Dr. med. Ursula Davatz erklärt, dass Jean Piaget das Konzept vom Dezentrieren entwickelt hat. In der Pubertät bedeutet dies, dass man lernen kann, eine Situation aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Man erkennt, dass die eigene Sichtweise nicht die einzig gültige ist.
Dr. Davatz führt aus, dass man in der Pubertät lernen kann zu verstehen: „du siehst das so, ja, ich kann das nachvollziehen. Ich sehe es so. Es muss niemand Recht haben. Beide Blickwinkel sind absolut in Ordnung„. Sie vergleicht dies mit dem physikalischen Phänomen, dass Licht sowohl als Welle als auch als Korpuskel gesehen werden kann. Selbst in den harten Wissenschaften können Dinge unterschiedlich betrachtet werden.
Wenn jemand jedoch darauf besteht, Recht haben zu müssen, ist eine unterschiedliche Betrachtung der Dinge nicht möglich. Laut Piaget lernen etwa 60% der Menschen in der Pubertät, sich zu dezentrieren, während die restlichen 40% dies nie lernen.
Dr. Davatz betont, dass jemand, der nie richtig dezentrieren gelernt hat, auch nicht richtig zusammenarbeiten kann. Im emotionalen Zustand ist Dezentrieren ohnehin nicht möglich. Man muss sich zuerst beruhigen, um wieder das Grosshirn einschalten und die Sache mental betrachten zu können. Dezentrieren bedeutet, sich von der intellektuellen und emotionalen Bindung zu lösen und die Sache mental anzuschauen, den anderen wahrzunehmen und seine Perspektive zu erkennen.
Zusammenfassend versteht Piaget unter Dezentrieren in der Pubertät die Fähigkeit, sich von der eigenen egozentrischen Sichtweise zu lösen und die Perspektive anderer zu erkennen und zu verstehen, ohne dabei auf dem eigenen Recht zu beharren. Dies ist eine wichtige Entwicklung für die soziale Interaktion und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit.
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