Erziehungsstile

Dr. med. Ursula Davatz spricht in der Weiterbildung über Erziehungsstile und Emotionsregulation. Sie hat einen Fragebogen über Erziehungsstile entwickelt. Ihre beruflichen Erfahrungen zeigen, dass sie häufig Erziehungsfehler oder -missgeschicke, die Eltern bei Kindern gemacht haben, über Jahre hinweg ausgleichen muss. Bei Kindern sei eine Veränderung durch Erziehung schneller möglich als bei Erwachsenen, auch wenn eine Korrektur bei Erwachsenen länger dauert. Erziehungsstile in der Kindheit beeinflussen die Emotionsregulation im Erwachsenenalter.

Verschiedene Erziehungsstile werden unterschieden:

  • Erziehung durch Strafen und Belohnen: Dieser Stil, der auch als Konditionierung bezeichnet wird, ist der meistverwendete. Er wurde von der Verhaltenstherapie übernommen und kommt auch heute noch viel in der Schule vor. Für Durchschnittsmenschen funktioniert dieser Modus nicht schlecht und hat sich bewährt. Bei ADHS/ADS-Kindern funktioniert er jedoch überhaupt nicht. Diese Kinder haben mehr Probleme mit Impuls- und Emotionskontrolle, da Impulse von Emotionen gesteuert werden. Sie werden häufig bestraft, was ihren Selbstwert und ihre Selbstwirksamkeit schädigt. Alles, was sie tun, wird als falsch angesehen. Dies kann zu einem schlechten Selbstwertgefühl führen und schliesslich entweder zu totalem Rückzugsverhalten oder zum Überspringen von Regeln und Delinquenz. Mädchen zeigen eher Rückzugsverhalten, während Jungen eher Regeln überspringen und Delinquenz entwickeln. Eine Bestrafung für emotionales Ausrasten oder mangelnde Impulskontrolle behindert und dämpft die Persönlichkeitsentwicklung bei diesen Kindern. Dieser Stil wird für ADHS/ADS-Kinder nicht empfohlen; stattdessen sei Erziehung mit Regeln besser.
  • Erziehung durch Angst machen: Dieser Stil läuft über das moralische Empfinden des Kindes und über die Angst. Beispiele hierfür sind Drohungen wie der Samichlaus im Sack oder Szenen aus Märchen und alten Geschichten. Dr. Davatz hält diesen Stil nicht für gut. Obwohl er funktioniere, schädige er die Persönlichkeitsentwicklung.
  • Erziehung durch Beschämung: Dieser Stil wird ebenfalls als emotionaler Erziehungsstil über die Mutter genannt, findet aber auch noch viel in der Schule statt. Er sei etwas vom Brutalsten und Gemeinsten, indem das Kind vor der Gruppe blossgestellt wird. Erziehung durch Beschämung bewirkt hauptsächlich Aversions- oder Ausweichverhalten. Dies sei nur in ganz wenigen, spezifischen gefährlichen Situationen sinnvoll, beispielsweise wenn ein Eskimo-Kind auf dünnes Eis geht. In solchen Fällen ist das Aversionsverhalten richtig, da es das Überleben sichert. In der Schule, wo Lernen stattfinden sollte, ist Ausweichverhalten jedoch nicht richtig. Beschämung wegen Lernschwierigkeiten wie Legasthenie sei nicht sinnvoll und führe dazu, dass das Kind nicht mehr gerne zur Schule geht, nicht mehr lernen will und sich für sein Nicht-Können schämt. Ein Kind, das wegen seiner Legasthenie in der Schule beschämt wurde, verweigerte alles, was mit Schule zu tun hatte.
  • Erziehung durch Drohen mit der Krankheit/eigenes Leiden: Dieser emotionale Erziehungsstil läuft oft über die Mutter und löst Schuldgefühle über die eigenen Leiden aus. Beispiele sind Drohungen wie „Wenn du dich so benimmst, macht der Vater einen Herzinfarkt“ oder „kriegt die Mutter einen Asthmaanfall“. Drohen gehört wahrscheinlich auch hierzu. Das eigene Leiden appelliert an Schuldgefühle und Empathie. Bei Mädchen löst dies Empathie aus, sie passen sich an und stellen sich zurück, was ihre Persönlichkeitsentwicklung behindert. Bei Jungen kann dies Übersprungverhalten oder Ausweichen auslösen.
  • Erziehung durch Prinzipien und Regeln: Dieser wird als intellektueller Erziehungsstil beobachtet. Es sei sinnvoll, Regeln zu haben, aber keine Regel ohne Ausnahme. Ausnahmen müssen diskutiert werden, um dem Kind Flexibilität beizubringen. Regeln sollten klar definiert, für das Kind verständlich (Altersniveau beachten) und sichtbar gemacht werden (z.B. am Kühlschrank). Die Idee ist, dass das Kind die Regeln internalisiert, dadurch Sozialkompetenz erwirbt und sich selbst organisiert. Anstatt Befehle zu geben, sollten Eltern an die Regeln erinnern. Ein anpassungsfähiges Kind mag Befehlen folgen, aber es internalisiert die Regeln nicht und lernt keine Selbstständigkeit. Statt Gehorsam sei Selbstständigkeit das Ziel. ADHS/ADS-Kinder folgen nicht gerne; sie müssen intrinsisch motiviert sein. Man kann dies erreichen, indem man ihnen Situationen ohne viel Reden aufzeigt und zeigt, was die Regeln sind und warum. Dabei sollte man sich als Person einbringen, wie Jesper Juul vorschlägt („Ich will, dass dies in meinem Haushalt so gemacht wird“). Wenn die Regeln internalisiert sind, läuft es von selbst. Der Mensch hat soziale Gene, auf denen man aufbauen kann, damit er soziale Regeln lernt und selbst entscheiden lernt. Wenn das Kind jedoch zu sehr in seinem Wesen verletzt wird, funktionieren die sozialen Gene nicht mehr und es geht nur noch um den Überlebenskampf.
  • Laissez-Faire Erziehung / Anti-Autoritäre Erziehung: Dieser Stil lässt einfach alles laufen. Kinder werden als „Kinder der Natur“ über das Leben und die Reaktionen der lebendigen Welt erzogen. Dies sei nicht so schlecht, aber in unserer kontrollierten, organisierten Welt nicht mehr praktikabel. Laissez-Faire-Kinder haben wahrscheinlich keine gute Impulskontrolle und lernen diese über Reaktionen vom Umfeld, z.B. im Umgang mit Tieren. Im Notfall, wenn sich Kinder schlagen, wird eingegriffen und eine Regel genannt. Dieser Stil bewirkt, dass sich das Kind weniger zurücknimmt als bei angst- oder emotionsbasierter Erziehung.

Wichtige Aspekte und Dynamiken:

  • ADHS/ADS-Kinder: Sie reagieren besonders schlecht auf bestrafende Erziehung, da sie oft für ihr Wesen oder Temperament bestraft werden, das sie nicht im Griff haben. Wenn sie emotional verletzt werden, igeln sie sich ein und wehren alles ab. Im Umgang mit ihnen sei es wichtig, in einer „low arousal Position“ zu sein, d.h., selbst weniger erregt als das Kind. Man sollte nicht in einem Zustand hoher Erregung erziehen wollen, sondern warten, bis sich die Emotionen beruhigt haben (erst bei sich selbst, dann beim Kind), bevor man Regeln anspricht. ADHS/ADS-Kinder haben aufgrund neurologischer Unterschiede (emotionales Hirn nimmt mehr Impulse auf, kommt schneller in System Overload) eine schlechte Impulskontrolle, nicht weil sie böse sind. Sie haben einen starken Gerechtigkeitssinn und wehren sich, wenn sie oder andere ungerecht behandelt werden. Bei einem emotionalen Ausbruch eines ADHS/ADS-Kindes sollte man nicht sofort bestrafen, sondern zuerst herausfinden, was das Kind verletzt oder geärgert hat, und das Kind in seinem Ausbruch validieren. Erst danach kann man über Alternativen sprechen und diese einüben. Bestrafung ohne Verarbeitung verhindert das Lernen von Emotionskontrolle.
  • Emotionale Kontrolle und ihre Folgen: Erziehung durch Strafe, Angst und Leiden bewirkt eine starke Emotionskontrolle beim Kind. Mädchen nehmen ihre Gefühle eher zurück, bis hin zur Gefühlsunterdrückung, und richten sich stark auf das Gegenüber aus. Dies führt zu Anpassung und übermässiger Empathie, was die Diagnose von ADHS/ADS bei Mädchen verzögert (oft erst zwischen 35 und 45 Jahren) und ihre Persönlichkeit unterdrückt. Knaben passen sich weniger an, können aber ebenfalls in ihrer Persönlichkeit behindert werden. Unterdrückte Emotionen und System Overload können in den Körper gehen und zu psychosomatischen Krankheiten führen. Man muss lernen dürfen, Emotionen zu bearbeiten, um sie im Grosshirn abzulegen.
  • Rolle der Eltern: Eltern haben oft unterschiedliche Erziehungsstile, was zu Konflikten führen kann. Sie müssen nicht denselben Stil haben, aber ihre unterschiedlichen Stile klar deklarieren. Bei zu grossen Unterschieden kann man sogar Tage vereinbaren, wer zuständig ist. Andernfalls mischen sie sich ständig ein, und das Kind hat keine Regeln oder Referenzpunkte. Früher nutzte die Mutter oft den Vater als Autorität, was nicht gut sei. Heute sollten die Stile klar besprochen und die Zuständigkeit in Situationen deklariert werden. Eine Übergabe der Erziehungsverantwortung zwischen Elternteilen muss klar benannt werden. Oft kämpfen Eltern darum, wer den besseren Stil hat. Eltern müssen stark genug sein, ihren eigenen Stil durchzusetzen. Sich durchzusetzen braucht Geduld. Eltern müssen sich ihrer eigenen Werte bewusst sein und entscheiden, was ihnen wichtig ist. Sie müssen lernen, sich von ihrer Herkunftsfamilie zu differenzieren und ihren eigenen Eltern gegenüber ihre gewünschte Erziehung zu vertreten.
  • Verunsicherung und Überbehütung: Viele Eltern heute sind stark verunsichert und verwirrt bezüglich der Erziehung. Dies führt oft zu Überbehütung, wo Eltern ihre Kinder aus Angst vor Gefahren zu sehr beschützen und unselbstständig machen. Dies tut dem Kind in der heutigen Welt keinen Dienst. Überbehütete Kinder holen sich Abenteuer oft in der digitalen Welt. Eltern müssen dem Kind Spielraum und Eigenverantwortung lassen, damit es widerstandsfähiger wird und lernen kann, mit Dingen umzugehen. Ängstliche Eltern übertragen ihre Ängste oft auf die Kinder (Self-fulfilling prophecy). Es ist wichtig, diese Eltern zu stärken und ihnen den Rücken zu stärken, damit ihre Sicherheit auf die Kinder übergeht.
  • Die Rolle der Beobachtung: Eltern müssen lernen, ihre Kinder sorgfältig zu beobachten, ohne sofort zu handeln oder zu korrigieren. Dies hilft ihnen, das Wesen und die Persönlichkeit des Kindes kennenzulernen und persönlichkeitsgerecht mit ihm umzugehen. Übererziehung und ständiges Unterbrechen stören das Kind in seiner natürlichen Entwicklung und Explorationsfreude.
  • Pubertät: In der Pubertät sollte man nicht mehr erziehen, sondern die Beziehung pflegen. Es geht um Auseinandersetzung und Verhandeln mit dem Jugendlichen, nicht um Gehorsam. Man muss beide Seiten berücksichtigen. Eltern brauchen eine klare Position, bevor sie verhandeln. Es ist nie zu spät, auch später Regeln einzuführen, was dann aber Durchsetzung und Verhandeln erfordert.

Zusammenfassend beeinflussen die verschiedenen Erziehungsstile die emotionale Entwicklung und Regulationsfähigkeit von Kindern massgeblich. Während manche Stile für durchschnittliche Kinder funktionieren mögen, sind sie für ADHS/ADS-Kinder oft schädlich. Eine klare, geduldige und auf Regeln basierende Erziehung, die Raum für Selbstständigkeit und Emotionsverarbeitung lässt und die Persönlichkeit des Kindes berücksichtigt, scheint als idealer Ansatz auf, auch wenn die Umsetzung in der Realität, insbesondere für verunsicherte oder selbst belastete Eltern, herausfordernd sein kann. Das Beobachten des Kindes und die Stärkung der elterlichen Kompetenz und Selbstwahrnehmung sind zentrale Unterstützungsmassnahmen.

https://adhs.expert/wp-content/uploads/2025/05/Erziehungsstil-Emotionskontrolle_19.5.2025.m4a.pdf

Erziehungsstile, die Sucht begünstigen können

Bestimmte Erziehungsstile können das Risiko für Suchtverhalten bei Kindern und Jugendlichen erhöhen. Die Quellen beschreiben verschiedene Erziehungspraktiken, die Sucht begünstigen können:

  • Erziehung durch Angst und Einschüchterung: Ein Erziehungsstil, der auf Angst und Einschüchterung basiert, kann Suchtverhalten fördern. Wenn Eltern ihre Kinder durch Angst und Drohungen zu bestimmten Verhaltensweisen zwingen, kann dies dazu führen, dass die Kinder ein erhöhtes Angstniveau entwickeln. Diese Kinder können später eher zu Suchtmitteln greifen, um mit ihrer Angst umzugehen. Angst ist ein starker Auslöser für Suchtverhalten, da Suchtmittel oft als Mittel zur schnellen und wirksamen Angstbekämpfung eingesetzt werden.
  • Liebesentzug als Drohung: Eine weitere Form der angstbasierten Erziehung ist der Liebesentzug. Eltern drohen ihren Kindern mit dem Entzug ihrer Zuneigung, wenn diese sich nicht den Erwartungen der Eltern entsprechend verhalten. Diese Art der Drohung erzeugt bei den Kindern Angst, verlassen zu werden, und kann zu einem Gefühl der Abhängigkeit führen.
  • Erziehung durch Schuldgefühle: Eltern, die Schuldgefühle bei ihren Kindern hervorrufen, indem sie ihnen vorwerfen, die Eltern zu enttäuschen oder zu verletzen, können ebenfalls suchtförderndes Verhalten begünstigen. Kinder, die mit Schuldgefühlen aufwachsen, können später versuchen, diese negativen Gefühle durch Suchtmittel zu betäuben oder zu kompensieren.
  • Unrealistische Erwartungen und unerfüllte Wünsche: Eltern, die unrealistische Erwartungen an ihre Kinder stellen oder ihre eigenen unerfüllten Wünsche auf die Kinder übertragen, setzen die Kinder unter grossen Druck. Dieser Druck kann dazu führen, dass die Kinder sich überfordert fühlen und Suchtmittel als Flucht vor dem Erwartungsdruck suchen.
  • Mangelnde Unterstützung und Geborgenheit: Kinder, die keine ausreichende Unterstützung und Geborgenheit durch ihre Eltern erfahren, können ebenfalls ein erhöhtes Risiko für Suchtverhalten haben. Ein Mangel an emotionaler Unterstützung und offener Kommunikation kann dazu führen, dass Kinder sich nicht gesehen oder verstanden fühlen und versuchen, diesen Mangel durch Suchtmittel zu kompensieren.
  • Überbehütung oder übermässige Kontrolle: Wenn Eltern ihre Kinder überbehüten oder übermässig kontrollieren, kann dies ebenfalls zu Suchtverhalten führen. Durch zu viel Kontrolle und zu wenig Freiraum wird die natürliche Entwicklung der Kinder eingeschränkt. Dies kann zu einem Gefühl der Unzufriedenheit und des Aufbegehrens führen, was im späteren Leben durch den Konsum von Drogen und Suchtmitteln ausgedrückt werden kann.
  • Inkonsistente Erziehung: Eine inkonsistente Erziehung, bei der Eltern nicht klar und eindeutig kommunizieren oder unterschiedlich auf ähnliche Situationen reagieren, kann ebenfalls zu Suchtverhalten beitragen. Dies kann bei Kindern zu Verwirrung und Unsicherheit führen, was ihr Bedürfnis nach klaren Strukturen und Sicherheit untergräbt.
  • Vorbildverhalten der Eltern: Das Vorbildverhalten der Eltern spielt eine entscheidende Rolle in der Entwicklung von Suchtverhalten. Wenn Eltern selbst Suchtmittel konsumieren oder suchtartiges Verhalten zeigen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass auch die Kinder später zu Suchtmitteln greifen. Dies ist nicht nur auf den Konsum von Substanzen beschränkt, sondern umfasst auch andere Formen von Suchtverhalten, wie z.B. exzessives Arbeiten oder Medienkonsum.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Erziehungsstile, die auf Angst, Druck, Schuldgefühlen und mangelnder Unterstützung basieren, das Risiko für Suchtverhalten erhöhen können. Eltern, die ein gesundes Selbstwertgefühl ihrer Kinder fördern, klare Grenzen setzen, eine offene Kommunikation pflegen und als positive Vorbilder dienen, tragen dazu bei, das Suchtrisiko zu verringern.

Auszug aus dem Buch