Das Modell des Dreieinigen Gehirns, das Dr.med. Ursula Davatz in ihren Ausführungen verwendet, bietet einen einleuchtenden Rahmen, um die komplexe Beziehung zwischen Seele und Körper zu verstehen. Es wurde von dem Neurophysiologen Paul D. MacLean entwickelt und beschreibt drei miteinander verbundene Hirnareale, die jeweils unterschiedliche Funktionen und Entwicklungsstufen repräsentieren:
1. Stammhirn (Reptiliengehirn):
- Dieses entwicklungsgeschichtlich älteste Hirnareal wird auch als „Reptiliengehirn“ bezeichnet, da es bereits bei Reptilien vorhanden ist.
- Es steuert grundlegende vegetative Funktionen wie Atmung, Herzschlag, Blutdruck und Verdauung.
- Zudem ist es für reflexartige Anpassungsmechanismen verantwortlich, die das Überleben sichern sollen. Dazu gehören die sogenannten „Fight, Flight or Freeze“-Reaktionen: Kampf, Flucht oder Totstellen.
- Dr. Davatz betont, dass diese Reaktionen in Stresssituationen auch beim Menschen noch aktiv sind und sich in körperlichen Symptomen wie erhöhtem Puls, Schwitzen oder steigendem Blutdruck äussern können.
- Das Stammhirn ist eng mit dem Körper verbunden und reagiert unmittelbar auf emotionale Signale aus dem Mittelhirn.
2. Mittelhirn (limbisches System):
- Das Mittelhirn, auch bekannt als limbisches System, ist der Sitz unserer Emotionen und Motivation.
- Es spielt eine zentrale Rolle in der Beziehungsgestaltung, Bindung und im Sozialverhalten.
- Das Mittelhirn verarbeitet Erfahrungen sehr schnell und bewertet sie als positiv oder negativ, was zu Annäherung oder Vermeidung führt.
- Dr. Davatz bezeichnet das Mittelhirn auch als „emotionales Gehirn“ und betont, dass es unser Verhalten und unsere Lernprozesse stark beeinflusst.
- Die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse), die eng mit dem Mittelhirn verbunden ist, steuert über das Hormonsystem unser Immunsystem.
- Somit hat das Mittelhirn über die emotionale Reaktion auch Einfluss auf unsere körperliche Gesundheit.
3. Grosshirn (Neocortex):
- Das Grosshirn ist das entwicklungsgeschichtlich jüngste und beim Menschen am stärksten entwickelte Hirnareal.
- Es ist für höhere kognitive Funktionen wie Sprache, Denken, Planen, Lernen und bewusstes Verhalten verantwortlich.
- Das Grosshirn hat eine enorme Speicherkapazität und kann Erfahrungen verarbeiten, ablegen und speichern.
- Dadurch ermöglicht es uns, aus vergangenen Erfahrungen zu lernen und neue Situationen basierend auf bereits vorhandenen Mustern zu bewerten.
- Dr. Davatz betont aber auch, dass diese Muster zu Voreingenommenheit und Fehlinterpretationen führen können, wenn wir neue Erfahrungen zu schnell in alte Schemata einordnen.
- Sie plädiert dafür, offen für Neues zu bleiben und die Individualität jedes Menschen zu respektieren.
- Durch das Grosshirn sind wir auch in der Lage, komplexe soziale Interaktionen zu gestalten und unser Verhalten bewusst zu steuern.
Zusammenspiel der drei Hirnareale:
Dr.med. Ursula Davatz betont, dass die drei Hirnareale nicht isoliert voneinander funktionieren, sondern in ständiger Wechselwirkung stehen.
- Das Grosshirn interagiert eng mit dem emotionalen Mittelhirn.
- Emotionale Prozesse im Mittelhirn beeinflussen vegetative Funktionen im Stammhirn und können sich in körperlichen Symptomen manifestieren.
- Dr.med. Ursula Davatz vergleicht die drei Hirnareale mit einem Orchester: Das Grosshirn ist der Dirigent, der das Zusammenspiel koordiniert. Die Musik entsteht aber erst durch das harmonische Zusammenwirken aller Instrumente, einschliesslich der emotionalen Töne des Mittelhirns und der körperlichen Rhythmen des Stammhirns.
Das dreieinige Gehirn und die Entstehung von Krankheit:
Dr.med. Ursula Davatz‘ Ausführungen verdeutlichen, dass die Psyche und der Körper untrennbar miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen.
- Wenn die Seele „keine Worte mehr findet“ – also wenn emotionale Bedürfnisse nicht ausgedrückt oder erfüllt werden können – staut sich Energie im Mittelhirn an.
- Diese Energie kann sich dann in körperlichen Symptomen entladen.
- In diesem Sinne können psychosomatische Erkrankungen als Ausdruck eines Ungleichgewichts zwischen den drei Hirnarealen verstanden werden.
Dr.med. Ursula Davatz plädiert dafür, die Signale des Körpers ernst zu nehmen und die dahinterliegenden emotionalen Bedürfnisse zu erkennen. Sie sieht in der Auseinandersetzung mit den eigenen Emotionen und der Entwicklung einer authentischen Identität einen wichtigen Schritt zur Überwindung psychosomatischer Probleme.
Das Modell des Dreieinigen Gehirns bietet einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen und kann helfen, die Wechselwirkungen zwischen Psyche und Körper besser zu verstehen. Es verdeutlicht, dass körperliche und seelische Gesundheit eng miteinander verwoben sind und sich gegenseitig bedingen.
https://ganglion.ch/pdf/Wann_laesst_die_Seele_den_Koerper_sprechen.m4a.pdf