Strategien im Umgang mit Jugendlichen

Dr.med. Ursula Davatz‘ Ausführungen bieten zahlreiche Erkenntnisse und Strategien für einen erfolgreichen Umgang mit Jugendlichen, insbesondere mit ADHS/ADS.

1. Begegnung auf Augenhöhe und bedürfnisorientierte Kommunikation:

  • Wahrnehmung und Akzeptanz: Jugendliche, besonders solche mit ADHS/ADS, brauchen das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden. Anstatt sie zu bewerten oder zu kategorisieren, ist es wichtig, ihre Individualität und ihre Bedürfnisse zu respektieren.
  • Authentizität und Offenheit: Jugendliche spüren Unehrlichkeit und Vortäuschung sofort. Authentisches Auftreten und das Eingestehen eigener Schwächen schafft Vertrauen und Glaubwürdigkeit.
  • Aktives Zuhören und Geduld: Jugendliche brauchen Zeit, um sich zu öffnen und ihre Gedanken und Gefühle zu artikulieren. Geduldiges Zuhören ohne vorschnelle Lösungen oder Urteile ist entscheidend.
  • Bedürfnisorientierte Kommunikation: Dr. Davatz empfiehlt, die Jugendlichen direkt nach ihren Bedürfnissen zu fragen: „Was brauchst du eigentlich? Was willst du? Was beschäftigt dich? Wo kommst du unter die Räder?“. Das hilft, ihre Motivation zu verstehen und gemeinsam Lösungen zu finden.
  • Klare Kommunikation: Statt Verbote auszusprechen, sollten Erwachsene ihre eigenen Wünsche und Grenzen klar und deutlich kommunizieren. „Nein, das geht bei mir nicht“, ist effektiver als „Nein, das darfst du nicht machen“.

2. Förderung von Eigenverantwortung und Kooperation:

  • Einbeziehung in die Problemlösung: Jugendliche sollten aktiv in die Suche nach Lösungen für Probleme einbezogen werden. Statt fertige Lösungen zu präsentieren, ist es förderlich, gemeinsam zu überlegen: „Wir haben hier jetzt ein Problem zusammen. Wie kommen wir hier jetzt aus dem Loch?“.
  • Wahlmöglichkeiten und Konsequenzen: Jugendliche lernen Verantwortung, indem sie Wahlmöglichkeiten haben und die Konsequenzen ihrer Entscheidungen tragen.
  • Kooperation statt Gehorsam: Anstatt auf strikten Gehorsam zu pochen, ist es zielführender, eine kooperative Beziehung anzustreben. Jugendliche in der Pubertät sind oft oppositionell und rebellieren gegen Befehle.
  • Zeit und Raum für Entwicklung: Persönlichkeitsentwicklung braucht Zeit. Manchmal ist es wichtig, den „Stillstand der Entwicklung“ auszuhalten und nicht zu drängen. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“.

3. Motivation durch Erfolgserlebnisse und positive Verstärkung:

  • Realistische Ziele und Herausforderungen: Jugendliche brauchen Erfolgserlebnisse, um motiviert zu bleiben. Die Ziele sollten anspruchsvoll, aber erreichbar sein.
  • Anerkennung und Wertschätzung: Jugendliche brauchen positive Rückmeldungen. Lob und Anerkennung für ihre Anstrengungen und Fortschritte, auch für kleine Schritte, sind wichtig.
  • Fokus auf Stärken und Ressourcen: Anstatt sich auf Defizite zu konzentrieren, ist es wichtig, die Stärken und Ressourcen des Jugendlichen zu erkennen und zu fördern.

4. Besondere Herausforderungen im digitalen Zeitalter:

  • Digitale Medien und Reizüberflutung: Die ständige Verfügbarkeit von digitalen Medien und die damit verbundene Reizüberflutung stellt eine grosse Herausforderung dar, insbesondere für Jugendliche mit ADHS/ADS.
  • Fokus auf menschliche Interaktion und Sozialkompetenz: Im Zeitalter der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz ist es umso wichtiger, die „menschlichen“ Fähigkeiten zu fördern, die der Computer nicht ersetzen kann: Empathie, Kreativität, kritisches Denken und Sozialkompetenz.

5. Die Bedeutung der „Herzensebene“:

  • Emotionale Verbindung und Empathie: Die „Herzensebene“ steht für eine emotionale Verbindung und Empathie im Umgang mit Jugendlichen. Es geht darum, „mit dem Herzen zu sehen“ und die Jugendlichen in ihrer Emotionalität zu verstehen.
  • Spielerische Interaktion: Humor und spielerisches Miteinander schaffen eine positive Atmosphäre und fördern das Lernen und die soziale Interaktion.
  • „Sehen, was mit dem Herzen gut ist“: Dr. Davatz zitiert Antoine de Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“.
    • Dieser Fokus auf die „Herzensebene“ bedeutet nicht, dass klare Regeln und Grenzen vernachlässigt werden sollen. Vielmehr bildet die „Herzensebene“ das Fundament für eine erfolgreiche und vertrauensvolle Beziehung, die es ermöglicht, Jugendliche in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Zusammenfassend lässt sich sagen:

Der Umgang mit Jugendlichen, besonders mit ADHS/ADS, ist komplex und erfordert viel Einfühlungsvermögen, Geduld und Kreativität. Indem man die Jugendlichen auf Augenhöhe begegnet, ihre Bedürfnisse ernst nimmt und ihnen mit Respekt und Vertrauen entgegentritt, kann man ihnen helfen, sich zu selbstbewussten und verantwortungsvollen Persönlichkeiten zu entwickeln.

https://ganglion.ch/pdf/Jugend.m4a.pdf

Strategien für Eltern von ADHS/ADS-Kindern für eine bessere Beziehung zu ihrem Kind

Dr.med. Ursula Davatz gibt in ihrem Vortrag zwar keine expliziten Ratschläge für Eltern, wie sie die Beziehung zu ihrem ADHS/ADS-Kind verbessern können, aber viele ihrer Aussagen lassen sich als konkrete Handlungsempfehlungen interpretieren.

Verständnis und Validierung:

  • Das Kind in seinem Wesen verstehen und akzeptieren: Eltern sollten sich die Zeit nehmen, die individuellen Eigenschaften und Bedürfnisse ihres Kindes kennenzulernen und zu verstehen.
  • Die „breite Aufmerksamkeit“ respektieren: Anstatt die Ablenkbarkeit des Kindes als Störung zu betrachten, sollten Eltern versuchen, seine „breite Aufmerksamkeit“ als Stärke zu sehen.
  • Die Sensibilität des Kindes ernst nehmen: Eltern sollten achtsam mit den Gefühlen ihres Kindes umgehen und Verletzungen vermeiden.
  • Die positiven Eigenschaften des Kindes wertschätzen: ADHS/ADS-Kinder sind oft kreativ, begeisterungsfähig und denken quer. Eltern sollten diese Stärken fördern und dem Kind positive Rückmeldungen geben.

Beziehungsgestaltung:

  • Beziehung vor Erziehung: Bevor Eltern Anforderungen an ihr Kind stellen, sollten sie sicherstellen, dass eine positive Beziehung besteht.
  • Gemeinsames Problemlösen: Eltern sollten Probleme gemeinsam mit ihrem Kind lösen und ihm die Möglichkeit geben, eigene Lösungsvorschläge zu entwickeln.
  • Klare Regeln und Strukturen: ADHS/ADS-Kinder brauchen klare Regeln und Strukturen, um sich sicher und geborgen zu fühlen. Eltern sollten wenige, aber wichtige Regeln festlegen und diese konsequent durchsetzen.
  • Eigene Bedürfnisse klar kommunizieren: Eltern sollten ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche klar und deutlich formulieren. Statt „Du musst!“ sollten sie „Ich will!“ sagen.
  • Konfrontationen vermeiden: Strenge Bestrafungen und Konfrontationen sind kontraproduktiv und verstärken oft nur die negativen Verhaltensweisen des Kindes.
  • Geduld und Einfühlungsvermögen: Eltern brauchen viel Geduld und Einfühlungsvermögen im Umgang mit ihrem ADHS/ADS-Kind. Sie sollten sich immer wieder **vor Augen führen, dass das Kind nicht absichtlich „ungehorsam“ oder „schwierig“ ist.

Unterstützung und Entlastung:

  • Austausch mit anderen Eltern: Der Austausch mit anderen Eltern von ADHS/ADS-Kindern kann Unterstützung und Entlastung bieten.
  • Professionelle Hilfe: Bei anhaltenden Schwierigkeiten sollten Eltern professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Ein Kinder- und Jugendpsychiater oder ein Psychotherapeut kann Eltern und Kind bei der Bewältigung der Herausforderungen unterstützen.

Zusammenfassend lässt sich sagen:

Eine gute Beziehung zu einem ADHS/ADS-Kind basiert auf **Verständnis, Akzeptanz und **einer **liebevollen und **gleichzeitig klaren und strukturierten Erziehung. Eltern sollten die individuellen Bedürfnisse ihres Kindes respektieren und gemeinsam mit ihm an Lösungen für die Herausforderungen des Alltags arbeiten. Unterstützung und Entlastung von aussen können Eltern helfen, mit den Belastungen besser umzugehen und die Beziehung zu ihrem Kind zu stärken.

https://ganglion.ch/pdf/Umgang_mit_ADHS-ADS_19.9.2024.m4a.pdf