Soziale vs. Genetische Vererbung

Dr.med. Ursula Davatz erklärt den Unterschied zwischen sozialer und genetischer Vererbung anhand ihrer Ausführungen zum dreieinigen Gehirn und den verschiedenen Anpassungsmechanismen des Menschen.

Genetische Vererbung:

  • Definition: Die genetische Vererbung bezieht sich auf die Weitergabe von biologischen Merkmalen von den Eltern an ihre Kinder über die Gene. Diese Merkmale sind in unserer DNA festgelegt und prägen unsere körperliche und geistige Ausstattung von Geburt an.
  • Gehirnregion: Laut Dr. Davatz ist die genetische Vererbung primär im Stammhirn und im emotionalen Hirn (Mittelhirn) verankert.
  • Beispiele:
    • Temperament: Ob wir von Natur aus eher ruhig oder emotional reagieren, ist zum Teil genetisch bedingt.
    • Lernstörungen: Lernstörungen wie Legasthenie oder Dyskalkulie können genetische Ursachen haben.
    • Reflexe: Angeborene Reflexe wie der Kampf-, Flucht- oder Todstellreflex sind ebenfalls genetisch vererbt.

Soziale Vererbung:

  • Definition: Die soziale Vererbung hingegen bezieht sich auf die Weitergabe von erlernten Verhaltensweisen, Wertvorstellungen und sozialen Normen von einer Generation zur nächsten. Diese Weitergabe erfolgt durch Beobachtung, Nachahmung und bewusste oder unbewusste Erziehung.
  • Gehirnregion: Dr. Davatz ordnet die soziale Vererbung hauptsächlich dem Grosshirn zu, welches für das Lernen und die Speicherung von Erfahrungen zuständig ist.
  • Beispiele:
    • Wertvorstellungen: Was wir als richtig oder falsch, gut oder schlecht empfinden, lernen wir in erster Linie von unseren Eltern und unserem sozialen Umfeld.
    • Verhaltensmuster: Auch unsere Verhaltensweisen in Stresssituationen oder Konflikten sind oft durch unsere Erziehung geprägt.
    • Sprache und Kultur: Die Sprache, die wir sprechen, und die kulturellen Normen, die wir befolgen, werden uns ebenfalls durch soziale Vererbung vermittelt.

Zusammenspiel und Überlappung:

Dr.med. Ursula Davatz betont, dass genetische und soziale Vererbung nicht strikt voneinander getrennt werden können. Sie beeinflussen sich gegenseitig und prägen gemeinsam unsere Persönlichkeit und unser Verhalten. So können beispielsweise genetisch bedingte Temperamentsunterschiede die Art und Weise beeinflussen, wie wir von unseren Eltern erzogen werden. Umgekehrt können unsere sozialen Erfahrungen auch unsere Gene beeinflussen.

Konkrete Beispiele aus den Quellen:

  • Asthma als Beispiel für soziale Vererbung: Dr. Davatz erwähnt, dass Kinder, deren Mutter an Asthma leidet, eher selbst an Asthma erkranken. Hier wird deutlich, dass die Beobachtung des elterlichen Verhaltens die Entwicklung einer Krankheit beeinflussen kann.
  • Essverhalten als Beispiel für soziale Vererbung: Die Aussage „Man soll dem Ochsen, der drischt, das Maul nicht verbinden“ illustriert, wie ein Sprichwort, das ein bestimmtes Verhalten rechtfertigt, von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden kann.
  • Bedeutung der Herkunftsfamilie: Dr. Davatz betont immer wieder den Einfluss der Herkunftsfamilie auf unsere Wertvorstellungen und Verhaltensmuster. Sie ermutigt ihre Patienten, sich mit den Regeln und Normen ihrer Familie auseinanderzusetzen und sich davon zu lösen, wenn sie nicht mehr hilfreich sind.

Zusammenfassend: Dr. Davatz zeigt auf, dass sowohl unsere Gene als auch unsere sozialen Erfahrungen einen wichtigen Einfluss auf unsere Entwicklung und unser Verhalten haben. Es ist wichtig, sich beider Einflüsse bewusst zu sein, um sich von ungünstigen Prägungen lösen und neue, flexiblere Verhaltensmuster entwickeln zu können.

https://ganglion.ch/pdf/Wann_laesst_die_Seele_den_Koerper_sprechen.m4a.pdf