Dr.med. Ursula Davatz geht in ihren Ausführungen detailliert auf den Einfluss sozialer Vererbung auf die Entstehung psychischer Probleme ein. Sie stellt dabei klar, dass soziale Vererbung, also die Weitergabe von erlernten Verhaltensweisen, Wertvorstellungen und sozialen Normen, massgeblich über das Grosshirn abläuft. Das Grosshirn speichert die Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens in unserem sozialen Umfeld, insbesondere in der Herkunftsfamilie, machen. Diese Erfahrungen prägen unsere individuellen Anpassungsmuster und können unter bestimmten Umständen zu psychischen Problemen führen.
Konflikte mit erlernten Mustern als Auslöser:
Problematisch wird es laut Dr. Davatz dann, wenn wir in Situationen geraten, in denen unsere erlernten Anpassungsmuster nicht mehr greifen. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn wir:
- auf Widerstand stossen: Wenn unser Verhalten auf Ablehnung stösst oder wir mit unseren Wertvorstellungen anecken, kann dies zu Frustration und Stress führen.
- uns anpassen müssen: Gesellschaftliche Veränderungen oder neue Lebensumstände erfordern oft Anpassungen, die im Konflikt mit unseren erlernten Mustern stehen können.
Der Teufelskreis aus Stress und Symptomen:
In solchen Situationen entsteht ein innerer Konflikt: Wir sind einerseits unseren erlernten Mustern und den damit verbundenen Wertvorstellungen verpflichtet, andererseits erleben wir, dass diese Muster nicht mehr funktionieren. Dieser Konflikt führt zu Stress und emotionaler Belastung, die sich im emotionalen Hirn (Mittelhirn) staut.
Kann diese gestaute Energie nicht über das Grosshirn abgebaut werden, indem wir neue, flexiblere Verhaltensweisen entwickeln, sucht sie sich einen anderen Weg: Sie wird über das Stammhirn in den Körper weitergeleitet und manifestiert sich dort in Form von psychosomatischen Symptomen.
Beispiele aus Dr.med. Ursula Davatz‘ Ausführungen:
- Beinbeschwerden nach Konflikt: Dr. Davatz beschreibt am Beispiel eines eigenen psychosomatischen Hautausschlags an den Beinen, wie ein Konflikt mit einer Organisation zu körperlichen Symptomen führte. Erst als es ihr gelang, die Situation mental zu verarbeiten, verschwand der Ausschlag.
- Magen-Darm-Probleme nach Scheidung: Eine Teilnehmerin berichtet von Magen-Darm-Problemen nach ihrer Scheidung, obwohl ihre Eltern die Trennung befürworteten. Dies verdeutlicht, wie tief gesellschaftliche Normen und Erwartungen, die wir in unserer Kindheit lernen, in uns verankert sein können und selbst dann zu Konflikten führen können, wenn unser Umfeld sie nicht mehr teilt.
- Kopfweh bei Lernschwierigkeiten: Eine Mutter berichtet, dass ihr Sohn unter Kopfschmerzen leidet, wenn er mit den Hausaufgaben überfordert ist. Dr. Davatz vermutet, dass der Sohn den Druck der Mutter spürt, die ihm die erlernte Wichtigkeit von Fleiss und Ordnung vermitteln möchte.
Die Bedeutung des Loslassens:
Um psychosomatische Erkrankungen zu vermeiden, ist es laut Dr. Davatz wichtig, alte, unflexible Muster zu erkennen und loszulassen. Dies erfordert Mut, da es oft mit Angst und Unsicherheit verbunden ist, sich von den Normen und Erwartungen der Herkunftsfamilie zu lösen.
Dr.med Ursula Davatz ermutigt ihre Patienten dazu, sich auf diesen Prozess einzulassen, um neue, individuellere Anpassungsmuster zu entwickeln, die ihren Bedürfnissen und der aktuellen Lebenssituation besser entsprechen.
Zusammenfassend: Die soziale Vererbung spielt eine bedeutende Rolle bei der Entstehung psychischer Probleme. Erlernte Verhaltensmuster und Wertvorstellungen können in neuen Situationen zu Stress und Konflikten führen, die sich, wenn sie nicht mental verarbeitet werden, in psychosomatischen Symptomen manifestieren. Es ist wichtig, sich der eigenen Prägungen bewusst zu werden und ungünstige Muster loszulassen, um flexibler und gesünder mit den Herausforderungen des Lebens umgehen zu können.
https://ganglion.ch/pdf/Wann_laesst_die_Seele_den_Koerper_sprechen.m4a.pdf