Der Übergang vom normalen Narzissmus zur Störung

Dr.med. Ursula Davatz beschreibt den Übergang von normalem Narzissmus zu einer Störung als fliessend und schwer zu definieren. Sie betont, dass jeder Mensch narzisstische Anteile hat, die im Grunde ein natürliches Bedürfnis nach Anerkennung, Wertschätzung und Respekt darstellen. Problematisch wird es erst dann, wenn diese Bedürfnisse übermässig stark ausgeprägt sind und das Verhalten und die Interaktionen mit anderen Menschen negativ beeinflussen.

Ein wichtiger Faktor bei der Beurteilung, ob es sich um eine Störung handelt, ist die eigene Toleranzgrenze. Dr. Davatz erläutert, dass es keine festen Grenzen gibt und die Einschätzung, ob ein Verhalten pathologisch ist, auch von der subjektiven Wahrnehmung des Gegenübers abhängt.

Zusammenfassend lässt sich sagen:

  • Gesunde narzisstische Anteile sind wichtig für ein gesundes Selbstwertgefühl und die Fähigkeit, sich durchzusetzen.
  • Erst wenn die narzisstischen Bedürfnisse übermässig stark ausgeprägt sind und zu Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen und im Arbeitsleben führen, spricht man von einer Störung.
  • Die Grenze zwischen gesundem Narzissmus und einer Störung ist fliessend und hängt auch von der Toleranzgrenze des Gegenübers ab.

Dr.med. Ursula Davatz warnt davor, im Konfliktfall vorschnell eine Diagnose zu stellen. Stattdessen empfiehlt sie, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu kommunizieren, wenn ein Verhalten nicht mehr tolerierbar ist.

https://ganglion.ch/pdf/Narzissmus%20und%20pers%C3%B6nliche%20Identit%C3%A4t.m4a.pdf

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung: Ursachen, Merkmale und Umgang

Dr.med. Ursula Davatz erläutert in ihrem Vortrag „Narzissmus und persönliche Identität“ die narzisstische Persönlichkeitsstörung und ihre Zusammenhänge mit der Identitätsfindung. Sie betont, dass diese Störung oft tief in der Persönlichkeit verwurzelt ist und sich nur schwer therapieren lässt.

Ursachen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Die Entwicklung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung hat oft ihre Wurzeln in der Kindheit. Betroffene sind häufig von Geburt an sehr sensible Menschen, die schneller verletzt werden als andere. Gleichzeitig haben sie in ihrer Kindheit nicht die notwendige Anerkennung und Akzeptanz von ihren Eltern und ihrem Umfeld erhalten. Diese gestörte Persönlichkeitsentwicklung führt dazu, dass sie auch im Erwachsenenalter ständig nach Anerkennung und Bestätigung suchen.

Dr. Davatz beschreibt zwei extreme Muster, die zur Entstehung der Störung beitragen können:

  • Mangelnde Anerkennung: Kinder werden ständig kritisiert und nichts, was sie tun, ist gut genug. Sie wachsen mit dem Gefühl auf, wenig wert zu sein.
  • Überbehütung und Verwöhnung: Kinder bekommen alles, was sie sich wünschen und werden ständig gelobt, auch wenn es keinen Grund dafür gibt. Dadurch lernen sie nicht, mit Frustrationen umzugehen und entwickeln eine unrealistische Erwartungshaltung an die Welt.

Merkmale der narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zeigen typische Verhaltensmuster:

  • Starke Selbstbezogenheit: Sie stellen ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle in den Mittelpunkt und haben wenig Empathie für andere.
  • Schnelle Verletzbarkeit: Sie reagieren extrem empfindlich auf Kritik und fühlen sich schnell angegriffen.
  • Niedrige Frustrationstoleranz: Sie haben Schwierigkeiten, mit Ablehnung oder Kritik umzugehen, und reagieren dann mit Aggression, Rückzug oder Beziehungsabbrüchen.
  • Übermässiges Bedürfnis nach Anerkennung: Sie haben ein starkes Verlangen nach Bewunderung und Bestätigung.
  • Anspruchshaltung („Entitlement“): Sie haben oft das Gefühl, dass ihnen etwas zusteht, was sie in der Kindheit nicht erhalten haben und erwarten von anderen, diese Bedürfnisse zu erfüllen.

Diese Verhaltensweisen sind oft sehr anstrengend für das Umfeld der Betroffenen. Partner, Freunde und Familienmitglieder fühlen sich ausgesaugt und energielos, weil sie ständig die Bedürfnisse der narzisstischen Person befriedigen müssen.

Umgang mit narzisstischen Personen

Der Umgang mit narzisstischen Personen kann herausfordernd sein, aber Dr. Davatz gibt einige Tipps:

  • Sorgfältige Kommunikation: Achten Sie auf einen respektvollen und wertschätzenden Ton, um unnötige Verletzungen zu vermeiden.
  • Wahrnehmen und Validieren von Verletzungen: Nehmen Sie die Verletzungen der Person ernst und zeigen Sie Verständnis, ohne sie zu verhätscheln.
  • Konfliktlösung: Helfen Sie der Person, ihre Gefühle in Worte zu fassen und konstruktive Lösungen für Konflikte zu finden.
  • Fehlerkultur: Schaffen Sie ein Umfeld, in dem Fehler als Lernchance gesehen und offen darüber gesprochen werden kann.

Überwindung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Dr. Davatz ist überzeugt, dass auch Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sich verändern können. Voraussetzung dafür sind positive Erfahrungen, in denen sie wertschätzend behandelt und in ihrer Entwicklung unterstützt werden.

Anstatt den Narzissmus zu bekämpfen, sollte man die Identitätsfindung der betroffenen Person fördern. Wenn es gelingt, die Identitätsentwicklung positiv zu beeinflussen, kann der Narzissmus allmählich zurückgehen.

ADHS/ADS und Narzissmus

Dr. Davatz sieht einen Zusammenhang zwischen ADHS/ADS und der Entwicklung von Narzissmus. Menschen mit ADHS/ADS sind oft sehr sensibel und reagieren entweder mit Aggression oder Rückzug auf Kränkungen. Diese Eigenschaften begünstigen die Entstehung einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Allerdings betont Dr.med. Ursula Davatz, dass nicht alle Menschen mit ADHS/ADS narzisstisch werden. Sie geht davon aus, dass ADHS/ADS die Grundkonstellation darstellt, während die narzisstische Persönlichkeitsstörung durch die Interaktion mit einem ungünstigen Umfeld entsteht.

https://ganglion.ch/pdf/Narzissmus%20und%20Persoenlichkeitsfindung%20Wendepunkt_15.6.2023.pdf