Das Konzept der Dezentrierung spielt eine wichtige Rolle im Vortrag von Dr. med. Ursula Davatz und wird in Bezug auf den Umgang mit ADHS, insbesondere in der Pubertät, thematisiert.

Was bedeutet Dezentrierung?

Dezentrierung, ein Begriff aus der Entwicklungspsychologie, beschreibt die Fähigkeit, sich von der eigenen Perspektive zu lösen und die Sichtweise anderer Menschen einzunehmen. Man erkennt, dass die eigene Wahrnehmung nur eine von vielen möglichen Perspektiven ist und nicht zwangsläufig die „richtige“.

Dezentrierung und ADHS:

Dr. Davatz weist darauf hin, dass Menschen mit ADHS oft Schwierigkeiten mit der Dezentrierung haben. Dies liegt zum Teil an ihrer hohen Sensibilität und ihrem starken Gerechtigkeitsempfinden. Sie nehmen Ungerechtigkeiten und Verletzungen besonders stark wahr und reagieren oft impulsiv und emotional. Es fällt ihnen schwer, sich in die Position des „Täters“ zu versetzen und dessen Beweggründe zu verstehen.

Die Folgen mangelnder Dezentrierung:

Mangelnde Dezentrierung kann zu Konflikten in zwischenmenschlichen Beziehungen führen, insbesondere in der Familie und in der Schule. Jugendliche mit ADHS erleben Situationen oft als ungerecht und fühlen sich schnell angegriffen. Sie neigen dazu, die Schuld bei anderen zu suchen und können nur schwer Kompromisse eingehen.

Förderung der Dezentrierung:

Dr. Davatz empfiehlt Rollenspiele als effektive Methode, um die Dezentrierung zu fördern. Indem Jugendliche verschiedene Rollen einnehmen, lernen sie, sich in die Perspektive anderer hineinzuversetzen und deren Beweggründe zu verstehen.

Rollenspiele in der Praxis:

  • Bei Konflikten in der Schule kann ein Rollenspiel helfen, die Situation aus der Sicht des Lehrers und der Mitschüler zu betrachten.
  • In Familienkonflikten können die Familienmitglieder die Rollen tauschen, um die Bedürfnisse und die Sichtweise des jeweils anderen besser zu verstehen.

Dezentrierung als lebenslange Aufgabe:

Die Fähigkeit zur Dezentrierung ist nicht nur für Jugendliche mit ADHS wichtig, sondern für alle Menschen. Sie ist eine Grundvoraussetzung für Empathie, Toleranz und ein friedliches Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft.

https://ganglion.ch/pdf/do_adhs_2.m4a.pdf