Wie lässt sich Impulsivität positiv beschreiben?

Basierend auf den Ausführungen von Dr. Ursula Davatz in den Quellen wird Impulsivität, die oft als „schlechte Impulskontrolle“ negativ beschrieben wird, auch mit einem positiven Aspekt benannt: grosse Spontanität.

Positiv formuliert bedeutet Impulsivität, dass ADHS/ADSler oft sofort wissen, was abläuft. Sie sind schnell und haben eine schnelle Reaktivität. Dies kann sich in verschiedenen Bereichen zeigen:

  • Sie spüren sofort, wie jemand eingestellt ist und nehmen den emotionalen Ton stark wahr.
  • In Berufen mit viel Menschenkontakt, wie bei Ärzten oder Pflegenden mit ADHS/ADS, können sie ein gutes Gespür für den Patienten haben.
  • Sie können tendenziell ein Helfertyp sein, der bei einem Problem schnell helfen möchte (obwohl dieser Impuls gelernt werden muss, um nicht überwältigend zu sein).
  • Sie sind eher der spontane, schnelle Entscheidungstyp (dies muss aber oft mit Überlegung ergänzt werden).
  • Die Spontanität kann sich auch im humorvollen Umgang mit Situationen zeigen, wie einem „blöden Spruch“ oder Necken.

Diese Impulsivität ist Teil der Hirnstruktur und nicht etwas Erworbenes. Während sie in manchen Kontexten, wie beim Reinreden in Gesprächen, als störend wahrgenommen werden kann, ist die zugrundeliegende Spontanität und schnelle Reaktionsfähigkeit, wenn sie kanalisiert wird, eine Fähigkeit.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/04/Hirslanden-15.4.2025.m4a.pdf

Impulsivität und Reaktivität bei ADHS/ADS

Die Impulsivität und Reaktivität sind weitere wichtige Eigenschaften, die bei ADHS/ADS-Betroffenen häufig auftreten. Dr.med. Ursula Davatz erläutert in ihrem Vortrag, dass diese Eigenschaften eng mit der Hypersensibilität und dem Gerechtigkeitsempfinden der Betroffenen zusammenhängen.

Impulsive Reaktionen auf emotionale Verletzungen:

ADHS/ADS-Betroffene reagieren oft sehr impulsiv auf Situationen, in denen sie sich emotional verletzt oder ungerecht behandelt fühlen. Dies liegt daran, dass sie diese Situationen aufgrund ihrer Hypersensibilität besonders stark wahrnehmen und emotional verarbeiten.

Unterschiedliche Reaktionsmuster bei ADHS und ADS:

  • ADHS: Bei ADHS äussert sich die Impulsivität in der Regel durch nach aussen gerichtete Reaktionen wie Wutausbrüche, Schimpfen, Schreien oder Fluchen. Betroffene können in solchen Situationen die Kontrolle über ihr Verhalten verlieren und aggressiv reagieren.
  • ADS: Bei ADS hingegen zeigen sich die Reaktionen eher nach innen gerichtet. Betroffene ziehen sich zurück, flüchten in ihre eigene Welt und vermeiden die Konfrontation.

Ursachen der Impulsivität:

Dr.med. Ursula Davatz erklärt, dass die Impulsivität bei ADHS/ADS mit einer verzögerten Reifung des Gehirns zusammenhängt, insbesondere im Bereich des Pyramidensystems im Rückenmark, das für die Unterdrückung spontaner Impulse zuständig ist.

Auswirkungen auf den Alltag:

Die Impulsivität und Reaktivität von ADHS/ADS-Betroffenen können zu Schwierigkeiten in verschiedenen Lebensbereichen führen:

  • Schule/Arbeit: Konzentrationsschwierigkeiten, Störung des Unterrichts, Konflikte mit Lehrern/Vorgesetzten
  • Beziehungen: Häufige Konflikte, Missverständnisse, Beziehungsabbrüche
  • Gesundheit: Stress, Erschöpfung, Risikoverhalten (z.B. Drogenkonsum)

Umgang mit Impulsivität und Reaktivität:

Um mit der Impulsivität und Reaktivität von ADHS/ADS-Betroffenen konstruktiv umzugehen, sind Verständnis und Geduld seitens des Umfelds entscheidend:

  • Auslöser erkennen: Es ist wichtig, die Situationen und Reize zu identifizieren, die impulsive Reaktionen auslösen, um diese möglichst zu vermeiden.
  • Ruhe bewahren: Im Falle einer impulsiven Reaktion sollte man selbst ruhig und besonnen reagieren und Konfrontationen vermeiden.
  • Empathie zeigen: Versuchen Sie, die Situation aus der Perspektive des Betroffenen zu sehen und seine Gefühle ernst zu nehmen.
  • Kommunikation: Sprechen Sie die Situation im Nachhinein in Ruhe an und suchen Sie gemeinsam nach Lösungen.

Fazit:

Die Impulsivität und Reaktivität sind wichtige Merkmale des Neurotyps ADHS/ADS und können zu grossen Herausforderungen im Alltag führen. Ein verständnisvolles Umfeld, das die Bedürfnisse der Betroffenen respektiert und sie in der Entwicklung von Strategien zur Impulskontrolle unterstützt, kann dazu beitragen, dass sie ihre Stärken entfalten und ein erfülltes Leben führen können.

https://ganglion.ch/pdf/adhs-bei-jugendlichen-wendepunkt-1.3.2022-1.pdf

Umgang mit Impulsivität bei ADHS/ADS

Die Quellen betonen, dass impulsives Verhalten bei Menschen mit ADHS/ADS reflexgesteuert ist und nicht einfach durch kognitive Kontrolle unterdrückt werden kann. Es ist wichtig, diese Tatsache zu verstehen, um adäquat mit impulsiven Ausbrüchen umzugehen.

Anstatt mit Gegenimpulsivität zu reagieren, was die Situation nur verschlimmern würde, sollte man sich zuerst selbst beruhigen und in einen Zustand niedriger Erregung (Low Arousal State) versetzen. Erst dann sollte man mit der Person interagieren.

Dr.med. Ursula Davatz rät von Befehlen und dem Wort „Nein“ ab, da diese als Übergriff auf die Persönlichkeitssphäre empfunden werden. Stattdessen sollten Zusammenarbeit und intrinsische Motivation gefördert werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Vermeidung von Beschämung. Beschämung führt zu Aversionsverhalten und verhindert positive Entwicklung. Stattdessen sollten Sensibilität und Verletzungen validiert werden, bevor man nach Lösungen sucht.

Eltern von ADHS/ADS Kindern sollten nicht zu schnell in Streitsituationen eingreifen, damit die Kinder lernen, sich selbst zu behaupten. Nur bei drohender Eskalation sollte man als Mediator eingreifen, ohne Täter- und Opferrollen zuzuweisen. Stattdessen sollte man das Problem aus beiden Perspektiven beleuchten und die Kinder in die Lösungsfindung einbeziehen.

https://ganglion.ch/pdf/50_Jahre_ADHS_ADS_6.12.2024.m4a.pdf

Die Rolle der Impulsivität bei der Gefährlichkeit narzisstischer Störungen

Die Quellen betonen, dass Impulsivität eine entscheidende Rolle bei der Gefährlichkeit von narzisstischen Störungen spielt. Menschen mit narzisstischen Störungen sind besonders anfällig für Kränkungen, reagieren jedoch unterschiedlich darauf, abhängig von ihrer Impulsivität.

  • Personen mit hoher Impulsivität, wie beispielsweise Menschen mit ADHS, neigen zu unmittelbaren und ungesteuerten Reaktionen auf die wahrgenommene Verletzung. Diese Reaktionen können sich in Aggression, Wutausbrüchen und in extremen Fällen sogar in Gewalt äussern.
  • Hingegen reagieren Personen mit geringerer Impulsivität zwar auch sensibel auf Kränkungen, können ihre Reaktionen jedoch besser kontrollieren und agieren weniger impulsiv.

Dr.med. Ursula Davatz nennt konkrete Beispiele aus ihrer Erfahrung, die die Gefährlichkeit von narzisstischen Kränkungen in Kombination mit hoher Impulsivität verdeutlichen:

  • Sie erwähnt den Fall von Anders Breivik, der durch anhaltende narzisstische Kränkungen zu Gewalttaten getrieben wurde.
  • Auch Männer, die von ihren Partnerinnen verlassen werden, können durch die erlebte Kränkung zu extremen Gewalttaten wie Mord getrieben werden.
  • Sie beschreibt Fälle von Männern mit ADHS in Gefängnissen, die durch ihre Impulsivität in Kombination mit narzisstischen Kränkungen zu Straftaten neigten.
  • Beispiele wie Friedrich Leibacher und Günther Tschanun zeigen ebenfalls die destruktiven Folgen von narzisstischen Kränkungen, die in Gewalttaten gipfeln.

Die Quellen zeigen auch auf, dass Personen mit ADHS aufgrund ihrer erhöhten Sensibilität leichter narzisstisch gekränkt werden können. Die Kombination aus narzisstischer Störung und ADHS kann daher besonders gefährlich sein.

Es ist wichtig zu betonen, dass nicht alle Personen mit narzisstischen Störungen gefährlich sind. Die Gefährlichkeit hängt massgeblich von der Impulsivität der Person ab. Je impulsiver eine Person ist, desto grösser ist das Risiko, dass sie auf Kränkungen mit Aggression und Gewalt reagiert.

https://ganglion.ch/pdf/Narzissmus%20und%20pers%C3%B6nliche%20Identit%C3%A4t.m4a.pdf