Das familiäre und soziale Umfeld ist ein zentraler Fokus in der Arbeit von Dr. med. Ursula Davatz, insbesondere durch ihren Einsatz der Systemischen Therapie. Der systemische Ansatz betrachtet Menschen als soziale Wesen, wobei die soziale Interaktion und nicht nur der Einzelne im Mittelpunkt steht.

Die Hauptthemen bezüglich des Familienumfelds sind die Begleitung der Angehörigen, die Entstehung von Trauma durch Interaktion und die Sensibilisierung des Umfelds im Umgang mit Neurodivergenz.

1. Das Umfeld in schwierigen Lebenssituationen

Psychische Krankheiten werden oft als Entgleisungen verstanden, die in schwierigen Lebenssituationen auftreten.

  • Betroffenheit der Angehörigen: Diese schwierigen Situationen betreffen nicht nur den Patienten oder die Patientin, sondern immer auch die Angehörigen. Wenn eine psychische Krankheit auftritt, verliert sowohl die betroffene Person als auch die Familie das psychisch-emotionale Gleichgewicht.
  • Systemische Intervention: Dr. Davatz‘ Aufgabe als Psychiaterin ist es, das Umfeld und die Patienten zu begleiten und das System wieder auf eine gute Bahn zu bringen, damit Symptome verschwinden können.
  • Unterstützung und Prävention: Dr. Davatz setzt sich dafür ein, das natürliche System (die Familie) zu unterstützen, sodass es tragfähiger wird und sich die Jugend gesund in ihrer Mitte entwickeln kann, um Fremdplatzierungen in Heimen zu verhindern. Sie gründete 1983 die VASK (Verein Angehöriger Schizophreniekranker), die erste Angehörigengruppe dieser Art in der Schweiz.

2. Neurodivergenz und das erzieherische Umfeld

Bei neurodivergenten Menschen (ADHS/ADS) spielt das Umfeld eine entscheidende Rolle für deren Entwicklung:

  • Lernen durch Interaktion: Das Gehirn lernt stetig weiter und lernt dabei über die Interaktion mit seinem Umfeld. Es können dabei sowohl gesunde Sachen als auch eine Krankheit gelernt werden.
  • Die eigentliche Fehlentwicklung: ADHS/ADS selbst ist keine Fehlentwicklung, sondern ein anderes Gehirn oder ein Neurotyp. Die Krankheit, die daraus entsteht, wenn das Umfeld nicht geschickt damit umgeht, ist die eigentliche Fehlentwicklung.
  • Sensibilisierung des Umfelds: Dr. Davatz ist an der Prävention interessiert. Es geht darum, Eltern, Schulen und die Bevölkerung zu sensibilisieren, damit das erzieherische Umfeld geschickter mit neurodivergenten Menschen umgehen kann. Sie vergleicht dies mit der Notwendigkeit einer persönlichkeitsgerechten Erziehung (analog zur artgerechten Tierhaltung).
  • Umgang und Akzeptanz: Die Neurodivergenz verlangt Einfühlungsvermögen, Beobachtungskraft, Sensibilität und eigene Zurückhaltung im Umgang mit diesen Kindern. Sie müssen akzeptiert werden, damit sie lernen können, mit ihrem eigenen Temperament umzugehen. Es soll nicht versucht werden, sie umzuformen oder zur Vernunft zu erziehen.

3. Dynamiken und Traumas im Familienumfeld

Die Qualität der Interaktion in der Familie ist entscheidend:

  • Entstehung von Traumatas: Traumatas entstehen dadurch, dass die Interaktionen zwischen den Erwachsenen und den heranwachsenden Kindern nicht gut laufen.
  • Folgen dysfunktionaler Interaktionen: Familien mit ADHS/ADS erleben häufig mehr Beziehungsrupturen und Scheidungen. Deshalb ist es wichtig, ihnen gute Konflikt-Lösungsstrategien beizubringen.
  • Kinder als Ausgleicher: Kinder, insbesondere Mädchen, in ADHS/ADS-Familien können die Funktion übernehmen, zwischen den Eltern auszugleichen, besonders wenn Eltern narzisstische Anzeichen zeigen. Dies zwingt das Kind, sich stark zu regulieren und zu überspielen, was die eigene Identitätsentwicklung gefährdet.
  • Therapeutische Hilfe bei Trauma: Bei erwachsenen Patienten, die solche Funktionen in ihrer Herkunftsfamilie geleistet haben, hilft der Therapeut, sich gegen die Eltern abzugrenzen, ohne schlechtes Gewissen. Bei narzisstischen Eltern versucht Dr. Davatz, die Eltern zu nähren, damit sie das Kind nicht mehr brauchen, um sich gut zu fühlen.

4. Leitprinzipien für das Familienumfeld

Dr. Davatz betont, dass Therapie nicht immer die Lösung ist, sondern oft das Lernen innerhalb des Systems:

  • Lernen vom System: Ihr Lehrer Murray Bowen sagte: „Wenn ihr nicht mehr weiter wisst, hört auf zu therapieren. Lernt von euren Familien.“.
  • Beziehung vor Erziehung: Es gilt der Grundsatz: „Keine Erziehung ohne Beziehung“.
  • Klare Regeln: Im Umgang mit dem neurodivergenten Neurotyp sind wenige, klare Strukturen und Regeln hilfreich. Bei Regelübertretungen soll nicht mit Bestrafung gearbeitet werden, da diese oft aus mangelnder Impulskontrolle geschehen. Stattdessen sollten Kinder validiert und ihre emotionale Überbordung wertgeschätzt werden, bevor man nach Lösungsstrategien sucht.
  • Soziale Unterstützung: Auch außerhalb der professionellen Therapie kann das soziale Umfeld helfen: Jede Nachbarin, jeder Nachbar kann bei schwierigen Familiensituationen Unterstützung geben und einfach als Mensch da sein. Diese Art der Begegnung auf Augenhöhe fördert ein gegenseitiges Lernen.

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