Vorteile und Nachteile der „sozialen Genschere“

Dr. med. Ursula Davatz verwendet die Metapher der „sozialen Genschere“, um die Arbeit von Fachkräften in der Familienarbeit zu beschreiben. Sie vergleicht diese mit der Genschere CRISPR, die in der Genforschung eingesetzt wird, um Gene gezielt zu verändern.

Vorteile der „sozialen Genschere“:

  • Veränderung von Verhaltensmustern: Soziale Interventionen, wie sie von Fachkräften in der Familienarbeit durchgeführt werden, können dazu beitragen, negative Verhaltensmuster in Familien zu verändern und positive Entwicklungen zu fördern.
  • Einfluss auf die soziale Vererbung: Durch die Arbeit mit Familien können Fachkräfte Einfluss auf die soziale Vererbung nehmen und dazu beitragen, dass positive Werte, Traditionen und Erziehungsmuster an die nächste Generation weitergegeben werden.
  • Verbesserung der Kommunikation: Fachkräfte können Familien dabei unterstützen, eine offene und wertschätzende Kommunikationskultur zu entwickeln und Konflikte konstruktiv zu lösen.
  • Stärkung der Familienressourcen: Die Familienarbeit kann dazu beitragen, die Ressourcen und Kompetenzen von Familienmitgliedern zu stärken und ihnen so helfen, Herausforderungen besser zu bewältigen.

Nachteile der „sozialen Genschere“:

  • Eingriff in die Privatsphäre: Die Arbeit mit Familien erfordert einen tiefen Einblick in die Privatsphäre der Familienmitglieder. Fachkräfte müssen daher besonders sensibel und respektvoll vorgehen.
  • Mögliche Widerstände: Familienmitglieder können Widerstand gegen die Interventionen von Fachkräften leisten, insbesondere wenn sie die Notwendigkeit der Unterstützung nicht erkennen oder Angst vor Veränderungen haben.
  • Begrenzte Einflussmöglichkeiten: Die „soziale Genschere“ hat zwar das Potenzial, positive Veränderungen zu bewirken, aber Fachkräfte können Familien nicht zwingen, ihre Ratschläge und Empfehlungen zu befolgen.
  • Zeitaufwändige Prozesse: Die Veränderung von Verhaltensmustern und sozialen Strukturen in Familien ist ein langwieriger und komplexer Prozess, der viel Zeit und Geduld erfordert.

Zusätzliche Punkte aus den Quellen:

  • Dr. Davatz betont, dass die „soziale Genschere“ effektiver ist als die technische Genschere, da sie auf der Ebene der Kommunikation und der Beziehungen zwischen Menschen ansetzt.
  • Sie vergleicht Fachkräfte in der Familienarbeit mit „Gelenkfett“, das dazu beiträgt, dass die Interaktionen innerhalb der Familie reibungsloser ablaufen.
  • Sie ermutigt Fachkräfte, die Grosseltern in die Familienarbeit miteinzubeziehen, da sie wertvolle Ressourcen sein können und ihr Einfluss auf die soziale Vererbung nicht unterschätzt werden sollte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die „soziale Genschere“ ein mächtiges Werkzeug ist, das verantwortungsvoll eingesetzt werden muss. Fachkräfte in der Familienarbeit haben die Möglichkeit, positive Veränderungen in Familien zu bewirken, müssen sich aber auch ihrer Grenzen bewusst sein und die Privatsphäre und Autonomie der Familienmitglieder respektieren.

https://ganglion.ch/pdf/Grosseltern_11.9.2024.m4a.pdf

Die Rolle der aufsuchenden Familienarbeit

Dr.med. Ursula Davatz beschreibt die Aufgabe von Personen in der aufsuchenden Familienarbeit als vermittelnde und unterstützende Rolle im komplexen Gefüge familiärer Beziehungen. Sie vergleicht diese Fachkräfte mit „sozialen Genscheren“ oder „CRISPRs“, die positive Veränderungen im Familiensystem anstoßen können.

Zentrale Aufgaben der aufsuchenden Familienarbeit:

  • Kommunikation fördern: Fachkräfte sollen die Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern verbessern, indem sie verschiedene Perspektiven und Bedürfnisse aufzeigen und Raum für einen offenen Dialog schaffen.
  • Verständnis für die soziale Vererbung entwickeln: Um Familien effektiv unterstützen zu können, ist es entscheidend, die unterschiedlichen Wertvorstellungen, Erziehungsmuster und kulturellen Hintergründe der Familienmitglieder zu verstehen und zu berücksichtigen.
  • Konflikte erkennen und bearbeiten: Fachkräfte sollen versteckte Konflikte und Spannungen innerhalb der Familie aufdecken und die Familienmitglieder bei der konstruktiven Lösungssuche unterstützen. Dabei ist es wichtig, alle Beteiligten in ihrer Rolle und ihren Emotionen zu validieren und zu verhindern, dass einzelne Familienmitglieder für die Probleme verantwortlich gemacht werden.
  • Ressourcen aktivieren: Die aufsuchende Familienarbeit soll die Stärken und Ressourcen der Familie identifizieren und aktivieren, um Eigeninitiative und Selbstwirksamkeit zu fördern. Dazu gehört auch die Einbeziehung weiterer Bezugspersonen im „Care System“, die das Kind positiv beeinflussen können.
  • Verhandeln und vermitteln: Fachkräfte fungieren als neutrale Vermittler zwischen den Familienmitgliedern und helfen ihnen, gemeinsame Lösungen zu finden und klare Regeln und Strukturen im Umgang miteinander zu entwickeln.

Besondere Herausforderungen der aufsuchenden Familienarbeit:

  • Widerstand der Familienmitglieder: Nicht alle Familienmitglieder sind offen für die Unterstützung durch die aufsuchende Familienarbeit. Ängste, Schuldgefühle und Misstrauen können dazu führen, dass sich Familienmitglieder verschließen und die Hilfe ablehnen. In solchen Fällen ist es wichtig, geduldig und einfühlsam zu sein und die Familienmitglieder behutsam an die Thematik heranzuführen.
  • Komplexität der Familiensysteme: Jedes Familiensystem ist einzigartig und komplex. Fachkräfte müssen sensibel für die individuellen Dynamiken und Herausforderungen der Familie sein und ihre Herangehensweise flexibel an die jeweilige Situation anpassen.
  • Gesellschaftliche Erwartungen und Normen: Das traditionelle Familienbild ist in der Gesellschaft noch immer stark verankert. Fachkräfte müssen sich dieser gesellschaftlichen Normen bewusst sein und die Familienmitglieder dabei unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden, der ihren individuellen Bedürfnissen und Wertvorstellungen entspricht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die aufsuchende Familienarbeit eine anspruchsvolle Aufgabe ist, die viel Fingerspitzengefühl, Empathie und Fachwissen erfordert. Die Fachkräfte fungieren als Vermittler, Unterstützer und Begleiter, die Familien helfen, ihre Konflikte zu lösen, ihre Ressourcen zu aktivieren und ein stabiles und gesundes System zu entwickeln.

https://ganglion.ch/pdf/Grosseltern_11.9.2024.m4a.pdf