Die Methode für hochstrittige Eltern: Differenzierung statt Konsens

Dr.med. Ursula Davatz empfiehlt bei der Arbeit mit hochstrittigen Eltern eine Methode, die sie als „Differenzierung“ bezeichnet. Diese Methode stellt einen Gegenpol zu dem traditionellen Ansatz dar, der darauf abzielt, einen Konsens zwischen den Eltern herzustellen.

Statt zu versuchen, die Eltern auf eine gemeinsame Linie zu bringen, geht es bei der Differenzierung darum, die individuellen Perspektiven, Bedürfnisse und Erfahrungen der Eltern zu verstehen und herauszuarbeiten. Dr. Davatz argumentiert, dass hochstrittige Eltern oft aus unterschiedlichen Familiensystemen mit unterschiedlichen Werten und Erziehungspraktiken stammen. Diese Unterschiede zu ignorieren und einen künstlichen Konsens zu erzwingen, würde die Dynamik des Konflikts nur verschärfen.

Zentrale Elemente der Differenzierungsmethode:

  • Erforschung der emotionalen Hintergründe: Der Therapeut sollte sich Zeit nehmen, um die Herkunft und die Erfahrungen der Eltern zu erforschen. Welche Werte haben sie in ihrer Ursprungsfamilie gelernt? Welche Erfahrungen haben sie in ihrer eigenen Kindheit mit Erziehung gemacht? Welchen Ängsten und Sorgen liegen ihre aktuellen Verhaltensweisen zugrunde?
  • Validierung der unterschiedlichen Methoden: Dr. Davatz betont, dass es in der Erziehung kein „richtig“ oder „falsch“ gibt. Je nach Situation und Kind kann die eine oder andere Methode effektiver sein. Der Therapeut sollte die unterschiedlichen Erziehungsansätze der Eltern wertschätzen und validieren, anstatt zu versuchen, einen als „besser“ oder „richtiger“ darzustellen.
  • Stärkung der Vaterrolle: Oftmals übernehmen Mütter in der Erziehung die dominante Rolle, während Väter sich zurückziehen oder von den Müttern in ihrer Vaterrolle behindert fühlen. Dr. Davatz ermutigt dazu, die Väter aktiv in die Therapie einzubeziehen und ihre Perspektive zu verstehen. Väter sollten ermutigt werden, ihre eigene Vaterrolle zu definieren und in „eigener Regie“ zu handeln.
  • „Auseinandernehmen“ der Eltern: Hochstrittige Eltern neigen dazu, sich im Gespräch gegenseitig ins Wort zu fallen und den Therapeuten auf ihre Seite zu ziehen. Um ein klares Bild von den Positionen der Eltern zu erhalten, empfiehlt Dr. Davatz, sie im Gespräch immer wieder „auseinanderzunehmen“. Der Therapeut sollte klare Grenzen setzen und den Eltern signalisieren, dass er jeweils nur einem zuhören kann.

Ziel der Differenzierungsmethode:

Das Ziel der Differenzierungsmethode ist es, den Eltern zu helfen, sich selbst und ihre Positionen besser zu verstehen und miteinander respektvoller zu kommunizieren. Es geht nicht darum, einen Kompromiss zu finden, mit dem beide Elternteile gleichermassen zufrieden sind, sondern darum, einen Weg zu finden, der den Bedürfnissen aller Familienmitglieder gerecht wird.

Dr.med. Ursula Davatz betont, dass die Differenzierungsmethode Zeit und Geduld erfordert. Es ist ein Prozess, der in kleinen Schritten erfolgt und bei dem es immer wieder zu Rückschlägen kommen kann.

https://ganglion.ch/pdf/Hochstrittige%20Eltern.m4a.pdf

Differenzierung in der Familientherapie

Dr.med. Ursula Davatz betont in ihren Ausführungen die Bedeutung der Differenzierung in der Familientherapie, insbesondere bei der Arbeit mit hochstrittigen Eltern.

Was bedeutet Differenzierung in diesem Kontext?

Differenzierung bedeutet, dass die unterschiedlichen Perspektiven, Bedürfnisse und Erziehungsstile der Eltern anerkannt, respektiert und herausgearbeitet werden, anstatt zu versuchen, sie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

Warum ist Differenzierung wichtig?

  • Unterschiedliche Herkünfte und Erfahrungen: Eltern kommen aus unterschiedlichen Familiensystemen mit unterschiedlichen Werten und Erziehungspraktiken. Es ist unrealistisch und kontraproduktiv zu erwarten, dass sie in allen Punkten übereinstimmen.
  • Individuelle Stärken und Schwächen: Jeder Elternteil hat seine eigenen Stärken und Schwächen in der Erziehung. Differenzierung ermöglicht es, diese zu erkennen und gezielt zu fördern.
  • Vermeidung von Machtkämpfen: Der Versuch, einen Konsens zu erzwingen, führt oft zu Machtkämpfen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Differenzierung hingegen fördert den Respekt vor dem jeweils anderen und ermöglicht eine konstruktive Zusammenarbeit.
  • Entlastung des Kindes: In einem Klima der ständigen Konfliktaustragung und des Versuchs, die Eltern auf eine Linie zu bringen, fühlen sich Kinder oft unter Druck gesetzt und überfordert. Differenzierung schafft hingegen Klarheit und Entspannung für alle Beteiligten.

Wie setzt man Differenzierung in der Praxis um?

  • Aktives Zuhören und Verstehen: Der Therapeut hört jedem Elternteil aufmerksam zu und versucht, seine Perspektive und seine Beweggründe zu verstehen.
  • Herausarbeitung der Unterschiede: Der Therapeut fragt gezielt nach den unterschiedlichen Wertvorstellungen, Erziehungspraktiken und Erfahrungen der Eltern.
  • Wertschätzung und Validierung: Der Therapeut wertschätzt die unterschiedlichen Perspektiven und betont, dass es kein Richtig oder Falsch gibt.
  • Entwicklung individueller Strategien: Gemeinsam mit den Eltern werden Strategien entwickelt, die ihren individuellen Stärken und Bedürfnissen entsprechen.
  • Stärkung der Eigenverantwortung: Die Eltern werden ermutigt, eigenständig Entscheidungen zu treffen und ihre eigene Rolle in der Erziehung zu finden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Differenzierung ein zentrales Prinzip der Familientherapie nach Dr.med. Ursula Davatz ist. Es geht darum, die Einzigartigkeit jedes Elternteils und seine individuelle Art der Erziehung zu respektieren und zu fördern, anstatt einen künstlichen Konsens zu erzwingen. Dies schafft ein entspannteres und klareres Klima in der Familie, das allen Beteiligten, insbesondere dem Kind, zugutekommt.