In den 1980er Jahren verfolgte die Sozialpsychiatrie im Kanton Aargau, wie aus dem Vortrag von Dr.med. Ursula Davatz hervorgeht, verschiedene ambitionierte Ziele, die von einer „grossen Aufbruchsstimmung“ und dem Wunsch nach Veränderung geprägt waren.
Zentrale Ziele waren:
- Behandlung im natürlichen Umfeld: Die Sozialpsychiatrie wollte Patienten nicht in grossen Institutionen isolieren, sondern sie in ihrem gewohnten Umfeld, also zu Hause, behandeln. Dies sollte eine menschenwürdigere und effektivere Behandlung ermöglichen.
- Arbeit auf Augenhöhe: Die Beziehung zwischen Fachkräften und Patienten sollte auf Augenhöhe stattfinden, gekennzeichnet durch Respekt, Wertschätzung und gemeinsame Entscheidungsfindung.
- Reintegration von Langzeithospitalisierten: Ein wichtiges Ziel war die Reintegration von Patienten, die lange in Kliniken untergebracht waren, zurück in die Gesellschaft. Dies geschah durch die Schaffung von Wohngruppen und die schrittweise Vorbereitung der Patienten auf ein Leben ausserhalb der Klinik.
- Integration in die Arbeitswelt: Die Sozialpsychiatrie setzte sich für die Integration von psychiatrischen Patienten in die Arbeitswelt ein. Projekte wie das Möbel Pfister Projekt boten geschützte Arbeitsplätze und unterstützten die Patienten bei der beruflichen Wiedereingliederung.
- „Ambulant vor Stationär“: Ein zentrales Leitmotiv war das Prinzip „Ambulant vor Stationär“. Ziel war es, Klinikaufenthalte so weit wie möglich zu vermeiden und die Behandlung im häuslichen Umfeld zu ermöglichen.
- Einbezug der Familie: Die Sozialpsychiatrie erkannte die Bedeutung der Familie für die Genesung und das Wohlbefinden der Patienten. Die Familientherapie wurde als wichtiger Therapieansatz etabliert und der Einbezug der Familie in den Behandlungsprozess gefördert.
- Bettenreduktion: Die Sozialpsychiatrie strebte eine Reduktion der Bettenzahl in psychiatrischen Kliniken an. Dies sollte durch den Ausbau ambulanter Versorgungsstrukturen und die Vermeidung unnötiger Klinikaufenthalte erreicht werden.
- Prävention: Die Präventionsarbeit gewann an Bedeutung. Die aufsuchende Familienarbeit wurde als effiziente und effektive Präventionsmassnahme betrachtet, um Familien in einem frühen Stadium zu unterstützen und psychische Erkrankungen zu vermeiden.
Dr.med. Ursula Davatz‘ Beitrag:
Dr.med. Ursula Davatz spielte eine wichtige Rolle bei der Umsetzung dieser Ziele im Kanton Aargau. Sie brachte neue therapeutische Ansätze wie die Familientherapie aus den USA mit und setzte sich für deren Verbreitung in der Schweiz ein. Sie bildete Fachkräfte aus, supervidierte und unterstützte innovative Projekte wie die aufsuchende Familienarbeit und das Möbel Pfister Projekt.
https://ganglion.ch/pdf/Geschichte-der-Sozialpsychiatrie.pdf