Wie verändern sich Wertvorstellungen in der Erziehung?

Dr. med. Ursula Davatz spricht in einem Workshop über die Veränderung von Wertvorstellungen in der Erziehung an verschiedenen Stellen im Gespräch an.

Sie erklärt, dass die Erziehung in der Familie dazu dient, die Tradition der Familie aufrechtzuerhalten. Die Wertvorstellungen und wie man diese weitergibt, sind vielfältig. Das kann durch Belohnung, Bestrafung oder durch das Vorbild geschehen, wobei das Vorbild etwas sehr Wichtiges ist. Früher sei der Lehrer die Person gewesen, die alles gewusst habe, aber heute könne man sich das gesamte Wissen im Internet holen. Dies deutet darauf hin, dass sich der Wert von reinem Wissen, das von Autoritätspersonen vermittelt wird, verändert hat. Wissen ist heute nicht mehr so wichtig, da man ja alles googeln kann.

Frau Dr. Davatz betont, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben mit 30% Ausländern in der Schweiz und vielen multikulturellen Heiraten. Das führt dazu, dass verschiedene Erziehungsmodi zusammenkommen, die sich gegenseitig bekämpfen oder ergänzen können. Verschiedene Kulturen bringen auch verschiedene Wertesysteme mit sich. Die Schweiz ist stark geprägt von der christlichen Kultur, aber mit dem Aufeinandertreffen anderer Kulturen könne es schnell zu Streit kommen. Es ist wichtig zu lernen, wie man mit Andersdenkenden kollektiv umgeht und wie man sich einander nähern kann, indem man versucht zu dezentrieren und zu verstehen, wie der andere etwas sieht.

Frau Dr. Davatz sagt, man solle das Kind nicht moralisch erziehen, sondern nach seinen eigenen Wertvorstellungen, die individuell sind und nie gleich. Wir dürfen unterschiedlich sein. Je mehr man sich mit Unterschieden auseinandersetzt, umso mehr lernt man voneinander. Heterogene Gemeinschaften überleben besser als homogene.

Sie kritisiert die Tendenz, Kinder und Jugendliche sich selbst zu überlassen, indem man ihnen Lernpläne gibt und erwartet, dass sie alles selbstständig erarbeiten, oft über Internetportale. Dadurch geht der persönliche Kontakt verloren, was zu Hilflosigkeit bei jungen Menschen führen kann. Es wird nur auf den IQ geschaut, während der EQ (emotionale Intelligenz) vernachlässigt wird. Das emotionale Lernen wird grob vernachlässigt.

Zusammenfassend verändern sich die Wertvorstellungen in der Erziehung unter dem Einfluss von multikulturellen Gesellschaften, dem Wandel des Wissens, das heute leichter zugänglich ist, und einem größeren Fokus auf Individualität und die Akzeptanz von Unterschieden. Gleichzeitig wird aber auch kritisiert, dass emotionale und soziale Werte im Vergleich zu reiner Wissensvermittlung und individueller Leistung eher vernachlässigt werden. Frau Dr. Davatz plädiert für eine Rückbesinnung auf gutes Sozialverhalten und die Pflege von Beziehungen als zentrale Werte in der Erziehung. Es ist wichtig, Regeln im Schulalltag mit Herz zu vertreten und den Fokus auf Austausch und Lösungen statt auf Täter und Opfer zu legen.

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Die Wichtigkeit der Kenntnis sozialer Muster und Wertvorstellungen der Grosseltern

Gemäss Dr.med. Ursula Davatz ist es entscheidend, die sozialen Muster der Familie und die Wertvorstellungen der Grosseltern zu kennen, um Kindern und Familien optimal helfen zu können. Dies begründet sie mit folgenden Punkten:

1. Einfluss der sozialen Vererbung:

  • Dr. Davatz betont, dass soziale Vererbung, die Weitergabe von Werten, Traditionen und Erziehungsmustern über Generationen, einen grossen Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes hat.
  • Die Wertvorstellungen und Erziehungspraktiken der Grosseltern prägen die Eltern und wirken sich indirekt auf das Kind aus.
  • Um die Dynamik innerhalb einer Familie zu verstehen, ist es daher essenziell, die Herkunft der sozialen Muster zu kennen und zu analysieren, welche Werte und Verhaltensweisen von den Grosseltern an die Eltern und schliesslich an das Kind weitergegeben wurden.

2. Verstehen von Konflikten und Blockaden:

  • Konflikte zwischen Eltern und Grosseltern entstehen oft aufgrund unterschiedlicher Wertvorstellungen und Erziehungsstile.
  • Kenntnisse über die sozialen Muster und Wertvorstellungen der Grosseltern helfen, diese Konflikte besser zu verstehen und Lösungsansätze zu entwickeln.
  • Ungelöste Konflikte und Blockaden in der Eltern-Grosseltern-Beziehung können sich negativ auf das Kind auswirken, da es in einen Loyalitätskonflikt geraten kann oder die Spannungen im Familiensystem spürt.

3. Ressourcenorientierte Familienarbeit:

  • Die Grosseltern sind Teil des „Care Systems“ und können wertvolle Ressourcen für die Familie sein, beispielsweise durch Unterstützung bei der Kinderbetreuung oder emotionale Unterstützung.
  • Um diese Ressourcen optimal nutzen zu können, ist es wichtig, die Grosseltern in die Familienarbeit miteinzubeziehen und ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten zu berücksichtigen.
  • Dies erfordert jedoch, dass man ihre Wertvorstellungen und Erwartungen kennt und ihnen mit Wertschätzung und Respekt begegnet.

4. Vermeidung von negativer sozialer Vererbung:

  • Negative Erfahrungen und unverarbeitete Konflikte der Grosseltern, beispielsweise aus ihrer eigenen Kindheit oder Elternschaft, können sich auf die Enkelkinder übertragen.
  • Indem man die Geschichte der Grosseltern erforscht, kann man diese negativen Muster erkennen und ihnen entgegenwirken.
  • Fachkräfte können den Grosseltern helfen, ihre eigenen Erfahrungen zu verarbeiten und so verhindern, dass sich negative Muster wiederholen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kenntnis der sozialen Muster der Familie und der Wertvorstellungen der Grosseltern für eine erfolgreiche Familienarbeit unerlässlich ist. Sie ermöglicht ein tieferes Verständnis der Familiendynamik, hilft Konflikte zu lösen und Ressourcen zu aktivieren sowie negativer sozialer Vererbung entgegenzuwirken.

https://ganglion.ch/pdf/Grosseltern_11.9.2024.m4a.pdf