ADHS/ADS Folgekrankheiten – Psychiatrie im Offside

ADHS und ADS werden heutzutage fast täglich in den Medien diskutiert. Ist die Diagnose gestellt, kommt das medizinische Modell zur Anwendung, d.h. das Symptom der „Aufmerksamkeitsstörung“ wird mit Ritalin und die „hohe Sensitivität“ und „reaktive Impulsivität“ mit Tranquilizern behandelt.

Die medizinische Behandlungsstrategie setzt beim neurodivergenten Individuum nur als Korrekturmethode an. Das psychosoziale Umfeld, das für die psychiatrische wie auch für körperliche Krankheitsentwicklungen eine ausschlaggebende Rolle spielt, wird bei der medizinischen Behandlungsmethode ausgelassen.

Dieses Buch soll Fachpersonen und Erziehungspersonen zu einem integrativen systemischen Ansatz in der Behandlung von ADHS und ADS Betroffenen anleiten und sie dazu auffordern, die Gen-Umfeld Interaktion zwischen ADHS/ADS-Kindern und -Jugendlichen und ihrem erzieherischen Umfeld miteinzubeziehen. Dieser systemische Ansatz ist für den integrativen Behandlungsansatz unbedingt wichtig. Auch in Bezug auf die Prävention von Folgekrankheiten wirkt sich diese Vorgehen Kosten sparend aus.

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Studien zu somatischen Folgekrankheiten bei ADHS/ADS

1. Schmerzsyndrome bei ADHS/ADS

Studie aus dem Scandinavian Journal of Pain (2024)

Diese Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen ADHS und chronischen Schmerzen und fand bedeutende Verbindungen zwischen diesen beiden Bereichen.

Hauptergebnisse:

  • Menschen mit ADHS leiden häufiger unter chronischen Schmerzen (ChP)
  • 80% der Patienten mit chronischen Schmerzen erfüllten die diagnostischen Kriterien für ADHS, während dies nur bei 40% der Patienten ohne chronische Schmerzen der Fall war
  • Muskuläre Dysregulation spielt eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Schmerzen bei ADHS-Patienten

Spezifische Merkmale der Schmerzen bei ADHS-Patienten:

  1. Muskuläre Dysregulation: Menschen mit ADHS weisen häufig eine erhöhte Muskelspannung auf, die als Hauptursache für ihre Schmerzen gelten könnte. Diese Muskelverspannungen treten oft in den stabilisierenden Muskeln des Körpers auf, wie den Muskeln entlang der Wirbelsäule (axial), im Nacken, Rücken, Brustbereich und in den Hüften.
  2. Früher Beginn und weit verbreitete Schmerzen: Die Schmerzen bei ADHS-Patienten beginnen oft bereits in der Kindheit oder Jugend. Zudem sind die Schmerzen häufig nicht lokal begrenzt, sondern weit verbreitet im Körper.
  3. Dopamindysregulation: ADHS wird oft mit einer Dysregulation des Dopaminsystems in Verbindung gebracht. Dopamin spielt nicht nur eine Rolle bei der Aufmerksamkeitsregulation und Impulskontrolle, sondern auch bei der Regulierung der Muskelaktivität und der Schmerzwahrnehmung. Eine gestörte Dopaminfunktion könnte also sowohl zu den ADHS-Symptomen als auch zu den chronischen Schmerzen beitragen.
  4. Chronische Muskelverspannungen und Schmerzempfindlichkeit: Die chronischen Muskelverspannungen, die viele Menschen mit ADHS erleben, können zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit führen. Diese langfristige Muskelanspannung könnte das Schmerzempfinden verstärken und so zu chronischen Beschwerden führen.
  5. Mögliche Zusammenhänge mit Ehlers-Danlos-Syndrom und Bindegewebsstörungen: Die Studie deutet auf mögliche Zusammenhänge zwischen ADHS, Autismus, Ehlers-Danlos-Syndrom und Bindegewebsstörungen hin.

Behandlungsansätze:

  1. Physiotherapie und muskuläre Entspannung: Da Muskelverspannungen eine Schlüsselrolle bei den Schmerzen spielen, könnten physiotherapeutische Maßnahmen und gezielte Entspannungsübungen eine effektive Behandlungsoption sein.
  2. Medikamentöse Behandlung: Stimulanzien, die bei ADHS eingesetzt werden, können nicht nur die ADHS-Symptome verbessern, sondern auch die Schmerzempfindlichkeit und Muskelspannung verringern.
  3. Frühe Diagnose und Prävention: Da die Schmerzen bei vielen Patienten schon in der Kindheit oder Jugend begannen, ist es wichtig, frühzeitig zu handeln. Eine frühzeitige Diagnose von ADHS und die Behandlung der muskulären Dysregulation könnte dazu beitragen, das Fortschreiten der Schmerzen zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen.

Fazit:

Die Ergebnisse dieser Studie werfen ein neues Licht auf die Verbindung zwischen ADHS und chronischen Schmerzen. Sie zeigen, dass ADHS-Patienten nicht nur häufiger unter Schmerzen leiden, sondern dass diese Schmerzen oft auf muskuläre Dysregulation zurückzuführen sind. Dies bietet neue Ansätze für die Behandlung von Schmerzen bei ADHS-Patienten, sei es durch physiotherapeutische Maßnahmen, medikamentöse Behandlungen oder gezielte Entspannungstechniken.
Quelle: Studie im Scandinavian Journal of Pain, referenziert auf https://ads-muenster.de/2024/09/20/chronische-schmerzen-und-adhs-eine-oft-uebersehene-verbindung/

2. Gelenkbeschwerden bei ADHS/ADS

Studie aus Frontiers in Psychiatry (2021)

Eine bedeutende Studie, die in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift „Frontiers in Psychiatry“ veröffentlicht wurde, untersuchte den Zusammenhang zwischen neurodivergenten Zuständen (ADHS, Autismus-Spektrums-Störung und Tourette-Syndrom) und Hypermobilität der Gelenke.

Hauptergebnisse:

  • Bei 51 Prozent der neurodivergenten Studienteilnehmer mit ADHS, Autismus-Spektrums-Störung oder Tourette-Syndrom lag gleichzeitig eine Hypermobilität vor, aber nur bei 20 Prozent der normalen Bevölkerung
  • Menschen mit ADHS waren deutlich häufiger hypermobil als die Kontrollgruppe
  • Personen mit ADHS hatten öfter Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Kreislaufprobleme

Was ist Hypermobilität?

Hypermobilität bedeutet, dass Gelenke über den normalen Radius hinaus bewegt werden können, ohne dass dafür trainiert wurde. Dies entsteht in der Regel durch eine genetische Veranlagung, die das Bindegewebe in den Bändern, die die Gelenke umgeben, elastischer macht als bei anderen Menschen.

Symptome und Begleitsymptome der Hypermobilität:

  • Muskel- oder Gelenkschmerzen
  • Häufiges Umknicken oder „Verknacksen“ von Gelenken
  • Gefühl der Instabilität in den Gelenken
  • Vermehrte Müdigkeit und Erschöpfung, bis hin zu Fatigue
  • Neigung zu Blutergüssen
  • Verdauungsprobleme
  • Venenprobleme, z.B. Krampfadern
  • Dünne/dehnbare Haut mit Neigung zu Dehnungsstreifen

Zusammenhang mit anderen Bindegewebserkrankungen:

Hypermobilität kommt auch im Rahmen von bestimmten Bindegewebskrankheiten als Symptom vor, wie beim Ehlers-Danlos-Syndrom oder beim Marfan-Syndrom. Der Übergang von einfacher Hypermobilität zum Hypermobilitätssyndrom (mit Schmerzen und Einschränkungen) ist fließend.

Warum tritt Hypermobilität häufiger bei Menschen mit ADHS auf?

Die genauen Mechanismen sind noch nicht vollständig geklärt, aber es gibt Hinweise darauf, dass sowohl ADHS als auch Hypermobilität auf gemeinsame genetische Faktoren zurückzuführen sein könnten. Zudem könnte das autonome Nervensystem bei beiden Zuständen eine Rolle spielen.

Klinische Bedeutung:

Diese Erkenntnisse sind wichtig für die klinische Praxis, da sie darauf hindeuten, dass bei Patienten mit ADHS auch auf Anzeichen von Hypermobilität und damit verbundene Gelenkbeschwerden geachtet werden sollte. Umgekehrt könnte bei Patienten mit Hypermobilitätssyndrom und Gelenkbeschwerden auch auf ADHS-Symptome geachtet werden.
Quelle: Studie in Frontiers in Psychiatry (2021), referenziert auf https://www.understandingly.de/angststoerung-oder-depression-durch-hypermobilitaet/

3. Polyarthritis und entzündliche Erkrankungen bei ADHS/ADS

Zusammenhang zwischen ADHS und Immunsystem/Entzündungsprozessen

Aktuelle Forschungen deuten darauf hin, dass Entzündungsprozesse und Immunfunktionen bei der Entstehung und dem Verlauf von ADHS eine wichtige Rolle spielen könnten.

Haupterkenntnisse:

  • Forscher gehen davon aus, dass das Immunsystem bei ADHS eine wichtige Rolle spielt
  • Menschen mit ADHS leiden häufiger auch unter anderen Erkrankungen wie Allergien, Neurodermitis oder Asthma, die mit Immunreaktionen zusammenhängen
  • Bei genetischer Veranlagung für ADHS können Entzündungsprozesse den Ausbruch der Erkrankung beeinflussen

Mögliche Mechanismen:

  1. Entzündungsprozesse im Gehirn: Chronische Entzündungsprozesse können die Signalübertragung im Gehirn beeinflussen, insbesondere die Funktion von Neurotransmittern wie Dopamin und Noradrenalin, die bei ADHS eine zentrale Rolle spielen.
  2. Gemeinsame genetische Faktoren: Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte genetische Faktoren sowohl die Anfälligkeit für ADHS als auch für Autoimmunerkrankungen erhöhen könnten.
  3. Oxidativer Stress: Bei ADHS-Patienten wurde ein erhöhter oxidativer Stress beobachtet, der auch bei entzündlichen Erkrankungen eine Rolle spielt.

Klinische Relevanz:

Obwohl spezifische Studien zum direkten Zusammenhang zwischen ADHS und Polyarthritis begrenzt sind, legen die vorhandenen Erkenntnisse nahe, dass Menschen mit ADHS möglicherweise ein erhöhtes Risiko für entzündliche Erkrankungen haben könnten, einschließlich solcher, die die Gelenke betreffen.
Die Verbindung zwischen ADHS, Hypermobilität und Gelenkbeschwerden (wie in Abschnitt 2 beschrieben) könnte zudem ein Hinweis darauf sein, dass gemeinsame biologische Mechanismen sowohl ADHS als auch bestimmte Formen von Gelenkerkrankungen beeinflussen.

Therapeutische Implikationen:

  • Omega-3-Fettsäuren, die bei ADHS eingesetzt werden, haben auch entzündungshemmende Eigenschaften
  • Eine ganzheitliche Behandlung von ADHS sollte möglicherweise auch die Kontrolle von Entzündungsprozessen berücksichtigen
  • Bei Patienten mit ADHS und entzündlichen Erkrankungen könnte ein interdisziplinärer Behandlungsansatz besonders wichtig sein

4. Herzinfarkt und kardiovaskuläre Erkrankungen bei ADHS/ADS

Schwedische Studie zum Zusammenhang zwischen ADHS und Herz-Kreislauf-Erkrankungen (2022)

Eine umfangreiche schwedische Studie aus dem Jahr 2022 mit etwa 5 Millionen Teilnehmern untersuchte den Zusammenhang zwischen ADHS und kardiovaskulären Erkrankungen.

Hauptergebnisse:

  • Erwachsene mit ADHS leiden doppelt so häufig an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung wie Personen ohne ADHS
  • Das erhöhte Risiko wurde für alle Herz-Kreislauf-Erkrankungen registriert, insbesondere jedoch für Zustände wie Herzstillstand und Arteriosklerose
  • Die Verbindung zwischen ADHS und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen
  • Menschen mit ADHS haben ein höheres Risiko für Herzinfarkt oder hämorrhagischen Schlaganfall

Mögliche Ursachen für den Zusammenhang:

ADHS wurde bereits mit kardiovaskulären Risikofaktoren wie Rauchen, Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht. Die genauen Mechanismen, die zu einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen, sind jedoch noch nicht vollständig geklärt. Die Studie vermutet, dass ADHS ein eigenständiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein könnte.

Geschlechtsspezifische Unterschiede:

Im Allgemeinen ist ADHS bei Männern dreimal häufiger als bei Frauen, ebenso wie Herz-Kreislauf-Probleme. Die Studie zeigt jedoch, dass auch die Verbindung zwischen ADHS und Herzgesundheit bei Männern stärker ausgeprägt ist. Dies könnte erklären, warum Männer mit ADHS ein besonders hohes Risiko für Herzinfarkte haben.

Einschränkungen der Studie:

  • Nationale Register, die die Patienten für die Studie bereitstellten, erfassen möglicherweise nicht die leichteren Fälle von ADHS
  • Fehlende Daten zu Lebensstil, körperlicher Betätigung und Ernährung der Patienten

Klinische Bedeutung:

Das Bewusstsein für die eigene ADHS-Diagnose und die damit verbundenen Risikofaktoren ist ein wichtiger Schritt zur Prävention von Herz-Kreislauf-Risiken. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von ADHS könnte dazu beitragen, das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen zu reduzieren.
Quelle: Schwedische Studie (2022), referenziert auf https://gam-medical.de/adhs-und-herzgesundheit-studie/ (2024)

5. Gewaltverbrechen und Kriminalität bei ADHS/ADS

Zusammenhang zwischen ADHS, oppositioneller Trotzstörung und antisozialem Verhalten

Aktuelle Forschungen zeigen einen Zusammenhang zwischen ADHS, insbesondere in Kombination mit oppositioneller Trotzstörung (OTS), und einem erhöhten Risiko für antisoziales Verhalten, einschließlich Gewalt und Kriminalität.

Haupterkenntnisse:

  • Menschen mit ADHS haben ein erhöhtes Risiko für Gewalt und Kriminalität
  • Besonders bei Männern mit ADHS ist das Risiko für antisoziales Verhalten erhöht
  • Die Komorbidität von ADHS mit oppositioneller Trotzstörung (OTS) verstärkt das Risiko für Gewaltverhalten

Was ist oppositionelle Trotzstörung (OTS)?

Die oppositionelle Trotzstörung ist eine Bedingung, die durch eine reizbare Stimmung und ein streitlustiges/provozierendes Verhalten gekennzeichnet ist, das mindestens 6 Monate anhält. Erwachsene mit OTS haben Schwierigkeiten, ihre Emotionen und ihr Verhalten zu kontrollieren, können leicht reizbar und wütend werden und können auch empfindlich oder nachtragend sein.

Symptome und Verhaltensweisen bei ADHS und OTS, die zu Gewalt führen können:

  • Übermäßige oder unangemessene Wut oder Reizbarkeit
  • Provokatives oder oppositionelles Verhalten
  • Weigerung, Regeln oder Anforderungen anderer zu respektieren
  • Häufige Streitigkeiten mit anderen
  • Tendenz, anderen die Schuld für eigene Fehler zu geben
  • Unfähigkeit, Frustration zu tolerieren
  • Schwierigkeiten, soziale Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten

Auswirkungen auf das Leben:

Die Symptome von ADHS und OTS können erhebliche Auswirkungen auf das Arbeitsleben, persönliche Beziehungen und die psychische Gesundheit haben. Sie können zu Problemen bei der Arbeit, Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen und antisozialem Verhalten wie Gewalt oder Kriminalität führen.

Behandlungsansätze:

  • Medikamente, insbesondere Stimulanzien, können bei ADHS helfen und indirekt auch die Symptome der OTS verbessern
  • Psychotherapie und Verhaltenstherapie können helfen, Impulskontrolle zu verbessern und angemessene soziale Fähigkeiten zu entwickeln
  • Frühe Diagnose und Intervention können dazu beitragen, das Risiko für antisoziales Verhalten zu reduzieren

Klinische Bedeutung:

Das Verständnis des Zusammenhangs zwischen ADHS, OTS und antisozialem Verhalten ist wichtig für die Prävention von Gewalt und Kriminalität. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von ADHS und komorbiden Störungen könnte dazu beitragen, das Risiko für antisoziales Verhalten zu reduzieren.

Folgekrankheiten von ADHS und ADS

Dr. med. Ursula Davatz betont in ihren Ausführungen, dass viele der psychiatrischen und körperlichen Diagnosen, die bei Menschen mit ADHS/ADS festgestellt werden, aus ihrer Sicht Folgekrankheiten sind. Diese entwickeln sich, wenn nicht artgerecht, persönlichkeitsgerecht und neurotypgerecht mit diesen Menschen umgegangen wird. Druck und ein nicht-verständnisvolles Umfeld können dabei eine zentrale Rolle spielen.

Folgende Folgekrankheiten und Probleme im Zusammenhang mit ADHS werden von Dr. Davatz im Audiomaterial diskutiert:

  • Psychiatrische Folgekrankheiten:
    • Persönlichkeitsstörungen bei Frauen: Insbesondere bei hyperaktiven Frauen mit ADHS, die zurückgebremst werden, kann sich eine Persönlichkeitsstörung entwickeln.
    • Borderline Persönlichkeitsstörung: Diese Diagnose ist laut Dr. Davatz häufig bei Frauen mit ADHS anzutreffen, die in ihrer Entwicklung eingeschränkt wurden.
    • Depression: Depressionen treten häufiger bei Frauen mit ADHS auf, insbesondere wenn die Diagnose erst spät gestellt wird und sie zuvor viel Energie in die Anpassung gesteckt haben.
    • Antisoziale Persönlichkeitsstörung: Bei Männern mit ADHS beobachtet Dr. Davatz eher diese Entwicklung, die bis hin zu Delinquenz führen kann.
    • Suchtstörungen: Menschen mit ADHS/ADS neigen dazu, Suchtmittel zu verwenden, um ihr starkes Temperament zu regulieren. Dies kann alle Arten von Suchtmitteln umfassen, aber auch den Gebrauch von Beruhigungsmitteln bis hin zur Abhängigkeit.
    • Schizophrenie: ADHS/ADS-Betroffene können in einen schizophrenen Zustand übergehen, wenn ihr emotionales Gehirn über längere Zeit völlig überlastet ist. Dies ist ein Resultat eines „System Overload“ im emotionalen Hirn.
    • Bipolare Störung: Tritt bei ADHS/ADSlern auf, möglicherweise als Befreiung von zu engstirniger Erziehung durch manische Schübe.
  • Körperliche Folgekrankheiten:
    • Fibromyalgie und Schmerzen: Frauen mit ADHS entwickeln tendenziell häufiger Fibromyalgie und chronische Schmerzen.
    • Herzinfarkte: Männer mit ADHS scheinen anfälliger für Herzinfarkte und ähnliche Erkrankungen zu sein.
    • Muskel-Skelett-System-Probleme und Schmerzen am ganzen Körper: Dr. Davatz beobachtet diese Probleme häufig bei Frauen mit ADHS.
  • Soziale und verhaltensbezogene Probleme:
    • Selbstverletzendes Verhalten (Ritzen) und Essstörungen: Kommt bei Frauen mit ADHS vor.
    • Rückzug und Kommunikationsverweigerung: Insbesondere bei ADS-Betroffenen kann es bei negativen Erfahrungen zu einem kompletten Rückzug und Verweigerung der Kommunikation kommen. Dies kann fälschlicherweise als Autismus wahrgenommen werden.
    • Schulverweigerung: Kinder mit ADHS/ADS können die Schule verweigern, wenn ihre Bedürfnisse im schulischen Umfeld nicht erfüllt werden.
    • Delinquenz: In extremen Fällen können insbesondere ADHS-Betroffene delinquent werden, wenn sie im erzieherischen Umfeld ständig Kritik erfahren und ausscheren.

Dr. Davatz betont, dass diese Folgekrankheiten nicht zwangsläufig auftreten müssen und durch einen verständnisvollen, geduldigen und auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmten Umgang oft vermieden oder gemildert werden könnten. Ihrer Meinung nach liegt das eigentliche Problem oft nicht in der genetischen Veranlagung selbst, sondern in der mangelnden Anpassung des Umfelds an die Besonderheiten neurodivergenter Menschen. Sie plädiert daher für Prävention durch frühe Aufklärung und Unterstützung des Umfelds

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/03/autismus-diagnostik-25.3.2025.m4a.pdf

Fünf psychiatrische Krankheitsbilder mit demselben veränderten Genlocus

Laut Dr.med. Ursula Davatz haben genomweite Assoziationsstudien (GWAS) gezeigt, dass fünf psychiatrische Krankheitsbilder eine Veränderung am selben Genlocus aufweisen.

Diese Krankheitsbilder sind:

  • Schizophrenie: Eine schwere psychische Erkrankung, die durch Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Denkstörungen gekennzeichnet ist.
  • Manisch-depressiv (bipolare Störung): Eine affektive Störung, die durch extreme Stimmungsschwankungen zwischen Manie (Hochstimmung) und Depression (Niedergeschlagenheit) gekennzeichnet ist.
  • Schwere Depression: Eine affektive Störung, die durch anhaltende Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Antriebslosigkeit und Verlust von Interesse und Freude gekennzeichnet ist.
  • Autismus: Eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich durch Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion, Kommunikation und repetitive Verhaltensmuster auszeichnet.
  • ADHS/ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung): Eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich durch Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität auszeichnet.

Dr.med. Ursula Davatz merkt an, dass sie ADHS/ADS nicht als Krankheit, sondern als ein Phänomen betrachtet, aus dem verschiedene Krankheiten entstehen können.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Veränderung am selben Genlocus nicht bedeutet, dass diese fünf Krankheitsbilder dieselbe Ursache haben. Genetische Faktoren spielen zwar eine Rolle bei der Entstehung psychischer Erkrankungen, aber auch Umweltfaktoren und soziale Interaktionen sind von Bedeutung. Die Epigenetik, die Dr.med. Ursula Davatz erwähnt, befasst sich mit der Frage, wie Umweltfaktoren die Aktivität von Genen beeinflussen können.

https://ganglion.ch/pdf/Grosseltern_11.9.2024.m4a.pdf

Folgekrankheiten von ADHS/ADS bei Frauen und Männern

Dr.med. Ursula Davatz erläutert in ihrem Vortrag, dass sich Folgekrankheiten von ADHS/ADS bei Frauen und Männern unterschiedlich manifestieren können. Sie betont, dass ihre Aussagen auf ihren Erfahrungen in der Praxis basieren und sie keine Statistiken zu diesem Thema hat.

Folgekrankheiten bei Frauen:

  • Depressionen, sogar schwere Depressionen: Frauen mit ADHS/ADS neigen dazu, sich zu sehr anzupassen und sich selbst zu vernachlässigen, was zu Depressionen führen kann.
  • Bipolare Störungen: Diese können bei beiden Geschlechtern auftreten, werden aber in Familiendiagrammen oft bei Frauen beobachtet.
  • Schizophrenie: Auch Schizophrenie kann bei beiden Geschlechtern auftreten. Dr.med. Ursula Davatz hat sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt und ein Buch darüber geschrieben.
  • Suchtkrankheiten: Sucht ist ebenfalls eine Folgekrankheit, die bei beiden Geschlechtern vorkommt.
  • Borderline-Persönlichkeitsstörung: Diese Diagnose wird häufiger bei Frauen gestellt. Dr.med. Ursula Davatz vermutet, dass es sich dabei oft um temperamentvolle Frauen handelt, die zu eng erzogen wurden und in der Pubertät „die Fesseln sprengen“.

Folgekrankheiten bei Männern:

  • Narzisstische Persönlichkeitsstörungen: Dr.med. Ursula Davatz beobachtet in ihrer Praxis, dass Männer mit ADHS/ADS eher zu narzisstischen Persönlichkeitsstörungen neigen.
  • Delinquenz/Kriminalität: Männer mit ADHS/ADS, die ihren Fokus nicht finden, landen laut Dr.med. Ursula Davatz oft im Gefängnis. Sie schätzt den Anteil von ADHS/ADS-Betroffenen in Gefängnissen auf 40-50% oder mehr.

Zusammenhang zwischen verschiedenen psychischen Erkrankungen:

Dr.med. Ursula Davatz vertritt die Ansicht, dass ADHS/ADS die Ursache für verschiedene psychische Erkrankungen ist. Sie bezieht sich dabei auf genetische Studien (GWAS), die einen gemeinsamen Gen-Lokus bei fünf psychiatrischen Krankheitsbildern feststellten: Schizophrenie, bipolare Störung, schwere Depression, Autismus und ADHS/ADS.

Bedeutung der Fokusfindung:

Dr.med. Ursula Davatz betont die Bedeutung der Fokusfindung für Menschen mit ADHS/ADS. Wenn es ihnen gelingt, ihren Fokus zu finden, sei es im Beruf, in Hobbys oder Beziehungen, können sie ein erfolgreiches und erfülltes Leben führen. Gelingt die Fokusfindung nicht, steigt das Risiko für Folgekrankheiten.

Rolle der Umgebung:

Die Umgebung spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Folgekrankheiten. Dr. Davatz plädiert für persönlichkeitsgerechten Umgang mit ADHS/ADS-Betroffenen, sowohl im familiären als auch im schulischen Umfeld. Bestrafung und Druck sind kontraproduktiv, stattdessen brauchen ADHS/ADS-Kinder Unterstützung und intrinsische Motivation, um ihren eigenen Weg zu finden.

Zusammenfassend lässt sich sagen:

Folgekrankheiten von ADHS/ADS können bei Frauen und Männern unterschiedlich aussehen. Die Fokusfindung und ein unterstützendes Umfeld sind entscheidend, um die Entstehung von Folgekrankheiten zu verhindern.

https://ganglion.ch/pdf/selo%20Tagung%2030.10.2024.m4a.pdf