Die Veränderung der sozialen Vererbung kann aus verschiedenen Gründen schwierig sein, wie aus dem Interview mit Dr.med. Ursula Davatz hervorgeht.
1. Sicherheit und Zugehörigkeitsgefühl:
- Die von der Familie geerbten Muster, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen vermitteln ein Gefühl der Sicherheit und Zugehörigkeit. Sie bieten einen Rahmen, in dem sich der Einzelne eingebettet und geborgen fühlt.
- Das Aufgeben dieser Muster kann daher Angst auslösen, da es das Gefühl der Sicherheit und Zugehörigkeit bedroht.
2. Vererbte Kultur und Traditionen:
- Religionen, Glaubenssätze und kulturelle Praktiken werden über Generationen hinweg weitergegeben und sind tief in der Familie und der Gesellschaft verankert.
- Diese traditionellen Muster zu verändern, kann auf Widerstand stossen, da sie oft als identitätsstiftend empfunden werden.
3. Machtstrukturen und Geschlechterrollen:
- In vielen Kulturen sind Machtstrukturen und Geschlechterrollen eng mit der sozialen Vererbung verbunden.
- Veränderungen in diesen Bereichen können zu Konflikten führen, da sie bestehende Machtverhältnisse und traditionelle Rollenbilder in Frage stellen.
- Beispielsweise können Migration und der Kontakt mit anderen Kulturen zu Spannungen führen, wenn unterschiedliche Wertvorstellungen aufeinanderprallen.
4. Individuelle Anpassungsfähigkeit:
- Der Mensch ist ein Opportunist und sucht nach der besten Lösung für sich.
- Das bedeutet, dass er sich an die Gegebenheiten seiner Umgebung anpasst und Verhaltensweisen übernimmt, die ihm Vorteile bringen.
- Dies kann die Veränderung der sozialen Vererbung erschweren, da Menschen möglicherweise an alten Mustern festhalten, wenn diese ihnen weiterhin nützen.
5. Emotionale Bindungen und Loyalitäten:
- Die emotionale Bindung an die Familie und die Loyalität gegenüber den Eltern und Grosseltern können die Veränderung der sozialen Vererbung behindern.
- Es kann schwierig sein, sich von den Erwartungen und Wünschen der Familie zu lösen, auch wenn diese nicht den eigenen Bedürfnissen entsprechen.
- Dies gilt insbesondere dann, wenn Schuldgefühle im Spiel sind, wie es bei Eltern von Kindern mit psychischen Erkrankungen oft der Fall ist.
6. Widerstand gegen Veränderung:
- Menschen neigen oft dazu, an bekannten Mustern und Gewohnheiten festzuhalten, auch wenn diese nicht mehr zeitgemäss sind.
- Veränderung kann als bedrohlich empfunden werden, da sie Unsicherheit und Angst vor dem Unbekannten mit sich bringt.
- Dies kann dazu führen, dass Veränderungsversuche abgelehnt oder sabotiert werden.
7. Einfluss des Internets und der Medien:
- In der heutigen Zeit prägen Internet und Medien die soziale Vererbung in zunehmendem Masse.
- Influencer und soziale Netzwerke verbreiten neue Werte, Normen und Verhaltensweisen.
- Diese Einflüsse können mit den traditionellen Mustern der Familie kollidieren und die Veränderung der sozialen Vererbung komplexer und unvorhersehbarer machen.
Zusammenfassung:
Die Veränderung der sozialen Vererbung ist ein komplexer Prozess, der mit verschiedenen Herausforderungen verbunden ist. Sicherheit und Zugehörigkeitsgefühl, vererbte Kultur und Traditionen, Machtstrukturen und Geschlechterrollen, individuelle Anpassungsfähigkeit, emotionale Bindungen und Loyalitäten, Widerstand gegen Veränderung sowie der Einfluss des Internets und der Medien spielen dabei eine Rolle.