. Jürg Kesselring
Wir haben immer auch versucht, das was im Kind in der Entwicklung zum Erfolg führt,
nämlich, dass wir uns recht bewegen können, dass wir uns anständig benehmen, dass
wir etwas wissen können.
[00:21:04.040] – Prof. Jürg Kesselring
Diese Neuroplastizität des Kindes und Jugendlichen, diese Situation möchten wir
anwenden in der Therapie von Leuten, bei denen eben durch einen Unfall, eine
Krankheit, etwas im Gehirn verändert ist.
[00:21:20.000] – Prof. Jürg Kesselring
Die Lernfähigkeit, die besteht weiterhin.
[00:21:24.180] – Prof. Jürg Kesselring
Nun ist die große Aufgabe die, dass wir nicht die Lernfähigkeit, die dem Gehirn
einverleibt ist, die gegeben ist, dass die nicht behindert werden soll.
[00:21:37.140] – Prof. Jürg Kesselring
Ich glaube eben, dass es verschiedene Faktoren gibt, die die Lernfähigkeit beeinflussen
und beeinträchtigen.
[00:21:45.780] – Prof. Jürg Kesselring
Das sind ganz heikle Themen in unserer Gesellschaft.
[00:21:50.560] – Prof. Jürg Kesselring
Da müssen wir eine offene Diskussion führen.
[00:21:55.300] – Prof. Jürg Kesselring
Ich finde, auf Grundlage von dem, was man in der Wissenschaft in der Psychologie, in
der Pädagogik, in der Neurowissenschaft erarbeitet, so müssen wir diese Diskussionen
führen: was fördert die Lernfähigkeit und was schränkt sie ein?
[00:22:15.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da reden Sie mir wieder aus dem Herzen.
[00:22:19.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt komme ich mit der nächsten Frage: ich beschäftige mich schon seit über 40
Jahren mit dem Phänomen des ADHS/ADS.
[00:22:27.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe vor Jahren festgestellt, dass es gewisse ähnliche Symptome gibt bei ADHS/
ADS und Schizophrenie.
[00:22:44.280] – Prof. Jürg Kesselring
Ja!
[00:22:44.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe dann ein Buch geschrieben über ADHS/ADS und Schizophrenie.
[00:22:53.525] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.somedia-buchverlag.ch/gesamtverzeichnis/deadhs-und-schizophrenie/
[00:22:53.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher sprach ich von der Schizophrenie und der Monsterwelle.
[00:23:03.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute spreche ich vom Grenzzerfall.
[00:23:05.760] – Prof. Jürg Kesselring
Ja, ein sehr schöner Titel.
[00:23:07.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist so bei den Schizophrenen, ist es ein Grenzzerfall zwischen den verschiedenen
Hirnzentren, dass diese Menschen die Vernunft verwirren.
[00:23:21.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie operieren nicht mehr mit der gleichen Logik, wie wir Durchschnittstypen.
[00:23:31.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher hat man immer gestritten: nature versus nurture.
[00:23:36.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Ist alles genetisch, ist alles Umfeld?
[00:23:39.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage ganz klar: das ADHS/ADS aus meiner Sicht ist die Nature, also die
angeborene Genetik.
[00:23:48.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja, das ist bis zu 80% oder mehr vererbt.
[00:23:52.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann die Interaktion mit dem Umfeld, die tut dann das ihre dazu, dass aus den ADHS/
ADS-Kindern, Jugendlichen Störungen entstehen.
[00:24:05.840] – Dr.med. Ursula Davatz
So habe ich dann ein weiteres Buch geschrieben: ADHS/ADS Folgekrankheiten.
[00:24:15.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Als Untertitel habe ich gesagt: Psychiatrie im Offside.
[00:24:20.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit Offside meine ich in dem Sinn: wir Psychiater hinken da etwas hinterher. Wir
schauen die Interaktion des Patienten mit seinem Umfeld nicht an.
[00:24:37.050] – Prof. Jürg Kesselring
Das ist halt eben ganz wichtig.
[00:24:39.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Eben, und das sage ich auch.
[00:24:41.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin ausgebildet als Familientherapeutin in Amerika bei Professor Murray Bowen. Er
war einer der Schizoprenieforscher, der ganze Familien hospitalisiert hat am NIMH und
dann die Interaktion beobachtet hat.
[00:24:57.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Er hat seinen Beobachtern vorgeschrieben, sie dürfen keine Fachausdrücke
verwenden, sondern nur beschreiben, nur beobachten.
[00:25:07.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das, was sie vorher auch etwas gesagt haben.
[00:25:10.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sehe viele Patienten, die in ihrem Umfeld, in der Schule, in der Familie ungünstige
Interaktionen erlebt haben, die dann zu einer Fehlentwicklung geführt haben, sodass
sie schlussendlich in einer psychiatrischen Krankheit gelandet sind.
[00:25:34.100] – Dr.med. Ursula Davatz
In letzter Zeit kommen sogar Geschichten heraus, also Statistiken, die zeigen, dass
somatische Krankheiten entstehen können, dass sie vermehrt psychiatrische
Krankheiten bekommen.
[00:25:53.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es jetzt eine Statistik, dass Frauen zehn Jahre früher sterben und Männer
sieben Jahre. Es ist ein Phänomen, bei dem die Frauen mehr Schaden nehmen als die
Männer.
[00:26:11.900] – Prof. Jürg Kesselring
Das wäre jetzt speziell beim ADHS/ADS?
[00:26:15.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Da frage ich jetzt: Sie als Neurologe, wie stehen Sie zum Thema ADHS/ADS?
[00:26:29.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommt heutzutage in vielen Medien.
[00:26:32.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Jeder weiß etwas davon. Die Journalisten sagen dann: das ist nur eine Modekrankheit.
[00:26:41.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage: nein, sicher nicht.
[00:26:45.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Genetische Vererbung ist keine Mode.
[00:26:50.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Die nimmt ihren Lauf.
[00:26:52.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Untersuchungen sagen: 80% ist beim ADHS/ADS vererbt.
[00:26:57.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Was sagen Sie als Neurologe zum Thema ADHS, ADS und Autismus?
[00:27:06.760] – Prof. Jürg Kesselring
Die Grundfrage vom genetischen Nature und Nurture, das ist natürlich eine ganz
grundlegend wichtige.
[00:27:16.390] – Prof. Jürg Kesselring
Ich könnte jetzt in solchen Fällen, die mir bekannt sind, nicht eine Prozentangabe
machen, wie viel genetisch ist.
[00:27:24.660] – Prof. Jürg Kesselring
Ich kann als Illustration, was mir völlig einleuchtet und ich komme nachher auf das
ADHS/ADS speziell zurück, ist das Beispiel einer Kinderkrankheit der Phenylketonurie.
[00:27:37.880] – Prof. Jürg Kesselring
https://de.wikipedia.org/wiki/Phenylketonurie
[00:27:37.880] – Prof. Jürg Kesselring
Da weiß man, das Gen, das defekt ist, kennt man genau und man weiß, welches
Enzyme von diesem Gen gesteuert wird und wenn das Enzyme fehlt, welcher
Stoffwechselvorgang nicht laufen kann.
[00:27:52.620] – Prof. Jürg Kesselring
Kinder mit diesem Gendefekt haben ganz schwere neurologische Schäden.
[00:27:58.160] – Prof. Jürg Kesselring
Wenn man aber nun, und das kann in der gleichen Familie sein, wo das genau gleiche
Gen vorhanden ist, das Enzyme fehlt, aber man achtet in der Ernährung darauf, dass
dieses Kind kein Phenylalanin bekommt, dann wird das völlig gesund daher wachsen,
obwohl der genetische Hintergrund genau der gleiche war.
[00:28:23.280] – Prof. Jürg Kesselring
Da sieht man die Illustration von dem, was von außen kommt.
[00:28:27.760] – Prof. Jürg Kesselring
Bei dem ADHS/ADS, da ist für mich und bei der Schizophrenie auch ein wesentlicher
Punkt, dass eben bei einer genetischen Disposition die Konzentrationsfähigkeit anders
ist.
[00:28:40.680] – Prof. Jürg Kesselring
Die kann eben auch von außen her gesteuert werden
[00:28:44.720] – Prof. Jürg Kesselring
Das ist für mich ein großes Problem und ich bin froh, dass ich darum weiterhin auch in
dieser Kommission des Bundesamtes für Umwelt bin, die sich mit den
nichtionisierenden Strahlen befasst.
[00:28:58.200] – Prof. Jürg Kesselring
NIS, das sind die nichtionisierenden Strahlen.
[00:29:01.680] – Prof. Jürg Kesselring
Ich habe keine Sorgen wegen der Strahlen als Strahlen als physikalische Größe, aber
der Verwendung dieser Handys und speziell der Social Media als Ablenkungsfaktor und
damit eben als Faktor aus der Umwelt der bei genetisch disponierten Leuten eben diese
Unruhe fördert, weil sie sich nicht mehr konzentrieren können oder dürfen. Das ist für
mich die große Sorge in diesem Zusammenhang.
[00:29:32.420] – Prof. Jürg Kesselring
Darum wundert es mich nicht, dass die Zahl der ADHS/ADS-Leute zunimmt.
[00:29:39.500] – Prof. Jürg Kesselring
Wir wissen schon, dass es immer Zappelphilippe gegeben hat, aber wie das zunimmt.
[00:29:46.050] – Prof. Jürg Kesselring
Das Zappeln selber würde mir nicht einmal so viel Sorgen machen, wie die
Depressionen, die resultieren aus diesem Social-Media-Gebrauch.
[00:29:55.650] – Prof. Jürg Kesselring
Das muss man sehr ernst nehmen und nicht einfach sagen: ja, das ist ein alter
weißhaariger Mann, der altmodisch ist, weil er noch Briefe schreibt, sondern er weiß
eben, dass diese Ablenkbarkeit und das sich Konzentrieren auf Banalitäten und auf
Unsinn für die Neuroplastizität speziell etwas Schädliches ist.
[00:30:19.140] – Prof. Jürg Kesselring
Das muss man wissen, als Eltern, als Lehrerinnen und auch als Kolleginnen und
Kollegen in der Peer-Group.
[00:30:27.080] – Prof. Jürg Kesselring
Das muss man wissen, dass das ein sehr ernstes Thema ist, dem man sich annehmen
muss.
[00:30:31.860] – Prof. Jürg Kesselring
Ich finde es interessant und eigentlich auch richtig, wenn wir jetzt von anderen Ländern
hören, wie von Australien, dass sie sagen, bis 16 Jahren sind diese verboten.
[00:30:44.240] – Prof. Jürg Kesselring
Ich habe dann die Diskussion in England verfolgt, in den Medien, in den London Times,
wo sie sagen: super, was die Australier machen, aber warum nur bis 16 und nicht bis 18
verbieten? Verbieten ist eine heikle Sache. Argumente bringen, warum es wirklich
gefährlich ist, als Faktor aus der Umwelt für die Entwicklung von Störungen, die wir
früher als Krankheiten bezeichnet haben.
[00:31:13.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, da sprechen Sie mir auch wieder aus dem Herzen.
[00:31:17.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch, ich bin ganz Ihrer Meinung.
[00:31:20.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Noch mal zurück zum ADHS/ADS und der Genetik.
[00:31:23.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt die Genome-Wide-Association-Studies, GWAS.
[00:31:27.837] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Genomweite_Assoziationsstudie
[00:31:28.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hat man fünf sogenannte Krankheitsbilder genetisch untersucht und dann
festgestellt, dass sie alle den gleichen oder ähnlichen Gen-Lokus verändert haben.
[00:31:44.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese fünf Krankheitsbilder waren: Schizophrenie, manisch-depressiv, bipolare Störung,
schwere Depression, ADHS und Autismus.
[00:31:58.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bestätigt meine Theorie, dass zwischen ADHS/ADS und diesen Krankheitsbildern
ein Zusammenhang besteht.
[00:32:08.940] – Prof. Jürg Kesselring
Die Eingangsfrage war ja auch, ob ich einen Zusammenhang sehe mit der Multiplen
Sklerose (MS).
[00:32:14.870] – Prof. Jürg Kesselring
Die Ist ja auch bei diesen Worldwide Genetic Studies sehr sorgfältig untersucht worden,
aber man findet nicht genug Hinweise, auch bei sorgfältigen Untersuchungen, dass
man eben die Genetik von der MS genau determinieren könnte.
[00:32:31.680] – Prof. Jürg Kesselring
Darum sind diese fünf genannten Krankheitsbilder eigentlich interessanter in diesem
genetischen Zusammenhang.
[00:32:41.080] – Prof. Jürg Kesselring
Es gibt bei der MS schon auch genetisch … Wir kennen alle Familien, in denen mehr
als ein Fall vorkommt, aber es ist doch insgesamt so selten, dass man nicht von einer
genetisch determinierten Krankheit sprechen darf.
[00:32:56.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich gebe Ihnen jetzt eine Theorie von mir zum Thema MS.
[00:33:02.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einige Frauen mit MS behandelt. Ich habe in der Spitex Krankenschwestern
begleitet, die MS-Patienten zu Hause betreut haben.
[00:33:14.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Theorie ist, weibliche MS-Patientinnen sind verhinderte Managerinnen.
[00:33:22.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heißt, sie wollen mehr erreichen im Leben, als ihre zwei Hände bewerkstelligen
können.
[00:33:31.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie dann MS bekommen, dann sind sie, also von ihrer Motorik her, verhindert, die
Sachen selbst zu erledigen und dann befehlen sie ihrem Umfeld, befehlen sie denen,
was die machen müssen.
[00:33:51.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Spitexkrankenschwestern, die dann willige Befehlsempfängerinnen waren, die
können es gut mit denen.
[00:34:06.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Diejenigen, welche den MS-Patienten befehlen wollen und sagen wollen, wie es gehen
muss, die müssen aufhören, das geht nicht.
[00:34:15.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einige solche Spitex-Krankenschwestern begleitet und die haben sofort darauf
reagiert auf den Begriff "verhinderte Managerinnen".
[00:34:28.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kannte einen Fall, die hat dann eine Managerrolle übernommen, die war vorher
Kantenschwester und hat dann etwas organisiert und dann ist da die MS lange nicht
mehr gekommen.
[00:34:42.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Hypothese von mir.
[00:34:45.440] – Prof. Jürg Kesselring
Ja, die könnte man auch überprüfen natürlich, weil so Einzelfälle sind immer
eindrücklich im einzelnen Fall und müssen als solche auch wirklich gerechtfertigt
werden. Aber wenn man es eben statistisch weiter erhärten wollte, dann müsste man
das in einem größeren Zusammenhang anschauen.
[00:35:07.040] – Prof. Jürg Kesselring
Diesbezüglich wäre das, wo ich jetzt gerade herkomme, dieses MS-Register, eine
interessante Forschungsquelle, die machen ausgezeichnete Studien zu
epidemiologischen Fragen im Zusammenhang mit der Multiplen Sklerose und die haben
fast 3000 Leute, die bereitwillig Auskunft geben.
[00:35:31.930] – Prof. Jürg Kesselring
Eine solche Frage könnte man durchaus stellen.
[00:35:35.120] – Prof. Jürg Kesselring
Ich habe Hemmungen, Einzelfälle dann zu übertragen auf andere in Bezug auf die
psychische Disponiertheit von MS-Patienten, weil das dann oft auch mit Schuldgefühlen
verknüpft ist, die ich eben speziell vermeiden möchte.
[00:35:53.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das verstehe ich gut, das will ich natürlich auch. Aber könnten Sie eine solche Frage in
diese Studien reinbringen?
[00:36:01.700] – Prof. Jürg Kesselring
Ja, man müsste überlegen, wie man sie geschickt formuliert.
[00:36:06.420] – Prof. Jürg Kesselring
Dass es bei klar organisch-neurologischen Krankheiten immer einen psychologischen
Untergrund gibt, das ist ja jedem klar.
[00:36:15.990] – Prof. Jürg Kesselring
Jede Einzelperson hat ihr persönliches Psychogewand.
[00:36:24.280] – Prof. Jürg Kesselring
Mich haben immer diese Krankheiten speziell interessiert, die eigentlich als
Hirnkrankheiten gelten, Epilepsie oder Migräne, auch anfallsartige Krankheiten, die auf
einer organischen Grundlage beruhen.
[00:36:39.540] – Prof. Jürg Kesselring
Dann interessiert mich eben, wie sich diese Personen verhalten während der Zeit
außerhalb dieses einen Anfalls.
[00:36:51.240] – Prof. Jürg Kesselring
Dann kommt man eben der Persönlichkeit näher und das kann man mit
psychologischen Methoden schon auch erfassen oder halt mit literarischen.
[00:37:00.590] – Prof. Jürg Kesselring
Darum haben solche Leute wie der Oliver Sacks eben auch viel Resonanz gefunden,
weil er eigentlich literarisch beschrieben hat, was man sonst in statistischen
Untersuchungen darlegen will.
[00:37:13.640] – Prof. Jürg Kesselring
Es ist eine Art der Realitätsbeschreibung, die ich außerordentlich schätze und die ich
gleich hochwerte wie die statistisch ausgewerteten Ergebnisse von groß untersuchten
Zahlenkohorten.
[00:37:31.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr interessant.
[00:37:33.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich komme noch mal zurück zum ADHS/ADS.
[00:37:38.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine weitere Erkenntnis war, dass ADHS/ADS-Menschen vermehrt Demenz entwickeln
oder früher Demenz entwickeln.
[00:37:52.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist auch in einer Studie.
[00:37:58.137] – Dr.med. Ursula Davatz
https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2810766
[00:37:58.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann habe ich wieder überlegt, wenn ich ADHS/ADS-Patienten behandle, dann muss
ich ihnen immer helfen, ihren eigenen Fokus zu finden, ihren intrinsischen Fokus.
[00:38:09.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Da läuft unsere Erziehung häufig denen zuwider.
[00:38:14.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Man will sie in die Norm eingliedern und das geht nicht.
[00:38:19.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht einfach nicht.
[00:38:20.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie zu sehr in die Norm eingliedern will, dann finden sie ihren eigenen Fokus
nicht.
[00:38:27.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich muss dann den Eltern sagen: lassen sie das Kind. Es muss seinen Fokus finden.
[00:38:33.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann da behilflich sein, aber wenn man immer dagegen geht, dann schadet man
diesem Kind so.
[00:38:41.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele der Erwachsenen ADHS/ADS Patienten die sagen: ich war immer falsch, ich war
immer falsch. Das ist eine Katastrophe.
[00:38:49.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Da mache ich jetzt die Verbindung zur Demenz. Wenn man seinen Fokus nicht finden
kann, dann irrt man ewig weiter und dann wird man dement.
[00:39:01.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Also eigentlich ist es einleuchtend.
[00:39:03.860] – Prof. Jürg Kesselring
Ich habe ja die Abkürzung für die multiple Sklerose, MS, immer wesentlich genommen
als Abkürzung für "mehr Selbstvertrauen".
[00:39:14.240] – Prof. Jürg Kesselring
Das ist, was wir schulen möchten an uns selber, weil Selbstvertrauen meint ja nicht,
dass ich mich besser fühle als irgendjemand anders, sondern dass ich mit dem
Rucksack, den ich mitbekommen habe, genetisch von frühkindlich und mit späteren
Einflüssen, dass ich mit dem Rucksack auf eine Wanderung gehe, wo ich eben auch
eine Verantwortung habe für das, was passiert, bei allen Einschränkungen, die wir alle
haben und die mir auch über mich selber schmerzlich bewusst sind. Die
Grundeinstellung, die habe ich noch nicht aufgegeben, dass ich eben etwas damit
machen kann.
[00:39:57.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Mehr Selbstvertrauen. Sehr schön gesagt. Das ist das, was ich versuche, allen meinen
Patienten beizubringen.
[00:40:05.610] – Prof. Jürg Kesselring
Auch mir selber, das ist wichtig.
[00:40:07.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt noch eine letzte Frage.
[00:40:15.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage in meinem Buch: Psychiatrie im Offside.
[00:40:19.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin meiner Disziplin gegenüber kritisch.
[00:40:26.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiatrie steckt in einer Sackgasse.
[00:40:32.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben immer mehr Publikationen in der Sonntagszeitung, in allen Zeitungen, wie es
der Jugend schlechter geht, wie sie unglücklich sind und wie alle psychiatrischen
Beratungsstellen, wie die Versorgung nicht nachkommt, also Wartezeiten und so weiter.
[00:40:57.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir haben kaum mehr Schweizer Nachkommenschaft bei den Psychiatern.
[00:41:02.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen alles Psychiater aus dem Ausland reinholen oder dann zu Psychiatern
machen bei uns.
[00:41:10.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich eine schwierige Situation.
[00:41:14.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Da möchte ich Sie fragen: was läuft falsch in unserem Fachbereich, in der Psychiatrie,
aus Ihrer Sicht?
[00:41:24.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Was müssten wir da ändern, damit wir eine bessere Versorgung wieder bekommen.
[00:41:31.680] – Prof. Jürg Kesselring
Ich glaube eben auch eine breite Wirkung der Psychiatrie, die scheint mir wichtig, dass
sie eben auch die Allgemeinbevölkerung so informieren, dass das verstanden werden
kann, was ihnen am Herzen liegt, wie Sie sagen.
[00:41:46.220] – Prof. Jürg Kesselring
Da bemühe ich mich selber auch immer damit, zum Beispiel auch, indem ich in der
Schweizerischen Hirnliga aktiv bin, wo es ein Ziel von uns ist, dass wir das, was in der
Wissenschaft läuft, und da läuft vieles sehr Interessantes, so formulieren können, dass
es die Allgemeinheit versteht.
[00:42:03.840] – Prof. Jürg Kesselring
Wesentlich: die Lehrerinnen und Lehrer müssen das auch wissen und kennen und die
Elternvereinigungen müssen solche Dinge wissen, damit sie es ihren Kindern
weitergeben können.
[00:42:16.980] – Prof. Jürg Kesselring
Die grundlegende Perspektive ist so entscheidend, ob man nur das Opfer ist von dem,
was geschieht, eben in der Gesellschaft, oder ob man das Gefühl noch hat, für dieses
Wunder, das jeder von uns mit sich herumträgt, nämlich unseren Organismus und wie
man den pflegen kann.
[00:42:37.280] – Prof. Jürg Kesselring
Da kann man in verschiedensten Bereichen sehr sorgfältig umgehen, im körperlichen
Bereich, im emotionalen Bereich, aber auch im spirituellen Bereich.
[00:42:48.380] – Prof. Jürg Kesselring
Das ist etwas, was in der heutigen Psychiatrie kaum noch angesprochen wird, aber das
ist zentral wichtig. Ich meine damit nicht, dass man miteinander Gebete aufsagen soll
oder Psalmen singen, aber dass man weiß, in welcher Art dieser Wunderorganismus
eben auch entstanden ist und wo er dann einmal hingeht.
[00:43:10.280] – Prof. Jürg Kesselring
Das sind Fragen, die viel wichtiger sind, als nur aufzuzählen, wann man es, was genau
verdienen will und essen will.
[00:43:18.900] – Prof. Jürg Kesselring
Das ist ein grundlegender Auftrag an uns alle, uns auch diesen großen Themen, die Sie
jetzt eben hier netterweise ansprechen, wie man mit denen umgehen soll.
[00:43:31.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sprechen sie mir auch wieder aus dem Herzen. Ich habe in vielen
Elternvereinigungen Vorträge gehalten.
[00:43:39.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich richte mich jetzt stark auf die Schule.
[00:43:42.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich möchte den Lehrern Unterstützung geben, Wissen weitergeben, dass sie lernen, mit
diesen Kindern, ich sage dann, persönlichsgerechter umzugehen.
[00:43:55.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wahnsinnig wichtig und wir könnten so viel Geld sparen.
[00:44:00.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Das habe ich auch in meinem Buch am Schluss etwas beschrieben.
[00:44:05.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt möchte ich Sie noch fragen: Haben Sie eine Frage an mich?
[00:44:13.100] – Prof. Jürg Kesselring
Ja, ob es Ihnen weiterhin Freude macht, diese Erkenntnisse, die Sie da
zusammentragen, eben so zu formulieren, dass es die anderen Leute verstehen.
[00:44:24.380] – Prof. Jürg Kesselring
Ich habe das eindeutig erlebt, dass Freude einer der stärksten Motivationen ist.
[00:44:31.340] – Prof. Jürg Kesselring
Ihr Psychologen und Psychiater studiert Freud und Jung und Adler und alle die, aber zu
wenig wird beschrieben, was Freude bedeutet.
[00:44:41.380] – Prof. Jürg Kesselring
Das ist die Motivation, die man haben kann und welche Methoden man anwendet,
welches Rezept man für sich selber verwendet, um Freude erhalten zu können.
[00:44:54.280] – Prof. Jürg Kesselring
Wenn man mir dann sagt: ja, du bist einfach ein alter Romantiker, dass du meinst, in
dieser schlechten Welt und in diesem Jammertal, soll man noch Freude haben, dann
kann ich sagen: doch, ich habe Grund dafür, und zwar am eigenen Erleben und an der
Freude, an der Begegnung mit anderen Menschen, speziell mit den kleinen Kindern.
[00:45:14.460] – Prof. Jürg Kesselring
Da kommt man ja aus dem Staunen nicht heraus.
[00:45:17.330] – Prof. Jürg Kesselring
Die alten Griechen haben das ja auch so formuliert und ich finde das weiterhin
brauchbar.
[00:45:24.360] – Prof. Jürg Kesselring
Der Anfang der Weisheit ist das Staunen, aber das muss man üben, dass man das
kann, weil zu sagen: alles ist scheiße, Mann, das ist einfach, aber das wird der Realität
nicht gerecht.
[00:45:38.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Doch, also ich gebe mein Wissen sehr gerne weiter in einfachen Worten, in Vorträgen
und so weiter, wenn ich angefragt werde.
[00:45:48.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das mit dem Staunen finde ich toll.
[00:45:52.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir müssen unsere Neugier behalten, unser Staunen, und nicht meinen, wir wissen
alles schon.
[00:46:00.000] – Dr.med. Ursula Davatz
So sage ich auch meinen Gesprächspartnern: wir sind ständig am Lernen und wir sind
weiter am Lernen bis zum Tode.
[00:46:10.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist etwas vom Schönsten. Das hält uns jung.
[00:46:15.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sehr gut.
[00:46:16.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielen Dank für Ihren Beitrag. Es war sehr interessant für mich und ich freue mich
darüber.
[00:46:24.730] – Prof. Jürg Kesselring
Sehr schön. Danke Ihnen vielmals!
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