Neurodiversität im Unterricht

Die Neurodiversität im Unterricht umfasst Kinder mit unterschiedlichen neurologischen Funktionsweisen, wie etwa ADHS/ADS oder Autismus-Spektrum-Störungen. In den Quellen wird betont, dass ein erfolgreicher Umgang mit diesen Kindern eine Abkehr von rein medizinischen Defizit-Modellen hin zu einer stärkenorientierten Pädagogik erfordert.

Hier sind die zentralen Punkte zur Gestaltung eines neurodiversitäts-sensiblen Unterrichts:

1. Verständnis der neurologischen Ursachen

Der wichtigste Schritt für Lehrpersonen ist das Wissen, dass neurodivergente Kinder bestimmte Dinge nicht mit Absicht tun. Ihr Gehirn funktioniert schlichtweg anders, was oft als Provokation missverstanden wird. Eine Sensibilisierung für diese Unterschiede – etwa zwischen Jungen und Mädchen oder die spezifischen Bedürfnisse bei Autismus – hilft Lehrkräften, Situationen adäquat einzuschätzen.

2. Praktische Anpassungen der Lernumgebung

Oft können bereits kleine, niederschwellige Massnahmen im Klassenzimmer die Belastung für neurodivergente Kinder massiv senken:

  • Licht und Schatten: Ein Kind mit ADHS sollte beispielsweise nicht am Fenster sitzen, wo es durch Lichtreize oder das Geschehen draussen abgelenkt wird; ein Platz im Schatten ist oft besser.
  • Reizreduktion: Der bewusste Umgang mit visuellem und akustischem Lärm ist entscheidend, um eine Überreizung zu vermeiden.
  • Individualisierung: Starre Schemata funktionieren nicht. Dies betrifft auch die Hausaufgaben: Manche Kinder benötigen die Freiheit, Aufgaben dann zu erledigen, wenn sie die nötige Konzentration aufbringen können, anstatt einem festen Zeitplan zu folgen.
  • Lerninseln: Die Nutzung von sogenannten Lerninseln ermöglicht es, sowohl das Kind als auch die restliche Klasse kurzzeitig zu entlasten, ohne dass der Anschluss an den Lernstoff verloren geht.

3. Pädagogische Strategien und Haltung

  • Verzicht auf Strafen: Klassische Erziehungsmethoden wie Belohnung und Bestrafung greifen bei neurodivergenten Kindern oft nicht und können die Situation sogar verschlechtern.
  • Beziehung vor Stoffvermittlung: Wenn die Beziehung zwischen Lehrperson und Schüler beschädigt ist, findet kein Lernen mehr statt. In eskalierenden Fällen kann es zum Schutz beider Parteien notwendig sein, sie räumlich zu trennen.
  • „Sein lassen“: Manchmal besteht die beste Unterstützung darin, den Druck herauszunehmen und das Kind „einfach mal sein zu lassen“, damit es seine eigenen Strategien entwickeln kann.

4. Systemische Unterstützung und Kooperation

Neurodiversität im Unterricht ist keine Aufgabe, die eine Lehrperson allein bewältigen kann.

  • Fachpersonal: Der Einsatz von Schulsozialarbeit, Heilpädagogen und Assistenten ist essenziell, um Gruppenprozesse zu begleiten und die Lehrkraft zu entlasten.
  • Einbezug der Familie: Kinder bringen immer eine Familiengeschichte mit. Eine Zusammenarbeit zwischen Schule, Eltern und Therapeuten (systemischer Ansatz) ist notwendig, um das Kind ganzheitlich zu stützen.
  • Ausbildung: Es wird gefordert, dass Wissen über Neurodiversität und Heilpädagogik ein verpflichtender Teil der Grundausbildung für alle Lehrpersonen wird, nicht nur eine freiwillige Zusatzqualifikation.

5. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Relevanz

Dr. Davatz weist darauf hin, dass eine bessere Unterstützung neurodivergenter Kinder im Schulsystem massiv Kosten im Gesundheitswesen sparen würde. Wenn Talente nicht „abgeklemmt“ werden, nur weil Kinder nicht ins Schema passen, können sie sich zu erfolgreichen Erwachsenen entwickeln. Prävention in der Schule ist somit effektiver als eine spätere Behandlung von psychischen Folgeschäden durch Ausgrenzung.

Man kann sich ein neurodiverses Klassenzimmer wie einen Garten vorstellen: In einem herkömmlichen Beet erwartet man, dass alle Pflanzen gleichzeitig und in die gleiche Richtung wachsen. Ein neurodiverser Garten hingegen erkennt an, dass der Farn Schatten braucht, während die Sonnenblume das Licht sucht – und dass der Gärtner nur dann eine reiche Ernte einfährt, wenn er jeder Pflanze den Boden und die Pflege gibt, die ihrer Natur entsprechen.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2026/01/Basler_Davatz_10.12.2025.m4a.pdf

Neurodiversität verstehen

Dr.med. Ursula Davatz betrachtet ADHS/ADS als eine individuelle Neurodiversität, einen Neurotyp oder Persönlichkeitstyp, der genetisch vererbt wird. Sie betont, dass es sich dabei nicht um eine Modekrankheit handelt, wie oft in den Medien dargestellt.

Neurodiversität ist ein Konzept, das die natürliche Vielfalt des menschlichen Gehirns und der menschlichen Kognition anerkennt. Es geht davon aus, dass es keine „normale“ Art zu denken oder zu lernen gibt, sondern dass jeder Mensch einzigartige Stärken und Herausforderungen hat.

Dr. Davatz verwendet den Begriff Neurodiversität, um zu verdeutlichen, dass ADHS/ADS keine Krankheit ist, sondern eine Variante des menschlichen Gehirns. Dieser Neurotyp kann zwar Folgekrankheiten entwickeln, diese sind jedoch nicht zwangsläufig und können durch einen geschickten Umgang mit den Betroffenen vermieden werden.

Ein wichtiger Aspekt des Verstehens von Neurodiversität ist die Abkehr von der Idee der „Normierung“. Anstatt Menschen mit ADHS/ADS an vorgegebenen Standards zu messen und zu versuchen, sie anzupassen, sollten ihre individuellen Bedürfnisse und Stärken im Vordergrund stehen.

Das bedeutet konkret:

  • Akzeptanz der Andersartigkeit: Anstatt ADHS/ADS als Defizit zu betrachten, sollte man die einzigartigen Denk- und Verhaltensweisen der Betroffenen als wertvollen Teil der menschlichen Vielfalt anerkennen.
  • Individuelle Unterstützung: Statt standardisierter Lösungen sollten massgeschneiderte Ansätze entwickelt werden, die auf die spezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen der jeweiligen Person eingehen.
  • Stärken fördern: ADHS/ADS ist oft mit besonderen Stärken wie Kreativität, Spontaneität und Hyperfokus verbunden. Diese Stärken sollten erkannt und gefördert werden.

Das Verständnis von Neurodiversität kann dazu beitragen, ein inklusiveres Umfeld zu schaffen, in dem Menschen mit ADHS/ADS ihre Potenziale voll entfalten können.

https://ganglion.ch/pdf/50_Jahre_ADHS_ADS_6.12.2024.m4a.pdf

Autismus verstehen: Ein Einblick in die Neurodiversität

Dr. med. Ursula Davatz, eine erfahrene Psychiaterin und Familientherapeutin, gibt in ihrem Vortrag wertvolle Einblicke in das Wesen des Autismus und plädiert für einen respektvollen und verständnisvollen Umgang mit autistischen Menschen.

Autismus als Basisstörung:

  • Dr. Davatz betrachtet Autismus als eine neurologische Basisstörung, die sich in verschiedenen Ausprägungen und Begleiterscheinungen manifestieren kann.
  • Sie betont, dass Autismus nicht heilbar ist, sondern dass es darum geht, mit den autistischen Eigenschaften umzugehen und sie zu fördern.
  • Individuelle Unterschiede: Es ist wichtig zu verstehen, dass jeder Autist einzigartig ist und dass es kein allgemeingültiges „Schema“ gibt.

Neurologische Besonderheiten:

  • Vernetzung im Gehirn: Dr. Davatz bezieht sich auf aktuelle Forschungsergebnisse, die zeigen, dass bei Autisten bestimmte Bereiche im Gehirn stärker vernetzt sind als bei nicht-autistischen Menschen.
  • Synaptic Pruning: Der Prozess des Synaptic Pruning, bei dem im Laufe der Pubertät überflüssige neuronale Verbindungen abgebaut werden, verläuft bei Autisten verzögert.
  • Folgen der Verzögerung: Diese Verzögerung führt dazu, dass Autisten mehr Zeit benötigen, um Informationen zu verarbeiten und Entscheidungen zu treffen.
  • Spätere Reifung: Dr. Davatz erklärt, dass Autisten aufgrund der verzögerten Hirnentwicklung erst mit ca. 25 Jahren „erwachsen“ werden.

Herausforderungen im Alltag:

  • Überlastung durch Reize (System Overload): Autisten sind aufgrund ihrer erhöhten Sensibilität anfälliger für Überlastung durch Reize.
  • Unregelmäßigkeiten: Unvorhersehbare Ereignisse und Abweichungen von Routinen können für Autisten sehr belastend sein.
  • Kommunikationsschwierigkeiten: Die Kommunikation mit Autisten kann herausfordernd sein, da sie oft nonverbale Signale nicht verstehen oder Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Gedanken und Gefühle auszudrücken.

Umgang mit Autisten:

  • Validierung und Akzeptanz: Dr. Davatz betont die Wichtigkeit der Validierung, also der Anerkennung der autistischen Person in ihrer Individualität und der Akzeptanz ihrer Bedürfnisse.
  • Von Autisten lernen: Anstatt zu versuchen, Autisten zu „normalisieren“, sollten wir von ihnen lernen und ihre Sichtweise verstehen.
  • Individuelle Förderung: Die Förderung von Autisten sollte individuell auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sein und ihre Stärken berücksichtigen.
  • Geduld und Sensibilität: Der Umgang mit Autisten erfordert Geduld, Sensibilität und die Bereitschaft, sich auf ihre Bedürfnisse einzustellen.
  • Verständnis im Umfeld: Es ist wichtig, dass auch das Umfeld des Autisten (Familie, Schule, Arbeitgeber) über Autismus aufgeklärt ist und lernt, mit den autistischen Eigenschaften umzugehen.

Diagnose und Unterstützung:

  • Diagnose durch Fachpersonen: Die Diagnose Autismus sollte von erfahrenen Fachpersonen gestellt werden.
  • Herausforderungen bei der Diagnosestellung: Dr. Davatz räumt ein, dass die Diagnosestellung bei Autismus schwierig sein kann, da die Ausprägungen sehr unterschiedlich sind und sich insbesondere Mädchen oft gut anpassen und ihre autistischen Eigenschaften verbergen.
  • Wartezeiten: Leider gibt es oft lange Wartezeiten für eine Diagnose und therapeutische Unterstützung.
  • Alternativen: Dr. Davatz empfiehlt, sich an Kinderärzte oder Kinderpsychiater zu wenden, da diese oft schneller Termine anbieten können.

Fazit:

Autismus ist eine komplexe neurologische Entwicklungsstörung, die sich auf vielfältige Weise manifestieren kann. Ein respektvoller Umgang, Verständnis für die individuellen Bedürfnisse und eine angemessene Förderung sind entscheidend, um Autisten zu unterstützen und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

https://ganglion.ch/pdf/Autismus%20u%20Psychiatrie,%20was,%20wenn%20nichts%20mehr%20geht.m4a.pdf