Transkript
Dr.med. Ursula Davatz
28.5.2024
Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS).
Audio
[00:00:00.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich begrüsse alle ganz herzlich zur heutigen Weiterbildung zum Thema:
Posttraumatische Belastungsstörungen.
[00:00:09.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Heutzutage kürzen wir alles ab.
[00:00:11.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann heisst es PTBS.
[00:00:15.880] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Posttraumatische_Belastungsst%C3%B6rung
[00:00:16.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche zuerst das Wort „Trauma" zu definieren, respektive ein bisschen zu
erklären.
[00:00:26.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Unter Trauma versteht man eine körperliche oder psychische, starke Verletzung.
[00:00:34.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Verletzung, wo die Auswirkung für längere Zeit bleibt. Die Verletzung hat
Nachwirkungen.
[00:00:40.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sich in den Finger schneidet, das Bein bricht, ergibt das einen Stress, aber
mit dem ist man schneller fertig. Nach sechs Wochen sollte das wieder geheilt sein.
[00:00:56.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein wirkliches Trauma bleibt in der Psyche hängen.
[00:01:11.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Die erste emotionale Verarbeitung, welche der Mensch mit seinem Gehirn macht,
befindet sich im limbischen System und dort im Hippocampus.
[00:01:20.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Innerhalb von dem Hippocampus werden belastende Sachen gespeichert.
[00:01:28.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Es werden auch andere Sachen gespeichert. Belastende Sachen, die emotional
belastend sind, die werden ganz speziell gespeichert.
[00:01:35.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn daraus eine Belastungsstörung resultiert, dann bleibt das dort gespeichert. Das
heisst, man kann das emotionale Erlebnis nicht an das Grosshirn weitergeben.
[00:01:37.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir Menschen haben ein emotionales Gehirn, ein Grosshirn und ein vegetatives Gehirn.
[00:01:55.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Das emotionale Gehirn nimmt alles zuerst auf.
[00:01:58.060] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem emotionalen Hirn ist auch die persönliche Biografie.
[00:02:03.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn etwas zu einer Belastungsstörung wird, dann bleibt die Erinnerung in dem Hirnteil
hängen.
[00:02:14.640] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem das Ereignis, das Erlebnis dort hängen bleibt und nicht weitergegeben wird, gibt
das eine Einschränkung in den emotionalen Erlebnissen, im emotionalen
Erlebnisbereich.
[00:02:25.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn neue Dinge hinzu kommen ist das Gehirn blockiert. Es kostet Energie diese
Erinnerung aufrecht zu erhalten, weil sie noch nicht verarbeitet ist.
[00:02:26.080] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem das Erlebnis nicht abgelegt werden kann, bleibt das emotionale Gehirn vermehrt
beschäftigt und ist nicht genügend bereit um neue, schwierige Dinge zu verarbeiten.
[00:02:43.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht heute sogar davon, dass das Gehirn ein wenig schrumpft, um wenige
Prozente.
[00:03:21.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Psychiater, hat das angeschaut hat und Messungen gemacht.
[00:03:40.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick wo das Gehirn mit Traumatas belastet ist, ist man nicht mehr so
funktionstüchtig. Man ist nicht mehr so anpassungsfähig, nicht mehr so
verarbeitungsfähig. Das ist natürlich ein Problem.
[00:03:55.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann spricht man von einer posttraumatischen Belastungsstörung.
[00:03:59.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Die posttraumatische Belastungsstörung bringt mit sich, dass die traumatischen
Ereignisse, es können, körperliche oder psychische sein oder beides.
[00:04:12.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der posttraumatischen Belastungsstörung werden die Erinnerungsbilder, Bilder, die
an das Geschehen erinnern, kommen immer wieder hervor.
[00:04:22.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Bilder werden immer wieder hervor geholt.
[00:04:22.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich zur Verarbeitung hervor geholt.
[00:04:32.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann sie dann einfach verdrängen und es gibt durchaus Leute, die gut solche
Dinge verdrängen können.
[00:04:39.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele Leute können es nicht und dann kommt das dauernd wieder hoch.
[00:04:44.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Wiederkäuer, welcher sein Fressmaterial, also das Heu, wieder hoch stösst, um
nochmals wieder zu kauen.
[00:04:54.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Die posttraumatische Belastungsstörung braucht eine Aufarbeitung, um das Gehirn
wieder frei zu machen.
[00:05:10.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Dazu gibt es verschiedene Methoden.
[00:05:11.270] – Dr.med. Ursula Davatz
In der letzten Zeit ist die PTBS mehr Mode geworden. Es ist auch schon 20 Jahre her.
Davor gab es die Diagnose posttraumatische Belastungsstörung nicht. Man hat einfach
nur von Trauma gesprochen. Trauma hat auch geheissen: das kommt dann im Traum
wieder.
[00:05:33.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind schwere Dinge, welche einem im Traum wieder kommen.
[00:05:36.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Eigentlich ist der Traum dazu da, dass man die Dinge löscht, vergisst, dass man nicht
mehr belastet ist. Das ist eine unbewusste Leerung des Gehirns.
[00:05:43.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es eine PTBS ist, dann bleibst das dort sitzen.
[00:05:48.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Prinzip der Traumatherapie gehört zu jeder Therapie, dass man damit umgehen
kann.
[00:06:07.590] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Therapie der posttraumatischen Belastungsstörung gibt es verschiedene
Methoden.
[00:06:24.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Methode ist, dass man mit dem Trauma Opfer über das Ganze Geschehen spricht.
So genau wie möglich.
[00:06:42.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es gerade kurz nach einem Ereignis ist, wollen viele nicht darüber reden.
[00:06:46.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Damals, wo Halifax war, wo das Flugzeug abgestürzt ist, sind viele Traumatherapeuten
nach Halifax gereist und wollten dort alle möglichen Leute therapieren und haben dann
eigentlich gar niemanden vorgefunden.
[00:06:59.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Die wollten verdrängen, die wollten nicht darüber sprechen. Das muss man auch
akzeptieren.
[00:07:00.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht kommt es dann später.
[00:07:09.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Mensch nicht bereit ist, darüber zu reden, hat es keinen Sinn.
[00:07:12.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Technik ist, man redet darüber, man geht in diese Situation zurück.
[00:07:19.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Man lässt sich alles möglichst genau schildern. Man stellt Fragen und man ist natürlich
immer dabei.
[00:07:26.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man dabei ist, kann man diese Person ein bisschen beruhigen.
[00:07:32.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sagt ja: geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude ist doppelte Freude.
[00:07:38.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Beziehung funktioniert, indem die betroffene Person ihr dramatische Geschichte
erzählen darf.
[00:07:48.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es passiert nichts, man ist da für sie und so kann sie es verarbeiten.
[00:07:54.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Das basiert auf dem Prinzip, wenn man emotional stark belastende Sachen in Worte
fast.
[00:08:02.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Man könnte sie auch aufschreiben, das wäre auch eine Möglichkeit.
[00:08:05.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man sie in Worte fasst, dann geht 50% von der Belastung weg.
[00:08:10.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf Englisch sagt man da: If you name it, you tame it.
[00:08:15.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es benennt, wird es schon ein bisschen verarbeitet.
[00:08:19.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Benennen ist eine Methode, um es dann ins Grosshirn ablegen zu können, als
Erinnerung, nicht mehr mit einer riesigen, emotionalen Belastung.
[00:08:29.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Geschichte aufzuarbeiten passiert natürlich nicht in einer Stunde.
[00:08:35.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Man beginnt und bearbeitet es immer wieder.
[00:08:36.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Idee dabei ist schon, dass man möglichst genau das Ganze durchgeht.
[00:08:47.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann auch die Ursache anschauen, was hat zu dem Unfall oder zu der Situation
geführt.
[00:08:54.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es Naturkatastrophen sind, hat man wenig Einfluss drauf gehabt.
[00:08:59.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn die Menschen dabei involviert sind, dann sucht der Mensch eigentlich immer
nach der Schuld.
[00:09:05.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele suchen dann entweder nach der Fremdschuld, aber auch nach der Eigenschuld.
[00:09:10.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Das muss man auch durchgehen.
[00:09:12.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Wem gibt man die Schuld an dem Unfall?
[00:09:15.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann es dann dem Auto oder dem Mechaniker geben.
[00:09:16.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist wichtig, dass man auch die Schuldursache mit der Person durchgeht, alle
Schuldursachen.
[00:09:29.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sich Menschen für das Trauma selber schuldig fühlen, ist es schwieriger noch,
sich von dem zu befreien.
[00:09:37.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es nach aussen projizieren kann, ist es einfacher.
[00:09:39.570] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft sind beide Anteile dabei.
[00:09:45.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es nach aussen projiziert wird, wird es so wie eine Person, die involviert war, die
wird dann zum Sündenbock gemacht. Das ist ein bisschen entlastend.
[00:09:57.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man es auf sich selber nimmt, dann geht das nicht so gut.
[00:10:02.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wäre: Desensibilisieren über die Erzählung.
[00:10:08.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt eine weitere Methode und dort gibt es auch mehrere und ich bringe nur eine.
Das ist das EMDR.
[00:10:14.899] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Eye_Movement_Desensitization_and_Reprocessing
[00:10:15.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Eye Movement Desensitization Reprogramming.
[00:10:22.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei dieser Methode tut man Koordinationsübungen machen, quasi zwanghaft.
[00:10:33.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Hand hin und her bewegen, dass man mit den Augen den Fingern folgt und den
Kopf ruhig haltet.
[00:10:47.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind drei Koordinationsbewegungen.
[00:10:51.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Sobald man so Koordinationsbewegungen macht, kann man nicht mehr ins Gedächtnis
reingehen und man kann die Bilder nicht mehr herausholen.
[00:11:01.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der posttraumatischen Belastungsstörung kommen immer wieder die Bilder hervor
und dann kommt wieder die ganze Aufregung mit psychosomatischen Symptomen, also
Herzklopfen, Angst natürlich, Schweissausbruch, Verzweiflung und so weiter.
[00:11:16.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Alles starke Stresssymptomen.
[00:11:20.260] – Dr.med. Ursula Davatz
In dem man EMDR macht, kann man die Bilder nicht mehr hervor holen.
[00:11:20.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Reden kann ich noch.
[00:11:25.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist nach aussen gerichtete Energie, das geht, aber ich kann in dem Moment nichts
aus meinem Gedächtnis herausholen.
[00:11:34.890] – Dr.med. Ursula Davatz
So probiert man mit dieser motorischen Koordination, den Gedächtnisinhalt zu
blockieren.
[00:11:43.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann den Leuten auch sagen, wenn wieder die Erinnerungen kommen, können sie
diese Übung machen.
[00:11:50.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt noch viele andere, ich bringe diese jetzt nicht. Ich kenne sie auch nicht alle.
[00:11:52.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist immer Körper bezogen.
[00:11:57.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind immer Koordinationsübungen, sie sind körperbezogen.
[00:12:06.990] – Dr.med. Ursula Davatz
So ist das Hirn geschaltet. Die Koordinationsübungen bringen mit sich, dass man nichts
mehr aus dem Gedächtnis holen kann.
[00:12:18.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn einer auf dem Seil balanciert, kann er nicht denken: oh, ich habe zu Hause die
Katze nicht gefüttert.
[00:12:25.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man nichts denken, da muss man sich voll, voll konzentrieren.
[00:12:31.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss fokussieren und dann kann man eben nichts rausholen, nichts mehr aus
dem Gedächtnis holen.
[00:12:37.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man bei einem Flugzeugabsturz dabei war, kann man nicht zu dem zurück
gehen.
[00:12:43.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn eine Belastung zusammenhängt mit einem Ereignis an einem gewissen Ort, an
einem Unfallort, dann kann man Expositionstherapie machen, dann kann man mit dem
Patienten zusammen dorthin gehen. Indem jemand ruhiges dabei ist, lernt der Patient
sich langsam wieder zu desensibilisieren.
[00:13:17.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte mal einen Autounfall auf dem Glatteis und bin von der Strasse abgerutscht.
Später musste ich jeden Tag an dieser Verzweigung weiterfahren.
[00:13:30.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist niemand mit gekommen, aber am Anfang, wenn ich dort durchgefahren bin, ist
mir natürlich der Unfall immer wieder in den Sinn gekommen.
[00:13:37.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich musste mir Mühe geben, mich auf das Auto konzentrieren, auf die Strasse
konzentrieren. Mit der Zeit konnte ich problemlos vorbeifahren und es hat mich
überhaupt nicht mehr belastet.
[00:13:38.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich musste mich auch ein bisschen desensibilisieren.
[00:13:49.390] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann auch an den Unfallort zurück gehen mit dem Patienten und dann die
Aufregung aushalten, beruhigen. Mit der Zeit gehen die Bilder immer mehr zurück. Man
kann sie normal hervor holen. Sie lösen nichts mehr emotionales aus.
[00:13:53.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Haben sie "Schuld und Sühne" von Fjodor Dostojewski gelesen?
[00:14:23.720] – Dr.med. Ursula Davatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Schuld_und_S%C3%BChne
[00:14:23.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort begeht jemand einen Mord oder einen Diebstahl oder beides. Er geht immer
wieder an seinen Ort zurück. Das sagt man von den Tätern. Ein Täter, der etwas tut, der
nicht akzeptiert ist, das gibt natürlich auch eine Belastung. Das schaut man meistens
nicht an. Das ist ein Versuch, die Tat zu rechtfertigen, zu verarbeiten, etc.
[00:14:48.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Trauma entsteht nicht nur unter Fremdeinfluss. Man kann sich auch selber ein
Trauma zufügen, indem man etwas macht, was überhaupt nicht akzeptiert ist.
[00:15:13.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Traumatas, wenn man Traumas definiert, dann sagt man, es ist ein
Kontrollverlust.
[00:15:23.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Selber hat man einen Kontrollverlust.
[00:15:25.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommt eine Einwirkung von aussen. Das kann ein Unfall sein, das kann eine
Wetterkatastrophe sein, das kann Krieg sein.
[00:15:37.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle diejenigen, welche im Krieg waren, haben oft posttraumatische
Belastungsstörungen.
[00:15:44.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Trauma kann auch etwas ganz Banales sein, was vielleicht nicht einmal gesehen
wird.
[00:15:55.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Traumatas, die im normalen Leben passieren können, zum Beispiel der erste Schultag
und man wird von der Lehrerin blossgestellt.
[00:16:08.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt ein Trauma.
[00:16:10.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das kommt immer wieder.
[00:16:11.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich kenne auch Geschichten: am ersten Tag schon eine Ohrfeige bekommen, weil der
Lehrer oder die Lehrerin überfordert ist.
[00:16:20.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe einen kleinen Jungen, der ist von der Mutter in den Kindergarten gebracht
worden. Er wollte die Mutter nicht nach Hause gehen lassen. Man hat ihn gewaltsam
von der Mutter los gerissen. Er hat sich wahnsinnig dagegen gewehrt. Man hat es
trotzdem gemacht und dann hat man ihn eingesperrt. Er wurde in ein Zimmer
eingesperrt, damit er nicht abhauen kann.
[00:16:47.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Junge hatte eine posttraumatische Belastungsstörung. Der ist nachher dann nicht
mehr in die Schule gegangen.
[00:16:59.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind bei ihm immer noch dran.
[00:17:00.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Sein Grossvater geht mit ihm in die Schule. Der muss immer als Bodyguard irgendwo
sichtbar sein.
[00:17:08.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Wir sind jetzt langsam dran, dass er sich wieder angewöhnt an die Schule.
[00:17:12.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind hat eine traumatische Belastungsstörung gehabt.
[00:17:16.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Solche Sachen zählt man oft nicht auf, sondern man schaut nur die Naturkatastrophen
an.
[00:17:23.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Aber die sind ganz, ganz wichtig.
[00:17:27.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann auch innerhalb von der Familie immer blossgestellt worden sein, der
Sündenbock sein, für alles verantwortlich gemacht werden.
[00:17:38.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das gibt auch eine Belastungsstörung.
[00:17:43.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Trauma läuft über längere Zeit, durch wiederholte Beschämungen, Kränkungen,
Verletzungen etc.
[00:17:53.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft spricht man nicht davon.
[00:17:54.020] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Familientherapie und in der Therapie habe ich mehr von den traumatischen
Belastungsstörungen.
[00:18:02.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Die kommen oft erst raus, wenn die Persönlichkeit genügend stabilisiert ist.
[00:18:10.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit einem Kind kann man über die Sachen noch nicht reden.
[00:18:14.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Kind will nicht darüber sprechen, das verdrängt. Das Kind will einfach funktionieren.
[00:18:15.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit einem Jugendlichen kann man auch nicht darüber reden.
[00:18:24.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man da zu viel darüber redet, bewirkt es eher, dass seine
Persönlichkeitsentwicklung gestört wird, also unterbunden wird.
[00:18:33.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Posttraumatische Sachen, Belastungsstörungen, kann man erst bearbeiten, wenn die
Persönlichkeit genügend stabil ist.
[00:18:43.950] – Dr.med. Ursula Davatz
So passiert es dann, dass zum Teil Traumatas aus der Kindheit erst mit 50 Jahren
verarbeitet werden. Anhand von einem Ehekonflikt oder so etwas, kommen dann die
Traumatas hervor. Plötzlich sind sie sehr lebendig. Davor wurde nie davon gesprochen.
[00:19:00.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine sexuelle Vergewaltigung ist auch ein Trauma.
[00:19:13.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele probieren einfach darüber hinweg zu gehen, sich anzupassen, speziell Frauen,
aber auch Männer. Das kommt dann oft erst sehr, sehr viel später heraus. Auch dann
muss das Trauma bearbeitet werden.
[00:19:23.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort gilt wieder das gleiche. Man fragt: was ist gewesen. Wer war darum herum? Wer
ist verantwortlich gewesen.
[00:19:28.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Was für eine Verantwortung hat sich die Person selber gegeben?
[00:19:46.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie ist das gelaufen?
[00:19:49.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss auch mehrmals bearbeitet werden.
[00:19:53.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Sexueller Missbrauch im Kindesalter vor dem verbalem Kindesalter, das kommt erst
raus, wenn man darüber reden kann.
[00:20:08.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Nach zwei Jahren konnte sie sagen: nein, das ist jetzt weg. Ich weiss zwar noch, was
passiert ist, aber es kommen keine Emotionen mehr auf.
[00:20:21.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Trauma gut bearbeitet ist, dann kann man das erzählen.
[00:20:25.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann es nie vergessen, aber man kann es verarbeiten.
[00:20:30.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann es erzählen. In der Erinnerung ist es noch. Es ist nicht verdrängt, es ist
verarbeitet.
[00:20:35.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man davon redet, ist das nicht mehr emotional belastet.
[00:20:40.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann ist der Hippocampus, der Teil vom emotionalen Gehirn ist dann wieder frei, um
neue Dinge zu bearbeiten.
[00:20:46.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Leute, welche Traumatas im ihrem Gehirn speichern, die sind häufig dauernd müde,
immer erschöpft, ertragen nichts, sind schnell gereizt. Die Sicherung brennt schnell
durch. Ihr Gehrin ist immer in Beschlag genommen um das Trauma zu verdrängen,
verstecken, irgendwie weg tun.
[00:21:18.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal kommen die Dinge im Traum hervor.
[00:21:18.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte eine Frau, die wurde mit 16 Jahren von ihrem KV Chef vergewaltigt. Sie hat
immer wieder davon geträumt.
[00:21:34.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat versucht das Trauma zu bearbeiten.
[00:21:34.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit der Zeit sind die Träume dann weg gegangen.
[00:21:39.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Anhand der Träume kann man auch sehen, ob es sich beruhigt hat oder ob es noch
nicht verarbeitet ist.
[00:22:04.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn so dramatische Erlebnisse das emotionale Gedächtnis immer wieder belasten,
kann man das Gedächtnis mit neuen Dingen füllen. Neue Erlebnisse. Da kann die
Arbeit sicher helfen.
[00:22:15.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele sagen: ich bin schnell wieder zur Arbeit zurück gegangen. Das hat mir geholfen
mich zu distanzieren von meinem traumatischen Erlebnissen. Das ist auch ok.
[00:22:33.620] – Dr.med. Ursula Davatz
Es tut es wahrscheinlich nicht verarbeiten, aber das sind die Leute wirklich
unterschiedlich.
[00:22:37.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse beherbergen es im Hinterkopf immer noch. Andere können es immer noch
sublimieren und es ist weg.
[00:22:49.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Beschäftigung guten Dingen. Mit Dingen wo man das Gefühl hat, dass man in
Kontrolle der Situation ist. Die helfen einem, dass man die Dinge wieder in den
Hintergrund drängen kann. Bearbeitet ist es nicht.
[00:23:06.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Posttraumatische Belastungsstörungen kommen nicht nur in der Psyche zum
Vorschein. Die treten häufig auch im Körper auf.
[00:23:16.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es Dinge sind, wofür man sich geniert, dann verdrängt man die erfolgreich.
Irgendwo im Körper setzt es sich dann nieder.
[00:23:26.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann muss man wieder von der Psychosomatik zurückgehen zum Geschehen und
schauen: wo könnte es sein? Was könnte es sein? Das braucht ein bisschen Phantasie
und Einfühlungsvermögen.
[00:23:43.900] – Dr.med. Ursula Davatz
In der somatischen Medizin schaut man das meistens nicht an, sondern man spaltet es
ab.
[00:23:48.820] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Psychosomatik schaut man es eher an.
[00:23:52.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Da gibt es so Fälle, wo jemand als posttraumatische Belastungsstörung quasi eine
Gesichtslähmung bekommen hat.
[00:24:00.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann hat der Psychosomatiker geschaut, wann hat es angefangen, was ist da
gewesen. Im Augenblick, wo die Geschichte aufgearbeitet werden konnte, ist die
Lähmung plötzlich weg gewesen.
[00:24:17.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Wann lässt die Psyche den Körper sprechen?
[00:24:19.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Körper kann nicht lügen. Das Grosshirn kann lügen.
[00:24:24.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Das bringt uns dazu tabuisierte Dinge, oder Dinge, welche Schande über die Familie
bringen, die werden einfach verdrängt.
[00:24:39.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist natürlich nicht die typische posttraumatische Belastungsstörung, da werden
auch Traumatas über Generationen hinweg weitergegeben.
[00:24:50.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat auch Sachen angeschaut von den Juden, wo Grosseltern von jüdischen
Kindern im KZ misshandelt worden sind oder umgebracht worden sind. An dem Tag, wo
die Grosseltern umgebracht worden sind, haben die Eltern der Kinder, die man in
Behandlung hat, haben die Symptomen gehabt.
[00:25:15.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist so ein bisschen vergleichbar mit dem Mahnmal von Christus, also so etwas
Ähnliches.
[00:25:22.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Traumatische Erlebnisse in einem Familiensystem können auch über Generationen
weiter gegeben werden.
[00:25:31.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird meistens nicht behandelt. Ich als Familientherapeutin, die natürlich immer drei
Generationen anschaut, komme eher an das ran.
[00:25:38.520] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie das genau läuft, kann ich auch nicht sagen.
[00:25:42.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwie wird von den Kindern wahrgenommen, an dem Tag ist die Person ein
bisschen anders.
[00:25:56.190] – Dr.med. Ursula Davatz
In gewissen Kantonen feiern sie Jahrzehnte. Wenn die Person gestorben ist, dann wird
wieder eine Totenmesse gehalten.
[00:26:04.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Gewisse Familien tun dann immer irgendwas machen.
[00:26:09.020] – Dr.med. Ursula Davatz
So können traumatische Ereignisse wie ein Tod von einem wichtigen Familienmitglied
weitergegeben werden.
[00:26:17.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Dinge, welche in den Konzentrationslagern gemacht wurden, sind natürlich sehr
dramatische Angelegenheiten gewesen, die über Generationen weitergegeben werden.
[00:26:30.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Kinder von den jüdischen Eltern, die umgebracht worden sind, die vergast worden sind,
die haben oft nicht darüber geredet, über die Geschichte, weil sie es nicht ertragen
haben.
[00:26:43.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Enkelkinder, sagen dann oft: ich finde es schade, ich wollte darüber reden. So
verstehe ich gar nichts.
[00:26:49.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Da hätten alle eine Behandlung zur posttraumatischen Belastungsstörung erhalten
müssen. Das hat man natürlich nicht gemacht.
[00:27:02.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wären ein paar Gedanken und jetzt möchte ich sie natürlich bitten, mir Fragen zu
stellen, Ergänzungen zu machen, allenfalls einen Fall bringen, damit wir ein bisschen
miteinander diskutieren können.
[00:27:16.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Wer getraut sich, als erstes eine Frage zu stellen?
[00:27:38.760] – Bemerkung 1
Bei uns ist etwas passiert mit einer Maschine. Jetzt habe ich Mühe mit der Maschine.
[00:28:02.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn an einer Maschine ein Unfall passiert ist, dann wäre eigentlich die
Expositionstherapie, die Desensibilisierungstherapie, wäre: wir gehen miteinander
wieder an die Maschine.
[00:28:17.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich zeige dir ganz genau, wie sie funktioniert.
[00:28:20.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich zeige dir, was wir nicht tun dürfen machen.
[00:28:23.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann müsste man mit dem den ganzen Vorgang von dieser Maschine durchmachen
und er muss dabei bleiben, er darf nicht wegrennen.
[00:28:34.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Der nächste Schritt wäre: welcher Vorgang bist du bereit, selber zu machen?
[00:28:40.240] – Dr.med. Ursula Davatz
So immer mehr, bis er sie wieder bedienen kann.
[00:28:43.960] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Regel ist natürlich Tendenz: an diese Maschine gehe ich nie mehr.
[00:28:48.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ist für mich so eine Belastung.
[00:28:51.130] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man Traumatherapie machen würde, dann müsste man so vorgehen.
[00:28:58.630] – Bemerkung 1
Kann es denn sein, dass er es ein paar Tage allein macht und es dann plötzlich nicht
mehr alleine machen will? Kann die Angst plötzlich wieder kommen?
[00:29:09.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie mit ihm zusammen alle Vorgänge durch gehen, wie man sie anstellt, – ich bin
kein Maschinist – wie man das alles macht. Er schaut zu. Bei jedem Schritt sagen sie:
siehst du? Verstehst du? Er weiss es vielleicht schon. Und dann: jetzt gehst du ran.
Dann ihn begleiten. Er darf aufhören, wenn Angstbilder kommen. Dann müssen sie
wieder weitermachen. So, bis er wieder den ganzen Vorgang macht.
[00:29:44.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das könnte er so verarbeiten.
[00:29:55.410] – Bemerkung 1
Kann es sein, dass es in einem Jahr wieder kommt?
[00:29:55.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, wenn es bearbeitet wird, nicht. Wenn es sauber bearbeitet worden ist, kommt es
nicht mehr. Das würde ich behaupten. Dann ist es wirklich aus dem emotionalen Hirn
rausgenommen, ins Grosshirn. Dort versorgt. Man erinnert sich noch. Es kommt nicht
mehr als Belastung.
[00:30:20.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Was manchmal passiert: wir hatten mal eine Patientin, die einen Autounfall gemacht
hat. Da sind mehrere Leute verletzt worden.
[00:30:27.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist nicht so stark verletzt worden, aber doch auch verletzt. Man hat sie aber wegen
den anderen, welche mehr verletzt waren einfach sitzen lassen im Auto und sich nicht
um sie gekümmert.
[00:30:40.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Das hat bei ihr dann eine posttraumatische Belastungsstörung gegeben.
[00:30:45.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort hinten daran war eine Geschichte, dass sie als Kind immer vernachlässigt worden
ist, dass man sie nicht ernst genommen hat, dass man sie allein gelassen hat, etc.
[00:30:57.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Das passiert auch noch oft, dass an einen Unfall oder ein Geschehen ein früheres
Trauma, daran gehängt wird.
[00:31:06.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der ist dann das Trauma von früher, von den Eltern, viel schlimmer gewesen.
Beides ist schlimm gewesen, aber es hat nicht gereicht, dass man nur den Unfall
bearbeitet hat.
[00:31:18.280] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Notfallchirurgie hat man sie einfach sitzen lassen. Sie hat nicht geblutet, sie war
unwichtig. Das Emotionale hat man verpasst. Sie hat sich völlig alleine gelassen
gefühlt. Dann hat sie das immer wieder re-inszeniert.
[00:31:34.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie ist in die Psychiatrie gekommen und wir mussten ewig lange mit ihr arbeiten.
[00:31:37.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss nicht ob wir es erreicht haben. Es war nicht meine Patientin.
[00:31:40.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft wird ein altes Trauma auch noch daran gehängt.
[00:31:40.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn etwas an einer Maschine geschieht, kann man auch schauen, ob als Kind schon
etwas mit einer Maschine passiert ist.
[00:31:56.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es wirklich bearbeitet ist, kommt es nicht mehr.
[00:32:00.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es wieder kommt, dann hat man es nicht genug bearbeitet. Dann muss man es
nochmals bearbeiten.
[00:32:00.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es immer wieder kommt, muss man sich fragen: ist es stellvertretend für ein
anderes Trauma?
[00:32:18.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Ein Trauma mit einer Maschine ist moralisch einfacher zu bearbeiten als ein seelisches
Trauma.
[00:32:32.490] – Bemerkung 1
Man hat psychisch Angst, weil körperlich etwas passiert ist.
[00:32:36.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat psychische Angst vor dem körperlichen.
[00:32:40.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn noch seelische Traumatas hinten dran sind, dann werden die auf das körperliche
Trauma drauf projiziert.
[00:32:48.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Über das Körperliche kann man gut reden, über das Seelische nicht.
[00:32:53.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Das seelische Trauma ist viel beschämender.
[00:33:00.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Das trifft man oft an, dass hinter dem körperlichen Trauma ein seelisches versteckt ist.
[00:33:00.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Beispiel bei allen Kriegsverletzten oder bei allen durch den Krieg traumatisierten,
auf eine Art ist ein Kriegstrauma weniger schlimm, weil allen das gleiche passiert, als
persönliche Traumatas innerhalb von der Familie.
[00:33:20.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie dann nur vom Krieg sprechen, muss man immer schauen, ist noch etwas
dahinter, was seelisch noch belastender ist.
[00:33:30.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird oft versteckt. Macht das Sinn, kann man das nachvollziehen?
[00:33:40.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Über das mechanische, über den Krieg, da sind die anderen Schuld. Darüber kann man
sprechen.
[00:33:40.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Die eigenen Verwandten möchte man nicht gerne anschwärzen.
[00:34:07.250] – Bemerkung 2
Bei den Kriegsopfern ist die berufliche Integration durch Traumas erschwert. Braucht es
immer einen Therapeut oder kann man denen auch anders helfen? Man findet nicht
immer Therapeuten, welche die andere Sprache sprechen.
[00:34:39.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Es braucht nicht immer einen Therapeuten.
[00:34:46.030] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Kriegstraumatisierten, können sie das sogar machen, dass sie genauer fragen,
was passiert ist. Das kann man.
[00:34:59.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können fragen: wem geben sie die Schuld? An welchem Ort hatten sie am meisten
Angst?
[00:35:09.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Kriegstraumatas kommt natürlich immer dann noch das Politische rein.
[00:35:17.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier stellt sich die Frage: wer ist Schuld, wer hat was falsch gemacht? Wie stehen sie
jetzt zu den Kriegsparteien?
[00:35:39.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Es sind oftmals noch seelische Engagements, seelische Zugehörigkeiten, die auch
belastend sind und die Arbeitsintegration verhindern.
[00:36:01.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das ein Ganze bisschen bearbeitet und das ganze einordnen kann, fühlt
man sich auch weniger verloren und weniger traumatisiert. Wenn man im Ganzen
keinen Sinn sieht.
[00:36:26.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mensch sucht immer nach Sinn.
[00:36:26.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man das alles so ein bisschen einordnen kann, dann können sie sagen: die
Arbeitsintegration kann ihnen helfen, ihr Trauma zu überwinden.
[00:36:38.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie immer an dem Trauma hängen, dann werden sie neu traumatisiert, weil sie
nicht integriert werden, weil sie ein Aussenseiter sind, etc.
[00:36:51.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist wieder traumatisierend.
[00:36:56.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, sie können nicht immer einen Traumatherapeut finden.
[00:37:01.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele der Kriegsflüchtlinge, welche aus den Kriegsgegenden kommen, wissen auch gar
nicht was Therapie ist. Die wollen auch gar nicht in die Therapie gehen. Sie dürfen
gerne selber diese paar Dinge tun.
[00:37:18.840] – Bemerkung 2
Ich kann nichts falsches auslösen mit meinen Fragen?
[00:37:19.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, davor hätte ich nicht Angst.
[00:37:19.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Jemand der nicht Therapeut ist und eine Frage stellt, der hört auf, wenn der andere
nicht sprechen möchte.
[00:37:32.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Therapeuten haben eher die Fehler gemacht, dass sie zu stark nach dem Trauma
gefragt haben. Dann wurden die Leute re-traumatisiert.
[00:37:37.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Die betreffende Person hat einen natürlichen Schutz und sagt einfach nein. Nein, ich
möchte jetzt nicht darüber sprechen. Das ist ok.
[00:37:48.550] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man merkt, dass jemand abwesend ist, dann kann man fragen: was geht dir
durch den Kopf?
[00:37:53.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man es dann erzählen kann, ist das schon wieder eine Verarbeitung.
[00:37:58.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen gar nicht Angst haben. Der Mensch hat hier eine natürliche Abwehr
eingebaut und sagt: ich möchte jetzt nicht darüber sprechen. Dann lässt man es sein.
[00:38:14.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn der Mensch wieder abwesend ist, kann man sagen: an was hast du gedacht? Ist
dir irgendeine Geschichte in den Sinn gekommen?
[00:38:23.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Geschichte kann man dann sogenannt validieren und sagen: ja, ok, ich verstehe.
Legen wir die Geschichte ab und jetzt arbeiten wir weiter.
[00:38:27.450] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können über die Arbeitstherapie helfen, dass das wieder in den Hintergrund geht.
[00:38:47.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Macht das Sinn für sie und getrauen sie sich?
[00:38:50.030] – Bemerkung 2
Ich überlege mir noch, in welchem Rahmen das bei uns dann möglich ist. Die
Beziehung spielt auch noch eine wichtige Rolle. Wenn das Vertrauen vorhanden ist,
erzählen die Leute gerne von sich selber.
[00:39:00.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann können sie auch sagen: ok, ich sehe, das beschäftigt dich immer noch.
[00:39:12.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie gerade in einem wichtigen Arbeitsprozess sind, wo man nicht darüber
sprechen kann, können sie sagen: ich habe es mir notiert, und wir sprechen nochmals
darüber.
[00:39:26.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht ausufern wenn es nicht passt. Dann gibt es Spannungen bei ihnen und bei diesen
Leuten. Man sagt: ich habe es wahrgenommen. Dann und dann sprechen wir.
[00:39:26.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann lohnt es sich für sie, ein bisschen das Gespräch darüber zu führen.
[00:39:43.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht sagen: du musst unbedingt einen Traumatherapeuten finden.
[00:39:44.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Erstes gibt es den nicht. Zweitens wissen die gar nicht was Therapie ist und finden das
auch absolut ehrenrührig. Speziell Männer. Ich gehe doch nicht in Therapie. So etwas
sicher nicht.
[00:40:18.370] – Bemerkung 3
Ich habe eine Frau, bei der ist Mobbing ein Thema. Sie eckt auch selber oft an, mit ihrer
speziellen Art und Weise. Sie hat die Diagnose posttraumatische Belastungsstörung
erhalten. Es gehört jetzt wie zu ihrer Identität. Sie ist 17 Jahre alt. Sie hat noch nie
etwas anderes erlebt. Sie ist einfach so. Das gehört jetzt zu ihr. Das Wichtigste ist, dass
man sie jetzt einfach akzeptiert, wie sie ist. Man kommt einfach nicht weiter.
[00:41:04.290] – Dr.med. Ursula Davatz
Nein, das ist nicht gut. Viele machen aus einer Diagnose eine persönliche Identität. Das
ist nicht hilfreich, aber passiert bei allen psychiatrischen Erkrankungen.
[00:41:18.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin jetzt halt, ich bin jetzt Borderline, ich bin jetzt posttraumatisch.
[00:41:22.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie hat diese Person die verschiedenen Traumatas erlebt?
[00:41:22.820] – Bemerkung 3
Zum Beispiel bei der Geburt. So sagt sie es. Es wurde von der Mutter so gesagt.
[00:41:41.870] – Dr.med. Ursula Davatz
War es eine schwere Geburt? Mit Zangen?
[00:41:49.490] – Bemerkung 3
Das Kind hatte eine Lungenembolie. Das führt dazu, dass sie heute gewisse Dinge
nicht tun kann wegen dem.
[00:42:05.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Das akzeptiere ich nicht. Was ist das nächste Trauma gewesen?
[00:42:11.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Jede Geburt ist ein Trauma. Für die Mutter und das Kind. Das ist ein natürliches
Trauma.
[00:42:20.600] – Bemerkung 3
Die Diagnose kam erst später mit dem Mobbing, das sie in der Schule erlebt hat.
[00:42:24.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie ist das Mobbing gelaufen?
[00:42:29.700] – Bemerkung 3
Sie wurde sozial ausgegrenzt.
[00:42:31.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hat ihr niemand geholfen. Kein Lehrer, keine Lehrerin, die Eltern auch nicht.
[00:42:40.510] – Bemerkung 3
Die Eltern sind auch in der Scheidung gewesen. Dieses Thema kommt auch noch dazu.
Sie ist Einzelkind, hat kein soziales Netz. ASS ist auch noch eine Thematik. Das ist
alles wie noch ein bisschen offen. Anecken ist immer ein Thema.
[00:43:18.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Geburt ist immer ein Trauma, aber wenn man es überlebt hat, hat man es überlebt.
Die Natur ist so gemacht, dass sie das kann. Ich hatte Personen, die haben den
Geburtsdurchgang gemacht mit halten. Es gibt da alle Sorten von Therapien. Das
würde ich mal lassen.
[00:43:44.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ein Kind als Säugling gesundheitliche Probleme hat, ist das ein Trauma für die
Mutter. Das Kind hat noch sehr viele Verarbeitungsmöglichkeiten. Man muss aufpassen,
dass man nicht etwas in das Kind hinein projiziert.
[00:43:58.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Jede Mutter wird traumatisiert, sie bekommt wahnsinnig Angst, wenn es dem kleinen
Kind schlecht geht, wenn das eine Krankheit hat.
[00:44:16.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist dann eine ängstliche Mutter-Kind-Beziehung.
[00:44:19.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie haben gesagt, dass sie sich komisch benimmt. Sie ist eine erwachsene Person. Da
müsste man sagen: wir sind soziale Wesen, jawohl du bist ausgegrenzt worden in der
Schule, sogenannt gemobbt worden. Das wird auch sehr schnell gesagt heutzutage.
Man validiert, dass das schlimm war. Dann auch anschauen: was trägt sie dazu bei,
dass sie gemobbt wird. Nicht im Sinne von Schuld, sondern im Sinne der Interaktion.
Mit Autisten kann das Umfeld oft nicht gut umgehen.
[00:45:05.930] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit welchem von deinem Verhalten konnte das Umfeld nicht gut umgehen?
[00:45:10.240] – Dr.med. Ursula Davatz
War das Umfeld überfordert? Es war kein bösartiges: ich behandle dich schlecht. Es ist
aus der Überforderung heraus geschehen. Man geht hin und her und schaut: was
könnte man verändern. Wir sind entwicklungsfähige Wesen, damit das nicht mehr in die
gleiche Kerbe geht.
[00:45:39.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde das Etikettieren nicht akzeptieren: ich bin halt so und das gehört zu mir. Das
ist ungesund. Damit definiert sie sich über die Diagnose.
[00:45:47.690] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist das Problem von allen Diagnosen heutzutage, dass sich Menschen über ihre
Diagnose einen persönlichen Touch geben. Das ist schade.
[00:45:53.580] – Bemerkung 3
Sie hat in ihrem Alter niemand anderes, der ihre eine Identität geben kann, der sagt wer
sie ist. Sie kann sich nur an der Diagnose festhalten.
[00:46:07.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Mit 17 Jahren ist sie noch sehr jung.
[00:46:16.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei ihr würde ich möglichst ehrlich rückmelden. Nicht therapieren. Ehrlich rückmelden.
Jetzt erlebe ich dich so. Das macht mit mir das. Sie soll sich nicht auf dem
Traumatischen fixieren. Sie ist noch in der Persönlichkeitsentwicklung. Sie kann sich am
besten entwickeln, wenn sie ehrlich und authentisch sind und sie auch authentisch
konfrontieren.
[00:46:39.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht reagiert sie dann: sie sind ein ganz böser, schrecklich etc. Dann antworten
sie: ich bin auch nur ein Mensch. Ich möchte dich nicht anlügen. Du würdest es
merken, wenn ich dich anlügen würde. Die authentische Auseinandersetzung ist etwas
ganz wichtiges, nicht die Therapie.
[00:46:47.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man die Jugendliche therapiert mit allen möglichen Tags, Diagnose gibt, dann
schadet man ihnen, dann wird es in ihre Persönlichkeit eingebaut. Das ist überhaupt
nicht hilfreich.
[00:47:14.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Was hat sie heute für ein Verhältnis zu Vater und Mutter?
[00:47:37.350] – Bemerkung 3
Zur Mutter ein sehr enges, symbiotisches Verhältnis. Der Vater ist das Feindbild.
[00:47:40.410] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier kann man spielen: für dich ist der Vater das Feindbild. Werde ich bei dir auch zum
Feindbild? Werden alle Männer zu Feindbildern? Damit können sie spielen.
[00:47:46.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Was machst du, wenn du mal verrückt bist auf die Mutter?
[00:47:59.960] – Bemerkung 3
Meistens ist es einfach Rückzug.
[00:48:03.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann würde ich mit ihr üben: was könnte sie sagen. Zuerst fragen: was hat sie an der
Mutter verrückt gemacht? Anstatt dass man Rückzug macht, was würdest du ihr sagen,
wenn du etwas sagen würdest? Das kann man mit ihr ein wenig üben. Sie muss lernen,
sich zu verbalisieren.
[00:48:12.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie merken, dass sie auf sie verrückt wird, weil sie etwas falsch gemacht haben,
sofort fragen: habe ich jetzt etwas falsch gemacht? Bist du verrückt, wegen dem, wegen
dem, wegen dem? Oder wegen was bist du verrückt? Schnell über die Gefühlswelt
sprechen. Dass sie lernen muss, über ihre Gefühlswelt zu sprechen.
[00:48:38.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können fragen: an was habe ich dich jetzt erinnert? Das geht in Richtung Trauma,
wenn sie etwas tun, das früher andere Schüler gemacht haben. Sehr offen, authentisch
über die Gefühlswelt sprechen
[00:49:06.340] – Bemerkung 3
Wenn Autisten eine weniger gute Wahrnehmung oder einen weniger guten Zugang
haben zu ihren eigenen Emotionen, stelle ich mir das ziemlich schwierig vor.
[00:49:14.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Autismus ist heute auch eine riesige Modediagnose und überall Autismusspektrum
Krankheit.
[00:49:23.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Autisten sind an sich einfach scheue Menschen, die sich nicht so schnell getrauen, zu
exponieren, aber die können das lernen. Die können das lernen.
[00:49:34.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Viele verstecken sich auch immer hinter der Diagnose Autismus Spektrum Krankheit.
Eigentlich sind das alles hoch sensible Menschen, die lernen müssen, ihre Sensibilität
zu handhaben.
[00:49:52.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht gleich sofort aufgeben.
[00:49:52.810] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich ermutige sie dazu, sich mit ihr auseinanderzusetzen.
[00:49:59.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn sie eine Beziehung spüren, dann dürfen sie sich ehrlich, authentisch mit ihr
auseinandersetzen. Nicht erziehen. Bei sich bleiben. Das muss ich allen Eltern
beibringen, dass sie nicht das Kind beeinflussen wollen und nur sich selber sind und
austauschen.
[00:49:59.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Interagiert sie mit anderen Klienten komisch?
[00:50:32.040] – Bemerkung 3
Sie bringt ihre Dinge sehr schematisch ein. Das ist immer sehr punktuell und danach
zieht sie sich wieder zurück. Manchmal auch komisch. Sie drängt sich auf, sie
übernimmt eine Mutterrolle und sagt: jetzt nimmst du die Tasche, jetzt nimmst du die
Jacke. Damit überfordert sie andere in ihrer Art, wo sie keinen Auftrag hat. Ein gespielte
Empathie, eine übermässige Empathie. Übermässig höflich.
[00:51:23.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat sie das von der Mutter gelernt?
[00:51:32.720] – Bemerkung 3
Vielleicht, ja. Sie interagiert dann nicht weiter.
[00:51:37.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann mit ihr über die Helferrolle sprechen. Das reflektieren. Dann auch sagen: es
ist nett von dir, dass du so hilfreich bist. Man muss sie immer validieren. Dann: ich habe
das Gefühl, dass es der anderen Person fast ein bisschen zu viel ist. Merkst du das?
Oder nicht? Hast du das gemerkt?
[00:51:48.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man Vorgänge zwischen einander ein bisschen benennt. Immer zuerst validieren.
Nicht: oh, das ist falsch. Sonst ist sie ganz weg.
[00:52:42.230] – Bemerkung 3
Das werde ich versuchen.
[00:53:07.200] – Bemerkung 4
Wie erkennt man ein Trauma, das man bearbeiten muss? Ich habe einen Teilnehmer,
der vielleicht ein kindliches Trauma hat. Er ist ein fast 60-jähriger Mann. Er hat ein leben
lang auf dem Bau gearbeitet. Jetzt hat er plötzlich eine diffuse, rheumatische Krankheit
bekommen. Er dachte, dass er sich mit 62 Jahren pensionieren lassen kann. Jetzt geht
das alles nicht. Jetzt hat er die Erkrankung und hat keine Ahnung was er in der Zukunft
machen kann. In unseren Gesprächen kommt das wie eine Gebetsorgel immer wieder.
[00:54:00.440] – Dr.med. Ursula Davatz
Spricht er dann nur über seine Krankheit?
[00:54:00.550] – Bemerkung 4
Wie ich es ihnen schon gesagt habe, Frau Meier.
[00:54:00.620] – Bemerkung 4
Ich habe ihn damit konfrontiert und gesagt, dass ich es nicht mehr hören mag. Jetzt
haben wir genug darüber gesprochen. Vielleicht ist es ein anderes Trauma. Könnte das
sein?
[00:54:24.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, absolut.
[00:54:24.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viel in der Psycho-Geriatrie und mit Spitex-Krankenschwestern gearbeitet, die
unzufriedene alte Menschen begleitet haben.
[00:54:39.490] – Dr.med. Ursula Davatz
Rheuma ist eine Entzündung in allen Gelenken. Das ist eine Versteifung in allen
Gelenken. Ich würde ihn fragen: sie jetzt möchte ich sie etwas anderes fragen. Das ist
jetzt psychosomatisch. Ich würde nach dem seelischen Traums suchen. Wie zufrieden
ist er in seinem Beruf gewesen? Wie gut hat er sich in seinem Beruf wert geschätzt
gefühlt, als Bauarbeiter. Von wem am besten. Von wem am besten, vom wen am
schlechtesten? Wie ist die Berufswahl gelaufen? Was hätte er allenfalls anders tun
wollen? Bei ihm ist etwas nicht verarbeitet. Wer hat ihn zu seinem Beruf gedrängt? Was
wäre die Phantasie gewesen, was er eigentlich lieber gemacht hätte? Weshalb musste
er seinen Beruf beibehalten?
[00:55:02.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich frage alle älteren Leute: was ist ihr Wunschberuf gewesen? Ihr Traumberuf? Den
kann man nicht mehr verwirklichen. Auf welche Art könnte man dem Traum in einem
Hobby ein bisschen nachgehen? Er kann es vielleicht nicht mehr machen oder nur in
kleinem Masse, aber doch etwas in diesem Gebiet.
[00:56:20.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Oft haben die Leute gesagt: es macht doch keinen Sinn, ich mach ihn nur trauriger
wenn ich ihn danach frage.
[00:56:24.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage nein: if you name it you tame it.
[00:56:24.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde ihn nach seinem Traumberuf fragen. Nach seinen Wunschvorstellungen.
[00:56:41.110] – Dr.med. Ursula Davatz
Hat er Kinder?
[00:56:41.617] – Bemerkung 4
Eine Tochter, ja.
[00:56:42.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Da kann man dann noch fragen: muss die irgendwas machen, was er nicht machen
konnte?
[00:56:47.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Da steckt etwas dahinter.
[00:56:50.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Er wehrt nur ab, indem er einfach von seinen Schmerzen klönt.
[00:57:00.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine Entzündungsreaktion ist ja eine Überreaktion auf irgendetwas.
[00:57:05.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Irgendwo steckt hinten dran ein Graul, eine Wut, ein Frust.
[00:57:12.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich würde es einleiten: sie Herr so und so, ich habe eine Frage an sie.
[00:57:12.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht einfach fragen, sondern ein bisschen gewichtig einleiten.
[00:57:19.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe mir Gedanken gemacht. Ich habe darüber nachgedacht. Daran sieht man,
dass er ihnen wichtig ist. Sie müssen in gewichtig angehen, nicht so nebenbei fragen.
[00:57:27.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Kann es sein dass, ich frage mich und dann all die Fragen: hat er sich wertgeschätzt
gefühlt, wo am besten, wo war es nicht gut? Er hat sich schon auf seine Pension
gefreut. Was wollte er seinen Vorgesetzten noch sagen, bevor er sich verabschiedet?
Womit wollte er sich verabschieden?
[00:57:50.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Seine Krankheit ist ihm in den Weg gekommen.
[00:58:01.940] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht mehr: ich will das nicht mehr hören. Sondern: ich will etwas anderes hören.
[00:58:21.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann gilt wieder: if you name it, you tame it. Auch wenn man nichts mehr ändern kann.
[00:58:22.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Leute am Arbeitsplatz einen Unfall hatten, wird immer durchgedacht. Wer ist
Schuld, was hat der Chef verkehrt gemacht? Wer hat es falsch eingerichtet? Wenn man
das kann, dann würde ich sogar eine Gegenüberstellung machen, also dass er seinem
Chef das sagen darf.
[00:58:42.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Das geht hier wohl nicht mehr.
[00:58:42.220] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass man auch eine Trauma Situation rekonstruiert.
[00:58:51.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei dem ist es kein Unfall gewesen sondern es ist einfach ein bisschen schief gelaufen.
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