Dr.med. Ursula Davatz, die 1980 nach fünf Jahren in den USA in den Kanton Aargau zurückkehrte, schildert in ihrem Vortrag die Entwicklung des sozialpsychiatrischen Dienstes im Kanton Aargau, insbesondere aus ihrer persönlichen Sicht und Erfahrung.
Aufbruchstimmung und Wandel in den 1980er Jahren:
- Dr. Davatz beschreibt eine „grosse Aufbruchsstimmung“ in der Psychiatrie in Deutschland und der Schweiz in den 1980er Jahren.
- Es gab ein starkes Engagement für Veränderungen und die Verbesserung der psychiatrischen Versorgung.
- In Deutschland fand die Psychiatrie-Enquête statt, die zu wichtigen Reformen führte.
- In der Deutschschweiz wurde die Zusatzausbildung in Sozialpsychiatrie (ZASCHP) ins Leben gerufen, an der Dr. Davatz massgeblich beteiligt war.
Namensänderung und Bedeutung des sozialpsychiatrischen Dienstes:
- Der sozialpsychiatrische Dienst wurde später in „externer Psychiatrischer Dienst“ umbenannt.
- Diese Namensänderung reflektiert die zunehmende Integration sozialpsychiatrischer Prinzipien in alle Bereiche der Psychiatrie.
- Dennoch betont Dr. Davatz, dass der sozialpsychiatrische Dienst eine besondere Rolle spielte und sich von der traditionellen, klinikorientierten Psychiatrie unterschied.
Neue Herausforderungen für die Pflegekräfte:
- Die Arbeit im ambulanten Bereich stellte neue Herausforderungen an die Pflegekräfte.
- Im Gegensatz zur Arbeit in der Klinik, wo man Teil eines grossen Teams ist, sind Pflegekräfte im ambulanten Bereich oft allein mit den Patienten und ihren Familien konfrontiert.
- Die Zusatzausbildung in Sozialpsychiatrie sollte die Pflegekräfte besser auf diese Herausforderungen vorbereiten.
Philosophie und Ziele der Sozialpsychiatrie:
- Dr. Davatz beschreibt die Sozialpsychiatrie als eine „Philosophie und Haltung“.
- Zentrale Prinzipien sind die Behandlung im natürlichen Umfeld, die Arbeit auf Augenhöhe und die Vermeidung von Unterbringung in grossen Institutionen.
- Die Sozialpsychiatrie strebte an, Patienten, die lange hospitalisiert waren, in die Gesellschaft zu reintegrieren.
- Dazu wurden Wohngruppen geschaffen und die Patienten auf das Leben ausserhalb der Klinik vorbereitet.
- Ein weiteres Ziel war die Integration der Patienten in die Arbeitswelt.
- Ein Beispiel hierfür ist das Möbel Pfister Projekt, das Arbeitsplätze für Psychiatriepatienten zur Verfügung stellte.
Einfluss neuer therapeutischer Konzepte:
- Dr. Davatz berichtet von ihren Erfahrungen in therapeutischen Gemeinschaften wie dem Dingleton Hospital in Schottland.
- Dort lernte sie neue Ansätze wie die Arbeit auf Augenhöhe, gemeinsame Entscheidungsfindung und die Einbeziehung der Patienten in therapeutische Prozesse kennen.
- Diese Erfahrungen beeinflussten ihre Arbeit im Kanton Aargau.
„Ambulant vor Stationär“ als Leitmotiv:
- Der Grundsatz „Ambulant vor Stationär“ war ein zentrales Leitmotiv der Sozialpsychiatrie in den 1980er Jahren.
- Ziel war es, Hospitalisierungen so weit wie möglich zu vermeiden und stattdessen die Behandlung und Betreuung im häuslichen Umfeld zu priorisieren.
- Dr. Davatz beschreibt, wie sie dieses Prinzip in ihrer Arbeit mit schizophrenen Patienten umsetzte.
Bedeutung der Familientherapie:
- Dr. Davatz sah in der Familientherapie (heute Systemische Therapie) einen wichtigen Ansatz für die Sozialpsychiatrie.
- Sie bildete Assistenzärzte, Sozialarbeiter und Pflegekräfte in Familientherapie aus und setzte sich für die Anwendung dieses Ansatzes in der Praxis ein.
Bedeutung der aufsuchenden Familienarbeit:
- Die aufsuchende Familienarbeit spielt eine zentrale Rolle in der Sozialpsychiatrie.
- Fachkräfte besuchen die Familien zu Hause und können so die Familiendynamik in ihrem natürlichen Umfeld beobachten.
- Dr. Davatz betont die Wichtigkeit der Objektivität in der aufsuchenden Familienarbeit.
- Durch die Arbeit im Team und die Supervision können sich Fachkräfte gegenseitig unterstützen und ihre Objektivität wahren.
Präventionsarbeit als wichtiger Bestandteil:
- Dr.med. Ursula Davatz hebt den Wert der Präventionsarbeit hervor.
- Sie sieht die aufsuchende Familienarbeit als effiziente und effektive Präventionsmassnahme.
- Die Unterstützung von Familien in einem frühen Stadium kann dazu beitragen, dass Kinder gesund aufwachsen und psychische Erkrankungen vermieden werden.
Zusammenfassend lässt sich sagen:
- Der sozialpsychiatrische Dienst im Kanton Aargau hat seit den 1980er Jahren eine bedeutende Entwicklung durchlaufen.
- Geprägt von einer Aufbruchstimmung und dem Einfluss neuer therapeutischer Konzepte, hat sich der Dienst von der traditionellen, klinikorientierten Psychiatrie abgewandt und ambulante Versorgungsformen in den Vordergrund gestellt.
- Die aufsuchende Familienarbeit und die systemische Therapie spielen eine zentrale Rolle in diesem Ansatz.
- Die Präventionsarbeit wird als wichtiger Bestandteil der sozialpsychiatrischen Versorgung betrachtet.
https://ganglion.ch/pdf/Geschichte-der-Sozialpsychiatrie.pdf