ADHS/ADS als Modediagnose?

Dr.med. Ursula Davatz begegnet der Behauptung, ADHS/ADS sei eine Modediagnose, mit dem Argument, dass eine genetische Vererbung nie eine Modediagnose werden kann.

  • Sie betont, dass ADHS/ADS vererbt und kein vorübergehender Trend ist.
  • Dr.med. Ursula Davatz verweist auf die weite Verbreitung von ADHS/ADS im Mittelmeerraum, die auf einen evolutionsbiologischen Vorteil hindeutet.
  • Die erhöhte Aufmerksamkeit für ADHS/ADS in den Medien und der Gesellschaft führt sie darauf zurück, dass bei neuen Entdeckungen oft ein Hype entsteht.
  • Sie stellt klar, dass ADHS/ADS nicht häufiger geworden ist, sondern heute mehr wahrgenommen und behandelt wird als früher.
  • Noch vor 20 Jahren leugneten viele Ärzte die Existenz von ADHS/ADS, während sich heute Elternvereinigungen, Kinderärzte und Psychiater damit befassen und die Diagnose immer häufiger gestellt wird.

Dr.med. Ursula Davatz‘ Argumentation unterstreicht, dass ADHS/ADS eine reale und ernstzunehmende neurologische Besonderheit ist und nicht als Modeerscheinung abgetan werden sollte.

https://ganglion.ch/pdf/nebelspalterinnen_ADHS_ADS_23.9.2024.mp3.pdf

ADHS/ADS: mehr als eine Modediagnose?

Transkription

Transkript

Dr.med. Ursula Davatz im Gespräch mit Camille Lothe und Maria-Rahel Cano
23.9.2024
ADHS/ADS – mehr als eine Modediagnose?
Audio

[00:00:28.310] – Maria-Rahel Cano
Das Schnaufen von einem Büro Kollegen, das Hupen von einem Auto, das vibrieren
von einem Telefon. Schon ist es vorbei mit der Konzentration. Die Regel ist: entweder
ein Chaos auf dem Pult oder ein Chaos im Kopf. Alles wird immer auf den letzten
Drücker erledigt mit dem Schwur: das nächste Mal fange ich den rechtzeitig an. Immer
müde oder immer rastlos. Entweder total motiviert oder irgendwo am Träumen, sodass
man die eigene Zahnpasta im Kühlschrank wiederfindet.

[00:01:01.090] – Maria-Rahel Cano
Camille Lothe und ich, wir kennen so Situationen nur zu gut. Aber warum? Weil wir
beide mit einem Aufmerksamkeitsdefizit Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert sind. Kurz:
ADHS. Heute kommt man um den Begriff ja fast nicht mehr herum. Deswegen ist es
höchste Zeit, dass wir uns dem Zappel-Philipp-Syndrom, wie wir es im Volksmund
nennt, auf den Grund gehen.

[00:01:26.950] – Maria-Rahel Cano
Aus dem Grund haben wir eine Expertin eingeladen, die sich schon seit Jahren mit dem
Thema befasst. Frau Dr.med. Ursula Davatz ist Ärztin, Psychiaterin, Buchautorin und
ADHS/ADS-Expertin. Sie ist Vizepräsidentin von ADHS20+ Schweiz, einer Info-und
Beratungsstelle für Erwachsene mit ADHS/ADS. Präsidiert wird der Verein von der Frau
Sandra Amrein.

[00:01:51.130] – Camille Lothe
Frau Dr. Davatz, es freut uns sehr, dass ie heute bei uns in dieser Folge
Nebelspaltrinnen dabei sind.

[00:01:56.560] – Dr.med. Ursula Davatz
Was wollen Sie von mir hören?

[00:01:58.160] – Camille Lothe
Ich würde sagen, wir starten doch gerade. Und zwar, ich habe ein Interview von ihnen
gelesen und dort haben Sie gesagt, bei ADHS/ADS handelt es sich nicht um eine
Krankheit. Warum nicht? Was ist denn ADHS/ADS? Was versteht man heute darunter?

[00:02:14.500] – Camille Lothe
Je nachdem, wen sie fragen, wird etwas anderes gesagt, aber ich sage jetzt meine
Meinung. Ich sage, ADHS und ADS ist ein genetisch vererbter Neurotyp.

[00:02:29.090] – Camille Lothe
Das heisst, wird dann zu einem Persönlichkeitstyp und es ist ein vulnerabler
Persönlichkeitstyp.

[00:02:37.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das heisst, die Menschen mit einem ADHS oder einem ADS sind verletzlicher und
können schlussendlich Folge-Erkankungen entwickeln.

[00:02:48.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiatrie redet dann von Komorbidität und ich sage: Nein, ADHS/ADS ist keine
Morbidität, also keine Krankheit, sondern einfach ein sensibler Neurotyp.

[00:03:00.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Je nachdem, wie das Umfeld mit dem ADHS/ADS umgeht, kann es zu einer Erkrankung
werden, zu Problem werden.

[00:03:07.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Es gibt auch einige sehr erfolgreiche Menschen mit ADHS und ADS, die registriert man
aber nicht.

[00:03:15.460] – Dr.med. Ursula Davatz

Das heisst, die Bevölkerung schon. Also man sagt, vom Albert Einstein, er ist ADHS/
ADS gewesen, Mozart, Michael Phelps.

[00:03:24.250] – Maria-Rahel Cano
Von der Nebelspalterinnen, sagt man es auch.

[00:03:27.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie gehören ja zu denen.

[00:03:30.020] – Maria-Rahel Cano
Sie unterscheiden zwischen ADHS und ADS. Könnt ihr das vielleicht noch kurz ein
bisschen erläutern?

[00:03:38.360] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS. Das H steht für Hyperkinese, das ist der Zappelphilipp.

[00:03:45.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ADHSler gestört werden, reagieren sie nach aussen. Sie werden aggressiv oder
zappeln umher.

[00:03:51.720] – Dr.med. Ursula Davatz
ADSler reagieren nach innen. Wenn die ADSler gestört werden, oder sie etwas stark
beschäftig, dann hirnen sie, dann denken sie nach und sind ganz viele Schlaufen im
Gehirn beschäftigt.

[00:03:58.520] – Dr.med. Ursula Davatz
An Vorträgen höre ich oft: ich habe gewechselt von ADHS zu ADS oder umgekehrt.

[00:04:09.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Was genau der Unterschied ist in ihrem Hirn, kann ich nicht sagen und in der
Genstruktur auch nicht. Sie haben gemeinsame Eigenschaften.

[00:04:36.470] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler sind sehr sensibel.

[00:04:38.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich spreche nicht von der Aufmerksamkeitsstörung,.

[00:04:42.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich sage breite Aufmerksamkeit.

[00:04:45.020] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler nehmen alles war, ihnen entgeht nichts.

[00:04:45.420] – Dr.med. Ursula Davatz
Normotypen, denen entgeht ganz viel.

[00:04:54.080] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler merken alles.

[00:04:54.350] – Dr.med. Ursula Davatz
ADSler reagieren eher mit nachdenken, überlegen und träumen.

[00:05:03.460] – Camille Lothe
Früher war ADHS/ADS insbesondere ein Thema bei den Kindern.

[00:05:06.960] – Camille Lothe
Man stellte sich die Frage auch bei den eigenen Kindern. Wie kommt es dazu, dass
sich ADHS/ADS nicht auswächst? ADHS/ADS werden nun auch im Erwachsenen Alter
diagnostiziert.

[00:05:33.140] – Dr.med. Ursula Davatz
ADS und ADHS sind genetisch vererbt. Es ist ein Neurotyp, der bleibt.

[00:05:42.840] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher sagte man, dass es sich auswächst, wenn der Mensch erwachsen wird.

[00:05:43.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Heute weiss man, dass es sich nicht auswächst.

[00:05:47.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Gene können sich nicht auswachsen, die haben einen Einfluss auf das Gehirn.

[00:05:52.500] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ADHS/ADS Gehirn ist anders, funktioniert anders.

[00:05:52.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Man kann das heute auch mit Tests und mit Bildgebenden Verfahren zeigen

[00:06:06.510] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Erwachsenen können lernen, mit ihren speziellen Eigenschaften besser
umzugehen.

[00:06:11.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie lernen es umso besser, je toleranter ihr Umfeld ist, je akzeptabler sie im Umfeld
sind.

[00:06:18.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Hingegen wenn man sie ständig stört, dann stören sie sich an sich selber und dann
kämpfen sie das Leben lang gegen ihr eigenes Naturell. Das ist natürlich nicht gut.

[00:06:28.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wächst sich nicht aus, aber die sie können lernen, besser damit umzugehen.

[00:06:32.810] – Maria-Rahel Cano
Es ist in aller Munde, es ist in den Medien. Wenn man auf Social Media unterwegs ist,
ist fast jedes zweite Video irgendwie, hat irgendetwas mit ADHS/ADS zu tun.

[00:06:47.200] – Maria-Rahel Cano
Ist es jetzt fast eine kleine Modediagnose geworden und was würden sie diesen Leuten
entgegnen, welche sagen: das ist ein Hype?

[00:06:57.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Eine genetische Vererbung kann nie eine Modediagnose werden.

[00:07:02.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist einfach vererbt.

[00:07:04.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Man findet im Mittelmeerraum wahrscheinlich sogar mehr ADHS/ADSler in allen
südlichen Ländern und das hat einen evolutionsbiologischen Vorteil gehabt.

[00:07:14.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Der Mittelmeerraum ist ein grosser Handelsraum gewesen oder immer noch.

[00:07:18.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Vielleicht nicht mehr ganz so wichtig wie früher.

[00:07:20.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Da ist die Eigenschaft von dieser breiten Aufmerksamkeit, ist absolut hilfreich gewesen,
von Vorteil gewesen.

[00:07:28.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf dem Markt nimmt man alles wahr, man verhandelt und so weiter.

[00:07:33.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist erstens mal keine Krankheit, es ist eine vererbte Eigenschaft.

[00:07:40.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Dass ADHS/ADS heute modisch als Hype bei allen Medien vorkommt, das ist immer so,
wenn etwas Neues kommt, wenn eine neue Entdeckung kommt, springen alle drauf auf
und alle machen damit Reklame.

[00:07:53.540] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS ist nicht mehr geworden. Es wird mehr wahrgenommen, es wird mehr
behandelt.

[00:08:00.070] – Dr.med. Ursula Davatz
Noch vor 20 Jahren ungefähr hat der Kinderpsychiater in Zürich gesagt: das gibt es
nicht.

[00:08:08.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ärzte haben es noch geleugnet.

[00:08:10.610] – Dr.med. Ursula Davatz
Die ELPOS, also Elternvereinigung für Frühkindliches POS, so hat man es früher
genannt, die haben sich damit befasst.

[00:08:19.730] – Dr.med. Ursula Davatz
https://elpos.ch/

[00:08:20.350] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Kinderärzte haben sich damit befasst.

[00:08:22.470] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Psychiater haben noch behauptet, das gibt es nicht.

[00:08:24.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt wissen es alle und es wird abklärt und so weiter.

[00:08:28.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt findet man auch Tests auf dem Internet. Man kann sich eigentlich selber
diagnostizieren.

[00:08:34.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man mal ein Auge dafür hat, erkennt man es auch relativ gut.

[00:08:39.970] – Camille Lothe
Viele Leute sagen auch, es ist ein Auswuchs von unserer Leistungsgesellschaft. Kann
man das so sehen?

[00:08:48.630] – Dr.med. Ursula Davatz
Unsere Leistungsgesellschaft und der Druck, den sie mit sich bringt, der Stress, der
ständige Stress, das ist natürlich für ADHS und ADS Kinder nicht sehr gut.

[00:09:02.710] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler haben neben ihrer Hyperaktivität und der inneren Hyperaktivität eine
andere Prozessierung.

[00:09:12.910] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler machen schneller ein System Overload.

[00:09:19.140] – Dr.med. Ursula Davatz
Im Augenblick, wo ADHS/ADSler ein System Overload machen, da kann ihr
emotionales Hirn nicht mehr so viel prozessieren.

[00:09:25.800] – Dr.med. Ursula Davatz

ADHS/ADSler prozessieren mehr als der Durchschnittsmensch.

[00:09:28.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann wird der System Overload zu einem Problem.

[00:09:32.780] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne ist das heutige Klima für ADHS/ADSler anstrengend.

[00:09:40.330] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen lernen, sich immer wieder aus dem Trubel rauszunehmen, denn sie können
sich nicht ganz so gut abschirmen.

[00:09:47.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Man spricht von mangelnder Filterfunktion. Es gibt schöne Wörter dafür.

[00:09:54.250] – Maria-Rahel Cano
Besteht nicht die Gefahr, dass menschliches Verhalten über psychologisiert wird,
pathologisiert wird, weil man es in jeder Situation sieht?

[00:10:17.000] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich denke, beides kann passieren, dass man über psychologisiert und sicher, dass man
pathologisiert.

[00:10:23.670] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Mediziner und somit auch Psychiater, die tun alles diagnostizieren und somit auch
pathologisieren.

[00:10:30.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann sagt man: ja, das haben ja alle. Das stimmt auch wieder nicht.

[00:10:39.350] – Dr.med. Ursula Davatz

Das, was beim ADHS/ADSler extremer vorkommt, wird schnell pathologisiert.

[00:10:47.910] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich wehre mich gegen alle Pathologisierungen und sage: ja, es ist keine Krankheit, es
ist einfach ein spezieller Neurotyp und ein spezieller Persönlichkeitstyp.

[00:10:58.360] – Dr.med. Ursula Davatz
Wie gesagt, das Umfeld macht ihnen Probleme.

[00:11:07.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Früher habe ich nur ADHS/ADS und Schizophrenie angeschaut. Heute schaue ich alles
an.

[00:11:11.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Diejenigen, welche schlussendlich Krankheiten daraus entwickeln und man kann viele
Krankheiten daraus entwickeln, die wachsen in einem Umfeld auf, das für sie nicht sehr
günstig ist, welches sie nicht so sein lässt wie sie sind, welches sie nicht validiert,
welches sie zu schnell umerziehen, verändern möchte. Diese Veränderungsabsicht
pathologisiert eher. Dann muss sich das ADHS/ADS Kind dagegen wehren, oder es hat
das Gefühl es ist nicht richtig, so wie es ist.

[00:11:41.180] – Camille Lothe
Kann es nicht auch, zum Beispiel für Eltern oder eben jetzt auch, wenn man das mit 25
zum Beispiel diagnostiziert bekommt, vielleicht ein bisschen eine Erlösung sein? Dass
man weiss, wieso verhaltet man sich so? Wieso verhalten sich meine Kinder so?

[00:11:56.360] – Camille Lothe
Gleichzeitig aber eben die Gefahr, welche du mal angesprochen hast mit dieser
Pathologisierung, dass es plötzlich die Erklärung ist für jedes negative Verhalt en. Ich
kann mir das vorstellen, vor allem bei Eltern, dass wenn das Kind nicht so fleissig ist,
zum Beispiel, dass es eben so eine Erklärung ist, es hat ja ADHS/ADS, hat man da
auch das Risiko, dass es eine Erklärung ist für alles?

[00:12:18.380] – Maria-Rahel Cano
Oder eine Ausrede?

[00:12:20.860] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann verwendet man es als Ausrede, dann muss sich gar nicht anstrengen. Das ist
nicht gut. Man soll es nicht als Ausrede verwenden.

[00:12:32.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn Erwachsene mit 25, mit 45 die Diagnose ADHS/ADS bekommen, sind sie oft
erleichtert.

[00:12:42.880] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie können sagen: jetzt verstehe ich. Jetzt weiss ich, warum ich so bin.

[00:12:47.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Erwachsenen hilft das etwas.

[00:12:49.680] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn man bereits bei den Kindern die Abklärung macht, dann höre ich viele
Erwachsene sagen: Meine Eltern haben mich zum Psychiater geschleppt, zur
Psychologin, ich habe eine Diagnose bekommen. Die Kinder ärgert das oft.

[00:12:59.020] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den Erwachsenen ist es eher ein Aha-Erlebnis und eine Entlastung.

[00:13:09.090] – Dr.med. Ursula Davatz
Manchmal auch schon bei den Teenagern und sicher mit 25, 30 kann es eine
Entlastung sein.

[00:13:15.500] – Dr.med. Ursula Davatz

Jetzt weiss ich einen Namen dafür.

[00:13:19.940] – Maria-Rahel Cano
Einen Namen dafür?

[00:13:21.340] – Camille Lothe
Für das Verhalten, oder?

[00:13:22.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt verstehe ich mein Verhalten. Jetzt habe ich eine Bezeichnung dafür.

[00:13:30.090] – Maria-Rahel Cano
Aha!

[00:13:30.740] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn dann die Person das immer verwendet, wenn irgendwas problemhaft ist am
Arbeitsplatz oder so und sagt: ich habe halt ein ADHS/ADS, dann kann es als Ausrede
verwendet werden und dann macht es die Leute dann auch wieder verrückt. Das ist
natürlich nicht gut.

[00:13:47.180] – Maria-Rahel Cano
Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Bezug auf ADHS/ADS?

[00:13:53.580] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja.

[00:13:54.780] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen sind bekanntlicherweise anpassungsfähiger als Männer.

[00:14:02.350] – Camille Lothe
Das ist spannend.

[00:14:05.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen sind anpassungsfähiger als Männer. Ich denke, das ist wegen unserer Funktion.

[00:14:11.310] – Dr.med. Ursula Davatz
Man hat sogar Untersuchungen gemacht in Israel, an der Uni, an Ratten. Die
männlichen Gehirne haben sich unter Stress vereinfacht. Die weiblichen Gehirne haben
sich unter Stress vernetzt, sind komplizierter geworden.

[00:14:17.193] – Dr.med. Ursula Davatz
https://www.cell.com/cell-reports/fulltext/S2211-1247(23)00885-9

[00:14:34.400] – Dr.med. Ursula Davatz
In die Alltagssprache übersetzt, sage ich, die Frauen suchen nach Lösungen, die
Männer fahren gegen die Wand.

[00:14:40.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sehen wir heute in der Politik, wie an die Wand gefahren wird.

[00:14:43.750] – Dr.med. Ursula Davatz
In diesem Sinne ist es sehr wichtig, dass Menschen mit ADHS/ADS und ihr Umfeld
lernen, Probleme auf eine kreative Art und Weise zu lösen.

[00:14:55.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen nehmen sich zurück und werden dann eher depressiv mit 30 oder 40 Jahren.
Weil sie sich so stark anpassen, unterdrücken sie sich selber.

[00:14:56.560] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS Männer, wenn die nicht durchkommen, werden sie delinquent.

[00:15:12.000] – Dr.med. Ursula Davatz

Das sind die beiden Extreme.

[00:15:17.150] – Dr.med. Ursula Davatz
Beide können andere Krankheiten entwickeln. Bipolare Störung, Depressionen können
beide entwickeln.

[00:15:36.920] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Frauen gibt man oft die Borderline Persönlichkeitsstörung.

[00:15:41.040] – Dr.med. Ursula Davatz
Das sind alles zu streng erzogene Frauen.

[00:15:44.980] – Camille Lothe
Alles zu streng erzogene Frauen, wo man das dann sieht.

[00:15:47.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich schaue immer die ganze Entwicklungsgeschichte an, wie sie aufgewachsen sind,
wie erzogen worden sind.

[00:15:56.120] – Dr.med. Ursula Davatz
Diese Frauen wurden zu eng erzogen, man hat ihnen zu wenig Raum gegeben. Oder
dann ist im Umfeld irgendeine Schwäche. Es fehlt der Vater oder die Mutter hat viele
Probleme. Dann kommt die Grossmutter rein. Das Familiensystem ist einfach nicht so
stabil, als dass die sich leisten könnten, ihr Temperament natürlich auszuleben.

[00:16:25.540] – Maria-Rahel Cano
Legen wir den Fokus auf die Therapie. Wir haben die medikamentöse Behandlung, auf
der anderen Seite natürlich zum Beispiel auch die Verhaltenstherapie.

[00:16:39.710] – Maria-Rahel Cano
Wie sieht es bei ADHS/ADS aus? Wirkt dort das Medikament auch?

[00:16:50.970] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei ADSlern gibt man eher Elvanse, das ist langwirksam.

[00:16:54.960] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin kein Pharmakospezialist.

[00:17:02.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei ADSlern wirken die Stimulanzien nicht ganz so gut.

[00:17:17.990] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei den ADHSlern können Stimulanzien ziemlich gut wirken.

[00:17:20.400] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hilft zu fokussieren, wenn einem eine klare Aufgabe gestellt ist, so wie z.B. in der
Schule aufzupassen, eine Arbeit fertig machen, eine Steuererklärung ausfüllen, etc.

[00:17:31.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Es hilft nicht, seinen eigenen Fokus zu finden.

[00:17:42.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Für mich ist es wichtig, dass die Menschen ihren eigenen Fokus finden. Dann können
ADHS/ADSler auch hyperfokussiert sein.

[00:17:44.870] – Dr.med. Ursula Davatz
Stimulanzien sind nur eine Symptombehandlung in Bezug auf eine spezielle Aufgabe.

[00:17:58.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Persönlichkeit wird nicht über Medikamente gefördert.

[00:18:02.500] – Camille Lothe

Es gibt auch Leute, die sagen, sie wollen keine Medikamente nehmen. Es gibt
unterschiedliche Gründe, weshalb.

[00:18:10.110] – Camille Lothe
Wir haben von Personen gelesen, die eben gerade gesagt haben, sie wollen nicht, dass
ihre Persönlichkeit sich verändert.

[00:18:18.120] – Camille Lothe
Ist es halt wirklich so, dass man sagen kann, wenn man die Medikamente nimmt, dass
es die eigene Persönlichkeit verändert, die einem ausmacht?

[00:18:28.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Ja, das stimmt.

[00:18:29.590] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Medikamente helfen zu fokussieren.

[00:18:35.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Persönlichkeit und das Gehirn besteht nicht nur aus intellektuellen Leistungen,
sondern auch aus emotionalen Wahrnehmungen.

[00:18:42.580] – Dr.med. Ursula Davatz
So sagen viele, wenn sie die Medikamenten nehmen, dass sie sich nicht mehr so gut
spüren, dass sie nicht mehr so kreativ sind, dass sie sich nicht so gut wahrnehmen.

[00:18:53.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher mache ich mit den Leuten ab, wie sie es wollen. Ich sage niemandem, dass er
die Medikamente nehmen muss, um besser zu funktionieren. Es ist immer ein
persönlicher Entscheid.

[00:19:02.850] – Dr.med. Ursula Davatz

Das Gleiche bei den Eltern, dass die Eltern entscheiden, ob sie wollen, dass das Kind
Medikamente nimmt oder nicht.

[00:19:06.650] – Dr.med. Ursula Davatz
Den Erwachsenen sage ich: sie dürfen es nur für spezielle Dinge nehmen und sie
dürfen es immer wieder ohne Medikamente versuchen.

[00:19:14.230] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist nicht so, dass man die Medikamente durchgehend nehmen muss. Das meint man
oft, bei den Medikamenten. Das muss man bei den Antidepressiva machen, nicht aber
bei den Amphetaminen.

[00:19:29.090] – Maria-Rahel Cano
Sie sprechen von Emotionen. In den Beziehungen spielt ADHS/ADS auch eine grosse
Rolle.

[00:19:29.630] – Maria-Rahel Cano
Wie wirkt sich ADHS/ADS auf romantische Beziehung aus?

[00:19:48.490] – Camille Lothe
Macht ADHS/ADS das Leben schwieriger in einer Beziehung oder aufregender?

[00:19:52.510] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADS kann eine Beziehung schwieriger machen.

[00:19:56.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Cordula Neuhaus sagt: they find each other, they bind with each other and they
reproduce with each other.

[00:20:01.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie treffen sich auch oft. Dann hat man zwei vom gleichen oder vom Ähnlichen.

[00:20:07.120] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS/ADSler sind impulsiv, schnell reizbar. Dann gibt es schnell streit. Man geht
aufeinander los und verwickelt sich in eine Diskussion.

[00:20:09.700] – Dr.med. Ursula Davatz
Da muss man den ADHS/ADSlern beibringen, wenn es zu einem Streit kommt, dass sie
innehalten können, sagen können: ich kann nicht mehr. Wir greifen das später wieder
auf und lösen es dann.

[00:20:29.790] – Dr.med. Ursula Davatz
Frauen wollen oft dran bleiben. Die Männer laufen einfach davon und sagen:
interessiert mich nicht, das emotionale Zeugs.

[00:20:40.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss die Männer dazu bringen, dass sie bereit sind, die komplizierten Dinge
wieder anzuschauen. Die Frauen muss man dazu bringen, dass sie aufhören können.

[00:20:48.600] – Dr.med. Ursula Davatz
In der Partnerschaft muss man aufpassen, dass die Männer nicht einfach mit Gewalt
die Interaktion und den Konflikt abbrechen und die Frauen sich wieder anpassen.

[00:21:06.080] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Frauen müssen lernen, für sich zu sprechen, ohne dass sie Recht haben müssen.
Sie müssen nur ihren Standpunkt sagen.

[00:21:15.010] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss die ADHS/ADSler Paare immer wie zwei streitende Hunde auseinander
nehmen. Das müssen sie lernen. Das ist anstrengender, als Paare, welche diesen
Neurotypen nicht haben.

[00:21:27.190] – Camille Lothe

Konflikte kann es ja auch am Arbeitsplatz geben. Was empfehlen sie Menschen, welche
am Arbeitsplatz ADHS/ADS haben? Soll man offen damit umgehen, soll man das dem
Chef sagen und gleich auf mehr Verständnis setzen? Oder das Gegenteil? Bloss nichts
sagen?

[00:21:50.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Bei der Einstellung würde ich es nicht sagen. Am Anfang würde ich es nicht sagen.

[00:21:55.260] – Dr.med. Ursula Davatz
Generell würde ich sagen: nicht sagen.

[00:21:55.540] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn es zu Schwierigkeiten kommt und man hat ein gewisses Vertrauensverhältnis,
dann kann es je nachdem von Vorteil sein, dass man sagt: weisst du, ich bin ADHS/
ADS.

[00:22:11.830] – Dr.med. Ursula Davatz
Es kommt darauf an: will die Person das ihrem Chef so offen sagen, oder will sie es
nicht.

[00:22:11.840] – Dr.med. Ursula Davatz
In jeder Situation muss man schauen.

[00:22:16.770] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss nicht sagen: ich bin ADHS/ADS. Man kann auch sagen: ich funktioniere nicht
gut, wenn ich zusammen gestaucht werde. Dann habe ich einen Nebel im Kopf, dann
kann ich gar nichts mehr erbringen. Mir muss man die Dinge ruhig, freundlich und
korrekt sagen.

[00:22:46.310] – Maria-Rahel Cano
Sie würden es nicht empfehlen, etwas dem Arbeitgeber zu sagen. Warum nicht?

[00:22:57.720] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss nicht, wie der Arbeitgeber geartet ist. Der denkt dann: das ist eine faule
Ausrede, das ist eine Modekrankheit, komm mir nicht mit dem.

[00:23:02.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich weiss nicht, wie der der Arbeitgeber darauf reagiert.

[00:23:12.370] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich hatte gerade jemanden. Die Person hat es dann gesagt und dann erwartet man sehr
viel Verständnis dafür. Die wollen einfach ihre Arbeit gemacht haben. Den Rest
interessiert den Arbeitgeber nicht.

[00:23:33.280] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss immer schauen, wen man gegenüber hat.

[00:23:36.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Wenn ich ADHS/ADSler berate, in Bezug auf Arbeitsplätze, frage ich immer:
beschreiben sie mir Ihren Chef? Wie ist der von der Person her?

[00:23:46.250] – Dr.med. Ursula Davatz
Dann versuche ich herauszufinden, wie man mit dem Chef besser umgehen könnte. Es
ist immer eine Beziehungssache.

[00:23:53.770] – Camille Lothe
Man sieht immer mehr, wie auch Erwachsene Leute auch in den Medien über ihre
Diagnose sprechen. Sie erzählen auch darüber, was es mit ihrer Persönlichkeit macht,
wie sie damit leben, wie sie damit umgehen. Es gab auch viel positive Berichterstattung
in den letzten Jahren.

[00:24:00.020] – Camille Lothe
Als Gesellschaft hat man sich geöffnet, man zeigt mehr Verständnis. Die
Schwierigkeiten, welche damit einhergehen, die gehen unter.

[00:24:29.530] – Dr.med. Ursula Davatz
Da haben sie Recht. Das ist eine gewisse Gefahr. Man beschönigt es, dann sieht man
die Probleme wieder nicht.

[00:24:38.240] – Dr.med. Ursula Davatz
Menschen mit ADHS/ADS müssen mehr lernen, mit Problem umzugehen und müssen
lernen, genauer und offener über Problematiken zu reden.

[00:24:52.980] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist ein allgemeiner Trend in der Gesellschaft. Man nimmt nur das gute raus, den
Resten lässt man wieder fallen.

[00:25:00.060] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist eine Beschönigung, Icing. Das ist ein amerikanischer Stil. Der ist nicht so
hilfreich. Man muss immer wieder die Problematik anschauen, ohne dass man diese zu
sehr pathologisiert.

[00:25:15.180] – Dr.med. Ursula Davatz
Über ADHS/ADS Eigenschaften wird das Umfeld und der ADHS/ADSler selber, wird
immer wieder gezwungen etwas zu lernen.

[00:25:20.890] – Dr.med. Ursula Davatz
Es ist eine gute Lernmöglichkeit.

[00:25:28.820] – Maria-Rahel Cano
Es gibt viele Folgeerkrankungen, welche aus ADHS/ADS entstehen.

[00:25:36.050] – Maria-Rahel Cano
ADHS/ADSler haben auch ein höheres Suchtverhalten.

[00:25:50.390] – Maria-Rahel Cano
Wie gehen sie damit um, wenn ich an die medikamentöse Behandlung denken, dass
solche Leute nachher einfach nur die Medikamenten wie TicTacs schlucken.

[00:25:59.770] – Maria-Rahel Cano
Wie kann man denn mit Menschen umgehen, die nachher ein Problem mit Substanzen
haben?

[00:26:05.200] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Amphetamine, welche man für die ADHS/ADS Behandlung gibt, werden auch auf
der Gasse gehandelt. Das sind Suchtsubstanzen. Das sind Uppers.

[00:26:11.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Indem man ihnen regulär Amphetaminen verschreibt, werden sie weniger leicht süchtig.

[00:26:22.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Zum Teil wird Ritalin auch als Droge verwendet. Da geht man hoch hinaus.

[00:26:31.460] – Dr.med. Ursula Davatz
Jawohl, es stimmt, ADHS/ADSler neigen mehr zur Sucht. Das kann heute statistisch
aufgezeigt werden.

[00:26:32.523] – Dr.med. Ursula Davatz
https://chatgpt.com/share/66f449f1-4f20-8004-b297-d36f300795bc

[00:26:44.760] – Dr.med. Ursula Davatz
Warum werden ADHS/ADSler eher süchtig. Sie sind ungeduldig, regen sich schnell auf.
Die Aufgeregtheit können sie mit Downers, Tranquilizers runterdämpfen. Diese werden
von den Ärzten verschrieben.

[00:26:54.560] – Dr.med. Ursula Davatz

Wenn ADHS/ADSler viel Frust und ein schlechtes Selbstwertgefühl haben, weil sie so
viel kritisiert worden sind, nehmen sie eher Kokain, Heroin. Heroin dämpft auch eher,
um sich gut zu fühlen. Um endlich mal wieder ein gutes Gefühl zu haben.

[00:27:01.640] – Dr.med. Ursula Davatz
Daher sind ADHS/ADSler mehr suchtanfällig.

[00:27:15.270] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe lange in der Suchtarbeit gearbeitet und habe heute noch Suchtpatienten. Ich
muss denen nicht helfen, nur einfach vom Suchtmittel wegzukommen. Ich muss ihnen
helfen, ihr Leben besser zu gestalten, damit sie zufriedener werden, ihre Persönlichkeit
zu entwickeln, sodass sie die Suchtmittel gar nicht mehr brauchen.

[00:27:41.050] – Dr.med. Ursula Davatz
Haschisch wird oft als Beruhigung verwendet. Es wird auch zum Schlafen gehen
verwendet.

[00:27:41.900] – Dr.med. Ursula Davatz
Jemand der viel Haschisch konsumiert hat, macht jetzt noch eine Ausbildung als Lehrer.
Er hat gesagt: ich habe vorher meine Gefühle mit Kiffen unterdrückt, weg gemacht.

[00:28:00.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Jetzt muss ich lernen, besser auf meine Gefühle zu hören, diese wahrnehmen, diese
spüren und dann nach diesen Gefühlen auch handeln. Nicht einfach unterdrücken.

[00:28:00.660] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Ungeduld der ADHS/ADSler ist, dass sie das Gefühl möglichst schnell weg haben
möchten.

[00:28:15.040] – Dr.med. Ursula Davatz

Man muss die ADHS/ADSler verlangsamen, damit sie lernen mit ihrer Situation
umzugehen. Das ist auch etwas, was ich auch allen ADHS/ADSlern sage: sie müssen
sich verlangsamen.

[00:28:27.950] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen ihre Pferde am Zügel reiten, dann spüren sie sich besser, dann kommen
bessere Lösungen raus.

[00:28:35.170] – Maria-Rahel Cano
In einer schnellen Gesellschaft ist das natürlich schwierig, wenn immer alles schneller
gehen soll, mal ein bisschen langsam runterzufahren.

[00:28:44.540] – Camille Lothe
Wenn man sich die politische Diskussion zur medikamentösen Behandlung anschaut,
merkt man, dass sehr starke Kritik daran geäussert wird. Das Missbrauchspotential,
Kritik am Medikamente selber. Man sagt, das ist eine Droge.

[00:28:57.500] – Camille Lothe
Wie sehen sie die politische Diskussion?

[00:29:01.500] – Camille Lothe
Redet man hier ohne viel Ahnung zu haben? Wird nicht verstanden, wie die Menschen
wirken?

[00:29:18.800] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wird Sensation gemacht.

[00:29:19.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Die Politik ist dazu da, um sich sensationell ein bisschen aufzuspielen.

[00:29:29.540] – Dr.med. Ursula Davatz

Einerseits ja, das ist eine Droge, das ist schlimm. Wir müssen die Medikamente als
Betäubungsmittel ausstellen.

[00:29:35.210] – Dr.med. Ursula Davatz
Auf der anderen Seite wird Haschisch legalisiert. Diese Droge wird verharmlost.

[00:29:36.190] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele, die mit Haschisch psychotisch geworden sind, mit Haschisch einen
schizophrenen Schub hatten.

[00:29:59.480] – Dr.med. Ursula Davatz
Das wird banalisiert, auch von den Ärzten.

[00:30:02.850] – Dr.med. Ursula Davatz
Man muss die Situation differenziert anschauen.

[00:30:08.300] – Dr.med. Ursula Davatz
Nicht das ganze Thema verpolitisieren.

[00:30:19.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich habe viele Vorträge gehalten über Drogensucht etc.

[00:30:20.170] – Dr.med. Ursula Davatz
Es wurde immer versucht, die Ärzte in den politischen Trend reinzuziehen.

[00:30:24.750] – Dr.med. Ursula Davatz
Alle Parteien, SVP, SP, FDP, alle haben über Drogen etwas wissen wollen. Sie wollten
mich verwenden um öffentlich zu reden.

[00:30:47.510] – Dr.med. Ursula Davatz

Ich musste immer aufpassen. Ich bin Fachfrau und nicht Politikerin. Ich will den
Politikern nicht helfen, die Politik müssen die Politiker selber machen.

[00:30:56.800] – Maria-Rahel Cano
Haben sie noch etwas für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer, was sie ihnen auf den
Weg geben möchten, über das Thema ADHS/ADS?

[00:31:17.160] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich bin Vizepräsidentin von ADHS20+.

[00:31:22.070] – Dr.med. Ursula Davatz
https://adhs20plus.ch/

[00:31:22.970] – Dr.med. Ursula Davatz
ADHS20+ ist eine Organisation, nicht eine fachliche Organisation, sondern eine
Laienorganisation, welche Erfahrung hat im Umgang mit ADHS/ADS.

[00:31:39.320] – Dr.med. Ursula Davatz
Dort arbeiten selber ADHS/ADS Betroffene mit.

[00:31:43.380] – Dr.med. Ursula Davatz
Das Positive daran ist, dass man das ADHS/ADS nicht pathologisieren muss.

[00:31:52.710] – Dr.med. Ursula Davatz
Sie müssen keine Diagnose stellen. Sie müssen es nicht pathologisch angehen.

[00:32:04.340] – Dr.med. Ursula Davatz
Meine Kritik an der Psychiatrie ist, dass ADHS/ADS pathologisiert wird und als
Krankheit darstellt und dann sagt: wir Ärzte haben die Oberhoheit, um das zu
diagnostizieren. Dann muss man gleichzeitig ein halbes Jahr bis ein Jahr warten, bis
man zum Test gehen kann. Das kann es nicht sein.

[00:32:04.820] – Dr.med. Ursula Davatz
Man sollte sofort Hilfe bekommen. Die Hilfe sollte nicht in den Medikamenten sein, das
ist wieder das medizinische Modell, sondern in der Beratung im Umgang mit sich selber
und die Beratung der Eltern, Lehrer, im Umgang mit den Schülern.

[00:32:37.430] – Dr.med. Ursula Davatz
Hier hat unser Schulsystem ein riesiges Defizit/Nachholbedarf, dass sie besser lernen,
mit den ADHS/ADS Kindern umzugehen.

[00:32:45.600] – Dr.med. Ursula Davatz
Das könnte ganz viel Schaden und Fehlentwicklungen verhindern.

[00:32:52.100] – Dr.med. Ursula Davatz
Ich versuche täglich, mein Wissen in das Schulsystem reinzubringen.

[00:32:52.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist unumgänglich und äusserst notwendig.

[00:32:52.730] – Dr.med. Ursula Davatz
Das ist primäre Prävention.

[00:33:01.700] – Maria-Rahel Cano
Vielen Dank Frau Dr.med. Ursula Davatz für das Gespräch und ihre Expertise.

[00:33:02.210] – Maria-Rahel Cano
Jetzt haben wir noch eine Frage für euch, liebe Community: Was möchtet ihr zu dem
Thema noch wissen? Was denkt ihr über ADHS/ADS und worüber sollen wir nächste
Woche noch reden zu dem Thema? Schreibt uns doch auf

[00:33:24.860] – Maria-Rahel Cano
redaktion@nebelspalter.ch

[00:33:26.447] – Maria-Rahel Cano
https://www.instagram.com/nebelspalterinnen/

[00:33:55.120] – Maria-Rahel Cano
Bis am nächsten Dienstag, 6 Uhr am Morgen.