Dr.med. Ursula Davatz erläutert in ihrem Vortrag die Forschung von Elena Brivio, die sich mit der Frage beschäftigt, wie weibliche und männliche Gehirne auf Stress reagieren. Die Studie, die nicht an Menschen, sondern an Ratten durchgeführt wurde, zeigt signifikante Unterschiede in der neuronalen Reaktion auf Stressbelastung.

Weibliche Gehirne: Vernetzung und Lösungsorientierung:

Brivios Forschungsergebnisse zeigen, dass weibliche Gehirne unter Stress verstärkt Vernetzungen bilden. Sie produzieren mehr Oligodendrozyten, was zu einem Ausbau der Nervenauswüchse und einer komplexeren Vernetzung führt. Dr. Davatz interpretiert dies als Hinweis darauf, dass weibliche Wesen aktiv nach neuen Lösungen suchen, wenn sie Stress ausgesetzt sind. Sie vergleicht diese Reaktion mit dem Verhalten von weiblichen Affen, die durch kreative Problemlösung neue Nahrungsquellen erschliessen und dieses Wissen an ihre Nachkommen weitergeben.

Männliche Gehirne: Vereinfachung und Machterhaltung:

Im Gegensatz dazu zeigt sich bei männlichen Gehirnen unter Stress eine Vereinfachung der neuronalen Strukturen. Sie schalten bestehende Vernetzungen ab und bilden eine Art „Autobahn“, die auf schnelle Reaktionen ausgerichtet ist. Dr. Davatz interpretiert dies als ein Zeichen von Machterhaltung und Dominanzstreben. Sie argumentiert, dass Männer in Stresssituationen dazu neigen, ihre Position zu verteidigen und Kontrolle zu bewahren, anstatt nach neuen Lösungen zu suchen. Dieses Verhalten führt sie auf die traditionellen Rollenbilder zurück, in denen Männer für den Schutz des Territoriums, der Familie und der Ressourcen verantwortlich sind.

Schlussfolgerung:

Dr. Davatz schliesst aus Brivios Forschungsergebnissen, dass die unterschiedlichen Stressreaktionen von Männern und Frauen tief in der Biologie verankert sind. Sie betont jedoch, dass beide Reaktionen ihre Berechtigung haben. In der heutigen Zeit, die von globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Krieg und Wirtschaftskrisen geprägt ist, plädiert sie für eine stärkere Integration des weiblichen Prinzips der Lösungsorientierung und Kooperation. Sie sieht in der Fähigkeit zur Vernetzung und zum Finden von Kompromissen den Schlüssel zur Bewältigung der aktuellen Krisen.

Kritik:

Es ist wichtig zu beachten, dass Brivios Forschung an Ratten durchgeführt wurde und die Übertragbarkeit auf den Menschen nicht abschliessend geklärt ist. Dr.med. Ursula Davatz räumt dies ein, verweist aber darauf, dass Ratten als Säugetiere viele Gemeinsamkeiten mit dem Menschen haben und in der medizinischen Forschung häufig als Modellorganismen dienen.

Fazit:

Die Forschung von Elena Brivio und die Interpretation von Dr.med. Ursula Davatz bieten spannende Einblicke in die neurobiologischen Grundlagen von Stressreaktionen bei Männern und Frauen. Sie liefern wichtige Denkanstösse für die Diskussion über Geschlechterrollen, Führungsstile und die Bewältigung globaler Herausforderungen.